Das Buch der Schuld - Catherine Chidgey - E-Book

Das Buch der Schuld E-Book

Catherine Chidgey

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Beschreibung

Ein literarisches Meisterwerk von der Wucht eines Kazuo Ishiguro und Haruki Murakami

England, in einem anderen Jahr 1979. Die Drillinge Vincent, Lawrence und William wachsen in einem Sycamore-Heim für Waisen auf. Das alte Herrenhaus ist abgelegen und weitläufig, die Jungen erhalten Privatunterricht und es fehlt ihnen scheinbar an nichts. Doch warum dürfen sie keinen Kontakt zu Kindern außerhalb der Sycamore-Heime haben? Warum müssen sie täglich eine besondere Pille einnehmen? Und warum träumen alle drei regelmäßig von einem kleinen Mädchen in einem dunklen Wald? Erst als einer der Jungen eines Tages beschließt, die Pille nicht mehr zu schlucken, löst sich ein Geheimnis nach dem anderen auf – und die drei Brüder kommen der finsteren Geschichte auf die Spur, die ihrer Existenz zugrunde liegt.

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Seitenzahl: 669

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Das Buch

England im Jahr 1979. Die Drillinge Vincent, Lawrence und William wachsen in einem Sycamore-Heim für Waisen auf. Sie werden von ihren drei Müttern, Mutter Morgen, Mutter Mittag und Mutter Nacht, betreut und unterrichtet. Ihre Albträume werden im Buch der Träume festgehalten. Ihre Lektionen stammen aus dem Buch des Wissens. Und ihre Sünden werden im Buch der Schuld festgehalten.

Sie sind die einzigen, die noch übrig sind, denn alle anderen Kinder durften das Heim schon vor Jahren verlassen und nach Margate ans Meer ziehen. Warum Vincent, Lawrence und William noch da sind, wissen sie selbst nicht so genau. Warum dürfen sie keinen Kontakt zu Kindern außerhalb der Sycamore-Heime haben? Warum müssen sie täglich eine Pille einnehmen? Und warum träumen sie alle drei regelmäßig von einem kleinen Mäd­chen in einem dunklen Wald? Erst als Vincent eines Tages beschließt, die Pille nicht mehr zu schlucken, löst sich ein Geheimnis nach dem anderen auf – und die drei Brüder kommen der finsteren Geschichte auf die Spur, die ihrer Existenz zugrunde liegt.

Das Buch der Schuld gibt nach und nach seine dunklen Geheimnisse preis und ist eine zutiefst beunruhigende Erkundung der Zugehörigkeit in einer Welt, in der manche Leben weniger wert sind als andere.

Die Autorin

Catherine Chidgey hat deutsche Literatur studiert und lange in Berlin gelebt. Ihre Romane wurden mehrfach preisgekrönt und in Bestenlisten aufgenommen. Sie lebt in Neuseeland und unterrichtet Creative Writing an der University of Waikato.

CATHERINE CHIDGEY

DASBUCHDERSCHULD

Roman

Aus dem Englischenvon Dietlind Falk

Die Originalausgabe

THEBOOKOFGUILT

erschien erstmals 2025 bei John Murray Press.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Dataminings nach § 44b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

1. Auflage 2026

Copyright © 2025 by Catherine Chidgey

Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2026by Wilhelm Heyne Verlag, München,in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,Neumarkter Straße 28, 81673 München

[email protected]

(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR.)

Zitate aus: James Joyce, Ulysses. Werkausgabe.Aus dem Englischen von Hans Wollschläger © 1975,Suhrkamp Verlag GmbH, Berlin. Alle Rechte vorbehalten.

Redaktion: Michelle Stöger

Umschlaggestaltung: Eisele Grafik Design, München,unter Verwendung von Getty Images / MoMo Productions

Satz: Schaber Datentechnik, Austria

ISBN 978-3-641-33321-8V001

www.heyne.de

Für Bill Manhire

Teil I

Das Buch der Träume

Vincent

Als ich noch nicht wusste, was ich war, lebte ich mit meinen Brüdern mitten im Wald in einem alten Herrenhaus. Es hatte verstaubte blaue Samtgardinen, der Anstrich der Kaminkonsolen sollte das Auge täuschen und nach Marmor aussehen, und die holzvertäfelte Eingangshalle war mit antiken, halb blinden Spiegeln behangen. Auf dem Pfosten der knarrenden Treppe hockte ein Greif aus Eichenholz, dessen seidig glatte Flügel wir bei jedem Vorbeikommen berührten, damit er uns Glück brachte, und dabei flüsterten wir den Spruch, der in einer Banderole quer über seiner Brust geschnitzt stand: Verité Sans Peur. Bis zum Meer kann es nicht weit gewesen sein – das weiß ich mittlerweile –, doch wir waren nie jenseits von Ashbridge gewesen, hatten das Wasser nie mit eigenen Augen gesehen. Wir träumten jedoch davon, alle drei, stellten uns das sanfte Wellenrauschen vor, so regelmäßig wie unsere eigenen Atemzüge, wie das Rauschen unseres eigenen Blutes. Vermutlich, so dachten wir, klang es ähnlich wie die Geräusche, die ein Baby vor seiner Geburt im Mutterleib hört, sodass sich etwas in uns – irgendein Urinstinkt – danach zurücksehnte. Eines Tages, sagten wir uns, würden wir ihn sehen, den Ort, an dem alles Leben seinen Anfang genommen hatte.

Das Haus war 1944 gekauft und in ein Sycamore-Heim umgewandelt worden, um Kinder wie uns nach dem Krieg unterzubringen – auch wenn wir mit der Zeit immer weniger wurden. Vielleicht haben Sie schon einmal vom Sycamore-Plan gehört? … Nun, vielleicht auch nicht. Im Grunde hat sich jahrzehntelang niemand für uns interessiert, keinen zweiten Gedanken an uns verschwendet. Später sprachen die Leute ungern von den Heimen, um keine Gewissensbisse zu bekommen, was ich verstehen kann. Jetzt sind sie jedenfalls alle weg: verrammelt oder plattgemacht oder zu Wohnungen saniert, in denen nichts mehr an das erinnert, was sich hier zugetragen hat.

Unser Heim war eine Einrichtung für Jungen. Es stand am Rand des New Forest und grenzte an einen Fluss, hinter dem das Dorf Ashbridge lag. Benannt war das Haus nach dem großen, verunglückten Entdecker Captain Robert Falcon Scott. Der weiße Anstrich blätterte hier und dort bereits ab und ließ rostrote Klinker zum Vorschein kommen. Begrenzt wurde das Grundstück von einer hohen, zu unserem Schutz mit Scherben bestreuten Flintsteinmauer. Wir seien etwas ganz Besonderes, sagten unsere Mütter, auf uns müsse man aufpassen. Wenn wir früh genug rausgingen, fielen die Strahlen der tiefstehenden Sonne durch die Scherben, die in der morgendlichen Stille grün und bernsteinfarben aufleuchteten, während die Flintsteine stumpf aussahen wie Knorpel in einer weißen Schwarte.

Meine Brüder und ich verbrachten viel Zeit im Garten, wir sammelten Rosskastanienblätter, die groß genug waren, um unsere Gesichter dahinter zu verstecken, wir schnitten Würmer entzwei, um zu sehen, ob sie überleben würden, gruben nach alten Münzen und anderen Schätzen, da wir gehört hatten, einige Farmer hätten hier schon irrwitzige Kostbarkeiten zu Tage gefördert, und wer wusste schon, was der Boden barg, auf dem wir standen? Wir fingen Tausendfüßler, die wir in Streichholzschachteln oder Einmachgläsern verwahrten, und Tagpfauenaugen, denen wir in die hauchzarten Flügel pusteten, deren Augen andere Tiere abschrecken sollten. Wir brachten den Gartengöttern Opfergaben: kleine Steingräber für Käfer, vogelförmige Moosskulpturen, ein Kreis aus herzförmigen weißen Blättern, die wir aus dem Kamelienbusch gezupft hatten, eine Schnecke, aufgespießt auf einen spitzen kleinen Stock wie der Kopf eines Verräters. Wir betrachteten uns in der verspiegelten Gartenkugel, die im Farnbeet lag – sie verwandelte uns in seltsame Kreaturen und ließ das Heim in unserem Rücken überlebensgroß erscheinen. Da wir gute Jungen waren, hilfsbereite Jungen, sammelten wir am nahegelegenen Fluss scharfe Brunnenkresse für unsere Sandwiches und Pilze, damit der Eintopf reichhaltiger wurde. Von den grünen Knollenblätterpilzen ließen wir tunlichst die Finger, sogar von den gelben, da auch sie giftig waren. Waren wir ganz für uns allein, dann stocherten wir in der Hoffnung im hohen Gras herum, einige Ottern könnten herausgeschossen kommen, aber das behielten wir für uns. Wir pflückten knubbelige Zitronen aus dem uralten Baum und brachten sie Mutter Mittag, die sie in zwei Hälften schnitt und auf einem Entsafter aus Glas auspresste, wobei sie ständig aufhören musste, weil Kerne oder Fruchtfleisch im Saft schwammen. Die ausgepressten Schalen sammelten sich an ihren Ellenbogen, das zarte Innere ganz zermatscht, und sie goss den Saft in Eiswürfelformen, die eingefroren wurden.

Wir hätten nie im Traum daran gedacht auszureißen. Diese Zeit war die glückliche Zeit, als ich noch nicht wusste, was ich war.

