Das Buch über das Älterwerden - Lucy Pollock - E-Book

Das Buch über das Älterwerden E-Book

Lucy Pollock

0,0
16,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Wir werden immer älter. Doch wie können wir unsere gewonnene Lebenszeit – und die unserer Angehörigen – so glücklich und gut wie möglich gestalten? Antworten gibt die Geriaterin Dr. Lucy Pollock anhand von vielen Beispielen aus ihrem Arbeitsalltag. Voller Mitgefühl und Humor beschreibt sie die Probleme, die ihr während ihres jahrzehntelangen Umgangs mit alten Menschen häufig begegnet sind. Und sie zeigt Lösungswege auf, nach denen wir alle als Angehörige oder mit zunehmendem Alter suchen. Dabei unter-mauert die Autorin die Bedeutung des offenen Gesprächs und macht so den Leser*innen Mut, auch heikle Themen anzusprechen. »Seriös, witzig, zugewandt und kenntnisreich –dieses Buch hilft uns, wichtige Gespräche über das Älterwerden zu führen.« Eastern Daily Press »Dr. Pollock schreibt mit Geist und Einfühlungs-vermögen, was dieses Buch zu einer fesselnden und zum Nachdenken anregenden Lektüre macht.« Sunday Express »Klug, mitfühlend, gut recherchiert und sehr breit gefächert in der Themenauswahl. Ich habe viel gelernt, was mir sowohl als Arzt als auch als Patient helfen wird.« Dr. Phil Hammond

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 458

Veröffentlichungsjahr: 2021

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Alles, was Sie über das Älterwerden wissen müssen.

Wir werden immer älter. Doch wie können wir unsere gewonnene Lebenszeit – und die unserer Angehörigen – so glücklich und gut wie möglich gestalten?

Antworten gibt die Geriaterin Dr.Lucy Pollock anhand von vielen Beispielen aus ihrem Arbeitsalltag. Voller Mitgefühl und Humor beschreibt sie die Probleme, die ihr während ihres jahrzehntelangen Umgangs mit alten Menschen häufig begegnet sind. Und sie zeigt Lösungswege auf, nach denen wir alle als Angehörige oder mit zunehmendem Alter suchen. Dabei untermauert die Autorin die Bedeutung des offenen Gesprächs und macht so den Leser*innen Mut, auch heikle Themen anzusprechen.

© Kelly James

Dr.Lucy Pollock

absolvierte ihre medizinische Ausbildung in Cambridge und arbeitete als Assistenzärztin in East London, bevor sie nach Somerset zog, wo sie seit 2001 als Beraterin tätig ist und sich auf die Betreuung älterer Menschen spezialisiert hat.

Ulrike Becker,

geboren 1959 in Thuine, hat u.a. Texte von Tim Parks, Barbara Gowdy und Julia Rothman ins Deutsche übersetzt.

Dr.Lucy Pollock

Das Buch über das Älterwerden

(für Leute, die nicht darüber sprechen wollen)

Aus dem Englischen von Ulrike Becker

Die englische Originalausgabe erschien 2021 unter dem Titel

›The Book About Getting Older (for people who don’t want to talk about it)‹

bei Michael Joseph, London.

© Copyright Dr.Lucy Pollock 2020

eBook 2021

© 2021 für die deutsche Ausgabe: DuMont Buchverlag, Köln

Alle Rechte vorbehalten

Übersetzung: Ulrike Becker

Lektorat: Kerstin Thorwarth

Umschlaggestaltung: Lübbeke Naumann Thoben, Köln

Umschlagmotive: © denisk0/Gettyimages

Satz: Fagott, Ffm

eBook-Konvertierung: CPI books GmbH, Leck

ISBN eBook 978-3-8321-7090-5

www.dumont-buchverlag.de

VorwortAlt sein

Es ist Ihr Geburtstag. Gerade wollen Sie die Kerzen auf dem Kuchen ausblasen, da wird Ihnen klar, dass Ihre Chancen, auch den nächsten Geburtstag noch zu erleben, zum ersten Mal unter 50Prozent liegen. Wie alt sind Sie, wenn das passiert? Ab welchem Alter ist die Wahrscheinlichkeit, noch ein ganzes Jahr zu leben, kleiner als die, vor Ablauf des neuen Lebensjahres zu sterben?

Wenn ich meinen Medizinstudenten und -studentinnen diese Frage stelle, fangen sie an zu raten. »Siebzig?« (Die Studenten sind noch sehr jung, und ich verneine mit hochgezogenen Augenbrauen.) »Zweiundachtzig«, raten sie, denn das ist die durchschnittliche Lebenserwartung in Großbritannien. Nicht genug, gebe ich zu verstehen. Die genannte Zahl wurde anhand von offiziellen Zensus-Daten als Durchschnittswert für Männer und Frauen ermittelt. Formulieren wir die Frage anders: Wenn wir eine Gruppe 90-Jähriger vor uns haben, erwarten wir dann, dass die Hälfte von ihnen ein Jahr später verstorben sein wird? Die Studierenden runzeln die Stirn und raten weiter, aber keiner von ihnen kommt auf die richtige Antwort.

Sie lautet: 104.

Eines späten Abends im Jahr 1995 hatte ich in einem Londoner Krankenhaus gerade nach Mrs.Mildmay gesehen. Ich war die diensthabende Assistenzärztin. Mrs.Mildmay war Anfang der Woche mit starkem Husten und zunehmender Verwirrtheit eingeliefert worden. Trotz Tropf und Antibiotika-Behandlung sank ihr Blutdruck immer weiter. Ihre Nieren versagten allmählich, und die Sauerstoffsättigung ihres Blutes wollte einfach nicht mehr steigen. Mit Ende 80 litt sie unter Demenz; seit dem Tod ihres Mannes einige Jahre zuvor lebte sie allein.

Ich sprach mit ihrem Sohn John.

»Es tut mir sehr leid … Sie scheint keine Schmerzen zu haben, und ich glaube, sie ist innerlich ruhig, aber es sieht nicht so aus, als würde die Behandlung anschlagen. Sie hat eine schwere Lungenentzündung, und ich fürchte, wir werden sie verlieren.«

Er wirkte erschüttert. Ich legte eine Hand auf seinen Arm. Mit gesenktem Kopf und krummen Schultern saß er da.

»Entschuldigen Sie, Frau Doktor. Es ist nur – na ja, Dad ist an Herzversagen und Diabetes gestorben. Und jetzt hat Mom Demenz und Lungenentzündung. Wenn es natürliche Ursachen wären, käme ich ja damit klar, aber diese vielen Krankheiten machen mich einfach fertig.«

Damals konnte ich mir ein Lächeln nicht verkneifen. Was glaubte John denn, woran die Leute sterben? Was sollte denn eine »natürliche Todesursache« sein, wenn nicht eine Lungenentzündung oder Herzversagen? Erst nachdem ich 25 weitere Jahre mit der Behandlung sehr alter Menschen und der Betreuung ihrer Angehörigen verbracht hatte, begriff ich, was John gemeint hatte.

In Großbritannien werden die Menschen sehr alt: Wir sind gegen vieles geimpft, ernähren uns gut, haben sauberes Wasser und können ohne Krieg und Gewalt leben. Wir sind also den Plagen, die unsere Vorfahren vorzeitig aus dem Leben rissen, nicht ausgesetzt. Das spezielle Alter von 104, mit dem ich die Aufmerksamkeit meiner Medizinstudent*innen erregen möchte, ist durchaus real – auch wenn es sich bei der Rechnung letztendlich um einen statistischen Trick handelt (es bedeutet nicht, dass die Hälfte aller Menschen 104Jahre alt wird, das schaffen nur wenige). Dennoch erinnert es uns daran, dass wir tatsächlich mit einem ziemlich langen Leben rechnen dürfen. Nur vier von 100Menschen, die ihren 80. Geburtstag feiern, sterben, bevor sie 81 werden. Im Jahr 2018 starben die meisten britischen Frauen im Alter von 89Jahren; bei den Männern lag das häufigste Sterbealter bei 86.

Ein Anstieg der Lebenserwartung ist für Gesundheitsexpert*innen ein Anlass zur Freude, denn diese Zahlen sagen auch etwas darüber aus, wie es generell um die Gesundheit in unserem Land bestellt ist. Wir dürften kaum erwarten, dass immer mehr Menschen älter als 90 werden, wenn wir nicht Fortschritte bei der Verbesserung der Gesundheit der 60-Jährigen erzielt hätten und in der Lage wären, für das Wohlergehen unserer 80-Jährigen zu sorgen. Vor einigen Jahren setzte sich die britische Regierung ein Ziel: Die Lebenserwartung in Südwestengland sollte die höchste aller vergleichbar großen Regionen in Europa werden – und 2013 hatten wir dieses Ziel erreicht.

