Mission Vendetta - Will Jordan - E-Book + Hörbuch

Mission Vendetta Hörbuch

Will Jordan

4,5

Beschreibung

Eine Agentin am Abgrund. Sie ist gebrochen, ausgebrannt und kennt nur ein Ziel: Rache!

Unbekannte hacken sich in amerikanische Militärdrohnen und greifen mit ihnen zivile Ziele im Irak an. Ryan Drake, Chef einer geheimen Eingreiftruppe der CIA, hat nur 48 Stunden, um die Agentin Maras aus einem sibirischen Hochsicherheitsgefängnis zu befreien, die dort wegen einer Intrige der CIA eingekerkert ist. Nicht gerade die verlässlichste Unterstüzung. Allerdings ist es Drake nur mit ihr möglich, an die Terroristen heranzukommen. Doch die Folter im Gefängnis hat Maras körperlich und geistig beinahe zerbrochen. Nun hat sie nur noch ein Ziel: Rache!

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Zeit:16 Std. 57 min

Sprecher:Mark Bremer

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Buch

Ryan Drake sucht die, die nicht gefunden werden wollen – und er findet sie auch…

Der Exsoldat der britischen Armee ist inzwischen Mitglied einer Elite-Ermittlungstruppe der CIA. Als einer der so genannten Shepherds sucht er vermisste Agenten, um sie zurück nach Hause zu bringen. Doch seine neueste Mission ist gefährlicher als jeder vorherige Auftrag. Binnen 72 Stunden sollen er und sein Team die Gefangene »Maras« aus einem sibirischen Hochsicherheitsgefängnis befreien und sie auf US-amerikanischen Boden bringen. Trotz der Risiken gelingt die Mission, doch für Drake beginnt damit erst die eigentliche Gefahr. Angesichts einer tödlichen Bedrohung ist er gezwungen, gemeinsam mit der – durch jahrelange unmenschliche Gefangenschaft gezeichneten – Maras vor ihren ehemaligen Kameraden zu flüchten. Denn die haben ein dunkles Geheimnis und machen Jagd auf Drake und Maras, um es mit allen Mitteln zu schützen. Ryan hat keine andere Wahl, als der gefährlichen und undurchschaubaren Frau an seiner Seite zu vertrauen – denn er hat nur eine einzige Chance, um die zu retten, die auf ihn zählen. Und die Zeit läuft…

Autor

Will Jordan lebt mit seiner Familie in Fife in der Nähe von Edinburgh. Er hat einen Universitätsabschluss als Informatiker. Wenn er nicht schreibt, klettert er gerne, boxt oder – natürlich – liest. Außerdem interessiert er sich sehr für Militärgeschichte. Will Jordan hat bereits jede Waffe abgefeuert, die in diesem Roman erwähnt wird.

Weitere Titel in Vorbereitung

Will Jordan

Mission Vendetta

Thriller

Aus dem Englischen

von Wolfgang Thon

Die englische Originalausgabe erschien unter dem Titel

»Redemption« bei Arrow, London.

1. Auflage

Deutsche Erstausgabe Oktober 2013 bei Blanvalet,

einem Unternehmen der

Verlagsgruppe Random House GmbH, München

Copyright © der Originalausgabe 2012 by Will Jordan

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe

2013 by Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlaggestaltung: © Johannes Frick, Neusäß/Augsburg

Umschlagmotiv: Getty Images/Photographer’s Choice/Erik Simonsen

Redaktion: Rainer Michael Rahn

HK · Herstellung: sam

Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

ISBN: 978-3-641-09658-8

www.blanvalet.de

Für Bill –

ein Vater und ein Freund

Prolog

Irak, 13. Mai 2007

So endet es also.

Er lag da, eine Hand locker auf die Schusswunde in seinem Bauch gepresst. Er war allein. Er hatte keine Kraft mehr, sämtliche Reserven waren aufgezehrt, und sein Blut versickerte in dem staubigen Boden. Eine rote Spur führte ein Stück von ihm weg, als stummes Zeugnis seines verzweifelten, schwachen Versuchs weiterzukriechen, bevor ihm alles vor den Augen verschwamm und er zusammenbrach.

Er konnte nicht mehr weiter. Er konnte nichts tun, als hier zu liegen und auf das Ende zu warten.

Ein schwacher Wind kam auf, störte die abendlich ruhige warme Luft und bedeckte Arme und Brust mit winzigen Sandpartikeln. Wie lange es wohl dauerte, bis sein Körper vollkommen unter dem Sand begraben sein würde, nachdem er gestorben war? Würde man ihn jemals finden?

Er starrte in den gewaltigen azurblauen Himmel, der sich über ihm bis in die Unendlichkeit zu erstrecken schien. Sein Blick wurde von dem schnurgeraden Kondensstreifen eines sehr hoch fliegenden Flugzeuges angezogen. Um ihn herum reflektierten die Wüstendünen das letzte Sonnenlicht, schienen förmlich zu glühen.

Es war ein guter Platz zum Sterben.

Männern wie ihm war ohnehin kein hohes Alter beschieden, und sie starben auch nicht friedlich im Schlaf, im Schoß der Familie. Sie hatten sich für ein anderes Leben entschieden, und sie würden dafür nicht belohnt werden.

Weißt du, was dein Problem ist, Ryan? Du bist ein guter Mensch.

Hatte sie recht gehabt?

Konnte er aufrichtig auf sein Leben zurückblicken und dann behaupten, er wäre ein guter Mensch gewesen? Er hatte Fehler gemacht, hatte Dinge getan, die er gern ungeschehen machen würde, und doch war seine letzte Handlung von Vertrauen und Mitgefühl geprägt gewesen.

Genau das war der Grund, warum er hier lag und verblutete. Das war seine letzte Belohnung.

Ein leises, rhythmisches Pochen übertönte das schwache Seufzen des Windes. Es war der Herzschlag in seinen Ohren, der langsam schwächer wurde, während sein Lebenssaft zwischen seinen Fingern hindurchsickerte. Er hatte die Blutung verlangsamen können, aufhalten konnte er sie nicht. Nichts konnte das.

Er starb.

Weißt du, was dein Problem ist, Ryan? Du bist ein guter Mensch.

Wie auch immer er gelebt haben mochte, in diesem Moment wusste er, dass er als guter Mann sterben würde. Das musste doch irgendeinen Wert haben.

Ein schwaches Lächeln überzog sein Gesicht, als das Pochen zu einem Wummern anschwoll. Er schloss die Augen und ergab sich der wachsenden Dunkelheit, die die Welt um ihn herum erfüllte.

TEIL EINS

Befreiung

Konfrontiert sie mit Auslöschung, dann werden sie überleben; stoßt sie in eine tödliche Situation, dann werden sie leben. Geraten Menschen in Gefahr, sind sie fähig, um den Sieg zu ringen.

Sun Tzu, DIE KUNST DES KRIEGES

1

Sieben Tage zuvor, Mosul, Irak

»Na los doch! Fahr endlich!« Nassar Alawi drückte frustriert auf die Hupe.

Doch auch das brachte die rostige, klapprige weiße Limousine vor ihm nicht dazu, schneller zu fahren. Aus dem scheppernden Auspuff stieg eine graue Abgaswolke, als der Fahrer den Motor aufheulen ließ. Wie Alawi versuchte auch er vergeblich, sich den Weg durch die Menschenmassen in den engen Gassen zu bahnen.

Sie näherten sich einem der Straßenmärkte, die es überall in der Stadt gab. Hier war der Verkehr immer besonders dicht. Uralte Steinhäuser, geschmückt mit Satellitenschüsseln und dicht behängten Wäscheleinen, neigten sich in einem gefährlichen Winkel zur Straße hin, als wollten sie jeden Moment zusammenbrechen.

Alawi lehnte sich zurück und wischte sich mit dem Unterarm über die Stirn. Ihm war heiß, und er fühlte sich nicht wohl; sein offenes Hemd war bereits durchgeschwitzt. Die Klimaanlage des Vans funktionierte schon seit Jahren nicht mehr, und wenn er das Fenster herunterkurbelte, ließ er damit nur den gnadenlosen Sand herein, der vom Wind aufgewirbelt wurde, die Abgase der anderen Autos, die mehr schlecht als recht mit gepanschtem Sprit fuhren, den Gestank von Kot und zahllose andere unangenehme Düfte.

Er war Bauunternehmer und Elektriker von Beruf. Darauf waren er und seine Familie schon immer stolz gewesen. Diese Arbeit erforderte viel Erfahrung, und es war ein ehrbares Gewerbe. Und zurzeit stieg die Nachfrage nach seinen Diensten, sowohl hier in Mosul als auch in den vielen umliegenden Städten. Was bei der Invasion bombardiert und zerstört worden war, musste jetzt mühsam wieder aufgebaut werden.