Unsere Mütter hatten ihre eigenen Wohnräume im Nordflügel des Hauses, die wir so gut wie nie zu Gesicht bekamen, und sie betreuten uns jeden Tag in Schichten. Sie waren nicht wirklich unsere Mütter – das wussten wir von Anfang an –, aber sie schienen uns zu lieben wie eigene Kinder. Sie sagten häufig, sie könnten uns einfach auffressen. Wir durften jederzeit die Fotoalben aus dem Regal in der Bibliothek ziehen und uns die Bilder ansehen, auf denen sie uns als Babys auf dem Schoß hielten, vor unserer Nase rasselten, uns badeten und etwas Milch auf ihr Handgelenk tröpfelten, um zu testen, ob die Temperatur stimmte und wir uns nicht die kleinen Münder verbrannten. Alles wurde dokumentiert. Da saßen wir, aufgereiht in unseren Hochstühlen neben den anderen Captain-Scott-Jungen, und klapperten mit Löffeln auf Teddybär-Tellern herum. Wir erinnerten uns nicht an diese Szenen, aber unsere Mütter erzählten uns, wie hungrig wir gewesen waren, dass sie unsere Bäuche gekitzelt und dabei gesagt hatten: Du bist voll! Gleich platzt du! In den Alben klebten auch drei flaumige, mit einer Schleife zusammengebundene Locken – wie blond sie waren, und ganz fein –, und daneben standen unsere Namen, Vincent, William, Lawrence, denn sonst hätte man eine Locke nicht von der anderen unterscheiden können. Unsere Milchzähne, auch beschriftet, auch identisch. Wenn wir uns die kostbaren Kleinigkeiten ansahen, die unsere Mütter von uns aufbewahrt hatten, dann wussten wir, wie besonders wir waren. O ja, sie liebten uns. Falls sie unter den Kindern Lieblinge hatten, ließen sie es sich nicht anmerken.

Mutter Morgens Schicht begann um fünf Uhr früh, wenn wir noch tief und fest schliefen. Ganz leise schloss sie oben im Flur die Tür auf, die ihren Flügel von unserem trennte, und schlich sich auf Zehenspitzen nach unten in die Küche, um Mutter Nacht abzulösen. Sie sprachen kurz miteinander, mit gesenkten Stimmen, um uns bloß nicht zu wecken, und Mutter Nacht gab alle wichtigen Informationen an Mutter Morgen weiter. Einer von uns hatte im Schlaf gesprochen, einer hatte mal wieder ins Bett gepinkelt – ganz normale Dinge eben, wie wir dachten. Während wir weiterschliefen, ging sie in die Waschküche, wo unter der Öffnung des Schachtes die dreckige Wäsche darauf wartete, gewaschen zu werden, während die frische Wäsche gebügelt, gefaltet und an uns zurückgegeben wurde – grüne Hemden für Lawrence, rote für William und gelbe für mich. Wir waren immer adrett gekleidet, das war wichtig, wie Mutter Morgen sagte, denn Menschen urteilten übereinander anhand von Kleidung und Frisur und dem Zustand der Fingernägel – das lag einfach in unserer Natur.

Um halb sieben schlich sich Mutter Morgen in einem geblümten Kittel, den sie über ihrem schlichten Rock und der Bluse trug, zurück in unser Zimmer, das Buch der Träume unter den Arm geklemmt.

Manchmal wachten wir auf, ehe sie hereinkam, dann zwangen wir uns, reglos wie ein Stein dazuliegen und an unsere Träume zu denken, nur an unsere Träume. Das Laken war ganz verknittert und durcheinander und wir wünschten uns sehnlichst, unsere Körper aus den kratzigen Nähten zu wühlen, mit denen der kunterbunt gestreifte Stoff geflickt worden war – doch wenn wir anfingen, uns zu bewegen, wenn wir auch nur die Augen öffneten, dann konnte es sein, dass sich unsere Träume in Luft auflösten und wir sagen mussten, es täte uns leid, aber wir könnten uns nicht erinnern. Dann sprach Mutter Morgen mit ihrer traurigen Stimme zu uns, als hätten wir ihr wehgetan, als hätten wir die Nagelschere, die kein Spielzeug war, in irgendeinen verletzlichen, geheimen Teil von ihr gerammt. Doch an den meisten Tagen weckte sie uns, legte uns eine Hand auf die Schulter und flüsterte unseren Namen. Wir waren uns ihrer Anwesenheit kaum bewusst, es fühlte sich an, als erzählten wir uns selbst unsere Träume, mehr schlafend als wach. Das Bett von Lawrence war der Tür am nächsten, also war er zuerst dran, sie setzte sich auf die Bettkante und öffnete das Buch, trug Namen und Datum ein, wartete darauf, dass er etwas sagte. Dann kam sie zu William, der neben dem alten Kamin schlief, und zum Schluss zu mir neben den Fenstern. Während meine Brüder sprachen, musste ich ihre Stimmen ausblenden, sonst konnte es sein, dass sich ihre Träume in meine mischten, und das, sagte Mutter Morgen, wäre dann ein heilloses Durcheinander. Da würde man dann wirklich im Trüben fischen.

»Vincent«, raunte sie, wenn ich an der Reihe war, der Stift schwebte über dem Papier, und ihr Gesicht mit den Sommersprossen und den rotbraunen Locken zeichnete sich immer deutlicher im heller werdenden Zimmer ab. »Erzähl mir alles, woran du dich erinnerst.«

»Ich laufe durch die kahle Heide und aus dem Nichts kommt ein Pony auf mich zu und bäumt sich vor mir auf«, erzählte ich dann, oder: »Ich bin beim Mittagessen und beiße auf etwas Hartes, das ist ein Zahn, der gerade ausgefallen ist«, oder: »Ich packe ein Geschenk ein, obwohl ich es selbst behalten will, aber Mutter Mittag sagt, das ist genauso, als würde man stehlen.« Bei unseren Sitzungen mit Mutter Morgen sprachen wir immer in Gegenwartsform, als wären wir noch mitten im Traum, denn so wollte sie es. Die Vergangenheitsform entferne uns von dem Geschehenen, sagte sie, und fördere die Vergesslichkeit. »Ich versuche, Feuer zu machen, aber die Streichhölzer funktionieren nicht. Ich nähe Namensschilder in meine neuen Kleider, aber jedes Mal, wenn ich wegsehe, ist der Haufen danach größer, und ich weiß nicht, wie ich jemals so viele Pullover tragen soll.«

All das schrieb sie in ihr Buch, Tag für Tag. Den ganzen Nonsens, die zusammenhangslosen Bruchstücke. Manchmal, wenn ich heute daran denke, dann verwischen die vielen Einträge und verdichten sich zu einem einzigen langen Morgen, einem einzigen Traum. Unsere schlaftrunkenen Stimmen. Die Häkeldecken von Mutter Nacht, die von den Betten rutschten. Die Federkissen, die unsichtbaren Staub ausspuckten. Mutter Morgens Stift, der über die Seiten kratzte, weil sie jedes Detail festhielt.

Sie erinnern sich wahrscheinlich nicht mehr an Ihre Träume von ganz früher, geschweige denn die von jemand anderem, also glauben Sie mir vielleicht nicht, wenn ich sage, dass ich mich mit absoluter Klarheit an einen Traum von Lawrence erinnere. Das alles ist so lange her, März 1979, aber ich erinnere mich daran, weil ich darin zum ersten Mal von ihr hörte.

»Ich renne im Wald einem Mädchen hinterher«, sagte er im Halbschlaf.

»Einem Mädchen?«, fragte Mutter Morgen, und etwas in ihrer Stimme war anders. Spröde. »Wie alt ist das Mädchen?«

»So alt wie ich, dreizehn ungefähr. Es ist Frühling, und ich habe ihr ein paar Hasenglöckchen gepflückt.«

William sagte: »Lawrence hat eine Freundin«, und ich lachte, obwohl ich mich auf meinen eigenen Traum hätte konzentrieren sollen.

»Ruhe!«, zischte Mutter Morgen, die sonst nie so mit uns sprach. »Lawrence, erzähl weiter. Wie sieht das Mädchen aus?«

»Dünn. Barfuß. Lange schwarze Haare.«

»Und was hat sie an?«

Lawrence schwieg.

»Was hat sie an, Lawrence?«

Es blieb still. Die Atmosphäre im Schlafsaal war gespannt, aufgeladen. »Nichts«, flüsterte er.

Wieder lachte ich, ich konnte einfach nicht anders.

»Bist du jetzt still!«, zischte Mutter Morgen. »Lawrence, mein Schatz, und fängst du dieses Mädchen?«

»Nein. Sie sieht sich immer wieder über die Schulter und lacht, aber ich bin zu langsam. Dann ist der Traum zu Ende.«

»Sonst nichts?«, fragte Mutter Morgen. »Bist du sicher?«

»Das ist das Ende«, bekräftigte er.

Nachdem wir unsere Betten gemacht und uns das Gesicht gewaschen hatten und zum Frühsport nach draußen gingen, versuchten William und ich, mehr herauszufinden. War das Mädchen sexy? War es ein Sextraum gewesen? Wir hatten gerade angefangen, so etwas zu haben, alle drei, im Schlaf die Kontrolle über unsere Körper zu verlieren, in feuchten Laken aufzuwachen, die wir zusammenknüllten und in den Wäscheschacht warfen. Anfangs fürchteten wir noch, irgendeine Krankheit zu haben, sogar eine tödliche, doch Mutter Morgen sagte uns, das sei eben so eine Sache, an der wir uns nicht weiter stören sollten, so unangenehm sie auch für alle Beteiligten sein mochte.

