15,99 €
»Es fällt schwer, die schlimmsten moralischen Verstöße in der menschlichen Geschichte vor seinem inneren Auge Revue passieren zu lassen und sie nüchtern zu durchdenken. Genau das ist es aber, was wir tun müssen, wenn wir herausfinden wollen, was als das Böse angesehen wird und ob es existiert.« Manchmal erscheint uns eine Tat als so schrecklich, so fürchterlich, dass wir sie als ›böse‹ bezeichnen. Doch gibt es ›das Böse‹ überhaupt? Ist es bloß eine Eigenschaft? Sind Menschen böse? Oder sind es nur ihre Taten? Gibt es das angeborene Böse? Oder wird man böse gemacht? Und ist das Böse immer etwas Außerordentliches? Oder ist es letztlich plump und banal? Luke Russell schlägt einen Bogen von prominenten fiktionalen Bösewichten wie Voldemort oder Darth Vader über Terroristen und Serienkiller bis zu Nazis und Psychopathen, um sich im Anschluss auf eine minutiös angelegte Spurensuche zu begeben, auf der er seine Zwischenergebnisse immer wieder radikal infrage stellt. Seinen Überblick beendet er mit Überlegungen, ob nicht jeder Mensch, der sich üblicherweise zu den Guten zählt, auch selbst ein Stück weit ›böse‹ ist.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 205
Veröffentlichungsjahr: 2023
Luke Russell
Eine philosophische Spurensuche
Reclam
Titel der englischen Originalausgabe: Being Evil
2023 Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen
© Luke Russell 2020
Being Evil was originally published in English in 2020. This translation is published by arrangement with Oxford University Press. Philipp Reclam jun. Verlag GmbH is solely responsible for this translation from the original work and Oxford University Press shall have no liability for any errors, omissions or inaccuracies or ambiguities in such translation or for any losses caused by reliance thereon.
Being Evil wurde ursprünglich 2020 auf Englisch veröffentlicht. Diese Übersetzung wird in Absprache mit Oxford University Press veröffentlicht. Philipp Reclam jun. Verlag GmbH ist allein verantwortlich für diese Übersetzung aus dem Originalwerk, Oxford University Press übernimmt keine Haftung für Fehler, Auslassungen, Ungenauigkeiten oder Mehrdeutigkeiten in einer solchen Übersetzung oder für Verluste, die durch das Vertrauen darauf verursacht werden.
Covergestaltung: Herr K | Jan Kermes
Gesamtherstellung: Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen
Made in Germany 2023
RECLAM ist eine eingetragene Marke der Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart
ISBN978-3-15-962118-0
ISBN der Buchausgabe 978-3-15-011371-4
www.reclam.de
1 Das philosophische Rätsel des Bösen
2 Das Grauenhafte und die Unbegreiflichkeit bösen Handelns
3 Das psychische Kennzeichen bösen Handelns
4 Die Banalität des Bösen
5 Eine böse Person
6 Sind Sie böse? Ist irgendjemand böse?
Zu dieser Ausgabe
Quellen
Weiterführende Literatur
Existiert das Böse? Um diese Frage beantworten zu können, müssen wir zunächst klären, was der Begriff ›böse‹ eigentlich bedeutet. Was kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie dieses Wort hören? Steht Ihnen ein stereotypischer Schurke aus Filmen oder literarischen Werken vor Augen – etwa Voldemort aus Harry Potter, Ramsay Bolton aus Game of Thrones oder der Imperator aus Krieg der Sterne – also Geschöpfe jener Art, die andere vorsätzlich zu vernichten trachten, denen es Vergnügen bereitet, ihnen Leiden zuzufügen, und die hämisch vor sich hin kichern, wenn sie ihre heimtückischen Taten ausbrüten? Möglicherweise kommen Ihnen statt ihrer auch Superhelden in den Sinn, die berufen sind, ihre Kräfte in den Dienst des Guten statt des Bösen zu stellen. Vielleicht fällt Ihnen auch Googles früheres Firmenmotto »Don’t be evil« ein.
