Das Buch des Smaragds - Agnes Imhof - E-Book

Das Buch des Smaragds E-Book

Agnes Imhof

0,0
4,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Córdoba, 979: Im Hof der Moschee wird die junge Sklavin Atika Zeugin, wie das legendäre »Buch des Smaragds« als Ketzerwerk verbrannt wird. Seine unheimliche Macht schlägt nicht nur Atika in ihren Bann, sondern auch den düster-faszinierenden Amr und den jungen Aristokraten Safwan. Fieberhaft suchen sie nach der letzten Kopie, um dem rätselhaften Buch sein Geheimnis zu entreißen. Unversehens wird die Jagd nach dem verbotenen Buch nicht nur zu einer Gefahr für Leib und Seele, sondern stellt auch Atikas Liebe auf eine harte Probe ...

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2015

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



PIPER DIGITAL

die eBook-Labels von Piper

Unsere vier Digitallabels bieten Lesestoff für jede Lesestimmung!

Für Leserinnen und Leser, die wissen, was sie wollen.

Mehr unter www.piper.de/piper-digital

Für Uwe

Vollständige E-Book-Ausgabe der im Piper Verlag erschienenen Buchausgabe 2. Auflage 2011

ISBN 978-3-492-98200-9

© für diese Ausgabe: Fahrenheitbooks, ein Imprint der Piper Verlag GmbH, München 2015

© Piper Verlag GmbH, München 2006

Karte: Caromedia, Karlsruhe

Covergestaltung: FAVORITBUERO, München

Covermotiv: unpict / shutterstock.com

Datenkonvertierung: CPI books GmbH, Leck

Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.

Der Smaragd hat eine besondere Eigenschaft, daß nämlich Vipern und sonstige Schlangen, wenn sie ihn ansehen, erblinden.

Ibn ar-Rewandi,

Atlal – Die Lagerspuren

Das Werk des Ketzers

Die Lagerspuren an den Wasserläufen, dort, an den Hängen von Rayan, sind verwischt, wie Schrift auf verwitterten Felsen.

Da kam der Frühlingsregen, den die Sterne bringen, strömte donnernd im Überfluß und wurde dann schwächer.

Und ich hielt an und befragte die Spuren – doch wie könnte ich stummes Gestein befragen, ewige Berge, die keine Worte haben?

Labid ibn Rabi’a

Córdoba, im Jahre des Herrn 979 – im Jahre 368 der Hijra

Arabische Städte waren blau.

Von weitem hoben sich die Häuser kaum vom gewellten Hintergrund der Gebirgskette ab. Nur das Glitzern eines einzelnen Daches, auf das ein letzter, verirrter Sonnenstrahl fiel, hatte auf die Anwesenheit von Menschen schließen lassen. Doch nun beim Näherkommen wurden nach und nach weitere Häuser und der gewaltige Bau der Freitagsmoschee vor dem blau schattierten Band sichtbar. Als wolle es seinen Vorrang vor aller Augen behaupten, überragte das turmartige Minarett am anderen Ufer die übrigen Gebäude. Der eintönige Ruf eines Muezzins wehte über den Fluß zu ihnen herüber.

Sie hatten Córdoba erreicht. Die Stadt, von der so mancher Reisende unterwegs erzählt hatte. Die schönste Stadt der Welt. Der steingewordene Traum aus einem Märchen.

Atika fröstelte. Ihr Mund wurde trocken, ihr Magen war flau und leer, und etwas schien ihr auf die Brust zu drücken und den Atem zu nehmen. Sie schlang die Arme um die angewinkelten Knie und kauerte sich auf dem Teppich zusammen. Eine rotblonde Strähne löste sich aus ihrer Frisur und fiel ihr ins Gesicht. Gab es ein Märchen, in dem Sklavinnen freikommen konnten? In dem sie das Leben zurückbekamen, das sie verloren hatten?

Jariya. Sklavin.