Lawrence überging unsere Fragen und führte die Dehnübungen aus, mit denen der Frühsport begann, damit wir uns nicht verletzten. Er kniff das Gesicht zusammen, als er die Schultern an die Ohren und die Knie an die Brust zog, die Hüfte kreisen ließ, denn seine Gelenke schmerzten seit ein paar Wochen. Es war einfach nur ein Mädchen gewesen, sagte er. Nichts Besonderes. Selbst als William und ich uns auf ihn draufsetzten – wobei wir sichergingen, außer Sichtweite der Mütter zu sein –, deutete er nur versiegelte Lippen an. Er konnte ein Dickkopf sein, vor allem wenn wir uns gegen ihn verbündeten.

Wir machten unsere Liegestütze und Hampelmänner und schüttelten die morgendliche Märzkälte ab. Ein Halbmond hing noch am Himmel, was immer ein merkwürdiger Anblick war, egal wie oft wir ihn sahen. Wir kniffen die Augen zusammen und versuchten, die Flaggen auszumachen, die 1957 da oben im Staub gehisst worden waren, die amerikanische, die deutsche und die britische, wie die Mütter erzählt hatten.

Später, als wir in der Bibliothek darauf warteten, dass der Unterricht begann, fragte William Lawrence wieder nach seinem Traum, doch der beschäftigte sich allein damit, ein Dutzend Buntstifte aus der alten Sirupdose zu fischen und nacheinander anzuspitzen. Allerdings wurde er rot, eine Schamesröte wegen des Mädchens, das keine Kleider getragen hatte.

Ich schlenderte ans hintere Ende des Raumes und sah mir die Fotografien an, die neben dem Schrank mit den Arbeitsmaterialien hingen. Seit ich denken konnte, mussten wir uns einmal im Jahr der Reihe nach aufstellen, damit Mutter Morgen ein Foto von uns machen konnte, das für Dr. Roachs Unterlagen gedacht war. Hierfür verwendete sie einen großen, echten Fotoapparat mit Stativ – den gab es in jedem Heim –, und wir stellten uns neben den Lavendelbeeten auf. Ich betrachtete das Foto von vor drei Jahren, als noch an die vierzig Jungen hier gewesen waren. Ich entdeckte die Jones-Zwillinge, die Brown-Vierlinge und die Smith-Drillinge – alle längst im Großen Haus von Margate. Ich sah John Wilson und David Collins, die allen leidtaten, weil sie keinen Zwilling hatten, aber befreundet wollte man deshalb noch lange nicht mit ihnen sein – auch weg. Paul Brown trug seinen heißgeliebten, selbstgestrickten Aran-Pullover, den Mutter Nacht ihm zum Geburtstag geschenkt hatte und den er so lange trug, bis sich der Bund auflöste und die Ärmel weit über seinen Handgelenken endeten. Richard Jones trug seine Brille nicht, sein Bruder schon, die beiden hatten immer versucht, sich durch kleine Details voneinander zu unterscheiden. Roger Smith grinste von einem Ohr zum anderen, weil er genau wusste, was William vorhatte – und da war er auch schon, mein schöner Bruder, die erste und letzte Figur unter den vielen aufgereihten Jungs. Zuerst hatte er ganz links gestanden, und während Mutter Morgen das Objektiv langsam über uns schwenkte, war er ganz nach rechts gespurtet. Aber wer war der Junge, der neben mir stand? Und der daneben? Jetzt, da sie nach Margate gekommen waren, erinnerte ich mich nicht mehr an ihre Namen. Überhaupt erinnerte ich mich kaum an sie. Und Neuzugänge hatte es seit Jahren nicht gegeben – wir waren die Letzten im Captain-Scott-Heim.

»So, Jungs«, sagte Mutter Morgen, als sie zum Unterricht erschien, »bitte holt eure Aufgaben raus. Wir haben heute einiges vor. Wie geht es uns heute? Alle Mann putzmunter und quietschfidel?«

Ja, wir nickten, alles gut so weit. Einigermaßen gut. Ich spürte ein leichtes Flattern in der Brust.

In jener Woche kamen wir gerade zum Ende des Zweiten Weltkriegs, und Mutter Morgen zog Band 4 (GERM–LOCK) vom Buch des Wissens aus dem Regal und blätterte vor bis zum Göteborger Abkommen.

»Am 16. November 1943«, las sie vor, »wurde Adolf Hitler von einer Bombe getötet, die Major Axel von dem Bussche am Körper trug. Von dem Bussche sollte Hitler die neue Winteruniform der Wehrmacht vorführen und hielt die umgebaute Landmine in einem Rucksack versteckt. Als er sich dem Führer näherte, zog er die Zündung und räusperte sich, um das Zischen zu übertönen. Bei der Umarmung tötete die Explosion beide Männer auf der Stelle.«

William sog Luft durch die Zähne ein, schlang die Arme um Lawrence und ließ ein krachendes Bombengeräusch an seinem Rachen entstehen, ehe er sich zu Boden warf, und Lawrence gleich mit.

»Genau, danke William«, sagte Mutter Morgen. »Sehr anschaulich. Setzt euch bitte, Jungs.«

»Aua, mein Handgelenk!«, sagte Lawrence, obwohl er wusste, dass uns Jammern noch nie weitergebracht hatte.

»Hinsetzen«, sagte Mutter Morgen, deutete mit dem Zeigefinger, den sie einmal kreisen ließ, auf Lawrences Platz und las weiter. »Nach dem gelungenen Mordanschlag exekutierten die Putschisten führende Nazi-Amtsinhaber und setzten eine Übergangsregierung ein. Zwei Wochen später begannen in Göteborg, Schweden, die Friedensverhandlungen mit den Alliierten. Der amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt, der zunächst nichts Geringeres als Nazideutschlands bedingungslose Kapitulation gefordert hatte, stimmte nach langwierigen Verhandlungen einer anderen Lösung zu: Deutschland würde sich aus Frankreich zurückziehen und keinen Widerstand gegen eine alliierte Besatzung leisten und im Gegenzug Schutz vor einer vollständigen russischen Invasion erhalten. Außerdem stimmte Deutschland demokratischen Wahlen noch vor Jahresende zu, bei denen Claus von Stauffenberg zum Premierminister und Feldmarschall Erwin Rommel zum Kanzler gewählt wurden. Auf Drängen unseres Premierministers Lord Halifax stimmten die Alliierten dem Plan zu, Deutschland solle das Sudetenland, Österreich und Elsass-Lothringen behalten. Verteidigungsminister Winston Churchill betrachtete den Kompromiss als bittere Pille, doch Halifax bekräftigte: ›Die Zeit drängt. Jede weitere Verzögerung wird das Leid nur vergrößern: Der Frieden muss uns gelingen, um jeden Preis.‹« Mutter Morgens Stimme war bei diesen Worten um einige Halbtöne gesunken, ehe es einen Moment still blieb. »In dieser Welt«, sagte sie, »ist es nicht möglich, alles zu bekommen, was wir wollen. Was wir für richtig halten. Manchmal gilt es, schwierige Entscheidungen zu treffen, nicht wahr?«

Wir nickten, auch wenn wir nicht ganz sicher waren, was sie meinte.

»Und wer hat jetzt den Krieg gewonnen?«, fragte William.

»Nun«, sagte Mutter Morgen. »Niemand.«

»Aber irgendwer muss doch gewonnen haben«, sagte er.

»Niemand hat gewonnen und niemand hat verloren«, sagte Mutter Morgen. »Darauf einigten sich die Unterzeichner des Göteborger Abkommens. Und aus diesem Friedensvertrag sind viele wunderbare Dinge entstanden«, sagte sie. »Nicht nur das sofortige Ende des Krieges, auch wichtige Forschungsergebnisse wurden so zum Allgemeingut. Wie wir bereits gelernt haben, wurden große Fortschritte im Bereich der Naturwissenschaften schon nach dem Ersten Weltkrieg gemacht, der Millionen von Soldaten und Zivilisten das Leben gekostet hatte, da sich schreckliche Krankheiten ungehindert verbreiten konnten. Wissenschaftler setzten alles daran …« Hier geriet sie kurz ins Stocken. »… setzten alles daran, diese Krankheiten auszumerzen, und vollbrachten schließlich wahre Wunder. Dinge, von denen niemand auf dieser Welt zu träumen gewagt hatte. Industrielle Herstellung von Penicillin im Jahr …?«

»1930«, antworteten wir.

»Einen Impfstoff gegen Kinderlähmung?«

»1938.«

»Die Entdeckung der Doppelhelix unserer DNA?«

»1939.«

Sie strahlte uns an. Mutter Morgen war immer hochzufrieden, wenn wir Stoff aus früheren Stunden behalten hatten.

»Durch die Zusammenarbeit«, sagte sie, »der das Göteborger Abkommen den Weg geebnet hatte, wurden schließlich riesige Fortschritte erzielt. Unserem Dr. Roach gelangen einige bahnbrechende Entdeckungen auf … auf seinem Gebiet, und das mithilfe der Forschungsergebnisse von Studien, die vor und während des Krieges in den Lagern durchgeführt wurden. Teils waren es schreckliche Versuche, aber von immensem Wert für die Wissenschaft. Wie ihr seht, sind diese armen Menschen nicht umsonst gestorben. Auf eine Art leben sie weiter – so können wir uns das zumindest vorstellen. Wir müssen immer das Wohl der Allgemeinheit im Hinterkopf behalten.«

Wieder nickten wir, und dann sah sie zur Uhr, und es war Zeit für die große Pause. Sie ging in die Küche, um Käsewürfel und Apfelschnitze für uns zu machen, Rosinen in die kleine blaue Schale zu schütten und unsere Medizin abzumessen.