Wenn jemand den Begriff in solchen Zusammenhängen benutzt, neigt er anscheinend zu Übertreibungen. Das Böse ist schaurig und schlimm, in solchen Werken ist es aber dermaßen schaurig und schlimm, dass etwas Unrealistisches, ja sogar Lächerliches mitspielt, und ›das Böse‹ taumelt dann an der Grenze zum Komischen. Die Figur des Dr. Evil in den Austin Powers-Filmen überschreitet die Schwelle zwischen den beiden Bereichen, und man könnte vielleicht zu der Ansicht gelangen, dass es albern und kindisch ist, vor dem Böööösen Angst zu haben. Wenn wir uns auf Beispiele der genannten Art konzentrieren, könnten wir zu dem Schluss kommen, dass es im ernsthaften Nachdenken über die Moralität des Menschen keinen Platz für das Konzept des Bösen gibt.
Für einige Menschen besitzt aber das Wort ›böse‹ eine Reihe ganz anderer Konnotationen. Für sie gehört es nicht dem Bereich des Fiktiven an, sondern es klingt eindeutig religiös. Wenn wir uns zum Beispiel mit dem christlichen Glauben befassen, stoßen wir auf eine Fülle von Erwähnungen des Bösen. Im Garten Eden aßen Adam und Eva von der verbotenen Frucht und erlangten so Kenntnis von Gut und Böse. Wenn Christen das Vaterunser beten, bitten sie darum, von dem Bösen erlöst zu werden. Thomas von Aquin weist uns an, Gutes zu tun und das Böse zu scheuen. Dem scheint die Vorstellung zugrunde zu liegen, dass Böses einfach das Gegenteil des Guten ist. Anderswo im christlichen Schrifttum scheint eine radikalere – einige würden sie auch eine bizarrere nennen – Auffassung vom Bösen ins Spiel zu kommen. In den Evangelien wird wiederholt Bezug auf Satan genommen, auf ein böses übernatürliches Wesen, das Krankheit verursacht und in die Herzen der Menschen fährt, wodurch diese zur Sünde verführt werden. Im Buch der Offenbarung wird Satan als Riesendrache geschildert, der einen kosmischen Kampf gegen Gottausträgt. Für diejenigen von uns, die nicht an Gott glauben, wirkt diese übernatürliche Darstellung des Bösen ähnlich phantasievoll wie das Bild, das in Harry Potter und in Krieg der Sterne von ihm entworfen wird. Mehr noch: Es scheint gefährlich zu sein, zu glauben, dass derartige Manifestationen des Bösen in der realen Welt tatsächlich existieren. Wir sollten die schrecklichen Hexenprozesse früherer Jahrhunderte nicht vergessen, die zur Folge hatten, dass Tausende Unschuldige gefoltert wurden und auf dem Scheiterhaufen endeten – alles nur aufgrund der Überzeugung, dass es böse Geister gibt und Dämonen Besitz von Menschen ergreifen können. Zeitgenössische Politiker, die in ihren Reden von der Existenz des Bösen sprechen, werden manchmal bezichtigt, genau diese Art von moralischem Klima zu erzeugen: ihre Gegner zu dämonisieren, den Mob aufzuwiegeln und zu blindwütiger Zerstörung anzustacheln. Einige Philosophen untersuchen dieses weite Feld und kommen zu dem Schluss, dass wir skeptisch sein sollten in Bezug auf die Existenz des Bösen. Die Vorstellung von der Existenz des Bösen scheint ein überholtes – und darüber hinaus ein gefährliches Konzept zu sein.
