Das Buch der Schatten - Magische Glut - Cate Tiernan - E-Book

Das Buch der Schatten - Magische Glut E-Book

Cate Tiernan

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Beschreibung

Spannend, dramatisch, süchtig machend

Nichts ist mehr, wie es war in Morgan Rowlands Leben: Morgan ist eine Hexe – mächtiger als selbst Cal es je geglaubt hätte. Doch ein dunkles Geheimnis liegt über ihrer Herkunft – Morgan stößt auf Mauern des Schweigens, als sie in ihrer Vergangenheit forscht. Einziger Trost ist Cals Liebe zu Morgan. Kein Preis ist zu hoch dafür, nicht einmal der Hass ihrer besten Freundin Bree. Da macht Morgan eine folgenschwere Entdeckung: Sie findet eine Spur zu ihrer leiblichen Mutter, der mächtigen Hexe Maeve Riordan …

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Seitenzahl: 248

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DIE AUTORIN

Cate Tiernan wuchs in New Orleans auf und studierte russische Literatur an der New York University. Sie arbeitete zunächst in einem renommierten Verlag, bevor sie mit dem Schreiben begann. Ihre Serie »Das Buch der Schatten« wurde ein großer Erfolg und in mehrere Länder verkauft. Heute lebt Cate Tiernan mit ihrem Mann, zwei Töchtern und zwei Stiefsöhnen, einem Pudel und vielen Katzen in Durham.

Von Cate Tiernan ist bei cbt bereits erschienen: Das Buch der Schatten – Verwandlung (38003)

Inhaltsverzeichnis

DIE AUTORINWidmungPROLOG1 - NACH SAMHAIN2 - ANDERS3 - FIND MICHCopyright

Für N. und P., die so viel Magie in mein Leben gebracht haben.

PROLOG

Ich tanzte durch die Atmosphäre, inmitten von Sternen, sah winzige Energieteilchen an mir vorbeischießen wie mikroskopisch kleine Kometen. Ich konnte das ganze Universum sehen, alles auf einmal, jeden Partikel, jedes Lächeln, jede Fliege, jedes Sandkorn offenbarte sich mir und war unendlich schön.

Beim Luftholen atmete ich die Essenz des Lebens ein und beim Ausatmen stieß ich weißes Licht aus. Es war schön, mehr als schön, doch ich hatte nicht genügend Worte, um es zu beschreiben, nicht einmal für mich selbst. Ich verstand alles, ich verstand meinen Platz im Universum, ich verstand den Weg, dem ich folgen musste.

Dann lächelte ich und blinzelte und atmete wieder aus und stand mit neun Highschoolfreunden auf dem finsteren Friedhof und Tränen liefen mir über das Gesicht.

»Geht’s dir gut?«, fragte Robbie besorgt und kam zu mir herüber.

Zuerst schien mir, als redete er nur dummes Zeug, doch dann verstand ich, was er gesagt hatte, und nickte.

»Es war so schön«, sagte ich lahm und mit brechender Stimme. Nach meiner Vision fühlte ich mich unerträglich klein. Ich streckte den Finger aus, um Robbies Wange zu berühren. Da, wo ich ihn berührte, hinterließ mein Finger einen warmen rosafarbenen Strich, und Robbie rieb sich verwundert die Wange.

Die Vasen mit den Blumen standen auf dem Altar, und ich ging, fasziniert von ihrer Schönheit und überwältigt von Traurigkeit über ihren Tod, hinüber. Ich berührte eine Knospe, und sie öffnete sich unter meiner Berührung, erblühte im Tod, wie sie im Leben nicht hatte blühen dürfen. Raven keuchte auf, und ich wusste, dass Bree, Beth und Matt in diesem Augenblick vor mir zurückschraken.

Dann trat Cal neben mich. »Hör auf, Sachen anzufassen«, sagte er ruhig und mit einem Lächeln auf den Lippen. »Leg dich hin und erde dich. «

Er führte mich zu einer offenen Stelle innerhalb unseres Kreises, und ich legte mich auf den Rücken und spürte, wie das lebendige Pulsieren der Erde mich zentrierte und den Energiefluss in mir beruhigte, bis ich mich wieder normal fühlte. Mein Wahrnehmungsvermögen konzentrierte sich, und ich sah den Hexenzirkel deutlich um mich herum, sah die Kerzen, die Sterne und die Früchte wieder als das, was sie waren, und nicht als pulsierende Energiekleckse.

»Was geschieht mit mir?«, flüsterte ich. Cal setzte sich im Schneidersitz hinter mich und hob meinen Kopf auf seinen Schoß, streichelte mein Haar, das über seine Beine fiel. Robbie kniete sich neben ihn. Ethan, Beth und Sharon kamen näher, spähten über seine Schulter auf mich, als wäre ich ein Ausstellungsobjekt in einem Museum. Jenna hielt Matt um die Taille, als hätte sie Angst. Raven und Bree waren am weitesten weg, Bree entgeistert und ernst.

»Du hast Magie gewirkt«, sagte Cal und sah mich mit seinen unendlich dunklen goldbraunen Augen an. »Du bist eine Bluthexe.«

Meine Augen weiteten sich, als sein Gesicht langsam den Mond verdunkelte. Seine Augen blickten tief in die meinen, und dann berührte er meinen Mund mit seinen Lippen, und schockiert wurde mir klar, dass er mich küsste. Meine Arme waren schwer, als ich sie hob und um seinen Hals schlang, und dann erwiderte ich seinen Kuss und wir waren vereint und die Magie knisterte um uns herum.

In diesem Augenblick reinen Glücks fragte ich mich nicht, was es für mich oder meine Familie bedeutete, dass ich eine Bluthexe war, oder was es für Bree oder Raven oder irgendjemanden bedeutete, dass Cal und ich zusammen waren. Es sollte meine erste Lektion in Magie sein, und es sollte eine harte Lektion sein: das große Bild zu sehen und nicht nur einen Teil davon.

1

NACH SAMHAIN

Dieses Buch ist ein Geschenk für meine Strahlendhelle, meine Feuerfee, Bradhadair, zu ihrem vierzehnten Geburtstag. Willkommen in Belwicket. In Liebe, Mathair.

Dieses Buch ist privat. Zutritt verboten.

Imbolc, 1976

Hier ein einfacher magischer Spruch, um mein Buch der Schatten zu beginnen. Ich habe ihn von Betts Towson, nur dass ich schwarze Kerzen benutze und sie blaue.