Doch wenn ich meinen Freundinnen und Freunden, vor allem den älteren unter ihnen, diese Zahlen nenne, sehen sie nicht besonders erfreut aus. Sie runzeln die Stirn, wirken besorgt. Meine Freundin Vivienne, 81 und bei bester Gesundheit, fragt: »Warum sollte ich hundert werden wollen? Das klingt gruselig.« Der Gedanke an ein sehr hohes Alter wird oft von einem Schauder der Angst begleitet. Mögliche Schmerzen, Einsamkeit und vor allem der Verlust der Eigenständigkeit stehen als Schreckgespenster im Raum, wenn wir über das Altwerden reden.

Die Grenzen unserer Lebenserwartung haben sich verschoben. Als ich 1990 als frischgebackene Ärztin anfing, gab es unter meinen Krankenhauspatient*innen keine 100-Jährigen. Sie waren selten, lebten in Pflegeheimen, wurden dort gefeiert und starben auch dort. Einige Jahre später wurde ab und zu eine 100-jährige Dame von einem eifrigen Hausarzt bei uns eingewiesen, doch diese Damen verstarben unweigerlich im Krankenhaus. Nach der Jahrtausendwende kamen dann schon mehr. Manche wohnten noch zu Hause, und einigen von ihnen erging es besser als ihren Altersgenossinnen ein paar Jahre zuvor: Sie überlebten den Krankenhausaufenthalt, erholten sich in der Regel aber nicht gut genug, um wieder nach Hause zurückkehren zu können, und mussten in ein Pflegeheim umziehen.

Doch die Grenzen verschieben sich weiter. Im letzten Winter wurde Dora nach einem Sturz als Patientin bei uns eingeliefert. Sie blieb für einige Tage, um eine Infektion auszukurieren, und kehrte dann mit 108 in ihren Bungalow zurück. Samuel und Mrs.Wilkins, 104 und 103Jahre alt, konnten unsere Station ebenfalls nach einem kurzen Aufenthalt wieder verlassen und heimfahren. Laut der Wohltätigkeitsorganisation Age UK, die ältere Menschen in Großbritannien unterstützt, sind die Senior*innen in unserem Land »quicklebendig und robust«. Es gibt großartige 90-Jährige, die noch ausgesprochen produktiv sind oder ein zufriedenes, besinnliches Leben führen. Viele ältere Leute werden geliebt und von engagierten Partner*innen und Verwandten unterstützt oder leben in Pflegeheimen, wo, wie die Tochter eines Patienten über das Pflegeteam im Heim ihres Vaters sagte, »die Mitarbeiter wie Engel sind – sie fliegen förmlich zu ihm, wenn er etwas braucht«. Alte Menschen, deren Überleben im Alltag uns fast unmöglich vorkommen mag, bewerten die eigene Lebensqualität oft viel höher, als jüngere Unbeteiligte vermuten würden.

Doch wir müssen auch ehrlich sein: Altsein ist kein Zuckerschlecken. Senior*innen werden vermehrt mit schwierigen und traurigen Dingen konfrontiert, und viele dieser Menschen sind nicht glücklich. Ihre Angehörigen und Pflegekräfte sind oft erschöpft, besorgt und wütend. Sehr alt zu sein, war schon immer eine Herausforderung – auch zu der Zeit, als »sehr alt« noch 70 bedeutete. Doch etwas hat sich verändert. Im Laufe der Jahre hat sich die Medizin erheblich weiterentwickelt, vor allem hinsichtlich der Behandlung der Haupttodesursachen wie Herzinfarkt oder Krebs. Die Lungenentzündung, die der Mediziner William Osler vor einem Jahrhundert noch als »Kapitän der Todbringenden« bezeichnete, lässt sich bis auf besonders schwere Fälle heute erfolgreich eindämmen. Zu unserer Schande müssen wir uns jedoch eingestehen, dass wir etwa bezüglich der Leiden, die zu Behinderungen führen, nicht so große Fortschritte erzielt haben. Das betrifft aber auch die ganz normale Arthrose und Rückenschmerzen, hartnäckigen Juckreiz und lästige Beingeschwüre, peinliche Inkontinenz, wiederkehrende, scheinbar unbedeutende Infektionen, die ein jüngerer Mensch achselzuckend hinnehmen würde, die ältere Patient*innen aber völlig aus der Bahn werfen können, Erschöpfungszustände, Stürze und die Angst vor Stürzen. Und natürlich das große D – die erbarmungslos voranschreitende Demenz.

In ganz Europa errechnen offizielle Stellen nicht nur die generelle Lebenserwartung, sondern auch die »Lebenserwartung bei guter Gesundheit« oder etwas Entsprechendes, um festzustellen, bis zu welchem Alter wir ein unabhängiges und von einschränkenden Gebrechen freies Leben erwarten können. In vielen Ländern, so auch in Großbritannien, hat sich die erwartbare ›gebrechensfreie‹ Lebenszeit verlängert. Der Anstieg ist jedoch nicht so deutlich wie der der allgemeinen Lebenserwartung. Das führt dazu, dass wir nun länger mit einschränkenden Gebrechen leben.

Tatsächlich lassen die Zahlen das Bild womöglich rosiger erscheinen, als es ist. Eine Behinderung oder Gebrechlichkeit wird üblicherweise daran gemessen, inwieweit jemand bestimmte Alltagstätigkeiten nicht mehr ohne Hilfe ausführen kann, und zwei wichtige technische Innovationen des späten 20.Jahrhunderts haben unsere Fähigkeit, notwendige Dinge zu erledigen und ein selbstständiges Leben zu führen, grundlegend verbessert. Diese Innovationen sind gar nicht mal besonders glamourös, denn es handelt sich dabei um die Dusche und die Mikrowelle, aber es leuchtet sofort ein, dass man durch sie leichter allein zurechtkommt. Nun leben also mehr Menschen für längere Zeit mit Gebrechen; zudem gelten mehr Menschen, die früher als »gebrechlich« oder »behindert« bezeichnet worden wären, heute als »nicht beeinträchtigt«. Doch wie wir es auch drehen und wenden: Das Leben im Alter scheint für viele Menschen schwieriger geworden zu sein. Tödliche Erkrankungen zu verringern, bedeutet zugleich, mit Leiden, die das Leben erschweren, umgehen zu müssen.

Seit fast 30Jahren lerne ich nun schon von sehr alten Menschen. Alle Geriater*innen werden gefragt: »Finden Sie das nicht deprimierend?« Man sagt uns: »Ihren Job könnte ich nicht machen.« Aber ich liebe meine Arbeit. Ich habe sie vom ersten Augenblick an geliebt, schon damals, als ein einfühlsamer Facharzt zu mir sagte, er hoffe, ich nähme es ihm nicht übel, aber er denke, ich sollte mich auf die Altersheilkunde spezialisieren. Ich wusste gleich, dass er recht hatte, denn alte Leute sind interessant. Sie sind auch langweilig und fröhlich und missmutig. Sie sind heiter und reizbar. Sie sind witzig und mürrisch, egoistisch und großzügig, unbeschwert und nervös. Sie sind fordernd und dankbar. Sie haben warmherzige, glückliche Angehörige und schreckliche, wütende Angehörige und gar keine Angehörigen. Sie haben Katzen und Hunde, Vögel und Pferde, Freundinnen und Freunde, Partnerinnen und Partner, Modelleisenbahnen und Häuser auf Menorca. Sie haben früher Landkarten gezeichnet, in Kriegen gekämpft und Böden gewischt, Ruinen ausgegraben, Mülltonnen geleert und Kinder erzogen. Alte Menschen haben komplizierte Beschwerden, multiple Krankheiten und nehmen oft eine ganze Palette von Medikamenten ein, die miteinander konkurrieren; sie haben seltsame Blutwerte und auffällige Röntgenbilder, die manchmal eine Rolle spielen und manchmal auch nicht. Daher ist es eine echte Herausforderung, als Arzt oder Ärztin die richtige Behandlung für sie zu finden. Und sie alle haben ganz individuelle Erwartungen, Hoffnungen und Ängste; manche sind willens und in der Lage, mir diese zu vermitteln, andere nicht. Sehr alte Leute sind extrem verletzlich, und es kann sehr schnell passieren, dass man ihre Lage verschlimmert, statt sie zu verbessern. Warum um alles in der Welt sollte man also nicht Geriater*in werden wollen?

Zum Glück haben immer mehr Ärztinnen und Ärzte Lust, sich an diese komplizierte Aufgabe heranzuwagen. Zu Beginn meiner Karriere hörte ich den Pionieren der Geriatrie zu, die gegen Altersdiskriminierung kämpften und eine wissenschaftliche Grundlage für unsere Arbeit schufen. In letzter Zeit erlebe ich immer öfter voller Freude, wie angehende Ärztinnen und Ärzte erkennen, was die Senior*innen so unwiderstehlich macht, und ich sehe, wie meine eigene Station wächst und gedeiht.