Doch sollten wir auf der Grundlage dieser Beispiele vorschnell schließen, dass das Böse nicht real ist? Dem Philosophen Ludwig Wittgenstein zufolge ist eine »Hauptursache philosophischer Krankheiten – einseitige Diät: man nährt sein Denken mit nur einer Art von Beispielen«. Um das anhand einer Analogie deutlich zu machen: Will man das Wesen von Politik verstehen, nimmt aber nur westliche liberale Demokratien in den Blick, wird man die wesentlichen Kennzeichen von Monarchien, kommunistischen Staaten, Diktaturen usw. nicht in Erfahrung bringen. Oder will man das Wesen von Musik begreifen, wäre man fehlgeleitet, wenn man sich nur auf Heavy Metal konzentrierte und klassische Symphonien, afrikanische Trommelmusik, Jazz usw. einfach ignorierte. Stellt man eine philosophische Untersuchung an, gewinnt man dann am besten Erkenntnisse, wenn man ein ganzes Spektrum von unterschiedlichen Beispielen in Augenschein nimmt. Diejenigen, die hoffen, das Wesen des Bösen zu erfassen, indem sie sich ausschließlich auf phantastische Literatur, Science-Fiction und religiöse Texten konzentrieren, nehmen genau diese Art von einseitiger Diät zu sich. Anstatt unseren Blick auf solche Weise einzuengen, sollten wir das breite Spektrum von Geschehnissen in der realen Welt betrachten, die gewöhnliche Menschen dazu veranlassen, sie als ›böse‹ zu bezeichnen. Leider ist das eine abstoßende Aufgabe und dazu angetan, Ekel und Verzweiflung in einem wachzurufen. Es fällt schwer, die schlimmsten moralischen Verstöße in der menschlichen Geschichte vor seinem inneren Auge Revue passieren zu lassen und sie nüchtern zu durchdenken. Genau das ist es aber, was wir tun müssen, wenn wir herausfinden wollen, was als das Böse angesehen wird und ob es existiert. Einige von uns kommen, nachdem sie diese Beispiele durchgegangen sind, möglicherweise immer noch zu dem Schluss, dass es so etwas wie das Böse nicht gibt. Es könnte sich herausstellen, dass Menschen, die an die Existenz des Bösen glauben, einer Art geistiger Verwirrung zum Opfer fallen, übertreiben oder etwas in die Welt hineinprojizieren, das in Wirklichkeit nicht da ist. Wir sollten nicht im Voraus über die Angelegenheit urteilen, sondern erst einmal das zur Kenntnis nehmen, was gewöhnliche Menschen über das Böse sagen und in Bezug darauf glauben. Im Anschluss können wir dann der Frage nachgehen, ob ihre Behauptungen und Ansichten korrekt sind.
Wenn wir das breite Spektrum von Fällen, in denen Leute behaupten, dass etwas böse ist, in Augenschein nehmen, fällt uns etwas recht Überraschendes auf: Manchmal verwenden wir das Wort einfach als Synonym für ›schlecht‹. Wenn wir das tun, braucht ›böse‹ nicht notwendig einen Beiklang von Extremität zu haben. Ähnlich wie es nur geringfügige oder belanglose schlechte Dinge geben kann, kann es auch nur geringfügige oder unbedeutende böse Dinge in diesem Sinne geben. Nehmen wir einmal an, dass Sie vor irgendeinem Dilemma stehen und Ihnen nur die Wahl zwischen zwei schlechten Optionen bleibt. Man könnte die Entscheidung, die man am Ende trifft, erklären, indem man sagt, dass man das geringere ›Übel‹ – die weniger ›böse‹ Möglichkeit – gewählt hat. Verwendet man ›böse‹ so, schließt man damit nicht automatisch ein, dass beide Möglichkeiten extrem und erschreckend waren. Man deutet nur an, dass man zu der weniger schlimmen Option gegriffen hat. Verwendet man das Wort ›böse‹ als bloßes Synonym für ›schlecht‹, kann es sich in moralischer Hinsicht auf verwerfliche Taten beziehen, wie etwa auf tückische Angriffe, es kann aber auch auf etwas angewendet werden, das schlecht oder schlimm ist, ohne unmoralisch zu sein, etwa dafür, den Schmerz zu charakterisieren, den man verspürt, wenn man sich den Zeh stößt. Wenn wir das Oxford English Dictionary zu Rate ziehen, um uns über die Etymologie des Wortes ›evil‹ zu informieren, erfahren wir, dass es sich vom Altenglischen ›yfel‹ herleitet, was ›über‹ oder ›darüber hinaus‹ bedeutet, und dass das Wort ›evil‹ jahrhundertelang einfach als Synonym für ›übel‹, ›beschwerlich‹ und ›schmerzhaft‹ verwendet wurde.1
