Das Blaubeerhaus - Antonia Michaelis - E-Book

Das Blaubeerhaus E-Book

Antonia Michaelis

4,3
10,99 €

Beschreibung

Das verwunschene Haus und seine Geheimnisse! Kein Strom! Kein fließendes Wasser! Wilde Natur pur! Leo und Imke, Cousin und Cousine, beide zehn Jahre alt, verbringen die Ferien im Haus ihrer verstorbenen Tante. Doch kaum sind ein paar Tage vergangen, da stecken die beiden schon in einem großen Abenteuer. Ein Schatten schleicht durchs Haus, und merkwürdige Dinge geschehen. Spukt es etwa? Als Leo und Imke auf ein Geheimnis aus vergangener Zeit stoßen, merken sie, dass Ferien in der Wildnis das Beste sind, was ihnen passieren konnte! Ein großartiges Ferienabenteuer von Antonia Michaelis über eine wunderbare Kinderfreundschaft, Magie und Traum und Wirklichkeit!

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Seitenzahl: 327




 

 

 

Für Alva (zum Selberlesen),

Lintje (zum Vorgelesenbekommen)

und ihre kleine Schwester (zum Eckenabkauen)

Das sind wir:

Leo – 10, wohnt in Berlin

Luke – 15, wohnt in seinem Smartphone

Mattis – 1, schmiert gerne mit Marmelade herum

Der Riese – ihr Vater, ist vor allem eines: riesig

Betti – ihre Mutter, trägt bunte Filzklamotten und hält gerne Krisensitzungen ab

Imke – 10, lebt für Sport, oder vielleicht doch nicht

Juni und Juli – 4 und 5, sind keine Zwillinge, auch wenn sie so tun, und manchmal gruselig

Flores – seine Frau, kommt aus Spanien, ist daher also eine Schönheit

Ben – Bettis und Fees Bruder, wohnt mit seiner Familie in Hamburg, kann Computer, aber keine Spiegeleier (jedenfalls nicht ohne Internetrezept)

Tante Fee – Bettis Schwester, wohnt in München, pendelt irgendwo zwischen Heilsteinen und energetisiertem Wasser

Teil 1 Der Schatten im Spiegel

1

Leo

Eine Menge Geschichten beginnen damit, dass jemand mit dem Auto irgendwohin fährt.

Diese Geschichte beginnt damit, dass jemand mit dem Auto nirgendwohin fährt.

Der Jemand waren wir, und das Nirgendwo begann um 17.34 Uhr, als wir von der Straße abbogen und der Weg nur noch aus Steinen und Sand bestand.

»Ach, du Himmel!«, sagte Betti und schaltete einen Gang runter, sodass der Motor aufheulte. Dann tauchte der gelbe VW-Bus in den Wald wie ein U-Boot in ein grünes Meer. Und ich spürte gleich, dass hier etwas passieren würde.

Ich bin übrigens Leo.

Und zu Beginn dieser Geschichte war ich zehn Jahre, drei Monate und fünf Tage alt.

Ich drückte meine Nase gegen die Scheibe, während draußen gelbe Sonnenstrahlen durch die Äste fielen, auf hohes Gras und moosbewachsene Wurzeln. Dies war ein wilder Wald voller Licht und Lücken, die Bäume wuchsen, wo sie wollten, und fielen von selber um, wenn sie keine Lust mehr hatten.

Der VW-Bus holperte und stolperte den Weg entlang, und wir stießen uns so ziemlich alle Knochen.

»Seht bitte nach, ob ihr noch ein Schlagloch findet«, sagte Betti. »Ich möchte keins auslassen, das wäre ungerecht.«

Neben Betti saß der Riese, der so heißt, weil er riesig ist und einen dichten rotblonden Bart hat. Betti ist mit ihm verheiratet und zufällig meine Mutter, weshalb der Riese mein Vater ist.

Neben mir saß Luke. Mein Bruder, schon 15 und so, na ja. Und neben Luke schlief Mattis in seinem Babysitz. Mattis ist der friedlichste Einjährige der Welt. Solange er kriegt, was er will.

Auf den Rückbänken klebte die Mädchenfamilie. Sie bestand natürlich aus Mädchen (drei Stück) und aus meinem Onkel Ben, der diese Mädchen fabriziert hat, und seiner Frau Flores. Ganz hinten in der Ecke lehnte Tante Fee in ihrem rot-gelben Seidenturban und meditierte vermutlich, wie meistens.

Die beiden kleinen Mädchen der Mädchenfamilie, Juni und Juli, hingen schlaff und dösend da wie müdes Gemüse. Gemüse in blassrosa Spitzenkleidchen. Ihre ältere Schwester, Imke, sah aus dem Fenster. Sie hatte kurze, rabenschwarze Haare wie ein Junge und tausend Sommersprossen. Imke war zehn wie ich.

Technisch gesehen waren die Mädchen meine Cousinen, weil ihr Vater und Betti, also meine Mutter, Geschwister sind. Aber wir kannten uns nicht so richtig. Betti hatte immer gesagt, unsere Familien wären zu unterschiedlich.

Imkes Familie wohnt in Hamburg und tut Dinge wie segeln oder Markenkleidung tragen. Wir wohnen in Berlin und tun Dinge wie gepresste Blüten sammeln oder sehr viele Leute zum Kochen einladen.

Tante Fee wohnt in München und tut Dinge wie eben Seidentücher um ihren Kopf wickeln oder meditieren. Ich merkte, dass Imke zu mir sah, und sah schnell weg. Ich hatte keine Lust, sie oder ihre Rüschenschwestern besser kennenzulernen. Ich glaube, sie hatten auch keine Lust, mich kennenzulernen. Und dass Luke jemanden kennenlernte, stand nicht zur Debatte, er lebte zusammen mit seinem Smartphone in einer eigenen Welt.

»Hey«, sagte mein Vater, der Riese. »Das Haus wartet auf uns. Was denkt ihr? Wie sieht es aus?«

»Alt«, sagten Imke und ich gleichzeitig, was mich ärgerte, weil ich nichts gleichzeitig mit Imke sagen wollte.

