Das blaue Fenster: Novellen - Hugo Salus - E-Book
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Hugo Salus

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Beschreibung

In "Das blaue Fenster: Novellen" entführt Hugo Salus den Leser in eine facettenreiche Welt, in der menschliche Emotionen und soziale Konflikte im Zentrum stehen. Mit seinem prägnanten und oft poetischen Schreibstil schafft Salus eindringliche Portraits von Charakteren, die in ihrer Suche nach Identität und Zugehörigkeit mit den Herausforderungen des Lebens konfrontiert werden. Die Novellen sind nicht nur narrative Beobachtungen, sondern auch tiefgründige Reflexionen über die gesellschaftlichen Umbrüche zu Beginn des 20. Jahrhunderts, die in Salus' Erzählungen spürbar werden. Der Autor verwebt geschickt persönliche Erlebnisse mit historischen Kontexten, wodurch ein unverwechselbares literarisches Gebilde entsteht. Hugo Salus, geboren in der ausklingenden Ära des 19. Jahrhunderts, wuchs in einem kulturell reichen Umfeld auf, das ihn tiefgehend prägte. Sein Lebensweg führte ihn durch unterschiedliche gesellschaftliche Schichten und politische Kontexte, die unverkennbar Einfluss auf seine Arbeit hatten. Als Teil der literarischen Moderne erforschte Salus die Komplexität menschlicher Beziehungen und die Herausforderungen seiner Zeit, was sich eindrucksvoll in seinen Novellen widerspiegelt. "Das blaue Fenster" ist eine essenzielle Lektüre für jeden, der sich für die Tiefen der menschlichen Psyche und die sozialen Dynamiken seiner Zeit interessiert. Salus' brillante Erzählkunst und seine scharfsinnigen Beobachtungen laden den Leser ein, die Nuancen des Lebens zu erkunden und seine nutzbringenden Einsichten zu reflektieren. Daher wird dieses Werk sowohl Liebhaber klassischer Literatur als auch moderne Leser ansprechen und herausfordern.

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Veröffentlichungsjahr: 2020

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Hugo Salus

Das blaue Fenster: Novellen

Veröffentlicht im Good Press Verlag, 2020
EAN 4064066118648

Inhaltsverzeichnis

Pietà
Der Rächer
I.
II.
III.
IV.
V.
VI.
VII.
VIII.
IX.
X.
Das Meerweibchen
I.
II.
III.
IV.
V.
Der Spiegel
Eine Legende
I.
II.
III.
IV.
V.
VI.
VII.
VIII.
Novellen des Lyrikers
von
Hugo Salus

Inhalt

Seite

Pietà

1

Der Rächer

57

Das Meerweibchen

115

Der Spiegel

173

Pietà

Inhaltsverzeichnis

Ein einsames Kirchlein mitten im Walde hat immer etwas Verträumtes; es ist so, als hätten die Häuser der Menschen, deren Heiligtum es war, das Kirchlein verlassen, so daß es nun ganz allein zurückgeblieben ist, bis die Bäume des Waldes an seine Mauern hinanwuchsen; oder als wäre es, einsamkeitssüchtig und der Welt überdrüssig vom Tale heraufgeflogen, um fürder recht als ein Einsiedel hoch oben im grünen, stillen Forste zu träumen.

In solch einem Kirchlein vertritt dann die Waldfrömmigkeit und der Märchenzauber des Wanderers etwa mangelnden Glauben; und er kniet in dem Heiligtume ehrlich und wundergläubig wie ein Kind.