Um eine schlechte Gewohnheit loszuwerden:

Zünd Altarkerzen an.Zünd eine schwarze Kerze an. Sag dann laut: »Dies hemmt mich. Ich will es nie wieder tun. Es ist nicht mehr Teil von mir.«Zünd eine weiße Kerze an. Sag dann laut: »Dies sind meine Kraft und mein Mut und mein Sieg. Dieser Kampf ist schon gewonnen.«Stell dir im Geiste die schlechte Gewohnheit vor, die du loswerden möchtest. Stell dir vor, du bist frei davon. Nachdem du dir diese Freiheit einige Minuten vorgestellt hast, lösch erst die schwarze Kerze, dann die weiße.Wiederhol das Ritual falls nötig eine Woche später. Am besten bei abnehmendem Mond.

Ich habe dieses Ritual am letzten Donnerstag durchgeführt, als Teil meiner Initiation. Seither habe ich nicht mehr an den Nägeln gekaut.

– Bradhadair

Am Tag nach Samhain wurde ich ganz langsam wach. Ich versuchte, dem Licht hinter den geschlossenen Augenlidern zu widerstehen, doch schon bald war ich dennoch wach, ich konnte nichts dagegen tun.

In meinem Zimmer war es noch ziemlich dunkel. Es war der erste November und die Wärme des Herbstes hatte sich verabschiedet. Ich reckte mich, doch dann wurde ich plötzlich von so starken Erinnerungen und Empfindungen überschwemmt, dass ich mich kerzengerade im Bett aufsetzte.

Zitternd sah ich erneut vor mir, wie Cal sich über mich beugte und mich küsste. Sah mich, wie ich Cals Kuss erwiderte, die Arme um seinen Hals schlang, sein weiches Haar unter den Fingern spürte. Die Verbindung, die wir knüpften, unsere Magie, die Elektrizität, die Funken, die Art, wie das Universum um uns herumwirbelte … Ich bin eine Bluthexe, dachte ich. Ich bin eine Bluthexe, und Cal liebt mich, und ich liebe Cal. So ist es.

In der Nacht zuvor war ich zum ersten Mal geküsst worden, ich hatte meine erste Liebe gefunden. Ich hatte auch meine beste Freundin verraten und eine Spaltung meines neuen Hexenzirkels herbeigeführt. Und es war mir bewusst geworden, dass mich meine Eltern mein ganzes Leben lang angelogen hatten.

Und all das war an Samhain geschehen, am 31. Oktober, dem Neujahrsfest der Hexen. Mein neues Jahr, mein neues Leben.

Ich legte mich wieder hin, kuschelte mich in die tröstliche Behaglichkeit von Flanelllaken und Steppdecke. In der Nacht waren meine Träume Wirklichkeit geworden. Jetzt wurde mir mit einem kalten Gefühl im Magen bewusst, dass ich den Preis dafür zahlen musste. Ich fühlte mich viel älter als sechzehn.

Bluthexe, dachte ich. Cal sagte, ich wäre eine Bluthexe, und wie könnte ich nach der letzten Nacht, nach dem, was ich dort gemacht hatte, daran zweifeln? Es musste wahr sein. Ich war eine Bluthexe. In dem Blut, das durch meine Adern floss, waren mir Tausende Jahre gelebter Magie weitervererbt worden, Tausende Jahre, da Hexen untereinander geheiratet hatten.

Ich war eine von ihnen, ich entstammte einem der sieben großen Clans: Rowanwand, Wyndenkell, Leapvaughn, Vikroth, Brightendale, Burnhide und Woodbane.

Doch welchem? Rowanwand, Lehrern und Hütern des Wissens? Wyndenkell, kundigen Verfassern magischer Sprüche? Vikroth? Die Vikroth waren magische Krieger, die später mit den Wikingern verwandt waren. Ich lächelte. Ich fühlte mich nicht gerade wie eine Kriegerin.

Die Leapvaughns waren Unruhestifter und Possenreißer. Der Burnhide-Clan befasste sich hauptsächlich mit Magie mittels Edelsteinen, Kristallen und Metallen, und die Brightendales waren der Clan der Heiler, der die Magie der Pflanzen zum Heilen nutzte. Oder … Da war auch noch Woodbane. Mir schauderte. Ausgeschlossen, dass ich dem finsteren Clan entstammte, der um jeden Preis die Macht wollte, der die anderen Clans bekriegte und verriet, um Kontrolle über Land zu gewinnen, über magische Kräfte, über Wissen.

Ich überlegte. Falls ich tatsächlich von einem der sieben großen Clans abstammte, fühlte ich mich den Brightendales am nächsten, den Heilern. Ich hatte entdeckt, dass ich Pflanzen liebte, dass sie zu mir sprachen, dass es mir ganz natürlich gegeben war, ihre magischen Kräfte zu nutzen. Ich schlang die Arme um den Oberkörper und lächelte. Eine Brightendale. Eine richtige Bluthexe.

Was bedeutet, dass meine Eltern auch Bluthexen sein müssen, dachte ich. Ein verblüffender Gedanke. Ich überlegte, warum wir, solange ich denken konnte, jeden Sonntag in die Kirche gingen. Ich meine, ich mochte meine Kirche. Ich ging gern zum Gottesdienst. Es war schön, traditionell und tröstlich. Aber Wicca kam mir viel natürlicher vor.

Ich setzte mich wieder im Bett auf. Zwei Bilder überrannten mich immer wieder: wie Cal sich über mich beugte, seine goldbraunen Augen fest auf meine gerichtet. Und daneben Bree, meine beste Freundin – Schock und Schmerz standen ihr ins Gesicht geschrieben, als sie mit ansehen musste, wie Cal und ich uns küssten. Die Vorwürfe, der Schmerz, das Verlangen. Und Zorn.

Was habe ich bloß getan?, überlegte ich.

Ich hörte, wie meine Eltern unten in der Küche Kaffee aufsetzten und die Geschirrspülmaschine ausräumten. Ich ließ mich wieder ins Kissen sinken und lauschte den vertrauten Geräuschen: In meinem Leben hatte sich seit vergangener Nacht äußerlich überhaupt nichts verändert.