»Das auf jeden Fall«, sagte der Riese und streichelte seinen roten Vollbart. »Ich glaube, es wird wahnsinnig aufregend. Ich habe zwar immer noch nicht begriffen, warum wir es geerbt haben … Ich meine, die alte Lene, die da gewohnt hat, die war … was? Die Excousine eurer Adoptivgroßmutter?«

»Quatschkopf!«, sagte Betti und fuhr in ein weiteres Schlagloch. »Na ja, sie war nur ziemlich entfernt mit uns verwandt, stimmt schon. Wir haben das Haus geerbt, weil sie niemand anderen hatte, das habe ich dir schon tausendmal erzählt. Sie war ganz allein, die Lene Franzberger. Sagt jedenfalls der Anwalt. Sie kannte keinen.«

»Sie kannte uns doch auch nicht«, sagte ich.

»Eben«, sagte Imke, »warum müssen wir uns jetzt darum kümmern, dass es an die richtigen Leute verkauft wird?«

»Müssen wir nicht, wir wollen«, sagte Betti. »Weil es ein Abenteuer ist. Und weil es doch gerecht ist, dass sich wenigstens jemand um Lenes Haus kümmert, wenn sich schon niemand um Lene gekümmert hatte.«

»Sie wollte vielleicht gar nicht, dass sich jemand um sie kümmert«, sagte der Riese. »Sie war ein bisschen seltsam. Das hat dieser Anwalt auch erzählt.«

»Sie hatte ein Geheimnis, bestimmt«, flüsterte ich. Aber niemand hörte es.

 

Ich wachte auf, weil der VW-Bus hielt.

Um mich herum wachten auch alle anderen auf. Vielleicht war der gelbe VW-Bus mit uns über eine geheime Grenze gefahren, während wir geschlafen hatten, in eine wirklich andere Welt.

Er stand jetzt in einem kleinen Tal, und auch das Tal war von oben bis unten voll mit Wald. Mattis hatte aufgehört, ein friedliches Baby zu sein, und brüllte. Die kleinen blassrosa Mädchen quengelten, und Tante Fee stöhnte, weil sie bei all den Schlaglöchern gar nicht hatte meditieren können.

Wir entkrengelten uns aus dem Bus – und dann standen wir da, auf einer Auffahrt aus moosbewachsenen alten Steinplatten, und es wurde ganz still. Keiner quengelte mehr. Keiner sprach. Selbst Mattis auf Bettis Arm sah mit großen blauen Babyaugen still das Haus an.

Das Haus.

Es war fast nicht zu sehen.

Überall um es herum wucherten niedrige grüne Büsche; sie schäumten an den Mauern entlang wie flache fluffige Wolken, Büsche voller hellgrüner Kugeln: Blaubeerbüsche. In zwei Monaten würden sich die grünen Kugeln in kleine blaue, süße Juwelen verwandeln.

Das Haus selbst war auch blau, es war erstens blau gestrichen – in einem ganz undunklen Dunkelblau, so wie das Meer in der Dämmerung, ehe die Sonne ganz versinkt. Und zweitens war es überwuchert von Kletterpflanzen mit blauvioletten Blüten.

»Klematis«, sagte Betti.

»Klemi – was?«, fragte Onkel Ben.

»Aargh«, sagte Mattis und streckte die kleinen Hände nach dem Haus aus.

»Wisst ihr, wie es heißt?«, fragte ich.

»Nein«, sagte Betti, und ihre Stimme klang komisch, so wie wenn sie kitschige Filme anguckt. »Wie denn, Leo?«

»Blaubeerhaus«, sagte ich langsam und feierlich. »Es heißt Das Blaubeerhaus.«

Und da nickten sie alle, sogar Imke, denn es war vollkommen logisch, dass das Haus keinen anderen Namen haben konnte.

 

Die Vordertür des Blaubeerhauses klemmte. Sie war auch blau, mit weißen Kringelmustern. Erst als Onkel Ben und der Riese gemeinsam dagegendrückten, öffnete sie sich mit einem zögernden Quietschen, beinahe so, als hätte das Blaubeerhaus ein bisschen Angst davor, uns hereinzulassen.

Draußen stand die Luft sommerwarm im frühen Abend, kein Windhauch regte sich in dem kleinen Tal. Aber im Haus war es kühl.

Etwas huschte weg, als wir den Flur betraten. Wir gingen sehr vorsichtig, falls der Fußboden einbrach oder uns die Decke mit dem ersten und zweiten Stock auf die Köpfe fiel oder sonst was.

Der Riese ging voran. »Ich bin der Größte und Schwerste«, sagte er. »Wenn diese alten Dielen mich aushalten, könnt ihr auch drauftreten.«

Betti blieb trotzdem lieber mit dem kleinen Mattis draußen; für den Fall, dass doch irgendwie alles einstürzte.

Das Haus war voller Spinnweben. Ich erklärte beiläufig, dass Spinnen sehr schöne Tiere seien, damit Imke igitt sagte oder so. Sie sagte jedoch gar nichts, sie schlüpfte am Riesen vorbei und kletterte die steile Treppe mit ihren ausgetretenen Holzstufen hinauf. Ich kletterte ihr nach.

»Wartet!«, rief der Riese. »Nicht dort rauf! Das kann gefährlich …«

Doch da waren wir schon oben. Und ich hörte Onkel Ben sagen, dass schon nichts passieren würde.

Im ersten Stock gab es einen Flur und eine Reihe kleiner Zimmer, sogar ein Bad, ganz klein, mit weiß-blau gemusterten Fliesen. Das Bad besaß allerdings kein Waschbecken, sondern einen Waschtisch mit einer Waschschüssel aus Emaille. Wie in alten Filmen, nur rostiger und dreckiger. Im Fenster hing ein Mobile aus dünnem Draht und alten Löffeln.

Verrückt. Ein Löffelmobile, aber kein Klo.

Mein Blick fiel in den altersblinden Spiegel. Hinter den Flecken von Staub, Dreck und Zeit blickte mir mein Gesicht entgegen, etwas zu spitz, etwas zu mauseartig, umrahmt von den langen, etwas zu wirbeligen braunen Haaren. Luke hatte auch solche Kringelhaare gehabt, bevor er Rastalocken draus gedreht hatte. Und dann sah ich hinter meinem Gesicht im Spiegel eine Bewegung. Etwas wie ein Huschen, ein fliehender Schatten in dem schmalen Korridor.