Ich habe im Sommer heuer solch ein einsames Kirchlein mitten im Hochwalde gefunden; es sah etwa wie eine kleine Dorfkirche aus, die sich aber seltsam genug an einen hohen und runden Turm anschmiegte: so daß es gleich den Anschein weckte, als wäre an einen alten Wartturm später die Kapelle angebaut worden. Ich war durch den schönen Wald wie immer in dem Gefühle gegangen, durch einen Dom zu schreiten, so daß ich lächelnd nunmehr das kleine Gotteshaus mitten in der Heiligkeit des Domes gewahrte. Die Tür der Kapelle war leicht geöffnet und das Innere des Kirchleins hell und freundlich. Ich legte meinen Wanderhut auf eine der wenigen Bänke und ging auf ein Grabmal zu, das an der einen Seitenwand sich vom Boden erhob. Es war das langgestreckte Grabmal eines adeligen Fräuleins, und ihre Gestalt war aus dem Sandstein herausgemeißelt, so daß sie mit gefalteten Händen wie in ihrem Sarge da auf der Erde lag. Auf ihrem Gesichte spielte der Sonnenschein, der durch das Fenster der gegenüberliegenden Wand hereinleuchtete, aber seltsam bläulich schimmernd, so daß ich den Strahl gleich zu dem Fenster zurückverfolgte und dort mitten in dem Fenster eine blaue Glasscheibe gewahrte, von einem so tiefen und satten Blau, wie ich es noch nie gesehen habe. Da schaute ich mir das Gesicht der Schlummernden noch einmal an, ich beugte mich darüber, aber so, daß der bläuliche Schimmer nicht verdeckt wurde, und blickte nun in ein zartes, leidverklärtes Antlitz von einer solchen Reinheit der Linien, von einem so schmerzlich erkämpften Frieden, daß ich auf das innigste ergriffen ward. Schlicht gescheiteltes Haar umrahmte die eingesunkenen Schläfen, die Augen wölbten die zarten Lider wie große Kugeln vor, eine stolze, edelgeformte Nase ragte zwischen den eingefallenen, verhärmten Wangen umso ausgeprägter empor, aber das Wunder war doch der schmale und beinahe lächelnde Mund, um den ein Frieden, eine heilige Ruhe lagerten, wie sie der Tod nur solchen Lippen läßt, die viel, unendlich viel gelitten haben.

Da setzte ich mich auf den Grabstein hin, ich fing wohl träumend die blauen Strahlen mit meinen Händen auf und goß sie dann wieder über das bleiche Totengesicht und las aus den süßherben Zügen ihre Geschichte.

Und jetzt, da ich sie niederschreibe, ist es mir hier in meinem Zimmer wie ein Wunder, daß weit von hier, hoch in den Wäldern droben, ein Kirchlein steht und daß dort durch ein tiefblaues Kirchenfenster die Sonne auf ein schmales Angesicht scheint, seit Jahrhunderten und wohl noch jahrhundertelang, ein Angesicht voll Leid und erkämpftem Frieden.

Meilenweit, hügelauf, hügelab Tannenwald um das weiße Schloß. Die Täler hinab bis an die Meierhöfe und kleinen Dörfer, die Berglehnen hinan und über die Bergrücken rauschender oder heiligstiller Forst mit sturmerprobten Bäumen bestanden; oben von dem einsamen Rundturme mit seinem spitzigen Dachhütlein schweift der Blick wie über ein großwelliges Meer über die hellgrünen Baumkronen in der Nähe, über die schon ferneren dunkelgrünen Wipfelfelder, über das bläuliche Grün der Forste am Horizonte, die wie breite Moosflächen sich an den runden Himmelsrand schmiegen. Und drüber über dem besonnten und doch so dunklen Grün schwebt auf breiten Schwingen ein Adler oder wiegt sich wohlig ein Edelfalke. Deutsche Waldlandschaft, Besitz des Grafen Otto Eberstein, der mit seinen fünfzig Jahren mächtig und eigensinnig in seinem Schlosse sitzt und doch schon ein Greis sein sollte, so viele Pfade und Steige hat die Sorge und das Leid zum Schlosse gefunden. Er war ein gar lebensfreudiger Herr gewesen, der neben dem Fürsten sitzen durfte und dessen Schimmel gleich hinter des Kaisers Rappen in das Geschirr schäumte, wenn sie prächtig zum Reichstage ritten. Dann hatte ihn eine edle Fürstentochter zum Gatten erwählt, und sie hatten ein glückliches Jahr in dem weißen Schlosse verlebt und der Forst hatte Ja und Amen dazu gerauscht: bis die Tochter Berta geboren ward, ein glückliches Ereignis und doch allen Elends Anfang. Denn die junge Mutter verfiel in eine schwere, hitzige Krankheit, aus der ihr Leib genas, indes ihr Gemüt verwirrt blieb in einer tiefen Schwermut, daraus sie nie wieder genesen sollte.