Was fasziniert diese jungen Leute, die noch keine 30 sind, so daran, dass sie sich für eine derartige Spezialisierung entscheiden? In meinen Augen, und ich vermute, das gilt auch für viele von ihnen, war und ist es die Kombination aus komplexer Wissenschaft und Menschlichkeit, die so anziehend ist. Wir beschäftigen uns gerne mit der Frage, was ein bestimmtes Blutbild bedeuten könnte, und interessieren uns für die Forschung, die hinter einer Medikationsempfehlung steckt – aber zugleich hören wir auch liebend gern etwas über das Enkelkind oder den Bauernhof oder den guten Ehemann, der leider schon verstorben ist. Eine sehr nette Kollegin, Lindsey, hat mir vor Jahren einmal gesagt: »Man muss echt neugierig sein, wenn man eine gute Geriaterin werden will.« Wir nehmen es in unserem Beruf mit allem sehr genau (»Wie niedrig ist sein Natriumspiegel genau? Liegt er nur minimal unterhalb der Norm, oder reicht die Abweichung, um die Symptome zu erklären?«); wir versuchen, gute Detektive zu sein (»Wann hat die neuerdings verwirrte Patientin mit der Einnahme dieses Medikaments begonnen, das zu den dreizehn anderen, die sie einnimmt, noch hinzugekommen ist?«). Wir freuen uns, wenn wir das Gefühl haben, das ganze Bild im Blick zu haben (»Mir ist klar geworden, dass Mr.Hardy erst eine Entscheidung treffen wird, wenn die Sportsendung im Fernsehen vorbei ist«), und wir empören uns mit Vergnügen im Namen unserer Patient*innen (»Man kann ihr doch die Angioplastie nicht verweigern, bloß weil sie dreiundneunzig ist!«).

Neben den Mediziner*innen, die sich für die Behandlung sehr alter Menschen interessieren, gibt es noch eine ganze Bandbreite anderer Fachkräfte – aus den Bereichen Krankenpflege, Physio- und Ergotherapie, Sozialarbeit und Heimpflege, Pharmazie und Wissenschaft generell –, und sie alle haben es sich zur Aufgabe gemacht, das Leben im Alter angenehmer zu gestalten. Ich begegne zum Glück immer wieder Therapeut*innen, die treffsicher erahnen können, welche unausgesprochene Angst meinen Patienten davon abhält, den nächsten Schritt zu tun, und Pflegeheim-Mitarbeiter*innen, die am Tag der Beerdigung Rosenblütenblätter in dem leeren Zimmer der verstorbenen Bewohnerin ausstreuen. Ich habe gelernt, wie man die Wissenschaft nutzt und wie man Menschen, die ein Dutzend Krankheiten auf einmal haben, ärztlich behandelt, und ich weiß so einiges über die manchmal bizarren Wechselwirkungen von Medikamenten. Auch Unerwartetes habe ich erlebt: dass Menschen mit Parkinson nicht nur ein leicht verändertes Geruchsempfinden haben, sondern auch ein bisschen anders riechen, und dass eine Kartoffel unter dem Kopfkissen gegen Krämpfe helfen kann (oder auch nicht). Ich habe gesehen, wie sich der Mental Capacity Act, das britische »Patientenverfügungsgesetz«, auswirkt, wenn eine Person an so schwerer Demenz leidet, dass sie sich an rein gar nichts erinnern kann – außer daran, dass sie niemals, nie und nimmer, freiwillig in ein Pflegeheim ziehen wird. Und ich habe Menschen getroffen, die sich mit großer Hingabe, Zärtlichkeit und Liebe um ihre Partnerinnen und Partner, ihre Eltern und sogar um wildfremde Leute kümmern.

Ich habe gelernt, dass wir uns oft vor notwendigen Gesprächen drücken und dass alles besser wird, wenn wir uns dazu überwinden, diese Gespräche doch zu führen. Vor allem aber habe ich die Erfahrung gemacht, dass wir nicht genug darüber reden, wie es ist, alt zu sein, und ich hoffe, dieses Buch kann dabei helfen, das zu ändern.

Wir alle werden älter. Der sprunghafte Anstieg der Langlebigkeit innerhalb der letzten 100Jahre bietet uns nie da gewesene Vorteile – bessere Gesundheit, größere Selbstständigkeit, mehr Zeit auf diesem einzigartigen Planeten. Dennoch fühlt es sich manchmal so an, als hätten sich die Dinge zu schnell entwickelt: Wir sind von dieser fundamentalen Veränderung der Zeitspanne eines Menschenlebens überfordert. Noch sind wir uns nicht darüber im Klaren, was wir mit unserem neuen langen Leben eigentlich anfangen wollen, oder darüber, wie wir eine faire Gesellschaft erschaffen können, die allen alten Menschen die besten Chancen auf Wohlergehen und Erfüllung bieten kann. Wir haben noch nicht einmal die richtigen Worte gefunden: The elderly (dt. »die Alten«) als Sammelbegriff wurde bereits ausgemustert, obwohl man in Amerika elderhood (etwa »das Alter«) akzeptabel findet.1

Der achtsame Umgang mit Sprache ist enorm wichtig; so können Wörter wie »gebrechlich« leicht falsche Stereotype verstärken. Zugleich müssen wir aber die Herausforderungen anerkennen, vor denen diejenigen stehen, die es tatsächlich sind. In meinem eigenen Berufsverband, der British Geriatrics Society, denkt man alle paar Jahre erneut über den eigenen Namen nach, denn man schämt sich wegen der negativen Konnotationen des Begriffs »Geriatrie« und ist zugleich stolz auf diese Spezialisierung, diese inklusive, multiprofessionelle Disziplin, die verlangt, dass wir nicht nur auf medizinische Fakten, sondern auf die Gesamtgestalt und die Bedeutung eines Menschenlebens achten.

Dieses Buch richtet sich an all jene, die mit einigen der Probleme meiner Patientinnen und Patienten leben und umgehen müssen. Es ist ein Buch für alte Menschen und für diejenigen, die diese Menschen lieben – ein Buch für uns alle, die wir, wenn wir Glück haben, ein hohes Alter erreichen werden. Es handelt von dem, was ich von sachkundigen, liebenswürdigen Kolleginnen und Kollegen, von meinen einzigartigen Patient*innen und deren Angehörigen gelernt habe: davon, wie man heikle Fragen stellt, wie man mit den Antworten umgeht und was zu tun ist, wenn es hart auf hart kommt. Es enthält all das, was ich über das Altsein gelernt habe.

Als ich eines Morgens zur Arbeit fuhr, sprach ein Gärtner im Radio über eine neue Raupenart, die es auf Jungpflanzen abgesehen hatte. Ich hörte das Lächeln in seiner Stimme, als er sagte: »Sie wissen ja, wo Leben ist, da sind auch Probleme.« Ich mag Probleme. Also gehen wir sie an.

Kapitel 1Die großen Fragen

Irene und ich unterhalten uns über ihre Behandlung – oder vielmehr: Ich rede, und Irene nickt höflich, stimmt meinem Plan zur Therapie ihrer Atemwegsinfektion zu, damit sie möglichst bald das Bett verlassen und nach Hause zurückkehren kann. Sie hat seit einigen Tagen Husten und ist sehr schwach. Am Abend zuvor haben ihre Beine »einfach nachgegeben«, als sie in die Küche gehen wollte, um das Abendessen zu machen, und sie ist zu Boden gesunken. Auch ihr Herz ist nicht ganz in Ordnung. Wenn sie nicht täglich zwei Wassertabletten einnimmt, wird sie kurzatmig, und ihre Knöchel schwellen an. Sie hat mir erzählt, dass sie immer müde sei. »Also … das klingt albern, aber ich gucke die leere Butterdose an und überlege: Habe ich genug Kraft, um sie abzuwaschen, oder soll ich das neue Stück Butter einfach so reinlegen?« Auch zuvor ist sie schon ein paarmal gestürzt. Im letzten Jahr hat sie sich die Hüfte gebrochen, bloß weil sie am Griff ihres Gefrierschranks gezogen hat. Die Tür ging mit einem Ruck auf, und Irene fiel nach hinten.

»Morgen müsste es Ihnen schon wieder besser gehen«, sage ich. Irene schaut mich kurz an und sieht dann aus dem Fenster. Ich habe ein schlechtes Gewissen wegen der Äußerung. Die Floskel mag ja stimmen, aber sie bedeutet nicht, dass Irene sich je wieder richtig gut fühlen wird, und sie weiß das. Ihre Herzinsuffizienz wird bereits auf bestmögliche Weise therapiert, aber ich habe keine Pille parat, die ihr die alte Vitalität zurückgeben könnte.

»Es tut mir leid. Vermutlich fühlen Sie sich ein bisschen niedergeschlagen«, sage ich und schiebe meine Hand unter ihre. Die Kanüle, durch die das Antibiotikum in ihre Venen fließt, baumelt bedenklich auf ihrem Handrücken, und ihre dünne Haut hat dunkelblaue Flecken. Aber ihre Fingernägel sind sorgfältig lackiert, ihre locker auf den knochigen Fingern sitzenden Ehe- und Verlobungsringe glänzen. Ihr Haar ist frisch frisiert und silbern getönt.

»Mrs.Walton, Irene, darf ich Sie mal etwas fragen?« Sie wendet sich mir zu, runzelt leicht die Stirn und nickt.