Ich fuhr herum. Der Korridor war leer. Es war, als hätte es den Schatten nur im Spiegel gegeben.

»Imke?«, flüsterte ich.

Von unten drangen die Stimmen der Erwachsenen herauf, als wären sie kilometerweit weg. Ich ging langsam den Korridor entlang. Welke Blätter lagen auf dem Boden, und eine dicke Staubschicht bedeckte die Bilderrahmen an den Wänden, in denen Zeichnungen von Pflanzen hingen. Auch in den Zimmern lag Laub, an den Wänden gab es große Schimmelflecke, die aussahen wie eigene Kunstwerke, und auf manchen Stuhlpolstern wuchs Moos.

Einmal glaubte ich, hinter mir wieder ein Huschen zu sehen, und wieder war nichts da, als ich mich umdrehte. Vielleicht war es nur das Spiel von Licht und Schatten auf dem Fußboden gewesen. Aber mir war doch etwas seltsam zumute.

Jemand – oder eigentlich das ganze Haus – schien mich zu beobachten, es war nicht einfach nur ein Haus; es atmete, ein und aus, wie ein großes Wesen voller Erinnerungen und Geheimnisse.

Ich fand ein Zimmer mit einem alten Schreibtisch und beschloss, dass es meins werden sollte. Meins für drei Wochen. Der Plan war nämlich, drei Wochen hier zu wohnen – na ja, im Haus oder in den Zelten, die wir mitgenommen hatten. Drei Wochen lang, hatte Betti gesagt, würden die Erwachsenen nachsehen, was am Haus gemacht werden musste, und danach würden wir zurückfahren und jemanden finden, der es kaufen wollte.

»Denk nicht«, flüsterte ich dem Haus zu, »wir lassen die Erwachsenen hier alleine irgendwelche Sachen erforschen und uns zum Spielen rausschicken! Nein, denk das bloß nicht!«

An einer Wand stand ein altes Bett, komplett mit Matratze. Allerdings war die Matratze feucht wie ein Schwamm. Ich zerrte sie heraus, und als sie kippte und zu Boden fiel, quiekte etwas erschrocken.

Das lag daran, das ich jemandem sein Dach gestohlen hatte: In einer Ecke des Bettgestells klemmte ein Nest aus Gras und weichen Daunenfedern, und gerade floh die letzte von vier Mäusen daraus und sauste panisch über den Fußboden. Sie hatten ein Stück aus der Matratze genagt und dort eine Höhle gehabt. Jetzt waren sie allesamt unter dem Schrank verschwunden. Ich seufzte, nahm das Nest und schob es ebenfalls unter den Schrank. »Tut mir leid«, flüsterte ich. »Ich wollte nicht … Ich leihe dieses Bett nur aus, okay? Für eine Weile.«

In diesem Moment fiel ein Schatten neben mir auf den Boden, und ich sah auf. In der Tür stand Imke.

»Mit wem … äh … redest du?«, fragte sie.

Ich zuckte die Achseln. »Geister.«

»Alles klar«, sagte Imke und nickte langsam. »In meinem Zimmer … nistet ein Rotkehlchen.«

Sie hatte sich also auch ein Zimmer ausgesucht.

Ich wollte etwas über meine Mäuse sagen, doch da steckte der Riese seinen Kopf herein und sagte: »Du meine Güte!«, und hinter ihm tauchten Onkel Ben und Tante Flores und Betti auf.

»Was hast du mit der Matratze gemacht?«, fragte Betti.

»Sie ist feucht«, sagte ich. »Ich lege meine Luftmatratze auf den Lattenrost.«

»Leo«, begann der Riese vorsichtig. »Wir … haben uns gerade überlegt, dass es besser wäre, im Garten die Zelte aufzubauen. Das Haus ist in einem ziemlich schlechten Zustand.«

»Noch sind wir nirgends durchgekracht«, meinte Imke. Sie hatte die Arme verschränkt und sah entschlossen aus. »Wir schlafen hier oben.«

Ich nickte. »Ganz genau. Wir haben jeder ein Zimmer. Ihr könnt im Garten …«

»Kommt mal mit runter«, sagte Betti. »Wir machen ein kleines Krisentreffen in der Küche und es gibt Abendbrot, und dann sehen wir weiter.«

Betti macht gerne kleine Krisentreffen in Küchen: Krisentreffen der Schulmütter, Krisentreffen für Freundinnen oder Krisentreffen, weil der Nachbarshund weggelaufen ist (der Hund kam damals auch zu dem Krisentreffen, weil es aus unserer Küche so lecker nach Fleischbällchen roch, womit sich das Thema erübrigte).

Ich seufzte und folgte den Erwachsenen durch den Flur. In dem Zimmer bei der Treppe standen Juni und Juli am Fenster, mit dem Rücken zu uns. Sie sehen aus wie Zwillinge, obwohl Juli fast zwei Jahre älter ist als Juni, aber sie trugen beide die gleichen blassrosa Sommerkleidchen und hatten die schwarzen Haare zu Pferdeschwänzen zusammengebunden.

»Kommt mit runter«, sagte Imke. »Leos Mutter trifft gerade eine Krise.«

Da drehten sich Juni und Juli genau gleichzeitig um und sagten im Chor: »Draußen in dem Baum wohnen Elfen.«

»Sicher«, sagte Imke und verdrehte die Augen. Doch sie trat einen Schritt näher. Ich ging ihr nach. Vor dem Fenster, dessen weiße Spitzenvorhänge erstaunlich heil waren, wuchs der dicke Ast einer Kastanie, und zwischen den explosiv grünen Blättern glitzerte etwas: die Scherben eines Spiegels. Jemand hatte sie mit Draht umwickelt und in die Zweige gehängt, und sie funkelten in der Abendsonne wie Juwelen. Noch so ein Mobile, dachte ich. Wie im Bad.

»Die Elfen kommen hier raufgeflogen, um sich zu spiegeln«, flüsterte Juli.