Sie saß die erste Zeit nach ihrer Krankheit trübselig auf ihrem Lager, auf ihre entstellten, schlaffen Brüste niederstarrend oder im Spiegel die verlorene Frische ihrer Wangen suchend, als könnte ihre Schönheit unmöglich wiederkehren: so tiefe Runen hatten die Schmerzen der Geburt und die Leiden ihres Siechtums in ihr zartes, mondscheinblasses Gesicht geschrieben. Dann lachte sie traurig auf und barg sich hinter dem Linnen, wenn der Graf sie besuchen kam und wollte sich um keinen Preis zeigen: so häßlich schien sie sich, so zerstört deuchte sie ihr Liebesglück, so abscheulich ihr Körper und ihr Antlitz, daß sie immer wieder aufjammerte, nun werde der Graf sein Liebesverlangen bei schöneren Frauen stillen. Und einmal ward sie von der Amme überrascht, da sie sich eben über die Wiege des Kindes beugte mit funkelnden, rachegierigen Augen, und dann blitzschnell den Säugling in die Höhe hob, wohl um ihn an der Wand zu zerschmettern. Da war ihr die starke Bauernmagd noch rechtzeitig in die Arme gefallen und hatte das Kind gerettet. Die Gräfin aber wurde von dem Tage an in einen fernen Teil des Schlosses gebracht und dort wohl bewacht, daß sie nicht mehr zum Kinde kommen konnte.

Dort lebte die Kranke denn die jungen Jahre ihres Lebens dahin mit der Wärterin und späterhin mit der Amme, da das Kind ihrer nicht mehr bedurfte, trübselig vor sich hinstarrend und immer seltener in einen jener fürchterlichen Wutausbrüche verfallend, daraus sie noch elender und siecher hervorging.

So daß die mutterlose Berta eine traurige und liebeleere Kindheit verträumte.

Denn der Graf hatte wohl die ersten Monate in inniger, liebreicher Teilnahme sein verwirrtes Ehegemahl betreut, da er jeden Morgen von neuem gehofft hatte, der böse Schleier, der sich um ihr Gemüt gelegt hatte, müsse sich endlich heben und die Augen der Gräfin wieder klar, heiter und warm zu ihm emporblicken. Aber Tag um Tag, Woche um Woche verging, aus den Augen der Kranken starrte ihn ein schreckhaftes Nichterkennen, eine böse Angst an, und der Sonnenstrahl, der ihre einst so schönen, blauen Augen traf, wurde fahl und grau, wenn er aus ihren düsteren Augensternen zurückkehrte; so daß der Jammer mit knochigen Fingern immer fester des Grafen Herz umkrallte, bis daß er hoffnungslos, gleichgültig und endlich fast feindselig sich gegen sein Weib auflehnte und immer seltener das Gemach der Kranken aufsuchte.

Zu Berta hatte er eine verwitwete Verwandte ins Schloß berufen, die in Trauerkleidern das verschüchterte Kind leitete und die auch das Trauerkleid von ihrer Seele nicht abstreifen konnte, so liebevoll und zart sie auch mit dem Kinde umging. Und in den ersten Jugendjahren war es für das Kind immer noch ein Fest, wenn die Amme einmal herüberkam und mit ihr schön tat. Denn der Vater verstand die holde Kunst schlecht, eines Kindes Seele zu eröffnen und ihr ein Lachen, ein Jubeln, ein Jauchzen zu entlocken, das die eigene Seele wieder jung zu machen und ihre Flügel zu lösen vermag.

