Das CIA-Komplott - Will Jordan - E-Book

Das CIA-Komplott E-Book

Will Jordan

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Beschreibung

Er ist auf der Flucht vor der CIA – doch nun schlägt er zurück!

Ein längst vergangener Einsatz in Afghanistan holt den stellvertretenden CIA-Direktor Marcus Cain ein. Um den Schaden zu begrenzen, muss er selbst wieder aktiv werden. Doch der ehemalige CIA-Operator Ryan Drake erfährt, dass Cain seine sichere Zentrale im CIA-Hauptquartier verlässt – und er hat noch eine Rechnung mit ihm offen! Während Cain über Leichen geht, um seine Taten zu verbergen, versammelt Drake sein altes Team um sich. Sie haben nur wenig Zeit, denn sobald Cain seine Arbeit abgeschlossen hat, wird er unangreifbar sein …

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Buch

Ein längst vergangener Einsatz in Afghanistan holt den stellvertretenden CIA-Direktor Marcus Cain ein. Um den Schaden zu begrenzen, muss er selbst wieder aktiv werden. Doch der ehemalige CIA-Operator Ryan Drake erfährt, dass Cain seine sichere Zentrale im CIA-Hauptquartier verlässt – und er hat noch eine Rechnung mit ihm offen! Während Cain über Leichen geht, um seine Taten zu verbergen, versammelt Drake sein altes Team um sich. Sie haben nur wenig Zeit, denn sobald Cain seine Arbeit abgeschlossen hat, wird er unangreifbar sein. Allerdings ist Marcus Cain dem Team von Ryan Drake immer einen Schritt voraus – denn er hat bei seinem Gegner einen Verräter eingeschleust.

Autor

Will Jordan lebt mit seiner Familie in Fife in der Nähe von Edinburgh. Er hat einen Universitätsabschluss als Informatiker. Wenn er nicht schreibt, klettert er gerne, boxt oder liest. Außerdem interessiert er sich sehr für Militärgeschichte.

Weitere Informationen unter: www.willjordanbooks.co.uk

Die Ryan-Drake-Romane bei Blanvalet:

1. Mission: Vendetta

2. Der Absturz

3. Gegenschlag

4. Operation Blacklist

5. Codewort Tripolis

6. Das CIA-Komplott

7. Kommando Black Site

8. Projekt Pegasus

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WILL JORDAN

DAS

CIA-KOMPLOTT

Thriller

Aus dem Englischen

von Wolfgang Thon

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.
Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.
Die Originalausgabe erschien 2016 unter dem Titel »Ghost Target« bei Canelo, London.
Copyright der Originalausgabe © 2016 by Will Jordan Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2018 by Blanvalet in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München Redaktion: Rainer Michael Rahn Umschlaggestaltung: © Johannes Frick unter Verwendung von Motiven von iStock.com (© Rockfinder) und Shutterstock.com (© CREATISTA, © Getmilitaryphotos, © amgun, © CLUSTERX, © givaga, © Nejron Photo) HK · Herstellung: sam Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach
ISBN 978-3-641-22145-4V003www.blanvalet.de

PROLOG

Militärstützpunkt Chapman, Afghanistan – 30. Dezember 2009

Es war ein kalter Dezembernachmittag in der Khost-Provinz. Die niedrige Wintersonne versank bereits hinter den Wolken, die sich am westlichen Horizont auftürmten. Die Mitglieder der kleinen Gruppe von CIA-Mitarbeitern, die sich im Zentrum des einsamen Vorpostens versammelt hatten, zogen ihre Jacken etwas enger, weil ein kühler Wind aus den trostlosen Bergen im Norden herunterfegte.

Geheimdienstanalystin Abigail Page wären über tausend andere Orte eingefallen, an denen sie gerade lieber gewesen wäre, und von denen die meisten etwas mit tropischen Stränden und Drinks mit Cocktailschirmchen zu tun hatten, aber sie verschwendete keinen Gedanken daran, wieder hineinzugehen. Nicht jetzt. Die Ereignisse, die sich gleich in diesem einsamen Stützpunkt am Rande der Zivilisation zutragen sollten, hatten das Potenzial, das Ergebnis des Krieges gegen den Terror dauerhaft zu beeinflussen. Hier und heute waren sie im Begriff, Geschichte zu schreiben.

Ihr Ohrhörer knisterte, als über einen sicheren Kommunikationskanal eine Nachricht durchgegeben wurde. »Checkpoint Bravo. Unser Mann ist da. Er kommt jetzt durch.«

Page beobachtete, wie die Schranke am inneren Checkpoint hochfuhr, ein verbeulter roter Kombi vorbeischaukelte und sich durch die Betonhindernisse fädelte.

Sie spürte, wie ihr Herzschlag einen Gang zulegte, als sich das Fahrzeug langsam der wartenden Gruppe näherte. Durch die staubbedeckte Windschutzscheibe waren schemenhaft zwei Männer zu erkennen. Der Fahrer war ein Afghane namens Arghawan, Chef der externen Sicherheitsdienstleister für das Camp Chapman. Er war der einzige Einheimische, dem sie die gefährliche Fahrt von der pakistanischen Grenze mit einem so wichtigen Informanten an Bord zutrauten.

Sie hatten sich zum Empfang des Passagiers hier versammelt. Humam Al-Balawi, ein zweiunddreißigjähriger Arzt aus Jordanien, war ein lautstarker Unterstützer von Al Kaida gewesen, bis ihn der jordanische Geheimdienst vor etwa einem Jahr in die Finger bekam und umdrehte. Ihr Angebot war schlicht: Werde Doppelagent für die CIA, oder wir werfen dich und deine ganze Familie für den Rest eures Lebens ins Gefängnis. Es versteht sich von selbst, dass Al-Balawi akzeptierte.

Seitdem hatte er die Jordanier und die Agency mit einem stetigen Strom brauchbarer Erkenntnisse versorgt, die eine ganze Reihe bestätigter Tötungen von Al-Kaida-Leuten durch Drohnenangriffe und zielgerichtete Attacken zur Folge hatten.

Er hatte sich verdient gemacht, doch solch kleinere Erfolge waren nur von geringer Tragweite, wenn man sie mit dem verglich, was er ihnen jetzt liefern zu können versprach. Es war der Aufenthaltsort von Ayman Al-Zawahiri, dem zweitmächtigsten Al-Kaida-Kommandanten und Osama bin Ladens rechter Hand – eine Zielperson, deren Gefangennahme durchaus die Zerstörung der gesamten Kommandostruktur des Terroristennetzwerkes zur Folge haben konnte.

Nachvollziehbar also, weshalb so viele hochrangige Geheimdienstexperten der Agency für dieses Treffen vor Ort waren. Selbst ein flüchtiger Blick auf die versammelte Gruppe offenbarte ein Who’s who der Antiterror-Elite der Agency.

Zunächst war da Jennifer Matthews, Stützpunktchefin und seit zwanzig Jahren für die CIA im Außeneinsatz. Sie verfolgte Al Kaida bereits lange vor 9/11 und war eine der besten Expertinnen auf dem Gebiet.

Dicht neben ihr stand Don Livermore, der stellvertretende Chef der Kabuler Niederlassung, der den zweithöchsten Rang aller CIA-Mitarbeiter in Afghanistan bekleidete. Er war schon seit den dunklen Zeiten des Kalten Krieges im Dienst und hatte in Osteuropa, Afrika, Irak und Afghanistan Agenten geführt.

Ebenfalls anwesend war Al-Balawis jordanischer Führungsoffizier. Page wusste nur wenig über den Mann, es ging jedoch das Gerücht, er sei ein Cousin des jordanischen Königs Abdullah II. Selbst die Königsfamilie wollte an dieser Aktion beteiligt sein, und sie konnte es ihr nicht zum Vorwurf machen. Falls Al-Balawi tatsächlich über Informationen verfügte, die zur Zerstörung von Al Kaida führen konnten, wollte er das unbedingt mit seinem Namen in Verbindung gebracht sehen. Dies war ein Moment, der seine Karriere entscheiden konnte.

Page behielt den näher kommenden Kombi im Blick und hob das Satellitentelefon mit der verschlüsselten Verbindung ans Ohr. »Er ist auf dem Gelände«, meldete sie leise. »Nähert sich in diesem Moment.«

Einhundertfünfzig Meilen entfernt, in einem sicheren Konferenzraum der US-Botschaft in Kabul, beugte sich Hayden Quinn, der Chef der CIA-Niederlassung, näher zu seinem Laptop. Auf dem Gerät waren die Livebilder eines körnigen Luftüberwachungsvideos von Camp Chapman zu sehen, das von einer Predator-Drohne gesendet wurde, die über dem Treffpunkt kreiste. Das unbemannte Fluggerät war Al-Balawis Fahrzeug ab Pakistan gefolgt, um sicherzustellen, dass es nicht abgefangen wurde.

Quinn hatte unbedingt persönlich bei dem Meeting anwesend sein wollen, Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt und mehr Vorschriften umgangen, als er jemals zugegeben hätte. Die gleichzeitige Anwesenheit des Kommandanten der Agency und seines Stellvertreters im selben Vorposten war jedoch ein Risiko, das niemand einzugehen bereit war.

»Verstanden«, erwiderte er. Er war mit Page über eine verschlüsselte Satellitenverbindung in Kontakt. »Was für einen Eindruck macht er?«

»Schwer zu sagen«, antwortete sie und versuchte, sich ihre Anspannung nicht anmerken zu lassen. Was für eine dumme Frage. Sie kannte den Mann nicht, konnte ihn durch die verdreckte Windschutzscheibe kaum erkennen und aus ihrer Position sicher nicht seine Stimmung einschätzen. »Der Wagen hält jetzt an.«

Der Fahrer stoppte den staubbedeckten Kombi und schaltete den Motor aus. Einen Moment angespannter, nervenaufreibender Stille verging, die nur vom Säuseln des Winterwindes unterbrochen wurde. Page hielt den Atem an, sie wusste, es war ein entscheidender Moment.