Also fahre ich fort. »Kommt es manchmal vor, dass Sie abends ins Bett gehen und sich wünschen, am Morgen nicht mehr aufzuwachen?«

Irenes Gesicht verzieht sich zu einem breiten Lächeln. Sie schaut mir direkt in die Augen.

»Ja, genau so fühle ich mich!«

Wir sind an einem Punkt der Menschheitsgeschichte angekommen, an dem immer mehr Leute ein sehr hohes Alter erreichen. Aber wir wissen eigentlich gar nicht, wie man es bewältigt, so alt zu sein, und wie wir am besten mit diesen alten Menschen umgehen und uns um sie kümmern sollen. Wir wissen nicht, wie wir die großen Probleme der Gebrechlichkeit handhaben sollen. Das ist kein Thema, mit dem wir uns lange befassen möchten, und wenn die Umstände uns dazu zwingen, über das Leben im hohen Alter nachzudenken, oder wenn jemand, den wir lieben, sehr alt ist, dann sind wir oft ratlos. Unzählige Fragen überrollen uns wie Wellen eine felsige Bucht, und oft fällt es uns schwer, offen darüber zu reden. Ist es erlaubt, diese Fragen zu stellen? Dürfen wir sie überhaupt denken?

Dieses Buch behandelt die großen Fragen, die sich aus der erhöhten Lebenserwartung ergeben. Es benennt diese Fragen, zeigt Möglichkeiten auf, wie man sie stellen kann, und bietet ein paar Antworten an. Es beleuchtet auch, warum die Beantwortung dieser Fragen oft so schwierig ist und warum das Leben sehr viel besser werden kann, wenn wir es schaffen, die Hürden, die uns beim Sprechen über diese Themen im Weg stehen, zu überwinden.

Irene und ich fangen nun an, uns richtig zu unterhalten. Ich erkundige mich, wie lange sie sich schon so fühle, wie lange sie sich schon wünsche, sie könnte einfach die Augen schließen und verschwinden.

»Ach, seit etwa sechs Jahren. Seit mein Mann tot ist.«

»Sie waren wohl sehr lange verheiratet?«

»Neunundfünfzig Jahre lang.« Sie lächelt stolz.

»Bestimmt vermissen Sie ihn sehr. War er ein netter Kerl?«

»Oh, er war der Beste!«

Wir sprechen darüber, wie sie ihn kennengelernt hat, bei einer Tanzveranstaltung kurz nach dem Krieg. Sie erzählt mir von ihren Reisen, als er noch bei der Navy war, und von seiner liebenswürdigen Art. Ich frage Irene, was sie zum Lächeln bringe. Sie freut sich, wenn sie ihre Töchter sieht, die in der Nähe wohnen und an den meisten Tagen kurz vorbeischauen, und wenn ab und an ihr Sohn aus Kent zu ihr kommt, und auch die Besuche von ihrem Enkel und seiner Verlobten machen ihr viel Freude. Sie schläft gut (»fast schon zu gut, oft auch noch den halben Tag lang«), und sie isst genug. Jeden Abend um halb sieben gönnt sie sich ein Gläschen Sherry. Irene ist sich absolut sicher, dass sie nicht depressiv ist. »Ich habe nur einfach genug. Ich hatte ein schönes Leben, und jetzt bin ich müde. Ich möchte bei Tom sein.«

Ich frage, ob sie, wenn es eine Tablette gäbe, die einfach allem ein Ende setzte, diese nehmen würde.

»Aber nein«, antwortet sie, entrüstet über so einen Gedanken. »Das würde ich nicht tun, meine Familie wäre erschüttert, und außerdem wäre es nicht richtig. Nein, ich kann warten, bis meine Zeit gekommen ist. Aber … na ja … wenn ich abends ins Bett gehe, dann schicke ich all meinen Kindern einen Kuss und hoffe, dass ich einfach … Sie wissen schon.« Sie wedelt mit den Händen.

Unser Gespräch ist jetzt viel entspannter. Wir haben eine der großen Fragen aus dem Weg geräumt – es fühlt sich so an, als hätten wir diese Frage wie ein Päckchen aus Irenes Reisetasche gezogen, sie ausgewickelt und auf die Bettdecke zwischen uns gelegt, wo wir sie beide sehen können. Jetzt können wir uns darüber unterhalten, ob Irene sich tatsächlich erholen wird und wieder nach Hause kann. Ich glaube, dass das möglich ist, und wir werden alles daransetzen, das zu erreichen. Heute Nachmittag hat sie einen Termin bei der Physiotherapeutin. Aber bei einem 92-jährigen Menschen kann man nie wissen, ob eine Behandlung anschlägt oder nicht. Wir besprechen, was wir tun sollen, wenn ihr Zustand sich verschlechtert, und halten fest, dass sie auf keinen Fall auf die Intensivstation verlegt werden möchte. Gemeinsam beschließen wir, abzuwarten, wie die Antibiotika-Infusionen wirken. Wenn es ihr dadurch besser geht, dann ist das gut, und wir machen damit weiter, aber wenn nicht, dann brechen wir die Maßnahmen ab, die sie am Leben halten sollen. Das bedeute, erkläre ich ihr, dass sich ihr Zustand in dem Fall nicht mehr verbessern werde; stattdessen werde sie dann von Tag zu Tag länger schlafen, irgendwann allmählich aufhören zu atmen und sterben.

Sind die großen Fragen erst einmal gestellt (von denen eine lautet: »Möchten Sie überhaupt noch weiterleben?«, was man aber auch etwas sensibler formulieren kann – dazu komme ich noch), kann der Rest des Gesprächs ehrlicher verlaufen. Irenes Sorgen, die sie nun offenbaren kann, betreffen das, was für sie von Bedeutung ist, was die Zukunft für sie bereithält; sie muss wissen, wie viel Kontrolle sie über diese Zukunft haben kann. Es ist wichtig, Irene die Gelegenheit zu geben, über solche Dinge zu sprechen. Wenn sie und ich dieses Gespräch jetzt nicht führen und ihr Zustand sich verschlechtert, dann könnten Entscheidungen getroffen werden, die nicht ihren Wünschen entsprechen.

Cathy, eine von Irenes Töchtern, kommt zu Besuch, als ich gerade gehen will.

»Sind Sie einverstanden, dass ich Cathy erkläre, was wir eben besprochen haben?«, frage ich. Irene nickt, und ich berichte von unserem Beschluss.

»Das überrascht mich nicht«, sagt Cathy, die einen flauschigen rosa Pullover trägt und ein liebenswürdiges Gesicht hat. Sie sieht aus wie ihre Mutter: die hellen Augen und die Fältchen, die vom Lächeln statt vom Stirnrunzeln kommen. Cathy tätschelt Irenes Hand.

»Du wärst Dad am liebsten schon gleich nach seinem Tod gefolgt, stimmt’s, Mum? Wir alle haben dafür Verständnis.«

Ich bin froh, dass Cathy jetzt weiß, was ihre Mutter sich wünscht. Irene ist zwar eindeutig in ausreichend guter Verfassung, um diese Entscheidung selbst zu treffen, und rechtlich gesehen ist es nicht nötig, ihre Angehörigen über unser Gespräch zu informieren, aber falls es ihr bald so schlecht gehen sollte, dass sie nicht mehr sprechen kann oder verwirrt ist (was jederzeit passieren kann, denn selbst das lebhafteste alte Gehirn ist anfällig), dann würden Cathy und die anderen Verwandten gebeten, mitzuentscheiden, welche Art der Behandlung Irene wollen würde: eine Ernährung per Magensonde zum Beispiel oder künstliche Beatmung. Gut möglich, dass Cathy in der Lage wäre, Irenes Wünsche zu erahnen, auch ohne mit ihrer Mutter darüber gesprochen zu haben, aber höchstwahrscheinlich hätte sie das Gefühl, für die Entscheidung, ob die Behandlung fortgesetzt oder abgebrochen werden soll, verantwortlich zu sein. So vorsichtig die Ärztinnen und Ärzte es auch formulieren, Cathy könnte in eine Situation geraten, in der ihre Worte den Ausschlag zu geben scheinen, ob ihre Mutter lebt oder stirbt. Aus Erfahrung weiß ich, dass solche Gespräche nie vergessen werden und das Gewissen oft schwer belasten. Indem wir diese Fragen frühzeitig offen ansprechen, kann das vermieden werden. Und dabei geht es nicht nur um das Ende, das Sterben, es geht auch um die Probleme, die noch während des Lebens im Alter auftreten.