Atika ließ den Blick durch das Innere des Gefährts schweifen. Es war gerade genug Platz darin, daß vier Mädchen und ihre Aufseherin sich auf den Wollteppichen und Kissen ausstrecken konnten. Layla hatte einen ihrer vier dunkelblonden Zöpfe gelöst und flocht eine Kette aus Goldmünzen hinein. Sie bemerkte Atikas Blick und lächelte ihr zu.

Doch Atika wandte sich ab. Ihre Finger krallten sich in den Brokatstoff ihres gegürteten Kittels, der über die weiten Hosen fiel. Im letzten Sonnenlicht schien es ihr, als leuchte die grüne Farbe grell wie das Gewand einer Dirne. Starr blickte sie auf die goldenen Reifen um ihre Hand- und Fußgelenke, als seien es Fesseln. Mochte der Sklavenhändler Yusuf sie auch mit Schmuck behängen wie die Kaiserin höchstpersönlich, er würde sie doch in Córdoba oder Fustat an den Meistbietenden verkaufen wie Vieh.

Jariya. Atika schmeckte ihren Haß bitter auf der Zunge. Bisweilen drohte er sie zu ersticken. Aber wenn es irgend etwas gab, woran sie spürte, daß sie noch am Leben war, dann war es der stumme Haß auf dieses Wort.

»Qurtuba – Córdoba«, sagte Fatima, ihr treuer Schatten. »Wir sind am Ziel. Der Ramadan geht heute zu Ende. Man wird uns mit einem Festmahl empfangen.«

Die Aufseherin schob den Vorhang auf ihrer Seite des Wagens beiseite, um einen Blick nach draußen zu werfen. Layla richtete sich auf und warf ihre Zöpfe auf den Rücken.

Ist es soweit? fragte Atika sich stumm. Wer von uns wird hier verkauft werden, und wer wird noch weiter reisen? Nach Ägypten. Sie kannte den Namen aus der Weihnachtsgeschichte. Doch sie konnte sich nichts darunter vorstellen.

Atika versuchte die Erinnerung an den Morgen in Narbonne beiseite zu schieben. Sie hatte Gertrud leblos auf ihrem Bett gefunden. Neben der Toten, umgestürzt auf dem Boden, ein leerer Becher. Hätte sie es ahnen müssen und die Freundin am Tag zuvor zur Apotheke begleiten sollen? Gertrud würde keinem Käufer mehr das Bett wärmen. Sie hatte friedlich ausgesehen, wie eine heitere Schläferin. Oft hatte Atika seither ihr Gesicht vor sich gesehen. Alle Furcht war daraus gewichen. Wieder und wieder hatte sie sich gefragt, ob Gertrud nicht die bessere Wahl getroffen hatte.

Irgendwo in Aragón, kurz bevor sie das Land der Mauren erreichten, hatte Aischa versucht, zu fliehen. Sie war nicht weit gekommen. Dann hatte Atika zugesehen, wie Yusufs Rute auf das Mädchen niederfuhr, wieder und wieder, zischend, scharf, hatte die Schreie gehört, wenn sie in das wunde Fleisch schnitt. Sie hatte gesehen, wie Aischa sich krümmte und wie Fatima, als es vorbei war, ihre Striemen salbte, damit keine Narben zurückblieben. Immer sah sie Gertruds Gesicht dabei vor sich.

»Córdoba wird euch gefallen«, unterbrach Fatima ihre Gedanken. Die Aufseherin ignorierte Atikas Schweigen, wie sie es schon die ganze Reise über getan hatte. »Wir werden ein Stockwerk im Haus eines Verwandten von Yusufbewohnen. Ihr habt dort mehr Platz als in den engen Schlafsälen der Gasthäuser.«

»Werde ich ein Bett für mich haben?« fragte Amina. Ihre schwarze Haut hob sich von den hellroten Kissen ab. Fatima verzog das Gesicht zu einem breiten Lächeln. »Im Frauenbereich gibt es einen großen Schlafraum, dort sind genug Betten. Yusuf wird mit den Jungen auf der anderen Seite des Hauses wohnen und essen. Und wenn ihr wollt, könnt ihr miteinander auf den Markt gehen oder ins Bad. Ihr seid lange genug mit uns gereist, um zu wissen, wie ihr euch waschen, parfümieren und kleiden müßt.«

