Das Buch des Lebens - Jiddu Krishnamurti - E-Book

Das Buch des Lebens E-Book

Jiddu Krishnamurti

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Beschreibung

Ein Wegbegleiter durch das Jahr 365 Reflexionen über die großen existenziellen Themen unserer Zeit sind in diesem Buch versammelt – Gedanken zu Freiheit, Angst, Gewalt, Wahrheit, Sexualität, Gott, Religion, Liebe und Tod. Sie laden ein zur täglichen Kontemplation und Betrachtung und sind für alle, die an einer undogmatischen Spiritualität jenseits von Glaubensbekenntnissen und Konzepten interessiert sind, eine überaus reiche Quelle der Inspiration und somit eine ideale Wegbegleitung durch das Jahr.

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Das Buch des LebensGedanken für jeden Tag

Jiddu Krishnamurti

Das Buch des Lebens

Gedanken für jeden Tag

Aus dem Englischen vonChristine Bendner

Theseus im Internet: www.Theseus-Verlag.de

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel

The Book of Life. Daily Meditations with Krishnamurti

1995 bei HarperCollins Publishers, 10 East 53rd Street, New York, NY 10022

Copyright © 1995 by Krishnamurti Foundation of America

P.O. Box 1560, Ojai, California 93024 USA, Email [email protected],

Website www.kfa.org

Copyright der deutschen Ausgabe © 2005 Theseus in J. Kamphausen Mediengruppe GmbH, Bielefeld

Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

ISBN Print 978-3-89901-962-9

ISBN E-Book 978-3-89901-605-5

Lektorat: Bernd Hollstein, Dr. Birgit Adolff

Umschlaggestaltung: Morian & Bayer-Eynck, Coesfeld,

www.mbedesign.de unter Verwendung eines Fotos © Hildegard Morian

Gestaltung und Satz: Ingeburg Zoschke, Berlin

E-Book Gesamtherstellung: Bookwire GmbH, Frankfurt a. M.

Die Verwertung der Texte und Bilder, auch auszugsweise, ist ohne Zustimmung des Verlages urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt auch für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und für die Verarbeitung mit elektronischen Systemen.

Inhalt

Vorwort

Januar

Zuhören

Lernen

Autorität

Selbsterkenntnis

Februar

Werden

Glauben

Handeln

Gut und Böse

März

Abhängigkeit

Bindung

Beziehungen

Angst

April

Verlangen

Sex

Ehe

Leidenschaft

Mai

Intelligenz

Gefühle

Worte

Konditionierung

Juni

Energie

Aufmerksamkeit

Bewusstheit ohne Auswählen

Gewalt

Juli

Glück

Trauer

Schmerz

Leid

August

Wahrheit

Wirklichkeit

Der Beobachter und das Beobachtete

Was ist

September

Intellekt

Denken

Wissen

Geist

Oktober

Zeit

Wahrnehmen und Erkennen

Gehirn

Grundlegende Veränderung

November

Leben

Sterben

Wiedergeburt

Liebe

Dezember

Alleinsein

Religion

Gott

Meditation

Quellen

Vorwort

Im Jahre 1934 sagte Krishnamurti: »Warum wollen Sie aus Büchern lernen, anstatt Schüler des Lebens zu sein? Finden Sie heraus, was in Ihrer Umwelt mit all ihrer Unterdrückung und den ganzen Grausamkeiten wahr und falsch ist, dann werden Sie wissen, was Wahrheit ist.« Er wies wiederholt darauf hin, dass das »Buch des Lebens«, das sich ständig mit einer Vitalität und Dynamik verändert, die das menschliche Denken übersteigt, das einzige Buch ist, das zu »lesen« sich lohnt, da alle anderen Bücher nur Informationen aus zweiter Hand enthalten. »Die Geschichte der Menschheit steckt in Ihnen selbst, das ungeheure Reservoir an Erfahrungen, die tief verwurzelten Ängste, Sorgen, das Leid, Vergnügen und alle Glaubensvorstellungen, die der Mensch in Jahrtausenden angesammelt hat. Dieses Buch sind Sie.«

Das Buch des Lebens – Gedanken für jeden Tag ist so angeordnet, dass sich darin in etwa Krishnamurtis Art, seine Vorträge zu gestalten, widerspiegelt. Am Anfang standen gewöhnlich das Zuhören und die Beziehung zwischen dem Redner und der Zuhörerschaft im Vordergrund, und am Ende ging es um Themen, die sich ganz natürlich ergeben, wenn das Leben in Ordnung ist und tiefere Einsichten ins Bewusstsein dringen. In seinen letzten Tagen zwischen 1985 und 1986 sprach er über Kreativität und die Möglichkeit einer völlig neuen Lebensweise. Dieses Buch enthält Textauszüge zu diesen Themen.

Viele Themen tauchen wiederholt in seinen Lehren auf. Seine Vision war die umfassende Beobachtung der menschlichen Existenz, in der alle Aspekte des Lebens miteinander verbunden sind. Im Buch des Lebens findet der Leser für die Wochen des Jahres Textpassagen über ein neues Thema, wobei die einzelnen Themen über sieben bis zehn Tage hinweg weiterentwickelt werden. Die ursprünglichen Quellen dieser Auszüge können anhand des Quellenverzeichnisses im hinteren Teil des Buches leicht identifiziert werden. Interessierte Leser, die sich intensiver mit einem speziellen Thema befassen möchten, können die vollständigen Texte der betreffenden Bücher lesen.

Im Jahre 1929 begann Krishnamurti öffentlich mit einer Stimme zu sprechen, die nach der Beschreibung von Aldous Huxley »natürliche Autorität« besaß. Krishnamurtis eindringliche und überzeugende Untersuchung des Wesens und der Bedeutung von Wahrheit und Freiheit brachte seinen Reden und Gesprächen, die in über vierzig Sprachen übersetzt und veröffentlicht wurden, eine millionenfache Auflage.

Obwohl Krishnamurti scheu und zurückhaltend war, hielt er unermüdlich Tausende von Vorträgen, sprach frei, ohne jegliche Notizen oder Vorbereitung, und seine Reden drehten sich im Wesentlichen um ein immer wiederkehrendes Thema: Dass die Wahrheit von jedem Menschen ohne die Hilfe irgendwelcher Autoritäten und – da das Leben jeden Augenblick gegenwärtig ist – in einem einzigen Augenblick entdeckt werden kann. Seine Reden deckten das gesamte Spektrum persönlicher und gesellschaftlicher Konflikte und Probleme ab. Das Beobachten unseres Verhaltens in seiner ganzen Bandbreite und Tiefe, so wie es sich in jedem Augenblick zeigt, wird zur notwendigen Voraussetzung, um uns selbst und unsere Gesellschaft zu verändern. Als er einmal von einem Zuhörer gefragt wurde, warum er Vorträge halte und was er erreichen wolle, antwortete er: »Ich möchte Ihnen etwas mitteilen. Vielleicht wie man herausfinden kann, was Wirklichkeit ist – nicht im Sinne einer Methode oder eines Systems, sondern wie man dabei vorgehen kann. Und wenn Sie das für sich selbst herausfinden können, wird nicht länger nur ein Redner da sein, sondern wir alle werden sprechen, wir alle werden diese Wirklichkeit unseres Lebens ausdrücken, da wo wir sind. … Die Wahrheit kann nicht gehortet werden. Was gehortet wird, wird immer zerstört; es ist dem Verfall preisgegeben. Die Wahrheit kann nie verfallen, weil sie nur von Augenblick zu Augenblick in jedem Gedanken, jeder Beziehung, in einem Lächeln, in Tränen entdeckt werden kann. Und wenn Sie und ich das entdecken und leben können – es zu leben heißt, es zu entdecken –, dann werden wir keine Propagandisten, wir werden schöpferische Menschen sein – keine perfekten Menschen, sondern schöpferische Menschen, und das ist ein immenser Unterschied. Ich glaube, deshalb spreche ich, und vielleicht ist das auch der Grund dafür, dass Sie hierher kommen und zuhören.«

»Es gibt nur das Problem, es gibt keine Antwort, denn im Verstehen des Problems steckt seine Auflösung.« Wenn man ihm eine Frage stellte, erwiderte Krishnamurti oft: »Wir wollen herausfinden, was wir mit … meinen«, und untersuchte damit die Frage, schaffte einen Zugang zu ihrer Erforschung, anstatt sofort eine Antwort darauf zu geben. Für Krishnamurti war das Ausloten einer Frage oder eines Problems der Treibstoff für dieses Forschen. Es ging ihm nicht bloß um eine logische und intellektuelle Suche nach einer Antwort. Die im vorliegenden Buch abgedruckten Auszüge werden dem Leser als Fragen präsentiert, die gestellt wurden, ohne eine unmittelbare Antwort zu erwarten.