So war das Kind zehn Jahre alt geworden und ein kluges, stilles und verträumtes Kind mit den tiefsten und klarsten blauen Kinderaugen und sah versonnen und traumverloren in die Welt, die ihr aus Zimmern, seltsamen Menschen und Waldesrauschen bestand und darin ihr, ohne daß sie wußte was, etwas fehlte, das ihre Augen hätte aufleuchten lassen. Und es war wieder einmal die Amme bei ihr gewesen und hatte ihr abergläubische und wunderbare Märchen erzählt bis in die Dämmerung. Berta hatte sich an ihre Kniee geschmiegt und sie hundertmal umarmt und ihr immer wieder verstohlen zugeflüstert: »Ach, Amme, du bist gut!« Bis einer der Diener von der Gräfin drüben sie holte; die sei wieder schlimm geworden. Da war die Amme davongeeilt, um nach ihrer Kranken zu schauen. Und hatte nicht gemerkt, daß das Kind, durch das Dunkel und die Märchen verwirrt, ihr nachschlich, wohl weil seine Liebe es der guten Amme nachdrängte, vielleicht auch, weil es etwas ahnte oder fürchtete in seinem erwachten Kinderherzen, ein tiefes Geheimnis, das man ihm verbarg, und das es entdecken wollte.

So geschah es, daß Berta auf dem dunklen Gange durch die verbotene Tür schlüpfte und plötzlich in einem hohen, erleuchteten Zimmer stand, darin eine große Frau mit aufgelösten Haaren schreiend und händeringend umherirrte und sich dann erschöpft auf die Erde hinkauerte, den Kopf jammernd zwischen den Knieen verbergend. Dann hob die Frau ihr Haupt wieder empor und starrte plötzlich mit dem weit offenen Munde einer Maske und mit entsetzten Blicken zur Türe, wo das Kind zitternd stand, und dann stieß der starre Mund einen furchtbaren Schrei aus. Da hatte die Amme aber auch schon das Kind erblickt und hatte es schnell aus der Tür gedrängt und mit einem der Diener in sein Zimmer geschickt.

Es zitterte und war ganz bleich geworden, es hatte den Mund offen wie jene Frau drüben, nur daß es nicht schreien konnte, und endlich in den Armen seiner Pflegemutter löste sich das Entsetzen des Kindes, ein heißer Tränenquell sänftigte sein verwirrtes Gemüt. Und so lag Berta die ganze Nacht in den Armen ihrer Pflegerin, die mild auf sie einsprach und die ihr Gesicht eng an des Kindes bleiche Wangen drückte, als wolle sie alle bösen Geister davon abhalten.

Nach diesem Abend, der das Mädchen um viele Jahre älter machte, wurde die kranke Gräfin mit der Amme in den runden einsamen Turm oben im Walde gebracht, zu dem ein schattiger Waldpfad wohl eine Stunde lang vom Schlosse emporklomm; so daß in den folgenden Nächten denen im Schlosse unten ein neues Sternlein aufleuchtete, die Ampel im friedlosen Schlafgemach der Gräfin.

Das Kind aber verblieb noch einige Monate im Schlosse. Es war sehr nachdenklich und schreckhaft geworden, aus dem Schlafe schrie es oft und verzerrte das Gesicht wie in einer großen Angst und stöhnte aus seinen Träumen. Da wußte sich der Graf, dem das scheue Wesen seines Kindes unheimlich war, nach langer Beratung mit seiner Base und dem Pfarrer keinen andern Rat, als sie aus dem Hause zu geben. Und Berta kam zu den Feldegg, armen Rittersleuten, die dem Grafen eine Meierei verwalteten und die stundenweit vom Schlosse in einem Tale hausten; hier verblieb Berta durch viele Monate.

Die ersten Wochen weilte die Base bei dem Mädchen. Dann aber fuhr sie von dannen, da sie sah, wie wohl die neue Umgebung und die Güte der Meiersleute auf das Gemüt des Kindes wirkten. Die waren brave Menschen, denen von ihren Kindern nur ein Knabe geblieben war, Leon, der etwa vierzehn Jahre zählen mochte, und sie freuten sich über die Auszeichnung, nunmehr die Tochter ihres Herrn pflegen zu dürfen; was ihnen in ihrer bedrängten Lage gewiß zum Vorteile gereichen mußte. Sie waren einst selbst wohlbegütert gewesen, aber durch Wetterschäden, allerlei Krankheiten und Unglück heruntergekommen, so daß sie gern ein Lehen des Grafen empfingen.