»Sie tanzen zwischen den Ästen«, wisperte Juni. »Immer wenn die Sonne untergeht.«

»Natürlich«, meinte Imke. »Wahrscheinlich hat die alte Lene die Spiegel extra für die Elfen aufgehängt. Und gleich kommen ein paar Kobolde und spielen Geige.«

Aber als sie mich ansah, lag in ihren Augen etwas Seltsames, Unsicheres. Die Spiegelscherben im Baum waren weder zerkratzt noch angelaufen, sie wirkten … neu. Und die alte Lene, das wussten wir beide, hatte die letzten vier Jahre im Altersheim verbracht. Das Haus stand seit vier Jahren leer.

»Das war nicht die Lene, das waren die Elfen selber«, sagte Juli zufrieden, und dann huschten sie und Juni an uns vorbei, die steile Treppe hinunter.

Imke

Elfen. In der Kastanie wohnten Elfen.

Wenn man Schwestern wie Juni und Juli hat, erwartet man solche Sprüche. So ziemlich alles in Junis und Julis Welt dreht sich um Elfen und Feen und andere unsichtbare Lebewesen. Ich blieb noch einen Moment stehen und sah die Spiegel an. Es war schon eine komische Sache, dass sie da hingen.

Okay, ich bin Imke – falls jemand nicht gemerkt hat, dass ich jetzt erzähle. Es kommt nicht infrage, dass Leo die ganze Geschichte erzählt, schließlich ist es auch meine.

Es ist die Geschichte von uns allen.

Und von einer Menge merkwürdiger Dinge, die in dem Moment mit den Spiegeln schon angefangen hatten zu geschehen.

Um es gleich vorwegzunehmen – ich hatte nicht mitgewollt. Ich hatte ins Segellager gewollt. Drei Wochen zelten und Regatten segeln. Und vielleicht hinterher mit Mama nach Barcelona, weil Mama ja von da kommt, also, sie ist eine richtige echte Spanierin.

Aber Papa wollte unbedingt diese Familiensache machen, weil das geerbte Haus so eine prima Gelegenheit wäre, sich mal kennenzulernen. Ich meine, mich kenne ich schon, und Leo und seine komische Familie wollte ich wirklich nicht kennenlernen.

Wenn er mich anguckte, standen die Gedanken deutlich auf seinem Gesicht. Er fand mich schrecklich, weil ich keine Pullis aus Vollkornkleie anhabe und so ein böser Mensch bin, der Salami isst statt Tofuwurst. Und er fand Mädchen mit kurzen Haaren hässlich, das konnte ich genau sehen.

Im Übrigen kann ich Tante Betti sowieso nicht leiden, nämlich weil sie schuld ist, dass ich Imke heiße. Papa war damals nichts eingefallen, und Mama ging es nicht gut, und die Öko-Betti hatte gesagt, Imke wäre ein hübscher Name, und bums, hatte ich einen Ökonamen weg. Danke sehr.

Als Leo vor mir die Treppe runterging, dachte ich, vielleicht würde ich es schaffen, ihn einfach zu ignorieren. Andererseits hatte er bei der Sache mit den Elfen so komisch geguckt. Er hatte auch gemerkt, dass die Scherben nicht alt waren.

Unten in der Küche hatten sich alle um einen großen Tisch versammelt, nur Papa hockte neben dem uralten schwarzen Herd und schraubte daran herum. Neben ihm stand die große rote Gasflasche, die er unbedingt hatte mitnehmen wollen.

»Bitte sehr!«, rief er schließlich. »Ihr könnt Tee machen! Das Gas ist angeschlossen, der Herd geht!«

Er drehte an einem Knopf, hielt ein Feuerzeug an die Herdfläche – und sprang zurück, als eine grelle Stichflamme aufloderte. Mama schrie, Tante Fee kreischte spitz, und Tante Betti sagte: »Mein Gott, Ben.« Juni und Juli standen nur da und guckten Papa mit offenem Mund an. Es war ihm gelungen, die Flamme zu drosseln, nur waren seine Haare vorne jetzt kürzer. Es roch verbrannt. Alle sahen erschrocken aus, bis Mattis die kleinen Arme reckte und anfing, ein glucksendes Babylachen zu lachen, als hätte er noch nie etwas so Lustiges gesehen wie jemanden mit abgekokelten Haaren.

Da tat Papa so, als würde er auch lachen, und Tante Betti stellte einen Topf auf den Flammenring, um Tee zu machen. Ich setzte mich neben den Riesen auf die alte Eckbank. Die Sitzkissen hatte jemand sorgfältig zu Fetzen zerschreddert und an einer Seite der Bank aufgehäuft.

»Das war ein sehr fleißiges kleines Tier«, bemerkte der Riese anerkennend. »Es hat noch nicht all seine Fetzen abgeholt.«

»Das bringt mich zum Grund unseres Krisentreffens«, sagte Tante Betti. »Fleißige kleine Tiere … scheinen hier eine Menge zu wohnen. Ich habe im Hängeschrank eine Sammlung von Nüssen und Tannenzapfen gefunden, und jemand hat ein Loch in die Schranktür genagt, weil er sie nicht dauernd auf- und zumachen wollte. Es gibt ziemlich viel Arbeit im Haus. Morgen fangen wir an, das Gröbste zu erledigen, damit es wohnlicher wird. Heute schlafen wir in den Zelten, im Garten hinter dem Haus. Da ist es nachts windgeschützter als vorne.«

»In einem Zelt ist man der Natur auch näher«, fügte Tante Fee hinzu und fuhr sich nervös durch die flimsigen weißen Haare, von denen ich nie sicher bin, ob sie gebleicht sind oder echt weiß, denn so alt ist sie gar nicht. »Ich freue mich schon darauf«, murmelte sie, »in Verbindung mit den Schwingungen des Ortes zu treten … Das ist das natürliche Bedürfnis unserer Seelen …«

»Apropos natürliche Bedürfnisse«, sagte Papa. »Es gibt kein Klo.«

»Es gibt kein fließend Wasser.« Der Riese grinste. »Dafür steht eine Pumpe neben dem Haus. Wir werden das Wasser in Eimern holen, wie früher. Und wir haben einen Verschlag mit einem Plumpsklo.«

»Na prost Mahlzeit«, sagte Luke, der bis jetzt nichts gesagt hatte. Er hatte Stöpsel in den Ohren und stand nur in Verbindung mit den Schwingungen seines Handys.