Krishnamurti betonte stets, dass die Dialoge mit seinen Zuhörern während seiner Reden nicht intellektueller Natur seien und nicht auf Gedanken und Idealen basierten. Er sagte: »Schließlich besteht der Zweck dieser Reden darin, dass wir miteinander kommunizieren. Es geht nicht darum, Ihnen eine Reihe von Vorstellungen aufzudrängen. Vorstellungen und Ideale verändern nie den Geist, führen nie zu einer radikalen Veränderung des Bewusstseins. Aber wenn wir zur gleichen Zeit auf der gleichen Ebene persönlich miteinander kommunizieren können, dann ist vielleicht ein Verstehen möglich, das nicht bloße Propaganda ist. … Diese Vorträge sollen also nicht dazu dienen, Ihnen auf irgendeine Weise etwas auszureden oder einzureden – weder direkt noch unterschwellig.«

Bei fast allen seinen öffentlichen Vorträgen und Gesprächen benutzte Krishnamurti die Worte »mankind« (Menschheit) und »man« (Mensch, aber auch Mann), wenn er sich auf die Menschheit als Ganzes bezog. Aber gegen Ende seines Lebens unterbrach er sich oft selbst und sagte zu seinen Zuhörern: »Wenn ich vom ›Menschen‹ spreche, meine ich natürlich auch die Frauen. Werden Sie also bitte nicht wütend auf mich.«

Krishnamurtis Art zu sprechen war außerordentlich einfach und schlicht, er sprach nicht wie ein Guru oder religiöser Lehrer mit einer durch Ableitung entstandenen Lehre, besonderem Vokabular oder einer Bindung an irgendeine Organisation oder Sekte. Die Nachfrage nach seinen klaren, authentischen Lehren wuchs mit seinen vielen Reisen in alle Welt. Ab 1930 bis zu seinem Tod im Jahre 1986 sprach er vor einer immer größer werdenden Zuhörerschaft in Europa, Nordamerika, Australien, Südamerika und Indien.

Dieses Buch enthält Auszüge aus veröffentlichten sowie bisher unveröffentlichten Reden, Gesprächen und Schriften aus den Jahren 1933 bis 1968, darunter das erste populäre Krishnamurti-Buch, Education and the Significance of Life (deutsch: Autorität und Erziehung), das von einem breiten Publikum gelesen wurde. Dieses Buch, das er in Ojai, Kalifornien, unter einer mächtigen Eiche schrieb, wurde im Jahre 1953 vom Verlag Harper & Row herausgegeben, jenem Verlag, der über dreißig Jahre lang Krishnamurtis Werke in Amerika veröffentlichte. Sein nächstes Buch The First and Last Freedom (deutsch: Schöpferische Freiheit) wurde im Jahre 1954 ebenfalls von Harper & Row mit einem ausführlichen Vorwort seines Freundes Aldous Huxley herausgegeben.

Seine Commentaries on Living (deutsch: Ideal und Wirklichkeit – Gedanken zum Leben I) schrieb er zwischen 1949 und 1955 handschriftlich auf randlosen Blättern ohne Korrekturen und Streichungen nieder. Aldous Huxley hatte ihn zum Schreiben ermutigt, und das von D. Rajagopal redigierte Manuskript wurde im Jahre 1956 veröffentlicht. Es ist im Wesentlichen eine Schilderung seiner Gespräche mit Menschen, die kamen, um mit ihm zusammen zu sein und zu sprechen, und man hat beim Lesen dieser Seiten das Gefühl, dass zwei Freunde zusammensitzen und den Dingen rückhaltlos und ohne Furcht auf den Grund gehen. Die einzelnen Kapitel dieser Bücher beginnen oft mit einer einleitenden Beschreibung der Landschaft, des Klimas oder von Tieren, denen er unterwegs begegnete. Aus der Einfachheit dieser natürlichen Umwelt ergibt sich auf unkomplizierte Weise ein Übergang zur inneren Landschaft der Verwirrung, der Angst und der Überzeugungen – der allgemeinen und persönlichen Anliegen, die die Menschen in ihre Begegnungen mit Krishnamurti einbrachten. Einige dieser Gespräche wurden nicht in den drei Bänden der Commentaries on Living (deutsch: Gedanken zum Leben I–III) veröffentlicht und erscheinen hier zum ersten Mal. In manchen dieser bisher unveröffentlichten Gespräche benutzt Krishnamurti den Begriff Denken-Fühlen, um eine umfassende Reaktion zu beschreiben.

Die Bücher Life ahead (deutsch: Die Flamme des Lernens) und Think on these Things (deutsch: Das Wesentliche ist einfach – Antworten auf die Fragen des Lebens) wurden in den Jahren 1963 und 1964 von Krishnamurtis Freundin Mary Lutyens redigiert und von Harper & Row veröffentlicht. Diese beiden Bücher enthalten eine Zusammenstellung ausgewählter und redigierter Fragen und Antworten aus Gesprächen mit jungen Leuten und fanden so viel Anklang, dass sie inzwischen als religiöse und literarische Klassiker gelten. Auf sie folgte ein Gesamtwerk, das über 50 Bücher umfasst.

Krishnamurti betrachtete sich selbst als unwichtig und überflüssig bei unserem Prozess der Wahrheitsfindung und Selbsterkenntnis. Bei einer Gelegenheit bezeichnete er sich selbst als Telefon, als einen Apparat, der von einem Zuhörer benutzt werden könne. Er sagte: »Was der Redner sagt, hat an sich sehr wenig Bedeutung. Vielmehr kommt es darauf an, dass der Geist sich seiner selbst so mühelos bewusst ist, dass er sich fortwährend in einem Zustand des Verstehens befindet. Wenn wir nicht verstehen und einfach nur Worten zuhören, verlassen wir diesen Ort unweigerlich mit einer Reihe von Vorstellungen oder Ideen und erzeugen dadurch ein Leitbild, an das wir uns dann in unserem täglichen oder so genannten spirituellen Leben anzupassen versuchen.«

Es könnte sich lohnen, beim Lesen darauf zu achten, wie Krishnamurti die Beziehung zwischen zwei Menschen betrachtete, die nach der Wahrheit suchen. Im Jahre 1981 sagte er: »Wir sind wie zwei Freunde, die an einem schönen Tag im Park sitzen und über das Leben und unsere Probleme sprechen, uns Gedanken über das eigentliche Wesen unseres Daseins machen und uns ernsthaft fragen, warum das Leben zu einem solchen Problem geworden ist, warum unser tägliches Leben, obwohl wir doch so intellektuell und gebildet sind, eine solche Plackerei ist, ohne jede Bedeutung außer der, unser Überleben zu sichern – was nicht einmal sicher ist. Warum ist das Leben, das tägliche Dasein zu einer solchen Qual geworden? Wir können in die Kirche gehen, irgendeiner politischen oder religiösen Führerfigur folgen, aber unser tägliches Leben ist immer ein großes Durcheinander. Auch wenn es gewisse Phasen gibt, in denen wir gelegentlich Freude und Glück erleben, ist unser Leben immer von einer dunklen Wolke überschattet. Und diese beiden Freunde, wir beide, Sie und der Redner, sprechen in einer freundlichen Art und Weise, vielleicht voller Zuneigung, fürsorglich und interessiert darüber, ob es überhaupt möglich ist, unser tägliches Leben ohne ein einziges Problem zu leben.«

Januar

Zuhören

Lernen

Autorität

Selbsterkenntnis

1. JanuarZuhören

Einfach zuhören

Haben Sie schon einmal ganz still dagesessen, ohne Ihre Aufmerksamkeit auf etwas Bestimmtes zu richten, ohne sich um Konzentration zu bemühen, sondern innerlich ganz ruhig, wirklich still? Dann hören Sie alles, nicht wahr? Sie hören die Geräusche, die aus der Ferne an Ihr Ohr dringen, und jene, die etwas näher sind, sowie die Geräusche Ihrer unmittelbaren Umgebung – was bedeutet, dass Sie allem zuhören. Ihr Geist beschränkt sich nicht auf einen kleinen Ausschnitt. Wenn Sie auf diese Weise zuhören können, wenn Sie mit Leichtigkeit, ohne innere Anspannung zuhören können, werden Sie feststellen, dass in Ihrem Innern eine außergewöhnliche Veränderung vor sich geht, eine Veränderung, die sich vollzieht, ohne etwas zu wollen oder nach etwas zu verlangen, und darin liegen große Schönheit und tiefe Einsicht.

