Immortal Beloved (Band 1) - Entflammt - Cate Tiernan - E-Book

Immortal Beloved (Band 1) - Entflammt E-Book

Cate Tiernan

0,0

Beschreibung

Die Immortal Beloved-Trilogie überzeugt mit einer fantastischen Geschichte, zeitlosen Charakteren und einer unsterblichen Liebe. Ein Muss für alle, die gerne Romantasy lesen! Nastasja ist 459 Jahre alt, sieht aber aus wie 18. Kein Wunder, denn sie ist unsterblich. Mit ihrem Freund Incy, einem gefährlich dunklen Unsterblichen, zieht sie durch die Metropolen der Welt, immer auf der Suche nach der nächsten Party. Schon lange ist sie der Ewigkeit überdrüssig, zu schwer lasten die Erinnerungen auf ihr. Eines Tages hält sie es nicht mehr aus: Hals über Kopf flieht sie vor Incy – und vor sich selbst. Unterschlupf findet sie bei River, einer uralten Unsterblichen. Dort begegnet sie Reyn, in den sie sich auf den ersten Blick verliebt. Doch ausgerechnet er will, dass sie wieder geht. Nastasja bleibt – und schwebt schon bald in Gefahr. Wer ist es, der sie mit bösen Flüchen verfolgt? Incy, der ihr schon dicht auf den Fersen ist, oder Reyn, den sie von früher zu kennen glaubt? Trotz aller Zweifel nähert sie sich Reyn, bis sie mit Schrecken erkennt, wann sich ihre Wege schon einmal gekreuzt haben … "Entflammt" ist der erste Band der Immortal Beloved-Trilogie.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 477

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Meinem Ehemann Paul gewidmet, für seine bedingungslose Liebe. Deine Unterstützung hat all dies möglich gemacht.

1

Letzte Nacht ist meine ganze Welt zusammengebrochen. Und jetzt habe ich Panik.

Der eine oder andere kennt das vielleicht: Man lebt sein Leben, ganz normal, und dann passiert plötzlich etwas, das einen total erschüttert. Man sieht oder hört etwas und auf einmal zerplatzt alles, was man ist, alles, was man tut, in tausend scharfkantige Splitter bitterer Erkenntnis.

Mir ist es letzte Nacht so ergangen.

Ich war in London. Mit Freunden, wie gewöhnlich. Wir waren ausgegangen, wie sonst auch.

»Nein, nein, biegen Sie hier ab!« Boz beugte sich vor und pikste den Taxifahrer in die Schulter. »Hier!«

Der Fahrer, dessen breites Kreuz sein Sweatshirt und die karierte Weste zu sprengen drohte, drehte sich um und bedachte Boz mit einem Blick, der einen normalen Menschen dazu gebracht hätte, sich zurückzulehnen und still zu sein.

Aber Boz ist kein normaler Mensch: Er sieht besser aus als die meisten anderen Leute und ist frecher, lustiger und bei Gott auch dämlicher als die meisten anderen. Wir kamen gerade von einem Tanzclub, in dem es plötzlich zu einer Messerstecherei gekommen war. Diese beiden irren Tussen hatten sich gegenseitig die Haare ausgerissen und gekeift wie Fischweiber und dann hatte eine von ihnen ein Messer gezogen. Meine Truppe wollte bleiben und zusehen – die stehen auf so was –, aber ich hatte schon genug Kämpfe in meinem Leben gesehen. Also hatte ich die anderen mitgezogen, wir waren in die Nacht hinausgestolpert und hatten das Glück, ein Taxi zu erwischen, bevor die Kälte uns zu sehr ausnüchtern konnte.

»Hier! Genau in der Mitte des Blocks, guter Mann!«, sagte Boz und handelte sich damit einen so mörderischen Blick ein, dass ich wieder einmal heilfroh war, dass das gute alte England so strenge Waffengesetze hatte.

»Guter Mann?« Cicely kicherte neben mir. Wir hatten uns zu sechst auf die Sitze des großen schwarzen Taxis gequetscht. Wir hätten noch mehr Leute mitnehmen können, aber die Erfahrung hatte uns gelehrt, dass nicht mehr als sechs dürre Unsterbliche in ein Londoner Taxi passten, und das auch nur, solange keiner kotzte.

»Ja, James«, rief Cicely frech. »Halten Sie hier.«

Der Fahrer rammte den Fuß auf die Bremse und wir schossen alle nach vorn. Boz und Katy knallten mit dem Kopf gegen die Trennscheibe. Stratton, Innocencio und ich flogen von unserem Sitz und landeten in einem wirren, kichernden Haufen auf dem dreckigen Boden des Taxis.

»He!«, beschwerte sich Boz und rieb sich die Stirn.

Innocencio fand mich unter dem Gewirr von Armen und Beinen. »Alles in Ordnung, Nas?«

Ich nickte, immer noch lachend.

»Raus aus meinem Wagen!«, bellte der Taxifahrer. Er hievte sich vom Fahrersitz, ging um den Wagen herum und riss unsere Tür auf. Ich lehnte mit dem Rücken an der Tür, fiel natürlich sofort hinaus und schlug mit dem Kopf auf den Bordstein.

»Au! Au!« Der Bordstein war nass, es hatte geregnet. Der Schmerz, die Kälte und die Nässe drangen allerdings kaum in mein Bewusstsein. Von dem Messerkampf mal abgesehen hatten wir an diesem Abend schon so ausgiebig gefeiert, dass ich das Gefühl hatte, in einem warmen Kokon verschwommenen Wohlbefindens zu stecken.

»Raus!«, verlangte der Fahrer noch einmal, packte meine Schulter und zerrte mich aus dem Weg. Er ließ mich auf den Bürgersteig fallen und griff nach Incy.

Ich runzelte die Stirn, rieb mir die Schultern und setzte mich auf. Wir waren noch einen Block vom Dungeon entfernt, der nächsten schäbigen Bar, in der wir häufig abhingen. Der Weg dorthin war dunkel und verlassen und leere Grundstücke wechselten sich mit ausgebrannten Crack-Häusern ab, was die Straße aussehen ließ, als hätte sie Zahnlücken.

»Schon gut, Hände weg!«, sagte Innocencio und landete neben mir auf dem Bürgersteig. Seine Miene war eisig und er sah wacher aus, als ich gedacht hätte.

»Blödes Pack!«, schimpfte der Fahrer. »Solche wie euch will ich nicht in meinem Taxi haben! Reiche Gören, die sich einbilden, was Besseres zu sein!« Er beugte sich ins Taxi und packte Katy am Kragen, während Boz schon freiwillig ausstieg.

»Oh – ich muss mich übergeben«, murmelte Katy, die noch halb im Taxi steckte. Boz sprang gerade rechtzeitig aus dem Weg und schon verabschiedete sich Katys Magen von einer Abendration Jameson Whisky – direkt auf die Schuhe des Taxifahrers.

»Verfluchter Dreck!«, brüllte der Fahrer und schüttelte angewidert seine Füße.

Boz und ich kicherten – wir konnten nicht anders. Das hatte der fiese Typ mehr als verdient.

Der Fahrer packte Katys Arme und wollte sie auf den Bürgersteig ziehen, doch da murmelte Incy plötzlich etwas und ließ seine Hand aufschnappen.

Mir blieb nur der Bruchteil einer Sekunde, um Häh? zu denken, dann taumelte der Fahrer auch schon, als wäre er von einer Axt getroffen worden. Katy sackte unter seinen Händen weg und er kippte hintenüber, die Wirbelsäule grotesk verbogen. Schwer krachte er auf den Boden, das Gesicht kreideweiß, die Augen weit aufgerissen.

Mich überkam eine Welle der Übelkeit und Müdigkeit – vielleicht hatte ich doch mehr getrunken, als ich dachte. »Incy, was hast du gemacht?«, fragte ich verständnislos, als ich mich aufrappelte. »Hast du Magie bei ihm angewendet?« Ich lachte kurz auf – die Vorstellung war zu lächerlich. Ich lehnte mich an einen Laternenpfahl und hob mein Gesicht in den kühlen Nebel. Ein paarmal tief durchatmen, dann würde es mir besser gehen.

Katy blinzelte weggetreten und Boz kicherte.

Innocencio stand vom Boden auf und starrte missmutig auf seine neuen D&G-Stiefel, die vom Regen ganz fleckig waren.

Stratton und Cicely stiegen auf der anderen Seite aus und kamen um das Taxi herum zu uns. Sie sahen hinunter auf den Fahrer, der wie erstarrt auf dem nassen Gehweg lag, und schüttelten den Kopf.