Heutzutage könnte es seltsam anmuten, den Begriff ›böse‹ zu verwenden, um nicht mehr als ›schlecht/übel‹ zu meinen. Ein Restaurantkritiker, der ein negatives Urteil über ein Essen abgibt, würde zum Beispiel wohl kaum sagen, dass es ›böse‹ war. Dieser Gebrauch des Wortes wird aber jedem vertraut sein, der mit dem in Berührung gekommen ist, was Philosophen und Theologen »Problem of evil« nennen. Dass Übel in der Welt existieren, stellt eine Herausforderung für Theisten dar, die glauben, dass diese Welt von einem allmächtigen, allwissenden und grenzenlos wohlmeinenden Gott erschaffen wurde. Wenn Gott wirklich so ist und er uns liebt, dann könnten wir doch eigentlich erwarten, dass er eine Welt erschaffen hätte, die voller guter Dinge ist und in der wir ein uneingeschränkt glückliches Leben führen könnten. Schauen wir uns jedoch um, können wir zwangsläufig nichts anderes feststellen, als dass es viel Schlimmes auf der Welt gibt. Viel Leid ist auf menschliche Missetaten zurückzuführen. Wir könnten daher uns selbst die Schuld an dieser Tatsache geben und nicht Gott. Doch bleibt eine große Menge unverdienten Leids, das durch Krankheiten wie Krebs, Arthritis und Tuberkulose verursacht wird. Unzählige unschuldige Menschen kommen durch Naturkatastrophen wie Erdbeben, Tsunamis und Überschwemmungen ums Leben. Einige Babys sterben einen qualvollen Tod, und das Leben ihrer Eltern ist voll Gram und Kummer. Auch das Reich der Tiere ist voll von Leid: Sie werden von Verletzungen heimgesucht, fallen Fressfeinden zum Opfer oder verhungern. Das sogenannte Problem des Übels besteht darin, den Glauben an einen wohlmeinenden und allmächtigen Gott mit dem Wissen zu vereinbaren, dass die Welt voller schlimmer Dinge ist oder, wie es in diesem Kontext für gewöhnlich genannt wird, voll von so viel Bösem. Viele Menschen meinen, dass dieses Problem uns berechtigt, Atheisten zu sein. Ihrer Ansicht nach liefert die extreme Verbreitung unverdienten Leids einen schlagenden Beweis dafür, dass die Welt nicht das Werk eines allmächtigen, allwissenden und allgütigen Gottes sein kann. In Reaktion darauf haben Theisten zu erklären versucht, wie es möglich sein kann, dass ein guter Gott eine Welt erschuf, die so viel Schlimmes enthält.2
Mein Ziel besteht in diesem Buch nicht darin, mich mit dem theologischen Problem des Übels auseinanderzusetzen. Noch besteht es darin, sich auf die so weit verbreitete, im Höchstmaß unspezifische Verwendung des Wortes ›böse‹ zur Bezeichnung von etwas ›Schlimmem‹ zu konzentrieren. Mein Interesse gilt nicht dem, was in nichtmoralischer Hinsicht schlimm ist, wie etwa Zahnschmerzen oder Knochenbrüche. Und auch nicht dem, was zwar in moralischer Hinsicht schlecht, aber letztlich belanglos oder weniger schwerwiegend ist. Was ich untersuchen will, ist das, was nicht bloß schlimm, sondern das, was böse, also in moralischer Hinsicht in irgendeinem höchsten Maße verwerflich ist. Genau diese Auffassung von ›böse‹ ist nämlich dann im Spiel, wenn Philosophen, Historiker, Psychologen und Journalisten darüber diskutieren, ob das Böse tatsächlich existiert. Ganz offenkundig müssen wir mehr darüber sagen, was es bedeutet, wenn wir etwas als in diesem extremen und moralisierten Sinne des Wortes als ›böse‹ bezeichnen. Meiner Meinung nach können wir das Konzept von ›böse‹ besser verstehen, wenn wir uns wieder dem zuwenden, was der Meinung gewöhnlicher Menschen entsprechend nicht bloß schlimm, sondern böse ist. Wir sollten dabei nicht vergessen, dass hitzig darüber gestritten wird, ob etwas in diesem extremeren Sinn auch tatsächlich böse ist. Eine philosophische Analyse des Begriffs müsste also die Tatsache klären können, dass einige intelligente und gut informierte Menschen an die reale Existenz des Bösen glauben, während andere dies für einen Mythos oder eine gefährliche Phantasie halten. Wollen wir das Konzept des Bösen, das bei diesen Kontroversen im Spiel ist, genau ermitteln, sollten wir uns also als Erstes auf diese umstrittenen Fälle konzentrieren. Ich möchte Sie dazu ermuntern, aufnahmebereit und für alles aufgeschlossen zu bleiben, wenn wir diese Fälle durchgehen. Anstatt vorschnell irgendwelche Urteile zu fällen, sollten Sie Ihre eigenen Gedanken in aller Ruhe gründlich überprüfen. Widmen Sie sich eingehend den Ähnlichkeiten zwischen den einzelnen Fällen und versuchen Sie, interessante Unterschiede zwischen diesen herauszubekommen. Fragen Sie sich selbst, ob einige Beispiele für ›böse‹ Handlungen in moralischer Hinsicht schlimmer sind als andere oder ob andere ein charakteristisches Merkmal aufweisen, das sie als besonders entsetzlich kennzeichnet.