Zuhören2. Januar

Die Barrieren beiseite lassen

Wie hören Sie zu? Hören Sie mittels Ihrer Projektionen zu, durch Ihre Projektionen, Ihren Ehrgeiz, Ihre Wünsche, Ängste und Sorgen hindurch? Hören Sie nur, was Sie hören wollen, was Sie zufrieden stellt, Ihnen lohnend erscheint, was Sie tröstet, was Ihr Leiden für den Augenblick lindert? Wenn Sie durch die Barrieren Ihrer Wünsche zuhören, dann hören Sie lediglich Ihrer eigenen Stimme zu, Sie lauschen Ihren eigenen Wünschen. Kann man aber auch auf eine andere Weise zuhören? Ist es nicht wichtig, herauszufinden, wie man nicht nur dem lauschen kann, was gesagt wird, sondern wie man allem lauschen kann – dem Lärm der Straße, dem Gezwitscher der Vögel, dem Geräusch der Straßenbahn, der rastlosen Meeresbrandung, der Stimme Ihres Mannes oder Ihrer Frau, Ihren Freunden, dem Schreien eines Babys? Zuhören ist nur dann von Bedeutung, wenn man nicht seine eigenen Wünsche hineinprojiziert, durch die hindurch man zuhört. Ist es möglich, all diese Barrieren beiseite zu lassen, durch die hindurch wir zuhören, und wirklich zuzuhören?

3. JanuarZuhören

Über den Lärm der Worte hinaus

Zuhören ist eine Kunst, die einem nicht einfach zufällt. In ihr finden sich Schönheit und tiefes Verstehen. Wir hören mit den unterschiedlichen geistigen Tiefen unseres Seins zu, aber unser Zuhören ist immer mit einer Vorstellung oder einem bestimmten Standpunkt verknüpft. Wir hören nicht einfach zu, immer tritt die Barriere unserer eigenen Gedanken, Schlussfolgerungen, Vorurteile dazwischen … Zuhören können setzt innere Stille voraus, ein Freisein von der Anstrengung, sich etwas anzueignen – entspannte Aufmerksamkeit. Dieser wache und doch passive Zustand vermag das zu hören, was über die Worte hinausgeht. Worte verwirren, sie sind nur die äußeren Kommunikationsmittel. Um aber über das Geräusch der Worte hinaus Zwiesprache zu halten, müssen wir beim Zuhören ganz wach und doch passiv sein. Ein Mensch, der liebt, hört vielleicht zu, aber es ist extrem schwer, einen echten Zuhörer zu finden. Die meisten von uns sind auf Ergebnisse aus, wollen Ziele erreichen; wir wollen ständig die Oberhand gewinnen und uns durchsetzen. Auf diese Art ist echtes Zuhören nicht möglich. Nur wenn man zuhört, vernimmt man das Lied der Worte.

Zuhören4. Januar

Zuhören, ohne zu denken

Ich weiß nicht, ob Sie schon einmal einem Vogel gelauscht haben. Um etwas zuhören zu können, muss Ihr Geist still sein – ich meine keine mystische Stille, sondern einfach Stille. Ich sage etwas zu Ihnen, und um mir zuhören zu können, müssen Sie still sein, es dürfen Ihnen nicht alle möglichen Gedanken durch den Kopf schwirren. Wenn Sie eine Blume betrachten, dann schauen Sie sie einfach an, Sie benennen sie nicht, klassifizieren sie nicht, sagen nicht, dass sie zu einer bestimmten Art gehört – wenn Sie das tun, hören Sie auf, die Blume zu betrachten. Deshalb sage ich, dass Zuhören eines der schwierigsten Dinge ist: zum Beispiel dem Kommunisten zuzuhören, dem Sozialisten, dem Kongressabgeordneten, dem Kapitalisten, irgendjemandem, Ihrer Frau, Ihren Kindern, Ihrem Nachbarn, dem Busschaffner, dem Vogel – einfach zuzuhören. Nur wenn Sie ohne Vorstellungen, ohne zu denken, zuhören, sind Sie in unmittelbarem Kontakt, und wenn Sie in Kontakt sind, wissen Sie, ob das, was der andere sagt, richtig oder falsch ist; Sie brauchen nicht mehr darüber zu diskutieren.

5. JanuarZuhören

Zuhören schenkt Freiheit

Hören Sie wirklich zu, wenn Sie sich bemühen zuzuhören? Ist nicht gerade dieses Bemühen eine Ablenkung, die Sie am Zuhören hindert? Strengen Sie sich an, wenn Sie etwas zuhören, das Sie erfreut? … Sie erkennen weder die Wahrheit, noch sehen Sie das Falsche als das Falsche, solange Ihr Geist in irgendeiner Weise damit beschäftigt ist, sich zu bemühen, zu vergleichen, zu rechtfertigen oder zu verurteilen. …

Zuhören allein für sich genommen ist ein Vorgang, der vollkommen ist; der bloße Vorgang des Zuhörens bringt seine eigene Freiheit mit sich. Aber geht es Ihnen wirklich ums Zuhören oder eher darum, etwas gegen das Chaos in Ihrem Inneren zu tun? Wenn Sie zuhören würden … und zwar so, dass Sie sich Ihrer Konflikte und inneren Widersprüche bewusst sind, ohne sie in ein bestimmtes Denkmuster zu zwängen, dann würden sie sich vielleicht alle in Luft auflösen. Wir versuchen ständig, dieses oder jenes zu sein, einen bestimmten Zustand zu erreichen, eine Erfahrung festzuhalten und eine andere zu vermeiden. Also ist unser Geist ununterbrochen mit irgendetwas beschäftigt; er ist nie still, um dem Lärm seiner eigenen Kämpfe und Schmerzen zuzuhören. Seien Sie einfach und schlicht … und versuchen Sie nicht, etwas zu werden oder irgendeine Erfahrung festzuhalten.

Zuhören6. Januar

Mühelos zuhören

Jetzt gerade hören Sie mir zu; Sie bemühen sich nicht, aufmerksam zu sein, Sie hören einfach zu; und wenn das, was Sie hören, wahr ist, werden Sie feststellen, dass in Ihnen eine bemerkenswerte Veränderung stattfindet – eine Veränderung, die ohne Vorsatz oder Wunsch einfach geschieht, eine Verwandlung, eine vollkommene innere Umwälzung, bei der allein die Wahrheit zählt und nicht die Fantasiegebilde Ihres Geistes. Ich möchte Ihnen vorschlagen, allem auf diese Weise zu lauschen – nicht nur dem, was ich sage, sondern auch dem, was andere sagen, oder den Vögeln, dem Pfeifen einer Lokomotive, dem Geräusch eines vorbeifahrenden Busses. Sie werden feststellen, dass die Stille umso tiefer wird, je mehr Sie allem lauschen, und dass diese Stille dann nicht mehr von Lärm unterbrochen wird. Nur wenn Sie Widerstand gegen etwas leisten, wenn Sie zwischen sich und dem, was Sie nicht hören wollen, eine Barriere errichten – nur dann findet ein innerer Kampf statt.

7. JanuarZuhören

Sich selbst zuhören

Frage: Solange ich Ihnen hier zuhöre, scheine ich zu verstehen, aber wenn ich wieder woanders bin, verstehe ich nichts, obwohl ich versuche, das, was Sie gesagt haben, in meinem Leben anzuwenden.

Krishnamurti: … Sie hören sich selbst zu und nicht dem Redner. Wenn Sie dem Redner zuhören, wird er zu Ihrem Führer, Ihrem Weg zum Verstehen – und das ist schrecklich und abscheulich, weil Sie dann die Rangordnung der Autorität geschaffen haben. Was Sie hier also tun sollten, ist sich selbst zuzuhören. Sie betrachten das Bild, das der Redner entwirft, und es ist Ihr eigenes Bild, nicht das des Redners. Wenn klar ist, dass Sie sich selbst betrachten, können Sie sagen: »Ich sehe mich, wie ich bin, und ich will nichts daran ändern«, und damit ist die Sache erledigt. Aber wenn Sie sagen: »Ich sehe mich, wie ich bin, und es muss sich etwas ändern«, fangen Sie an, aus Ihrem eigenen Verstehen heraus aktiv zu werden – und das ist etwas vollkommen anderes, als anzuwenden, was der Redner sagt … Aber wenn Sie, während der Redner spricht, sich selbst zuhören, dann erwachsen aus diesem Zuhören Klarheit und Empfänglichkeit, dann wird Ihr Geist durch dieses Zuhören stark und gesund. Indem er weder gehorcht noch sich widersetzt, wird er lebendig, erlangt Intensität – und nur ein solcher Mensch kann eine neue Entwicklungsstufe des Menschen hervorbringen, eine neue Welt schaffen.