»Sehr gut«, sagte Stratton zu Incy. »Sehr beeindruckend, du großer Zauberer. Und jetzt kannst du das arme Schwein wieder aufstehen lassen.«

Wir sahen einander an und dann wieder den Taxifahrer. Ich konnte mich nicht mehr erinnern, wann ich das letzte Mal Magie auf diese Weise angewendet gesehen hatte. Klar, um einen anständigen Tisch im Restaurant zu kriegen oder die letzte U-Bahn zu erwischen …

»Das denke ich nicht, Strat«, sagte Innocencio mit immer noch finsterer Miene. »Ich finde, dass er kein sehr netter Mensch ist.«

Stratton und ich tauschten einen Blick. Ich tippte Innocencio auf die Schulter. Wir waren nun schon fast ein Jahrhundert ein eingespieltes Team und kannten einander wirklich gut, aber diese eisige Wut hatte ich bei ihm noch nicht sehr oft zu sehen bekommen. »Dann lass ihn halt da liegen. In ein paar Minuten kann er wieder aufstehen, oder? Lass uns gehen – ich hab Durst. Und ich schätze, Katy kann jetzt auch wieder was vertragen.«

Katy verzog das Gesicht.

»Ja, lasst uns gehen«, sagte Cicely. »Heute Abend spielt eine Band und ich will tanzen.«

»Wenn der Typ wieder zu sich kommt, sind wir längst weg.« Ich zupfte an Incys Ärmel.

»Warte noch«, sagte Incy.

»Lass ihn«, drängte ich. Ich kam mir ein bisschen gemein vor, den Fahrer bei dem kalten Nieselwetter einfach liegen zu lassen, aber er würde okay sein, sobald die Verwünschung nachließ.

Zu meinem Erstaunen schüttelte Innocencio meine Hand ab. Vor meinen Augen ließ er über dem Fahrer beide Hände aufschnappen. Seine Lippen bewegten sich, aber ich konnte nicht hören, was er sagte.

Mit einem lauten, grässlichen Knacken bäumte sich der Taxifahrer plötzlich auf. Sein Mund öffnete sich zu einem Schrei, der ihm jedoch im Hals stecken blieb.

Wieder überkam mich eine Welle der Übelkeit und mir wurde schwarz vor Augen. Ich blinzelte ein paarmal und griff nach Cicelys Arm. Sie kicherte, als ich so herumwankte, und dachte wahrscheinlich, dass es am Alkohol lag. Ein paar Augenblicke später konnte ich wieder scharf sehen, richtete mich auf und starrte Incy und den Taxifahrer an. »Was war das? Was hast du gemacht?«

»Oh, Incy«, sagte Stratton und schüttelte den Kopf. »Bisschen übertrieben, findest du nicht? Aber jetzt lasst uns endlich gehen.« Er machte sich auf den Weg Richtung Dungeon und knöpfte im Gehen seinen warmen Mantel zu.

»Incy, was hast du gemacht?«, wiederholte ich.

Incy zuckte mit den Schultern. »Der Stinker hat es nicht anders verdient.«

Katy, die immer noch ein bisschen grün im Gesicht war, starrte erst den Taxifahrer und dann Innocencio verständnislos an. Sie hustete, schüttelte den Kopf und lief hinter Stratton her. Ich ließ Cicely los, die sich mit einem Schulterzucken bei Boz einhakte. Sie folgten den anderen und kurz darauf verklangen ihre Schritte in der Dunkelheit.

»Incy«, sagte ich, geschockt, dass die anderen einfach weggegangen waren. »Incy – hast du – ihm das Kreuz gebrochen – mit Magie? Wo hast du so was gelernt? Nein – das hast du nicht getan. Oder doch?«

Incy sah mich an, ein halb amüsiertes Lächeln in seinem dunklen, gut aussehenden Gesicht. Im Licht der Straßenlaternen funkelten winzige Regentropfen in seinen schwarzen Locken wie kleine Diamanten.

»Nas, du hast doch gesehen, wie er war«, erwiderte er.

Ich schaute erst ihn an und dann den Fahrer, der immer noch bewegungslos dalag, das Gesicht zu einer Maske aus Schmerz und Entsetzen verzerrt. »Du hast ihm die Wirbelsäule gebrochen?«, fragte ich noch einmal und war plötzlich ziemlich nüchtern und grauenvoll wach. Meine Gedanken kreisten um diesen Verdacht herum, als wäre er ein glühender Funke, dem man auf jeden Fall ausweichen musste. »Du hast ihm mit Magie – großer Gott. Also gut, nun bring ihn wieder in Ordnung«, sagte ich. »Ich brauche zwar einen Drink, aber ich warte solange.« Ich selbst konnte dem Fahrer nicht helfen. Ich hatte keine Ahnung, wo Incy diesen Zauber gelernt hatte, und kannte natürlich auch keinen Gegenzauber oder was auch immer dazu nötig war. Meistens vermied ich Magie sowieso, die Magie, mit der Unsterbliche geboren werden, die ganz natürlich für uns ist. Ich fand den Aufwand einfach zu groß, und wenn ich zauberte, wurde mir davon jedes Mal schlecht. Bei einem meiner letzten Versuche ist jemand fast gegen eine Tür gelaufen und ein anderer hat sich beinahe selbst mit Kaffee überschüttet. Doch das war schon eine Ewigkeit her und nicht mit dem zu vergleichen, was hier abging.

Innocencio ignorierte mich und sah hinunter auf den Taxifahrer. »Na, Alter«, sagte er halblaut. Die Augen des Fahrers, halb verrückt vor Angst und Schmerz, richteten sich nur mit Mühe auf ihn.

»Das passiert, wenn man respektlos zu meinen Freunden ist. Ich hoffe, du hast deine Lektion gelernt.«

Der Fahrer konnte nicht einmal grunzen und ich begriff, dass er unter einem Nul-Vox-Bann stand. Ein echter Nul-Vox-Bann – den hatte ich in den letzten hundert Jahren höchstens ein oder zwei Mal gesehen. Wenn überhaupt …

»Los, mach es rückgängig«, verlangte ich ungeduldig. Ich hatte Incy noch nie etwas in dieser Art tun sehen. »Du hast ihm eine Lektion erteilt. Die anderen warten auf uns. Nun bring ihn wieder in Ordnung, damit wir gehen können.«

Incy zuckte mit den Schultern, nahm meine Hand und drückte sie so fest, dass es wehtat. »Das geht nicht, mein Schatz«, sagte er und hob meine Hand für einen Kuss an seine Lippen. Dann zog er mich in Richtung Dungeon. Ich sah mich über die Schulter zu dem Taxifahrer um.

»Du kannst das nicht rückgängig machen? Du hast ihm echt das Rückgrat gebrochen?« Ich starrte Incy an, der seit den letzten hundert Jahren mein bester Freund war. Er grinste auf mich herab, das wunderschöne Engelsgesicht vom Licht einer Straßenlaterne wie von einem Heiligenschein umrahmt.

»Das hätte sich der Typ vorher überlegen sollen«, sagte er.

Mir blieb der Mund offen stehen. »Und was kommt als Nächstes? Steckst du Stratton in einen Häcksler?« Der Nieselregen fiel mir ins Gesicht und meine Stimme wurde schriller. Incy lachte, küsste mich aufs Haar und schob mich vorwärts. Und in diesem Augenblick sah ich etwas anderes in seinen Augen als mitleidlose Gleichgültigkeit, mehr als nur ein vorübergehendes Rachegelüst. Incy hatte es genossen, dem Mann das Kreuz zu brechen, er hatte es genossen, seine Angst und seinen Schmerz zu beobachten. Er hatte es aufregend gefunden.

In meinem Kopf ging es drunter und drüber. Sollte ich den Notruf wählen? War es schon zu spät für den Fahrer? Würde er sterben, starb er vielleicht gerade? Ich wandte mich von Incy ab und schaute zurück, aber schon Sekunden später spürte ich das Wummern der Bässe unter meinen Füßen. Der Dungeon schien eine andere Welt zu sein, eine andere Realität, die mich anzog, mit ihrem Lärm einlullte und mich den grausigen Schock des gelähmten Taxifahrers, der draußen im Regen lag, vergessen ließ. Oh, wie gern wollte ich den Verlockungen dieser anderen Realität nachgeben.

»Incy – aber – du musst –«

Incy warf mir einen belustigten Blick zu und einen Moment später gingen wir bereits eine steile, vom Regen glitschige Treppe hinunter. Incy hob die Faust und hämmerte gegen die rot gestrichene Tür. Meine Unentschlossenheit brachte mich fast um. Ich kam mir plötzlich vor, als wären wir die Stufen zur Hölle hinabgestiegen und warteten jetzt auf Einlass. In der Tür öffnete sich ein schmaler Sehschlitz und Guvnor, der Türsteher, nickte uns zu. Die Tür schwang auf und eine gigantische Welle Musik schwappte uns entgegen und riss uns mit sich in die Dunkelheit, die nur von den glühenden Spitzen unzähliger Zigaretten erhellt wurde, in der Hunderte Stimmen gegen den ohrenbetäubenden Krach der Band anschrien und sich der Geruch des Alkohols süß in jeden meiner Atemzüge drängte.