Lassen Sie uns beginnen, indem wir den Terrorismus in den Blick nehmen, vielleicht das offensichtlichste reale Phänomen, in dem Menschen am häufigsten eine Manifestation des Bösen erkennen. Uns allen sind die terroristischen Angriffe vom 11. September 2001 auf das World Trade Center in New York bekannt, bei denen eine Gruppe von Verschwörern, die den USA aus politischen Gründen feindselig gegenüberstanden, Passagierflugzeuge in diese Bürogebäude steuerten und Tausenden von unschuldigen Menschen den Tod brachten. Wer vermag die Bilder der in die Türme rasenden Flugzeuge zu vergessen, den steil aufsteigenden Rauch, die Arbeiter, die vom Ort des Geschehens flohen, als Körper aus der Höhe herabzuregnen begannen? Wenn ein politisch motivierter Akt als entsetzlich gelten kann, dann bestimmt dieser. Die Handlungen dieser Terroristen waren keine gewöhnlichen, alltäglichen Missetaten. Für die meisten schockierten Zeugen des Geschehens schien es sich um ein Verbrechen zu handeln, das das Niveau des Normalen überschritt. Es überrascht nicht, dass dieses Attentat äußerst heftige moralische Verurteilung provozierte und einige von denen, die es verurteilten, eine Manifestation des Bösen in ihm sahen. So sagte Präsident George W. Bush 2002 in seiner Rede zur Lage der Nation: »Das Böse existiert wirklich, und ihm muss Widerstand geleistet werden.« Über den konkreten Anlass des Attentats vom 11. September hinausgehend, meinte der Präsident auch, dass die Staaten Irak, Iran und Nordkorea eine »Achse des Bösen« bildeten. Bushs ständige Bezugnahme auf »das Böse« in der Zeit unmittelbar nach dem Geschehen war damals umstritten und bleibt es weiterhin. Zweifelsohne ist das zum Teil auf die unter seinen Kritikern verbreitete Ansicht zurückzuführen, dass er ein schlichter Denker und religiös streng konservativ eingestellt war und als Politiker in gefährlicher Weise auf der Seite der »Falken« stand. Kritiker an Bushs Bekämpfung des Terrorismus neigten dazu, seine Verwendung des Begriffs ›böse‹ im Zusammenhang mit den Attentaten abzulehnen, weil für sie genau darin die Denkungsart zum Ausdruck kommt, die ihn später zum Einmarsch im Irak und in Afghanistan veranlasste. Auf der anderen Seite applaudierten Anhänger des Präsidenten und Befürworter des Kriegs gegen den TerrorismusBush, weil er die Terroristen auf die denkbar schärfste Weise verurteilte und eine eindeutige moralische Position bezog.