Lernen8. Januar

Mit Intensität schauen

… Mir scheint, dass Lernen erstaunlich schwierig ist, genau wie das Zuhören. Wir hören nie wirklich zu, weil unser Geist nicht frei ist. Unsere Ohren sind verstopft von den Dingen, die wir bereits wissen, und deshalb wird Zuhören zu einer außerordentlich schwierigen Angelegenheit. Ich glaube – nein, es ist eine Tatsache –, dass der bloße Vorgang des Zuhörens eine befreiende Wirkung hat, wenn man mit seinem ganzen Wesen, seiner Kraft und Lebensfreude zuhören kann, aber leider hören Sie nie wirklich zu, weil Sie das nie gelernt haben. Schließlich lernt man nur, wenn man sich einer Sache ganz und gar hingibt. Wenn man sich der Mathematik mit Leib und Seele widmet, lernt man; wenn man jedoch innerlich gespalten ist, wenn man nicht lernen will, aber dazu gezwungen wird, dann wird das Ganze zu einem bloßen Prozess des Anhäufens. Beim Lernen ist es wie beim Lesen einer Erzählung mit zahlreichen unterschiedlichen Charakteren: Es erfordert volle Aufmerksamkeit, keine geteilte Aufmerksamkeit. Wenn Sie etwas über ein Blatt lernen wollen – ein Blatt im Frühling oder ein Blatt im Sommer –, dann müssen Sie es wirklich betrachten, müssen sein Ebenmaß, seine Struktur sehen, die Beschaffenheit des lebendigen Blattes. Da ist Schönheit, Energie, Lebendigkeit in diesem einzelnen Blatt. Um also etwas über das Blatt, die Blüte, die Wolke, den Sonnenuntergang oder einen Menschen zu lernen, müssen Sie mit voller Intensität schauen.

9. JanuarLernen

Lernen ist nur möglich, wenn der Geist still ist

Um etwas Neues zu entdecken, müssen Sie sich allein auf den Weg machen, und Sie müssen ihre Reise mit leeren Händen beginnen, vor allem leer von Wissen, denn es ist sehr einfach, durch Wissen und Glauben Erfahrungen zu machen. Aber diese Erfahrungen sind nur Produkte der eigenen Projektionen und daher äußerst unwirklich, unecht. Wenn Sie für sich selbst Neues entdecken wollen, ist es nicht gut, die Last des Alten mit sich herumzuschleppen, insbesondere die Last des Wissens – des Wissens von jemand anderem, wie großartig es auch sein mag. Sie benutzen Wissen als Hilfsmittel für Ihre eigenen Projektionen, für Ihre Sicherheit, und Sie wollen sicher sein, dass Sie die gleichen Erfahrungen machen wie Buddha oder Christus oder X. Aber ein Mensch, der sich selbst ständig durch Wissen schützt, ist eindeutig kein Wahrheitssucher …

Es gibt keinen Weg zur Entdeckung der Wahrheit … Wenn Sie etwas Neues finden wollen, wenn Sie mit irgendetwas experimentieren, muss Ihr Geist sehr still sein, nicht wahr? Wenn Ihr Geist vollgestopft ist, angefüllt mit Wissen und Fakten, dann bilden diese ein Hindernis, das Sie vom Neuen trennt. Für die meisten von uns besteht die Schwierigkeit darin, dass der Intellekt so wichtig geworden ist, so in den Vordergrund getreten ist, dass er ständig allem in die Quere kommt, das neu sein könnte, allem, das möglicherweise gleichzeitig mit dem Bekannten existiert. So sind Wissen und Lernen Stolpersteine für diejenigen, die auf der Suche sind, für diejenigen, die das zu verstehen versuchen, was zeitlos ist.

Lernen10. Januar

Lernen hat nichts mit Erfahrung zu tun

Das Wort »Lernen« ist von großer Bedeutung. Es gibt zwei Arten des Lernens. Für die meisten von uns bedeutet Lernen das Ansammeln von Wissen und praktischen Kenntnissen oder das Sichaneignen von Techniken, Fertigkeiten und Fremdsprachen. Außerdem gibt es das psychische Lernen, das Lernen durch Erfahrung, entweder durch die unmittelbaren Lebenserfahrungen, die gewisse Spuren in uns hinterlassen, oder durch Erfahrungen, die sich in einer Tradition, in einer Volksgruppe, in einer Gesellschaft niedergeschlagen haben. Diese beiden Arten des Lernens bestimmen, wie wir dem Leben begegnen: die psychischen und die physischen, die inneren und die äußeren Fertigkeiten und Kenntnisse. Aber es gibt keine scharfe Trennungslinie zwischen diesen beiden Ebenen, denn sie überschneiden sich natürlich. Im Augenblick wollen wir die Fähigkeiten oder das technische Wissen, das wir durch Üben und Studieren erwerben, einmal außer Acht lassen und uns mit dem psychischen Lernen beschäftigen, das wir uns im Laufe der Jahrhunderte angeeignet oder das wir als Tradition, als Wissen, als Erfahrung ererbt haben. Wir nennen das Lernen, aber ich bezweifle, dass es überhaupt etwas mit Lernen zu tun hat. Ich spreche nicht vom Erwerben einer Fähigkeit oder vom Erlernen einer Fremdsprache oder einer bestimmten Technik, sondern ich frage mich, ob der menschliche Geist in psychischer Hinsicht überhaupt jemals lernt. Er hat gelernt, und er begegnet der Herausforderung des Lebens mit dem, was er gelernt hat. Er deutet das Leben oder jede neue Herausforderung immer anhand dessen, was er gelernt hat. Das tun wir ständig. Aber ist das Lernen? Weist Lernen nicht vielmehr auf etwas ganz Neues hin, das ich bis dahin nicht kannte und nun kennen lerne? Wenn ich dem, was ich bereits weiß, nur etwas hinzufüge, hat das im Grunde nichts mehr mit Lernen zu tun.

11. JanuarLernen

Wann ist Lernen möglich?

Es ist die Aufgabe des Geistes, zu forschen und zu lernen. Mit Lernen meine ich hier nicht das bloße Schulen des Gedächtnisses oder das Ansammeln von Wissen, sondern die Fähigkeit, ohne Selbsttäuschung klar und einsichtsvoll zu denken, von Fakten auszugehen und nicht von Überzeugungen oder Idealen. Wenn das Denken von Schlussfolgerungen ausgeht, kann kein Lernen stattfinden. Sich lediglich Wissen anzueignen oder Informationen anzusammeln ist kein Lernen. Lernen setzt die Liebe zum Verstehen voraus, und die Liebe, etwas um seiner selbst willen zu tun. Lernen ist nur möglich, wenn kein wie auch immer gearteter Zwang existiert. Und Zwang kann viele Formen annehmen, nicht wahr? Er kann auf Beeinflussung, Abhängigkeit und Drohungen beruhen oder auf ermutigender Überredung und subtilen Formen der Belohnung. Die meisten Leute sind der Meinung, dass Lernen durch Vergleichen gefördert wird, dabei ist das Gegenteil der Fall. Vergleichen führt zu Frustration und fördert nur den Neid, der Wettbewerb genannt wird. Wie andere Formen der Beeinflussung verhindert Vergleichen das Lernen und erzeugt Angst.

Lernen12. Januar

Lernen ist nie ein Ansammeln

Lernen ist eine Sache und das Erwerben von Wissen eine andere. Lernen ist ein ununterbrochen sich fortsetzender Prozess, kein Vorgang, bei dem ständig etwas hinzugefügt wird, bei dem man etwas zusammenträgt und dann von da aus handelt. Die meisten von uns sammeln Wissen in Form von Erinnerungen oder Vorstellungen, speichern es als Erfahrung und handeln dann auf dieser Grundlage. Das heißt, wir handeln auf der Grundlage von Wissen, von technischem Wissen, Wissen in Form von Erfahrungen oder Traditionen und dem Wissen, das man auf Grund seiner besonderen eigenwilligen Neigungen gewonnen hat. Und mit diesem Hintergrund, dieser Anhäufung aus Wissen, Erfahrungen, Traditionen handeln wir. Doch dabei findet kein Lernen statt. Lernen ist niemals ein Ansammeln, sondern eine unaufhörliche Bewegung. Ich weiß nicht, ob Sie sich je mit dieser Frage beschäftigt haben: Was ist Lernen und was Aneignen von Wissen? … Lernen ist niemals ein Ansammeln. Sie können den Vorgang des Lernens nicht abspeichern und dann das Gespeicherte zur Grundlage des Handelns machen. Sie lernen, während Sie durchs Leben gehen. Dadurch gibt es nie einen Moment des Rückschritts oder des Verfalls oder des Niedergangs.

13. JanuarLernen

Lernen hat keine Vergangenheit

Weisheit ist etwas, das jeder Einzelne von uns entdecken muss, aber sie ist nicht das Ergebnis von Wissen. Wissen und Weisheit haben nichts miteinander zu tun. Weisheit stellt sich durch die Reife ein, die auf Selbsterkenntnis beruht. Ohne sich selbst zu kennen, gibt es keine Ordnung und somit keine wahre Tugend.

Etwas über sich zu lernen und Wissen über sich anzusammeln sind zwei verschiedene Dinge. … Der menschliche Geist, der sich Wissen aneignet, lernt nie wirklich. Er tut nur Folgendes: Er sammelt Informationen und Erfahrungen in Form von Wissen, und auf der Grundlage dessen, was er angesammelt hat, macht er seine Erfahrungen und lernt; deshalb lernt er nie wirklich, sondern häuft nur Wissen an.