Jemand öffnete die Haustür, um die Zeitung reinzuholen. Heute war Sonntag, was Kirche bedeutete, gefolgt von Brunch im Widow’s Diner. Würde ich Cal später sehen? Würde ich mit ihm reden? Waren wir jetzt zusammen, waren wir ein Paar? Er hatte mich vor den anderen geküsst – bedeutete das etwas? Fühlte sich Cal Blaire, der schöne Cal Blaire, wirklich zu mir hingezogen, zu mir, Morgan Rowland? Zu mir, mit meiner flachen Brust und meiner energischen Nase? Zu mir, für die Jungen normalerweise keinen zweiten Blick übrighatten?

Ich starrte zur Decke hinauf, als ob die Antworten dort auf der rissigen Tapete stünden. Als die Tür zu meinem Zimmer plötzlich aufgerissen wurde, fuhr ich im Bett hoch.

»Kannst du mir das erklären?«, fragte meine Mutter, die braunen Augen weit aufgerissen, die Lippen zusammengekniffen, tief eingegrabene Falten um den Mund. Sie hielt ein paar Bücher hoch, die mit einer Schnur zu einem kleinen Stapel zusammengebunden waren. Es waren die Bücher, die ich bei Bree deponiert hatte, weil meine Eltern nicht wollten, dass ich sie las, meine Bücher über Wicca, die sieben großen Clans, die Geschichte der Hexerei. Auf einem Zettel, der an den Büchern klebte, stand in Großbuchstaben: »Morgan – die hast Du bei mir vergessen. Dachte mir, Du könntest sie brauchen.« Ich setzte mich auf und begriff, dass das Brees Rache war.

»Ich dachte, wir hätten eine Vereinbarung«, sagte meine Mutter und hob die Stimme. Sie beugte sich aus meiner Schlafzimmertür hinaus und rief: »Sean! «

Ich schwang die Beine aus dem Bett. Der Fußboden war kalt und ich schob rasch die Füße in meine Pantoffeln.

»Also?«, fragte meine Mutter betont laut, und mein Vater kam alarmiert in mein Zimmer.

»Mary Grace?«, fragte er. »Was ist los?«

Mom hielt die Bücher hoch, als wären sie eine tote Ratte. »Die lagen auf der Veranda vor dem Haus!«, sagte sie. »Sieh dir den Zettel an! «

Sie wandte sich wieder zu mir um. »Was hat das zu bedeuten?«, wollte sie ungläubig wissen. »Als ich gesagt habe, ich will diese Bücher nicht im Haus haben, hieß das nicht, dass es mir recht wäre, wenn du sie bei jemand anderem deponiertest! Du weißt, was das hieß, Morgan!«

»Mary Grace«, sagte mein Vater beschwichtigend und nahm ihr die Bücher ab. Schweigend las er die Titel.

Meine jüngere Schwester, Mary K., kam ins Zimmer getappt, sie trug noch ihren karierten Patchwork-Schlafanzug. »Was ist los?«, fragte sie und schob sich die Haare aus den Augen. Niemand antwortete.

Meine Gedanken rasten. »Die Bücher sind weder gefährlich noch illegal. Und ich wollte sie lesen. Ich bin kein Kind mehr – ich bin sechzehn. Und ich habe euren Wunsch respektiert, dass ihr sie nicht im Haus haben wollt.«

»Morgan«, sagte mein Vater in ungewohnt strengem Tonfall. »Es geht nicht nur darum, die Bücher nicht im Haus zu haben, und das weißt du sehr genau. Wir haben dir erklärt, dass wir als Katholiken Hexerei für falsch halten. Mag sein, dass es nicht illegal ist, aber es ist Blasphemie. «

»Du bist sechzehn«, warf Mom ein. »Nicht achtzehn. Das bedeutet, dass du immer noch ein Kind bist.« Ihr Gesicht war gerötet, ihr Haar ungekämmt. Ich konnte in dem Rot silberne Strähnen sehen. Auf einmal wurde mir bewusst, dass sie in vier Jahren fünfzig sein würde. Plötzlich kam mir das richtig alt vor.

»Du lebst unter unserem Dach«, fuhr Mom streng fort. »Wir unterstützen dich. Wenn du achtzehn bist und ausziehst und dir eine Arbeit suchst, kannst du alle Bücher besitzen, die du haben willst, kannst lesen, wonach dir der Sinn steht. Aber solange du in diesem Haus lebst, gilt, was wir sagen.«

Ich wurde langsam zornig. Warum stellten sie sich so an?

Doch bevor ich etwas sagte, ging mir ein Vers durch den Kopf: Zügele meinen Zorn, beruhige meine Worte. Sprich in Liebe und verletze nicht.

Wo kommt das her?, überlegte ich vage. Doch wo immer es herkam, es stimmte. Ich sagte es mir dreimal in Gedanken vor und spürte, wie mein innerer Aufruhr etwas abebbte.

»Verstehe«, sagte ich. Plötzlich fühlte ich mich stark und selbstbewusst. Ich sah meine Eltern und meine Schwester an. »Aber, Mom, so einfach ist das nicht«, erklärte ich leise. »Und du weißt auch, warum. Ich weiß, dass du es weißt. Ich bin eine Hexe. Ich wurde als Hexe geboren. Und wenn dem so ist, dann bist du auch eine Hexe.«

2

ANDERS

14. Dezember 1976

Kreisritual letzte Nacht am currachdag an der westlichen Klippe. Fünfzehn insgesamt, darunter ich, Angus, Mannannan, der restliche Belwicket und zwei Schüler, Tara und Cliff. Mir war kalt und es nieselte. Wir standen um den großen Torfhaufen herum und haben für die alte Mrs Paxham unten im Dorf, die krank ist, ein Heilritual gemacht. Ich habe cumhachd gespürt, die magische Kraft, in meinen Fingern, in meinen Armen, und ich war glücklich und habe stundenlang getanzt.

– Bradhadair

Meine Mutter sah aus, als würde sie jeden Augenblick der Schlag treffen. Meinem Vater blieb der Mund offen stehen. Mary K. starrte mich mit großen Augen an.

Moms Mund arbeitete, als wollte sie etwas sagen, bekam die Worte jedoch nicht formuliert. Ihr Gesicht war blass, und ich wollte ihr sagen, sie solle sich setzen, sich beruhigen. Doch ich schwieg. Ich wusste, dass dies hier ein Wendepunkt für uns war und dass ich unmöglich einlenken konnte.

»Was hast du da gesagt?« Ihre Stimme war ein raues Flüstern.