William zog den ersten Band (A–BON) vom Buch des Wissens aus dem Regal und suchte den Eintrag zu Adam und Eva. Wenn wir allein waren, taten wir das häufig, hauptsächlich wegen der Abbildung der beiden nackten Menschen, auch wenn es sich lediglich um einen unscharfen Schwarzweißdruck handelte, der zu einer Ansammlung von Fliegendreck verschwamm, wenn man das Buch zu nahe vor die Augen hielt.

»Sah so das Mädchen aus deinem Traum aus?«, fragte er Lawrence. »Eva hat lange schwarze Haare. Vielleicht lag es daran.«

Lawrence seufzte. So schnell würden wir ihn offensichtlich nicht in Ruhe lassen. Er betrachtete Evas stämmige Arme und ihre rundlichen Hüften. »Zu moppelig«, sagte er. »Und ich glaube immer noch, dass Adam versucht, ihr an den Busen zu fassen.«

Diese Diskussion war nichts Neues. »Er will sie davon abhalten, den Apfel zu pflücken«, sagte ich.

»Und ihr dann an den Busen fassen.«

William stellte das Buch zurück und setzte sich auf eine Ecke der Fensterbank. Dann knibbelte er am Glasauge unserer Zierziege herum, dem Ergebnis des letzten Basteltags. Die Ziege starrte seltsam lebendig zurück. »Ich glaube, ich habe auch schon mal von ihr geträumt«, sagte William.

»Von wem, von Eva?«, fragte Lawrence.

»Von dem dünnen Mädchen, das durch den Wald rennt.«

»Was?«

Es war schon vorgekommen, dass Mehrlingsbrüder Träume teilten, aber nie bei uns.

»Das hast du Mutter Morgen gar nicht erzählt«, sagte ich.

»Nein.«

»Hattest du den Traum vergessen?«

Das kam ab und an vor – wir vergaßen Träume und später erinnerten wir uns wieder, weil uns irgendetwas, das wir gesehen oder gehört hatten, wieder daran erinnerte, und dann berichteten wir der diensthabenden Mutter davon und sie schrieb einen nachträglichen Eintrag ins Buch der Träume.

»Nein«, sagte William. »Ich hatte irgendwie … Angst vor ihr.«

»Vor Mutter Morgen?«, fragte ich. Sie konnte streng sein, aber nie so sehr, dass man sie fürchten musste. Nicht wirklich.

»Vor dem Mädchen im Traum.« Noch immer knibbelte er an dem Augapfel herum, der sich schließlich samt verklebtem Draht aus dem hölzernen Kopf löste.

Lawrence runzelte die Stirn. »Du hattest Angst vor ihr?«, sagte er. William hatte vor nichts Angst.

»Ich dachte, wenn ich von ihr erzähle, wird sie … wird sie wahr.«

Ich konnte William ansehen, dass ihm die ganze Sache unheimlich war. »Es war nur ein dummer Traum«, sagte ich. »Er hat nichts zu bedeuten.« Ich holte eine Klebstofftube aus dem Materialschrank und reparierte das Auge der Ziege, indem ich den Draht zurück in den Kopf friemelte. »Weißt du was? Heute Nachmittag, nach dem Essen, tue ich so, als wäre ich du, und du kannst so tun, als wärst du Lawrence, und Lawrence tut so, als wäre er ich. Okay?«

Das hatten wir schon getan, als wir noch klein waren – die Rollen getauscht, um zu sehen, ob uns irgendwer durchschaute. Manchmal flogen wir auf, reagierten auf den falschen, nämlich den richtigen Namen, oder wir vergaßen, einen verräterischen Kratzer oder blauen Fleck zu verstecken. Doch die meiste Zeit kamen wir mit der Nummer durch. So ähnlich sahen wir einander.

Ich musste zur Toilette, also stieß ich die Tür der Bibliothek auf und marschierte mit den Worten durch den Korridor: »Die Zeit drängt. Jede weitere Verzögerung wird das Leid nur vergrößern …« Als ich an Mutter Mittags Ikebana-Gesteck aus Pflaumenzweigen, Hortensien und Sommerflieder vorbeikam, das das kosmische Gleichgewicht zwischen Fülle und Leere darstellen sollte, stieß ich beinahe mit Mutter Morgen zusammen. Sie sah mich an, hob eine Augenbraue – die gefürchtete Augenbraue – und stellte das Tablett mit Apfelschnitzen, Käse, Trauben und Medizin vorsichtig ab, ehe sie sagte, sie habe alles gehört und ich möge mir zwar besonders lustig vorkommen, sollte aber lieber etwas Respekt für unsere britischen Helden wie Premierminister Halifax zeigen. Er hatte aus einer schlimmen Situation das Beste gemacht, und dank seiner Entschlusskraft hatte das ganze Land – die gesamte Wissenschaft – davon profitiert.

»Muss ich dir einen Tadel aufschreiben, Vincent?«, fragte sie.

»Nein, Mutter Morgen«, sagte ich und spürte für einen Moment die Schwäche. Wieder ein Flattern in der Brust. »Tut mir leid.«

»Hm. Nun gut. Aber ich habe dich gewarnt.«

»Ja, Mutter Morgen.«

Wir zitterten allein beim Gedanken an einen Tadel. Nicht nur unsere Träume wurden festgehalten, auch unsere Verstöße. Das Buch der Schuld stand im untersten Regal der Bibliothek neben den Fotoalben, und darin trugen unsere Mütter unser Fehlverhalten ein: Dinge, wegen denen wir uns schuldig fühlten: Lügen, Tritte austeilen, Hand an uns legen, frech sein. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, wurden wir nie anderweitig bestraft. Der Tadel war Strafe genug. Unsere Mütter enttäuscht zu haben, war die Bestrafung.

An jenem Tag verkrümelten wir uns nach dem Mittagessen in unser Zimmer und tauschten die Kleider. Lawrence bekam mein gelbes Hemd, William nahm sich Lawrences grünes, und ich zog das rote von William an. Schon war das dunkelhaarige Mädchen Schnee von gestern, wir kicherten beim Anblick unseres verkleideten Spiegelbilds. Böse Jungs, flüsterten wir – böse, böse. Als um ein Uhr die Schicht von Mutter Mittag begann, fiel ihr nichts weiter auf, und wir wechselten erst wieder in unsere richtigen Kleider, als es Zeit wurde, schlafen zu gehen.

Nancy

Im März 1979, an Nancys dreizehntem Geburtstag, überreichte ihre Mutter ihr ein winziges, in blassrosa Papier eingeschlagenes Geschenk. Was konnte es nur sein? Spielte ihre Mutter ihr einen Streich und die Schachtel war leer? Als sie sie öffnete, fielen zwei funkelnde Ohrstecker in ihre Handfläche, nicht größer als ein Stecknadelkopf. »Sind die echt?«, fragte Nancy atemlos, denn sie waren einfach zu entzückend, zu kostbar.

»Aus echtem Glas«, sagte ihre Mutter, »und recht alt.«

Nancy hatte im Fernsehen vornehme Damen gesehen, die solche Ohrringe trugen: kleine Lichtpunkte, die bei jeder Bewegung aufblitzten.

»Wir haben uns gedacht, dass sie gut zu deinem besonderen Outfit passen würden«, sagte ihr Vater und deutete auf das silbrig grüne Kleid, das Nancy trug, weil sie Geburtstag hatte.

»Aber ich habe keine Ohrlöcher«, sagte sie.

»Das ist der zweite Teil des Geschenks«, sagte ihre Mutter.

Nancy musste sich an den Küchentisch setzen, ihre Mutter legte ihr ein Geschirrtuch über die Schultern, damit das Kleid nicht schmutzig wurde, und dann markierte sie beide Ohrlöcher mit einem blauen Kugelschreiber. »Kenneth«, sagte sie, »Eis, bitte.«

Nancys Vater drückte einen Würfel aus der Form, und ihre Mutter presste ihn an Nancys linkes Ohrläppchen.

»Aber so werden deine Finger ganz taub, Marjorie«, sagte er. »Und die brauchst du gleich noch.«

»Stimmt«, sagte Nancys Mutter.

Sie wickelte die eine Hälfte des Eiswürfels in Alufolie, während Nancys Vater eine Kerze anzündete und eine Nähnadel in die Flamme hielt. Nancy beobachtete die winzige Zunge, die um ihr heißes Herz herum flackerte und zuckte, und hätte nicht sagen können, ob ihre Ohren heiß oder kalt waren.

»Wofür ist die?«, fragte sie, doch ihre Eltern lächelten nur und sagten, der Zweck heilige die Mittel.

Ihr Vater schüttelte die Nadel ein wenig, damit sie abkühlte, und dann drückte ihre Mutter sie an ihr Ohrläppchen. »Fühlst du das?«

»Nein«, sagte Nancy, obwohl es ihr vorkam, als wollten winzige Tiere mit wilden Flügelschlägen aus ihrem Brustkorb herausschwärmen: Kolibris, Honigbienen, Schmeißfliegen.

»Also«, sagte ihre Mutter, »du musst jetzt ganz still halten. Rühr dich nicht vom Fleck.«

»Und wenn ich niesen muss?«

»Musst du denn niesen?«

Die Tiere warfen sich gegen ihren Rippenkasten, kratzten mit sirrenden Flügelspitzen in ihrer Kehle.