Nun nahm sich also Frau Anna, Leons Mutter, des armen Grafenkindes mit all der überschüssigen Liebe an, die ihren verstorbenen Kindern zugedacht war; und sie verhätschelte und verzärtelte das Kind, das anfangs solche Liebe gar nicht verstand; denn die brave Rittersfrau wußte wohl um das traurige Geschick des mutterlosen Kindes und empfand es in ihrem frommen Gemüte als eine himmlische Gnade, daß sie es nun pflegen und ihm die Mutter ersetzen dürfe. Und ihrem Leon hatte sie in einer jener fürs ganze Leben unvergeßlichen Stunden, da Herz zu Herzen spricht, erklärt, wie unglücklich Berta trotz ihres Ranges und Reichtums sei, da sie ohne Mutter lebe, und der gute, geweckte Knabe hatte als Antwort und Beweis, daß er sie verstanden habe, die Mutter weinend und wortlos umarmt und immer wieder an sich gedrückt und ihr dann geschworen, er wolle die junge Gräfin wie ein Ritter schützen.

Und der Knabe hielt sein Versprechen. Er war schlank und wohlgebildet und hatte jene pagenhafte Art, die Knaben von seiner Art die gröberen Altersgenossen fliehen und die Einsamkeit mit ihrem Rauschen und Raunen lieben läßt; so daß mit vierzehn Jahren viel mehr Dichter in den Landen herumträumen, als das Leben später zuläßt. Er betrachtete das Grafenkind mit bewundernder Scheu, weil sie viel Leids erlebt hatte und weil sie des Grafen Kind war. Und er freute sich, daß sie in seinen Märchen so gut die traurige Prinzessin oder verlassene Königin vorstellen konnte, die auf ihren Ritter wartet.

Berta gab ihm denn auch gern ihre Hand, wenn sie in den Wald gingen, gesittet wie bei Hofe, und lauschte seinen Worten, denn er wußte gar manches, was sie noch nicht gelernt hatte. Und im dichten Waldesschatten sitzend, erzählten sie einander von ihrem Leben.

»Ich will einmal was Großes werden,« sagte er, »der Vater möchte mich zu einem Soldaten machen, aber ich will lieber ein Gelehrter werden oder ein berühmter Arzt oder ein Papst, der in Rom wohnt. Und die Mutter, meine liebe Mutter« ..... da unterbrach er sich aber, denn er hatte einen flüchtigen Blick auf Berta getan und nun schwieg er betroffen still. Die zwei großen, blauen Augen neben den seinigen taten ihm leid, sie waren so traurig, und plötzlich schlang er den Arm um die Schultern seiner Gespielin: »Du mußt immer bei uns bleiben, bei uns ist es schön und, wenn ich ins Kloster komme, um zu lernen, mußt du an meiner Statt bei der – bei dem Vater und der Mutter bleiben. Im Sommer kehre ich dann immer wieder zu euch heim und dann wollen wir mitsammen in den Wald gehen und ich will dein Lehrer sein. Willst du, willst du?« fragte er in der eindringlichen Art von Kindern.

»Ja, ich will,« sagte sie. »Aber du mußt auch einmal zu uns aufs Schloß kommen.« Dabei rückte sie noch einmal so eng an Leon heran und senkte ihre Stimme und flüsterte ihm ins Ohr: »Und dann mußt du über den dunklen Gang in das hohe Zimmer gehen, wo die arme traurige Frau ist, und mußt ihr sagen, sie dürfe nicht so traurig sein und solle mit uns kommen! Willst du, willst du?«

»Deine Mutter,« sagte Leon geheimnisvoll und stolz, daß er um das Geheimnis wußte. »Ist das meine Mutter?« brachten die bleichen Lippen Bertas mühsam hervor. »Ich habe keine Mutter! Wenn sie meine Mutter ist, die arme, erschrockene Frau drüben, warum lassen sie mich nicht zu ihr? Warum hat sie die Arme so vor sich ausgestreckt, wie sie mich erblickte?« Und sie streckte die Hände weit von sich und machte das entsetzte Larvengesicht wie damals, da sie bei der Kranken gewesen war.

Darauf wußte der Knabe aber keine Antwort, und sie saßen eng umschlungen unter dem alten Baume, und sie weinte, während der Knabe die von Tränen Erschütterte nur immer an sich hielt und streichelte.