Lernen findet immer in der unmittelbaren Gegenwart statt; es hat keine Vergangenheit. In dem Moment, in dem Sie zu sich selbst sagen: »Ich habe etwas gelernt«, ist es bereits zu Wissen geworden, und auf der Grundlage dieses Wissens können Sie zwar weiter Wissen ansammeln und umsetzen, aber Sie können nicht weiter lernen. Nur ein Geist, der nichts ansammelt, sondern ständig lernt – nur ein solcher Geist kann diese ganze Wesenheit verstehen, die wir »Ich« nennen, das Selbst. Ich muss mich selbst kennen, muss die Beschaffenheit, die Natur, die Bedeutung meines ganzen Wesens verstehen, aber mit der Last meines bisherigen Wissens, meiner bisherigen Erfahrungen oder mit einem konditionierten Geist ist mir das nicht möglich, denn dann lerne ich nicht. Ich interpretiere, setze um und schaue nur mit Augen, die von der Vergangenheit getrübt sind.

Lernen14. Januar

Autorität verhindert Lernen

Wir lernen im Allgemeinen durch Studieren, aus Büchern, durch Erfahrung oder dadurch, dass wir unterrichtet werden. Das sind die üblichen Wege des Lernens. Wir lernen auswendig, was wir tun sollen und was nicht, was wir denken sollen und was nicht, wie wir fühlen und reagieren sollen. Durch Erfahrung, durch Studieren, Analysieren, durch Forschen und Untersuchen des eigenen Inneren speichern wir Wissen im Gedächtnis, und dieses Gedächtnis reagiert dann auf neue Herausforderungen und Anforderungen, wodurch immer mehr gelernt wird. … Das Gelernte wird als Wissen in das Gedächtnis übernommen, und dieses Wissen wird immer dann aktiv, wenn es eine Herausforderung gibt oder wir etwas zu tun haben.

Ich glaube nun, dass es eine völlig andere Art des Lernens gibt, und ich werde dazu etwas sagen. Um das jedoch zu verstehen und um auf diese andere Weise lernen zu können, müssen Sie jede Art von Autorität vollständig los sein, sonst empfangen Sie nur Anweisungen und wiederholen lediglich das, was Sie gehört haben. Deshalb ist es so wichtig, das Wesen der Autorität zu verstehen. Autorität verhindert Lernen – jedenfalls das Lernen, das nichts mit dem Ansammeln von Wissen als Gedächtnisinhalte zu tun hat. Das Gedächtnis reagiert immer nach bestimmten Mustern. Es kennt keine Freiheit. Ein Mensch, der mit Wissen, mit Instruktionen belastet ist, der vom Gewicht der Dinge, die er gelernt hat, niedergedrückt wird, ist niemals frei. Er mag außerordentlich gelehrt sein, aber sein angesammeltes Wissen hindert ihn daran, frei zu sein, und deshalb ist er unfähig zu lernen.

15. JanuarAutorität

Zerstören heißt erschaffen

Um frei zu sein, müssen Sie das Wesen der Autorität genau untersuchen, ihre ganze innere Struktur, und müssen dieses ganze schmutzige Etwas in Stücke reißen. Das erfordert Energie – sowohl physische als auch psychische Energie. Die Energie wird jedoch zerstört und vergeudet, wenn man innerlich im Zwiespalt ist. … Wenn also der gesamte Mechanismus des Konflikts verstanden wird, löst sich der Konflikt auf, und dann gibt es Energie im Überfluss. Dann können Sie fortfahren und das ganze Haus [der Autorität] niederreißen, das Sie in Jahrhunderten aufgebaut haben und das vollkommen bedeutungslos ist.

Zerstören heißt neu erschaffen. Wir müssen zerstören, und zwar nicht die Gebäude, nicht das Gesellschafts- oder Wirtschaftssystem – das geschieht sowieso Tag für Tag –, sondern die psychischen, unbewussten und bewussten Abwehrmechanismen, die Schutzmaßnahmen, die wir sowohl mit Vernunft, ganz persönlich, tief im Innern oder auch nur oberflächlich aufgebaut haben. Wir müssen all das zerstören, um vollkommen schutzlos zu sein, denn um lieben und Zugneigung empfinden zu können, müssen wir schutzlos sein. Dann sehen und verstehen wir, was Ehrgeiz und Autorität sind, und erkennen, wann und auf welcher Ebene Autorität notwendig ist – zum Beispiel die Autorität des Polizisten, aber sonst keine. Dann gibt es keine Autorität beim Lernen, keine Autorität des Wissens, keine Autorität des Könnens, keine Autorität durch eine Rolle oder Funktion, die zu gesellschaftlichem Status wird. Jegliche Autorität zu erkennen – die der Gurus, der Meister und anderer – erfordert einen sehr scharfen Verstand, einen klaren Kopf und keinen wirren, abgestumpften Geist.

Autorität16. Januar

[Wahre] Tugend kennt keine Autorität

Kann der menschliche Geist frei von Autoritäten sein, das heißt frei von Angst, so dass er überhaupt nicht mehr fähig ist, jemandem oder etwas zu folgen? Wenn ja, dann hört damit auch das Nachahmen auf, das ja zu etwas rein Mechanischem wird. Tugend oder Ethik ist schließlich keine Wiederholung des Guten. In dem Moment, wo Tugend zu etwas Mechanischem wird, ist es keine Tugend mehr. Tugend kann nur von Augenblick zu Augenblick existieren, genau wie Demut. Man kann Demut nicht kultivieren, aber ein menschlicher Geist, der keine Demut kennt, kann nicht lernen. [Wahre] Tugend kennt also keine Autorität. Die Gesellschaftsmoral ist gar keine Moral, sie ist in Wahrheit unmoralisch, weil sie Konkurrenzkampf, Gier und Ehrgeiz zulässt, und damit fördert die Gesellschaft unmoralisches Verhalten. [Wahre] Tugend geht über Moral hinaus. Ohne Tugend gibt es keine Ordnung, aber Ordnung hat nichts mit einem vorgegebenen Muster oder Schema zu tun. Ein Mensch, der sich an ein bestimmtes Schema hält, indem er sich diszipliniert, um tugendhaft zu werden, schafft sich selbst Probleme mit der Unmoral.

Eine äußere Autorität, die der Geist zur Instanz erhebt – vom Gesetz einmal abgesehen – wie beispielsweise »Gott« oder »Moral« und so weiter, wird zerstörerisch, wenn der Geist zu verstehen versucht, was wahre Tugend ist. Wir haben unsere eigene Autorität in Form von Erfahrung oder Wissen, und wir versuchen, ihr zu folgen. Wir wiederholen und ahmen ständig nach, was wir alle wissen. Psychologische Autorität – nicht die Autorität des Gesetzes oder des Polizisten, der die Ordnung aufrechterhält – die psychologische Autorität, die jeder in sich trägt, wirkt sich zerstörerisch auf [wahre] Tugend aus, weil Tugend etwas ist, das lebt und sich bewegt. So wie es unmöglich ist, Demut oder Liebe zu kultivieren, so kann auch Tugend nicht kultiviert werden; und darin liegt eine große Schönheit. [Wahre] Tugend ist nichts Mechanisches, aber ohne Tugend gibt es keine Grundlage für klares Denken.

17. JanuarAutorität

Der alte Geist [des Menschen] ist an Autorität gebunden

Das Problem ist also: Ist es einem menschlichen Geist, der so konditioniert wurde – der in zahllosen Sekten, Religionen und all den abergläubischen Vorstellungen und Ängsten aufgewachsen ist –, überhaupt möglich, sich von sich selbst zu lösen und dadurch einen neuen Geist hervorzubringen? … Der alte Geist ist zum größten Teil an Autorität gebunden. Ich benutze das Wort »Autorität« hier nicht im Sinne gesetzlicher Vorschriften, sondern ich meine Autorität in Form von Tradition, Wissen, Erfahrung oder Autorität als Mittel, um innere oder äußere Sicherheit zu finden und in dieser Sicherheit bleiben zu können, denn das ist es schließlich, was der menschliche Geist fortwährend sucht: einen Ort, wo er sich sicher und ungestört fühlen kann. Eine solche Autorität kann die selbst auferlegte Autorität einer Idee oder die religiös genannte Vorstellung von Gott sein, die für einen wahrhaft religiösen Menschen eine freie Erfindung ist. Dieser Gott ist ein Fantasiegebilde. Auch wenn Sie daran glauben, es bleibt eine Erfindung. Eine Idee ist keine Tatsache, sondern eine Erfindung. Aber um Gott zu finden, muss man die Fiktion vollkommen zerstören, denn der alte Geist ist jener Geist, der von Angst und Ehrgeiz getrieben ist, der sich vor dem Tod, vor dem Leben und vor Beziehungen fürchtet und der ständig bewusst oder unbewusst nach Dauerhaftigkeit und Sicherheit strebt.