»Nein«, sagte sie. »Aber wofür ist die Nadel?«

»Es dauert nur eine Sekunde. Nicht bewegen.«

Und es war kein Schmerz, den sie spürte. Eher eine Art Reibung, die Struktur des Fleisches wurde auf merkwürdige Art verschoben und durchtrennt. Und dann doch Schmerz.

»Sitz jetzt still! Stillsitzen!«, sagte ihre Mutter, zog hektisch die Nadel heraus, und da war Blut an ihrem Handgelenk, Nancys Vater reichte ihr einen der Ohrstecker, und sie setzte ihn mit den Worten ein: »War doch ein Klacks!«

Ihr Vater lächelte und nickte. »Siehst du?«, sagte er. »Haben wir es dir nicht gesagt, alles halb so wild?«

»Den anderen will ich nicht«, sagte Nancy.

Ihre Eltern warfen einander einen Blick zu. »Du liebe Güte, Püppi!«, sagte ihre Mutter. »Du kannst doch nicht nur mit einem herumlaufen!«

»Das würde doch äußerst komisch aussehen«, sagte ihr Vater. »Ganz asymmetrisch und merkwürdig.«

»Ich will ihn nicht!«, sagte Nancy.

Ihre Mutter presste den Eiswürfel schon aufs andere Ohr.

Als sie fertig waren, traten ihre Eltern einen Schritt zurück und sahen sie an, wie sie es häufig taten. Sie analysierten, wägten ab. Wie bei einer Bestandsaufnahme.

»Sieh mal einer an, Marjorie«, sagte ihr Vater nach einem kurzen Moment. »Sie sitzen genau richtig.«

»Genau richtig«, sagte Nancys Mutter und schoss ein Foto von ihr.

Vincent

Unser ganzes Leben lang waren wir neugierig auf das Dorf jenseits des Flusses gewesen. Von unserem Eckzimmer im Obergeschoss konnten wir über den Wald und die Heide bis nach Ashbridge schauen, wo die blauen Zifferblätter des Uhrturms auf allen vier Seiten eine andere Zeit anzeigten und der Kirchturm aus dem roten Dächermeer ragte. An Regentagen glänzten die Schindeln wie feuchtes Laub und im Winter stieg Rauch aus den Kaminen auf, weil alle Familien in warmer Behaglichkeit am Feuer saßen – zumindest in unserer Vorstellung. Als wir klein waren, fragten wir die Mütter, warum wir nicht ins Dorf durften, und dann sagten sie uns, wir seien empfindlich, unsere Gesundheit sei empfindlich. Sollten wir uns aus dem Tor hinauswagen, konnten wir uns von den Dörflern eine Krankheit einfangen, und das wäre dann wirklich gefährlich. Daher die Regel.

Dann, im Frühjahr 1978, änderte sich alles: Solange wir bei guter Gesundheit waren, durften wir die Mütter fortan zur Bank oder zur Post begleiten, oder wenn sie genug Geld gespart hatten, um sich die neue Reich der Frau zu gönnen, oder neue Schuhe für uns kaufen mussten, weil wir wuchsen wie die Rankpflanzen. So wurde die alte Regel durch die neue Regel ersetzt.

Wir konnten unser Glück kaum fassen. Wir fragten Mutter Morgen, wer genau entschieden hatte, uns rauszulassen – sie etwa?

Nein, nein, sagte sie, dazu war sie nicht befugt.

Dann vielleicht Dr. Roach?

Nein, sagte sie, natürlich nicht Dr. Roach. Die neue Regierung hatte so entschieden, auch wenn sie bezweifelte, dass die neue Regierung noch viel länger an der Macht bliebe.

Die Regierung danach könnte die Regeln also wieder zurückändern?

Vermutlich, sagte sie.

Und würde die neue Regierung dann auch wieder Jungs nach Captain Scott schicken und wir wären nicht mehr die Letzten?

Sie sagte, das wisse sie nicht. Sie könne nicht hellsehen.

Zuerst waren wir nervös – was, wenn uns die Dorfbewohner mit irgendetwas ansteckten? Aber nicht doch, beruhigte uns Mutter Morgen: Solange wir uns gesund fühlten und uns korrekt verhielten, drohte keinerlei Gefahr. Und wie aufregend unsere ersten Ausflüge waren! Wie seltsam, die andere Seite der Flintsteinmauer zu sehen, das Heim hinter uns zu lassen und mit Mutter Mittag die schmale Straße entlangzulaufen! Als wir hörten, wie sich ein Auto näherte, zuckten wir zusammen, doch es rollte im Schneckentempo an uns vorüber, und der Fahrer beäugte uns sichtlich verwirrt. Mutter Mittag sagte uns, wir sollten ihm keine Beachtung schenken. Wir hüpften die Heckenwege entlang, vorbei an den schläfrig dreinblickenden Kühen und den scheuen Ponys, die mit ihren Schwänzen durch die grüne Luft wedelten, dem Holzapfelbaum mit dem ausgehöhlten Stamm, der trotzdem weiterwuchs, und dann überquerten wir die Steinbrücke, die uns vom Dorf trennte. In den Auslagen der Hauptstraße sahen wir riesige Schweinehälften und Gläser voller Süßigkeiten, Schaufensterpuppen mit echter Kleidung und aufgemalten Haaren, wacklig gestapelte Milchreisdosentürme und, im Fenster der Bäckerei, eine kleine batteriebetriebene Figur mit weißer Schürze und weißer Kochmütze, die mit dem Kopf nickte und mit einem Kochlöffel gegen die Scheibe klopfte. Doch obwohl wir von hier waren – schließlich hatten wir unser ganzes Leben in Ashbridge verbracht –, wurden die Dorfbewohner nicht warm mit uns. Sagten wir hallo, reagierten sie mit kaum merklichem Nicken, die Schulkinder in ihren schicken Uniformen stießen einander an und glotzten mit großen Augen, und die Ladenbesitzer ließen uns mit unseren Smalltalkversuchen konsequent abblitzen. Ein Mann wechselte mit seiner Tochter die Straßenseite, um uns aus dem Weg zu gehen, und als sie sagte, wir sähen doch ganz normal aus, raunte er: »Die sind nicht so wie du und ich.« Ein anderer Mann sagte zu seiner Frau: »Bald werden sie das Wahlrecht einfordern. Und heiraten wollen. Wart’s nur ab!« Und Lawrence lernte schnell, dass es nicht ratsam war, anderer Leute Hund zu streicheln.

»Kopf hoch, Kopf hoch«, sagte uns Mutter Mittag. »Ihr seid hundertmal besser als die.«

Einzig Mr. Webb, der Bäcker, war freundlich, packte uns kurz vor Ladenschluss gratis eine Sahneschnitte in die Tüte und fragte mich, ob ich schon mit einer jungen Dame zusammen sei, denn so gehörte es sich doch wohl für einen schneidigen jungen Kerl wie mich, oder etwa nicht? Mutter Morgen sagte, er sei etwas einfältig, nicht ganz richtig im Kopf, aber ich fand ihn nett.

Ganz selten, wenn die Mütter zu viel zu tun hatten – und wir gesund waren –, dann durften wir allein ins Dorf, auch wenn wir versprechen mussten, uns bei den Besorgungen von unserer allerbesten Seite zu zeigen. Mutter Mittag brauchte eine Packung Knöpfe oder etwas Gummiband, oder sie entschied, dass wir uns für unser gutes Benehmen ein Stück Treacle Tart oder ein Custard Slice verdient hatten. Oder Mutter Morgen bemerkte, dass jemand den letzten Teebeutel verbraucht habe, und nun seien keine Teebeutel mehr für die anderen da, und so ginge es ja nun wirklich nicht.

Ich erinnere mich daran, wie ich zum ersten Mal allein ins Dorf ging: auch 1979, im Frühsommer. Eine neue Regierung war an die Macht gekommen, und meine Brüder und ich fürchteten, sie könnte beschließen, dass wir nicht mehr rausdurften, doch die Tage verstrichen und nichts änderte sich. So ein Glück, sagten wir. Ein Zurück zu den alten Regeln hätten wir nicht ertragen. Als Mutter Mittag für ihr neues Ikebana-Arrangement etwas Pflanzendraht benötigte, um die Blumen zu befestigen, gab sie mir ein wenig Geld und sagte, ich solle nicht trödeln. Ich legte die Münzen in ein Stofftaschentuch, das ich zuknotete, steckte es ganz tief in die Tasche, damit es nicht herausfiel, und machte mich auf den Weg. Unter den Hecken waren die wilden Erdbeeren reif, ich blieb stehen und aß so viele, wie ich finden konnte, wenn ich keine Rüsselkäfer an ihnen entdeckte. Meine Finger wischte ich nicht an der Hose ab, sondern am Gras, um Mutter Mittag später keine zusätzliche Arbeit zu machen, denn das wäre rücksichtslos gewesen, da sie immer so viel zu tun hatte.

Auf der Einkaufsstraße schoben zwei junge Mütter ihre Babys in blütenweißen Kinderwagen vor sich her, und sie schauten mich an, als hätten sie weder mich noch meine Brüder jemals gesehen. Als sie an mir vorbeikamen, raunte die eine der anderen zu: »Wirklich ein armes Geschöpf – weiß gar nicht, was Liebe ist.« Ihre Freundin sagte: »Natürlich nicht! Sie reagieren darauf ganz anders als wir!« Sprachen sie über mich? War ich das arme Geschöpf? Am liebsten hätte ich auf dem Absatz kehrtgemacht und ihnen gesagt, dass wir vielleicht Waisen waren und manchmal krank, aber was Liebe war, wussten wir sehr genau. Wir wurden geliebt. Wir hatten drei Mütter. Drei! Wer konnte das schon von sich behaupten? Aber wir durften nicht mit Menschen sprechen, die nichts mit unseren Besorgungen zu tun hatten.