Die massige Gestalt Sumayyas lag noch immer eng an Amina geschmiegt. Jetzt aber regte sie sich und öffnete die Augen. Amina schob sie sanft zur Seite, um ihr linkes Bein auszustrecken. Layla warf Atika einen scherzhaften Blick zu. »Ich werde unseren ersten Besuch im Hammam nie vergessen«, sagte sie. »Weißt du noch? Ich glaubte wirklich, die Hölle habe mich verschlungen. Und du hast jeden Augenblick erwartet, Teufel mit Gabeln und Schaufeln aus dem Dampf auftauchen zu sehen. Aber danach fühlte ich mich wie neugeboren.«

Atika erwiderte das kurze Lächeln. Doch ihre Augen lächelten nicht. Sie sah von Layla wieder zu dem schwarzen Gesicht Fatimas, das ebensogut vierzig wie sechzig Jahre alt sein konnte.

»Es gibt berühmte Bibliotheken in Córdoba«, fuhr die Dienerin des Sklavenhändlers fort. Sie bewegte sich lebhaft. »Du hast schneller Lesen und Schreiben gelernt als irgendein anderes Mädchen, Atika. Und im Arabischen hast du rasche Fortschritte gemacht. Yusuf ist stolz auf dich. Er wird dir sicher erlauben, die Bibliotheken zu benutzen.«

»Das wird ihm einen guten Batzen mehr einbringen, nicht wahr?« erwiderte Atika. Sie erschrak über die Kälte ihrer eigenen Worte. Das bin nicht ich, dachte sie. Doch ehe das würgende Gefühl in ihrem Hals sie überwältigen konnte, setzte sie nach: »Eine Luxussklavin, die Arabisch und Latein beherrscht, die im Bett ihres Herrn auch ein wenig Mathematik zum besten geben kann, islamische Theologie und arabische Literatur, Philosophie und Grammatik!«

Layla starrte sie mit großen Augen an. Atika bemerkte den Schatten, der sich auf Fatimas Gesicht legte, und es tat ihr leid, die alte Frau verletzt zu haben. Dennoch bereute sie ihre Worte nicht. Die anderen Mädchen mochten vergessen haben, was geschehen war, und was ihnen noch bevorstand. Atika konnte es nicht. Trotzig setzte sie nach: »Mascha’allah, wir sollten uns glücklich schätzen, in dieser wunderschönen Stadt leben zu dürfen, von der so viele Freie nur träumen können!«

Fatima runzelte die Stirn, doch sie schwieg, Atika biß die Kiefer zusammen, schlang die Arme fester um die Knie und starrte wieder nach draußen. Die drei Wagen des Sklavenhändlers mit ihrer lebenden Warenlast – acht Mädchen und vier Jungen – hatten die Vorstadt durchquert.

Die Sonne war soeben hinter den fernen Bergen verschwunden, und ihre letzten Strahlen erstarben auf den violetten Wellen des Großen Flusses. Wegen der Feierlichkeiten zum Ende des Fastenmonats waren einige Ausfallstraßen gesperrt, und so hatten sie bereits einige Meilen weiter westlich übergesetzt, um sich der Stadt vom bequemeren Südufer aus zu nähern. Seither waren sie am Wasser entlang gereist. Wadi l-Kabir, dachte Atika, Großer Fluß. Aus dem Mund der Einheimischen klang es wie Guadalquivir. Auf der anderen Seite des Flusses schmiegten sich die Häuser dicht aneinander. Sie waren wahrscheinlich weiß. In diesem seltsamen Licht aber, irgendwo zwischen Tag und Nacht, hoben sie sich hellblau von den dunklen Pastelltönen der Landschaft ab.