»Ich habe gesagt, dass ich eine Hexe bin«, wiederholte ich ruhig, obwohl meine Nerven bis zum Zerreißen gespannt waren. »Ich bin eine Bluthexe, ich habe es geerbt. Und wenn ich eine bin, dann müsst ihr beide auch welche sein. «

»Was redest du da?«, fragte Mary K. »So etwas wie Bluthexen gibt es nicht! Himmel, als Nächstes willst du uns wohl erzählen, es gäbe Vampire und Werwölfe.« Sie sah mich ungläubig an, in ihrem karierten Schlafanzug wirkte sie jung und unschuldig. Plötzlich überkamen mich Schuldgefühle, als hätte ich etwas Böses ins Haus gebracht. Doch das stimmte nicht, oder? Alles, was ich ins Haus gebracht hatte, war ich, war ein Teil von mir.

Ich hob die Hand und ließ sie wieder fallen, weil ich nicht wusste, was ich sagen sollte.

»Das kann ich dir unmöglich glauben«, sagte Mary K. »Was hast du mit ihnen vor?«, fragte sie und wies auf unsere Eltern.

Ohne auf sie zu achten, sagte Mom leise: »Du bist keine Hexe.«

Beinahe hätte ich höhnisch geschnaubt. »Mom, bitte. Das ist, als würdest du sagen, ich wäre kein Mädchen oder ich wäre kein Mensch. Natürlich bin ich eine Hexe und das weißt du ganz genau. Du hast es immer gewusst. «

»Morgan, hör auf damit! «, flehte Mary K. »Du machst mir Angst. Willst du Hexenbücher lesen? Schön! Lies Hexenbücher, zünd Kerzen an, was auch immer. Aber hör auf zu sagen, du wärst eine Hexe. Das ist Blödsinn! «

Mom richtete den Blick verdutzt auf Mary K.

»’tschuldigung«, murmelte Mary K.

»Es tut mir leid, Mary K.«, sagte ich. »Es ist nicht so, als wollte ich, dass das alles geschieht. Aber es ist wahr.« Ein Gedanke kam mir. »Du musst auch eine sein«, sagte ich, ganz fasziniert von der Vorstellung. Ich sah sie aufgeregt an. »Mary K., du musst auch eine Hexe sein!«

»Sie ist keine Hexe!«, schrie meine Mutter, und ich erstarrte, wie angewurzelt, beim Klang ihrer Stimme. Sie war unglaublich wütend, die Adern an ihrem Hals traten hervor, ihr Gesicht war gerötet. »Halt sie da raus!«

»Aber … «, setzte ich an.

»Mary K. ist keine Hexe, Morgan«, sagte mein Vater schroff.

Ich schüttelte den Kopf. »Aber sie muss eine sein«, sagte ich. »Ich meine, es wird vererbt. Und wenn ich eine bin, und ihr seid welche, dann…«

»Niemand ist hier eine Hexe«, sagte meine Mutter knapp, ohne mir in die Augen zu sehen. »Gewiss nicht Mary Kathleen. «

Sie leugneten es. Aber warum?

»Mom, es ist okay. Ehrlich. Mehr als okay. Eine Hexe zu sein ist etwas Tolles«, sagte ich und dachte zurück an das, was ich in der Nacht zuvor empfunden hatte. »Es ist wie…«

»Hörst du jetzt auf?«, platzte meine Mutter heraus. »Warum tust du das? Warum hörst du uns nicht zu?« Sie klang, als würde sie jeden Augenblick anfangen zu weinen, und in mir stieg eine neue Welle des Zorns auf.

»Ich kann euch nicht zuhören, weil ihr euch täuscht! «, sagte ich laut. »Warum leugnet ihr es?«

»Wir sind keine Hexen!«, schrie meine Mutter, als wollte sie es mir förmlich eintrichtern.

Sie starrte mich wütend an. Meinem Vater stand erneut der Mund offen und Mary K. sah ganz elend aus. Ich spürte, dass mir Tränen in die Augen stiegen.

»Oh«, fuhr ich auf. »Dann bin ich wohl eine Hexe und ihr nicht, richtig?« Ich schnaubte zornig, über ihre Starrköpfigkeit, ihre Lügen. »Was denn?« Ich verschränkte die Arme und sah sie an. »Bin ich etwa adoptiert? «

Schweigen. Ein ewiglanger Augenblick, in dem nur das Ticken der Uhr zu hören war, das leise Kratzen, mit dem die Äste der Ulme über meine Fensterscheiben fuhren. Mein Herzschlag schien in Zeitlupe zu schlagen. Mom tastete nach meinem Schreibtischstuhl und ließ sich schwer darauf sinken. Mein Vater trat von einem Fuß auf den anderen und blickte über meine linke Schulter ins Nichts. Mary K. starrte uns an.

»Was?« Ich versuchte zu lächeln. »Was? Was soll das heißen? Bin ich etwa tatsächlich adoptiert?«

»Natürlich bist du nicht adoptiert! «, sagte Mary K. und sah Mom und Dad Zustimmung heischend an.

Schweigen.

In meinem Innern kam eine Mauer zum Einsturz, und ich sah, was dahinter lag: eine ganze Welt, die ich nie im Traum vermutet hätte, eine Welt, in der ich adoptiert und biologisch nicht mit meiner Familie verwandt war. Es schnürte mir die Kehle zu, und mein Magen verkrampfte sich, und ich hatte Angst, ich müsste mich übergeben. Aber ich musste es wissen.

Ich schob mich an Mary K. vorbei in den Flur und polterte, zwei Stufen auf einmal nehmend, die Treppe hinunter. Als ich um die Ecke schoss, hörte ich schon meine Eltern hinter mir. Im Familienbüro riss ich den Aktenschrank meines Vaters auf, in dem er Sachen aufbewahrte wie Versicherungspolicen, unsere Reisepässe, Heiratsurkunde … Geburtsurkunden.

Keuchend kramte ich in den Akten über die Autoversicherung, die Klimaanlage vom Haus, den neuen Boiler. Auf meiner Akte stand »Morgan«. Ich zog sie in dem Augenblick heraus, da meine Eltern ins Büro kamen.

»Morgan! Nicht!«, rief Dad.

Ohne auf ihn zu achten, blätterte ich durch Impfpass, Schulzeugnisse, meine Sozialversicherungskarte.

Da war sie. Meine Geburtsurkunde. Ich holte sie heraus und überflog sie. Geboren am 23. November. Korrekt. Gewicht: 3900 Gramm.

Meine Mutter griff um mich herum und riss mir die Geburtsurkunde aus der Hand. Wie in einer Slapstickkomödie schnappte ich sie mir wieder. Sie hielt das Dokument mit beiden Händen fest und das Blatt riss mitten entzwei.