Ein Mann wie er konnte in nur wenigen Jahren ein Vermögen anhäufen. Zumindest konnte er aber genug für sich selbst, seine Frau und seine beiden jungen Söhne beiseitelegen, bis sie zu Männern herangewachsen waren und in seine Fußstapfen treten konnten; er konnte genug Geld verdienen, um komfortabel zu leben und der zermürbenden Armut zu entkommen, unter der die meisten seiner Landsleute zu leiden hatten.

Vorausgesetzt, er kam endlich dorthin, wo er erwartet wurde!

Er drückte erneut auf die Hupe, und endlich tat sich eine Lücke auf. Die klapprige weiße Limousine fuhr langsam weiter, mit schepperndem Auspuff. Alawi trat ebenfalls auf das Gaspedal, entschlossen, diese Lücke zu nutzen.

Erleichtert darüber, dass es weiterging, griff er nach der Packung Zigaretten auf dem Beifahrersitz. Er klopfte eine davon heraus und klemmte sie sich zwischen die Lippen, während er ein Feuerzeug aus seiner Brusttasche fischte.

Vielleicht läuft der Tag doch nicht so schlecht, dachte er, während er das Feuerzeug betätigte.

Der plötzliche Lichtblitz kam so unerwartet, dass er keine Zeit fand zu reagieren. Die Zigarette fiel ihm aus dem Mund, als das weiße Auto und alles andere um ihn herum plötzlich verschwand, verzehrt von einer gewaltigen Wand aus orangefarbenen Flammen, die im nächsten Moment auf ihn zuraste.

Central Intelligence Agency, Field Ops Centre, Bagdad, Irak

»Hoffentlich ist das wirklich wichtig!«, murrte Steven Kaminsky, der Leiter der Operation, als er sein Büro verließ. Er bemühte sich so gut wie möglich, den Schmerz in seinem unteren Rückenbereich zu ignorieren – ein Bandscheibenschaden, der noch von einer alten Highschool-Verletzung herrührte, die er sich beim Football zugezogen hatte. Der Schmerz kam und ging, trat jedoch in den letzten Jahren häufiger und mit größerer Intensität auf.

Der heutige Tag war bislang ziemlich mies verlaufen, und nach dem aufgeregten Anruf zu urteilen, den er gerade entgegengenommen hatte, würde er wohl auch kaum besser werden.

Die Grube, wie die etwa 460 Quadratmeter große Bürofläche genannt wurde, war bis in den kleinsten verfügbaren Winkel mit Computerterminals vollgestopft und erinnerte eher an ein Mission-Control-Center der NASA. Ein durchaus passender Vergleich, weil diese Räumlichkeit in vielerlei Hinsicht eine ganz ähnliche Funktion erfüllte. Die Computer in diesem Raum erlaubten den Operators, eine Flotte von zwanzig Predator-Drohnen zu kontrollieren, die über das ganze Land verteilt waren.

Es herrschte rege Betriebsamkeit. Den besorgten Mienen und der angespannten Atmosphäre nach zu urteilen, waren die Neuigkeiten, die ihn erwarteten, nicht sonderlich gut.

»Was ist los?«

Nur wenige Augenblicke später stand Pete Faulkner neben ihm. Er war als Floor Officer für den reibungslosen Betrieb der zwanzig Computerterminals in der Grube verantwortlich. Faulkner war erst um die vierzig, wirkte jedoch mit seinem überquellenden Schmerbauch, der stets sorgenvoll gefurchten Stirn und dem schütteren grauen Haar mindestens zehn Jahre älter. Er war immer müde, immer außer Atem und immer verschwitzt.

»Wir haben ein Problem«, kam er ohne Umschweife zur Sache.

Kaminsky verzog das Gesicht. »Hab ich gehört. Worum geht es?«

Faulkner deutete auf Terminal 6, um das sich eine Gruppe sehr besorgt wirkender Techniker scharte. Die Flachbildschirme, die Daten von den Bordkameras und den Instrumenten der Predator-Drohne zeigen sollten, waren schwarz.

»Wir haben vor drei Minuten den Kontakt mit einer unserer Drohnen über Mosul verloren«, erklärte der Bürochef, als sie zu der Nische gingen. »Daten, Telemetrie, das komplette Programm.«

Kaminskys Miene verfinsterte sich. »Wurde sie abgeschossen?«

Faulkner schüttelte den Kopf. »Sie kreiste in zehntausend Fuß Höhe. Das Einzige, das sie aus dieser Höhe hätte holen können, wäre eine Boden-Luft-Rakete. Wir haben keinerlei Zielerfassungswarnungen bekommen, bevor wir den Kontakt verloren haben.«

»Technisches Versagen?«

»Möglich«, räumte Faulkner ein. »Ist aber eher unwahrscheinlich. Es sei denn, es hätte einen katastrophalen Triebwerkschaden gegeben. Sonst hätten wir an den Daten irgendetwas erkennen können, bevor der Vogel von den Bildschirmen verschwunden ist. Machen Sie mal Platz, Gentlemen!«

Die Techniker, die sich um das Terminal drängten, teilten sich wie das Rote Meer. Sie bildeten eine Gasse, an deren Ende ein junger Mann vor dem letzten Bildschirm saß, der noch Funktionen der Drohne zeigte.

Terminal 6 und die entsprechende Drohne unterlagen seiner Verantwortung. Er wusste, dass er keinen Fehler gemacht hatte, aber wenn diesem mehrere Millionen Dollar teuren Fluggerät etwas passiert wäre, würde er als Erster dafür verantwortlich gemacht werden.

»Irgendwelche Informationen, Hastings?«, erkundigte sich Kaminsky.

Hastings schüttelte den Kopf, ohne den Blick von dem Bildschirm zu nehmen. »Ich kann keinen Fehler finden, Sir. Triebwerke, Instrumente, Bordcomputer … alles hat tadellos funktioniert, bis wir den Kontakt verloren haben. Als hätte sie sich einfach… in Luft aufgelöst.«

»Falls sie noch in der Luft ist, fliegt sie jetzt also ohne direkte Kontrolle.« Kaminsky sah Faulkner an. »Setzen Sie sich mit der Flugsicherung in Verbindung. Finden Sie heraus, ob sie noch fliegt.«

Bockmist, dachte er, hoffentlich befindet sie sich nicht über irgendwelchen Wohngebieten. Die Drohne war zwar unbemannt, aber sie war trotzdem ein Flugzeug mit Triebwerken und Treibstoffreserven, ganz zu schweigen von der Munition, die sie an Bord hatte – eine Menge Zeug, das hochgehen konnte, wenn die Drohne mitten in einer Stadt abstürzte.

»Wenn sie nicht mehr von außerhalb gesteuert wird, aktiviert sich sofort das automatische Flugkontrollprogramm«, versicherte ihm Faulkner.

Kein großer Trost.

»Vielleicht liegt das Problem ja an unserem Ende der Leitung?«, spekulierte Kaminsky.

»Die anderen Drohnen funktionieren reibungslos. Gäbe es ein Problem mit unserem Uplink, hätten wir den Kontakt zu sämtlichen Drohnen verloren.«

Kaminsky setzte zu einer Antwort an, doch bevor er etwas sagen konnte, flammten die Monitore des Terminals auf. Die Datenübertragungen liefen wieder über die Bildschirme, die Telemetriedaten meldeten wieder den Status des mehrere Hundert Meilen entfernten Fluggerätes.

Faulkner sah den Techniker an. »Was haben Sie gemacht?«

»Nichts, Sir. Der Kontakt wurde urplötzlich von selbst wiederhergestellt.«

Kaminsky fluchte leise, griff in seine Tasche und zog eine Lesebrille heraus, um die Monitore genauer zu studieren. Mit Anfang fünfzig brauchte er die Brille dringender, als er zugeben mochte.

»Ich will eine umfassende Systemdiagnose, und zwar sofort«, befahl er, während sein Blick über die verschiedenen Monitore zuckte. Höhe, Richtung, Geschwindigkeit, Triebwerktemperatur, Treibstoffdruck… alles sah gut aus.

Er war so um den technischen Zustand des Fluggeräts besorgt, dass er fast die Bilder übersehen hätte, die von der auf den Boden gerichteten Kamera in der Nase der Drohne kamen. Die hochauflösende Digitalkamera sollte Bilder von Schlachtfeldern liefern und Daten sammeln und konnte selbst aus dreitausend Meter Höhe Gesichter von Personen am Boden erkennen.