Der Taxifahrer draußen – es kam mir vor, als wäre dies meine letzte Chance. Meine letzte Chance, etwas zu unternehmen, so zu tun, als würde es mich interessieren, als wäre ich ein normaler Mensch.

»Nasty!« Ich fand mich in einer leicht schwankenden Umarmung wieder. »Ich steh total auf deine Haare!«, schrie mir meine Freundin Mal ins Ohr, so laut sie konnte. »Komm tanzen! Der DJ ist total super!« Sie legte den Arm um meine Schultern und zog mich in den dunklen Raum mit der niedrigen Decke.

Ich zögerte nur eine Sekunde.

Dann ließ ich die Außenwelt hinter mir zurück, einfach so, und tauchte ein in den Lärm und den Rauch. Ich war immer noch entsetzt, und da ich meistens eher gut drauf bin, war das wirklich außergewöhnlich. Ich hatte mich von Incy abgesetzt, weil ich nicht wusste, was ich von der Sache halten sollte. Er hatte gerade etwas getan, das vermutlich das Schlimmste war, was ich ihn jemals hatte tun sehen. Schlimmer als diese Sache mit dem Pferd des Bürgermeisters, damals in den Vierzigerjahren. Schlimmer als die Geschichte mit dem armen Mädchen, das ihn in den 1970er-Jahren tatsächlich hatte heiraten wollen. Das war eine echte Katastrophe gewesen. Irgendwie hatte ich es trotzdem geschafft, mir diese Situationen zu erklären, ihnen einen gewissen Sinn zu geben. Doch diesmal fiel mir das wirklich schwer.

Mit einem Grinsen machte sich Incy auf in die Menge, in der bereits erste Anflüge von Interesse aufflammten – bei beiden Geschlechtern. Incy war unwiderstehlich, ein wahrer Magnet, und die meisten Leute, Menschen und Unsterbliche gleichermaßen, waren gefesselt von seinem Charme, der, wie mir plötzlich bewusst geworden war, eine viel dunklere Seite verbarg, als ich bisher gedacht hatte.

Zwanzig Minuten später lag ich auf einer klebrigen Couch, schwer beschäftigt mit Mals Freund Jase, der fröhlich, betrunken und zum Anbeißen süß war. Ich wollte in ihm versinken, jemand anders sein, die Person, die Jase von außen sah. Er war nicht unsterblich und wusste auch nicht, dass ich es war, aber er war eine willkommene Ablenkung, auf die ich mich mit nervöser Hast warf. Rund um uns herum redeten, rauchten und tranken die Leute, während ich meine Hände unter seinem Hemd hatte und er seine Beine um mich schlang. Seine Finger gruben sich in meine kurzen schwarzen Haare und es traf mich wie ein Schlag, als ich plötzlich eine warme Brise im Nacken spürte.

Ich fuhr zurück, griff hektisch nach meinem Tuch und schlang es eilig wieder um den Hals, als ich Incy sagen hörte: »Nas? Was ist das da auf deinem Nacken?«

Ich blickte über die Schulter zu Incy, der mit einem Drink in einer Hand und einer langen Zigarette in der anderen am Ende der Couch stand. Seine Augen sahen in der Dunkelheit wie zwei große schwarze Löcher aus. Mein Herz schlug wie verrückt. Jetzt bloß nicht überreagieren. »Nichts.« Ich zuckte mit den Schultern und ließ mich wieder auf Jase fallen, der begierig nach mir griff.

»Nas?« Incys Stimme war ruhig, aber entschlossen. »Weißt du eigentlich, dass ich deinen Nacken bisher noch nie zu sehen gekriegt habe?«

Ich zwang mich, kurz aufzulachen, und schaute zu ihm auf, obwohl Jase gerade versuchte, mich wieder zu küssen. »Sei nicht blöd, klar hast du. Und jetzt verzieh dich. Ich habe zu tun.«

»Ist es ein Tattoo?«

Ich zog das Tuch enger um meinen Hals. »Ist es. Da steht: Wenn du das hier lesen kannst, bist du verdammt noch mal zu nah dran. Und jetzt zisch ab!«

Incy lachte zu meiner Erleichterung und ging. Kurze Zeit später sah ich, wie sich ein hübsches schlankes Mädchen in Satin wie eine Schlange um ihn ringelte.

Ich ließ nicht zu, dass sich der Taxifahrer in meine Gedanken drängte. Jedes Mal, wenn sein Anblick in meinem Kopf auftauchte, kniff ich die Augen zu und nahm noch einen Drink. Doch im nächsten Moment war alles wieder da: sein Gesicht und der Schmerz, der sich darin eingegraben hatte. Er würde nie wieder gehen, nie wieder fahren, weil Innocencio ihm das Rückgrat gebrochen und ihn im Regen auf einer Londoner Straße liegen lassen hatte, schlimmer als tot.

Und ich hatte nichts getan, nichts. Ich war einfach weggegangen.

Unsterblich zu sein hat den Vorteil, dass man sich nicht zu Tode trinken kann wie manche von diesen Jungs aus den Studentenverbindungen. Der Nachteil der Unsterblichkeit ist allerdings, dass man sich nicht zu Tode trinken kann, was bedeutet, dass man unweigerlich am nächsten – oder übernächsten – Morgen aufwacht und alles fühlt, was einem ein gnädiger Tod erspart hätte.

Es war hell draußen, als es mir endlich gelang, meine Augen für mehr als ein paar Sekunden aufzuquälen. Wie benebelt sah ich mich im Zimmer um und entdeckte ein Fenster. Das Licht, das hereinfiel, war blass mit einem Hauch rosa, was Sonnenauf- oder -untergang bedeutete. Das eine oder das andere. Oder das Nachbarhaus stand in Flammen. War auch möglich.

Weil ich aus Erfahrung wusste, dass es schlimm sein würde, nahm ich mir Zeit und bewegte langsam einen Körperteil nach dem anderen. Der letzte war mein Kopf, den ich vorsichtig ein paar Zentimeter von der Matratze hob. Die verwaschenen gelben Rosen auf der Matratze gewannen vor meinen Augen allmählich an Schärfe. Matratze, kein Laken. Ein Fenster, Licht. Dunkel gestrichenes Mauerwerk wie in einer Fabrik oder so.

Ich drehte leicht den Kopf und entdeckte noch einen schlafenden Körper, einen Typ mit grünen Irokesenstacheln auf dem Kopf, einer dicken Silberkette um den Hals und einem Drachentattoo, das fast den ganzen Rücken einnahm. Äh, Jeff? Jason? Jack? Es war etwas mit J gewesen, da war ich ziemlich sicher.

Etliche Minuten später schaffte ich es, mich zumindest halbwegs aufzusetzen, und musste mich sofort übergeben, weil mein Körper offenbar entschieden hatte, die Gifte, die ich mir in der vergangenen Nacht einverleibt hatte, wieder loszuwerden.

Ich schaffte es nicht bis zum Klo. Sorry, Jeff.

Ich fühlte mich ausgehöhlt und zittrig und wünschte nur, dass Unsterblichkeit nicht so verdammt lange dauerte. Ein Blick nach unten zeigte mir, dass ich noch all meine Klamotten anhatte, was bedeutete, dass entweder der J-Mann oder ich oder wir beide zu hinüber gewesen waren, um gestern Nacht … unsere Bekanntschaft zu vertiefen. Auch gut. Gewohnheitsmäßig tastete ich nach meinem Halstuch und stellte fest, dass es noch eng um meinen Hals gebunden war. Ich entspannte mich ein wenig, aber dann musste ich wieder daran denken, wie Incy über mir gestanden und mich nach dem Mal auf meinem Nacken gefragt hatte. Ich konnte nicht fassen, dass das in derselben Nacht passiert war wie die Sache mit dem Taxifahrer. Ich schluckte, verzog das Gesicht und entschied, später darüber nachzudenken.

Meine Lederjacke und eine meiner tollen grünen Kroko-Stiefeletten waren nicht aufzufinden und so nahm ich nur eine Stiefelette mit und schlich hinaus – was unnötig war, weil Jay vermutlich nicht einmal bei einem Erdbeben aufgewacht wäre. Ich war ziemlich sicher, dass er noch lebte, denn seine Brust schien rauf und runter zu gehen. Vage erinnerte ich mich daran, dass ich immer zwei Drinks gehabt hatte, wenn er einen hatte.

Auf dem Weg nach draußen musste ich über weitere schlafende Leute hinwegsteigen. Das Gebäude war groß und erinnerte an ein Lagerhaus, vermutlich lag es irgendwo am Stadtrand. Meine Schulter und mein Hintern fühlten sich blau an und mir tat alles weh, als ich die Steintreppe hinunterwankte.

Draußen war es eiskalt und der Wind wirbelte in der menschenleeren Straße Abfall hoch. Wenigstens regnet es nicht, dachte ich, und dann stürmte gegen meinen Willen alles wieder auf mich ein, alles, was wir getan hatten: die Messerstecherei, wie ich auf den Bürgersteig gefallen war, Incy, der dem Taxifahrer das Kreuz gebrochen hatte, wie ich im Club vor aller Augen beinahe mein Halstuch verloren hätte.