Die Kontroverse über Bushs Stellungnahmen zu 9/11 führte dazu, dass das philosophische Interesse für das Thema des Bösen neu angefacht wurde. Unabhängig davon, was wir von Präsident Bushs folgenden politischen Entscheidungen halten wollen, sind wir von den Philosophen dazu eingeladen, uns mit einigen grundlegenden moralischen Fragen im Zusammenhang mit den Attentaten auf das World Trade Center auseinanderzusetzen. Haben die Terroristen an jenem 11. September böse Taten begangen? Waren sie böse Menschen? Einen möglichen Grund dafür, diese Fragen mit nein zu beantworten, könnte die Überzeugung liefern, dass diese sogenannten terroristischen Handlungen noch nicht einmal moralisch gesehen falsch und also schon gar nicht böse waren. Zu diesem Schluss könnten wir dann gelangen, wenn wir den Gedanken, dass »der Terrorist des einen, der Freiheitskämpfer des anderen« ist, als zutreffend akzeptieren, dass es demnach hier keine objektiven Kriterien dafür gibt, zu entscheiden, was richtig und was falsch ist. Wenn nichts in moralischer Hinsicht falsch sein kann, dann ergibt es keinen Sinn, die Attentate vom 11. September als ›böse‹ zu brandmarken. Als Begründung für die Behauptung, die Terrorakte seien nicht böse gewesen, könnte man auch ins Feld führen, dass US-Bürger es aufgrund der moralisch korrupten Außenpolitik ihres Landes eigentlich verdient hätten, Ziel von Anschlägen zu werden und diesen zum Opfer zu fallen. Doch natürlich sind derartige Behauptungen selbst in höchstem Maß anfechtbar. Viele von uns sind der festen Überzeugung, dass die Attentäter vom 11. September Massenmord an unschuldigen Zivilisten begangen haben und dass ihre Handlungen eindeutig und objektiv moralisch verwerflich sind. Die Provokation, auf die ich mich hier konzentrieren werde, rührt von solchen Philosophen her, die sich der Meinung anschließen, dass die Aktionen der Attentäter vom 11. September eindeutig und objektiv falsch waren, die aber behaupten, dass diese nichts ›Böses‹ taten. In späteren Kapiteln dieses Buches werden wir sehen, warum diese Philosophen skeptisch in Bezug auf den bösen Charakter dieser Geschehnisse sind und warum andere nicht mit ihnen übereinstimmen. Lassen Sie uns im Gedächtnis behalten, dass 9/11 ein Paradebeispiel liefert.
Terrorismus scheint nicht nur Ergebnis von großangelegten, sorgfältig geplanten Verschwörungen zu sein, sondern begegnet uns auch in kleinerem Maßstab. Denken Sie an den Angriff von Dylann Roof auf Kirchgänger in Charleston, South Carolina, im Jahr 2015. Roof, ein »Supremacist«3, der von dem Verlangen angetrieben war, einen Rassenkrieg zwischen schwarzen und weißen US-Bürgern zu entfesseln, nahm an einer Bibelstunde in der Emanuel African Methodist Episcopal Church teil. Er verübte einen Anschlag auf die Versammelten, der im Voraus geplant, politisch motiviert und von Hass auf seine Opfer genährt war. Er tötete neun Unschuldige, indem er sie aus nächster Nähe erschoss, während sie vor ihm auf dem Boden kauerten oder lagen. Roof war ein Einzeltäter, doch ähnlich wie die Attentäter vom 11. September war er ideologisch zu seiner Tat motiviert. Er befand sich in dem Irrglauben, dass seine Handlungen gerechtfertigt seien, und es verlangte ihn nach öffentlicher Aufmerksamkeit. Als seine Opfer um ihn herum verstreut auf dem Boden lagen, sagte Root zu einer Kirchgängerin, er werde sie am Leben lassen, damit sie der Welt über seine Tat berichten und erklären könne, warum er sie begangen habe. Auch in diesem Fall handelte es sich um kein gewöhnliches Verbrechen. Viele Menschen verurteilten das, was er an jenem Tag getan hatte, indem sie den Begriff ›böse‹ anwendeten. Felicia Sanders, eine Überlebende des Anschlags, erzählte, dass die Gemeindemitglieder Roof zu der Bibelstunde willkommen geheißen hatten und dieser dort, bevor er mit der Schießerei begonnen habe, »einfach die ganze Zeit in ihrer Mitte saß, böse, böse, so böse, wie nur möglich«.