Dies sind einige der wichtigen, meist unausgesprochenen Fragen: Woran erkenne ich, dass jemand dement wird? Woran erkenne ich, dass ich selbst dement werde? Wie kann ich entscheiden, ob ich eine bestimmte Operation vornehmen lassen will oder nicht? Lohnt es sich, diese Tabletten zu nehmen? Was passiert, wenn meine Mutter ihre Medikamente nicht einnimmt? Muss ich in ein Heim, und wenn ja, wird es dort schrecklich sein? Sollte meine Mutter lieber ins Heim ziehen, und wenn sie es nicht tut, muss ich mich dann schuldig fühlen, wenn sie die Treppe hinunterfällt und sich das Becken bricht? Werden die Ärztinnen und Ärzte auch wirklich alles tun, um meinen Vater am Leben zu halten? Oder werden sie zu viel tun? Bin ich tatsächlich noch in der Lage, sicher Auto zu fahren? Welche Wörter soll ich verwenden, wenn ich mit einer Krankenschwester über Dads … Intimbereich spreche? Wie frage ich einen Arzt oder eine Ärztin, ob es möglich wäre, die Lungenentzündung meines Mannes nicht zu behandeln? Wenn ich diese Frage stelle, werden die Leute dann denken, dass ich ihn nicht liebe? Was bedeutet der hippokratische Eid eigentlich genau? Dürfen Mediziner*innen jemanden nicht behandeln, oder gilt das schon als Sterbehilfe? Wie spreche ich mit anderen über meine Angst vor dem Sterben? Oder: Ist es okay, dass ich mir wünsche, tot zu sein? Und noch schwieriger: Ist es in Ordnung, zu sagen, dass ich mir den Tod eines Menschen wünsche, den ich wirklich liebe? Darf ich überhaupt so empfinden?

Oft trauen wir uns nicht, solche Fragen zu stellen. Sie werden zu Sorgen, weil wir nicht ehrlich darüber sprechen können. Sorgen, die meine 89-jährige Tante nachts wach liegen lassen. Sorgen, die einer Tochter im Kopf herumgehen, wenn sie morgens zur Arbeit fährt, oder die ein älterer Ehemann nicht mit seiner Frau teilen kann. Sorgen, die sich ein Sohn macht, wenn er ein Geschäft im Ausland leiten muss, während seine Mutter in einer Einrichtung für betreutes Wohnen im Heimatort lebt. Und jede einzelne dieser Fragen erzeugt weitere Fragen, die wir stellen und über die wir mit anderen reden sollten. Es gibt so viele davon. Darf ich zugeben, dass ich alte Menschen abstoßend finde? Dass mir der Gedanke an Inkontinenz unerträglich ist? Wie erkläre ich jemandem, irgendwem, dass mein geliebter Mann, mit dem ich seit 60Jahren verheiratet bin, mit den jungen Krankenschwestern über Sex spricht? Sämtliche Fragen, die Ihnen in den Sinn kommen, selbst die, die Sie womöglich für unaussprechlich halten, sind Fragen, die auch anderen schon auf der Seele gebrannt haben und die gestellt werden müssen.

Einer meiner Lieblingscartoons zeigt einen riesigen Elefanten, der verdrossen in einem Gerichtssaal auf der Anklagebank sitzt. Er wird von einem Anwalt in die Mangel genommen: »Wenn Sie die ganze Zeit über im Raum waren, warum gibt es dann keinen einzigen Zeugen, der Ihre Anwesenheit bestätigt?« Während wir alle die neue, ungewohnte Welt des hohen Alters erkunden, trampeln in jedem Zimmer ganze Herden von Elefanten herum, und wir müssen Wege finden, über sie zu reden. Welche Hürden halten uns davon ab, die allerwichtigsten Fragen zu stellen?

An einem Sommertag vor etlichen Jahren – ich hatte gerade die Kinder von der Schule abgeholt, sie waren noch klein und saßen verschwitzt und klebrig auf der Rückbank – hielten wir auf dem Heimweg in einem Dorf an einer roten Ampel, und ich sah, wie uns eine alte Frau auf dem Bürgersteig entgegenkam. Sie ging sehr langsam und stützte sich dabei auf ein Gehgestell. Ihr Körper war zugleich nach vorne und zur Seite gebeugt, ihre linke Schulter hing so tief, dass sie beinahe die Gehhilfe berührte, an der ein kleiner Beutel mit Einkäufen baumelte. Die Frau trug einen Filzhut, der ihr Gesicht beschattete, aber als sie näher kam, sah ich, wie sich ihre Augen jedes Mal schlossen, bevor sie ihre Gehhilfe anhob. Langsames Blinzeln … Gestell anheben … Gestell absetzen … vorwärtsschlurfen … dann wieder von vorne. An einer Leine hüpfte ein kleiner, dreibeiniger Terrier fröhlich hinter ihr her und beschnüffelte die köstlichen Gerüche an der Hauswand und am Bordstein. Als die gebückte alte Frau nah am Auto war, kam vom Rücksitz ein mitleidiger Ausruf: »Guck mal, Mummy! Das arme Hündchen!«

Ein Teil des Problems besteht darin, dass wir oft so tun, als wären alte Leute unsichtbar und als würden wir ihre Stimmen nicht hören. Für dieses Nicht-sehen- und Nicht-hören-Wollen gibt es im Wesentlichen drei Gründe. Die ersten beiden lauten: Vorurteile und Angst – sie hängen miteinander zusammen. Der dritte Grund ist der schwerwiegendste, aber zu ihm kommen wir später.

Schaffen wir erst einmal die Vorurteile aus dem Weg. Sie begleiten uns scheinbar schon ewig: Die hässlichen bösen Hexen aus Grimms Märchen oder aus der griechischen Mythologie sind leicht zu erkennen. Unausstehliche alte Männer – dumm, gierig oder beides – tauchen überall auf, von der römischen Farce bis zu den Romanen von Charles Dickens. Shakespeare ist auch nicht gerade nett zu den Alten. Vielleicht sind es noch nicht mal Vorurteile: Dichter und Dramatiker spotten schon seit Urzeiten über menschliche Eigenschaften und schütten gleichermaßen Hohn und Spott über die nichtsnutzige Jugend, die erdrückende Mutter und den grotesken Tyrannen aus. Doch wenn wir ehrlich ins Herz unserer Gesellschaft blickten, dann müssten wir wohl doch zugeben, dass wir alte Leute tatsächlich als Belastung empfinden.

Das geschieht schon auf nationaler Ebene: Ökonomen, Politiker und Journalisten sprechen von der »Last« des Altwerdens, der »demografischen Zeitbombe« und den »ökonomisch Inaktiven«, die die Staatskasse plündern, statt sie zu füllen. Eine Regierung nach der anderen hat das Thema einer angemessenen Finanzierung der Altersfürsorge vor sich hergeschoben, und mit jedem Aufschub verstärkt sich unser Eindruck, das Problem sei schlichtweg nicht zu bewältigen. Unsere Mittelstufenschüler werden im Geografieunterricht nicht gefragt: »Was ist begrüßenswert am Anstieg der Lebenserwartung?«, sondern: »Wie können wir mit einer immer älter werdenden Bevölkerung umgehen?« Es wird kaum auf das Positive geschaut, wie etwa auf die ökonomischen Vorteile, die dadurch entstehen, dass Großeltern sich um die Enkelkinder kümmern, wodurch die erwerbstätigen Eltern mehr leisten können. Vorteilhaft auch das unbeschwerte Konsumverhalten der Rentner*innen. Die ehrenamtliche Arbeit – in Wohltätigkeitsläden, im örtlichen Geschichtsverein, in der Müllsammel-Gruppe. Die Erfahrung, Weisheit und Liebe, die ältere Verwandte weitergeben können, vor allem in auseinandergebrochenen Familien. Die reine Freude, mehr Lebensjahre in Rente genießen zu können, endlich vom Achtstundentag befreit selbst über seine Zeit verfügen zu können. Das alles sind eher Gründe zum Feiern als zum Händeringen. Auf nationaler Ebene sollten wir also auf unsere Langlebigkeit stolz sein!

Auch auf der individuellen Ebene gibt es zahlreiche Vorurteile. Oft sind wir unsicher im Umgang mit sehr alten Leuten. Sie sind anders als wir, und keinem gefällt solche Verschiedenartigkeit. Wir mögen keine Menschen, die seltsame Sachen sagen oder womöglich ein bisschen wirr im Kopf sind, denn wir fühlen uns in ihrer Gegenwart unbeholfen oder sind peinlich berührt. Vielleicht fürchten wir, alte Leute könnten Rassisten oder Sexisten sein – und manche sind das ja auch. Zuweilen verwenden Ältere ganz ungeniert Wörter und Ausdrücke, bei denen wir uns innerlich winden. Ihnen ist meist gar nicht klar, dass diese Wörter Ansichten ausdrücken, die sie eigentlich gar nicht teilen: Mein eigener Stiefvater, der in der British Navy für die Rechte schwuler Männer eingetreten ist und dafür geworben hat, dass auch Frauen auf See dienen dürfen, spricht begeistert von der »Tuntentasche«, in der er sein Portemonnaie und sein Tagebuch mit sich herumträgt. Und alte Leute fahren langsam! Sie brauchen an der Supermarktkasse ewig, um ihr Kleingeld abzuzählen! Sie bleiben stundenlang auf der Toilette, während draußen die Schlange immer länger wird! Und sehr viele von ihnen haben für den Brexit gestimmt!