Mein Magen rebellierte wieder und ich blieb kurz stehen und atmete tief die kalte Luft ein, während ich die Einzelheiten durchging und mich erneut die Verzweiflung überfiel. Wo hatte Innocencio diese Art von Magie gelernt? Soweit ich wusste, hatte er sich nie damit befasst und in dem Jahrhundert, in dem wir zusammen herumgehangen hatten, hatte er nie viel gezaubert, jedenfalls nichts so Großes oder Dunkles. Niemand in unserem Umfeld beschäftigte sich mit Magie. Ich lehnte mich gegen die mit Graffiti übersäte Lagerhausmauer und schob den nackten Fuß in meine eine Stiefelette.

Die kalte Luft drang mir in die Nase und brachte sie zum Laufen und plötzlich war der Morgen grauenvoll hell, grauenvoll klar. Incy hatte letzte Nacht aus heiterem Himmel mit Magie etwas Schreckliches angerichtet. Und ich hatte etwas ebenso Schreckliches getan, allerdings ohne Magie. Ich hatte zugesehen, wie Incy dem Mann die Wirbelsäule gebrochen hatte, und war dann einfach … weggegangen. Ich war weggegangen und hatte in einem Club getanzt. Was stimmte nicht mit mir? Wie hatte ich so was tun können? Ob ihn letzte Nacht jemand gefunden hatte? Bestimmt, oder? Auch wenn in der Gegend wenig Betrieb war. Auch wenn es sehr spät gewesen war. Und geregnet hatte. Es musste ihn doch jemand entdeckt und dafür gesorgt haben, dass er ins Krankenhaus kam! Oder?

Und zu allem Überfluss hatte Incy auch noch das Mal auf meinem Nacken gesehen. Und erinnerte sich womöglich noch daran. Welche Ironie. Da war ich die letzten vierhundertneunundvierzig Jahre davon besessen gewesen, meinen Nacken unter allen Umständen bedeckt zu halten, und in dieser einen Nacht waren all meine Bemühungen zum Teufel gegangen. Wusste Incy um die Bedeutung dessen, was er da gesehen hatte? Wie sollte er? Das wusste niemand. Niemand, der noch am Leben war. Wieso drehte ich jetzt also durch?

All diese grässlichen, hektischen Gedanken bringen mich wieder zurück zum Anfang:

Letzte Nacht ist meine ganze Welt zusammengebrochen. Und jetzt habe ich Panik.

2

Nach allem, was ich bereits erlebt hatte, hätte die Geschichte gestern eigentlich ein Spaziergang sein müssen. Ich war schon in die Mähne eines Pferdes verkrallt in die Nacht galoppiert, mit nichts als den Klamotten, die ich am Leib trug, während hinter mir eine Stadt niederbrannte. Ich hatte gesehen, wie sich Leichen mit den schwärenden Wunden der Beulenpest wie Baumstämme auf der Straße stapelten, weil nicht mehr genügend Leute am Leben waren, um sie zu begraben. Ich war am 14.Juli 1789 in Paris gewesen. Den Anblick eines menschlichen Kopfes auf einer Pike vergisst man nie wieder.

Doch jetzt waren wir nicht im Krieg. Wir lebten ein ganz normales Leben – zumindest so normal, wie es einem Unsterblichen möglich ist. Ich meine, ein bisschen verrückt ist es ja immer. Wenn man lange genug lebt und genug Kriege, Invasionen und Überfälle von Wikingern mitgemacht hat, verteidigt man sich halt, manchmal auch ein bisschen extrem. Wenn ein Typ mit einem Schwert auf einen zustürmt und man zufällig einen Dolch hinten im Rockbund stecken hat, tja …

Es spielte keine Rolle, dass der Angreifer einen vermutlich nicht töten würde – wie oft schlägt einem schon jemand den Kopf ab? – aber es fühlte sich doch jedes Mal an wie eine tödliche Bedrohung und man reagiert entsprechend. Aber letzte Nacht war eine ganz normale Nacht gewesen. Kein Krieg, keine Berserker, kein Leben oder Tod. Nur ein zickiger Taxifahrer.

Wo hatte Incy diesen Zauber gelernt? Ja, wir sind unsterblich und Magie fließt durch unsere Adern, aber trotzdem müssen wir erst lernen, wie man sie benutzt. Im Laufe der Zeit habe ich viele Leute getroffen, die nichts anderes getan haben, als Magie zu studieren, Verwünschungen zu lernen und sich alles anzueignen, was sie brauchten, um diese Kraft zu nutzen. Doch ich hatte schon vor langer Zeit entschieden, dass ich das nicht wollte. Ich hatte den Tod und die Zerstörung gesehen, die Magie verursachen konnte, ich hatte gesehen, wie weit Menschen gingen, die Magie anwendeten, und ich wollte damit nichts zu tun haben. Ich wollte so tun, als existierte sie nicht. Und ich hatte mir ein paar gleichgesinnte Aefrelyffen (ein altes Wort für Unsterbliche) gesucht, mit denen ich meine Zeit verbrachte.

Okay, ich benutze auch Magie, um ein Taxi zu kriegen, wenn es regnet und keins zu finden ist. Um den Menschen vor mir zu überzeugen, dass er das letzte Schoko-Croissant nicht will. Solche Dinge eben. Aber jemandem das Kreuz brechen, nur zum Spaß?

Ich hatte gesehen, wie Incy Leute benutzte, Jungen und Mädchen das Herz gebrochen und gestohlen hatte, und wusste, wie skrupellos er sein konnte, aber das war ein Teil seines Charmes. Er war rücksichtslos und liebenswert und egoistisch – aber nicht mir gegenüber. Bei mir war er freundlich und großzügig und lustig, einfach ein guter Kumpel, der bereit war, überall hinzugehen und alles mitzumachen. Er war derjenige, der mich ohne jede Vorwarnung nach Marokko schleppte. Der, den ich anrief, wenn ich in der Klemme steckte. Wenn irgendein Typ mein Nein nicht als Antwort gelten ließ, war Incy sofort da und fletschte die Zähne. Wenn eine andere Frau eine boshafte Bemerkung machte, vernichtete Incy sie mit seiner Schlagfertigkeit vor versammelter Mannschaft. Er half mir, meine Klamotten auszusuchen, brachte mir von überall her die tollsten Sachen mit, kritisierte mich nie und ließ mich nie schlecht dastehen.

Und ich tat für ihn dasselbe – einmal hatte ich einer Frau eine Flasche auf dem Kopf zerschlagen, weil sie mit einer langen Nagelfeile auf ihn losgegangen war. Ich hatte Türsteher bestochen, Bobbys und Gendarmen angelogen, und der jeweiligen Situation entsprechend seine Frau, seine Schwester oder seine Geliebte gespielt. Danach hatten wir uns immer halb totgelacht, waren einander in die Arme gefallen und hatten gelacht, bis uns die Tränen kamen. Die Tatsache, dass wir nie ein Liebespaar gewesen waren und deshalb nicht diese Verlegenheit zwischen uns herrschte, machte das Ganze noch perfekter.

Er war mein bester Freund – der beste Freund, den ich je hatte. Wir waren schon über ein Jahrhundert zusammen, was es noch erstaunlicher machte, dass es ihm in der vergangenen Nacht gelungen war, mich so zu schocken. Und ebenso erstaunlich fand ich, dass unsere Freunde nicht geschockt gewesen waren. Und auch erstaunlich, dass ich an einem neuen Tiefpunkt angekommen war, selbst für mich. Dem Tiefpunkt der Gleichgültigkeit. Dem Tiefpunkt der Feigheit. Und zu allem Überfluss hatte Incy auch noch meinen Nacken gesehen. Konnte es noch schlimmer kommen?

Als ich endlich wieder in meiner Londoner Wohnung war, duschte ich erst mal. Ich saß auf dem Marmorboden und ließ das heiße Wasser lange Zeit auf meinen Kopf rauschen, um den Alkohol und das Lagerhaus von meiner Haut abzuwaschen. Ich konnte nicht einmal in Worte fassen, was ich fühlte. Angst? Scham? Es war, als wäre ich heute in einem anderen Leben aufgewacht als gestern, als wäre ich jetzt ein anderer Mensch. Und dieses Leben und ich waren plötzlich viel dunkler und abstoßender und gefährlicher, als ich bisher gedacht hatte.

Ich seifte mich überall ein und spürte förmlich, wie mir der Alkohol aus den Poren kam. Als ich mir die Haare wusch, vermied ich automatisch mein … Nein, es war kein Tattoo. Natürlich haben auch Unsterbliche Tätowierungen und sie halten auch lange, vielleicht neunzig Jahre oder so. Andere Narben heilen, verblassen und verschwinden viel schneller als bei normalen Menschen. Schon nach ein paar Jahren sieht man nicht mehr, wo mal eine Verletzung oder Verbrennung war.