»Ich mache jetzt Butterbrote«, verkündete Tante Betti, bemüht fröhlich. »Flores, hilfst du mir? Ihr Männer könntet ja inzwischen im Garten die Zelte aufbauen.«

Da stand Luke schweigend auf und öffnete die Hintertür, die die Küche mit dem Garten verband, der so schön windgeschützt war. Wir sahen hinaus in ein hüfthohes Meer aus grünem Gestrüpp. Es duftete nach Thymian und Oregano und Basilikum, doch es war ein … wiesenloses Gestrüpp. An einigen Stellen ragten kleine, spitze Felsen heraus.

»Viel Spaß beim Zelteaufbauen«, sagte Luke und setzte sich wieder auf die Eckbank.

 

Als Papa und der Riese aufgehört hatten zu fluchen (was eine Weile dauerte), sagte Tante Fee leise: »Ich gehe mir wohl besser ein Zimmer suchen«, und wandelte aus der Küche.

»Nicht meins!«, rief Leo und stand auf, um ihr zu folgen, und ich folgte ihr sicherheitshalber auch. Aber Tante Fee ging gar nicht hinauf zu unseren Zimmern; sie glitt wie ein besorgter Geist durchs Erdgeschoss. Es gab dort noch ein Bad mit einer eisernen Badewanne und eine Art Wohnzimmer. Wohnen taten darin eine Menge Spinnen und ein kleiner Baum, der zwischen den Dielen hervorwuchs. Außerdem ein Ledersofa und drei Sessel. Vielleicht schmeckte das Leder den Mäusen nicht, denn es war ziemlich heil. Ich fragte mich, ob im Kamin daneben ein Tier nistete oder ob man ihn benutzen konnte.

Neben dem Wohnzimmer fanden wir zwei weitere Schlafzimmer. Unter dem Bett des einen lag eine schimmelige Decke auf irgendeiner alten Kiste. Man würde eine Menge aufräumen und putzen müssen in diesem Haus, oh ja …

Aber warum, dachte ich, hatte die alte Lene so viele Schlafzimmer gehabt? Oben waren es vier und unten zwei. Die Betten unten schienen aus alten Brettern gezimmert worden zu sein, die nicht richtig zusammenpassten. Das war komisch.

Aus einer Strohmatratze wuchsen zwei violette Glockenblumen.

»Dies ist mein Zimmer«, raunte Tante Fee ehrfürchtig. »Das innere Chakra der Blumen stimmt zu fünfunddreißig Prozent mit meinem überein. Keine Wasseradern. Ihr wisst sicher, wie gefährlich es ist, auf einer Wasserader zu schlafen?«

»Da hätte man doch wenigstens fließend Wasser«, meinte ich.

Tante Fee schüttelte den Kopf. »Kleine Imke«, sagte sie ernst, »Wasseradern können grauenhafte Auswirkungen auf die Verdauung haben. Wenn man bei Vollmond …«

Doch was bei Vollmond mit der Verdauung über Wasseradern geschah, erfuhren wir nicht, denn in diesem Augenblick schrie jemand in der Küche, und wir stürzten alle dorthin zurück.

In der Hintertür stand Mama und starrte in die ungezähmte Kräuterwildnis, hinter der der Wald begann. Tante Betti stand am Küchentisch und starrte auch, ein Buttermesser in der erhobenen Hand. Den kleinen Mattis hatte sie in der Babytrage vor dem Bauch – was auch so ein Ökoding ist, ich meine, wir sind Menschen und keine Kängurus.

»Was ist passiert?«, fragte Papa in die Stille.

»Da!«, flüsterte Mama und zeigte. »Da hängt etwas … jemand … im Baum!«

Ich schlüpfte an ihr vorbei in den Garten. Wirklich, jenseits der Kräuterwildnis, am Waldrand, hing etwas in einer jungen Birke. Es war ein Mädchen. Nein. Es war ein Mädchenkleid.

»Es ist nur ein Kleid«, sagte ich, und wir wateten alle durch die dornigen Kräuterbüsche zu der Birke.

Das Kleid drehte sich leicht im Wind, es war ein altmodisches dunkelblaues Kleid mit weißem Matrosenkragen, und es hing ordentlich auf einem Bügel. Ich dachte an das Löffelmobile und die Spiegel und sah Leo an, doch wir hielten beide den Mund. Der kleine Mattis streckte die Ärmchen aus und lachte.

»Ga!«, rief er. »Ga, ga, ga!«

In diesem Moment huschte etwas durch die Büsche, Mama schrie wieder, und das Huschen tauchte vor uns aus einem Strauch auf. Es waren Juni und Juli, und sie hatten rote Backen und strahlten.

»Das Kleid, das wart ihr, was?«, fragte Mama. »Wo habt ihr das her?«

»Es lüftet«, sagten Juni und Juli im Chor. Und Juni fügte hinzu: »Das waren wir nicht. Das haben die Elfen aufgehängt.«

»Ja, die haben es gefunden«, sagte Juli. »In dem alten Schrank oben im Flur. Sie dachten, es wäre hübsch in der Birke.«

»Ach so«, sagte Papa. »Könnt ihr den Elfen bei Gelegenheit ausrichten, dass sie hier nicht durchgefüttert werden, wenn sie uns so erschrecken?«

»Wir richten es aus«, flöteten Juni und Juli im Chor.

Und dann aßen wir Butterbrote mit Leberwurst, und Leo und Luke guckten die Leberwurst komisch an. Sie aßen Brote mit Tofuaufstrich, und ich bemühte mich, genauso komisch zu gucken. Tante Fee aß einen kalorienreduzierten Feldsalat aus einer Plastikpackung.

Der Feldsalat guckte am komischsten.

2

Leo

Wenn der Nachmittag auf dem Blaubeerhaus lag, war es ein blau-grüner Juwel im Wald, ein schiefes und altes, aber blühendes Tor zum Paradies.

Doch wenn die Nacht darauf saß, wurde das Blaubeerhaus zu einem schwarzen Geheimnis unter den Sternen, und in seinen Ecken und Winkeln, unter seinen alten Bänken und Sofas begann es sich zu regen. Die Füße kleiner und kleinster Lebewesen huschten fleißig von hier nach dort, sammelnd, fliehend, jagend – oder vielleicht gingen sie auch nur spazieren. Das Haus atmete still, und wer darin schlief, träumte vermutlich anders als sonst.