Ich ließ mich auf die Knie fallen und beugte mich abwehrend über meine Hälfte, die auf dem Boden lag, schützte sie, bis ich sie lesen konnte. Alter der Mutter: dreiundzwanzig. Nein. Das war falsch, denn Mom war schon dreißig gewesen, als sie mich bekommen hatte.

Dann blieb mein Blick an fünf Worten hängen, und die Ränder des Blatts verschwammen: Name der Mutter: Maeve Riordan.

Ich blinzelte, las es noch einmal und dann noch einmal mit Lichtgeschwindigkeit. Maeve Riordan. Name der Mutter: Maeve Riordan.

Mechanisch las ich bis zum unteren Ende meiner zerrissenen Seite, denn ich erwartete, den richtigen Namen meiner Mutter irgendwo zu sehen, Mary Grace Rowlands. Irgendwo.

Schockiert blickte ich zu meiner Mutter auf. Sie war in den letzten zwanzig Minuten um zehn Jahre gealtert. Mein Vater, hinter ihr, schwieg mit zusammengekniffenen Lippen.

Ich hielt das Blatt hoch, mein Hirn funktionierte nicht mehr. »Was bedeutet das?«, fragte ich wie belämmert.

Meine Eltern antworteten nicht und ich starrte sie an. Meine Ängste krachten in harten Wellen über mir zusammen. Plötzlich ertrug ich es nicht mehr, in ihrer Nähe zu sein. Ich musste fort. Ich stand auf, eilte aus dem Zimmer, stieß draußen mit Mary K. zusammen und warf sie beinahe um. Die zerrissene Geburtsurkunde schwebte zu Boden, während ich mich schon durch die Küchentür schob und mir meinen Autoschlüssel schnappte. Ich stürzte aus dem Haus, als wäre der Teufel leibhaftig hinter mir her.

3

FIND MICH

14. Mai 1977

Zur Schule zu gehen ist mir im Augenblick ganz schön lästig. Es ist Frühling, alles blüht. Ich gehe raus und sammele luibh – Pflanzen – für meine magischen Sprüche, und dann muss ich in die Schule gehen und Englisch lernen. Wozu? Ich lebe in Irland. Und überhaupt, ich bin jetzt fünfzehn, alt genug, um mit der Schule aufzuhören. Heute Abend ist Vollmond, und ich will einen magischen Wahrsagespruch anwenden, um in die Zukunft zu sehen. Ich hoffe, er sagt mir, ob ich in der Schule bleiben soll oder nicht. Aber Wahrsagen ist schwer zu kontrollieren.

Es gibt noch etwas, das ich wahrsagen will: Angus. Ist er mein mùirn beatha dàn? An Beltane hat er mich hinter den Strohmann gezogen und mich geküsst und gesagt, er liebt mich. Ich weiß nicht, was ich für ihn empfinde. Ich dachte, ich mag David O’Hearn. Aber er ist keiner von uns – keine Bluthexe –, Angus schon. Für jeden gibt es nur einen, mit dem er zusammen sein sollte: seine oder seinen mùirn beatha dàn. Für Ma war es Dad. Wer ist es für mich? Angus sagt, er wäre es. Wenn er es ist, habe ich keine Wahl, oder?

Um wahrzusagen: Ich nehme nur ganz selten Wasser – mit Wasser ist es am leichtesten, aber auch am wenigsten verlässlich. Also, man nimmt eine flache Schale sauberes Wasser und schaut unter dem offenem Himmel oder in der Nähe eines Fensters hinein. Man sieht ganz leicht Dinge, aber sie sind so oft falsch, dass ich finde, man handelt sich damit nur Scherereien ein.

Am besten kann man wahrsagen, wenn man einen verzauberten leug benutzt, wie zum Beispiel einen Blutstein oder Hämatit oder einen Kristall, doch die sind schwer zu kriegen. Sie sagen die Zukunft am verlässlichsten voraus, aber man muss sich wappnen gegen Dinge, die man nicht sehen oder wissen will. Mit Steinen wahrzusagen ist gut, um Dinge zu sehen, die woanders passieren, wenn man zum Beispiel nach einem geliebten Menschen oder nach einem Feind im Kampf schauen möchte. Normalerweise wahrsage ich mit Feuer. Feuer ist unberechenbar. Aber ich bin aus Feuer gemacht, wir sind eins, und so spricht es zu mir. Wenn ich mit Feuer wahrsage, dann kann es, wenn ich etwas sehe, Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft sein. Natürlich ist die Zukunft nur eine mögliche Zukunft. Aber was ich im Feuer sehe, ist wahr, so wahr, wie es nur sein kann.

Ich liebe das Feuer.

– Bradhadair

Ich lief über den frostharten Rasen, der leise unter meinen Pantoffeln knirschte. Hinter mir ging die Haustür auf, doch ich schob mich schon auf den eiskalten Vinylbezug des Fahrersitzes meines weißen Valiant, Baujahr ’71, genannt Das Boot, und warf den Motor an.

»Morgan! «, rief mein Vater, als ich mit quietschenden Reifen aus der Einfahrt fuhr, und das Auto schlingerte wie ein Boot auf rauer See. Dann bretterte ich los, während ich im Rückspiegel einen Blick auf meine Eltern warf, die vor unserem Haus auf dem Rasen standen. Mom sank zu Boden; Dad versuchte, sie zu halten. Ich brach in Tränen aus und bog zu schnell auf den Riverdale Drive.

Schluchzend wischte ich mir mit einer Hand die Tränen aus dem Gesicht und fuhr mir dann mit dem Ärmel über die Nase. Ich drehte die Heizung auf, doch es dauerte natürlich ewig, bis der Motor warm wurde.

Ich war schon in Brees Straße eingebogen, bevor mir wieder einfiel, dass wir ja keine Freundinnen mehr waren. Wenn sie die Bücher nicht auf die Veranda vor unserem Haus gelegt hätte, wüsste ich jetzt nicht, dass ich adoptiert war. Wenn Cal nicht zwischen uns getreten wäre, hätte sie nie die Bücher auf unsere Veranda gelegt.

Ich weinte noch mehr, schluchzte zitternd und wendete nachlässig in einem Zug, bevor ich ihre Einfahrt erreichte. Dann gab ich Gas und fuhr. Mein einziges Ziel war nur weg, weg.