Außer bei mir. Das Mal in meinem Nacken stammte von einer Verbrennung und ich habe es seit meinem zehnten Lebensjahr. Es hat sich nie verändert, ist nie verblichen. Die Haut sieht dort ein wenig eingedrückt und wie gemustert aus. Das Mal selbst ist rund und fast sechs Zentimeter im Durchmesser. Es ist durch ein rot glühendes Amulett entstanden, das vor vierhundertneunundvierzig Jahren auf meine Haut gepresst wurde. Klar, trotz meiner Paranoia hat es in den letzten viereinhalb Jahrhunderten gelegentlich mal jemand gesehen. Aber soweit ich weiß, war darunter niemand, der heute noch lebt. Abgesehen von Incy, letzte Nacht.

Irgendwann kam ich aus der Dusche, ganz runzlig. Ich zog den flauschigen Bademantel an, den ich aus irgendeinem Hotel mitgenommen hatte, und vermied es, mich im Spiegel zu betrachten. Wie ein Geist wanderte ich ins Wohnzimmer und holte die London Times von der Fußmatte, wo ich sie beim Heimkommen hingekickt hatte. Ich trug sie in meine kleine Wohnküche, aber im Kühlschrank waren nur eine uralte Packung Ritz Cracker und eine Flasche Wodka. Also setzte ich mich auf die Couch, aß die pappigen Cracker und überflog die Times. Es stand ganz hinten, vor den Todesanzeigen, aber noch hinter einem Bericht über Pfadfinderinnen: Trevor Hollis, 48, selbstständiger Taxifahrer, wurde in der vergangenen Nacht von einem Fahrgast angegriffen und erlitt einen Wirbelbruch. Er wurde zur Untersuchung auf die Intensivstation des St.James’ Hospital gebracht. Die Ärzte gehen davon aus, dass er von den Schultern abwärts gelähmt bleiben wird. Bisher war er nicht in der Lage, seinen Angreifer zu beschreiben. Seine Frau und seine Kinder sind an seiner Seite.

Von den Schultern abwärts gelähmt. Ob es einen Unterschied gemacht hätte, wenn ich ihm schneller Hilfe besorgt, einen Krankenwagen gerufen hätte? Wie lange hatte er dort gelegen, starr vor Schmerz, unfähig zu schreien?

Warum hatte ich nicht die Notrufnummer gewählt? Was stimmte nicht mit mir? Er hätte sterben können. Was ihm vielleicht sogar lieber gewesen wäre. Er würde nie wieder Taxi fahren. Er hatte eine Frau und Kinder. Was für ein Ehemann war er jetzt noch? Was für ein Vater? Meine Augen füllten sich mit Tränen und die pappigen Cracker verwandelten sich in meiner Kehle zu Staub.

Ich trug mit Schuld daran. Ich hatte nicht geholfen. Ich hatte es wahrscheinlich nur noch schlimmer gemacht.

Was war aus mir geworden? Was hatte Incy aus mir gemacht?

Das Telefon klingelte, aber ich ignorierte es. Mein Summer brummte dreimal, aber darum konnte sich der Portier kümmern. Mein Handy hatte ich vor ein paar Tagen verloren und mir bisher kein neues besorgt, also war das kein Problem. Gegen acht stand ich schließlich auf, ging ins Schlafzimmer und holte meinen größten Koffer hervor, den, in den ein totes Pony passen würde. (Keine Panik, es war noch nie eins drin.)

Plötzlich hatte ich es eilig und stopfte ganze Ladungen Klamotten und anderes Zeug in den Koffer, klappte ihn zu, schnappte mir eine Jacke und verließ die Wohnung. Gopala, der Portier, rief mir ein Taxi.

»MrBawz und MrInnosaunce haben Sie gesucht, Miss Nastalja«, sagte er. Ich hatte es immer witzig gefunden, wie er all unsere Namen verhackstückte. Aber wenn ich mir vorstelle, man würde mich in Bangalore aussetzen und von mir erwarten, dass ich dort arbeite, muss ich sagen, dass er seinen Job echt gut machte.

»Ich bin bald zurück«, sagte ich zu Gopala, während der Taxifahrer den Koffer ins Auto wuchtete.

»Ah, besuchen Sie Ihre Eltern, Miss Nastalja?«

Wie üblich hatte ich mir Eltern erfunden, damit sich niemand wunderte, wieso ein Teenager mit unbegrenzten finanziellen Mitteln allein leben konnte.

»Oh, nein – sie sind noch in …« – Ich überlegte schnell – »Tasmanien. Ich will nur kurz nach Paris, ein bisschen shoppen.« Vielleicht hatte ich einen Nervenzusammenbruch. Ich war verängstigt, verstört, verlegen und panisch, als hätte jeder Londoner Taxifahrer an seiner Sonnenblende mein Foto hängen mit einem dicken roten GESUCHT-Stempel quer übers Gesicht. Ich hatte das grässliche Gefühl, Innocencio würde jeden Augenblick hinter einem der großen Blumenkübel hervorspringen, und ich hatte keine Ahnung, was ich dann tun sollte. Ich musste wieder an seinen Blick denken, als er mich auf dieser Couch überrascht hatte. Er hatte … fasziniert ausgesehen. Berechnend? Doch selbst wenn er nicht wusste, was es mit meiner Narbe auf sich hatte, hasste ich die Tatsache, dass er nun davon wusste. Ich hatte das Gefühl, als könnte ich es nicht ertragen, ihn jemals wiederzusehen, und er war mein bester Freund. Mein bester Freund, der letzte Nacht jemanden verkrüppelt hatte und vor dem ich jetzt – Angst hatte? Das war jetzt mein Leben. Die Lage, in die ich mich selbst gebracht hatte.

Ich rutschte auf den Rücksitz und gab Gopala ein fürstliches Trinkgeld. »Nur schnell nach Paris. Bin bald wieder da!«

Gopala nickte lächelnd und tippte an den Schirm seiner Portiersmütze.

»Dann wollen Sie nach St.Pancras?«, fragte der Taxifahrer und schrieb etwas in sein Fahrtenbuch. »Und dann mit dem Zug durch den Tunnel?«

»Nein«, widersprach ich und ließ mich in die Polster sinken. »Bringen Sie mich nach Heathrow.«

Am nächsten Morgen war ich in Amerika, in Boston, und mietete ein Auto bei einer schäbigen kleinen Firma, die ihre Wagen auch an Leute unter fünfundzwanzig abgab.

»Bitte sehr, Ms Douglas«, sagte der Angestellte und gab mir die Schlüssel. »Und wie spricht man Ihren Vornamen aus?«

»Philippa«, sagte ich. Wie alle Unsterblichen hatte auch ich einen ganzen Haufen verschiedener Pässe, Ausweise und Führerscheine. Irgendjemand hatte immer einen Freund, der jemanden kennt, der einem besorgt, was man braucht. Jahrelang hatte mir dieser kleine Mann in Frankfurt geholfen. Er war ein Genie und hatte während des Zweiten Weltkriegs Tausende von Ausweisen gefälscht. In meinen Pässen stehen verschiedene Namen, Altersangaben (in meinem Fall liegen sie zwischen achtzehn und einundzwanzig) und Geburtsorte. Das alles war viel einfacher gewesen, bevor die Regierungen angefangen hatten, jeden zu überwachen. Jetzt drehte sich alles um Geburtsurkunden und Sozialversicherungsnummern. Was für ein Aufstand.

»Ein schöner Name«, sagte der Angestellte und lächelte wie ein Cheerleader.

»Äh-hä. Steht der Wagen draußen?«

Jenseits der Stadtgrenze von Boston hielt ich am Straßenrand und faltete die Karte von Massachusetts auseinander. Natürlich hätten mir die Leute in der Mietwagenfirma den Weg nach West Lowing ausdrucken können, aber daran würden sie sich vermutlich erinnern, wenn später mal jemand danach fragte. Und gerade jetzt wollte ich untertauchen. Ich fühlte mich, als wäre der Teufel hinter mir her. Als steckte ich in einem totalen Desaster oder so und müsste einfach weg – ganz weit weg.

Während des Fluges von London nach Boston hatte ich sieben Stunden Zeit zum Nachdenken gehabt. Sieben Stunden reichen eigentlich nicht, um über vierhundert dunkle Jahre und sehr viel Dämlichkeit Revue passieren zu lassen, aber es reicht auf jeden Fall aus, um sich an genügend schlimme Dinge zu erinnern und sich hundeelend zu fühlen.

Nach einigem Suchen entdeckte ich West Lowing auf der Karte. Es lag genau in der Mitte von Massachusetts, in der Nähe vom Lowing Lake direkt am Lowing River. Wahrscheinlich war dort mal jemand namens Lowing vor ein paar Hundert Jahren ein großes Tier gewesen und hatte sich bemüßigt gefühlt, allem und jedem seinen Namen aufzudrücken.