Die Tür bimmelte, als ich den Gemischtwarenladen betrat. Ich roch den Schinken, den Mr. Kendrick an der großen silbernen Maschine geschnitten hatte, und den Käse und die Kekse in den Dosen auf dem Tresen. Die bunten Bonbons glänzten in ihren Gläsern – Rhabarbercreme und Anis, Minztoffee, Zuckermäuse. Ich beäugte einen Weidenkorb voll Stroh, in dem die Wundertüten vergraben waren, gefüllt mit lauter Süßigkeiten und einem kleinen Spielzeug. Wie sehr ich mir wünschte, die Hand im Stroh zu versenken und die beste Tüte herauszufischen. Was wohl drin wäre? Ein Mini-Kartenspiel, eine Trillerpfeife, ein Kompass – solche Schätze hatte ich die Kinder aus dem Dorf schon herausziehen sehen. Zu Hause verwahrte ich die einzige Wundertüte, die ich jemals bekommen hatte – die leere Papiertüte –, säuberlich gefaltet bei meinen Habseligkeiten, unter denen sich auch das Spielzeug befand, das ich damals gefunden hatte: Ein Plastiksoldat mit Fallschirm, der ihn sicher zu Boden hatte segeln lassen, ehe er gerissen war.

Mr. Kendrick kam aus dem Hinterzimmer nach vorne, und ich meinte, etwas über sein Gesicht huschen zu sehen – kurz flackerte ein Unbehagen auf, vielleicht sogar Furcht –, aber es ging so schnell, dass ich es nicht genau hätte sagen können.

»Guten Tag«, sagte er. »William, richtig? Was darf’s sein?«

»Ich bin Vincent«, sagte ich.

Wieder dieser Gesichtsausdruck.

»Vincent. Was darf’s sein?«

»Ich brauche Pflanzendraht, bitte.« Ich zog mein verknotetes Taschentuch hervor, und er starrte es an, als könnte ich ihn mit irgendetwas anstecken, obwohl ich damals keinerlei Ausschlag hatte – nur das Schwächegefühl und ab und an das Flattern in der Brust, und beides konnte man nicht sehen. »Ist nur das Geld«, sagte ich. »Sehen Sie?«

Trotzdem schob er mir das Rückgeld über den Tresen, statt es in meine ausgestreckte Hand zu legen. Und ich bedankte mich und wünschte ihm einen schönen Tag, schließlich hatte ich Manieren und wusste, dass tadelloses Verhalten von mir erwartet wurde.

»Du bist ein Schatz«, sagte Mutter Mittag und schenkte mir ihr wärmstes Lächeln, als ich ihr den Draht überreichte. Sie saß am Küchentisch, die dunkelbraunen, krausen Haare wie immer in einem Dutt gebändigt. Sie zog das Wo-ist-der-Ball?-Bildchen aus ihrer Schürzentasche, das sie aus der Zeitung ausgeschnitten hatte. Wir durften die Zeitung noch nicht lesen, weil sie für Erwachsene war, aber bei den Rätseln ließ Mutter Mittag uns mitmachen. Minutenlang hing sie über dem Bild – eine Fußballszene ohne den Ball. »Was meinst du?«, fragte sie, und ich setzte mich neben sie und kniff die Augen zusammen. Die Spieler rannten umher oder sprangen scheinbar grundlos in die Höhe.

»Hier?«, sagte ich und deutete einem der Spieler direkt vor die durchgestreckte Schuhspitze.

Sie schüttelte den Kopf. »Schau mal, diese drei. Die gucken da oben hin.« Ihr Stift schwebte über dem leeren Himmel.

Ganz ehrlich, der Ball hätte überall sein können. Auf einem kleineren Bild sah man die Auflösung der letzten Woche – Mutter Mittag hatte komplett danebengetippt.

Sie machte sechs unterschiedliche Kreuze an verschiedenen Stellen und steckte den Zettel zurück in die Tasche der Schürze, in der sie ihren Klimbim aufbewahrte. Dann gab sie mir einen Kuss. Sie roch nach Plätzchenteig.

»Warum hat Mr. Kendrick Angst vor mir?«, fragte ich.

»Angst?«, sagte sie. »Vor dir?«

»Hat sich so angefühlt.«

»Quatsch. Der ist ein alter Miesepeter, das ist alles. Der ist zu allen so.«

»So eine Frau hat auch was gesagt.«

»Eine Frau? Aus dem Dorf?«

Ich nickte.

»Was hat sie denn gesagt?« Sie musterte mich eingehend.

»Sie hat gesagt, ich wäre ein armes Geschöpf, das nicht weiß, was Liebe ist.«

Mutter Mittag schwieg einen Moment, ehe ihr ein lautes Lachen entfuhr.

»Da war aber jemand auf dem völlig falschen Dampfer, oder?« Sie wuschelte mir durch die Haare. »Oder?«

»Stimmt«, sagte ich. »Vielleicht meinte sie jemand anderen.«

»Ich denke auch.«

»Was kaufst du dir, wenn du bei Wo-ist-der-Ball? richtig getippt hast?«

»Ein kleines Cottage«, sagte sie. »Und ein zahmes Stachelschwein, damit ich nicht so alleine bin.«

Das mit dem kleinen Cottage sagte sie immer, nur die Tiere wechselten jedes Mal.

»Und was ist dann mit uns?«

»Ihr könnt meine Sklaven sein. Für mich kochen und sauber machen. Die Stacheln vom Stachelschwein spitzen.«

Es war ein albernes Ritual, wie es jede Familie hat – ich bin sicher, Sie haben Ihre eigenen. Gewonnen hat Mutter Mittag jedenfalls nie. Nicht dass ich wüsste.

Wenn wir uns krank fühlten, mussten wir uns schonen. Kein Unterricht, keine wilden Wettrennen im Garten und schon gar keine Besorgungen im Dorf. Wir blieben im Schlafanzug oder Morgenmantel und dösten unten im Spielzimmer vor dem gasbetriebenen Kaminfeuer. Manchmal spielten wir unsere Peter-und-der-Wolf-Platte in der Musiktruhe ab oder lasen in einem Band vom Buch des Wissens, das an dem Tag nicht für den Unterricht benötigt wurde, oder wir puzzelten die Mona Lisa. Das Puzzle war ziemlich alt, die Teile hatten Risse und manchmal blätterte das Bild ab. An der Stelle, wo das linke Auge hätte sein sollen, fehlte ein Teil. Jedes Mal fingen wir das Puzzle in der Hoffnung an, das fehlende Auge sei mittlerweile wiederaufgetaucht, nur um am Ende festzustellen, dass in ihrem Gesicht diese Lücke klaffte, die wir nicht schließen konnten. Am liebsten spielten wir mit den bunten Steckbausteinen. Obwohl wir uns einig waren, zu alt für sie zu sein, durften wir mit ihnen spielen, wenn wir krank waren. Wir kippten den ganzen Schuhkarton aus und fuhren mit den Fingern über die biegsamen Plastikzähne, bis wir wussten, was wir bauen wollten. Ein Schloss? Eine Kathedrale? Ein U-Boot? Einmal hatte ich eine Mutter Morgen aus Steckbausteinen gebaut, mit pieksigen grünen Fingern und pieksigen roten Haaren und einer pieksigen erhobenen Augenbraue. Ich zeigte sie John Wilson, der an dem Tag ebenfalls krank war und sich auf dem Ausziehsofa ausruhte. Ich dachte, so ließe er sich vielleicht etwas aufmuntern, doch er wurde noch blasser und sagte, er müsse mich melden, denn wenn das jemand sah, würde man denken, er habe mitgemacht. Ich nahm Mutter Morgen auseinander und warf alle Steine zurück in den Karton und sprach kein Wort mehr mit ihm. Ich glaube, kurze Zeit später kam er nach Margate.

Den Namen unserer Krankheit kannten wir nicht, und ihre Symptome waren von Monat zu Monat und von Junge zu Junge verschieden. Für uns hieß sie einfach der Käfer, als könnten wir sie einfangen wie die Schildwanzen, die wir in Einmachgläser steckten. Wir beobachteten, wie die Wanzen auf der Suche nach einem Ausweg ihre krabbeligen Kreise zogen, bis sie eines Morgens auf dem Rücken lagen, die Beinchen in die Luft gestreckt, und sich auch nicht mehr regten, wenn wir sie mit einer Stecknadel pieksten. Im Buch des Wissens hatten wir vom Erzfeind des Menschen gelesen: der Mikrobe. Nicht alle Bakterien sind schädlich für uns Menschen. Tatsächlich sind sie unsere größten Helfer in der Landwirtschaft und bei der Kompostierung toter Materie. Andere jedoch machen sich an ihre zerstörerische Arbeit, sobald sie in den menschlichen Körper gelangen. Wenn uns der Hals kratzte, brühten uns die Mütter mit einem von Mutter Mittags Zitroneneiswürfeln ein heißes Getränk auf. Bei Kopfschmerzen gaben sie uns einen kühlen Waschlappen. Blaue Flecken rieben sie mit Arnika ein und füllten Wärmflaschen mit heißem Wasser, um sie auf schmerzende Gelenke zu legen, sie hielten uns Schüsseln vor die Nase, wenn wir uns übergeben mussten, und ließen uns ein Nickerchen machen, wenn wir erschöpft waren. Und natürlich gaben sie uns unsere Medikamente – mal waren es Tabletten auf leeren Magen, Hustensaft zum Frühstück oder vorm Zubettgehen, manchmal sogar durchsichtige Lösungen, die über Stunden in unsere Venen tropften und deren Farben wechselten, als wären es verschiedene Sorten Fruchtlimonade. Seltener waren es Spritzen, und die Glasampullen klimperten sanft im Karton. Es mag merkwürdig klingen, aber wenn ich heute eine Spritze bekomme, freue ich mich beinahe darauf. Ich erinnere mich daran, wie Mutter Mittag meine Ellenbeuge abtupfte und dabei leise summte oder Mutter Morgen unentwegt aus dem Buch des Wissens erzählte, um mich abzulenken, wenn sie mit der Nadel in die Haut stach. Wie das hölzerne Pferd nach Troja kam. Die Wunderwelt unter der Wasseroberfläche. Die waghalsige Ermordung Adolf Hitlers – und tatsächlich fühlte ich den Einstich kaum. Wie sanft sie waren.