Dann plötzlich öffnete sich quietschend die Beifahrertür, und ein Mann stieg aus. Sofort richteten sich alle Augen auf ihn und verglichen ihn mit dem Gesicht aus seiner Geheimdienstakte, das sie sich eingeprägt hatten. Er war von mittlerer Größe und Statur und hatte ebenmäßige Gesichtszüge. Der Großteil seines noch jugendlich wirkenden Gesichts war hinter einem Vollbart verborgen, in den sich bisher keine grauen Haare gemischt hatten. Er trug einen langen gefütterten Mantel, zweifellos um sich vor der Kälte des späten Dezembers zu schützen.

»Er ist es«, bestätigte Page über die verschlüsselte Telefonverbindung und konnte weder ihre Erleichterung noch ihre Aufregung verbergen. »Er ist wirklich hier.«

Tatsächlich waren das Triumphgefühl und die aufkeimende Freude unter den Versammelten fast spürbar. Auf ein Nicken von Matthews, der Stützpunktkommandantin, trat einer der privaten Sicherheitsdienstleister vor, die die Gruppe flankierten, um Al-Balawi abzuklopfen.

Bis zu diesem Zeitpunkt war das auf Befehl Quinns nicht geschehen; sein ungehinderter Einlass in Camp Chapman war als Zeichen des Respekts und des gegenseitigen Vertrauens gedacht. Doch selbst diese Geste des guten Willens stieß an ihre Grenzen, wenn einige der ranghöchsten Mitarbeiter der Agency nur wenige Meter entfernt waren. Eine kurze Durchsuchung sollte sicherstellen, dass er nichts mitgebracht hatte, was sich als Waffe verwenden ließ.

Al-Balawi hatte die Hände in den Manteltaschen vergraben und blieb so, während sich der Mann vom Sicherheitsdienst näherte. Der Mann hatte seine Waffe nicht gezogen, behielt die Hand jedoch instinktiv in ihrer Nähe.

»Bitte heben Sie Ihre Hände, Sir«, instruierte ihn der Sicherheitsmann auf eine ungewöhnlich respektvolle Weise. Er hatte strikten Befehl, den jordanischen Doppelagenten wie einen Ehrengast zu behandeln.

Nun bemerkte Page, die den Mann genau beobachtete, etwas, womit sie nicht gerechnet hatte. Es war ein Flackern in seinen Augen, eine plötzliche Anspannung seines Körpers, als ob er sich auf eine größere Anstrengung vorbereitete. Er nahm die Hände wie gefordert aus den Taschen.

»Oh verdammt«, keuchte Page, als sie den Plastikzünder in seiner linken Hand entdeckte und den Draht, der von dort aus in seinem Ärmel verschwand.

Sie sah, wie der Sicherheitsmann seine Waffe ziehen wollte, wie sich seine Finger um den Griff schlossen, und dann blitzte es plötzlich, und um sie herum wurde alles dunkel.

Quinn schrak zusammen, als das Videobild plötzlich weiß wurde, weil die Infrarotkameras der Drohne durch die heftige Explosion im Zentrum des Stützpunktes kurzfristig erblindeten.

»Was zum Teufel war das?«, wollte er wissen. Angst und Sorge trafen ihn wie eine Faust in den Magen. »Page, kommen. Lagebericht?«

Als die Detonation verhallte, wurde langsam das Bild wieder klarer, enthüllte ein Blutbad und zahlreiche Zerstörungen im Zentrum des kleinen Lagers. Feuer loderten in jedem Winkel des Screens, insbesondere bei den Trümmern des Fahrzeugs und beim Gebäude, das für Al-Balawis Verhör vorbereitet worden war. Manche der überall im Gelände verteilten Hitzequellen hatten ungefähr die Gestalt menschlicher Körper.

Andere waren nicht mehr zu erkennen.

»Oh Gott«, keuchte Quinn und starrte entsetzt auf den Monitor. »Oh Himmel, nein.«

Der Stützpunktkommandant, der stellvertretende Einsatzleiter, der jordanische Verbindungsmann … so gut wie alle wichtigen Köpfe der Agency in Afghanistan waren für das Meeting zusammengekommen und nur wenige Meter vom Zentrum der Explosion entfernt gewesen.

Als er merkte, dass die telefonische Satellitenverbindung noch stand, beugte er sich näher ans Mikro. »Page, reden Sie. Sind Sie da? Page!«

Abigail Page konnte das blecherne Schnarren seiner Stimme nicht hören, das aus dem mehrere Meter entfernt am Boden liegenden Satellitentelefon drang. Ihr Trommelfell war von der Druckwelle der Explosion geplatzt.

Benommen, verwirrt und ohne zu begreifen, was gerade geschehen war, öffnete sie die Augen und blickte sich um. Sie lag mehrere Schritte von der Stelle, wo sie zuletzt gestanden hatte, seitlich auf dem Boden und konnte nicht begreifen, wie das geschehen war. Doch da war ein Geruch in der Luft: Rauch, brennender Treibstoff und geschmolzenes Plastik.

Irgendwo in einem halb bewussten Winkel ihres Verstandes fügten sich die Einzelheiten zu einem Bild. Sie erinnerte sich an Al-Balawi, an den Moment unmittelbar vor der Explosion, und wie sie das Flackern in seinen Augen gesehen hatte – dann das Kabel, das in seinen voluminösen Mantel führte.

Ein Selbstmordattentäter. Er hatte ihr Vertrauen missbraucht, hatte sich ihre Beflissenheit und ihre Gier auf Ergebnisse zunutze gemacht und sich mitten im Stützpunkt in die Luft gesprengt, als einige der höchstrangigen Agency-Mitarbeiter nur wenige Schritte entfernt waren.

Der Gedanke reichte, um sie aufzurütteln.

Du musst jetzt aufstehen, sagte sie sich. Es könnte weitere Explosionen geben. Die anderen benötigen vielleicht deine Hilfe. Steh auf und stell fest, wer verletzt ist.

Sie versuchte sich aufzurichten, sich zu bewegen, doch der Körper hörte nicht auf ihre Befehle. Ihre Beine fühlten sich wie Bleiklumpen an, die sie am Boden hielten, doch sie übermittelten keine sensorischen Informationen mehr an ihr Gehirn. Es gab einen Schreckensmoment, dann Panik, dann wurde ihr bewusst, dass etwas Warmes und Feuchtes aus mehreren Punkten ihres Oberkörpers sickerte. Das bedeutete etwas, wusste sie, doch ihr Verstand wurde immer trüber und verwirrter.

Überraschenderweise war da kein Schmerz. Oder es gab ihn vielleicht, nur hatte sie ihn einfach noch nicht wahrgenommen. Ihr Verstand fuhr langsam herunter, wie eine Taschenlampe, deren Batterie sich allmählich erschöpft, und es fiel ihr immer schwerer, auch nur die Augen offen zu halten.

Jetzt merkte sie, dass noch jemand anders bei ihr auf dem Boden lag. Ein Mann. Sie erkannte in ihm den jordanischen Geheimdienstler, der gekommen war, um das Meeting zu überwachen. Seltsam unbeteiligt bemerkte sie, dass an seiner rechten Schulter der Arm fehlte, stattdessen waren da eine zerfetzte Fleischmasse und zertrümmerte Knochen. Seine dunkelbraunen Augen starrten leblos in den Himmel und sahen nichts.

Der Cousin eines Königs, dachte sie mit einem unpassenden Anflug von Humor, als eine eiskalte Windböe über den zerstörten Stützpunkt fegte und das Feuer und den Qualm verwirbelte. Dann wurde alles schwarz.

Ich werde neben dem Cousin eines Königs sterben.

TEIL EINS

WIEDERVEREINIGUNG

Ein im Jahre 2010 freigegebenes Dokument des National Security Archive bestätigt, dass der ISI, Pakistans Auslandsgeheimdienst, heimlich 200 000 Dollar aus US-amerikanischen Hilfszahlungen abgezweigt hatte, um den Selbstmordanschlag auf Camp Chapman zu finanzieren.

Der ISI bestreitet jede Beteiligung.

1

Marseille, Frankreich – drei Monate später

Philippe Giroux zog sich weiter in die dunklen Tiefen des Ladeneingangs zurück und gab vor, jemandem per Handy eine SMS zu schicken, als seine Zielperson auf der anderen Straßenseite vorbeiging.

Es war ein ruhiger Morgen, und die Luft begann sich gerade im Schein der über den Horizont aufsteigenden Morgensonne zu erwärmen. Eine leichte Brise wehte landeinwärts und führte den salzigen Duft des Mittelmeers und die fernen Schreie der Möwen mit sich, die über dem Hafen kreisten. Von einer nahe gelegenen Straße hörte er rhythmisches Bollern vom Motor eines kleinen Lieferwagens, vielleicht des Bäckers auf seiner morgendlichen Tour.

Von diesen kleineren Ablenkungen abgesehen waren die Straßen zu solch früher Stunde fast menschenleer. Perfekt für das, was er vorhatte.

Das Geheimnis einer guten Liquidierung ist Vorbereitung. Die meisten Männer in seiner Branche waren Opportunisten und schlugen zu, sobald sich eine Gelegenheit ergab, aber Giroux stellte es besser an. Er ließ sich Zeit und beobachtete seine Zielpersonen, bis er ein Bild von ihren Gewohnheiten, ein Gespür für die Umgebung und ihre möglicherweise zu erwartende Gegenwehr hatte.