Dann bemerkte sie die Brücke, die größte, die sie je gesehen hatte. Der gelbe Stein hob sich von den unwirklichen Blautönen des anderen Ufers ab. Gigantische Pfeiler, jeder einzelne so groß wie eines der reetgedeckten Häuser in ihrer Heimat, trugen die Bögen. Einen Augenblick lang überfiel Atika die Hoffnung, wer diese Brücke betrat, würde das andere Ufer vielleicht niemals erreichen. Der Weg hinüber schien unendlich weit, die Stadt dahinter eine Illusion aus Wolken und farbiger Luft. Als gäbe es keine Männer am anderen Ende, die auf der Suche nach neuen Sklavinnen waren.

»Heißt es nicht, die Gläubigen gehen über eine solche Brücke ins Paradies?« fragte Atika unwillkürlich. »Die Rechtschaffenen werden dabei von Engeln gestützt, während die Verdammten hinab in die Hölle stürzen?«

»Sie ist breit genug«, versicherte Fatima lächelnd. Atika bemerkte ihren Blick, der wohlwollend und beinahe mit Zuneigung auf ihr ruhte. Auf einmal schämte sie sich für ihre harten Worte vorhin.

»Sie ist tausend Jahre alt, aber du wirst sehen, sie ist so stabil wie eh und je«, setzte die alte Frau hinzu. Atika wollte etwas erwidern, doch sie brachte keinen Laut über die Lippen. Layla drängte sich auf ihre Seite, um einen Blick auf das Bauwerk zu werfen. Zu ihrer Linken erhoben sich die Umrisse mehrerer Mühlen dunkel und gewaltig über dem Wasser. Irgendwo sang eine Frau.

Atika reckte den Kopf, doch sie konnte nur einige Wäscherinnen unterhalb der Brücke erkennen. Die Frauen hatten ihre Ärmel und weiten Hosen bis zu den Ellbogen und Knien geschürzt. Lachend und miteinander scherzend, warfen sie die Wäsche in ihre Tragkörbe und luden sich schließlich die Last auf die Schultern.

»Das ist das erste Mal, daß du etwas von der Umgebung wahrnimmst«, brach Fatima das Schweigen. »Seit Gertruds Tod hast du dich nur noch im Haus und hinter deinen Büchern versteckt. Es ist ein gutes Zeichen.«

»Gertrud hat ihren Frieden und ihre Freiheit«, erwiderte Atika knapp.

Fatima richtete sich auf. »Ich habe schon viele Sklavinnen betreut, Mädchen. Glaub mir, du bist keine von denen, die das Jenseits vor ihrer Zeit kennenlernen. In dir steckt ein Jagdleopard. Man sagt, sie kämpfen noch, wenn sie längst zu Tode verwundet sind.«

Atika hob fragend die Augenbrauen. Fatima seufzte.

»Ach, ich vergesse, woher du kommst! Wenn wir in Ägypten sind, zeige ich dir einen Jagdleoparden.«

Atika ließ sich langsam zurücksinken und schloß die Augen. Das sanfte Schaukeln brachte sie der Brücke näher und näher, bis die Hufe der Maultiere hell auf den Brückenbögen aufschlugen. Jeder Tritt brachte sie der Welt, die sie erwartete, ein Stück näher. Sie preßte die feuchten Handflächen gegeneinander und bemühte sich, ruhiger zu atmen.

»Verdammter Hurensohn, paß doch auf!«

Mit einem Ruck kam ihr Gefährt zum Stehen. Direkt neben dem Wagen fluchte jemand. Atika setzte sich auf. Als sie mit der Hand über ihr Gesicht rieb, verschmierte sie die schwarzen, mit Kuhl gezogenen Linien um ihre Augen. Layla zog den Vorhang beiseite. Längst hatten sie die Brücke und das Tor am anderen Ende passiert. Sie befanden sich nun auf einer breiten Straße zwischen den beiden großen Gebäuden am anderen Ufer. Rechts vor ihnen erhob sich das weithin sichtbare Minarett der Moschee. Das Gebäude zur Linken mußte der Kalifenpalast sein. Anschwellendes Stimmengewirr drang ins Innere des Wagens wie ein Schwarm gereizter Bienen. Atika sah die Aufseherin fragend an. Die alte Frau warf einen kurzen Blick hinaus, ehe sie nickte. »Warum nicht, heute ist ein Feiertag. Das Id as-Saghir gibt es nur einmal im Jahr. Bleibt aber in der Nähe.« Auf den Gedanken, Yusuf zu fragen, kam Atika nicht einmal. Mit einer schnellen Bewegung sprang sie aus dem Wagen. Layla folgte ihr.