Die Fahrt dorthin würde zwei Stunden dauern. In Irland kann man in derselben Zeit schon fast einmal quer durchs Land fahren. Und um Luxemburg zu durchqueren, braucht man kaum fünf Minuten. Amerika ist echt groß. Groß genug, um darin zu verschwinden? Ich hoffte es.

Also, diese ganze Sache mit der Unsterblichkeit. Natürlich hat dazu jeder einen Haufen Fragen, aber ich kenne auch nicht alle Antworten. Ich weiß nicht, wie viele es von uns gibt. Ich habe im Laufe der Zeit ein paar Hundert kennengelernt und wer rechnen kann, wird erkennen, dass es immer mehr werden. Es werden neue geboren und die alten geben nur sehr zögerlich den Löffel ab. Bestimmt ist jeder schon mal einem begegnet, ohne es zu merken. Im Grunde sind Unsterbliche ganz normale Leute, die einfach nicht sterben, wenn es eigentlich Zeit wäre.

Die meisten von uns sind der Meinung, dass es schon immer Unsterbliche gegeben hat, genauso wie Leute, die an Vampire glauben, überzeugt sind, dass Vampire schon immer existiert haben. (Wenn man sich die alten Vampir-Mythen ansieht, stellt man fest, dass sie sich zum Teil mit dem »Ewig leben«-Thema überschneiden.) Ich habe keine Ahnung, wie und wo es mit uns anfing und warum, aber ich habe Unsterbliche fast jeder Kultur oder Religion kennengelernt. Es braucht zwei Unsterbliche, um neue kleine Unsterbliche zu produzieren. Wenn sich ein Unsterblicher mit einem normalen Menschen zusammentut, sind ihre Kinder nicht unsterblich – allerdings leben ihre Nachkommen oft ungewöhnlich lange, also über hundert Jahre. Ich erinnere mich an eine Frau in Frankreich und eine Stadt in Georgien, wo erstaunlich viele Leute über hundert Jahre alt werden. Sie begründen das mit ihrem gesunden Leben und dem vielen Joghurt, den sie essen. Ha! Der wahre Grund ist wohl eher ein Unsterblicher, der in dieser Gegend besonders fleißig war.

Auch wir altern, aber anders als normale Menschen. Bis wir ungefähr sechzehn sind, entspricht ein Jahr meistens einem Menschenjahr. Danach ist ein Jahr für uns dasselbe wie hundert Jahre für einen normalen Menschen. Ich habe auch schon Unsterbliche gesehen, die wesentlich schneller oder langsamer altern, aber ich weiß nicht, woran das liegt. Der Älteste, den ich bisher getroffen habe, war ungefähr achthundert. Er war ein Widerling, total eingebildet, gemein und böse. Komisch ist es, Unsterbliche zu treffen, die erst vierzig oder fünfzig sind – oft haben sie noch nicht begriffen, was Sache ist und fühlen sich erwachsen, obwohl sie immer noch aussehen wie Teenager. Die Folge ist, dass sie meistens nichts Rechtes mit sich anzufangen wissen.

Ich bin übrigens 1551 geboren, eine schöne symmetrische Zahl. Und vierhundertfünfzig Jahre später werde ich in Bars immer noch nach meinem Ausweis gefragt. Das ist nicht schmeichelhaft. Es nervt. Ich bin erwachsen. Ich bin schon eine Ewigkeit erwachsen. Doch ich stecke im Körper einer Jugendlichen fest und kann nichts gegen mein Aussehen tun.

Was wiederum passt, denn Teenies fühlen sich unsterblich, als könnte ihnen nie etwas geschehen. Das Konzept von Gefahr oder Tod ist ihnen vollkommen fremd und hat keinerlei Bedeutung. Also bin ich vielleicht wirklich noch ein Teenager. Schöner Mist.

Wir kriegen keinen Krebs oder Diabetes oder so was. Wir kriegen zwar Erkältungen und Grippe und die Pest, aber wir erholen uns davon. Nur zur Info: Pockennarben verblassen nach ungefähr fünfzehn Jahren. Wir können uns verbrennen, Gliedmaßen verlieren oder grauenvolle Wunden davontragen – aber das alles heilt wieder, wie ich bereits erwähnt habe. Es dauert seine Zeit, aber alles heilt. Gliedmaßen wachsen nach, ein Vorgang, der gleichermaßen abstößt und fasziniert. Es dauert mehrere Jahre. Trotzdem kann man uns umbringen. Das ist allerdings nicht leicht, deshalb rate ich von irgendwelchen Versuchen dringend ab.

Was wir mit unserer ganzen Zeit anfangen? Dasselbe, was normale Leute auch machen. Wir leben auf demselben Planeten und haben dieselben Ressourcen zur Verfügung. Manche verschwenden ihre Zeit auf Partys. (Ich will hier keine Namen nennen – okay, ich.) Andere nutzen ihre Zeit sinnvoller: Sie studieren, lernen, feilen an ihrer künstlerischen Begabung oder reisen. Wieder andere gehen weder auf Partys noch arbeiten sie an sich selbst. Sie sind dauerhaft unzufrieden, haben an nichts Freude, finden immer etwas zu meckern, hassen andere Unsterbliche und normale Menschen sowieso. Ich habe Leute dieser Art kennengelernt und hätte sie am liebsten auf einer Eisscholle mitten im Ozean ausgesetzt.

Ob wir heiraten und Kinder kriegen? Manchmal. Ich war verheiratet. Aber es ist eine Zwickmühle – wenn man einen normalen Menschen heiratet, ist es egal, wie sehr man ihn liebt, er wird alt und stirbt und man selbst nicht. Also muss man ihm irgendwann reinen Wein über sich einschenken oder ihn im Ungewissen schmoren lassen. Und wenn man einen anderen Unsterblichen heiratet, kann man sich auf eine sehr lange Ehe einstellen. Noch schlimmer, als seinem Nicht-Aefrelyffen-Ehepartner beim Altern und Sterben zuzusehen, ist es, wenn man Kinder hat und dasselbe bei ihnen miterleben muss. Aber darüber später mehr.

Vier Stunden, drei Espressos und eine Tüte Chips später erreichte ich West Lowing. Die Fahrt durch den Ort dauerte keine zehn Minuten. Nicht gerade eine Großstadt. Ich drehte wieder um und suchte die gewundenen Seitenstraßen ab. Ich wusste nicht mal, wonach ich eigentlich suchte. Ein Zeichen? Entweder so etwas wie ein Schild mit der Aufschrift RIVER’S EDGE, HIER LINKS oder vielleicht ein Zeichen des Himmels, einen brennenden Busch oder einen Blitz als Wegweiser?

Zwei Minuten später war ich schon wieder aus dem Ort heraus und auf einer Landstraße, die mitten durch den Wald führte. Ich hielt am Straßenrand, legte den Kopf aufs Lenkrad und schlug mit den Händen aufs Armaturenbrett.

»Nastasja, du bist zu dämlich. Du bist total idiotisch und du hast das hier verdient.« Eigentlich hatte ich noch viel Schlimmeres verdient, aber wer gibt so etwas schon gern zu?

Nach einigen Minuten des Nachdenkens stieg ich aus dem Auto und ging in den Wald. Es war schon eine ganze Weile kein Auto mehr vorbeigekommen. Noch ein paar Meter, und ich war von der Straße aus nicht mehr zu sehen. Ich kniete mich hin und legte die Handflächen auf den Boden. Dann sagte ich ein paar Worte, so alte Worte, dass sie sich anhörten wie ein Haufen unzusammenhängender Silben. Worte, die schon alt gewesen waren, als ich geboren wurde. Worte, die Verborgenes ans Licht bringen.

Einer der wenigen Zauber, die ich beherrsche. Ich wusste nicht mehr, wann ich ihn das letzte Mal benutzt hatte. Vielleicht irgendwann in den Neunzigern, um meine Schlüssel zu finden?

Ich schloss die Augen und nach einer Minute tauchten Bilder in meinem Kopf auf: eine Straße, eine Kurve, ein Ahornbaum mit herbstlich verfärbten Blättern. Ich sah, wohin ich fahren musste.

Ich holte tief Luft und stand auf. Wo meine Hände gewesen waren, hatten sich die Blätter und Zweige in Staub aufgelöst. Ein Büschel späten Klees war verwelkt und starb, denn ich hatte seinen Zellen mit meinem Zauber das Leben ausgesaugt. Zwei Handabdrücke der Zerstörung markierten die Stelle, von der meine Kraft gekommen war. Genau so funktioniert unsere Magie – wir nehmen uns die Kraft dazu von etwas anderem. Jedenfalls machen es die meisten Unsterblichen so.

Ich stieg wieder ins Auto und folgte noch einmal den gewundenen Straßen durch und um den kleinen Ort. Aber ich sah genauer hin und versuchte zu spüren, wo ich war. Ich war schon vor zehn Minuten hier entlanggefahren, aber diesmal musterte ich jeden Baum, jede ungepflasterte Abzweigung.