Nachdem er diesem Mann hier in den letzten Tagen geduldig gefolgt war und ihn beobachtet hatte, fühlte sich Giroux inzwischen sicher genug, um ein paar Schlüsse über ihn zu ziehen.

Seine Zielperson maß nach Giroux’ Schätzung circa einen Meter fünfundachtzig bis einen Meter siebenundachtzig und hatte den durchtrainierten, athletischen Körperbau eines Menschen, dem viel Zeit für Training zur Verfügung stand. Die Muskelpakete an seinen gebräunten Unterarmen zeugten von einer handfesten physischen Stärke, und sein lässiges weißes Hemd fiel locker über seine breiten Schultern und die feste Brust.

Sein Gesicht war schmal und scharf konturiert, sein Haar dunkelbraun, der Haarschnitt kurz und funktional, und das Kinn von einem stoppligen Dreitagebart überzogen. Frauen fanden ihn zweifellos attraktiv, besonders wegen seiner Augen. Sie waren grün, lebhaft und durchdringend. Es war die Art von Augen, die viel sahen und wenig erkennen ließen.

Doch mehr noch als seine äußere Erscheinung war es die Art, wie er sich bewegte, die ihn als einen fähigen Mann kennzeichnete. Es war kein überhebliches Schlendern, sondern der selbstsichere, gemessene Schritt eines Mannes, der sich seiner Fähigkeiten und seines Platzes in der Welt bewusst war.

Seine Kleidung ließ nicht auf großen Wohlstand schließen – einfache graue Cargohose, ein lockeres Hemd mit hochgerollten Ärmeln, dazu preiswerte, aber praktische Wanderschuhe. Doch wie Giroux nur allzu gut wusste, trugen reiche Männer oft einfache Kleidung. Sie hatten genug Selbstbewusstsein, um sich nicht aufstylen zu müssen – ganz anders als die mit einem geringeren Vermögen, die sich teure Kleidung kauften, um mit ihrem Erscheinungsbild Wohlstand vorzutäuschen.

Dieser Mann gehörte in die erste Kategorie.

Er ging jeden Morgen früh in die Stadt, noch bevor die meisten anderen auf und unterwegs waren, und kaufte immer in derselben Bäckerei Lebensmittel. Er nahm nie denselben Weg durch die alte Stadt, was von Umsicht und dem Wissen zeugte, dass Vorhersehbarkeit und feste Gewohnheiten verwundbar machen konnten.

Doch es gab nur eine überschaubare Anzahl unterschiedlicher Wege zum selben Ziel, und selbst diesem Mann waren durch die Straßenführung Grenzen gesetzt.

Der größte Teil seines Weges führte ihn durch La Canebière, die Hauptdurchgangsstraße, die vom alten Hafen mit den großen dicht an dicht vertäuten Luxusyachten bis hinauf zumRéformés-Viertel im Osten führte. Doch Giroux wusste, dass er irgendwann einmal nach rechts abbiegen und eine der schmalen Seitenstraßen nehmen musste, die bergauf zur Kathedrale Notre Dame de la Garde führten.

Dort sollte es geschehen. Dort wollte Giroux ihn liquidieren.

Sein Auftraggeber hatte für die Tötung seiner Zielperson weder die Methode noch den Ort vorgegeben, was ihm nur entgegenkam. Manche Leute konnten nervtötend detailliert werden, einen bestimmten Waffentyp oder eine bestimmte tödliche Verletzung verlangen, dieser hier hatte es jedoch seinem eigenen Ermessen überlassen. Das Einzige, worum er gebeten hatte, war ein Fotobeweis der Tötung.

Er wartete, bis seine Zielperson ein gutes Stück voraus war, dann löste sich Giroux von dem Eingang und folgte ihm, wobei er, nur für den Fall, dass er sich umsah, immer noch so tat, als wäre er ganz auf sein Handy konzentriert. Seine gut eingelaufenen Sportschuhe machten beim Gehen kein Geräusch auf dem Kopfsteinpflaster.

Beim Beschatten kam es darauf an, selbstbewusst und entspannt auszusehen, als ob man jedes Recht dazu hätte, dort zu gehen, wo man gerade ging. Wie ein Schauspieler, der eine Rolle spielte, musste man die Identität von jemandem annehmen, der einfach nur einen Spaziergang unternahm, und sich für das, was rings um ihn vorging, nicht interessierte.

Sein Äußeres half. Weil er von mittlerer Größe und Statur war, dazu ein rundliches und harmlos wirkendes Gesicht hatte, fiel es Giroux immer leicht, in der Menge unterzutauchen. Nur wenige bemerkten ihn, und noch weniger empfanden ihn als eine Bedrohung. Sie wussten es nicht besser.

Seine Zielperson erweckte nicht den Anschein, als wäre es ihr bewusst, dass sie beschattet wurde. Der Mann ging in seinem üblichen entspannten, gemessenen Tempo, schaute gelegentlich nach links oder rechts zu etwas, was ihn interessierte, doch im Großen und Ganzen genoss er ganz sorglos seinen morgendlichen Spaziergang.

Geh du nur, mein Freund, dachte Giroux. Das wird sich schon früh genug ändern.

Etwa hundert Meter voraus kam eine Seitenstraße in Sicht, und wie erwartet überquerte seine Zielperson die Straße und folgte ihr. Giroux verringerte den Abstand zunächst nicht und wartete, bis die Zielperson um eine Ecke verschwunden war, bevor er sein Tempo beschleunigte. Von nun an wollte er die Distanz verkürzen, so schnell wie möglich.

Die Seitenstraße diente vorwiegend als Zufahrt für die Lieferanteneingänge der Läden und Restaurants auf der parallel verlaufenden Hauptstraße. Weil sie auf beiden Seiten von dreigeschossigen Gebäuden flankiert war, lag sie fast immer im Schatten. Die Gasse selbst war mit großen stählernen Mülltonnen vollgestellt, die neben den Hinterausgängen von Küchen und Läden standen. Viele davon quollen von Plastiktüten über.

Hier stank es nach verdorbenen Lebensmitteln, aber es war der perfekte Ort für eine Liquidation. Die unangenehmen Gerüche sorgten dafür, dass nur wenige Fußgänger hier entlangkamen, die Läden und Restaurants waren noch geschlossen, die Schatten und die großen stählernen Mülltonnen schützten vor unliebsamen Augenzeugen auf der Hauptstraße. Obwohl er nicht damit rechnete, dass so früh am Tag jemand vorbeiging.

Als sich Giroux der Ecke näherte, steckte er die Hand in seine Jacke und schloss sie um den Griff des Polizeiknüppels, den er darin verborgen hielt. Es war eine altmodische Holzwaffe jener Art, die heutzutage bei der Polizei längst von leichteren Teleskopschlagstöcken ersetzt worden war. Aber sie war einfach und zuverlässig, und er wusste aus Erfahrung, dass ein guter, fester Schlag auf den Hinterkopf einen Mann genauso gut fällen konnte wie ein Ziegelstein. Und für den Fall, dass es nicht klappte, trug er auch noch ein Messer in einer Scheide hinten am Rücken.

Manche Männer in seinem Gewerbe liefen mit Schusswaffen herum, doch wozu sollte das gut sein? Schusswaffen waren teuer, nicht immer zuverlässig und bedurften der ständigen Pflege. Vor allem aber waren sie laut und verursachten Aufmerksamkeit. Liquidierungen hatten schnell und in aller Stille zu geschehen, und was das anbelangte, war ihm noch kein besseres Werkzeug als sein stabiler Holzknüppel untergekommen.

Jetzt war er fast da. Er zog den Knüppel aus der Manteltasche und schob ihn sich in den Ärmel, damit man ihn nicht auf den ersten Blick sah. Sein Opfer würde nicht einmal begreifen, was ihn erwischt hatte. Er atmete tief durch und wappnete sich für einen weiteren einträglichen Tag.

Er hätte nie erwartet, was als Nächstes geschah.

Als er um die Ecke bog, sah er sich plötzlich seiner Zielperson Auge in Auge gegenüber. Der Mann stand einfach nur da, die Hände in die Seiten gestützt, und starrte ihn aus diesen lebhaften grünen Augen an.

»Warum folgen Sie mir?«, fragte er zwar mit Akzent, aber doch in einem absolut verständlichen Französisch.

Mist.

Giroux hatte sich geirrt. Dieser Mann war keineswegs so harmlos und nichts ahnend gewesen, wie er angenommen hatte. Vielleicht hatte er ihn irgendwie kommen hören, vielleicht war er dem Mann schon früher aufgefallen und hatte dann sein Misstrauen geweckt, als er auch heute wieder aufgetaucht war. So oder so hatte er das Überraschungsmoment verloren. Doch Giroux besaß noch den Knüppel, sein Gegner war unbewaffnet, und er selbst war bereits fest entschlossen, seinen Plan in die Tat umzusetzen.

Diesen Job wollte er sich unter keinen Umständen durch die Lappen gehen lassen.

Er reagierte instinktiv und lockerte seinen Griff am Knüppel, sodass dieser herunterrutschte und ihm in die Hand fiel. Im selben Moment stürzte er sich nach vorn und schwang den Knüppel durch die Luft, um seinem Gegner einen festen, brutalen Schlag über den Kiefer zu verpassen. Diese Liquidierung würde vielleicht nicht so schnell oder sauber wie geplant über die Bühne gehen, aber das Endresultat sollte dasselbe bleiben.