Jetzt jedoch lieferte sie Bilder von irgendeinem städtischen Gebiet. Das Labyrinth aus schmalen Straßen, ummauerten Höfen und alten Sandsteingebäuden war typisch für die vielen uralten Städte im Irak.

Die Kamera zeigte eine vollkommen chaotische Szenerie.

Eins der Gebäude hatte einen Volltreffer abbekommen. Eine Wand war weggesprengt und ein Teil des Dachs eingestürzt. Rauch und Flammen quollen aus dem zerstörten Bauwerk, während Rettungskräfte und Feuerwehrleute versuchten, sich den Weg durch diesen Ort der Zerstörung zu bahnen und nach Überlebenden zu suchen. Überall auf den Straßen um das Gebäude herum lagen reglose Gestalten. Leichen.

»Sir.«

Kaminsky riss seinen Blick von dem Monitor los und sah Hastings an. Der junge Mann war bleich, und auf seiner Stirn schimmerte eine dünne Schweißschicht. Er sah aus, als müsste er sich gleich übergeben.

»Was ist?«

Hastings schluckte schwer. »Die Predator hat alle drei Hellfire-Raketen abgeschossen.«

In den Blicken sämtlicher Anwesenden im Raum spiegelten sich Schock und Unglauben. Niemand sagte ein Wort.

Kaminsky nahm langsam und umständlich seine Lesebrille ab und drehte sich zu seinem Untergebenen um. »Pete, wir sollten Langley verständigen, sofort.«

2

Washington, D.C., 7. Mai 2007

Es war ein feuchter, kühler Sonntagmorgen in der Hauptstadt. Der Nebel hing tief über den schlammigen Fluten des Potomac. Die Sommertage in Maryland waren heiß und drückend, begannen morgens jedoch oft kühl und neblig.

Ein einsamer Jogger trabte unter den tropfenden Blättern, folgte einem schlammigen Pfad, der sich durch den Anacostia-Park schlängelte. Einem flüchtigen Beobachter wäre er kaum aufgefallen: Mitte dreißig, durchschnittliche Statur, kaum über einen Meter achtzig. Sein kurzes, dunkles Haar war schweißnass; er hielt den Kopf gesenkt und den Blick auf den Weg vor sich gerichtet.

Irgendein anonymer Bürokrat, irgendein Angestellter der Administration, der gegen Bierbauch und zu hohen Blutdruck ankämpfte. Die Sorte Mann, der man auf den Straßen dauernd begegnete und die man sofort wieder vergaß.

Jenen jedoch, die sich die Mühe machten, genauer hinzusehen, zeigte sich ein anderes Bild. Obwohl der Mann müde war, bewegte er sich selbstsicher und zielstrebig, behielt ein stetiges, raumgreifendes Tempo bei, lief in einem Rhythmus, der jedem Soldaten überall auf der Welt bekannt vorgekommen wäre.

Der Blick seiner Augen, der scheinbar gelassen auf den schlammigen Boden vor ihm gerichtet war, zuckte häufig nach links und nach rechts. Der Jogger nahm seine Umgebung rasch auf und vergewisserte sich permanent, was um ihn herum vorging.

Jeder, der nur ein wenig Bescheid wusste, hätte erkannt, dass dieser Mann kein Schreibtischhengst war.

Ryan Drake versuchte das Brennen in seiner Lunge zu ignorieren, ebenso den Schmerz in seinen Beinen, und warf einen Blick auf seine Armbanduhr. Er las die Zeit ab und verglich sie mit den ihm bekannten Landschaftspunkten um ihn herum. Er kannte diese Strecke genau und wusste, wo er zu jedem gegebenen Zeitpunkt sein sollte. Und da war er heute nicht.

Er hing zurück.

»Mist«, murmelte er und strengte sich noch mehr an, um die verlorene Zeit aufzuholen. Er achtete nicht auf die Erschöpfung, die ihn überkam, kümmerte sich nicht um sein heftig pochendes Herz oder das Brennen in seinen Muskeln. Nichts davon spielte eine Rolle. Fest auf sein Ziel fixiert, trabte er entschlossen weiter.

Er hatte irgendwo gelesen, dass Laufen angeblich Endorphine und andere Wohlfühlchemikalien im Gehirn freisetzte. Ihm war das bisher allerdings noch nie passiert. Vielleicht war sein Hirn einfach nicht so vernetzt.

Jedenfalls kam er üblicherweise von seinen morgendlichen Ausflügen erschöpft, verschwitzt und häufig von einem Regenschauer durchnässt nach Hause. Neben dem feuchten Klima in D.C. wirkte England, wo er groß geworden war, fast schon tropisch.

Er verließ den ruhigen Park und lief über die Maryland Avenue direkt auf die hohe Kuppel des Kapitols zu. Fast alle großen Geschäftsstraßen in D.C. liefen an diesem Gebäude zusammen wie die Sprossen eines gigantischen Rades. Solange man das Kapitol sehen konnte, war es fast unmöglich, sich in der Stadt zu verlaufen.

Sonntagmorgens um fünf Uhr dreißig gab es nicht viel Verkehr auf den Straßen. Ein paar Lieferwagen machten ihre Runde, und einige arme Schweine waren unterwegs zu ihrer Arbeit in irgendeinem Büro oder einer Regierungsdienststelle. Die meisten wirkten noch ziemlich übernächtigt und umklammerten ihre Styroporbecher mit Kaffee, als hinge ihr Leben davon ab.

Das konnte er gut nachvollziehen.

Drake lief am Kapitol vorbei nach Westen, durch den Henry Park zum Washington Monument.

Der riesige, von Bodenscheinwerfern angestrahlte Marmorobelisk erhob sich strahlend weiß vor dem dämmrigen Hintergrund des frühmorgendlichen Himmels. Für viele Menschen war dieses Bauwerk ein Symbol Amerikas, ein unbeugsames Monument der Demokratie und aller Werte der westlichen Zivilisation. Für ihn bedeutete es, dass er mit seiner Runde fast fertig war.

Noch ein Stück weiter lag das Lincoln Memorial Building am Ende des Reflecting Pool, unmittelbar vor dem Potomac. Das war seine Ziellinie.

Er sammelte seine letzten Energiereserven und lief mit aller ihm verbliebenen Kraft an der Längsseite des Wasserbeckens vorbei.

Er krümmte sich fast vor Anstrengung, als er die fünfundachtzig Stufen zum Fundament des Obelisken hinaufstieg. Fünfundachtzig Stufen, von denen jede einzelne einen schmerzhaften Stich durch seine müden und wunden Muskeln schickte und seine ohnehin schon mageren Kraftreserven weiter aufzehrte.

Schließlich stolperte er auf das Fundament, atemlos und erschöpft, und umklammerte Halt suchend eine der Steinsäulen.

Er fühlte sich schlicht und einfach beschissen. Seine Muskeln schmerzten, seine Lunge brannte, und sein Kopf pochte bösartig. Immer noch nichts von diesen geheimnisvollen Endorphinen zu spüren, dachte er und grinste spöttisch. Aber das Lächeln erlosch rasch, als er einen Blick auf seine Uhr warf. Er war eine Minute langsamer gewesen als am Tag zuvor.

Als junger Soldat des Special Air Service, vor zehn Jahren, war er solche Strecken zum Aufwärmen gelaufen. Jetzt brachte es ihn fast um, wenn er versuchte, sie auch nur irgendwie zu bewältigen.

Er schloss die Augen, während das Blut in seinen Ohren rauschte und die Übelkeit ihn wie eine Ziegelmauer traf. Aber er litt nicht an einer Verletzung oder an der Erschöpfung durch diesen körperlichen Kraftakt. Es war schlicht und einfach ein Kater.

Es dauerte etliche Minuten, bis die Übelkeit nachließ und er sich wieder so weit unter Kontrolle hatte, dass er es wagte, sich gerade hinzustellen. Er holte tief Luft, stieß sich von dem Pfeiler ab und lief die Treppen wieder hinunter. Nach Nordwesten, zur Roosevelt Bridge, die die Grenze zwischen Maryland und Virginia markierte.

Unterwegs blieb er an einem Coffeeshop stehen, bestellte sich eine Flasche Wasser, einen Milchkaffee ohne Zucker und einen Bagel mit Schinken und Käse. Das war zwar nicht gerade das Frühstück der Champions, aber was hieß das schon? Es war niemand da, der ihn deswegen kritisieren konnte.

Er leerte die Wasserflasche in einem Zug und verließ gerade mit dem Bagel in der Hand den Laden, als das Handy in seiner Tasche vibrierte. Mürrisch fischte er es heraus und überprüfte, wer der Anrufer war. Dan Franklin (Job).