Kaum standen sie auf der Straße, bereute sie ihre Unüberlegtheit. Überall waren Menschen. Nie hatte sie so viele Menschen gesehen, weder in Narbonne noch in Toledo und erst recht nicht an der friesischen Küste, wo sie geboren war. Einzelne Gestalten lösten sich aus der Masse, ein alter Mann, der zu Boden stürzte. Eine Frau, ein dicker, reich gekleideter Kaufmann. Der Geruch von Schweiß, von Kleidung und Parfüm hing in der warmen Luft, mischte sich mit dem von Leder, Abwässern, Gewürzen, Fisch, Qualm. Es nahm Atika beinahe den Atem.

Hinter ihnen waren die anderen Wagen mit den übrigen Sklaven zum Stehen gekommen.

»Was ist los da vorne?« brüllte einer der Kutscher. »Hol euch der Teufel!« Er hob die Peitsche und ließ sie scharf knallen. Atika zuckte zusammen und wandte sich um. Die Menschenmenge hinderte die Maultiere, sich auch nur einen Zoll weiter zu bewegen. Sie schloß sich dichter um die drei Gefährte des Sklaventransports, als wolle sie sie verschlingen. Yusuf entstieg dem hinteren Wagen. Seine Kleidung aus edlem Tuch stach aus der Menge hervor. Atikas Finger krallten sich um das Holz des Wagens. Sie fürchtete, einfach mitgerissen zu werden, in der Masse zu verschwinden. Ihre Augen suchten Layla, blieben an der Mauer hängen, vor der die Wagen zum Stehen gekommen waren. Über ihnen ragte das zweistufige Minarett der Moschee hoch empor. Es war erleuchtet, doch der sanfte Glanz der Laternen wurde überstrahlt von einem seltsamen flackernden Licht. Es ließ an den Mauern sonderbare Schatten tanzen, als versuchten böse Geister, den heiligen Bau zu erobern, als strebten sie hinauf zu der silbernen Lilie, die das Minarett krönte. Die Tore standen weit offen. Atika starrte zum Eingang der Moschee hinüber. Sie löste sich von dem Wagen und ließ sich von der Menge mittreiben. Durch das Tor gelangte sie in einen überdachten, von Lampen erhellten Säulengang, der den Blick ins Innere eines mit Palmen bepflanzten Hofs freigab. In der abendlichen Brise bewegten sich schattenhaft die Palmwedel. Doch ihr Rauschen wurde übertönt von einem knisternden Geräusch. Atika drängte sich durch die Menge hinaus in den Hof, um mehr zu sehen. Rötliche Reflexe flackerten auf den Baumstämmen und dem Marmor des prachtvollen Waschbrunnens in der Mitte des Hofs. Funken stoben auf und schwebten als glühende Punkte in den Abendhimmel. Dort waren mehrere Männer in Rüstung damit beschäftigt, einen soeben entzündeten Haufen zu schüren. Durch eine schmale, von Söldnern freigehaltene Gasse war er gut zu erkennen. Dennoch mußte Atika zweimal hinsehen, um zu begreifen, woraus dieser Haufen bestand.

Es waren Bücher.

Einfache Pergamentrollen, mächtige Folianten mit verzierten Einbänden, deren Goldschrift im Schein der Flammen aufblitzte. Bücher, so hoch und so breit wie der Arm eines Mannes, und daneben kleine Bändchen, die eine Frau bequem um den Hals tragen konnte, Schriftrollen, in Leder gebundene Prachtbände. Der gesamte Stapel barg eine Vielfalt von Büchern, wie sie Atika in ihrem Leben noch nicht gesehen hatte. Was dort lag, mußte den Wert einer ganzen Provinz in ihrer Heimat besitzen.