Roofs Verbrechen erinnert an den von dem norwegischen Terroristen Anders Behring Breivik begangenen Massenmord. Breivik zündete 2011 eine Bombe, die neun Menschen tötete, und fuhr dann auf die Insel Utøya, wo er sich an Kinder und Jugendliche heranpirschte, die sich dort in einem Sommerlager befanden. Er tötete 69 von ihnen. Wie er später angab, hatte er dieses Massaker aus dem Grunde geplant und ausgeführt, weil er auf ein von ihm verfasstes, gegen die politische Linke und gegen den Islam gerichtetes Manifest aufmerksam machen wollte. Ähnlich wie Roof blieb er stolz und selbstgerecht. Einige Kommentatoren und sein Verteidiger machten geltend, dass er geistesgestört und daher nicht vollumfänglich für seine Taten verantwortlich sei. Die Leiterin des norwegischen Polizeisicherheitsdienstes Janne Kristiansen war anderer Ansicht: Für sie war Breivik böse, jedoch nicht geistig gestört.
Neben Roof und Breivik steht eine große Schar von Terroristen aus der ganzen Welt, die im Namen der ihnen wichtigen Anliegen Gräueltaten begangen haben. Da sind zum Beispiel die Mitglieder der terroristischen Vereinigung National Thowheeth Jama’ath, denen 2019 bei den sogenannten Ostersonntags-Bombenanschlägen auf Kirchen und Hotels in Sri Lanka 259 Menschen zum Opfer fielen. Im selben Jahr übertrug Brenton Tarrant per Live-Stream das Gemetzel, das er unter Teilnehmern an Gottesdiensten in neuseeländischen Moscheen anrichtete. Dann war da noch Salman Ramadan Abedi, den Selbstmordattentäter, der 2017 22 Besucher eines Konzerts in der Manchester Arena mit in den Tod riss. Da gab es die Mitglieder der terroristischen Zelle ISIL aus Brüssel, die 2015 130 Personen in Paris abschlachteten, indem sie Passanten auf den Straßen niedermähten und viele ihrer Opfer im Konzertsaal Bataclan wie in einer Falle gefangen hielten. Erwähnen muss man in diesem Zusammenhang auch die zehn Mitglieder von Laschkar-e Taiba, die 2008 mordend durch Mumbai stürmten und mindestens 164 Unschuldige umbrachten. Und schließlich sollte man nicht jene Terrorgruppe vergessen, die als die gefährlichste der Welt gilt: die Gruppierung Boko Haram aus Nigeria, die im Lauf eines Jahrzehnts Zehntausende getötet hat.
Das alles sind keine Schurken aus Comics, keine erfundenen Figuren aus phantasievollen Geschichten. Sie sind nur allzu real und zu gewöhnlich. Sind diese Terroristen ›bösartige‹ Killer? Präsident Bush meinte mit Sicherheit, dass sie es sind, und es ist bedenkenswert, dass er sich mit diesem Urteil nicht bloß einer parteipolitischen Linie anschließt. Präsident Barack Obama zum Beispiel stimmt ihm in dieser Hinsicht zu. Als er 2014 bei der UN-Vollversammlung sprach, bemerkte er über den Islamischen Staat: »Mit einer derartigen Manifestation des Bösen kann es kein Argumentieren, kein Verhandeln geben.« Sein Nachfolger Donald Trump hat Terroristen als »bösartige Verlierer« bezeichnet. Der britische Premierminister Tony Blair hat seine Landsleute in Reaktion auf die Bombenanschläge des Jahres 2005 in London aufgefordert, der »bösen Ideologie« der Terroristen die Stirn zu bieten, Worte, die ein Jahr später von Premier David Cameron aufgenommen wurden, der zu Widerstand »gegen diese bösartige terroristische Bedrohung« aufrief. Was denken Sie, was diese Politiker Ihrer Ansicht nach wohl meinen, wenn sie im Zusammenhang mit Terrorismus von ›böse‹ sprechen? Sind Sie mit der emphatischen Verurteilung der Akte, um die es geht, einverstanden, oder sind Sie der Meinung, dass diese Politiker sich irren? Gesetzt den Fall, dass Sie meinen, dass es nicht richtig ist, die Taten der Terroristen als ›böse‹ zu verurteilen: Aus welchem Grund genau ist es dann Ihrer Ansicht nach falsch?