Autorität18. Januar

Von Anfang an frei

Wenn wir den Zwang verstehen, der hinter unserem Wunsch, zu herrschen oder beherrscht zu werden, steckt, können wir uns vielleicht von den lähmenden Auswirkungen der Autorität befreien. Wir wollen um jeden Preis Gewissheit, wollen Recht haben, erfolgreich sein, wissen, und dieses Verlangen nach Gewissheit und Dauerhaftigkeit lässt in uns die Autorität persönlicher Erfahrung wachsen, während es in der Außenwelt die Autorität der Gesellschaft, der Familie, der Religion und so weiter erzeugt. Diese Autorität lediglich zu ignorieren und nur ihre äußeren Symbole abzuschütteln bedeutet jedoch nicht sehr viel.

Sich von einer Tradition zu lösen und sich einer anderen anzupassen, dem einen Führer den Rücken zu kehren und einem anderen zu folgen, ist nur eine oberflächliche Geste. Wenn wir uns des ganzen Prozesses, wie Autorität entsteht, bewusst werden wollen, wenn wir ihre wahre Natur erkennen wollen, wenn wir das Verlangen nach Gewissheit verstehen und darüber hinausgehen wollen, dann brauchen wir umfassende Bewusstheit und Einsicht, dann müssen wir frei sein – aber nicht am Ende, sondern von Anfang an.

19. JanuarAutorität

Befreiung von Unwissenheit und Leid

Wir hören voller Hoffnung und Angst zu; wir suchen das Licht eines anderen, aber verfügen nicht über die aufmerksame Passivität, die notwendig ist, um zu verstehen. Wenn der Befreite unsere Wünsche zu erfüllen scheint, akzeptieren wir ihn, wenn nicht, setzen wir unsere Suche nach demjenigen fort, der es tut. Den meisten von uns geht es vor allem um Befriedigung und Erfüllung auf verschiedenen Ebenen. Die eigentliche Frage ist nicht, wie man einen Befreiten erkennt, sondern wie man sich selbst erkennt und versteht. Keine Autorität der Welt kann Ihnen Kenntnisse über sich selbst vermitteln. Und ohne Selbsterkenntnis gibt es keine Befreiung von Unwissenheit und Leid.

Autorität20. Januar

Warum folgen wir?

Warum übernehmen wir etwas, warum folgen wir? Wir folgen der Autorität eines anderen, der Erfahrung eines anderen, und zweifeln sie dann an. Diese Suche nach Autorität und ihre Folge, die Desillusionierung, ist für die meisten von uns ein schmerzhafter Prozess. Wir beschuldigen oder kritisieren die zuvor anerkannte Autorität, den Führer, den Lehrer, aber wir hinterfragen nicht unsere eigene Sehnsucht, von einer Autorität geführt zu werden. Wenn wir diese Sehnsucht einmal verstehen, wird uns die Bedeutung des Zweifels klar.

21. JanuarAutorität

Autorität verdirbt den, der führt, und den, der folgt

Sich seiner selbst bewusst zu sein ist eine mühsame Angelegenheit, und weil die meisten von uns einen einfachen, nur in der Illusion bestehenden Weg vorziehen, erschaffen wir die Autorität, die unserem Leben Form und Ordnung gibt. Diese Autorität kann die Gemeinschaft sein, der Staat, oder sie kann persönlich sein: der Meister, der Erlöser, der Guru. Jede Art von Autorität macht blind und gedankenlos, und da die meisten von uns feststellen, dass Nachdenklichkeit mit Schmerz verbunden ist, ordnen wir uns lieber einer Autorität unter. Autorität bringt Macht mit sich, und Macht verdirbt einen völlig, da sie immer an einer Stelle vereinigt wird. Sie verdirbt nicht nur denjenigen, der sie ausübt, sondern auch den, der ihr folgt. Die Autorität des Wissens und der Erfahrung verdirbt Menschen, ob sie nun dem Meister, seinem Stellvertreter oder dem Priester übertragen wurde. Es ist Ihr eigenes Leben, dieser scheinbar endlose Konflikt – das ist wichtig, und nicht die Ordnung oder der Führer. Die Autorität des Meisters oder des Priesters hält Sie von der zentralen Frage ab, und das ist der Konflikt in Ihrem Inneren.

21. Januar

Autorität22. Januar

Kann ich mich auf meine Erfahrung verlassen?

Die meisten von uns sind damit zufrieden, einer Autorität zu folgen, weil sie uns eine gewisse Beständigkeit und Sicherheit bietet und uns das Gefühl gibt, geschützt zu sein. Doch ein Mensch, der die Bedeutung dieser tiefen inneren Umwandlung verstehen will, muss frei von jeglicher Autorität sein, nicht wahr? Er kann nicht zu einer Autorität aufschauen, ob selbst geschaffen oder von außen aufgezwungen. Aber ist das möglich? Ist es mir überhaupt möglich, mich nicht auf die Autorität meiner eigenen Erfahrung zu verlassen? Selbst wenn ich alle äußeren Ausdrucksformen der Autorität zurückgewiesen habe – Bücher, Lehrer, Priester, Kirchen, Glaubenssysteme –, habe ich immer noch das Gefühl, dass ich mich zumindest auf mein eigenes Urteil, meine eigenen Erfahrungen, meine eigene Analyse verlassen kann. Aber kann ich mich wirklich auf meine Erfahrung, mein Urteil, meine Analyse verlassen? Meine Erfahrungen sind das Produkt meiner Konditionierung, so wie Ihre das Produkt Ihrer Konditionierung sind, nicht wahr? Ich wurde vielleicht als Moslem, Buddhist oder Hindu erzogen, und meine Erfahrungen hängen von meinem kulturellen, ökonomischen, gesellschaftlichen und religiösen Hintergrund ab, so wie die Ihren von Ihrem Hintergrund abhängen. Kann ich mich darauf verlassen? Kann ich mich darauf verlassen, daraus die Führung, die Hoffnung und den Weitblick zu beziehen, die mich meinem eigenen Urteil vertrauen lassen, welches ja ebenfalls das Ergebnis von gespeicherten Erinnerungen und Erfahrungen ist, von einer Konditionierung aus der Vergangenheit, die auf die Gegenwart trifft? … Wenn ich mir nun all diese Fragen gestellt habe und mir dieses Problems bewusst bin, erkenne ich, dass es nur einen Zustand geben kann, in dem sich die Wirklichkeit, das Neue, das einen Wandel bewirkt, zu zeigen vermag. Und dieser Zustand ist dann gegeben, wenn der Geist vollkommen leer von allem Vergangenen ist, wenn niemand mehr da ist, der analysiert, wenn es keine Erfahrung, kein Urteil und keine Autorität mehr gibt.

23. JanuarSelbsterkenntnis

Selbsterkenntnis ist ein Prozess

Ist es also, um die unzähligen Probleme zu verstehen, die jeder von uns hat, nicht äußerst wichtig, dass wir uns selbst erkennen? Das ist eines der schwierigsten Dinge: sich seiner selbst bewusst zu sein. – Es bedeutet aber nicht, dass man sich absondert oder zurückzieht. Es ist zweifellos wichtig, sich selbst zu erkennen, aber das heißt nicht, dass man sich aus Beziehungen zurückzieht. Und es wäre mit Sicherheit ein Fehler, zu glauben, man könne sich selbst in bedeutsamem Umfang oder gar vollständig kennen lernen, indem man sich in die Abgeschiedenheit begibt, sich aus allem heraushält oder indem man zu einem Psychiater oder Priester geht; oder dass Selbsterkenntnis durch Bücher möglich ist. Selbsterkenntnis ist auf jeden Fall ein Prozess und nicht das eigentliche Ziel, und um sich zu erkennen, muss man sich seiner selbst im täglichen Leben, das heißt in Beziehungen, bewusst sein. Sie entdecken sich nicht selbst in der Abgeschiedenheit oder indem Sie sich zurückziehen, sondern in Beziehungen – in der Beziehung zur Gesellschaft, zu Ihrer Frau, Ihrem Mann, Ihrem Bruder, zu Menschen allgemein. Um aber herauszufinden, wie Sie sich dabei verhalten, welche Reaktionen Sie zeigen, erfordert außerordentliche geistige Beweglichkeit und eine sehr feine Wahrnehmung.