Natürlich lauern die Vorurteile auch auf der anderen Seite der Alterslücke im Gebüsch. Die Jungen verfügen über Vitalität, Energie und Wachheit, die für die ganz Alten nie mehr erreichbar sein werden. Ein neidischer Unterton schwingt in gängigen Floskeln mit: »Meine Tochter hat immer so viel zu tun«; »Unsere Nachbarn sind andauernd unterwegs«. Die Jüngeren haben ständig ihre Handys am Ohr. Sie kleiden sich nicht ordentlich, die Jungs haben lange Haare und die Mädchen kurze, und sie überlegen hin und her, ob sie vielleicht schwul oder lesbisch sind, was natürlich keine Rolle spielen würde, wenn sie sich nur endlich entscheiden könnten. Und sie hängen herum, nuscheln und benutzen furchtbare Ausdrücke, und nie schauen sie einem in die Augen. Sie schreiben keine Dankesbriefe, sie können nicht kochen, und sie gehen nicht in die Kirche.

Kein Wunder, dass wir ein paar Kommunikationsprobleme haben.

Die nächste Hürde, die offenen Gesprächen im Wege steht, ist die Angst. Auch die begegnet uns im Großen wie im Kleinen. Landesweit betrachtet herrscht die Angst, dass die kostenintensive Betreuung der Alten unser wirtschaftliches Verderben oder zumindest unseren politischen Untergang bedeuten könnte. Regierungen fürchten stets die heftigen Reaktionen derer, die sich ungerecht behandelt fühlen, ganz egal, welche Maßnahmen sie im Bereich der Sozialfürsorge auch vorschlagen: Politikerköpfe werden rollen, Wählerstimmen verloren gehen, und Parteien werden ihrer Macht beraubt. Da ist es besser, die Ergebnisse von Studien bezüglich der Finanzierung von Pflege- und Sozialleistungen unter Verschluss zu halten und jegliche Beschlüsse auf die lange Bank zu schieben.

In unseren persönlichen Beziehungen ist die Angst häufig unterschwellig mit von der Partie. Mit alten Menschen zusammen zu sein, bedeutet oft, sich mit körperlichen Problemen auseinandersetzen zu müssen, über die wir lieber nicht nachdenken möchten. Wir müssen den Anblick borstiger Nasenhaare oder eines stoppelbärtigen Kinns ertragen, Socken über knotige Füße ziehen und Einmalhandschuhe kaufen. Ich erinnere mich voller Scham an das erste Mal, als ich während meiner Studienzeit einem sehr alten Mann in den Mund schaute. Der Anblick ließ mich sichtlich zurückzucken, und ehrlich gesagt habe ich dabei auch einen kleinen Würgelaut ausgestoßen.

Dreißig Jahre später fuhr ich meine Tochter zur Schule, die gerade für eine Biologieprüfung zum mittleren Schulabschluss lernte, aber schon ganz genau wusste, dass sie auf keinen Fall Ärztin werden wollte. Sie blickte von ihren Testfragen auf dem Handy hoch.

»Mum, auf welchem Weg werden die Schadstoffe aus der Niere abtransportiert, über den Harnleiter oder über die Harnröhre?«

Ich liebe diese Art von Fragen und stieg begeistert ein.

»Okay, Schatz, das ist der Harnleiter. Aber die Harnröhre ist auch sehr interessant, denn bei Frauen ist sie sozusagen eine Fehlkonstruktion, weshalb wir so leicht Blasenentzündungen bekommen. Die Harnröhre ist bei uns zu kurz, und so können leicht Bakterien in die Blase gelangen. Deshalb muss man immer genug trinken und beim Pinkeln darauf achten, dass man es sorgfältig zu Ende bringt. Und man sollte sich den Po immer von vorne nach hinten abwischen, nicht umgekehrt. Aber egal. Wie kannst du dir für die Prüfung am besten merken, was was ist? Vielleicht so: Es gibt nur eine Harnröhre, aber zwei Harnleiter, je einen für jede Niere. Für zwei Nieren brauchen wir zwei Abflüsse – und das ›-ei‹ in ›zw-ei‹ steckt auch in den ›Harnl-ei-tern‹. Meinst du, das hilft dir?«

Meine liebe Tochter starrte aus dem Beifahrerfenster.

»Ist ja ekelhaft«, murmelte sie. »Lieber sterbe ich, als mir so was zu merken.«

Ich bin mittlerweile abgehärtet, was körperliche Unvollkommenheiten betrifft, aber viele sind das nicht und werden es auch nie sein. Einige fühlen sich gleich unwohl, sobald von den Funktionen des menschlichen Körpers die Rede ist. Solche unbehaglichen Empfindungen beeinflussen nicht nur die Haltung Jüngerer gegenüber alten Menschen, sondern auch die Selbstwahrnehmung der Alten. Die Abscheu gegen die Auseinandersetzung mit unschönen biologischen Details schwindet nicht unbedingt mit zunehmendem Alter. Die Mutter meiner Freundin Margaret bemerkte neulich düster über ihr soziales Umfeld: »Unsere Teekränzchen fangen mittlerweile immer mit dem Chor der Klageweiber an: Alle jammern erst mal ausführlich über ihre neuesten Beschwerden. Nicht gerade mein Lieblingsthema.«

Um über ein paar der Probleme im hohen Alter zu reden, müssen wir uns mit körperlichen Gebrechen beschäftigen, die uns abstoßen, und für zahlreiche Menschen gehört dazu eine große Portion Mut.

Und natürlich haben viele auch Angst vor der Zukunft, die für die sehr Alten gleichbedeutend mit dem Tod ist. Für manche ist das eine Horrorvorstellung: der Blick in den Abgrund. Bei anderen, wie zum Beispiel bei meiner lieben Tante, überwiegt die Furcht vor dem Verlust der Selbstständigkeit. »Im Moment geht es mir gut«, sagt sie, »und ich habe keine Angst vor dem, was nach dem Tod kommt. Aber die Grauzone dazwischen macht mir Sorgen …« Sie schaudert.

Ich stand im Pub »Jonny O’s« im Westen Irlands an der Bar und beklagte mich bei Maureen, der Wirtin. Meine Mutter hatte mich angerufen, um zu fragen, wann wir aus dem Urlaub zurückkommen würden, damit die Kinder ihre Online-Bestellung für die neue Seniorenbahncard erledigen könnten, ich in ihrem aktuellen Streit mit der Royal Albert Hall den Schiedsrichter spielen und mein Mann eine reflektierende Wandplatte entwerfen und anfertigen könnte, die hinter einem ihrer Heizkörper angebracht werden sollte, damit mehr Hitze in ihre ohnehin schon viel zu warme Küche gelangen würde. Das alles erzählte ich Maureen, die gerade mit einem Geschirrtuch ein Glas polierte und daraufhin ruhig zu mir sagte: »Also meine Kinder sagen immer zu mir: ›Mutter, du solltest nicht schlecht von Oma reden – du wirst bestimmt mal genau wie sie.‹«

Jetzt mal langsam, Maureen! Sie kennen meine Mutter nicht! Doch ihre Worte – vielmehr die Worte ihrer Kinder – sind mir im Gedächtnis geblieben. Ich denke über meine Mutter nach, über das, was ich an ihr liebe, und das, was ich an ihr überhaupt nicht liebe. Ich erkenne Muster, die uns beide prägen, die von einer auf die andere übergehen, und diese Erkenntnis ist nicht angenehm. Unsere Eltern und Großeltern schauen uns an, und ihre Gesichter sagen: »Hier bin ich, deine Zukunft.« Das kann uns durchaus Angst machen.

Als ich einen älteren Kollegen von mir, Sammy, einmal fragte, wie wir Leute dazu ermuntern könnten, über die großen Fragen des Alterns zu sprechen, reagierte er besorgt.

»Ich glaube kaum, dass Geriater etwas dazu beitragen können«, sagte er. »Das wäre zu …« Er verstummte.

»Zu – was?«, bohrte ich nach.

Sammy ist ein wunderbarer Arzt. Seine Fähigkeit, Gespräche über sensible Themen zu führen, nach denen sich die Menschen besser fühlen, ist unübertroffen. Warum glaubte er, dass wir nicht zu einer Bewegung beitragen sollten, die Offenheit propagieren und den Menschen helfen könnte, mit diesen wichtigen Problemen klarzukommen? Sammy schaute mich zweifelnd an. »Ich glaube … die Leute würden annehmen, wir wollten sie ermutigen, aufzugeben. Es könnte dazu führen, dass sie das Vertrauen zu uns verlieren. Sie könnten denken, dass wir nicht mehr auf ihrer Seite sind.«

Sammys Sichtweise bestürzte mich. Geriater*innen führen fast täglich Gespräche mit Patient*innen und deren Familien. Seit beinah 30Jahren genieße ich das Privileg, an wertvollen, intimen Diskussionen über das, worauf es letztendlich am meisten ankommt, teilzunehmen, und war auf diese Weise mit Tausenden von alten Menschen und ihren nahen Angehörigen in Kontakt. Was spricht dagegen, mit anderen zu teilen, was Sammy und ich gelernt haben?