Trotzdem gab es Jungen, die starben. Wer seinen Teller nicht leer aß oder seinen Körper nicht beim Frühsport stählte, konnte dem Käfer blitzschnell zum Opfer fallen. Manchmal fing es mit einem harmlosen Ausschlag an, mit einer kleinen Magenverstimmung, einer geschwollenen Zunge oder einem Flattern in der Brust, und plötzlich, zack bumm: tot. Wir hatten Jungen gesehen, denen alle Haare ausfielen, sie sahen aus wie kleine alte Opas. Wir mussten ständig auf der Hut sein, wie die Mütter sagten. Selbst mit der falschen Einstellung konnten wir dem Käfer und seiner Zerstörungswut Tür und Tor öffnen.

Sollte es uns allerdings gelingen, alles richtig zu machen und den Käfer für immer zu besiegen – tjaaa! Dann kämen wir nach Margate, ins Große Haus, genau wie sämtliche Sycamore-Jungen und -Mädchen vor uns. Niemand wusste, wie viele Stockwerke es hatte, wir hatten gehört, dass einfach immer neue gebaut wurden, höher und höher, je nach Bedarf. Wir selbst hatten mit eigenen Augen gesehen, wie Dutzende Captain-Scott-Jungs wieder gesund wurden, wie die Farbe in ihre Wangen und Lippen zurückkehrte, sich ihr magerer Rippenbogen ausdehnte, um sich mit der Zukunft zu füllen. Und wenn es einem Jungen besser ging, besserte sich dank des identischen Genmaterials auch der Zustand seiner Brüder – Zwillinge, Drillinge, Vierlinge, alle erholten sich gemeinsam. Wir fragten sie: Was ist das Geheimnis? Wie könnten auch wir gesund werden? Doch sie zuckten nur die Achseln, während sie ihre Zahnbürsten einpackten und ihre besten Schuhe für die Reise putzten. Man musste einfach dran glauben, sagten sie. Was uns nicht sonderlich weiterhalf.

In Margate erstreckte sich der Ozean bis zum Horizont und weiter, während die Wellen eine nach der anderen heranrollten. Man konnte Sandburgen bauen und Muscheln sammeln, Napfschnecken und Herzmuscheln und Wellhörner warteten nur darauf, gefunden und mitgenommen zu werden. In den Souvenirläden konnte man kleine Frauenfiguren kaufen, die nur aus Muscheln gefertigt waren. Man konnte das Delfinarium besuchen, in dem Britt, Turk und Speedy über Stäbe sprangen oder auf den Schwanzflossen balancierten. Und man konnte in die unterirdische Muschelgrotte hinabsteigen – ein seltsames Tunnelsystem, dessen Wände akribisch mit Muschelmosaiken verziert worden waren. Wir hatten im Buch des Wissens darüber gelesen: War es der Zierbau eines reichen Mannes? Ein astronomischer Kalender? Ein Tempel? Die Höhle eines Orakels? Ein Piratennest? Niemand konnte sagen, wer die Tunnel gegraben hatte oder warum, ob nun die Phönizier oder die Römer oder ein Geheimbund, man wusste es schlichtweg nicht. Lawrence gefiel die Idee eines Geheimbundes – eines speziellen Clubs, wie er sagte, in dem nur bestimmte Menschen Mitglied werden durften. Naturliebhaber. Tierfreunde. Leute, die hier oben ganz normal wirkten und still und leise vor sich hin lebten, sodass niemand Wind von ihren geheimen, unterirdischen Aktivitäten bekam. Stundenlang hatten wir über den Fotos von den Mosaiken gebrütet und hatten die Formen aus den Bildunterschriften mit den Fingern nachgezeichnet: den Mutterleib, den Anker, den Baum, die Schlange, den Sonnenuntergang, das Skelett. Vielleicht war es der Weg, den die Seele auf ihrem Weg zur Wiedergeburt zwischen den Sternen nahm und der sie von der Geburt durch das Leben und bis zum Tod führte – das glaubten zumindest manche Menschen. Ich stellte mir die gezackten Wände vor, die Spiralen der Wellhörner, die irisierenden dunklen Miesmuscheln, die Austernschalen, feuchtglänzend wie mein Gaumen. Den merkwürdigen Altarraum mit dem Vollmond, der untergehenden Sonne, hoch oben die Kuppel aus weißen und grauen Muschelringen. Und darüber die Öffnung, eine helle Himmelsscheibe.

Und wenn man dann aus der Grotte wieder auftauchte, konnte man Dreamland besuchen. Meine Brüder und ich sprachen so oft von dem Freizeitpark, dass es sich anfühlte, als seien wir bereits dort gewesen. Als hätte ich mich schon einmal den Toboggan hinuntergestürzt, in der Autoscooter-Karambolage gesteckt oder die waghalsigen Motorradkünstler angefeuert, die freihändig an der steilen Wall of Death durch den Kessel rasten. Ich konnte mich beinahe daran erinnern, bei Sonnenuntergang durch den Magic Garden spaziert zu sein, mit den elektrisch leuchtenden Schneeglöckchen und Orangen aus Glas. Und hatte ich nicht gesehen, wie der gigantische Koloss namens Queen Mary – ein Gebäude in Form eines Schiffs – wie ein Schatten in der hereinbrechenden Nacht verschwand?

Fand ein Junge die Broschüre auf seinem Kopfkissen, dann wusste er: Er war auserwählt, nach Margate zu fahren. Eine von unseren Müttern musste sie dorthin gelegt haben, da waren wir sicher, auch wenn es keiner von uns jemals mit eigenen Augen gesehen hatte.

Ihr Platz an der Sonne in Margate!, hieß es auf der ersten Seite. Die breiten goldenen Sandstrände warten nur auf jemanden, der darauf spielen, buddeln oder sich sonnen will! Ein Paradies für Kinder, mit Trampolinen, Karussellen, Schaukeln, Felsenbecken, Salzwasser-Pools und dem freundlichsten, trockensten Wetter in ganz England. An heißen Tagen versprechen das Delfinarium und die Muschelgrotte Abkühlung, und Dreamland bietet Spaß auf sage und schreibe 80000 Quadratmetern. Bei den Fahrgeschäften bleiben keine Wünsche offen: Hier finden Sie die Scenic-Railway-Achterbahn, die Wildwasserbahn, den Autoscooter und die Sky Wheels. Jungen wie Mädchen werden die frechen Affen und fahrradfahrenden Vögel lieben – aber Augen auf, auch Dinosaurier machen den Park unsicher! Nach einem langen, vergnügungsreichen Tag bietet das Große Haus einen erstklassigen Blick auf den Sonnenuntergang über der Bucht.

Auf den Fotos aßen Kinder Eis oder ritten am Strand auf Eseln, sie schrien in der hölzernen Achterbahn und feuerten Turk, den Delfin, an, als er aus dem Wasser sprang, um mit der Schnauze eine Hupe zu drücken. Bei der Vorstellung in echtem Meerwasser springen die Delfine vor Freude in die Luft, machen Musik, finden Gegenstände – und sprechen sogar! In einem Karussell in Dreamland saß ein Junge in einem riesigen Schwan mit ausgebreiteten Flügeln, an dessen Hals er sich klammerte, während ein Dutzend seiner lachenden Freunde am Eingang zu den Freakshows in Liebesäpfel biss. Aufgeregte Jungs und Mädchen stehen Schlange, um Mademoiselle Yvette leibhaftig vor sich zu sehen: die Frau ohne Kopf. Das Foto vom Großen Haus zeigte die schicken blau-weißen Markisen, die vor den Fenstern Schatten spendeten, und den Haupteingang, in dessen Buntglasscheiben goldene Weinranken und Fische mit weit geöffneten Mündern aufleuchteten. Ein Mädchen blickte staunend die Kuppel der Muschelgrotte empor, ein anderes stand zwergenhaft neben der gigantischen Silhouette der Queen Mary. An der Wurfbude zielte ein Junge auf einen riesigen Mund voll bunter Zähne, um sie abzuwerfen. Mein Lieblingsfoto war das von dem Jungen, der bis zum Hals im Sand vergraben war – Dieser junge Mann steckt in Schwierigkeiten, wenn die Flut kommt! Das von Lawrence zeigte einen Jungen, der applaudierte, als ein Sittich auf einem winzigen Fahrrad vorbeifuhr und mit seinen glänzenden schwarzen Knopfaugen interessiert in die Kamera blickte. William mochte das mit dem Mädchen, das einem Tyrannosaurus Rex Zuckerwatte anbot, der das riesige Maul aufriss. Kommen Sie nach Margate, stand auf der letzten Seite, wo Kinder noch Kinder sein dürfen und alle Wünsche in Erfüllung gehen!