Doch der Mann war nicht mehr da. Er hatte sich mit beängstigender Geschwindigkeit bewegt und war dem Hieb ausgewichen, als Giroux gerade zuschlagen wollte, sodass er das Gleichgewicht verlor. Er versuchte für den nächsten Schlag in Position zu gehen, doch noch während er dabei war, spürte er, wie ihm der Knüppel aus der Hand gerissen wurde. Als er sich nach rechts und wieder seinem Gegner zuwandte, sah er gerade noch, wie eine geballte Faust auf ihn zukam.

Es gab ein widerwärtiges Knirschen und eine Explosion weißen Lichts, als der Hieb ihn traf. Der Aufprall schickte Giroux, der ohnehin schon sein Gleichgewicht verloren hatte, in voller Länge wie einen Sack zu Boden. Er sah Sternchen, und aus seiner gebrochenen Nase strömte Blut. Er war in einer Pfütze mit fauligem Wasser gelandet, in der allerlei Müll schwamm. Sekunden später waren seine Jeans und seine Jacke durchnässt.

Giroux schnaubte und hustete sich das Blut aus der Kehle, aus seinen Augen strömten Tränen. Er sah zu dem Mann hoch, der nur wenige Augenblicke zuvor noch wie eine leichte Beute gewirkt hatte. Er stand ein paar Meter entfernt und wirkte so entspannt und ruhig, als wäre er gerade aus der Bäckerei spaziert.

Das war eine neue und sehr unwillkommene Erfahrung. Gewalt war Giroux nicht fremd, doch er war es gewohnt, sie auszuüben, nicht, ihr zum Opfer zu fallen. Er hatte Übung darin, Menschen aus dem Hinterhalt anzugreifen, sie unvorbereitet zu überrumpeln und zu erledigen, bevor sie überhaupt begriffen, wie ihnen geschah. Gegenwehr seiner Opfer war er nicht gewohnt. Der hier wehrte sich aber.

Wut und Angst flackerten in ihm auf, und Ersteres wurde von Letzterem noch verstärkt. Üblicherweise hatte er keine Angst vor Leuten, und das hier gefiel ihm nicht.

Er biss die Zähne zusammen, rappelte sich hoch und griff nach dem Messer, das er am Rücken trug.

»Du hast heute schon einen Fehler begangen«, warnte ihn sein Feind. »Mach nicht noch einen.«

Doch Giroux hörte nicht auf ihn. Seine Hand suchte das Messer, er schloss die Finger um das Heft. Gerade als er damit ausholte und es in einem weiten Bogen schwang, um seinen Gegner seitlich zu erwischen, machte der Mann einen Rückwärtsschritt. Er schlug ihm mit dem Polizeiknüppel das Messer direkt aus der Hand, wobei er Giroux gleich noch ein paar Finger brach.

Giroux blieb keine Zeit, die Verletzung zu registrieren. Bevor er sich besinnen konnte, kam sein Gegner näher, stellte einen Fuß hinter seinen und versetzte ihm einen einzigen kraftvollen Stoß mitten auf die Brust. Er stolperte und ging ein zweites Mal zu Boden. Diesmal stürzte er mit dem Kopf auf das grobe Kopfsteinpflaster.

Einen Moment später keuchte er, als er spürte, dass sich ihm die Klinge seines eigenen Messers an die Kehle drückte. Blut und Tränen trübten zwar seinen Blick, doch er wusste, dass sein furchtbarer Gegner ihm ein Knie auf die Brust drückte. Er konnte ihn, wenn er wollte, jederzeit töten. Giroux packte die nackte Angst.

»Jetzt hast du schon zwei Fehler begangen. Du wolltest mich umbringen, und du hast versucht, es allein zu tun«, sagte er leise und drohend. »Mach jetzt nicht noch einen Fehler und zwing mich nicht dazu, dich ein drittes Mal zu fragen. Warum bist du mir gefolgt?«

»I… ich wollte Sie ausrauben«, stammelte Giroux.

Er keuchte, als sich der Druck des Messers verstärkte, was das Blut quellen ließ.

»Arbeitest du für jemanden? Überleg dir genau, was du sagst, mein Freund.«

»Es ist die Wahrheit! Ich schwöre es!«, flehte Giroux. Jetzt war nicht der Moment, den starken Mann herauszukehren; er flehte um sein Leben, und er wusste es. »Sie haben ausgesehen wie ein leichtes Ziel. Ich dachte, Sie sind ein reicher Tourist.«

Der Mann starrte ihn mit seinen leuchtend grünen Augen an, als wollte er ihm bis in die Seele sehen. Schließlich verringerte er zögernd den Druck der Klinge.

Der Mann hielt ihn auf dem dreckigen Boden fest und durchsuchte seine Taschen, bis er Giroux’ zerknitterte, schäbige und enttäuschend leere Geldbörse fand. Dennoch besaß er einige Karten und Ausweise, die sein vormaliges Opfer mühelos entdeckte.

»Philippe Giroux, stimmt’s?«, bemerkte er und verglich das zerschlagene und blutende Gesicht vor ihm mit dem Foto in seinem abgelaufenen Führerschein, auf dem Giroux weitaus jugendlicher aussah.

»Ja.«

»Na schön, Philippe. Anscheinend bist du nicht der Hellste, deshalb werde ich mich klar ausdrücken. Wenn du so etwas noch einmal versuchst, bringe ich dich um. Wenn du mir nachläufst, bringe ich dich um. Schon wenn ich dein Gesicht in Marseille oder sonst wo noch mal sehe, bringe ich dich um. Wenn du verstehst, was ich gerade gesagt habe, sag Ja.«

Giroux starrte ihn an. Sein Blick verriet ihm, dass dieser Mann solche Drohungen schon wahr gemacht hatte und nicht zögern würde, es noch einmal zu tun.

»Ja«, sagte er schließlich.

»Gut.« Ihm wurde das Messer von der Kehle gezogen und in einen umfriedeten Hof in der Nähe geworfen. »Vergiss nicht, dich ordentlich zu waschen.«

Ohne ein weiteres Wort stand der Mann auf, nahm seine Tüte mit Lebensmitteln aus der Bäckerei und ging fort, als ob nichts geschehen wäre.

2

In halber Höhe auf einem sanften Hügel ein paar Meilen östlich von Marseille gelegen und mit einem Blick auf eine geschützte Bucht und ein riesiges Stück Mittelmeer dahinter, bot die alte französische Villa einen Ausblick, bei dem die meisten Immobilienmakler vor Gier gesabbert hätten. Ryan Drake hatte Pech, dass der Ausblick so ziemlich das Einzige war, was dieser Ort zu bieten hatte.

Als Drake letztes Jahr vor der Agency fliehen musste, war er bei seiner Suche nach einem Ort, an dem er auf Tauchstation gehen konnte, vor etwa sechs Monaten per Zufall auf die alte baufällige Villa gestoßen. Das Gebäude litt offenkundig unter den Folgen jahrzehntelanger Vernachlässigung, schien ihm aber dennoch perfekt geeignet. Ein billiges, isoliert gelegenes und einfach zu verteidigendes Gebäude in Höhenlage, zu dem nur eine staubige einspurige Straße hinaufführte. Niemand kam da ohne sein Wissen näher als eine halbe Meile heran. Und da sich das nächstgelegene Haus auf der gegenüberliegenden Seite der Bucht befand, machte er sich nur wenig Sorgen, dass seine Nachbarn ihn ausspionieren könnten. Kurz gesagt, es war ein perfekter Unterschlupf.

Er hatte sich schon am nächsten Tag als ausländischer Immobilienentwickler auf der Suche nach restaurierungswürdigen Objekten ausgegeben und eine Anzahlung in bar geleistet. Es bedarf keiner besonderen Erwähnung, dass sein Angebot fast sofort akzeptiert wurde.

Er selbst hätte sich kaum als einen reichen Mann bezeichnet. Doch wie jeder offiziell gar nicht existente CIA-Agent mit einer Prise Weitsicht und Pragmatismus hatte er sich während seiner Zeit bei der Agency umfassend abgesichert. Dazu gehörten falsche Personalpapiere, Visa und Reisepässe ebenso wie eine angemessene finanzielle Reserve, die er bei Bedarf anzapfen konnte. Ein Mann wie er wusste nie, wann er vielleicht schnell verschwinden musste, und im Jahr zuvor in Libyen hatte sich diese Sorge als allzu real erwiesen.

Es sind einige Modernisierungsarbeiten nötig, hatte in der Beschreibung des Anwesens gestanden. Dass das stark untertrieben war, merkte er allzu bald.

Beim Vorbesitzer musste es sich offenbar um einen Messie gehandelt haben, denn das Haus war mit Müll jeglicher Art vollgestellt gewesen – angefangen von alten Zeitungen, Zeitschriften und Fotos bis hin zu uralten Fernsehern, Radios, Zimmerdekorationen, kaputten Möbeln und Hunderten anderer Dinge, die er sich gar nicht erst ansehen mochte. Im Keller hatte ein künstliches Bein versteckt in einer Ecke gelegen. Drake fühlte sich versucht, eine Fundanzeige aufzugeben, weil sein Besitzer es inzwischen bestimmt schon vermisste.

Nachdem sechs Monate vergangen waren, hatten sich die Dinge geringfügig verbessert. Die Wasserleitungen funktionierten, wenn ihnen danach war. Der Boiler verhielt sich wie ein launischer Teenager und gab sich mal kooperativ und nützlich, manchmal aber auch, als wollte er nichts mit ihm zu tun haben. Auf die Elektrik, die, wie ein gelber Aufkleber am Sicherungskasten stolz verkündete, 1936 installiert worden war, konnte man sich nicht verlassen, sobald mehr als drei Lampen gleichzeitig eingeschaltet waren. Er hatte sein Mögliches getan, um sie wieder voll funktionsfähig zu machen, doch seine bescheidenen Elektrikerkenntnisse konnten es nicht mit den Eigenheiten des französischen Hausbaus der 1930er Jahre aufnehmen.