Ich lag auf meiner Luftmatratze, die ich in das alte Bettgestell gequetscht hatte, und sah in die Dunkelheit und lauschte. Ich hätte bei Betti und dem Riesen schlafen können, im Schlafzimmer unten, aber ich hatte ihnen gesagt, dass ich schließlich zehn war und kein kleines Kind mehr.

Imke hatte so was Ähnliches gesagt, und Juni und Juli waren wortlos in das Zimmer gezogen, vor dem die Spiegel in der Kastanie hingen. So besaßen wir alle unsere Zimmer – auf der einen Seite vom Flur JuniJuli, Imke und ich, auf der anderen Seite Luke und die Löffel. Also, das Bad mit den Löffeln.

Unten schlief Tante Fee im Glockenblumenzimmer, und Betti und der Riese schliefen auf dem Boden im Raum daneben, mit dem kleinen Mattis zwischen sich, weil sie nicht alle auf das schmale Bretterbett passten. Im Wohnzimmer schliefen Onkel Ben und Tante Flores auf dem Ledersofa, und draußen in der Nacht schlief das Matrosenkleid in der Birke.

Nur ich konnte nicht schlafen. Die Vorhänge vor dem Fenster bewegten sich leise, weil das Fenster vermutlich nicht ganz dicht war. Es war doch ein großes Wunder, dachte ich, dass niemand in den letzten Jahren die Vorhänge gegessen hatte. Meine Mäuse raschelten ein bisschen unter dem Schrank. Das beruhigte mich, weil es bedeutete, dass sie wirklich umgezogen waren. Ich habe nichts gegen Mäuse, aber ich hätte sie irgendwie ungern im Bett gehabt.

Das Haus knarzte. Es klang wie ein Seufzen.

»Hallo, Haus«, flüsterte ich, »hallo, Blaubeerhaus. Ganz schön viele ganz schön laute Leute hier, oder? Nach so vielen Jahren Stille? Also, ich bin Leo, das hast du wahrscheinlich schon mitgekriegt, und ich verspreche dir, dass ich nicht so viel Lärm mache wie die anderen.«

Es knarzte wieder. Eine Antwort. Ich dachte an Imke und ihren Jungshaarschnitt und ihre Segeljacke aus wind- und erdbebenfestem Angeberkunststoff. Und daran, was sie zu ihrer Mutter gesagt hatte, als sie gedacht hatte, es würde niemand hören.

»Die sind richtige Hardcore-Ökos, oder? Ich meine, die Jungs mit den langen Haaren … bis zur Schulter … Das sind irgendwie gar keine richtigen Jungs.« Ihre Mutter hatte gelacht und gesagt, sie fände die Klamotten von Betti ganz schön. Betti hatte das rote Filzkleid mit dem Kaffeefleck an, aus dem sie eine Sonne gemacht hat. Und obwohl Betti klein ist und pummelig und Tante Flores nicht, und obwohl Tante Flores aus Spanien kommt und wunderschöne braune Haut und schwarze Locken hat, ist Betti für mich hundertmal schöner. Vielleicht nur, weil sie meine Mutter ist, aber eigentlich auch so ganz objektiv betrachtet.

»Sei nett zu ihnen«, hatte Tante Flores gesagt, und Imke hatte gesagt, dass sie das doch gewesen war.

Ja, vorne rum, dachte ich. »Haha. Von mir aus bin ich hardcore«, flüsterte ich dem Blaubeerhaus zu. »Dann tue ich so, als ob ich nur Gras esse und mich nie wasche.«

Und ich fing direkt an, mich darauf ein bisschen zu freuen.

 

Ich wollte endlich einschlafen, aber es ging nicht. Unter dem Schrank raschelten die Mäuse. Draußen rauschten die Bäume. Jemand fauchte, vielleicht im Dachgebälk. Jemand trippelte im Flur vorbei. Und dann musste ich blöderweise aufs Klo.

Als ich daran dachte, dass das Klo draußen war und ein Plumpsklo und dass ich wirklich, wirklich nicht alleine da hinausgehen wollte, musste ich noch viel dringender.

Ich schälte mich aus meinem Schlafsack und suchte den Schalter der Nachttischlampe. Idiot, dachte ich dann, es gibt keine Nachttischlampe, es gibt keinen Strom. Zum Glück hatte ich meine Taschenlampe im Rucksack, und ich wühlte ein bisschen und fand sie und war sehr froh. Die Tür quietschte, als ich sie öffnete. Der runde Lichtkreis der Taschenlampe wanderte vor mir her den Flur entlang. Die Treppe war nachts noch viel schräger. Ich krallte meine Finger um die Lampe, wanderte unten durchs Wohnzimmer und erschrak über den unförmigen Klumpen auf dem Ledersofa. Das waren natürlich nur Onkel Ben und Tante Flores, die eng beieinanderlagen, weil das Sofa sonst zu schmal gewesen wäre. Na, sie waren ja modern und sportlich schlank, was? Onkel Ben schnarchte ganz modern und sportlich.

Ich war ihm allerdings dankbar dafür, weil es ein so normales und un-unheimliches Geräusch war.

Leise schlich ich durch die Küche, öffnete die Hintertür und trat in die Kräuterwildnis.

Der Mond schien nicht.

Der Holzverschlag mit dem Plumpsklo war ungefähr tausend Kilometer entfernt.

Ich dachte, man könnte auch einfach in die Büsche pinkeln, aber was, wenn Imke zufällig an ihrem Fenster oben stand und genau in dem Moment der Mond hinter den Wolken vorkam?

»Eins, zwei, drei«, zählte ich und rannte los, den Pfad entlang, den unsere vielen Füße bereits ausgetreten hatten. Kurz darauf riss ich die Tür zum Kloverschlag auf – und blickte in kleine, gelbe, glühende Augen.

Auf dem Klositz saß eine dunkle, pelzige Gestalt und starrte mich an.

Ich glaube, ich habe noch nie eine Tür so schnell wieder zugeschlagen. Ich glaube, ich habe noch nie so sehr gezittert, und ich war noch nie so unfähig gewesen, mich zu bewegen.