Mist!

Franklin war ein Freund aus seinem früheren Leben beim Militär und zurzeit eine Kombination aus Arbeitgeber, Manager und gelegentlich auch finanziellem Rettungsanker. Drake gab es zwar nicht gerne zu, aber er hatte es Franklin zu verdanken, dass er eine Arbeit und ein Dach über dem Kopf besaß.

Das Telefon, von dem aus er angerufen wurde, stand auf Franklins Schreibtisch in Langley, ein schlechtes Zeichen, wie Drake fand. Wenn man von seinem Chef an einem Sonntagmorgen um sechs Uhr früh angerufen wurde, war es höchst unwahrscheinlich, dass er einen zu einem Tee einladen wollte. Vor allem, wenn dieser Boss für die Central Intelligence Agency arbeitete.

Da braute sich etwas Übles zusammen. Er spürte es in seinen Knochen.

Er nahm das Gespräch an, während er sich schon innerlich gegen die schlechten Nachrichten wappnete.

»Dan…«, sagte er zögernd.

»Ryan, wo bist du im Moment?« Franklin hielt sich nicht lange mit Begrüßungen auf.

»Schönen guten Morgen«, antwortete Drake sarkastisch. Er wünschte, er hätte das Handy zu Hause gelassen.

»Es ist ernst. Wir müssen reden.«

Drake runzelte die Stirn. »Worüber genau?«

»Nicht am Telefon. Du musst herkommen.«

»Nun komm schon, Mann. Es ist Sonntag«, erinnerte ihn Drake. »Und außerdem ist es mein erster freier Tag seit drei Wochen.«

Himmel! Er hatte gerade den Abschlussbericht mitsamt Zeugenaussagen und dem ganzen anderen Mist von seiner letzten Operation abgegeben. Wenn Franklin ihn wegen irgendeiner unklaren Aussage oder eines verlorenen Dokuments anrief, würde er ihm gern sagen, wohin er sich das alles stecken konnte.

»Oh, wirklich, du rührst mich tatsächlich zu Tränen«, erwiderte Franklin ohne einen Funken Mitgefühl.

»Sehr komisch.« Drake biss von seinem Bagel ab, während er weiterging. Dann hielt er sich das andere Ohr zu, um das Geräusch des Verkehrs auf der nahen Hauptstraße zu dämpfen. »Geht es um die Einsatzbesprechung?«

»Schön wär’s. Nein, das hier ist was Neues. Und es ist wichtig. Dabei mischen Leute mit, die mit richtig großen Gehaltsschecks wedeln, wenn du weißt, was ich meine.«

Tatsächlich? Ich wette, kein einziger dieser Schecks landet auf meinem Konto, dachte Drake in einem Anflug von Widerwillen. Angesichts der Art seiner Arbeit war die Bezahlung, gelinde gesagt, höchst unbefriedigend.

»Das könnte eine große Chance sein, Ryan.«

»Für wen?« Drake konnte sich diese Frage nicht verkneifen.

Franklin schwieg einen Moment. »Hör zu, man hat mir befohlen, jemanden für einen Job zu empfehlen. Ich habe denen gesagt, du wärest einer unserer besten Case Officers. Spiel jetzt nicht das Arschloch und blamier mich.«

»Du bist ja so gut zu mir, Dan.«

»Wofür sind Freunde denn sonst da?«, erkundigte sich Franklin mit einem kurzen Aufblitzen seines Humors. »Hör zu, komm einfach rein und hör dir an, was wir zu sagen haben. Ich will deine professionelle Meinung in diesem Fall hören. Hast du Interesse, sehen wir weiter. Wenn du glaubst, es ist unmöglich… besprechen wir das, falls sich diese Frage stellt, okay?«

Drake seufzte. Er hatte sich für heute noch nichts vorgenommen, was an sich eine sehr willkommene Abwechslung war. Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte er keine Aufgabe zu erledigen, musste keine Berichte schreiben, brauchte nicht an irgendwelchen Einsatzbesprechungen teilzunehmen oder Pläne zu überprüfen. Er konnte es sich leisten zu entspannen.

Aber ihn beschlich das ungute Gefühl, dass er sich auch von dieser Idee verabschieden konnte.

»Aber ich verspreche nichts«, knurrte er.

3

Central Intelligence Agency Headquarter, Langley, Virginia

Als Drake sich dem Konferenzzimmer näherte, in dem Franklin lauerte, warf er noch einmal einen Blick auf seinen dunkelgrauen Anzug. Er widerstand der Versuchung, eine Falte am linken Ärmel zu glätten. Nachdem er mit dem Taxi nach Hause gefahren war, hatte er geduscht und sich hastig angekleidet, war dann ins Auto gesprungen und hatte sich durch den morgendlichen Verkehr gekämpft. Er hatte nicht einmal Zeit gehabt, sich zu rasieren.

Es mochte Sonntag sein, aber in Langley war so etwas wie Freizeitkleidung undenkbar. Anzüge, frisch gebügelte Hemden, Krawatten und auf Hochglanz polierte Schuhe waren hier das Gebot der Stunde. Die Leute sahen immer aus, als wären sie einem Katalog für Bürokleidung entsprungen, und irgendwie beschlich ihn stets das Gefühl, er würde den Ansprüchen nicht genügen.

Er war hier ein Außenseiter, was man ihn unterschwellig auch immer spüren ließ. Ein Brite, der für die CIA arbeitete, war schon ungewöhnlich genug, und längst nicht alle Mitarbeiter begrüßten das. Außerdem konnte er nicht einmal auf eine lange Vergangenheit beim Geheimdienst verweisen.

Er war Soldat, kein Schnüffler. Jedenfalls war er einmal ein Soldat gewesen. Jetzt bewegte er sich in einer seltsamen Grauzone, wo seine hart erworbenen Fähigkeiten immer noch gefragt waren, nur dass die Auftraggeber gewechselt hatten.

Vor der Tür zögerte er. Wer zur Hölle würde mit Franklin dort in dem Raum auf ihn warten? Und was würden sie von ihm verlangen? Was konnte so gravierend sein, dass sie ihn so früh an einem Sonntag hierher zitierten?

Zudem war er heute nicht gerade in Hochform. Sein Gehirn war immer noch durch diese Kombination aus Erschöpfung und Kater wie vernebelt.

Doch jetzt war es zu spät, um zu kneifen. Besser, es hinter sich zu bringen. Er sammelte sich, griff nach der Klinke und öffnete die Tür.

In dem Konferenzzimmer hätten mindestens zehn Leute bequem Platz gefunden. Ein langer Tisch mit spiegelblank polierter Holzplatte stand in der Mitte. An den beiden Stirnseiten des Raumes waren Flachbildschirme montiert, die zweifellos für Videokonferenzen und Präsentationen benutzt wurden.

Die Ausstattung war vom Feinsten: wertvolle Teppiche, mit Holz vertäfelte Wände, teure, mit Leder gepolsterte Konferenzstühle, das volle Programm. Selbst die Kaffeekannen waren aus Silber und keine dieser billigen Plastikthermoskannen, die Drake gewöhnt war.

Die gesamte Außenwand bestand aus einem verspiegelten Fenster, aus dem man einen beeindruckenden Blick auf die umliegenden Wälder und den Potomac hatte. Es wurde allmählich heller, die Sonne ging auf und vertrieb den morgendlichen Nebel. Es würde ein weiterer heißer, schwüler Tag werden, aber hier drin würde man nichts davon merken. Die Klimaanlagen hielten die Raumtemperatur konstant bei achtzehn Grad Celsius, unabhängig vom Wetter.

In dem großen Raum befanden sich nur zwei Männer. Beide saßen am Tisch, vor sich etliche Mappen und Aktenordner.

Der jüngere der beiden war Dan Franklin.

Franklin war achtunddreißig Jahre alt und hatte den größten Teil seiner militärischen Laufbahn bei der US-Marine gedient. Er stammte aus einer vornehmen Familie von Militärs und trug die schwere Bürde auf den Schultern, die so etwas mit sich brachte – Absolvent von West Point, unter den Besten seines Jahrgangs, eben der typische Karrierehengst.

Er hatte in einer Eliteeinheit, der Special Operation Group, gearbeitet und böse Jungs in Afghanistan gejagt. Vor ihm hatte eine lange, herausragende Karriere gelegen, bis sein Humvee-Jeep auf eine Landmine gefahren war. Zahllose Granatsplitter und Metallstücke des Fahrzeugs hatten sich in seine Beine und sein Rückgrat gebohrt.