»Mutter,« fragte Leon in der Dämmerung, da sie allein miteinander waren, »Mutter, sprich, warum weiß Berta nicht, daß die kranke Frau in dem großen Zimmer im Schlosse ihre Mutter ist? Warum weint sie und glaubt, daß sie keine Mutter habe?«

Da stand die Mutter auf und holte Berta und sagte ihr mild und sanft, daß jene bleiche Frau im Saale eben ihre Mutter sei, eine gute, liebe Mutter, nur daß sie krank sei, denn ein Nebel habe sich vor ihre Augen gesenkt, so daß sie weder den Grafen, noch auch ihr eigenes geliebtes Kind sehen könne und immer nach ihnen begehre und sie herbei wünsche. Wenn dann der Graf zu ihr käme und liebreich zu ihr spreche, dann glaube sie ihm nicht, und kein Arzt habe sie bisher heilen können. Aber einmal werde gewiß der große Arzt kommen, der sie erlösen und heilen werde!

»Und der werde ich sein,« sagte der Knabe.

»Du nicht, du wahrhaftig nicht,« sprach erschrocken die Mutter, »an dich habe ich bei diesen Worten nicht gedacht, so sei Gott meiner Seele gnädig und behüte dich!« Und sie bekreuzte den Knaben.

»Ich will aber Berten ihre Mutter gesund machen und Berta glücklich,« trotzte der Knabe. »Und darum will ich im Kloster fleißig lernen und dann noch lernen und immer lernen, bis ich ein berühmter Arzt sein werde. Und dann will ich die Frau Gräfin gesund machen und Berta soll sich freuen und lachen!« Und er fügte tiefsinnig hinzu: »Denn du mußt wissen, Mutter, daß Berta noch nicht gelacht hat, seit sie bei uns ist, und ich habe ihr doch schon die Geschichte vom dummen Peter erzählt, über die du selbst immer lachen mußt!«

»Ich aber habe sie schon lachen gesehen,« sagte die Mutter. »In der Nacht habe ich mich mit dem Kienspan in der Hand an ihr Bett gesetzt, und da hat sie immer, wenn das Licht über ihr Gesicht huschte, aus dem Schlafe gelacht. Siehst du, genau so wie jetzt, nicht laut, aber ihr Gesicht hat gelacht. Und da hat sie sicher ein schönes Märchen geträumt!« »Ja,« sagte Berta eifrig, »und Leon ritt auf einem Pferde und es war Winter und das Pferd hatte Pelzschuhe an den Füßen!«

Da lachten sie alle drei und Bertas Stimme lachte laut mit.

Als der Herbst gekommen war und der Knabe von Berta Abschied nehmen sollte, da führte er sie noch einmal in den Wald hinaus zu ihrem Lieblingsplätzchen und sie waren beide beklommen und traurig.

»Du hast es gut, Berta,« sagte Leon, »du wirst den Winter über bei uns bleiben, ich aber muß fort und kann erst in ein oder zwei Jahren wieder zurück.«

»Warum in zwei Jahren?« fragte Berta erschrocken.

»Weil ich jetzt Chorknabe werden soll. Da muß ich auch über den Sommer im Kloster bleiben. Aber vielleicht lassen sie mich im nächsten Jahre noch heim und behalten mich erst übers Jahr im Kloster.«

»Ich will aber nicht, daß du wegbleibst!« sagte Berta fast zornig, »und wenn ich es meinem Vater sage, so wird er es den Klosterleuten verbieten!«

»Bis dahin hast du mich längst vergessen,« meinte der Knabe, »was liegt dir denn an mir!«

Da schaute ihn das Mädchen mit einem langen, vorwurfsvollen Blicke an und es mußte ihr sehr nahe gehen, denn langsam überzogen sich ihre Augen mit einem feuchten Schimmer und der ward zu Tränen, die groß und schwer über ihre Lider sickerten. Und sie konnte nichts sagen, kein Wörtlein, weil ihre Lippen so zitterten. Der Knabe stand ganz ratlos neben ihr und wußte auch nichts Gescheiteres zu tun und weinte auch. Und dann gingen die beiden Hand in Hand und immer wieder aufschluchzend nach Hause.

»Daß nur die Mutter nichts sieht!« sagte Leon.