Als ich das nächste Mal klar sehen konnte, gelang es mir, unter dem Fahrersitz eine ramponierte Schachtel Taschentücher hervorzuziehen. Schnell lagen überall auf dem Beifahrersitz und dem Boden feuchte, zerknüllte Tücher herum. Letztendlich war ich nach Norden gefahren, raus aus der Stadt. Die Straße folgte einem breiten Tal und früher Nebel klebte schwer am Asphalt. Es kam mir vor, als pflügte Das Boot hindurch wie ein Ziegelstein, der durch eine Wolke geworfen wurde. In der Ferne sah ich am Straßenrand einen großen, dunklen Schatten. Es war die Weideneiche, unter der wir am Abend zuvor geparkt hatten, um Samhain zu feiern. Und wo ich auch das erste Mal stand, als ich mit Cal einen Kreis gemacht hatte, vor ein paar Wochen. Als die Magie in mein Leben gekommen war.

Ohne lange zu überlegen, lenkte ich mein Auto von der Straße und holperte über das Feld, bis ich unter den tiefhängenden Ästen der Weideneiche zum Stehen kam. Hier war ich vom Nebel und vom Baum verborgen. Ich machte den Motor aus, lehnte mich ans Lenkrad und versuchte, den Strom der Tränen zu bremsen.

Adoptiert. Sämtliche Beispiele, sämtliche einzelnen Vorfälle, bei denen ich anders gewesen war als meine Familie, schossen vor meinem inneren Auge hoch, um mich zu verhöhnen. Gestern waren das nur Familienwitze gewesen – dass die drei Lerchen waren und ich eine Nachteule, dass sie unnatürlich gut gelaunt waren und ich mürrisch. Dass Mom und Mary K. kurvig und süß waren und ich dünn und angestrengt. Heute erzeugten diese Witze Wellen des Schmerzes, als ich sie mir einen nach dem anderen in Erinnerung rief.

»Verdammt! Verdammt! Verdammt! «, brüllte ich und hämmerte mit den Fäusten auf das Lenkrad ein, bis meine Hände taub waren, bis ich sämtliche Flüche losgelassen hatte, die ich kannte, bis mein Hals rau war.

Dann legte ich mich quer über den Sitz und weinte wieder. Ich wusste nicht, wie lange ich schon dort war, in meinem Wagen im Nebel eingehüllt. Ab und zu schaltete ich die Heizung ein, um nicht zu frieren. Die Fenster beschlugen von meinen Tränen.

Ganz allmählich schwächten sich meine Schluchzer zu einem zittrigen Schluckauf und einem gelegentlichen Schaudern ab. O Cal, dachte ich. Ich brauche dich, Cal. Sobald ich das dachte, kam mir ein Vers in den Sinn: In Gedanken seh ich dich hier. In meinem Schmerz brauch ich dich sehr. Such mich, find mich, wo ich bin. Komm jetzt, komm jetzt, komm hierhin.

Ich wusste nicht, woher dieser Vers kam, doch inzwischen hatte ich mich langsam daran gewöhnt, dass mich seltsame Gedanken überkamen. Ich wurde ruhiger, als ich ihn hörte, also sagte ich ihn mir immer wieder vor. Ich schlug den Arm über meine Augen, betete verzweifelt, dass ich im Bett zu Hause aufwachen und feststellen würde, dass das Ganze nur ein Albtraum gewesen war.

Minuten später fuhr ich zusammen, als jemand auf der Beifahrerseite ans Fenster klopfte. Ich riss die Augen auf und setzte mich auf, dann wischte ich einen Fleck auf dem beschlagenen Glas frei und sah Cal, verschlafen und zerknittert und erstaunlich schön.

»Du hast mich gerufen?«, fragte er, und mein Herz füllte sich mit Sonnenschein. »Lass mich rein … es ist saukalt hier draußen.«

Es hat funktioniert, dachte ich ehrfürchtig. Ich habe ihn mit meinen Gedanken hergerufen. Magie.

Ich öffnete die Tür und rutschte rüber. Er setzte sich neben mich, und ich staunte, wie selbstverständlich es war, die Hand nach ihm auszustrecken und zu spüren, wie er den Arm um mich legte.

»Was ist los?«, fragte er, seine Stimme dumpf in meinem Haar. »Was ist passiert?« Er hielt mich von sich weg und ließ den Blick forschend über mein tränengerötetes Gesicht schweifen.

»Ich bin adoptiert! «, platzte ich heraus. »Ich habe meiner Mutter heute Morgen gesagt, dass ich eine Bluthexe bin und dass sie also auch eine sein muss, und mein Vater und meine Schwester auch. Sie haben gesagt, das sei nicht wahr. Also bin ich runtergelaufen und habe meine Geburtsurkunde rausgekramt, und da stand der Name einer fremden Frau drauf, nicht der meiner Mutter. «

Ich fing wieder an zu weinen, obwohl es mir peinlich war, dass er mich so sah. Er zog mich an sich und hielt meinen Kopf an seiner Schulter. Es war so tröstlich, dass ich fast sofort wieder aufhörte zu schluchzen.

»Das ist nicht schön, es auf diese Weise herauszufinden. « Er küsste meine Schläfe und ein winziges erregtes Zittern wanderte meine Wirbelsäule hoch. Ein Wunder, dachte ich. Er liebt mich immer noch, selbst heute. Es war kein Traum.

Er löste sich und wir betrachteten einander im diesigen Licht. Ich kam einfach nicht darüber hinweg, wie schön er war. Seine Haut war glatt und gebräunt, selbst im November. Sein dunkles Haar fühlte sich dick an unter meinen Fingern und war mit Strähnen in warmen Walnusstönen durchsetzt. Seine Augen waren umgeben von kühnen schwarzen Wimpern, seine Iris glühten so goldbraun, dass sie förmlich Hitze auszustrahlen schienen.

Ich wurde unsicher, als ich merkte, dass er mich genauso musterte wie ich ihn. Ein winziges Lächeln umspielte seine Mundwinkel. »Bist wohl in Eile weg, was?«

Erst da ging mir auf, dass ich noch mein übergroßes Fußballtrikot und eine alte lange Unterhose von meinem Vater trug, samt Eingriff. Und meine Füße steckten in einem Paar großer pelziger Bärentatzen-Pantoffel. Cal langte hinunter und kitzelte die Tatzen. Ich dachte an die seidigen Dinger, die Bree zum Schlafen trug, und mit einem stechenden Schmerz, bei dem ich nach Luft schnappen musste, fiel mir wieder ein, dass sie mir gesagt hatte, sie und Cal wären miteinander im Bett gewesen. Ich forschte in seinen Augen, überlegte, ob es stimmte, überlegte, ob ich es ertragen würde, es zu wissen.