Und da war es: eine schmale Seitenstraße, ein Ahorn, der in allen Herbstfarben leuchtete und dessen Stamm v-förmig war, als wäre er vor langer Zeit vom Blitz getroffen worden. Ich bog ab. Mein kleiner Mietwagen holperte über die unbefestigte Straße – ich wette, bei Schnee ist sie unpassierbar. Auf einmal war mir kalt und ich drehte die Heizung auf. Ich war ganz aufgeputscht von Koffein und Zucker und plötzlich überwältigte mich die unbeschreibliche Dummheit dessen, was ich hier tat.

Es war verrückt. Es war das Blödeste, das mir jemals in den Kopf gekommen war. Vermutlich war das Ganze eine Ausgeburt meiner Panik oder meines Nervenzusammenbruchs.

Erschöpft hielt ich an und ließ die Hände auf dem Lenkrad liegen. Ich war den ganzen Weg gefahren, um eine Frau namens River zu sehen. Das war so unglaublich bescheuert. Was hatte ich mir dabei gedacht? Was erwartete ich mir von ihr? Ich sollte sofort umdrehen und nach Hause fliegen. Wo immer auch zu Hause war.

Wann hatte ich River getroffen? Etwa 1920? 1930? Ich erinnerte mich nur noch an ihr Gesicht, glatt und gebräunt, und ihre Hände, die schmal, aber kräftig gewesen waren. Sie hatte graues Haar gehabt, sehr ungewöhnlich für eine Unsterbliche. Innocencio hatte gerade sein erstes Auto zu Schrott gefahren – und damit meine ich sein erstes. Im Sinne von gerade erfunden.

War das … 1929 gewesen? Innocencio hatte sich ein wunderschönes A-Modell gekauft, in einer Art staubigem Blau. Es war eines der ersten A-Modelle gewesen, die Ford nach Frankreich verschifft hatte. Incy hatte es erst ein paar Wochen, als er mitten in der Nacht vom Weg abkam und in einen Graben in der Nähe von Reims rutschte. Ich flog durch die Windschutzscheibe und landete im Graben. Mein Gesicht hing in Fetzen – es gab damals noch kein Verbundglas oder Sicherheitsgurte. Imogen und Rebecca waren ebenfalls aus dem Wagen geschleudert worden. Rebecca erlitt ein paar Knochenbrüche und landete vermutlich im Krankenhaus. Imogen starb noch am Unfallort – sie war gegen einen Baum geprallt und hatte sich das Genick gebrochen. Innocencio und ich waren zwar verletzt, konnten aber unserer Wege gehen. Wir hatten Rebecca und Imogen erst am Tag zuvor auf einer Party kennengelernt. Sie waren beide hübsch und reich gewesen und wollten Spaß haben.

Ihr Pech, dass sie uns trafen.

Ein Auto hielt an. Zwei Männer und eine Frau kamen angerannt, um uns zu helfen. Die Männer legten Rebecca vorsichtig auf den Rücksitz ihres Wagens und stellten dann fest, dass Imogen tot war. Die Frau sah nach Innocencio, der schon anfing, das Ganze abzuschütteln und den Verlust seines schönen Wagens zu betrauern. Sie ließ ihn allein und kam zu mir. Ich war gerade aus dem eisigen Grabenwasser gekrochen. Während sie meinen Puls fühlte, versicherte sie mir, dass alles gut werden würde. Sie sagte, ich solle mich nicht bewegen, doch ich hörte nicht auf sie. Ich wischte mir das klatschnasse Haar aus den Augen, zog den Fuchsfellkragen enger um den Hals und fragte sie, wie spät es sei – wir waren auf dem Weg zu einer Silvesterparty gewesen. Imogen war tot und das war wirklich bedauerlich, aber ich nahm es kaum wahr. Es war mir eigentlich egal. Schließlich hatte Incy sie nicht absichtlich getötet. Manchmal sind Menschen wirklich … empfindlich.

Da sah mich die Frau genauer an. Sie nahm mein Kinn in ihre Hände und blickte mir tief in die Augen. Ich sah in ihre und wir erkannten einander als Unsterbliche. Man kann es eigentlich nicht sehen. Es ist nicht so, als stünde auf unserer Netzhaut ein großes U. Aber trotzdem erkennen wir einander.

Sie ließ ihren Blick schweifen: das demolierte Auto, das tote Mädchen und Innocencio und ich, die schon dabei waren, zur Tagesordnung überzugehen.

»So muss es nicht sein«, sagte sie auf Französisch.

»Was?«, fragte ich.

Sie schüttelte den Kopf und aus ihren warmen braunen Augen sprach Trauer. »Du kannst so viel mehr haben, so viel mehr sein.«

Da wurde ich sauer, wischte mir das Blut aus den Augen und stand auf.

»Mein Name ist River«, erklärte sie und erhob sich ebenfalls. »Ich habe eine Farm in Amerika. In Massachusetts, oben im Norden. In einem Ort namens West Lowing. Du solltest dorthin kommen.« Sie deutete auf das zerstörte, qualmende Auto und die Männer, die Imogens Leiche behutsam zu ihrem Auto trugen. Mit einem Blick schien sie Incy als unverbesserlichen und nutzlosen Partygänger abzutun, an den sie ihre Perlen der Weisheit nicht verschwenden wollte.

»Ich war schon in Massachusetts«, erwiderte ich. »Es war todlangweilig. Und kalt.«

Sie bedachte mich mit einem kurzen, traurigen Lächeln. »Aber nicht West Lowing«, sagte sie. »Du solltest kommen, wenn du das alles hier satt hast.« Wieder sah sie zu dem Wagen und Incy hinüber. »Wie heißt du?« Ihre Augen blickten scharf und intelligent – sie schien sich jeden meiner Gesichtszüge, die Form meiner Ohren genau einzuprägen. Ich zog meinen Pelz enger um mich.

»Christiane.«

»Christiane.« Sie nickte. »Wenn du es satt hast, wenn du mehr willst, komm nach West Lowing. In Massachusetts. Mein Haus heißt River’s Edge. Du wirst es finden.«

Die Frau namens River stieg mit den beiden Männern zu Rebecca und Imogens Leiche ins Auto und fuhr davon. Ich blieb allein mit Incy und seinem kaputten blauen Auto zurück. Nach einer Weile kam jemand vorbei und nahm uns mit. Wir fuhren mit dem Zug nach Paris und dann weiter nach Marseille, wo es wärmer war. In Marseille roch die Luft schon nach Frühling und ich verschwendete keinen Gedanken mehr an River – oder Imogen.

Bis vor zwei Tagen. Jetzt, achtzig Jahre später, habe ich beschlossen, ihre Einladung anzunehmen. Bekloppte achtzig Jahre später, als würde sie immer noch da sein und die Einladung immer noch gelten. Wie man sich vorstellen kann, ziehen Unsterbliche oft um. Fünfzig Jahre im selben Dorf zu leben und sich kein bisschen zu verändern – nun, das macht die Leute misstrauisch. Deswegen bleiben wir nie lange an einem Ort. Wieso glaubte ich also, dass River noch da sein würde? Es war nur … sie hatte so zeitlos gewirkt. Eine sinnlose Bemerkung im Zusammenhang mit einer Unsterblichen, ich weiß. Aber sie war mir so ungewöhnlich solide vorgekommen. Als hätte sie gesagt, dass ich jederzeit kommen könnte, weil sie da sein würde, was bei Gott bedeutete, dass sie tatsächlich da sein würde und dass ich zu jeder verdammten Zeit dort auftauchen konnte.

Der Espresso und der Zucker ließen meine Hände zittern und meinen Magen rebellieren. Was sollte ich nur tun?

Es klopfte an meine Seitenscheibe. Ich fuhr zusammen und schaffte es kaum, einen Aufschrei zu unterdrücken. Hektisch sah ich zur Seite. Ein Mann beugte sich zu meinem Autofenster herunter. In meiner Kehle stieg ein beinahe hysterisches Lachen auf und ich musste es mit Gewalt hinunterschlucken. Ein Wikingergott hatte an mein Fenster geklopft und sah mich jetzt besorgt – oder misstrauisch – an. Seine goldene Schönheit war atemberaubend, als wäre eine Gestalt aus der nordischen Mythologie zum Leben erwacht.

Ich musterte ihn – irgendwie kam er mir bekannt vor. War er ein männliches Model? Hatte ich ihn acht Meter groß in einer Werbung für Unterwäsche am Times Square gesehen? War er ein Schauspieler? In einer dieser Seifenopern, die jeden Tag liefen? Ich konnte ihn einfach nicht einordnen. Zögerlich kurbelte ich das Fenster herunter. Bitte, bitte sei ein sexgieriger Irrer, der mich entführt und zu seiner Liebessklavin macht, flehte ich wortlos.

»Ja?« Meine Stimme klang dünn und brüchig.