Drinnen im Kloverschlag kratzte und rumorte es. Dann öffnete sich die Tür von selbst, und das Pelzige kam heraus und trottete an mir vorbei, durchs Licht meiner Taschenlampe. Da begriff ich, dass es ein Dachs war. Ich wollte lachen, aber ich zitterte noch immer. Keine Ahnung, warum ein Dachs nachts hier aufs Klo ging oder im Klohäuschen herumkletterte, und es war mir auch ganz egal. Ich benutzte doch lieber die Büsche.

Als ich wieder in der Küche war, atmete ich einen Moment tief durch. Auf dem Tisch stand ein vergessener Teller mit vergessenen Butterbroten.

Der Geruch nach Brot und Wurst mischte sich mit dem Geruch von Schimmel und wilden Kräutern und altem Holz, und auf einmal hatte ich das Gefühl, dass ich nicht alleine in diesem Geruch stand. Dass da noch jemand war, außerhalb des Taschenlampenlichts. »Imke?«, flüsterte ich. »Juli, Juni? Luke? Sonst wer?« Vielleicht war einer von ihnen in die Küche gekommen, weil er Hunger bekommen hatte oder auch aufs Klo musste.

»Im Klohäuschen arbeitet nachts ein Dachs«, flüsterte ich, damit der, der da war, sich nicht so sehr erschreckte wie ich, falls er den Dachs traf.

»Ich weiß«, flüsterte jemand kaum hörbar. Aber eine halbe Sekunde später war ich mir sicher, dass gar niemand geflüstert und ich mir die Sache eingebildet hatte. Es war alles sehr seltsam, und deshalb rannte ich los, durch die Küche, die Treppe hinauf, den Flur entlang, und schlüpfte in das Zimmer, in dem Luke schlief.

Er schlief nicht.

Er saß wach im Bett und machte so etwas wie einen Satz vor Schreck, als ich hereinkam.

»Ich bin Leo«, sagte ich schnell, damit er nicht dachte, ich wäre etwas Gruseliges.

»Ja«, sagte Luke mit einem Grinsen. »Ich glaube, wir kennen uns.«

Dann rückte er ein Stück, und ich schlüpfte zu ihm ins Bett, knipste die Taschenlampe aus und wärmte meine eiskalten Füße an seinen. Er hielt das Handy in der Hand; das bläuliche Licht des Displays beleuchtete sein Gesicht wie ein komischer viereckiger Mond.

»Was denkst du?«, fragte ich. »Über … alles?«

»Ich weiß nicht«, sagte Luke leise. »Ich denke … dass sie sich ganz schön was vorgenommen haben. Betti und Onkel Ben und alle. Das hier geht nicht gut, Leo.«

»Ja«, flüsterte ich. »Zu viele seltsame Geräusche.«

»Nein«, sagte Luke. »Zu viele unterschiedliche Leute. Noch tun sie so, als würden sie sich alle wunderbar verstehen und wären total entspannt und alles. Na, ich gebe denen drei Tage, dann kriegen sie sich in die Haare. Und morgen stellen sie fest, dass es hier nichts gibt. Nichts. Das ist nämlich noch nicht zu ihnen durchgesickert, auch wenn sie drüber reden.«

»Ich finde, es gibt zu viel«, sagte ich. »Zu viele komische Dinge. Geraschel und Schatten und … ich weiß nicht … Erinnerungen? Als wäre hier etwas versteckt. Aber die Sorte Etwas, das man nicht anfassen kann.«

»Hm«, sagte Luke nachdenklich. Er rutschte im Bett nach unten, sodass er neben mir lag. Das Handy hatte er immer noch in der Hand.

»Wie lädst du das Ding auf, wenn der Akku leer ist?«, fragte ich.

Da seufzte Luke nur und machte das Handy aus, und es war ganz dunkel.

»Lara findet es romantisch, dass wir hier sind und es nichts gibt«, flüsterte er.

»Lara? Wer ist …?«

»Aus meiner Schule.«

»Schade, dass sie nicht hier ist«, sagte ich aufrichtig, denn dann hätte Luke jemanden zum Reden gehabt, der keinen Strom brauchte, um zu funktionieren. »Ist sie hübsch?«

»Ich glaube, wir schlafen jetzt mal«, sagte Luke.

Imke

Hier ist Imke, damit das allen klar ist.

Hier ist Imke, und das ist der erste Morgen im Blaubeerhaus.

Als ich aufwachte, war es erstaunlich laut. Vor dem Fenster zwitscherte und rauschte und summte der Morgen. Erwachsene sprechen gerne vom Morgenkonzert der Vögel. Diese hier gaben kein Konzert. Sie grölten. Ich setzte mich auf und sah gerade noch, wie etwas übers Fensterbrett huschte und auf den Fußboden sprang. Es hatte eine sehr spitze Nase gehabt. Leo denkt garantiert, dass ich Angst vor Mäusen habe.

»Habe ich nicht«, sagte ich zu der Maus. »Guten Morgen. Ich sehe jetzt nach, ob es Frühstück gibt. Vielleicht bringe ich dir was mit.«

Es gab kein Frühstück, weil außer mir noch niemand wach war. Im Wohnzimmer lagen Papa und Mama auf dem Sofa und schliefen. Im Glockenblumenzimmer schlief Tante Fee, im Arm ein niedrigenergetisches Körnerkissen, und im nächsten Zimmer lagen Tante Betti und der Riese auf ihrer Luftmatratze. Zwischen ihnen träumte der kleine Mattis, der im Schlaf den roten Bart des Riesen umklammert hielt.

Es war kühl im Haus, doch meine Eltern und die Betti-Familie wärmten sich gegenseitig, und Tante Fee hatte ihr Körnerkissen und ihre Schwingungen.

Ich dachte, ich würde mich mit einem Kakao in die Küche setzen, doch dann fiel mir ein, dass es keine Mikrowelle und keinen Wasserkocher gab. Ich versuchte, den Gasherd anzumachen, aber irgendwie sträubte sich das blöde Ding. Vielleicht mochte es keine modernen Menschen. Ich glaube, ich fluchte, was egal war, weil es sowieso niemand hörte. Ich war die einzige Person im ganzen verdammten Blaubeerhaus, die wach war und fror.