Selbsterkenntnis24. Januar

Der ungebundene Geist

Eine grundlegende Veränderung der Welt kommt zustande, wenn wir uns selbst grundlegend verändern, denn das Selbst ist das Produkt und ein Bestandteil der gesamten Vorgänge und Abläufe des menschlichen Daseins. Um sich grundlegend verändern zu können, ist es unabdingbar, sich selbst zu erkennen. Denn wenn Sie nicht wissen, was Sie sind, gibt es keine Grundlage für richtiges Denken, und wenn Sie sich selbst nicht kennen, kann keine innere Wandlung stattfinden. Man muss sich selbst erkennen, wie man ist, nicht, wie man gerne sein möchte, denn das ist nur ein Ideal und damit frei erfunden, nicht in Wirklichkeit vorhanden. Nur das, was ist, kann von Grund auf verändert werden, nicht das, was Sie gerne sein möchten. Um sich zu erkennen, wie man ist, braucht es eine außerordentliche geistige Beweglichkeit, denn das, was ist, verändert sich ständig, und wenn der Geist fähig sein soll, dem Geschehen ebenso geschwind zu folgen, darf er nicht an irgendein Dogma, einen Glauben oder ein Handlungsschema gebunden sein. Wenn Sie mit irgendetwas mitgehen wollen, ist es nicht gut, gebunden zu sein. Um sich selbst zu erkennen, ist jene Bewusstheit, jene geistige Beweglichkeit erforderlich, die frei ist von allen Glaubensvorstellungen und Idealisierung, denn Glaubensvorstellungen und Ideale geben Ihnen nur einen äußeren Anschein und verzerren die wirklichkeitsgetreue Wahrnehmung. Wenn Sie wissen wollen, was Sie sind, dürfen Sie sich nicht etwas vorstellen oder an etwas glauben, das Sie nicht sind. Wenn ich habgierig, neidisch oder gewalttätig bin, ist es ziemlich bedeutungslos, nur ein Ideal der Gewaltlosigkeit oder Bescheidenheit zu haben. … Das Verstehen dessen, was Sie sind, was immer es ist – hässlich oder schön, boshaft oder gemein –, das klare, unverzerrte Verstehen dessen, was Sie sind, ist der Anfang wahrer Tugend. Wahre Tugend ist unabdingbar, denn sie schenkt Freiheit.

25. JanuarSelbsterkenntnis

Aktive Selbsterkenntnis

Ohne Selbsterkenntnis führt Erfahrung zur [Selbst-]Täuschung. Mit Selbsterkenntnis hinterlässt Erfahrung, die ja die Resonanz auf Herausforderungen ist, keine Spuren in Form von angesammelten Erinnerungen. Selbsterkenntnis heißt zu entdecken, wie sich das Selbst von Augenblick zu Augenblick zeigt, seine Absichten und Bestrebungen, seine Gedanken und Gelüste. Es kann nie »deine Erfahrung« und »meine Erfahrung« geben; schon der Ausdruck »meine Erfahrung« weist auf Unwissenheit und das Akzeptieren einer Einbildung hin.

Selbsterkenntnis26. Januar

Kreativität durch Selbsterkenntnis

… Es gibt keine Methode für die Selbsterkenntnis. Die Suche nach einer Methode weist stets auf den Wunsch hin, irgendein Resultat zu erzielen. Das ist es, was wir alle wollen. Wir folgen einer Autorität – wenn nicht der einer Person, dann der eines Systems oder einer Ideologie –, weil wir uns ein zufrieden stellendes Resultat wünschen, das uns ein Gefühl der Sicherheit gibt. Wir wollen uns nicht wirklich verstehen, unsere Impulse und Reaktionen, unseren ganzen Denkprozess, den bewussten wie den unbewussten. Wir wollen lieber einem System folgen, das uns ein Ergebnis verspricht. Aber einem System zu folgen entspringt immer unserem Wunsch nach Sicherheit, Gewissheit, und was dabei herauskommt, ist offensichtlich nicht, dass man sich selbst erkennt und versteht. Wenn wir einer Methode folgen, brauchen wir Autoritäten – den Lehrer, den Guru, den Erlöser, den Meister –, die uns garantieren, was wir uns wünschen, und das ist auf keinen Fall der Weg zur Selbsterkenntnis.

Autorität verhindert, dass wir uns selbst verstehen, nicht wahr? Unter dem Schutz einer Autorität, eines Führers haben wir vielleicht vorübergehend ein Gefühl der Sicherheit, des Wohlbefindens, aber das hat nichts mit dem Verstehen der gesamten Abläufe zu tun, die einen selbst ausmachen. Ihrer eigenen Natur gemäß verhindert Autorität, dass man sich seiner selbst voll bewusst ist und zerstört damit letztendlich Freiheit. Nur in Freiheit kann [wahre] Kreativität gedeihen. [Wahre] Kreativität ist nur durch Selbsterkenntnis möglich.

27. JanuarSelbsterkenntnis

Stiller Geist, einfacher Geist

Wenn wir uns unserer selbst bewusst sind, ist dann nicht der ganze Lauf des Lebens ein Freilegen des »Ich«, des Egos, des Selbst? Das Selbst ist ein sehr komplexes Geschehen, das nur in Beziehungen freigelegt werden kann, in unseren täglichen Aktivitäten, in der Art, wie wir reden, beurteilen, berechnend sind, wie wir uns und andere verurteilen. All das offenbart, wie konditioniert unser Denken ist. Ist es da nicht wichtig, sich dieser Vorgänge bewusst zu sein? Nur dadurch, dass bewusst ist, was im jeweiligen Augenblick wahr ist, wird das Zeitlose, das Ewige, entdeckt. Ohne Selbsterkenntnis kann das Ewige nicht sein. Wenn wir uns selbst nicht kennen, wird das Ewige zu einem bloßen Wort, einem Symbol, einer Spekulation, einem Dogma, einem Glauben, einer Illusion, in die der Geist sich flüchten kann. Aber wenn man anfängt, das »Ich« von Tag zu Tag in all seinen verschiedenen Aktivitäten zu verstehen, dann tritt in diesem Verstehen ganz mühelos das Namenlose, das Zeitlose in Erscheinung. Das Zeitlose ist jedoch keine Belohnung für Selbsterkenntnis. Nach dem Ewigen kann man nicht suchen, der Geist kann es sich nicht aneignen. Es tritt in Erscheinung, wenn der Geist still ist, und der Geist kann nur still sein, wenn er einfach ist, wenn er nicht mehr abspeichert, be- und verurteilt, abwägt. Nur der einfache Geist kann das Wirkliche verstehen, nicht der, der mit Wörtern, Wissen, Informationen angefüllt ist. Ein Geist, der analysiert und berechnend ist, ist nicht einfach.

Selbsterkenntnis28. Januar

Sich selbst kennen

Ohne sich selbst zu kennen, können Sie machen, was Sie wollen, aber der Zustand der Meditation ist nicht möglich. Sich selbst zu kennen heißt für mich, jeden Gedanken, jede Stimmung, jedes Wort, jedes Gefühl zu kennen; sich der Tätigkeit des eigenen Geistes bewusst zu sein – und nicht, dass man das höhere Selbst, das große Selbst kennt. So etwas gibt es gar nicht. Das höhere Selbst, der Atman, ist immer noch Teil des Denkens. Denken ist das Resultat Ihrer Konditionierung, es ist die Reaktion Ihrer Gedächtnisinhalte, die aus dem Leben ihrer Vorfahren oder aus dem gegenwärtigen stammen. Und der Versuch zu meditieren, ohne zuerst tief greifend und unwiderruflich diese [wahre] Tugend entwickelt zu haben, die daraus erwächst, dass man sich selbst kennt, führt vollkommen in die Irre und ist absolut sinnlos.

Es ist wirklich sehr wichtig, dass diejenigen unter Ihnen, denen es damit ernst ist, dies verstehen. Denn wenn Sie dazu nicht in der Lage sind, besteht eine Kluft zwischen Ihrer Meditation und Ihrem wirklichen Leben; dann sind diese beiden Dinge voneinander getrennt, und zwar so weit, dass Sie Ihr Leben lang meditieren und bestimmte Haltungen einnehmen können und doch nicht über Ihre Nasenspitze hinaus sehen werden. Jede Meditationshaltung, alles, was Sie tun, ist dann völlig bedeutungslos.

… Es ist wichtig zu verstehen, was es heißt, sich selbst zu kennen: sich einfach, ohne auszuwählen, des »Ich« bewusst zu sein, das seinen Ursprung in einer Reihe von Erinnerungen hat – ohne es zu erklären oder zu deuten, lediglich die Bewegungen des Geistes zu beobachten. Aber dieses Beobachten wird vereitelt, wenn Sie durch das Beobachten nur wieder etwas ansammeln – was zu tun ist, was zu lassen ist, was erreicht werden soll. Wenn Sie das tun, setzen Sie dem lebendigen Geschehen ein Ende, in dem die Regungen des Geistes als Selbst sichtbar sind. Das heißt, ich muss die Tatsache, das, was ist, beobachten und erkennen. Wenn ich mich ihm mit einer Vorstellung, mit einer Meinung nähere – wie beispielsweise »ich darf nicht« oder »ich muss«, was ja Reaktionen aus dem Gedächtnis sind –, dann wird der Fluss dessen, was ist, behindert, blockiert, und somit findet kein Lernen statt.

29. JanuarSelbsterkenntnis

Schöpferische Leere

Können Sie diesen Worten nicht einfach so lauschen, wie die Erde den Samen aufnimmt, und schauen, ob der Geist frei, leer sein kann? Er kann nur dann leer sein, wenn er alle seine eigenen Projektionen und Aktivitäten versteht, aber nicht nur ab und zu, sondern Tag für Tag, von Augenblick zu Augenblick. Dann werden Sie die Antwort finden, dann werden Sie sehen, dass ohne ihr Zutun die Veränderung stattfindet, dass der Zustand schöpferischer Leere nicht etwas ist, das man entwickeln und verfeinern kann – er ist da, er kommt aus dem Dunkel ohne Einladung, ohne dass wir wissen, wie es geschieht; und nur in diesem Zustand ist Erneuerung, Umwandlung möglich.