Nach einer sehr schwierigen Rehabilitationsphase hatte er übergangsweise für den militärischen Geheimdienst gearbeitet, bevor die CIA ihn abgeworben hatte. Ein solches Angebot lehnte man nicht ab. Jetzt arbeitete er bereits seit fünf Jahren in Langley.

Schreibtischarbeit mochte seinen derzeitigen körperlichen Fähigkeiten angemessen sein, aber trotz der Verletzungen, die seiner militärischen Karriere ein Ende bereitet hatten, war Franklin immer noch schlank und durchtrainiert. Er trug sein dunkelblondes Haar kurz geschnitten, seine Anzüge waren stets frisch gebügelt, und er strahlte die Art von Selbstsicherheit aus, wie sie für seinen militärischen Hintergrund typisch war. Er nickte grüßend, und seine funkelnden graublauen Augen verrieten seine Intelligenz.

Der zweite Mann war älter, wahrscheinlich Mitte fünfzig. Sein ergrauendes Haar zeigte bereits Geheimratsecken, und er hatte scharfe Falten um Mund und Augen. Trotzdem war er noch gut in Form, jedenfalls seiner schmalen Taille und seinen breiten Schultern nach zu urteilen. Er zeigte keinerlei Spuren der Erschlaffung, gegen die Männer in diesem Alter gewöhnlich zu kämpfen hatten. Sein kantiges Gesicht wirkte wie das eines Filmstars, und die schmale Lesebrille auf seiner Nase stand ihm ausgezeichnet.

Obwohl er etwas seltsam Vertrautes an sich hatte, konnte Drake ihn nicht unterbringen. Trotzdem, dieser eine Blick genügte als Bestätigung, dass er eins dieser »hohen Tiere« war, auf die Franklin angespielt hatte. Das mit dem großen Gehaltsscheck kam sicher hin. Sein Anzug hatte vermutlich mehr gekostet, als Drake im Monat verdiente, und er strahlte die einschüchternde Autorität eines Mannes aus, der es gewohnt war, dass man seinen Befehlen gehorchte. Dieser Bursche bewegte sich in Kreisen, zu denen Drake niemals Zugang bekommen würde.

Beide Männer standen bei seinem Eintreten auf, um ihn zu begrüßen. Franklin bewegte sich ein bisschen langsamer als der andere Mann, versuchte aber, das zu verbergen. Selbst mehrere Operationen am Rückgrat hatten den Schaden, den die Mine hinterlassen hatte, nicht beseitigen können. Wenn er länger als eine Viertelstunde dasaß, ohne sich zu bewegen, führte das zu schmerzhaften Muskelverkrampfungen. Deshalb marschierte er bei längeren Konferenzen häufig auf und ab.

»Ryan, gut, dich im Boot zu haben.« Er deutete auf den Mann neben sich. »Ich möchte dir Marcus Cain vorstellen, Direktor der Special Activities Division.«

Drakes Herz schlug ein paar Takte schneller. Jetzt wusste er, warum ihm dieser Kerl so bekannt vorkam.

Marcus Cain war eins der hohen Tiere in der komplexen Hierarchie der CIA. Als Direktor der Special Activities Division gab es auf dem ganzen Globus keine verdeckte Operation, die er nicht genehmigt hatte. Letztlich war er für all jene Aktionen verantwortlich, welche die US-Regierung erledigt haben wollte, ohne das jemals offiziell zugeben zu können.

Cain lächelte, als er um den Tisch herumging und Ryan die Hand schüttelte. »Tut mir leid, Sie so kurzfristig hierher zu beordern, Ryan. Wie ich hörte, haben Sie eigentlich gerade Urlaub?«

Er hatte einen festen Händedruck, lächelte entspannt und selbstbewusst. Er wirkte wie ein Filmstar, der sich unter seine glühendsten Fans mischte.

Franklin warf Ryan einen scharfen Blick zu, als wollte er irgendwelchen Protesten zuvorkommen, falls dieser verrückt genug gewesen wäre, sie zu äußern. Aus irgendeinem Grund kam sich Drake plötzlich wegen seines Gejammers am Telefon vorhin dumm vor. Hatte Cain das Gespräch vielleicht mitgehört?

»Nicht der Rede wert, Sir«, log er.

Cains amüsiertes Lächeln verriet, dass er sich nicht eine Sekunde täuschen ließ. Aber er kommentierte die Angelegenheit nicht weiter.

»Jedenfalls weiß ich es zu schätzen, dass Sie so schnell hergekommen sind.« Er deutete auf einen freien Stuhl. »Bitte, setzen Sie sich. Kaffee?«

»Nein danke.«

Nachdem Drake sich gesetzt hatte, ging Cain zu seinem eigenen Stuhl zurück und schenkte sich eine Tasse ein. »Dan hat mir gesagt, dass Sie gut in Ihrem Job sind«, fuhr er beiläufig fort, während er an seinem Kaffee nippte. »Genauer gesagt, seinen Worten habe ich entnommen, Sie seien einer der besten Case Officers auf unserer Lohnliste. Trifft diese Einschätzung zu?«

Drake war der Leiter eines Special Investigation Teams, einer kleinen, aber sehr produktiven Untereinheit der Special Activities Division. Sie war gebildet worden, um vermisste CIA-Agenten aufzuspüren und wenn möglich nach Hause zu bringen.

Die CIA beschäftigte Tausende von Agenten oder vielmehr Operatives, wie sie im internen Sprachgebrauch hießen, und zwar überall auf dem Globus. Ihr Aufgabenbereich reichte von Informationsbeschaffung über Spionage, Entführungen, politische Interventionen und Anschläge bis hin zu Undercover-Kommandos.

Es war unausweichlich, dass einige dieser Operatives verloren gingen und sich nicht mehr meldeten. Entweder weil man ihre wahre Identität aufgedeckt hatte und sie bei einem Auftrag getötet oder verletzt worden waren; oder aber, in selteneren Fällen, weil sie sich gegen ihren ehemaligen Arbeitgeber gestellt hatten.

Welchen Grund für ihr Verschwinden es auch geben mochte, es war von entscheidender Bedeutung herauszufinden, was genau ihnen zugestoßen war. Wenn sie gefangen genommen oder entführt worden waren: Hatten sie geredet? Falls sie als Geiseln gehalten wurden: War es möglich, sie zu befreien? Und wenn sie übergelaufen waren: Wie groß waren die Chancen, sie auszuschalten, bevor sie ernsthaften Schaden anrichten konnten?

Es war die Aufgabe solcher Special Investigation Teams, Antworten auf diese Fragen zu liefern. Man nannte sie Shepherd Teams, und es war ihr Job, sämtliche Hinweise über verschwundene Operatives zu sammeln, sie zu finden und sie wenn möglich wieder in den Schoß der Firma zurückzuholen.

Die CIA verfügte über sechs ständige Shepherd Teams. Oder, genauer gesagt, über sechs ständige Case Officers, um die sich die jeweiligen Teams gruppierten. Drake war einer dieser Leiter. Sie bildeten den Kern, der den Rest des Teams nach Bedarf zusammenstellte.

Wieder spürte Drake, wie sein Herz schneller schlug. Cain stellte ihn auf die Probe, um zu sehen, wie er reagierte. »Ich würde sagen, Sie sind weit besser in der Lage, das zu beurteilen, als ich, Sir.«

Cain lächelte. »Typisch britisches Understatement. Aber gut. Sie können sich glücklich schätzen, dass Ihr Ruf Ihnen vorausgeeilt ist.«

Er öffnete eine Mappe, die vor ihm auf dem Konferenztisch lag, und blätterte sie mit dem beiläufigen Interesse eines Mannes durch, der in einem Roman liest, den er bereits kennt. Drake brauchte einen Augenblick, bis er begriff, dass dies seine Personalakte war.

»Mal sehen… Sie sind ’97 zu den Fallschirmspringern gegangen, bevor Sie zwei Jahre später zur SAS kamen. Sie hatten zwei Einsätze in Afghanistan, das zweite Mal mit der Fourteenth Special Operations Group als Teil der ›Operation Hydra‹.« Interesse flackerte in seiner Stimme auf.

Drake verspannte sich. Es gab nur eine Handvoll Menschen auf der Welt, die von der Operation Hydra wussten, und ganz offensichtlich schien Cain einer davon zu sein. Er hatte die Sicherheitsstufe eines Direktors, und da war es nur natürlich, dass er eingeweiht war. Trotzdem überrumpelte seine beiläufige Bemerkung Drake. Allein den Namen zu hören genügte, um ihm einen kalten Schauer über den Rücken zu jagen.