Drake ließ die große Eichentür hinter sich zufallen und ging durch den breiten gefliesten Korridor in die Küche. Dort stellte er seine Tüte mit Brot und Gebäck auf den Tresen und schaltete den Wasserkocher an.

Er sah auf seine Hand hinunter und verzog das Gesicht, als er eine Spur getrockneten Blutes an den abgeschürften Knöcheln entdeckte. Auf seinem langen Heimweg hatte er kaum noch an den Kampf gedacht, sondern einfach sein Morgenprogramm abgespult, als ob nichts geschehen wäre.

Nachdem er bemerkt hatte, dass ihn der Mann observierte, hatte er es eine Zeit lang für möglich gehalten, dass es sich bei dem Kerl um einen ernst zu nehmenden Gegner handelte, um einen professionellen Killer, den die Agency schickte, um ihn aufzuspüren und umzubringen. Es stand eine ganze Reihe solcher Männer auf der Gehaltsliste.

Doch ihr kurzes Gerangel vorhin hatte Drake davon abgebracht. Der Angriff des Mannes war unbeholfen und dumm gewesen. Er war ein Straßenganove, sonst nichts. Von denen waren dieser Tage viele in Marseille unterwegs, sie hatten es auf die reichen Briten, Russen und Amerikaner abgesehen, die hier jeden Sommer einfielen.

Als er seine Hand in der Spüle unter den kalten Wasserstrahl hielt und zusah, wie das Blut des anderen weggespült wurde und im Ausguss verschwand, spürte er einen vertrauten, pochenden Schmerz, der von seinen Knöcheln ausstrahlte. Er hatte sich vor vielen Jahren bei einem Boxkampf die Hand gebrochen, und die Verletzung hatte einen Strich durch seine Hoffnungen auf eine Karriere als Profiboxer gemacht. Sie war zwar halbwegs verheilt, aber dann und wann machte ihm die alte Verletzung noch zu schaffen.

Vor Ort hatte er den Schmerz gar nicht wahrgenommen. Durch seine Adern pumpte Adrenalin, und er war zu sehr darauf konzentriert gewesen, sich nicht niederschlagen oder erstechen zu lassen, um sich darüber Sorgen zu machen. Doch jetzt, da er die Gelegenheit hatte, zur Ruhe zu kommen, holte er ihn wieder ein.

Es war eine Weile her, seit er sich in einer Situation wie dieser befunden hatte. Eine ganze Weile schon, genau genommen. Er hatte ein einfaches Leben geführt, und so waren die letzten sechs Monate trügerisch friedlich und ereignislos verstrichen. Ein Mann konnte fast die Vergangenheit vergessen, wenn er nur lange genug an einem Ort wie diesem verweilte.

Fast.

Er verharrte einen Moment an der Spüle und ging die Ereignisse im Kopf nochmals durch. Mit Straßenganoven kam er klar, aber nicht, wenn sich die Situation zu etwas Größerem entwickelte. Auch wenn sein heutiges Verhalten aus Gründen der Selbstverteidigung notwendig gewesen war, hatte er doch Aufmerksamkeit auf sich gelenkt, als er den Mann niederschlug.

Natürlich bestand die Möglichkeit, dass Philippe Giroux seine Warnungen beherzigen und sich aus Marseille verziehen würde, um sich eine andere Stadt zu suchen, in der er unvorsichtige Reisende aufs Korn nehmen konnte. Es war nicht ausgeschlossen, doch Drake hielt es für unwahrscheinlich. Straßengangster hatten ein Revierverhalten wie ein Wolfsrudel und waren nicht minder gefährlich, wenn man sie provozierte. Niemand konnte sagen, mit wem Giroux womöglich über den geheimnisvollen Fremden reden würde, der ihn heute Morgen fast umgebracht hätte, und es war auch nicht vorhersehbar, wem die Gerüchte schließlich zu Ohren kamen.

Vielleicht war der Zeitpunkt gekommen, weiterzuziehen und sich einen anderen Unterschlupf zu suchen. Das wäre das Klügste und Umsichtigste, um sein Überleben zu sichern. Doch warum fiel es ihm so schwer, darüber nachzudenken?

Das Klicken des Wasserkochers riss ihn aus seinen düsteren Grübeleien. Er stellte den Hahn ab und schüttelte die Hand ein paarmal, bis kaum noch Wasser daran war, dann goss er das kochende Wasser in eine bereitstehende Kaffeekanne. Auf dem Weg zum Kühlschrank, aus dem er Käse und Marmelade holen wollte, beschloss er, vorerst nicht mehr darüber nachzudenken – frühestens wieder nach dem Frühstück.

Es war noch nie ratsam gewesen, Entscheidungen auf nüchternen Magen zu treffen.

Kurz darauf saß Drake auf der Terrasse der Villa an einem verwitterten alten Holztisch, einem der wenigen Möbelstücke des Vorbesitzers, für die er noch eine Verwendung gefunden hatte. Er sah auf das klare blaue Wasser des Mittelmeers hinaus, während er darauf wartete, dass sein Laptop hochfuhr. Es versprach ein warmer Tag zu werden, und die Sonne stieg langsam in den fast wolkenlosen Himmel.

Er trank einen Schluck Kaffee und beobachtete, wie circa hundert Meter vor der Küste ein großes Motorboot kraftvoll durch die leichte Dünung pflügte und dabei schaumige Wellen hinter sich herzog. Selbst aus der Entfernung konnte er die jungen Frauen im Bikini sehen, die sich auf dem Achterdeck sonnten, während ein paar ältere Kerle in grellen Hemden im Ruderhaus herumkasperten. Das waren die Leute, die Giroux mühelos um ihr nicht allzu schwer verdientes Geld erleichtern konnte.

»Genießt du die Aussicht, hm?«, tadelte ihn eine Stimme.

Drake spürte ein Paar schlanke Hände über seine Schultern gleiten. Sie verharrten an seinem Hals und griffen etwas fester zu.

»Ich sehe genau, dass du die Frauen in den Bikinis angaffst.«

Er blickte auf, als Samantha McKnight in sein Blickfeld trat. Sie lief barfuß über die Steinfliesen und trug nur ein Höschen und ein weißes Spaghettiträgerhemdchen. Ihr dunkles Haar war noch vom Schlaf zerzaust, beziehungsweise von dem Mangel desselben, wenn man berücksichtigte, was sie in der letzten Nacht getrieben hatten, und sie war völlig ungeschminkt. Aber sie hatte es auch nicht nötig. Sie war ohnehin eine attraktive Frau, und das Leben in der mediterranen Sonne hatte ihre normalerweise blasse Haut gebräunt und ihr einen schimmernden Teint gegeben, den er äußerst reizvoll fand.

Drake grinste. »Das würde mir nicht mal im Schlaf einfallen.«

»Natürlich nicht. Schließlich habe ich eine Knarre in meiner Nachttischschublade.«

»Ja, aber ich habe gesehen, wie du schießt«, zog Drake sie auf. »Und überhaupt, was soll diese Rip-van-Winkle-Tour? Ich bin schon seit Stunden wach.«

»Ich war zehn Jahre lang bei den Streitkräften und musste mich morgens um fünf von beschissenen Schindern wecken lassen. So wie ich das sehe, habe ich mir eine kleine Auszeit verdient.« Sie grinste, und ihre Augen glänzten wie das Meer hinter ihr. »Außerdem sind mir letzte Nacht ein paar Stunden Schlaf entgangen.«

»Wenn du deine Trümpfe richtig ausspielst, könnten heute noch ein paar Stunden dazukommen«, sagte er und musterte sie über den Rand seiner Kaffeetasse. Der Wind vom Meer war etwas kräftiger geworden und drückte ihr das Tanktop so an den Körper, dass es für einen Moment aussah, als hätte sie gar nichts an.

Es war ein Anblick, der seine Wirkung auf ihn nicht verfehlte.

»Träum weiter.« Sie schnappte sich schnell seinen Teller mit den unberührten Croissants und verschwand damit flink aus seiner Reichweite, bevor er sie aufhalten konnte. »Erst recht, wenn du das ganze Essen hortest.«

»He! Dafür musste ich geschlagene vier Meilen laufen«, protestierte Drake.

»Und ich weiß ein solch nobles Opfer für eine unschuldige Jungfer wirklich zu schätzen.« McKnight bedachte ihn mit einem gespielt ernsten Blick, dann riss sie sich ein Stück von dem Gebäck ab, tunkte es in die Marmelade und stopfte es sich in den Mund.

Hilflos und Jungfer waren nicht gerade die Begriffe, mit denen Drake Samantha McKnight beschrieben hätte. Doch beim Anblick ihres wohlgeformten Körpers und den sanften Rundungen ihrer Brüste, die ihre spärliche Kleidung kaum verbergen konnte, wollte er sich mit ihr nicht über Kleinigkeiten streiten.

Sie setzte sich neben ihn auf einen Stuhl, streckte die langen Beine vor sich aus und schien sich ein paar Augenblicke lang ganz der Aussicht hinzugeben. Sie lächelte – es war ein Lächeln, wie es ihr zurzeit ziemlich leichtfiel.