Aber jetzt war er hier. Bei mir.

»Du bist das Beste, was ich den ganzen Morgen gesehen habe«, sagte Cal leise und streichelte meinen Arm. »Ich bin froh, dass du mich gerufen hast. Du hast mir gefehlt gestern Abend, als ich zu Hause war. «

Ich senkte den Blick, dachte daran, wie er in seinem großen, romantischen Bett lag, während sich die Vorhänge bewegten und überall ringsum Kerzen flackerten. Er hatte an mich gedacht, während er dort lag.

»Sag mal … Woher weißt du eigentlich, wie du mich rufen musst? Hast du das in einem Buch gelesen?«

»Nein«, sagte ich und überlegte. »Ich glaube nicht. Ich habe nur hier gesessen, todunglücklich, und gedacht, wenn du hier wärst, würde ich mich besser fühlen, und dann ist mir ein kleiner Vers in den Sinn gekommen, und ich habe ihn aufgesagt. «

»Aha«, meinte Cal nachdenklich.

»Hätte ich das nicht tun sollen?«, fragte ich verwirrt. »Manchmal gehen mir solche Sachen einfach durch den Kopf.«

»Nein, es ist in Ordnung«, sagte Cal. »Es bedeutet nur, dass du stark bist. Du hast von deinen Vorfahren Erinnerungen an magische Sprüche geerbt. Die hat nicht jede Hexe.« Er nickte nachdenklich. »Erzähl mal«, sagte er dann. »Deine Eltern haben dir also bisher nicht gesagt, dass du adoptiert bist?« Er ließ den Arm weiter auf der Rückenlehne liegen und streichelte mein Haar und meinen Hals.

»Nein.« Ich schüttelte den Kopf. »Nie. Dabei sollte man meinen, sie hätten mal was erwähnt … wo ich doch so anders bin als sie.«

Cal neigte den Kopf zur Seite und sah mich an. »Ich bin deinen Eltern noch nie begegnet«, sagte er. »Aber deiner Schwester siehst du auf jeden Fall nicht ähnlich, das stimmt. Mary K. sieht süß aus.« Er lächelte. »Sie ist hübsch.«

Heiße Eifersucht brannte in meiner Brust.

»Du siehst nicht süß aus«, fuhr Cal fort. »Du siehst ernst aus. Tief. Als würdest du nachdenken. Und du bist eher umwerfend als hübsch. Du gehörst zu den Mädchen, bei denen einem gar nicht auffällt, wie schön sie sind, bis man mal genauer hinguckt.« Seine Stimme verlor sich und er kam mit dem Gesicht ganz nah. »Und plötzlich trifft es einen wie ein Schlag«, flüsterte er. »Und man denkt: Göttin, mach sie mein.«

Seine Lippen berührten wieder die meinen und meine Gedanken schlugen Purzelbäume. Ich schlang die Arme um Cals Schultern, küsste ihn innig und zog ihn an mich. Alles, was ich wollte, war, mit ihm zusammen zu sein, nie von ihm getrennt zu sein.

Minuten verstrichen, in denen ich nur unsere Atemzüge hörte, unsere Lippen, die einander fanden und sich wieder lösten, das Knittern des Sitzbezugs, als wir näher aneinander heranrückten. Bald lag Cal auf mir, drückte mich mit seinem Gewicht in den Sitz. Seine Hand strich über meine Taille, über meine Rippen, über meine Hüfte. Dann war sie unter dem Saum meines Unterhemds, warm auf meinen Brüsten, und Schockwellen durchfuhren mich.

»Stopp!«, sagte ich, fast ein wenig ängstlich. »Warte.«

Meine Stimme schien in dem stillen Auto nachzuhallen. Cal zog sofort die Hand weg. Er drückte sich hoch, sah mir in die Augen und lehnte sich dann mit dem Rücken gegen die Fahrertür. Er keuchte.

Ich war beschämt. Du Idiot, dachte ich. Er war fast achtzehn! Er hatte auf jeden Fall schon mal Sex. Vielleicht sogar mit Bree, fügte eine leise Stimme hinzu.

Ich schüttelte den Kopf. »Tut mir leid«, sagte ich bemüht lässig. »Ich war bloß überrascht. «

»Nein, nein, mir tut es leid«, sagte er. Er nahm meine Hand, und ich war fasziniert von ihrer Wärme, ihrer Kraft. »Du hast mich hergerufen und ich falle über dich her. Das hätte ich nicht tun sollen. Es tut mir leid. « Er hob meine Hand an seine Lippen und küsste meine Finger. »Die Sache ist die, dass ich dich vom ersten Augenblick an, da wir uns begegnet sind, küssen wollte.« Er lächelte ein wenig.

Ich entspannte mich. »Ich wollte dich auch küssen«, gestand ich.

Er lächelte.

»Meine Hexe«, sagte er und fuhr mit einem Finger über meine Wange, wo er eine leichte, warme Spur hinterließ. »Und wie kam es, dass du deiner Mutter gesagt hast, dass du eine Bluthexe bist?«

Ich seufzte. »Sie hat heute Morgen auf der Veranda vor dem Haus einen Stapel meiner Bücher über Wicca und Magie gefunden. Sie kam in mein Zimmer gestürmt, hat mich angeschrien und gesagt, sie wären blasphemisch.« Ich klang gefasster, als mir zumute war, wenn ich an die schreckliche Szene zurückdachte. »Ich fand das ganz schön scheinheilig – ich meine, wenn ich eine Bluthexe bin, dann müssen sie und mein Vater auch welche sein. Richtig?«

»So ziemlich«, sagte Cal. »Auf jeden Fall bei jemandem, der so starke magische Kräfte besitzt wie du, da müssen beide Eltern Hexen sein.«

Ich runzelte die Stirn. »Was ist bei nur einem Elternteil ?«

»Ein gewöhnlicher Mann und eine weibliche Hexe können keine Kinder miteinander zeugen«, erklärte Cal. »Eine männliche Hexe kann eine gewöhnliche Frau schwängern, aber nur ganz bewusst. Und ihr Baby hätte allenfalls schwache magische Kräfte, womöglich auch gar keine. Nicht so wie du.«

Ich hatte das Gefühl, als hätte ich etwas vollbracht: Ich war eine mächtige Hexe.