»Sie wurden zweimal wegen Tapferkeit belobigt und zum Sergeant befördert, bevor Sie die SAS verlassen haben«, fuhr Cain fort. »Sie sind jetzt seit vier Jahren bei der Firma und haben die höchste Erfolgsquote sämtlicher Case Officers der letzten zehn Jahre. Ich nenne das eine ziemlich respektable Liste, Ryan.«

Drake sagte nichts dazu. Seine militärische Akte enthielt noch einiges mehr, das Cain taktvoll verschwiegen hatte. Offenbar hatte er vor, eine Charme-Offensive zu starten.

»Was auch ziemlich gut ist, weil wir jemanden mit Ihren Talenten benötigen.« Cain legte die Personalakte zur Seite und schob Drake eine Fotografie über den Tisch zu. »Werfen Sie mal einen Blick darauf.«

Drake drehte das Foto zu sich herum und beugte sich vor, um es zu betrachten. Unwillkürlich weiteten sich seine Augen, als er das Gesicht auf der Fotografie sah.

Es gehörte einer Frau, einer Weißen mit blasser Haut und blauen Augen. Ihr hellblondes Haar war kurz geschnitten und wies einen einfachen Seitenscheitel auf, von dem eine Strähne über ihr Gesicht fiel. Sie trug kein Make-up.

Das brauchte sie auch nicht.

Sie war wunderschön; hinreißend schön sogar. Sie hatte einen vollen Mund mit weichen Lippen, hohe Wangenknochen, eine schmale Nase und feine Gesichtszüge. Ihr gerader Kiefer formte ein festes, energisches Kinn. Die Form und die Symmetrie der Gesichtszüge waren von einer Harmonie, die in ihrer eleganten Perfektion faszinierte.

Ihr Alter war schwer zu schätzen, aber die weicheren Linien der Jugend in ihrem Gesicht waren klarer definierten, reiferen Zügen gewichen.

Am meisten fielen Drake jedoch ihre Augen auf. Sie waren von einem intensiven Eisblau und bannten seinen Blick, als wollten sie ihn nicht mehr loslassen. Selbst von dieser Fotografie schien sie durch ihn hindurchzublicken. Noch nie in seinem Leben hatte er solche Augen gesehen.

»Das ist das aktuellste Bild, das wir haben«, erklärte Cain. »Es wurde vor etwa sechs Jahren aufgenommen.«

»Wer ist sie?« Drake starrte immer noch auf das Foto.

»Ihre wahre Identität ist streng geheim, selbst für jemanden mit Ihrer Sicherheitsstufe. Ich kann Ihnen aber sagen, dass sie eine ehemalige paramilitärische Mitarbeiterin ist, die unter dem Codenamen Maras arbeitet. Sie hat von Mitte der achtziger Jahre an sogenannte Black Ops, verdeckte Operationen, durchgeführt. Vor vier Jahren wurde sie abtrünnig und ist verschwunden. Kurz gesagt, sie ist ein Relikt der schlechten alten Zeiten. Unglücklicherweise brauchen wir sie jetzt.«

Drake runzelte die Stirn. Das war nicht gerade eine sehr detaillierte Biografie. »Warum?«

»Die Zeiten ändern sich«, erwiderte Cain und zuckte gleichgültig die Achseln. »Selbst Relikte können ihren Nutzen haben. Sie müssen sie finden und für eine Einsatzbesprechung hierherbringen. Die gute Nachricht ist, dass wir wissen, wo sie sich aufhält. Allerdings ist das gleichzeitig auch die schlechte Nachricht.«

Cain griff erneut in die Mappe und schob Drake eine weitere Fotografie zu.

Es handelte sich vermutlich um die Aufnahme von einem Überwachungssatelliten. Die Qualität des Fotos war nicht besonders gut, aber sie genügte, um eine Art befestigte Einrichtung zu zeigen, die von schneebedeckter Wildnis umgeben war. Das Gebäude war ein einfacher, unauffälliger Würfel, der von einer hohen Mauer umgeben war, an deren Ecken Wachtürme standen und in dessen Mitte sich ein großer, freier Platz befand.

Es sah aus wie eine Burg oder eine Festung, und zwar eine ziemlich beeindruckende.

»Voilà. Das Khatyrgan-Gefängnis.«

»Davon habe ich noch nie gehört«, erwiderte Drake.

Cain hob eine Braue. »Dann dürfen Sie sich glücklich schätzen. Die meisten Leute, die dort enden, kommen nicht mehr zurück, um irgendwelche Geschichten erzählen zu können. Das Gefängnis wurde errichtet, um dort Russlands gefährlichste Kriminelle unterzubringen. Mörder, Mafiabosse, Terroristen, Staatsfeinde… Nennen Sie mir irgendein scheußliches Verbrechen, und Sie finden mit Sicherheit jemanden, der dort dafür einsitzt.«

Drake hielt plötzlich inne. »Russland?«

Cain nickte. »Sibirien, genauer gesagt. Republik Sakha. Das Gefängnis liegt mindestens einhundert Meilen von allem entfernt, was auch nur im Entferntesten an Zivilisation erinnert.«

Drake beschlich allmählich ein leichtes Unbehagen. Cain schlug vor, einen Gefängnisausbruch in einem souveränen Land zu inszenieren, das zudem noch über die weltgrößten Vorräte an Atomwaffen verfügte.

Er blickte hoch. »Sie meinen das ernst, hab ich recht?«

Cains Blick blieb vollkommen unnachgiebig. »Bedauerlicherweise, ja.«

»Können wir mit den Russen keinen Handel abschließen?«

Damit meinte Drake Bestechung. Mit ein paar Millionen Dollar kam man zurzeit in Russland ziemlich weit, und die CIA litt nicht gerade unter Geldmangel.

Cain schüttelte den Kopf. »Keine Chance. Sie ist viel zu wertvoll für die Russen. Und wenn wir Verhandlungen vorschlagen, riskieren wir unser Zeitfenster. Die Zeit drängt. Unsere einzige verlässliche Option in diesem Fall ist eine direkte Intervention. Sie muss schnell, lautlos und vor allem anonym erfolgen. Wenn die Russen Wind davon bekommen, dass die Agency dahintersteckt, haben wir ein ziemlich großes Problem.«

Was auch bedeutete, dass das betreffende Shepherd Team auf keinerlei Hilfe hoffen konnte, falls es erwischt oder gefangen genommen wurde.

Außerdem verstand Drake jetzt, warum sie ihn unbedingt im Boot haben wollten. Er war Brite und hatte keinerlei unmittelbare Verbindung zur CIA. Für einen Job wie diesen war er die ideale Wahl.

Drake lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und ließ sich ein paar Sekunden Zeit, um das Gehörte zu verdauen. Er hatte das Gefühl, als wäre er soeben in einem kitschigen Spionageroman gelandet.

»Nur damit ich Sie richtig verstehe«, sagte er dann. »Ich soll ein Team mitten in russisches Hoheitsgebiet führen, in ein Hochsicherheitsgefängnis eindringen, eine Gefangene finden und befreien, deren Namen ich nicht einmal kenne, mit ihr entkommen und sie auf US-amerikanischen Boden zurückbringen, ohne dass jemand herausfindet, wer dahintersteckt?«

»Das fasst es ziemlich gut zusammen«, bestätigte Cain. »Und die Uhr tickt, Ryan. Wir haben drei Tage Zeit. Wenn wir sie bis dahin nicht wieder auf US-amerikanischem Boden haben, ist es vorbei.«

Drei Tage, um die vermutlich schwierigste und gefährlichste Operation seiner ganzen Karriere zu planen und durchzuführen.

»Das ist… ein ziemlich anspruchsvoller Zeitplan.«

Zu seiner Überraschung lachte Cain. »Ich bin nicht der Papst, mein Junge. Sie können hier freiheraus sprechen. Genau genommen haben wir Sie genau deshalb ins Boot geholt. Ich will eine ehrliche, ungeschönte Einschätzung von Ihnen hören. Ist es möglich?«

Drake sagte nichts. Das Problem mit ehrlichen Antworten war, dass man sie nicht mehr zurücknehmen konnte, sobald man sie geäußert hatte. Er hatte genug Operationen geleitet, die in letzter Minute zusammengestückelt worden waren, und er hatte nur wenige angenehme Erinnerungen daran. Und dieser Job hier ließ keinerlei Spielraum für Fehler.