»Weißt du was? Das Meer wird für mich wirklich nie langweilig. Die Geräusche der Wellen, der Salzgeruch der Luft, der endlose Horizont …«, sagte sie wehmütig. »Ganz egal, wie oft ich damit aufwache – es fühlt sich trotzdem jedes Mal wieder ganz neu an.«

Drake entschied, auf die letzte Bemerkung nicht weiter einzugehen. »Jedenfalls besser als ein regnerischer Montagmorgen in Croydon, so viel steht fest.«

Sie warf ihm einen Seitenblick zu. »Lass gut sein. Ich bin ein Mädchen aus Kansas. Ich war schon neunzehn, als ich zum ersten Mal den Ozean gesehen habe. Ich fand es unglaublich, dass es so viel Wasser auf der Welt gibt.«

Drake zog eine Braue hoch und widerstand der Versuchung, einen naheliegenden Scherz darüber zu machen, dass sie jetzt nicht mehr in Kansas war. »Dann hatten es deine Eltern wohl nicht so mit dem Reisen?«, fragte er stattdessen.

Daraufhin wurde ihr Lächeln etwas schwächer. »Mom hat uns schon früh verlassen, deshalb waren es nur mein Dad und ich. Und nein, Reisen war nicht so sein Ding.«

Er bedauerte, unangenehme Erinnerungen berührt zu haben. »Tut mir leid.«

Sie sah ihn an, und in ihrem Blick lag plötzlich eine Traurigkeit, die kaum zu ihrer normalerweise so lebhaften Persönlichkeit zu passen schien. Doch dann blinzelte sie nur, die dunkle Wolke schien vorbeizuziehen, und sie war wieder ganz die Alte.

»Braucht es nicht. Er war ein toller Vater.«

Während sie weiter frühstückte, richtete Drake die Aufmerksamkeit wieder auf den Laptop und öffnete sein Mailprogramm, um zu sehen, ob seine ehemaligen Teamkollegen Cole Mason und Keira Frost geschrieben hatten. Sie hatten zu seinem Shepherd-Team gehört, einem Elite-Team der CIA, und sie hatten die Aufgabe gehabt, verschwundene Mitarbeiter der Agency aufzuspüren und zu befreien. Ihre Versuche, die Geheimnisse des korrupten stellvertretenden CIA-Direktors Marcus Cain aufzudecken, hatten dazu geführt, dass sie als Kriminelle und Verräter abgestempelt worden waren. Jetzt waren sie genau wie Drake und McKnight auf der Flucht und hielten über anonyme E-Mail-Konten einen losen Kontakt aufrecht.

Er entdeckte eine Spammail, in der dem »Gentleman mit hohen Ansprüchen, aber wenig Geld« Rolex-Uhren angeboten wurden, außerdem versuchte der abgesetzte König von Nigeria wieder einmal, Drakes Bankverbindung zu erfahren. Der Kerl musste es wirklich nötig haben – es war bereits seine dritte E-Mail in diesem Monat.

Doch es gab eine Nachricht in seinem Posteingang, die ganz sicher keine Zeitverschwendung bedeutete. Sie hatte keinen Betreff, und der Absender war ein gewisser J. Doe. Der Name war nicht gerade originell, doch Drake wusste, wer dahinterstand. J. Doe war niemand, von dem »Na, wie geht’s?«-Mails zu erwarten waren. Wenn sie mit ihm Kontakt aufnahm, dann hatte sie einen guten Grund dafür.

Er stellte seinen Kaffee ab und öffnete die E-Mail.

Wir müssen reden. Können wir uns treffen?

Drake verzog das Gesicht. Knapper konnte man eine Nachricht wohl nicht formulieren. Aber er kannte die Absenderin gut. Sie wollte über einen ungesicherten E-Mail-Server nichts verraten. Was immer sie ihm mitzuteilen hatte, musste persönlich übermittelt werden.

Die Frage war nur, was sie wollte.

»Alles in Ordnung?«, fragte McKnight, der auffiel, dass sich seine Miene geändert hatte.

»Hm?«, sagte er in Gedanken. »Ja, nichts, womit ich nicht klarkomme.«

»Das klingt rätselhaft.«

»Anstrengend trifft es eher.«

Trotz seiner ausweichenden Antworten wusste er genau, dass er irgendwie reagieren musste. Denn einerseits war J. Doe keine Person, die man so einfach ignorierte, zum anderen war damit zu rechnen, dass ihn das, worüber sie sich unterhalten wollte, früher oder später sowieso erreichte. Da war es besser, die Umstände, unter denen es geschah, selbst zu kontrollieren.

Einen Augenblick später fing er an zu tippen.

Marseille, heute Abend. Bar Mele, 20 Uhr.

Wenn sie es knapp und schroff haben wollte, konnte er damit ebenfalls dienen.

Die simple Nachricht schickte er durch den Cyberspace dorthin, wo auch immer sich die Empfängerin gerade aufhalten mochte. Je nach den Unwägbarkeiten der kreuz und quer verlinkten Server und der Anzahl billiger Rolex-Uhren, für die an diesem Tag geworben wurde, sollte es zwischen zehn Sekunden und zwei Minuten dauern, bis seine Nachricht eintraf.

Er hatte das Treffen für denselben Abend angesetzt, weil er es hinter sich bringen wollte, vorwiegend aber, um zu sehen, wie sehr sie darauf brannte, sich mit ihm zu treffen. Falls sie einwilligte, musste etwas Ernstes im Busch sein.

Drei Minuten später traf die Antwort ein.

Ich werde da sein. Komm nicht zu spät.

Drake lehnte sich in seinem Stuhl zurück und trank noch einen Schluck Kaffee. Jedenfalls bestätigte das seine Theorie. Das, worüber sie reden wollte, musste wichtig sein.

Doch ein besseres Gefühl vermittelte ihm das keineswegs.

3

Langley, Virginia – 30. April 1985

»Morgen, Tom«, sagte Marcus Cain, der mit einem Kaffee in der Hand den Flur entlangkam. »Bereit, die Welt zu retten?«

Es war gerade mal neun Uhr morgens, doch er hatte es bereits geschafft, noch vor der Arbeit einen 5-Meilen-Lauf durch Washington, D.C., zu machen. Anstatt danach müde und erschöpft zu sein, half ihm der Frühsport dabei, mental und körperlich in Form zu kommen. Er fühlte sich hellwach und voller Tatendrang, bereit, es mit allem und jedem aufzunehmen.

Marcus Cain war groß, schlank, muskulös, gut aussehend, und er hob sich damit deutlich von den üblichen schlaffen Schultern und Bierbäuchen mittleren Alters ab, die Langley bevölkerten. Er war gerade erst dreißig Jahre alt, verfügte über einen scharfen Verstand und war sehr karriereorientiert. Erst kürzlich war er auf den Posten eines Sachbearbeiters befördert worden, was ihm das Kommando über Außendienstler einbrachte und die Berechtigung, sich seine eigenen nachrichtendienstlichen Quellen zu erschließen. Für einen Mann seines Alters war es sowohl eine Ehre als auch eine Herausforderung, die er unbedingt meistern wollte.

Sein Kollege Tom McBride hatte einen Stapel versiegelter brauner Dokumentenmappen unter dem Arm, der ihre gemeinsamen Aufgaben des bevorstehenden Tages repräsentierte. Instinktiv versuchte er mit Cain Schritt zu halten; keine leichte Aufgabe, da McBride einige Zentimeter kleiner, zehn Jahre älter und viel schwerer war. Dennoch hätte er niemals zugegeben, dass es ihm schwerfiel mitzuhalten.

»Du bist heute so nervtötend gut gelaunt«, bemerkte er mit gut gemeintem freundlichem Spott. »Hat dich letzte Nacht mal eine rangelassen oder so?«

Cain warf ihm einen Seitenblick zu. »Deine Eifersucht ist schlimmer als dein Aftershave, Tom. Und das will wirklich etwas heißen.«

»Ich mag das Aftershave.«

»Irgendjemand muss es wohl mögen«, räumte McCain ein. »Also pack’s aus. Was sind die guten Nachrichten?«

»Die neuesten Geheimdienstdossiers aus Afghanistan«, begann McBride und hielt die erste Mappe hoch. Seine Miene sagte alles. Die Sowjets siegten, und die von der CIA unterstützten Mudschahedin verloren. Das alte Lied.

Cain ließ sich widerwillig die Akte geben. »So gut, hm?«

»Schlimmer noch. Die schlimmen Details kannst du dir später selbst heraussuchen. Die Kurzversion lautet, dass die Stabsleitung von dir verlangt, deinen üblichen Quatsch herunterzubeten. Voll ausgearbeitet und als Kurzfassung für den Führungsstab, dazu ein paar Einsatzvorschläge bis morgen früh.«

»Warum? Damit sie meine letzten beiden Berichte ignorieren können?«, fragte Cain, dessen gute Laune gerade einen deutlichen Dämpfer bekommen hatte. »Vielleicht sollte ich das Ganze auf Band sprechen und es ihnen als Dauerschleife vorspielen.«

McBride grinste matt. »Diesmal ist es anders. Später in der Woche ist eine Einsatzbesprechung mit einem gewissen William Carpenter angesetzt, einem Colonel bei den Sondereinsatzkommandos der Streitkräfte. Ich weiß noch nicht allzu viel über die Einzelheiten, aber es werden eine Menge wichtige Leute da sein, und sie haben dich gebeten, deine Erkenntnisse zu präsentieren. Daraus kannst du deine eigenen Schlüsse ziehen.«

Nun war sogar Cain verblüfft. Sollte sein inständiges Eintreten für eine direkte US-Intervention in Afghanistan am Ende womöglich doch noch Gehör gefunden haben? Natürlich hatte es immer auch Nachteile, wenn man sich allzu sehr exponierte. Wenn man die Sache versaute oder die Erwartungen der Leute enttäuschte, die ihr Vertrauen auf einen gesetzt hatten, dann konnte die eigene Karriere ganz schnell im Nirgendwo versanden.

Aber Cain hatte keine Angst davor, Risiken einzugehen. Er wäre nie so weit gekommen, wenn er immer auf Nummer sicher gegangen wäre. Und falls es ihm tatsächlich gelang, sie für seinen Plan einzunehmen und dieser dann auch funktionierte, dann konnte aus ihm auch ganz schnell ein aufstrebender Hoffnungsträger werden.