»Okay«, sagte Cal. »Und warum waren deine Bücher auf der Veranda? Hattest du sie versteckt?«

»Ja«, antwortete ich bitter. »Bei Bree zu Hause. Und sie hat sie heute Morgen bei uns auf der Veranda abgelegt. Weil wir uns letzte Nacht geküsst haben.«

»Was?« fragte Cal, und ein dunkler Schatten zog über sein Gesicht.

Ich zuckte die Achseln. »Bree hat dich … hat dich wirklich gewollt. Will dich. Und als du mich gestern Abend geküsst hast … Ich weiß, dass sie das Gefühl hat, ich hätte sie hintergangen.« Ich schluckte und blickte aus dem Fenster. »Ich habe sie hintergangen«, sagte ich leise. »Ich habe gewusst, was sie für dich empfindet.«

Cal senkte den Blick. Er nahm eine lange Strähne meines Haars und wickelte sie sich immer wieder um die Hand. »Was empfindest du denn für mich?«, fragte er nach einem Augenblick.

In der vergangenen Nacht hatte er gesagt, er liebe mich. Ich sah ihn an, blickte dann an ihm vorbei nach draußen, wo die blasse Novembersonne den Nebel vertrieb. Ich atmete tief durch und versuchte, das plötzliche schnelle Schlagen meines Herzschlags zu beruhigen. »Ich liebe dich«, sagte ich. Meine Stimme war kaum mehr als ein heiseres Flüstern.

Cal schaute auf und begegnete meinem Blick. Seine Augen strahlten. »Ich liebe dich auch. Es tut mir leid, dass Bree gekränkt ist, aber dass sie Gefühle für mich hat, bedeutet nicht, dass wir nicht zusammen sein können. «

Hat es dich daran gehindert, mit ihr zu schlafen?, hätte ich ihn beinahe gefragt, doch ich brachte es einfach nicht über mich. Ich war mir immer noch nicht sicher, ob ich es wirklich wissen wollte.

»Und es tut mir leid, dass Bree es an dir auslässt«, sagte er. Er machte eine Pause. »Dann hat deine Mutter also die Bücher gefunden und war aufgebracht deswegen. Du dachtest, sie würde leugnen, dass sie selbst auch eine Hexe ist, richtig?«

»Ja. Nicht nur sie, sondern auch mein Vater und meine Schwester«, sagte ich. »Aber als ich das gesagt habe, sind meine Eltern völlig durchgedreht. Ich habe sie noch nie so außer sich erlebt. Und da habe ich gesagt : ›Also, was dann? Bin ich etwa adoptiert?‹ Und sie haben diesen schrecklichen Gesichtsausdruck bekommen. Sie wollten mir nicht antworten. Und plötzlich musste ich es einfach wissen. Also bin ich die Treppe runtergelaufen und habe meine Geburtsurkunde rausgesucht. «

»Und auf der stand ein anderer Name.«

»Ja. Maeve Riordan.«

Cal richtete sich alarmiert auf. »Ehrlich?«

Ich starrte ihn an. »Wie? Sagt dir der Name etwas?«

»Er kommt mir irgendwie bekannt vor.« Er sah aus dem Fenster und überlegte, runzelte die Stirn und schüttelte dann den Kopf. »Nein, vielleicht auch nicht. Ich weiß nicht, wo ich ihn einordnen soll. «

»Oh.« Ich schluckte meine Enttäuschung herunter.

»Was hast du jetzt vor? Willst du mit zu mir nach Hause kommen?« Er lächelte. »Wir könnten schwimmen gehen.«

»Nein, danke«, sagte ich und dachte daran, wie die Mitglieder des Kreises sich nackt in seinen Pool gestürzt hatten. Ich war die Einzige gewesen, die die Kleider anbehalten hatte.

Cal lachte. »Ich war ganz schön enttäuscht in der Nacht, weißt du«, sagte er und sah mich an.

»Warst du nicht«, erwiderte ich und verschränkte die Arme über der Brust. Er kicherte leise.

»Ernsthaft, willst du mit zu mir kommen? Oder soll ich mit zu dir nach Hause fahren und dir helfen, mit deinen Eltern zu reden?«

»Danke«, sagte ich, gerührt über sein Angebot. »Aber ich glaube, ich sollte allein nach Hause fahren. Mit ein bisschen Glück sind sie eh in der Kirche. Es ist Allerheiligen. «

»Was ist das?«, fragte Cal.

Ich erinnerte mich, dass er nicht katholisch war – und auch keiner anderen christlichen Religion angehörte. »Allerheiligen«, sagte ich, »ist der Tag nach Halloween. Für Katholiken ist das ein besonderer Feiertag. Da gehen wir auf den Friedhof und kümmern uns um unsere Familiengräber. Schneiden das Gras, pflanzen frische Blumen.«

»Cool«, sagte Cal. »Eine schöne Tradition. Witzig, dass es ausgerechnet der Tag nach Samhain ist. Andererseits scheint es, als hätten viele christliche Feiertage ihren Ursprung in Wicca-Feiertagen aus uralten Zeiten.«

Ich nickte. »Ich weiß. Aber tu mir einen Gefallen und erwähn das nicht gegenüber meinen Eltern«, sagte ich. »Egal, ich fahr wohl besser mal nach Hause.«

»Okay. Kann ich dich später anrufen?«

»Ja«, sagte ich und konnte nicht aufhören zu lächeln.

»Ich glaube, ich nehme aber das Telefon«, sagte er grinsend.

Dass er gekommen war, als ich meinen Vers aufgesagt hatte – ich staunte immer noch darüber, dass es funktioniert hatte.

Er stieg aus Das Boot in die kühle, frische Novemberluft, ging zu seinem Auto und fuhr los. Ich winkte ihm hinterher.

Meine Welt war sonnendurchflutet. Cal liebte mich.

cbt ist der Jugendbuchverlag in der Verlagsgruppe Random House

1. Auflage

Erstmals als cbt Taschenbuch Mai 2011

Gesetzt nach den Regeln der Rechtschreibreform © 2001 17th Street Productions, an Alloy company, and Gabrielle Charbonnet

Die amerikanische Originalausgabe erschien unter dem Titel »Sweep – The Coven« bei Penguin US, New York. © 2011 cbt Verlag, München in der Verlagsgruppe Random House GmbH Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten Übersetzung: Elvira Willems

kg ∙ Herstellung: AnG Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

eISBN 978-3-641-06426-6

www.cbt-jugendbuch.de

www.randomhouse.de

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