Er betrachtete die Fotografie des Gefängnisses und zögerte einen Moment, bevor er schließlich antwortete: »Es ist möglich.«

Cains Augen leuchteten. »Also machen Sie es?«

»Das habe ich nicht gesagt, Sir«, verbesserte ihn Drake. »Ich habe nur gesagt, es ist möglich, theoretisch jedenfalls. Aber Theorien neigen dazu, sich als fehlerhaft zu erweisen, sobald man auf der anderen Seite der Welthalbkugel auf feindlichem Territorium in einer geheimen Mission unterwegs ist. Wenn diese Mission schiefgeht, kommt keiner von uns lebend zurück.«

»Risiko gehört zu Ihrem Job«, erinnerte ihn Cain. »Wenn Sie sich das nicht zutrauen, dürfte es nicht allzu schwer sein, jemanden zu finden, der es tut.«

Die Veränderung, die bei dem älteren Mann vor sich ging, war erstaunlich. Ohne seine Haltung zu verändern oder auch nur einen Muskel zu rühren, hatte sich seine ganze Ausstrahlung gewandelt. Jetzt war er nicht mehr der lächelnde, liebenswürdige Filmstar, der Drake noch vor wenigen Minuten begrüßt hatte. Jetzt war er kalt, rücksichtslos und nüchtern. Er war der König auf diesem besonderen Schachbrett, und er hatte keine Zeit für Bauern wie Drake, es sei denn, sie waren in irgendeiner Hinsicht wertvoll.

»Bei allem Respekt, Sir, das glaube ich kaum«, erwiderte Drake ruhig und beherrscht. Wenn Cain unbedingt mit harten Bandagen kämpfen wollte, konnte er das haben. »Keiner der anderen Leiter der Shepherd Teams wird diesen Job annehmen. Sie haben weder die nötige Ausbildung noch den entsprechenden Hintergrund. Sie haben mich ausgesucht, weil ich geholfen habe, solche Kommando-Operationen in Afghanistan durchzuführen. Sie könnten natürlich auch irgendwelche Spezialeinheiten von außen dazuholen, zum Beispiel Delta Force oder Taskforce 88, aber dann hätten Sie entweder ein Problem mit der Verschwiegenheit, falls man sie erwischt, oder ein Problem mit dem Stillschweigen über die Operation, wenn sie klappen sollte. Welche Differenzen diese Maras auch mit der Agency hat, ich bin mir ziemlich sicher, dass es Ihnen lieber wäre, wenn diese Angelegenheit innerhalb der Firma bliebe und Stillschweigen darüber bewahrt würde. Also bleibe nur ich. Sie haben mich um eine ungeschönte Einschätzung der Lage gebeten«, fuhr Drake fort. »Also gut, meiner Meinung nach ist diese ganze Operation ein Kartenhaus, das jederzeit zusammenzufallen droht. Und jeder, der das Pech hat drinzusitzen, wenn das passiert, wird entweder getötet oder gefangen genommen, was in diesem Fall vielleicht noch schlimmer ist.« Er seufzte und blickte einen kurzen Moment zur Seite. »Ich schrecke nicht davor zurück, mein Leben aufs Spiel zu setzen, aber ich kann und werde kein Shepherd Team ohne einen verdammt triftigen Grund in diese Angelegenheit mit hineinziehen.«

Cain saß einige Sekunden nur da und betrachtete Drake nachdenklich. Drake seinerseits versuchte dem forschenden Blick des älteren Mannes standzuhalten und unterdrückte den wachsenden Drang zu schlucken.

»Ryan, ich habe Sie aufgefordert, offen zu sein, also werde ich Ihnen dieselbe Offenheit entgegenbringen«, sagte er schließlich. »Ich habe Ihnen erzählt, dass ich Ihr Dossier gelesen habe, lange bevor Sie hier hereingekommen sind. Ich weiß, was Ihnen da draußen zugestoßen ist, und auch, in welche Schwierigkeiten Sie geraten sind. Ich weiß, dass Sie vor ein Militärgericht gestellt und unehrenhaft aus der Armee entlassen wurden.«

Drake spürte, wie er die Zähne zusammenbiss.

Irgendwann landete er immer wieder an diesem Punkt. Die unehrenhafte Entlassung, die Demütigung, das Fiasko. All das klebte wie ein schwarzer Fleck an seinem Leben, eine Strafe, die ihm überallhin folgte, wohin er auch ging. Und dieser Makel haftete auch jedem Bewerbungsschreiben an, das er jemals verfasst hatte.

Die CIA war die einzige Organisation gewesen, die ihn hatte einstellen wollen, und das auch nur, weil Franklin mit einer solchen Zähigkeit für ihn gekämpft hatte, dass er seine eigene Karriere dabei fast aufs Spiel gesetzt hatte. Das würde Drake ihm niemals vergessen, ebenso wenig wie Franklin vergessen würde, was Drake einmal für ihn getan hatte.

Cain lächelte ein wenig, als genösse er Drakes Unbehagen. »Was wäre, wenn ich Ihnen jetzt sagen würde, dass ich all dies ändern könnte?«

Erneut beschleunigte sich Ryans Puls. »Wie?«

Cain zuckte mit den Schultern, als wäre die Sache ein Kinderspiel. »Wir alle kennen jemanden, der uns einen Gefallen schuldet, und in meiner Schuld stehen eine Menge Leute. Ich kann den Kriegsgerichtsrat dazu bringen, Ihren Fall neu aufzurollen, Ihre Verurteilung zu widerrufen und aus Ihren Personalakten zu löschen. Sie wären wieder ein unbeschriebenes Blatt. Sie könnten neu anfangen, entweder bei der Firma oder wo immer Sie wollen.«

Drake schwieg. Seine Gedanken überschlugen sich. Konnte dieser Mann das tatsächlich bewerkstelligen?

Selbstverständlich konnte er das. Cain bewegte sich in Kreisen, die Drake verschlossen bleiben würden. Er besaß Einfluss selbst auf den höchsten Ebenen, konnte Deals aushandeln und so ziemlich jeden bestechen oder einschüchtern. Seine Macht innerhalb der Firma und auch darüber hinaus war immens.

Cain bot ihm eine Chance, die er niemals wieder bekommen würde. Die Chance, seinen Namen reinzuwaschen. Eine Chance auf Wiedergutmachung.

Wie hätte er das ausschlagen können?

»Habe ich Ihr Wort?«, fragte er ruhig.

Cain lächelte. Es war das Lächeln eines Schachspielers, der lange vor seinem Widersacher wusste, dass er die Partie gewonnen hatte. »Wenn Sie mir helfen, setze ich mich für Sie ein. Darauf haben Sie mein Wort.«

Drake sagte nichts.

»Ich würde Ihnen gern mehr Zeit geben, um die Sache zu durchdenken, aber wir müssen schnell reagieren. Das hier ist Ihre Chance, Ryan. Vielleicht Ihre einzige Chance. Ich schlage vor, Sie ergreifen sie, in Ihrem eigenen Interesse.«

Drake blickte auf die polierte Oberfläche des Tisches und sagte nichts.

Es war seine Chance. Seine einzige Chance.

Seine Entscheidung war gefallen, noch bevor sein gesunder Menschenverstand Zeit hatte, Einspruch zu erheben.

»Ich brauche freie Hand, was Nachschub und Logistik angeht«, sagte er ruhig. »Und absolut alle Informationen über dieses Gefängnis, die wir haben.«

»Kriegen Sie.«

»Und ich wähle die Mitglieder meines Teams selbst aus«, setzte er hinzu.

»Einverstanden.«

Erneut warf Drake einen Blick auf das Foto von Maras. Ihre durchdringenden blauen Augen erwiderten seinen Blick, und es schien fast, als würde sie ihm direkt in die Seele blicken. Er verzichtete darauf, sich vorzustellen, was sie dort wohl sehen würde.

Ich hoffe, du bist es wert, dachte er.

»Also gut«, sagte er, ohne hochzublicken. »Ich bin dabei.«

4

Zelle 62, Khatyrgan-Gefängnis, Sibirien

Einundvierzig, zweiundvierzig, dreiundvierzig …

Die Gefangene 62 keuchte, und Schweiß tropfte ihr von der Stirn, als sie ihre schmerzenden Arme zwang, ihren Körper von dem eiskalten Betonboden hochzustemmen, um ihn dann langsam wieder zurücksinken zu lassen. Immer und immer wieder absolvierte sie dieselbe Übung, ohne zu pausieren oder sich zu erholen.

Vierundvierzig, fünfundvierzig…

Es hatte eine Zeit gegeben, wo sie einen Namen gehabt hatte. Maras; ein Codename, der von einem Mann stammte, dem sie einmal etwas bedeutet hatte. Davor hatte sie einen anderen Namen getragen, den Namen ihrer Eltern, die sie einst beschützt hatten. Beide Namen waren nur noch Geschichte. Khatyrgan kannte keine Namen. Hier war sie Gefangene 62, mehr nicht.