»Na ja, da bin ich ja gleich ganz aufgeregt«, sagte er und klemmte sich die Unterlagen für die Einsatzbesprechung unter den Arm. Er wollte gerade nach rechts abbiegen und sich in seine vergleichsweise ruhige Arbeitsnische zurückziehen, da rief ihm McBride noch etwas hinterher: »Ach, und da wäre noch eine Sache.«

Cain verharrte mitten im Schritt. »Ja?«

»Da ist etwas von unseren Kollegen beim norwegischen Geheimdienst gekommen.«

Er mimte Überraschung. »Ach, so etwas gibt es?«

»Das werde ich so weitergeben«, stichelte McBride. »Na ja, vielleicht ist es etwas weit hergeholt, aber es sieht so aus, als hätten sie sich einen sowjetischen Überläufer eingefangen.«

Nun erwachte sein Interesse. »Militär?«

»Nein.«

»Regierung?«

»Zivilistin. Neunzehn Jahre alt. Sie hat sich den Norwegern gestellt und um Asyl in den Vereinigten Staaten gebeten.«

Cains Enthusiasmus schwächte sich merklich ab. »Dann soll sie sich beim State Department melden, nicht bei der CIA«, antwortete er und war mit seinen Gedanken schon wieder beim bevorstehenden Briefing.

»Moment mal, jetzt kommt der interessante Teil. Bei ihrer Vernehmung kam heraus, dass sie 100 Meilen durch arktisches Gelände gewandert ist. Dabei wäre sie fast an Unterkühlung gestorben.«

»Dann ist sie zäh, aber dumm.« Falls es der Wahrheit entsprach, war es zwar ein beachtliches Zeugnis ihrer Überlebenskünste, aber nicht gerade ein Beweis ihrer Intelligenz. Es gab weitaus einfachere Methoden, um außer Landes zu kommen. »Und was geht uns das an?«

»Weil sie darum gebeten hat, für uns gegen die Sowjets zu arbeiten. Gefordert – müsste man wohl eher sagen. Sie hat angegeben, dass sie zu allem bereit sei, um etwas gegen sie zu unternehmen.«

Cain war nicht beeindruckt. Geheimdienstagenten wurden normalerweise in einem langwierigen Rekrutierungsprozess angeworben, der mit Vertrauensbildung, Ausbildung, Bestechung und manchmal auch Nötigung zu tun hatte. Sie klopften nicht einfach bei der Agency an und baten um einen Job.

»Vergiss sie«, beschied er und war sich seiner Sache bereits sicher. »Wahrscheinlich ist sie nur ein verkorkstes Kind, das Aufmerksamkeit sucht.«

»Du nimmst sie nicht ernst. Das haben die Norweger auch nicht getan. Zuerst haben sie ihr irgendeinen Nachwuchsanalysten zur Vernehmung geschickt, aber sie hat die Sache sofort durchschaut und sich beharrlich geweigert, etwas auszusagen, bevor man ihr einen Führungsoffizier zuteilt.«

Cain verzog das Gesicht. »Dann kannte sie deren Befehlsstrukturen?«

»Nein, du verstehst nicht. Sie hat gemerkt, dass man sie belog«, erklärte McBride. »Den Vernehmungsprotokollen zufolge hat man sie bei sechs verschiedenen Gelegenheiten mit Falschinformationen gefüttert, und sie hat sie jedes Mal dabei erwischt. Aus irgendeinem Grund scheint es fast unmöglich zu sein, sie zu täuschen.«

Cain war drauf und dran, über die Vorstellung zu lachen. Er konnte es immer noch nicht glauben, doch er musste zugeben, dass es sein Interesse weckte. »Also, was willst du von mir?«

»Du bist ein Führungsoffizier. Das Rekrutieren von Agenten ist deine Aufgabe«, erinnerte ihn McBride. »Pass auf … Du checkst sie einfach kurz durch. Wenn du das Gefühl hast, dass da was ist, was uns nützen könnte, dann schleusen wir sie durch die üblichen Prozeduren. Falls nicht, schicken wir sie wieder weg. Wie klingt das?«

Cain blickte den Flur zu seinem Büro hinunter. Dorthin sollte er jetzt steuern, um sein Briefing vorzubereiten. Dennoch hatte diese geheimnisvolle junge Frau, die hundert Meilen durch Eis und Schnee gewandert war, nur um die Chance zu erhalten, für die Agency zu arbeiten, sein Interesse geweckt.

»Na schön«, gab er schließlich widerwillig nach. »Wo halten sie sie fest?«

Er wollte ihr fünf Minuten seiner Zeit einräumen und sich dann entscheiden. Und ganz gleich, wie die Entscheidung ausfiel, konnte er sich nicht vorstellen, ihr jemals wieder zu begegnen.

Langley, Virginia – 14. März 2010

Marcus Cain nahm die Lesebrille ab, schloss die Augen und rieb sich die Schläfen. Er gab sich Mühe, die Kopfschmerzen zu ignorieren, die in seinem Schädel pochten, und sich auf die Einsatzunterlagen zu konzentrieren, die vor ihm ausgebreitet lagen. Es war eine stille, doch nicht minder schmerzvolle Erinnerung an die Flasche Whisky, die er letzte Nacht fast komplett ausgetrunken hatte, um die Zeit durchzustehen.

Er konnte sich nicht mehr daran erinnern, wann er zum letzten Mal einen Tag ohne einen Drink beendet hatte.

Er kramte in seiner Schreibtischschublade, angelte einen Streifen Aspirin heraus, warf sich zwei davon in den Mund und spülte sie mit dem bitteren Rest aus seiner Kaffeetasse hinunter.

Der Inhalt seiner Mappe mit den Aufgaben des Tages bot ihm keinen Grund, sich besser zu fühlen. Die Agency führte an vielen Fronten ihren Krieg gegen den Terror, und sie war dabei, ihn zu verlieren. Im Irak und in Syrien war der IS wieder auf dem Vormarsch; die hatten ihre versprengten Truppen zur nächsten Offensive zusammengezogen. Die präventiven Drohnenschläge, die er für Libyen angeordnet hatte, mochten einige ihrer Kommandanten getötet und ihren Anstrengungen einen Schlag versetzt haben, doch solche Angriffe schoben das Unvermeidliche nur hinaus. Ohne amerikanische Unterstützung konnte die gerade erst im Aufbau befindliche irakische Armee nicht standhalten, und nach neun Jahren eines teuren und fruchtlosen Krieges hatten weder der Kongress noch die Öffentlichkeit die Nerven, erneut Truppen zu entsenden.

In Afghanistan war es sogar noch schlimmer. Dort erstarkte Al Kaida von Neuem und schlug mit zunehmender Dreistigkeit aus den gesetzlosen Bergregionen heraus zu, wo die Regierungstruppen keinen Einfluss mehr geltend machen konnten. Die afghanischen Streitkräfte konnten mit der geringen Anzahl der Männer, die ihnen zur Verfügung standen, nur mit Mühe die Regionen halten, die sie bereits eingenommen hatten, und ihre Schlagkraft ließ immer mehr nach, weil desertierende Soldaten und die Verluste auf dem Schlachtfeld ihren Tribut forderten.

Und die Afghanen waren nicht die Einzigen, die Verluste zu beklagen hatten. Der Selbstmordanschlag von Camp Chapman vor drei Monaten hatte der Agency einen verheerenden Schlag zugefügt, von dem sie sich noch immer nicht ganz erholt hatte. Neun ihrer fähigsten und erfahrensten Mitarbeiter waren tot und weitere sechs verwundet; das stellte den größten Verlust dar, den die Agency seit fünfundzwanzig Jahren durch einen einzigen Schlag hatte hinnehmen müssen.

Doch das Attentat hatte noch weitaus gravierendere Folgen gehabt. Die ganze Agency, von ihren Verfahrensweisen über die Ziele ihrer Operationen bis hin zu ihrer Führung, war sehr kritisch unter die Lupe genommen worden, seit sich die Sache mit dem Attentat herumgesprochen hatte. Sogar die Öffentlichkeit hatte davon erfahren, weil die Katastrophe einfach zu groß war, um sie zu vertuschen, und als Folge davon waren die Vertrauenswerte auf ein Rekordtief gesunken.

Die beste und geheimste Organisation der Welt war in der Öffentlichkeit als fehlbar, verletzlich und hilflos vorgeführt worden. Dabei war sie gerade jetzt so wichtig wie niemals zuvor.

Er blickte von den deprimierenden Einsatzunterlagen auf, als seine Tür sich öffnete und ein älterer Mann hereinkam, der sich gar nicht erst die Mühe machte anzuklopfen. Es gab nicht viele Männer, die ohne Vorwarnung oder Genehmigung einfach so in Marcus Cains Büro marschieren durften, doch CIA-Direktor Robert Wallace zählte bedauerlicherweise zu ihnen.

Er gehörte zu den neuen Gesichtern in der obersten Führungsspitze, die im Zuge von Barack Obamas Marsch ins Weiße Haus ernannt worden waren. Wallace’ Ernennung zum Direktor war ungewöhnlich, weil er weder einen militärischen noch nachrichtendienstlichen Hintergrund hatte. Stattdessen hatte man der Agency einen ganz normalen Durchschnittspolitiker vor die Nase gesetzt: einen Mann, dessen Karriere aus breitgewalzten Anhörungen, knochentrockenen Ausschüssen und kleingeistigem Parteiengezänk bestand. Dieser Mann verstand nur wenig von der Arbeit, die in Langley geleistet wurde.