Jeden Abend suchte ich auf meinem Kopfkissen nach der Broschüre. Ich konnte nicht verstehen, warum wir als einzige Jungen aus Captain Scott noch nicht auserwählt worden waren. Alle waren schon da: Die Jones-Zwillinge, die Brown-Vierlinge, die Smith-Drillinge und alle, die keine Brüder hatten. »Wann sind wir endlich dran?«, fragte ich Mutter Mittag. Gerade lief sie uns auf einem Waldspaziergang voraus und zeigte uns Schmetterlinge: gelbe Zitronenfalter, schokoladenbraune Schwärzlinge, silbrig getupfte Perlmuttfalter. Die Entscheidung liege nicht bei ihr, sagte sie über ihre Schulter hinweg, doch sie sei sicher, eines Tages würden wir nach Margate kommen, und bis es so weit war, würde sie sich an unserer Gesellschaft erfreuen. Sie blieb abrupt stehen und deutete auf etwas, das wie ein Gerippe aus einem Laubhaufen hervorstach: ein abgeworfenes Hirschgeweih. Sogleich stürzten wir uns zu dritt darauf, Lawrence stolperte über eine Baumwurzel und William versuchte, mich wegzuschubsen, doch ich war schneller. Es war von Mäusen und Hasen angefressen und schwerer, als ich gedacht hätte, vor allem bei meiner schwachen Konstitution. Ich habe es bis heute, irgendwo in einem Karton. Ich sehe es mir nicht mehr an. Trotzdem gab ich es meinen Brüdern nicht ab, hielt mir die gebogene Knochenkrone vor die Stirn, solange ich konnte.

Wenn an regnerischen Tagen Freizeit auf dem Programm stand, durchstöberten wir das Haus. Wir lugten hinter schmale Türen und fanden lauter verstaubte Rohre und Kabel, das versteckte Innenleben des Hauses, und wir beäugten die uralte Stickarbeit, die in einer Ecke im Spielzimmer hing, das Garn vollständig zu einem Braunton verblasst. Sie war in Gedenken an Martha Emily Phillips angefertigt worden, die 1832 im Alter von drei Jahren gestorben war, und manchmal diente es uns als Mutprobe, die gestickten Worte vor uns hin zu murmeln: Aus stillem Grab soll sie am Tag der Auferstehung streben, da ihr, empfangen vom Erlöser, ihre lieblich’ Form zurückgegeben. Im oberen Gemeinschaftssaal bestaunten wir den riesigen ausgestopften Hecht in seiner Vitrine, der behandelte Körper dick wie unsere Oberschenkel, die Zähne spitz wie die Glasscherben draußen auf der Flintsteinmauer. Die Rückwand der Vitrine war in wässrigen Blau- und Grüntönen angemalt worden und aus dem Boden sprossen Binsen und Schilfrohr, um den Eindruck zu erwecken, der verblichene Fisch schwämme noch immer in einem Fluss umher. Sah er nicht genauso aus wie die Fische im Buntglas des Großen Hauses? Und war das nicht vielleicht ein Zeichen?

Wir nahmen auch die Zimmer der anderen Jungen unter die Lupe, die nun leer standen. Unsere Stimmen klangen darin zu laut, irgendwie hohl, sie hallten von den Wänden und dem Boden wider. Manchmal entdeckten wir auf einer Matratze ganz schwach den Abdruck von jemandem, der früher dort geschlafen hatte. Wir fanden zurückgelassene Gegenstände: die Zeichnung eines Kriegsschiffes, einen vertrockneten Käfer in einer Streichholzschachtel. Einmal fanden wir in einem der unteren Schlafzimmer eingeritzte Initialen in einer Fußleiste: TC, LC, PC 17.5.75.

»Gab’s nicht mal vor ein paar Jahren einen Tony?«, fragte William.

»Und einen Peter glaub ich auch«, sagte Lawrence. »Peter Carter? Peter Connor?«

Mit einem Mal erinnerten wir uns wieder – hochgewachsene Brüder mit aschblonden Haaren waren es gewesen, und ständig hatten sie Streit angefangen. Tony legte Leuten Tannenzapfen oder Frösche ins Bett. Peter kippte einem jüngeren Heimbewohner eine Schüssel Wackelpudding mit Soße über den Kopf, weil er der Meinung war, die Portion des jüngeren sei zu groß ausgefallen. Und sie hatten noch Schlimmeres ausgefressen, viel Schlimmeres. Tony hatte tatsächlich jemandem ins Bett geschissen, wir erinnerten uns nicht mehr an den Grund, aber Mutter Morgen hatte dem Vorfall im Buch der Schuld eine halbe Seite gewidmet, was ihr mehr wehgetan hatte als Tony. Und Peter hatte John Wilson einmal beim Mittagessen den Stuhl weggezogen, sodass John mit fünf Stichen am Hinterkopf genäht werden musste und einen der seltenen Ausflüge ins Krankenhaus erlebte. Tony und sein anderer Bruder – Lionel? Genau, Lionel – hatten sich gekrümmt vor Lachen. »Frag den Arzt bei der Gelegenheit, ob du überhaupt ein Gehirn hast!«, hatten sie John hinterhergerufen. Warum durften die nach Margate und wir nicht?

Ich erinnere mich, dass wir in einem Zimmer ein Vogelnest entdeckten, das einer der Jungen von einem Waldspaziergang mitgebracht haben musste, und drei winzige blaue Eier lagen noch darin. Sie sahen makellos aus, und wir fragten uns, ob sie schlüpfen würden, wenn wir sie ausbrüteten. Es waren Stareneier, wie Lawrence sagte – er wollte Tierarzt werden und wusste derlei Dinge aus dem Buch des Wissens –, und Stare waren clever. Vielleicht konnten wir sie zähmen und ihnen beibringen, uns aus der Hand zu fressen. Doch dann hob ich eines der Eier hoch und es zerbrach, so hauchdünn war die Schale, und das Innere war vollkommen verfault. Den Gestank werde ich nie vergessen, noch Tage später meinte ich, ihn an meinen Händen riechen zu können.

Wir fanden auch Kleidung – Hosen mit fadenscheinigen Knien, dicke Unterhemden für den Winter und dicke Socken, die Mutter Mittag mit ihren schnurgeraden, engen Stichen gestopft hatte. Aran-Pullover, die Mutter Nacht gestrickt hatte, jeder Pullover ein Unikat. Wenn wir etwas fanden, das uns gefiel und die richtige Farbe hatte – grün für Lawrence, rot für William und gelb für mich –, behielten wir es. Die alten Namen aus dem Etikett zu entfernen und durch unseren zu ersetzen, ging ganz schnell.

Eines Tages durchforsteten wir ein Zimmer, in dem Paul Brown gewohnt haben musste, denn wir fanden dort seinen heißgeliebten Aran-Pullover mit dem aufgeriffelten Bund und den viel zu kurzen Ärmeln. Es bestand kein Zweifel: Ich entdeckte seinen eingestickten Namen hinten im Kragen.

»Warum hat er den hiergelassen?«, fragte ich, und auch Lawrence und William kam das merkwürdig vor. Andererseits, dachten wir, brauchte man in Margate nun wirklich keine Winterklamotten, oder? Dort brauchte man keinen dicken Pullover, weil immer die Sonne schien, man konnte einfach umherspazieren, sich mit Zuckerwatte vollstopfen und jederzeit ins Meer hüpfen.

An diesen feuchten Tagen ergoss sich der Regen draußen im Garten auf die Farne, ließ die Wedel auf und ab wippen, klatschte auf die Steine und rann an den Gartenkugeln hinunter. Die Tropfen prasselten auf die Flintsteinmauer ein und zerbarsten an den Scherben. Wir schlossen die Augen und horchten auf die Geräusche, und beinahe war es, als wären wir am Strand. Wie viel ruhiger es ohne die anderen Jungen im Haus war, sagten wir uns. Wie häufig sie gerauft hatten. Nun, da so viele Zimmer unbewohnt waren, durften wir uns ein eigenes auswählen – das hatten die Mütter uns ausdrücklich erlaubt. Wollten wir uns nicht vielleicht ein bisschen mehr aufs Haus verteilen? Etwas mehr Privatsphäre haben? Zumal ich ja schließlich schlecht schlief? Aber nein. Nein. Wir wollten zusammenbleiben.

Als der weinrote Wagen die Auffahrt hinaufglitt und die Sonnenstrahlen in der Jaguarfigur auf der Motorhaube aufblitzten, sprang ich von meinem Fensterplatz in der Bibliothek auf.

»Er ist hier«, rief ich.

»Haustür!«, sagte Mutter Morgen, und wir hasteten zu dritt hinter ihr her, während sie ihren Kittel abstreifte und nach einem Blick in einen der uralten Spiegel etwas Lippenstift auftrug und ihre rotbraunen Locken in Form brachte. Sie musterte uns von oben bis unten. »Socken!«, befahl sie.

Wir zogen unsere Socken hoch.

»Haare!«

Wir glätteten widerspenstige Strähnen.

»Hemden!«

Wir stopften die Hemden zurück in die Hose.

»William, wieso sind deine Finger voller Tintenflecke? Nun, was soll’s … das lässt sich nicht mehr ändern. Stellt euch auf, los, los. Macht schnell.«