»Das hier ist ein Privatweg«, sagte er und sah mich missbilligend an. Er war vielleicht zweiundzwanzig? Oder jünger? Mochte er Mädchen im Teenageralter? Ich blinzelte ihn an und hatte erneut das vage Gefühl, ihn von irgendwoher zu kennen.

»Äh … ich suche nach River. River’s Edge.«

Seine goldfleckigen Augen weiteten sich erstaunt. Mir kam der Gedanke, dass sie ihre Farm vielleicht vor den Augen der Nachbarn verborgen hielt. Wenn sie überhaupt noch da war.

»Weißt du, wo das ist?«, hakte ich nach.

»Du kennst River?«, fragte er langsam. »Wo hast du sie getroffen?«

Wer war er, ihr persönlicher Leibwächter? »Das ist schon eine Weile her. Sie hat mich eingeladen, zu kommen und sie zu besuchen«, sagte ich entschieden. »Weißt du, ob ihre Farm River’s Edge irgendwo hier in der Nähe ist?«

Schneller als ich reagieren konnte, griff er mit seiner Hand durchs offene Wagenfenster und berührte meine Wange. Seine Hand war warm und hart und ich wusste, dass sich meine Haut unter seiner Berührung eiskalt anfühlte.

Er war unsterblich und erkannte jetzt, dass ich es auch war.

Ich hielt den Kopf schief. »Kenne ich dich? Sind wir uns schon mal irgendwo begegnet?« Eigentlich müsste ich mich genauer an ihn erinnern, wenn ich ihn schon mal getroffen hätte. Dieses Gesicht, diese Stimme vergaß man nicht. Doch ich hatte jeden Kontinent so oft durchquert, dass ich die vielen Male nicht mehr zählen konnte. Vielleicht war er noch nicht so alt. Oder …

Er war einer von diesen anderen Unsterblichen. Die Art, mit der ich nichts zu tun haben will, mit der mich nichts verbindet, die ich wie die Pest meide und über die ich mit meinen Freunden ablästere. Die Art, die ich ebenso verabscheue, wie sie mich verabscheut.

Die Art, von der ich hoffte, dass sie mich … retten würde. Beschützen. Die Tähti.

»Nein.« Er schüttelte den Kopf und zog die Hand zurück. Ich schauderte und mir war noch kälter als vorher.

»River’s Edge liegt am Ende der Straße«, sagte er zögernd. »Am Ende dieser Straße ist eine Linkskurve. Nimm die erste Abzweigung links. Dann kommst du zum Haus.«

»Dann ist River also noch da?«

Seine Miene war undurchdringlich. »Ja.«

3

Im Rückspiegel verfolgte ich, wie er die Straße hinunterging. Er war groß, mit breiten Schultern, und sein Hintern in der Jeans war eine Augenweide. Während ich seinen Rücken anschmachtete, wurde ich das Gefühl nicht los, ihn von irgendwoher zu kennen, und ich durchforstete mein Gehirn. Dann machte ich den Fehler, einen Blick auf mich selbst zu werfen, und stöhnte auf – meine Haut hatte eine ungesunde Nachtclub-Blässe, meine Augen sahen mit den blauen Kontaktlinsen total komisch aus und meine schwarze Stachelfrisur stand steif ab und saß auch noch schief. Ich war das genaue Gegenteil von ihm: Er war der perfekte Mann und ich die am wenigsten perfekte Frau. Ungepflegt und ungesund. Ach, wen störte das schon? Mich jedenfalls nicht.

Vier Minuten Holperstraße später fuhr ich auf ein zweistöckiges Haus zu, das eher nach einer Schule oder einem Internat aussah als nach einem Privathaus. Es war groß und rechteckig, in einem strengen, makellosen Weiß gestrichen und hatte dunkelgrüne Fensterläden. Seitlich davon befanden sich mindestens drei Nebengebäude und eine Steinmauer, hinter der ich einen großen Garten vermutete.

Ich parkte mein Auto auf dürrem Herbstgras neben einem verbeulten roten Pick-Up. Es kam mir vor, als wären die nächsten Minuten von existenzieller Bedeutung und würden über meine Zukunft entscheiden. Jetzt aus dem Auto zu steigen war gleichbedeutend mit dem Eingeständnis, dass ich mein bisheriges Leben vergeudet hatte. Dass ich vergeudet war. Ich würde zugeben, dass ich mich vor meinen Freunden, vor mir selbst, meiner eigenen Düsternis, meiner Geschichte fürchtete. Alles in mir wollte für immer und ewig in diesem Auto sitzenbleiben, die Fenster fest geschlossen. Wäre ich ein normaler Mensch, für den für immer und ewig nur etwa sechzig Jahre dauerte, hätte ich es vielleicht sogar getan. Aber in meinem Fall war für immer und ewig wirklich unerträglich lange. Ich hatte also keine Wahl.

Ich war aus einem bestimmten Grund hergekommen und dafür hatte ich meine Freunde verlassen und war auf einem anderen Kontinent untergetaucht. Im Flugzeug war mir klar geworden, dass es neben Incys Attacke auf den Taxifahrer und der Abscheu gegenüber meiner eigenen Feigheit und meiner Paranoia, weil Incy meine Narbe gesehen hatte, noch hundert oder tausend andere Dinge gewesen waren, die an meinem Innersten genagt hatten, bis ich das Gefühl nicht mehr loswurde, nur noch eine leere Hülle zu sein, in der nichts Lebendiges mehr war. Ich hatte weder gemordet noch gebrandschatzt, aber dennoch zog sich eine Spur der Zerstörung durch mein Leben. Mit Übelkeit erregender Ehrlichkeit musste ich mir eingestehen, dass alles, was ich berührte, Schaden nahm. Leute wurden verletzt, Häuser zerstört, Autos demoliert, Karrieren vernichtet – die Erinnerungen tröpfelten in mein Gehirn wie Säure, bis ich am liebsten geschrien hätte.

Ich hatte es im Blut. Das war mir klar. Eine Düsternis. Die Düsternis. Ich hatte sie geerbt, zusammen mit meiner Unsterblichkeit und den schwarzen Augen. In jüngeren Jahren hatte ich mich noch dagegen gewehrt. So getan, als wäre sie nicht da. Aber irgendwann war dieser Kampf verloren gewesen. Lange Zeit hatte ich damit gelebt. Doch in dieser letzten Nacht war die Düsternis, die mich schon mehr als vierhundert Jahre verfolgte, mit erstickender Schwere über mich hereingebrochen. Und auf einmal hasste ich, was sie aus mir gemacht hatte.

Wenn ich ein normaler Mensch gewesen wäre, hätte ich mich vielleicht umgebracht. Beinahe hätte ich hysterisch losgelacht, als mir Folgendes klar wurde: Selbst wenn ich es schaffen würde, mir selbst den Kopf abzuschneiden, konnte ich nicht garantieren, dass ich wirklich dabei draufging. Aber was blieb mir sonst noch? Sollte ich mich kopfüber in einen Häcksler stürzen? Was, wenn das Ding blockierte, wenn erst die Hälfte von meinem Kopf durch war? War bestimmt eine super Erfahrung, wenn einem ein neuer Schädel wuchs. Igitt, nein danke.

Mein Leben fühlte sich an, als wäre ich von einer Klippe gestürzt, als fiele ich immer weiter in tiefste Verzweiflung und würde nie wieder glücklich sein. Ich konnte mich nicht einmal mehr erinnern, wann ich das letzte Mal richtig glücklich gewesen war. Amüsiert? Ja. Gut unterhalten? Ja. Glücklich? Eher nicht. Ich hatte sogar vergessen, wie sich das anfühlte.

Die einzige Person, die mir Hilfe angeboten hatte, die mich zu verstehen schien, war River. Sie hatte mich vor so vielen Jahrzehnten hierher eingeladen. Und jetzt war ich da.

Ich schaute mich noch einmal um und plötzlich sah ich sie auf den breiten Holzstufen des Hauses stehen. Sie sah genau so aus, wie ich sie in Erinnerung hatte, was ungewöhnlich war. Normalerweise neigen wir dazu, unser Erscheinungsbild drastisch zu verändern. Ich hatte es seit unserer letzten Begegnung mindestens zwanzig Mal getan. Sie würde mich ganz sicher nicht wiedererkennen. River beobachtete mich und es war eindeutig, dass sie darauf wartete, dass ich den ersten Schritt machte.

Ich atmete aus und hoffte, dass das Haus gemütlich warm war und dass ich einen heißen Tee oder einen Drink bekommen oder ein heißes Bad nehmen konnte. Ob sie sich überhaupt an mich erinnerte? Galt ihre Einladung noch? Natürlich war es absolut lächerlich, sie auf etwas festzunageln, was sie vor achtzig Jahren gesagt hatte. Aber was sollte ich sonst tun?

Außerdem hatte ich schon viel peinlichere Sachen gemacht. Ich stieg aus dem Auto, verkroch mich in meine alte Lederjacke, die ich wieder herausgekramt hatte, nachdem ich meine neue bei Mr