Es lag auf der Hand, dass er, weil er auf dem Gebiet der Geheimdienste ein völlig unbeschriebenes Blatt war, ausgewählt worden war, um das Image des Nachrichtendienstes zu verbessern, das sich in den acht Jahren der Bush-Administration deutlich verschlechtert hatte. Zu seinen ersten Amtshandlungen als Direktor hatte es gehört, offizielle Ermittlungen wegen der besonderen Verhörmethoden einzuleiten, die die Agency nun schon seit Jahren erfolgreich anwandte. Außerdem hatte er das Budget für Spionage zusammengestrichen und immer größere Mittel für unbemannte Fluggeräte bereitgestellt.

Cain hatte dem Mann bisher nicht viel abgewinnen können, und er war sich sicher, dass das Gefühl auf Gegenseitigkeit beruhte. Nach dem Gesichtsausdruck zu urteilen, mit dem sich Wallace näherte, sollte sich daran auch heute nichts ändern.

»Haben Sie das gesehen?«, wollte er wissen und knallte eine Ausgabe der Washington Post auf Cains Schreibtisch. Aufgeschlagen war ein ganzseitiger Artikel, dessen Überschrift lautete:

CIA-Krise – Ist Afghanistan schon verloren?

Cain beugte sich vor und ließ den Blick darüber streifen. Er hatte den Artikel bereits gelesen, doch er wollte nicht, dass Wallace es erfuhr. »Ich finde, die Frage ist angemessen, Bob.«

Wallace sah ihn wütend an. »Jetzt ist nicht der geeignete Zeitpunkt für Ihre neunmal klugen Bemerkungen, Marcus. Verstehen Sie denn nicht? Unsere Kriegsschauplätze sind nicht nur Afghanistan und Irak, wir kämpfen auch hier in Washington. Und wir verlieren an allen Fronten.«

Cain lehnte sich in seinem Stuhl zurück und musterte den Direktor. Er war jetzt nicht mal ein Jahr im Amt, aber sein Haar war bereits merklich grauer geworden, und die Falten auf seiner Stirn hatten sich unauslöschlich tief eingegraben. Es hatte seinen Grund, weshalb sich die meisten Direktoren nur wenige Jahre auf ihrem Platz behaupteten – und dieser Grund war nicht nur politischer Natur: Der permanente Stress und der Druck brannten die Männer einfach aus.

Es hätte Cain überrascht, sollte Wallace auch nur noch ein weiteres Jahr überstehen.

»Ich finde, dann hängt alles davon ab, wie Sie diese Schlachten schlagen wollen«, sagte er schließlich. »Wie ein Politiker oder wie ein Nachrichtendienstler. Denn beides gleichzeitig können Sie nicht. Früher oder später müssen Sie sich entscheiden.«

Die kaum unverhohlene Spitze entging dem Direktor nicht. »Passen Sie auf, was Sie sagen, Marcus. Bei meinem Vorgänger hatten Sie wegen der Dinge, die Sie vor zwanzig Jahren in Afghanistan getan haben, vielleicht einen Stein im Brett, aber jetzt ist jetzt, und ich bin nicht er«, warnte Wallace. »Der Präsident will Ergebnisse sehen. Er verlangt eine Exit-Strategie, und die kann ich ihm nicht geben, solange die Al Kaida noch aktiv ist. Das Einzige, was wir ihm zeigen können, sind ein paar neue Sterne unten an der Wand.«

Die Bemerkung reichte, um Cain zusammenzucken zu lassen. Die Gedenkwand am Haupteingang des Gebäudes bekam jedes Mal einen neuen Stern, wenn ein CIA-Mitarbeiter im Einsatz sein Leben verlor. Dort gab es inzwischen deutlich mehr Sterne als zu dem Zeitpunkt, als Cain seine Karriere begonnen hatte.

»Was sollen wir Ihrer Meinung nach tun?«

Wallace deutete mit dem Zeigefinger auf die Zeitung. »Hört auf herumzuwichsen und erledigt diese Sache. Sie sitzen noch auf diesem Stuhl, weil Sie angeblich unser Experte für alles sind, was Afghanistan betrifft. Also finden Sie eine Lösung. Sonst suche ich mir jemand, der das kann.«

Cains Blick wurde starr. Er spürte, wie der Kopfschmerz, der ihn schon den ganzen Morgen begleitete, stärker wurde. Unbemerkt von Wallace ballte er die Hände zu Fäusten.

»In Ordnung, Bob. Ich werde sehen, was ich tun kann«, sagte er ruhig, ohne sich seine Gefühle anmerken zu lassen.

Wallace war anzusehen, dass es ihn Mühe kostete, sich eine höhnische Bemerkung zu verkneifen. Er wandte sich zum Gehen. »Behalten Sie den Artikel. Er könnte interessant für Sie sein«, rief er über die Schulter zurück.

»Diese Lösung, nach der Sie suchen …«, sagte Cain, als Wallace die Tür öffnen wollte. »Soll ich Ihnen diese Lösung als Politiker oder als Geheimdienstler liefern?«

Der Direktor zögerte einen Moment und umklammerte den Türgriff fester. Dann ging er ohne ein weiteres Wort hinaus und zog die Tür fest hinter sich zu.

Cain blieb ein paar Augenblicke lang schweigend sitzen und dachte über den Wortwechsel nach. Wallace war ein mieser Politiker, der mehr daran interessiert war, seinen eigenen Ruf zu polieren, als brauchbare geheimdienstliche Erfolge zu erzielen. Aber dieser Mistkerl hatte verdammt viel Macht. Wenn es hart auf hart kam, konnte er Cain als stellvertretenden Direktor ablösen lassen.

Und das war eine Position, für die Cain eine Menge geopfert hatte.

»Verdammt noch mal«, murmelte er, stieß sich von seinem teuren Schreibtisch ab und ging durch sein Büro zu den Fenstern, durch die man einen Blick auf die Parklandschaft rund um das Hauptquartier der Agency hatte.

Es war ein der Jahreszeit entsprechend dunkler und unerfreulicher Tag in Virginia. Über den Himmel zogen langsam dunkle Regenwolken. Warum die Gründerväter auf die Idee gekommen waren, die Hauptstadt der Nation ausgerechnet mitten in einen verdammten Sumpf zu bauen, würde er wohl nie begreifen.

Er blickte in die Ferne zur Spitze des Washington Monuments und sah dabei kurz sein eigenes Spiegelbild in der polierten Scheibe. Es war das Spiegelbild eines Mannes, der vor der Zeit gealtert war, mit einem verbrauchten Gesicht, in das sich Jahre der Sorgen und der Probleme eingegraben hatten. Sein Haar ergraute langsam, er ließ die Schultern hängen, und in seinem Blick lag ein Schmerz, der davon herrührte, dass alles, wofür er so hart gearbeitet hatte, unter seinen Augen langsam auseinanderfiel.

Er erinnerte sich daran, dass er Wallace insgeheim verhöhnt hatte, weil man ihm den Stress seiner Aufgabe ansah.

Jetzt wusste er, dass es Zeit war zu handeln. Nicht als Politiker oder als Geheimdienstler, sondern als ein Mann, der es mit dem Feind aufnahm, dem sie sich zurzeit gegenübersahen.

Er wandte seinen Blick von dem düsteren Himmel ab und ging durchs Büro zu seinem Schreibtischtelefon. Dann wählte er die Nummer, die er in letzter Zeit öfter angerufen hatte, als ihm lieb war. In der Leitung klickte und brummte es ein paarmal, während die Verschlüsselungssoftware des Telefons damit beschäftigt war, eine sichere Satellitenverbindung herzustellen, dann klingelte es.

Es dauerte nicht lange, bis jemand an den Apparat ging. »Stationschef.«

»Quinn, hier ist Marcus.«

Hayden Quinn war sein Stationschef an der US-amerikanischen Botschaft in Pakistan und für die Leitung aller Operationen der Agency im Land zuständig. Er war so kompetent, dass ihn Cain für den idealen Leiter einer Jagd auf die oberste Führungsriege von Al Kaida gehalten hatte. Aber Kompetenz tat nichts zur Sache, wenn sie keine Ergebnisse zutage brachte, und nachdem er nun seit fast einem Jahr die Position innehatte, begann sich Cain zu fragen, ob er mit Quinn wirklich die richtige Wahl getroffen hatte.

»Erzählen Sie mir was Positives«, verlangte Cain, ohne Zeit mit einer Begrüßung zu verschwenden.

Die kurze Pause verriet ihm im Grunde schon, was er wissen musste. »Ich fürchte, die Pakistanis spielen nicht mit offenen Karten, Sir«, sagte Quinn schließlich. Seine Nervosität war unüberhörbar. »Sie behaupten zwar, dass sie eng mit uns zusammenarbeiten, aber in Wahrheit mauern sie. Wir kommen nicht an die wichtigen Informationen heran.«

Cain spürte, wie die Muskeln auf seinem Schultergürtel sich verkrampften, während sein Kopfschmerz noch stärker wurde. »Und was ist mit irgendwelchen Hintertüren?«

»Wir haben es praktisch auf jedem Kanal versucht, der uns zur Verfügung steht, Sir«, entschuldigte sich Quinn. »Ich fürchte, wenn wir noch stärkeren Druck ausüben, wenden sie sich offen gegen uns.«

Cain hatte schon seit Längerem den Verdacht, dass Teile des pakistanischen Militärs und der Geheimdienste mit den Zielen von Al Kaida sympathisierten. Bedauerlicherweise durfte man Amerikas einzigem – und dazu wankelmütigem – Verbündeten in der Region nicht einfach vorwerfen, ein doppeltes Spiel zu spielen. Das hätte einen neuen Krieg ausgelöst.