Damals wurde mir klar, dass es eine giftige Mischung aus Angst und Vorurteilen ist, die Gespräche zum Erliegen bringt. Wir sprechen nicht über wichtige Themen, weil wir Angst haben, dass uns die Leute für voreingenommen oder egoistisch halten könnten. Eine liebevolle Ehefrau traut sich vielleicht nicht, mit ihren erwachsenen Kindern über die Möglichkeit zu sprechen, deren Vater in einem Heim unterzubringen, weil sie fürchtet, die Kinder könnten denken, sie wolle sich nur die Mühe und Last der Pflege ersparen. Sammy fürchtet, eine Aufforderung der Geriater*innen, für den Ernstfall vorzusorgen und eine Patientenverfügung zu erstellen, könnte als Wunsch interpretiert werden, unsere Notfallstationen zu entlasten. Wir alle befürchten, wenn wir über die Probleme des Alterns reden, könnte man uns ›durchschauen‹ und in unserem Innersten gierige, gemeine Wesenszüge zu entdecken meinen. Vorurteile und Angst bringen uns dazu, uns vor wichtigen Gesprächen zu drücken, und die Angst, für voreingenommen gehalten zu werden, führt oft dazu, dass wir die großen Fragen gar nicht erst ansprechen. Aber wir müssen einen Weg finden, es dennoch zu tun. Aus Erfahrung weiß ich, dass diese Fragen, wenn sie unter Verschluss gehalten werden, uns unglücklich machen und Beklemmung und Wut auslösen können. Ein offener Umgang mit ihnen kann dagegen Beruhigung und neue Zuversicht hervorrufen.

Wir müssen ehrlich sein. Ich werde auf den folgenden Seiten ausführen, wie wir ermitteln, was behandelbar ist; ich werde vom Überleben und von Genesung sprechen sowie über die praktischen Dinge, die man tun kann, um im hohen Alter zufriedener zu leben. Aber ich werde auch Entscheidungen thematisieren, eine Behandlung nicht fortzuführen, Medikamente abzusetzen, und das Erkennen von Vergeblichkeit ansprechen. Ich werde die Gesetzeslage erläutern und über die ethischen Grundsätze, die uns leiten, sprechen sowie darüber, wie ältere Menschen und ihre Angehörigen die richtigen Worte finden können, um offen mit dem medizinischen Personal über ihre Sorgen und Hoffnungen zu reden. Ich werde erklären, wie wir als Gesellschaft zusammenarbeiten können, um in Zukunft Handlungen, die zurzeit von Stress, Not und Angst geprägt sind, zu vermeiden und sie durch soziale Strukturen zu ersetzen, die Empathie, Einfallsreichtum, Kraft und Fairness in den Vordergrund stellen.

Auch mit meinen eigenen Vorurteilen muss ich mich immer wieder auseinandersetzen.

Es war mal wieder ein hoffnungslos hektischer Tag im Krankenhaus gewesen, und die Nacht versprach ebenso schrecklich zu werden: Wir Assistenzärzt*innen schoben 24-Stunden-Schichten; wir nahmen die Anrufe der Kolleg*innen aus Hausarztpraxen und aus der Notaufnahme entgegen, die Hilfe bei der Beurteilung von Patient*innen brauchten, und kümmerten uns gleichzeitig um die bereits Eingewiesenen: eine vermutete Meningitis; ein Schlaganfall; ein sinnloser Wiederbelebungsversuch bei einem Drogensüchtigen im mittleren Alter, der eindeutig seit Stunden tot war; Leute, die gestürzt waren; Leute mit Atemnot und Brustschmerzen, deren Ursache eine Verstopfung oder aber ein lebensbedrohliches Aortenaneurysma sein konnte. Um 21Uhr waren keine Betten mehr frei, und die Patient*innen wurden auf fahrbaren Liegen in der Notaufnahme zwischengelagert. Mein Piepser tönte seit Stunden ununterbrochen, und ich nahm einen weiteren Anruf entgegen. Ein Hausarzt rief aus einem Pflegeheim an, um uns eine junge Frau anzukündigen, eine 19-Jährige mit verstopfter PEG-Sonde.

»Sie leidet an einer schweren Zerebralparese, kann sich nicht verständlich machen, ist doppelt inkontinent, braucht Vollpflege. Schluckstörung, kann nicht trinken, hat seit vierundzwanzig Stunden nichts durch die Sonde aufgenommen. Tut mir leid, sie ist unterwegs.«

Ich beendete das Gespräch und lehnte mich an eine der Betonsäulen, die allen Krankenbetten, die auf die Station gerollt wurden, im Weg standen. Meine Gedanken kreisten um ein einziges elendes Thema: Wozu das alles? Wozu? Warum verschwende ich meine Zeit damit, jemanden am Leben zu erhalten, dessen Lebensqualität so … scheiße ist? Der Pieper meldete sich erneut, und ich vergaß die junge Frau.

Stunden später erreichte mich ein Anruf aus der Notaufnahme. »Ihr PEG-Mädchen ist da.« Ich stapfte von der Station nach unten und schob den Vorhang der Kabine zur Seite. Sie saß aufrecht auf der fahrbaren Liege. Spindeldürre, gekrümmte schwarze Gliedmaßen, die an ein zerfleddertes Krähennest erinnerten. Ein winziger Oberkörper, nicht größer als der eines sechsjährigen Kindes. Und der Kopf – ihr Gesicht! Ein Grinsen, so breit wie das Meer, die braunen Augen leuchteten vor Freude.

In jenem Augenblick habe ich mir geschworen, nie wieder die Lebensqualität eines Menschen (sein Leben, sein Recht auf Leben) auf der Grundlage dessen zu beurteilen, was ich über seine intellektuellen oder körperlichen Funktionen zu wissen glaube. Und eben auch nicht auf der Grundlage seines Alters.

Im Laufe der Jahre habe ich immer wieder erlebt, wie leicht es uns fällt – Mediziner*innen, Pfleger*innen, Angehörigen, mir selbst –, voreilige Schlüsse im Hinblick auf die Zufriedenheit eines Menschen, seine Hoffnungen und Wünsche zu ziehen. Vorurteile gibt es zweifellos – wir müssen sie also bei uns selbst erkennen und ohne Scheu zugeben. Erst dann können wir unser Bestes tun und wirklich ehrliche Gespräche führen, in denen uns die Patient*innen sagen – oder zeigen –, was ihnen wichtig ist.

Die Gespräche zwischen sehr alten Menschen und denen, die sie lieben, und die sozialen Strukturen, die bestimmen, wie wir als Gesellschaft mit alten Leuten umgehen, werden also durch Barrieren aus Vorurteilen und Angst eingeschränkt und behindert. Doch wenn wir diese Barrieren erkennen, können wir sie auch überwinden. Später werde ich ein paar Wege aufzeigen, wie das gelingen kann. Aber es gibt noch ein drittes, riesengroßes Hindernis, vielleicht das größte von den dreien.

George war sehr krank. Er war aus einem Pflegeheim hergeschickt worden, in dem er seit ein paar Jahren lebte. Das dortige Pflegepersonal hatte einen Bericht über seine Behandlung und seine Medikamente geschickt: ein dreiseitiger Computerausdruck, elf verschiedene Arzneimittel, die ihm zu vier verschiedenen Tageszeiten verabreicht wurden. Sein Blutdruck sank trotz der Tropfinfusionen, die er bekam; seine Finger waren blau, seine Nase eiskalt. Er hatte starke Antibiotika eingenommen und bekam eine High-Flow-Sauerstofftherapie. Ich rief die Nummer der nächsten Angehörigen an: Georges Tochter Nina ging ans Telefon. Ich beschrieb ihr, wie schlecht es George ging und was wir bisher getan hatten.

»Ich wünschte, ich wäre bei ihm«, sagte sie und erklärte, sie sei gerade zu Besuch bei ihrer Tochter und dem neugeborenen ersten Enkelkind, meilenweit weg in Lancashire.

»Machen Sie sich keine Vorwürfe, Nina, ich glaube, er bekommt gar nichts mit, und er hat keine Schmerzen. Ich möchte nur sichergehen, dass wir in seinem Sinne handeln. Ähm … ehrlich gesagt glaube ich, dass seine Aussichten, sich noch einmal zu erholen, sehr gering sind, ganz egal, was wir machen, denn er ist schwer krank, und ich frage mich, ob er wollen würde, dass wir alles versuchen, oder ob es ihm lieber wäre, wenn wir uns darauf konzentrierten, dass er sich möglichst wohlfühlt.«

Ich hörte, wie Nina nach einem Taschentuch kramte. Sie putzte sich die Nase und sagte: »Wissen Sie, ich glaube, er hat das kommen sehen. Ich habe ihn letzte Woche besucht, und es schien ihm gut zu gehen, also im Bereich des Möglichen jedenfalls, und wir haben über dies und das geplaudert, so wie immer, und dann hat er plötzlich gesagt …« Nina hielt inne und schwieg für ein paar Sekunden, ehe sie fortfuhr: »Er sagte: ›Nina, du bist jetzt erwachsen‹ … Und ich merkte, wie schwer es ihm fiel, das zu sagen, denn über solche Sachen sprechen wir sonst nie, aber dann sagte er: ›Ich denke, du kommst gut allein zurecht‹, und er sagte, er glaube, seine Zeit sei gekommen, und das sei auch in Ordnung, er sei bereit zu gehen.«

Nina und ich redeten noch ein bisschen weiter. Nachdem sie aufgelegt hatte, blieb ich kurz mit dem Telefon in der Hand sitzen. Eilish, die Pflegerin, die sich um George kümmerte, kam aus seinem Zimmer. Ich erzählte ihr, was er zu Nina gesagt hatte: »Du bist jetzt erwachsen.« Eilish stieg das Blut ins Gesicht, sie blinzelte und fächelte sich mit dem Medikamentenblatt, das sie in der Hand hielt, Luft zu.