Gehen wir von terroristischen Taten zu der Reihe solcher Taten über, deren Einstufung als ›böse‹ ebenfalls umstritten ist: zu denen von Serienmördern. Auch hier gibt es eine Fülle von Meinungen. Serienmörder sind vielleicht noch beunruhigender als Terroristen, wenn es stimmt, dass sie nicht töten, um irgendwelche politischen Ziele zu erreichen, sondern um des Vergnügens willen, das es ihnen bereitet zu morden. Fälle dieser Art zu schildern mag überflüssig erscheinen, doch um sie moralisch bewerten zu können, müssen wir uns einiger Einzelheiten bewusst sein. Viele Serienmörder halten ihre Opfer stunden- oder tagelang fest und quälen sie, bevor sie sie töten, etwa der BTK-Killer4 Dennis Rader oder Fred und Rosemary West. Viele dieser Mörder beenden das Leben ihrer Opfer im Zuge eines grässlichen Akts sexuellen Missbrauchs. Sexuelle Motive lagen den Taten von Ted Bundy, John Wayne Gacy und Fritz Haarmann zugrunde. Letzterer, der »Schlächter« oder »Werwolf von Hannover«, tötete mindestens 24 Menschen, indem er ihnen die Kehle durchbiss. Einige sadistische Killer haben es vor allem auf kleine Kinder abgesehen. Ian Brady und Myra Hindley missbrauchten und töteten in den 1960er Jahren in Manchester und Umgebung mindestens fünf Kinder, bevor sie deren Leichen im Moor verschwinden ließen. Die meisten Serienmörder gehen im Verborgenen vor, einige allerdings, wie Dennis Rader, David Berkowitz, auch als »Son of Sam« bekannt, und die Beltway Snipers, buhlen um öffentliche Aufmerksamkeit, indem sie der Polizei spöttische Briefe schicken. Viele der Serienmördersetzten ihr grauenhaftes Treiben jahrelang unbeirrt fort, auch wenn immer deutlicher wurde, dass die Behörden ihnen bedrohlich näher kamen.
Es ist wirklich widerlich, die Taten von Serienmördern in allen Einzelheiten darzulegen. Viele dieser Verbrechen sind nicht nur ekelhaft, sondern zutiefst verwirrend, unfassbar, nicht zu begreifen. Deswegen neigen viele Menschen dazu, ihnen eher als TerroristenGeistesgestörtheit anstelle eines bösen Charakters zu attestieren. Es lohnt sich, diesen Gedanken näher zu untersuchen. Angenommen, dass ein Killer ein Psychopath ist: Entschuldigt das dann seine Tat? Sind Psychopathen gefährlich, aber nicht moralisch verantwortlich für das, was sie tun, und daher nicht ›böse‹? Die kurze und bündige Antwort lautet: »Nicht ganz so schnell, bitte.« Die Gruppe geistiger Störungen ist äußerst umfassend, und die Kriterien zur Klassifikation sind beunruhigend vage. Die meisten Menschen, die an einer solchen Störung leiden, sind dennoch in moralischer und juristischer Hinsicht für ihr Handeln voll verantwortlich. Überdies: Während die Mehrheit der psychopathischenSerienmörder typischerweise einige Defizite hinsichtlich Empathiefähigkeit und Denkvermögen aufweisen, wäre es übertrieben zu sagen, dass sie stümperhafte Narren sind, die nicht wissen, was sie tun. Viele Serienkiller planen ihre Missetaten weit im Voraus, begreifen sehr gut, dass sie anderen Schaden und Leid zufügen, und verwischen sorgfältig ihre Spuren, um der Entdeckung zu entgehen. Serienkiller mögen in einem gewissen Sinn des Wortes auch krank sein. Das bedeutet aber nicht, dass man ihnen ihr Tun verzeihen muss. In der Tat verwenden Journalisten und andere bei der Schilderung von Serienmördern und ihren Verbrechen häufig das Etikett ›böse‹. Ted Bundys Verteidigerin Polly Nelson meinte, ihr Mandant sei »der Inbegriff des herzlosen Bösen«. Myra Hindley wurde in der Presse als »böseste Frau von ganz Großbritannien« bezeichnet. Bieten diese Serienmörder