Schließlich ging ich nach oben, schlüpfte in meine Fleecejacke und öffnete leise die Tür zum Zimmer von Juni und Juli. Sie lagen im selben Bett, dicht aneinandergekuschelt. Auf der Kommode stand ihre Sammlung aus Plastikelfen in Glitzerkleidern. Die Elfen kommen hier raufgeflogen, um sich zu spiegeln.

Ich schloss die Tür leise und öffnete die Tür zum nächsten Zimmer, aus reiner Neugier. Da lagen Leo und sein großer Bruder ebenfalls im selben Bett.

Luke hatte den Arm im Schlaf um Leo gelegt, das braune Haar fiel ihnen beiden halb ins Gesicht. Ich schüttelte den Kopf. Ich hätte nie gedacht, dass Leo wirklich bei seinem großen Bruder im Bett schläft. Und dass der ihn auch noch lässt. So ein Baby.

Ich ging ein paar Schritte näher. Da sah ich zwischen den Haarsträhnen, dass Leo im Schlaf lächelte, wie jemand, der etwas Schönes träumt. Luke lächelte nicht, er sah ernst aus, beinahe … angestrengt. Als gäbe es eine unsichtbare Bedrohung, die er von seinem Bruder fernhalten musste, selbst wenn er schlief.

Seine langen verfilzten Rastas kringelten sich übers Kissen wie große, fette Raupen, und es gab sogar bunte Perlen darin. Okay, die Perlen waren vielleicht hübsch. Nur – bei einem Jungen? Und Leo mit seinen Locken, wirklich, wie ein Wilder.

Ich schloss die Tür der beiden Wilden, und da merkte ich, wie etwas kleines Schweres sich in mir breitmachte. Ein bisschen so, wie wenn man gleich heulen muss. Die anderen hatten es alle warm, weil sie zusammen in ihren Betten lagen, nur ich stand hier frierend im Flur herum und gehörte zu niemandem.

Na ja, ich bin keine, die heult. Ich schluckte die Tränen hinunter, stand fünf Minuten später vor dem Blaubeerhaus und atmete die (kalte) Morgenluft ein. Und dann rannte ich los, weil rennen nämlich gegen fast alles hilft. Sport überhaupt. Ich bin eine richtig gute Sportlerin, Mama und Papa sagen das auch, ich mache Leichtathletik und Klettern in der Kletterhalle und Basketball und im Sommer natürlich Segeln … Ich rannte einfach in den Wald hinein, auf so etwas wie einem Pfad. Er war ziemlich zugewachsen, und ich dachte beim Rennen, dass diesen Pfad seit vier Jahren kein menschlicher Fuß mehr betreten hatte.

Das Moos federte unter meinen Turnschuhen, die Sonne sickerte überall durchs Unterholz, und langsam löste sich das kleine Schwere in meiner Brust auf.

Dieser Morgen, dachte ich, gehörte gerade jetzt nur mir allein, weil alle anderen zu blöd waren, um früh genug aufzustehen. Sollten sie doch in ihren Betten liegen und es gemütlich haben!

Nein, ganz alleine war ich nicht. Im Augenwinkel bemerkte ich eine Bewegung, und als ich den Kopf drehte, liefen dort drei Rehe.

Sie liefen genau parallel zu meinem Pfad, und ich bemühte mich, mit ihnen mitzuhalten. Ich strengte mich so sehr an, dass das Blut in meinen Ohren sang, doch natürlich waren die Rehe schneller, und der magische Moment, in dem ich mit den Rehen gerannt war, ging vorüber. Schließlich blieb ich stehen, stützte mich mit den Armen gegen einen Baumstamm und atmete eine Weile nur.

Magisch? Ha! Die blöden Rehe sollten sich nicht einbilden, sie hätten mich irgendwie beeindruckt. Die ganze verdammte grüne Natur konnte mir gestohlen bleiben.

Dann sah ich zwischen den Bäumen etwas funkeln.

Und ich sagte mir, dass es nur ein blödes unwichtiges Funkeln war, vielleicht ein Tautropfen oder so, aber etwas brachte mich doch dazu, den Pfad zu verlassen und langsam darauf zuzugehen. Das Funkeln war geheimnisvoll und blau, als lägen tausend Edelsteine im grünen Moos, ein Elfenschatz. Ich dachte an Juni und Juli.

Doch als ich bei dem Schatz ankam, war er nichts als ein kleiner Bach voller funkelnder Lichtreflexe. Flache Felsen säumten den Bach, und ich beugte mich darüber, um sein Wasser aus der hohlen Hand zu trinken, eiskaltes, gutes Wasser. Dann setzte ich mich auf den größten und flachsten Felsen, und da merkte ich, dass ich nicht mehr fror. Ich zog die Fleecejacke aus und saß eine Weile einfach so da. Und ich dachte, dass es eigentlich ganz okay hier war.

Am Ufer des kleinen Bachs wuchsen gelbe Lilien. Ich entdeckte die goldenen Augen eines Frosches zwischen ihren Stielen und dann einen Fisch, der in dem klaren Wasser still stand und nur ab und zu mit der Schwanzflosse wedelte. Ich entdeckte auch winzige Wasserläufer, die am Rand des Bachs über die Wasseroberfläche staksten. Ganz oben in einem der Bäume sah ich einen Specht. Es war wie ein Suchbild, je länger man hinsah, desto mehr Dinge fand man, und fast war es ein bisschen unheimlich, weil ich wusste, dass noch viel mehr Lebewesen da waren, die ich nicht sah.

Auf einmal kam ich mir beobachtet vor.

Ich verließ meinen Platz und ging bachaufwärts, sprang von Stein zu Stein, und es war wie eine neue Sorte Sport, die ich erst lernen musste. Es gab vermutlich eine Menge Sorten von Sport, mit denen man sich in diesem Wald beschäftigen konnte. Nein, ich würde mich nicht von irgendeinem »Zauber der holden Natur« einfangen und betören lassen, sicher nicht, aber ich würde in diesem Wald rennen und springen und schwimmen und mich fit halten, während die anderen versuchten, das Blaubeerhaus zu reparieren, und so taten, als hätten sie sich alle furchtbar lieb.

Ich hatte übrigens einen Zettel hinterlassen, auf dem großen alten Küchentisch.

BIN IM WALD.

BIS NACHHER

IMKE.