»O weh … entschuldige …« Eilish atmete langsam aus. »Wie lieb von ihm …«

Ach, George, du bist ein Held. Du hast es genau richtig gemacht. Du hast die große Hürde überwunden, die uns davon abhält, über die wichtigsten Dinge zu sprechen: die Hürde der Liebe. Wie sollen wir mit unseren geliebten Kindern darüber reden, dass wir sie verlassen werden? Gespräche über Demenz, körperliche Entwürdigung, unheilbare Krankheiten, Trennungen: Damit kommen wir auf der abstrakten Ebene vielleicht zurecht, wenn es um andere geht, aber wenn es um die geht, die wir lieben – unsere Freundinnen und Freunde, Ehemänner und Ehefrauen, Eltern und Kinder –, dann sind wir hilflos. Gerade die Menschen, mit denen wir reden müssen, sind diejenigen, bei denen wir nicht mal den Anfang für ein solches Gespräch finden. Das müssen wir ändern – und das können wir auch. Wir dürfen nicht weiterhin denken: Darüber kann ich nicht sprechen, weil ich dich liebe. Stattdessen müssen wir sagen: »Gerade weil ich dich liebe, werden wir jetzt darüber sprechen.«

Kapitel 2Die ›Quadratur der Kurve‹ – extrem fit bis ins hohe Alter

Ich zeichne für die drei Medizinstudenten ein Diagramm. Es stellt den Verlauf eines typischen Lebens dar. Die linke, senkrechte Achse zeigt den Grad der Selbstständigkeit, die untere, waagerechte das Alter. Ich fange mit einem Strich an, der relativ steil ansteigt.

»Das hier sind meine drei Kinder im Teenageralter«, erkläre ich, während ich den Strich zeichne, »die gerade lernen, wie man Auto fährt und wie man mit Geld umgeht und sein Leben selbst in die Hand nimmt.« (Jedenfalls in einem gewissen Maß: Neulich habe ich zufällig einen Textnachrichtenaustausch zwischen meinem Mann und unserem Sohn mitbekommen, der gerade zum Studieren ausgezogen ist.

Dad schrieb: »Hast du Mum eine Geburtstagskarte geschickt?« Sohn: »Mach ich heute.« Stundenlange Pause, dann noch mal der Sohn: »Wie schickt man eigentlich eine Karte? Ich meine, wo gibt’s Briefmarken und so?«)

Zurück zum Diagramm.

»Die meisten Leute wünschen sich ein hundertprozentig selbstständiges Leben – und dass sie immer gesund und munter bleiben …« Während des Sprechens zeichne ich eine horizontale Linie: »… gesund und munter, gesund und munter, gesund und munter – dann tot.«

Ich lasse den Strich vertikal abfallen und füge ein kleines Kreuz hinzu, um den Tod anzuzeigen.

»Früher, ehe es Impfstoffe, Antibiotika und gute Chirurgie gab, verlief das Leben meistens so. Das Problem war, dass der Tod plötzlich eintreten konnte, vielleicht im Alter von zwei Jahren durch Diphtherie oder mit fünfzehn durch Typhus oder mit dreiundzwanzig durch den Einsturz einer Zinnmine.« Ich zeichne mehrere vertikale Linien.

»Wir sind immer besser darin geworden, solche Todesfälle zu vermeiden, und die Lebenserwartung hat sich auf der unteren Achse immer weiter nach rechts verschoben. Trotzdem kam das Ende für lange Zeit dann doch relativ schnell – bis gegen Ende des zwanzigsten Jahrhunderts große Fortschritte in der Chirurgie und der Chemotherapie gemacht wurden. Davor lebte man nicht mehr lange mit einer Krebserkrankung oder mit Nierenversagen, ehe die Dialyse erfunden wurde, oder nach einem Herzinfarkt, bevor es blutverdünnende Mittel gab und die Ärzte mit Stents und Ballonkathetern reinste Wunder vollbringen konnten.«

Die Studierenden nicken. Ich zeichne ein neues Diagramm auf die nächste Seite.

»Heutzutage sieht der Verlauf eines Lebens eher so aus.« Ich lasse die horizontale Linie für »100%ige Selbstständigkeit« wellenförmig nach unten verlaufen. »Dies ist ein Handgelenksbruch, hier eine gebrochene Hüfte.« Ich zeichne zwei kleine Knicke ein. »Ein Schlaganfall« – ein kurzer steiler Abfall –, »dann Arthritis, Herzinsuffizienz und Demenz. An dieser Stelle ist man vielleicht schon in ein Pflegeheim umgezogen …«, die Kurve ist jetzt fast unten angekommen und schlingert weiter, bis sie schließlich die waagerechte Achse trifft, »… und dies ist das Ende.«

Ich zeige auf die untere rechte Ecke des Diagramms, wo die Selbstständigkeit gering und das Alter hoch ist.

»Hier kann es schwer werden. Das wird es nicht zwangsläufig für jeden, und auch in diesem Lebensabschnitt kann man noch glücklich sein; wir können daher nicht beurteilen, was sich ein einzelner Mensch in dieser Phase wünscht, ohne ihn zu fragen. Doch viele Gebrechen zu haben und von anderen abhängig zu sein, das möchten die meisten Menschen nicht. Im Allgemeinen sind wir uns also darüber einig, dass es wenig Sinn ergibt, die Lebenserwartung der gesamten Bevölkerung zu erhöhen, wenn diese hinzugewonnenen Jahre in hoher Abhängigkeit oder in Vollzeitpflege verbracht werden müssen. Wir können die Lebenserwartung leider nicht einfach dadurch erhöhen, dass wir zwei Jahre länger einundzwanzig sind.«

Die Studierenden wirken zufrieden. Es ist schön, 21 zu sein.

Ich gebe ihnen eine Aufgabe.

»Die Frage ist also: Wie bekommen wir die ›Quadratur der Kurve‹ hin? Wie können wir die Gebrechlichkeit vermeiden und den Graphen lange auf dem Niveau von ›hundertprozentig gesund und munter‹ halten, also dafür sorgen, dass wir fit und unabhängig bleiben, bis wir sehr alt sind?«

Das ist das Prinzip der »komprimierten Morbidität« (mit »Mortalität« ist die Sterberate gemeint, mit »Morbidität« dagegen die der Erkrankungen oder Gebrechen). Es beschäftigt Ärzt*innen im öffentlichen Gesundheitssystem und auch Regierungen schon seit einiger Zeit. Was können wir tun, um die schlimmsten Beschwerden so lange wie möglich hinauszuzögern, bis kurz vor Ende unseres Lebens?

Die Studierenden sind super, aber jetzt wissen sie nicht genau, was ich von ihnen will. Ich helfe ihnen ein bisschen auf die Sprünge: Wie könnten wir zum Beispiel Beckenbrüche im Alter vermeiden? Nach ein paar zögerlichen Vorschlägen wie dem, Medikamente gegen Osteoporose zu verschreiben, die ich mit dem Hinweis, das sei zu wenig und komme dann zu spät, verwerfe, sprechen wir darüber, was tatsächlich wirken kann: in jungen Jahren anfangen! Um im Alter starke Knochen zu haben, muss man diese Knochen in der Kindheit und Jugend so gut wie möglich aufbauen. Indem man möglichst viel herumrennt und -springt. Oder indem man im Alter von 14 bis 19Jahren, wenn der Hauptteil der Knochenmasse aufgebaut wird, Ballspiele spielt. (Das ist einer der Gründe, warum es schon fast kriminell war, dass man in den 1980er-Jahren so viele neue Gebäude in Städten auf dem Gelände von schulischen Sportflächen errichtet hat.) Später können wir unsere Knochen so stark wie möglich erhalten, indem wir aktiv bleiben, nicht rauchen, genug Kalzium zu uns nehmen und für eine ausreichende Zufuhr von Vitamin D sorgen, etwa dadurch, dass wir regelmäßig ein paar Stunden mit hochgekrempelten Ärmeln in der Sonne verbringen. Osteoporose-Medikamente können helfen, aber es ist eindeutig besser, sich von Anfang an um starke Knochen zu bemühen.