Selbsterkenntnis30. Januar

Selbsterkenntnis

Mit der Selbsterkenntnis geht richtiges Denken einher. Wenn Sie sich nicht verstehen, fehlt Ihrem Denken die Grundlage. Ohne Selbsterkenntnis ist das, was Sie denken nicht wahr.

Sie und die Welt sind nicht zwei getrennte Gebilde mit unterschiedlichen Problemen; Sie und die Welt sind eins. Ihr Problem ist das Problem der Welt. Sie mögen das Produkt bestimmter Veranlagungen und Umwelteinflüsse sein, aber Sie sind nicht grundlegend verschieden von anderen. Innerlich sind wir alle uns sehr ähnlich. Wir werden von Habgier, Boshaftigkeit, Angst, Ehrgeiz und so weiter getrieben. Unsere Überzeugungen, Hoffnungen und Erwartungen haben einen gemeinsamen Ausgangspunkt. Wir sind eins, wir sind eine Menschheit, obwohl die künstlichen Grenzen der Wirtschaft und Politik und unsere Vorurteile uns voneinander trennen. Wenn Sie jemand anderen töten, zerstören Sie sich selbst. Sie sind das Zentrum des Ganzen, und ohne sich selbst zu verstehen, können Sie die Wirklichkeit nicht verstehen.

Wir haben ein intellektuelles Verständnis von dieser Einheit, aber wir halten Wissen und Fühlen getrennt, und deshalb erleben wir nie diese außergewöhnliche Einheit des Menschen.

31. JanuarSelbsterkenntnis

Beziehungen sind ein Spiegel

Selbsterkenntnis funktioniert nicht nach einem bestimmten Schema. Sie können zu einem Psychologen oder Psychoanalytiker gehen, um etwas über sich selbst herauszufinden, aber das hat nichts mit Selbsterkenntnis zu tun. Selbsterkenntnis kommt zustande, wenn wir uns unserer selbst in Beziehungen bewusst sind, denn sie zeigen uns, was wir von Augenblick zu Augenblick sind. Beziehungen sind ein Spiegel, in dem wir uns sehen können, wie wir wirklich sind. Aber die meisten von uns sind unfähig, sich selbst anzuschauen, wie sie in Beziehungen sind, denn sie fangen dann sofort an, zu verurteilen oder zu begründen, was sie sehen. Wir beurteilen, wir bewerten, wir vergleichen, wir lehnen ab oder sind einverstanden, aber wir beobachten nie wirklich, was ist – das scheint für die meisten die schwierigste Sache der Welt zu sein. Doch das allein ist der Anfang der Selbsterkenntnis. Wenn man in der Lage ist, sich in diesem großartigen Spiegel der Beziehung zu sehen, wie man ist, einem Spiegel, der nichts verzerrt, und wenn man einfach mit voller Aufmerksamkeit in diesen Spiegel schauen und tatsächlich sehen kann, was ist, und sich dessen, ohne zu beurteilen oder zu bewerten, bewusst sein kann – und man tut das, wenn es einem ernst damit ist –, dann wird man herausfinden, dass der Geist fähig ist, sich selbst von jeglicher Konditionierung zu befreien. Und nur dann ist der Geist frei, um das zu entdecken, was jenseits der Ebene des Denkens existiert.

Wie gebildet oder wie kleinkariert der Geist auch sein mag, letztlich ist er bewusst oder unbewusst begrenzt, konditioniert, und jede Ausweitung dieser Konditionierung spielt sich immer noch innerhalb der Ebene des Denkens ab. Freiheit ist also etwas ganz anderes.

Februar

Werden

Glauben

Handeln

Gut und Böse

1. FebruarWerden

Werden ist Uneins sein

Das Leben, wie wir es kennen, unser tägliches Leben, ist ein Prozess des Werdens. Ich bin arm, und ich handle mit einem Ziel vor Augen, nämlich, reich zu werden. Ich bin hässlich, und ich will schön werden. Deshalb ist mein Leben ein Prozess, im Verlauf dessen ich irgendetwas werden will. Der Wille zu sein ist der Wille zu werden, auf verschiedenen Ebenen des Bewusstseins, in verschiedenen Zuständen, in denen es Herausforderungen und Reaktionen gibt, in denen wir benennen und speichern. Aber dieses Werden bedeutet, uneins zu sein, es ist Schmerz, nicht wahr? Es ist ein ständiger Kampf: Ich bin dies, und ich will jenes werden.

Werden2. Februar

Alles Werden ist Spaltung

Der Geist hat eine Vorstellung – vielleicht eine angenehme –, und er möchte dieser Vorstellung entsprechen, die eine Projektion Ihrer Wünsche ist. Sie sind etwas, was Sie nicht mögen, und Sie wollen das werden, was Ihnen gefällt. Das Ideal ist eine eigene Projektion. Das Gegenteil ist eine Erweiterung dessen, was ist, es ist überhaupt kein Gegenteil, sondern eine Fortsetzung dessen, was ist – vielleicht nur ein wenig abgewandelt. Die Projektion ist das Produkt des eigenen Willens, und der Konflikt entsteht durch das Bemühen um Verwirklichung der Projektion … Sie kämpfen darum, etwas zu werden, und dieses Etwas ist ein Teil von Ihnen. Das Ideal ist Ihre eigene Projektion. Sehen Sie, wie der Geist sich selbst einen Streich spielt. Sie kämpfen, rennen Worten, Ihren eigenen Projektionen, Ihrem Schatten hinterher. Sie sind gewalttätig, und Sie kämpfen darum, gewaltlos zu werden – das ist Ihr Ideal. Aber das Ideal ist eine Projektion dessen, was ist – nur unter anderem Namen.

Ist Ihnen erst einmal bewusst, was für einen Streich Sie sich selbst gespielt haben, dann erkennen Sie das Falsche als das Falsche. Das Streben nach Verwirklichung einer Illusion ist die Ursache der inneren Aufspaltung. Jeder Konflikt, jedes Werdenwollen bedeutet Aufspaltung. Ist man sich dieses Tricks bewusst, mit dem sich der Geist zum Narren hält, dann bleibt nur noch das, was ist. Wenn der menschliche Geist des ganzen Werdenwollens, aller Ideale, aller Vergleiche und aller Urteile entkleidet wird und seine ganze ihm eigene Struktur zusammengebrochen ist, dann hat sich das »Was ist« vollkommen gewandelt. Solange das, was ist, noch benannt wird, besteht eine Beziehung zwischen dem Geist und dem, was ist. Wenn aber dieser Vorgang des Benennens unterbleibt – der ja zum Gedächtnis gehört, der Grundstruktur des Geistes –, dann ist das, was ist, nicht existent. Allein diese innere Umwandlung ist die Wiederherstellung der Einheit.

3. FebruarWerden

Kann ein unsensibler Geist empfindsam werden?

Hören Sie der Frage zu, der Bedeutung hinter den Worten. Kann ein unsensibler Geist empfindsam werden? Wenn ich sage, mein Geist ist unsensibel, und versuche, empfindsam zu werden, dann ist bereits der Versuch, empfindsam zu werden, gleichbedeutend mit Gefühllosigkeit. Bitte versuchen Sie, das zu erkennen. Lassen Sie sich nicht beeinflussen, sondern beobachten Sie es. Wenn ich hingegen erkenne, dass ich unsensibel bin, ohne zu versuchen, empfindsam zu werden, wenn ich anfange zu verstehen, was Gefühllosigkeit ist, wenn ich sie täglich in meinem Leben beobachte – meine Gier beim Essen, meine Grobheit gegenüber anderen Menschen, meinen Stolz, meine Arroganz, die Gefühllosigkeit in meinen Angewohnheiten und Gedanken – dann verändert bereits dieses Beobachten das, was ist.

Ebenso ist es, wenn ich dumm bin und sage, ich muss intelligent werden. Das Bemühen, intelligent zu werden, ist nur eine höhere Form der Dummheit, denn worauf es ankommt, ist, die Dummheit zu verstehen. Wie sehr ich mich auch anstrenge, intelligent zu werden, meine Dummheit wird bestehen bleiben. Vielleicht erhalte ich den äußeren Schliff der Bildung, vielleicht kann ich Bücher zitieren oder Passagen großer Autoren wiedergeben, aber im Grunde bin ich immer noch dumm. Sehe und verstehe ich aber meine Dummheit so, wie sie sich in meinem täglichen Leben ausdrückt – wie ich meinen Angestellten behandele, mit welchen Augen ich meinen Nachbarn betrachte, den Armen, den Reichen, den Beamten –, dann genügt bereits dieses Gewahrsein, um die Dummheit aufzulösen.

Werden4. Februar

Gelegenheiten zur Ausweitung des Selbst