Ihre erhitzte Haut dampfte, als ihre Körperwärme in die winzige, unbeheizte Zelle ausstrahlte. Sie machte keine Geräusche während ihrer Übungen, atmete in kurzen, leisen Stößen, weil sie wusste, dass jeder Lärm möglicherweise die Wachen anlockte. Wachen mit Fäusten, Stiefeln und Gewehrkolben.

Sechsundvierzig, siebenundvierzig, acht…

Sie kamen immer zu mehreren, sodass sie ihnen in der winzigen Zelle wehrlos ausgeliefert war, weil sie sich hier nicht richtig bewegen, nicht kämpfen konnte. Wenn sie wütend waren, rachsüchtig oder einfach nur Lust auf eine kleine Abwechslung hatten, verprügelten sie sie, bis sie fast das Bewusstsein verlor, kurz davor war, die Dunkelheit anzuflehen, sie für immer zu verschlucken. Dann konnte sie sich nur zusammenrollen und warten, dass es aufhörte.

Als sie neu hier war, war es noch viel schlimmer gewesen. Bevor die Wärter gelernt hatten, ihr den wenn auch mürrischen und zögernden Respekt zu erweisen, den sie ihr mittlerweile zollten. In den ersten Monaten hatten sie versucht, sie mit Prügel gefügig zu machen, sie zu unterwerfen und zu brechen. Aber Gefangene 62 hatte nicht so reagiert wie die anderen Insassen. Sie kauerte sich nicht furchtsam zusammen und unterwarf sich auch nicht demütig.

Sie wehrte sich.

Die Wärter hatten häufig selbst Wunden und Prellungen davongetragen. Und mehr als ein unglücklicher Wachtposten musste von seinen Kameraden aus der Zelle getragen werden, stöhnend und blutend. Sie konnte kämpfen wie eine Raubkatze, und wenn es sein musste, schlug sie mit einer Wildheit zu, die selbst die Gefängniswärter verblüffte. Sie weigerte sich, am Boden liegen zu bleiben, und kam immer wieder hoch, so lange, bis sie einfach körperlich außerstande war aufzustehen.

Trotz der wilden Prügel, mit denen sie ihr den Widerstand vergalten, waren es die Wärter irgendwann überdrüssig geworden, ihre eigenen Blessuren pflegen und die Demütigung ertragen zu müssen, dass sie ihnen von einer Frau zugefügt worden waren. Die Schläge hatten aufgehört. Zum Glück, denn zu diesem Zeitpunkt war sie beinahe am Ende ihrer Kräfte angelangt.

Diese Tage gehörten zu den dunkelsten in ihrem Leben, und sie hatte viele dunkle Tage erlebt.

Neunundvierzig, fünfzig.

Mit einem letzten Stoß zog sie die Knie unter ihren Körper und erhob sich vom Boden. Sie ballte die Fäuste und löste sie wieder, um die Blutzirkulation anzuregen. Sie hatte sich die Hände wegen der Eiseskälte mit Lumpen umwickelt, aber das nützte nicht viel. In Khatyrgan war die Kälte allgegenwärtig.

Und sie war ihr wahrer Feind. Nicht die Wärter oder die anderen Gefangenen, sondern die erbarmungslose, gnadenlose Kälte.

Aus diesem Grund trainierte sie jeden Tag mit solch zäher Hartnäckigkeit. Deshalb war es das Erste, was sie tat, wenn sie morgens aufwachte, und das Letzte, bevor sie abends schlafen ging. Die Körperwärme, die diese Übungen erzeugten, hielt die Kälte in Schach, wenigstens für eine Weile.

Außerdem hatte sie nicht viel anderes zu tun. Sie wurde vierundzwanzig Stunden am Tag in Einzelhaft gehalten und sehr sorgfältig von dem Rest der Gefangenen getrennt. Sie wusste, dass es im Gefängnis einen Innenhof für den Freigang gab, aber sie hatte ihn seit dem Tage ihrer Ankunft nicht gesehen. Ebenso wenig wie die Sonne – in ihrer Zelle gab es kein Fenster.

Wie lange war das schon her? Zwei Jahre? Drei?

Sie wusste es nicht. Sie hatte jedes Zeitgefühl verloren.

Es war vielleicht auch besser, nichts zu wissen.

Diese Zelle war jetzt ihre Welt. Zwei Meter lang, zwei Meter fünfzig breit und etwa ebenso hoch. Eine Toilette. Ein Waschbecken. Ein schmales Bett mit einer verschlissenen Matratze und einer Decke an der Wand. Kein Fenster. Kahle Ziegelwände; sie hatte die Zahl der Ziegelsteine in jeder Wand gezählt. Eine einzelne schwache Glühbirne an der Decke, die ihre Nacht und ihren Tag bestimmte.

Ihre einzige Abwechslung war die zwanzigminütige wöchentliche Dusche, zu der man sie aus der Zelle ließ. Verständlicherweise immer nur in Begleitung von bewaffneten Wärtern.

Es gab keine Möglichkeit zur Flucht. Das wusste sie, weil sie monatelang jeden Tag über dieses Problem nachgedacht hatte – allerdings ohne Erfolg. Sie kam nicht aus ihrer Zelle heraus. Die Tür wurde mit einem einfachen Riegel auf der anderen Seite verschlossen, hatte eine Luke auf Augenhöhe, zur Beobachtung oder um das Essen hereinzureichen. Die Wärter kamen immer mindestens zu dritt zu ihr und zwangen sie, an die Wand zurückzutreten, wenn sie die Tür öffneten.

Die anderen Insassen dieses Gefängnisses hatten vielleicht Gelegenheiten zur Flucht, kurze Augenblicke, in denen sie nicht so streng bewacht wurden. Aber das galt nicht für sie. Wann auch immer sie nicht in diese Zelle gesperrt war, hielt man sie mit Waffen in Schach. Es war hoffnungslos.

Mehr als einmal hatte sie darüber nachgedacht, sich selbst zu töten. Das wäre nicht schwer gewesen. Sie wusste genau, wie man es anstellen musste.

Die einfachste und bequemste Methode zu sterben wäre ein Fluchtversuch gewesen, wenn sie zur Dusche gebracht wurde. Das hätte ihnen erlaubt, sie niederzuschießen. Allerdings bestand dabei die Möglichkeit, dass sie nicht sofort getötet wurde, sondern schwer verletzt und blutend liegen blieb. Schusswunden brauchten manchmal Stunden oder sogar Tage, bis sie zum Tode führten, und sie hatte nicht die geringste Lust, so qualvoll zu verrecken.

Aber es gab noch andere Optionen. Das Essen, wenn man es so nennen wollte, wurde auf stählernen Tabletts serviert. Sie waren billig, dünn und ziemlich primitiv, durch den jahrelangen Gebrauch mitgenommen und verbeult. Wenn sie ein Tablett immer wieder verbog, gelang es ihr vielleicht irgendwann, es zu zerbrechen. Mit der scharfen Bruchkante könnte sie sich dann die Pulsadern aufschlitzen. Es würde Stunden dauern, bevor die Wärter ihre Runde machten; genug Zeit, um zu verbluten.

Ebenso konnte sie die dünne Decke von ihrem Bett zerreißen, aus den Streifen ein primitives Seil knüpfen, es an der Halterung der Deckenlampe befestigen und eine Schlinge knoten. Natürlich musste sie sich auch die Hände auf dem Rücken zusammenbinden, bevor sie dann vom Rand ihres Bettes sprang. Denn ganz gleich wie entschlossen sie auch sein mochte, in dem Moment, in dem sich die Schlinge um ihren Hals zusammenzog, würde sie um ihr Leben kämpfen, das war ihr klar.

Und doch hatte sie bislang nichts davon getan. Etwas hatte sie immer daran gehindert. Vielleicht war es einfach nur die störrische Weigerung aufzugeben, als würde sie etwas dadurch beweisen, dass sie am Leben blieb.

Vielleicht war aber auch ihr Überlebenswille zu stark. Sie hatte einen so großen Teil ihres Lebens damit verbracht, um ihr Leben zu kämpfen, dass sie damit jetzt nicht einfach aufhören konnte.

Also wartete sie.

Sie wartete. Worauf, wusste sie nicht.

Niemand würde zu ihr kommen.

Niemand würde ihr helfen.

Niemandem bedeutete sie etwas.

All dies hatte sie schon vor langer Zeit akzeptiert.

Nachdem sie aufgehört hatte, sich zu bewegen, spürte sie jetzt die Kälte. Gefangene 62 holte tief Luft, kniete sich auf den Boden und begann mit ihren nächsten fünfzig Liegestützen.

5

Drake trank einen großen Schluck Kaffee, während er nachdenklich auf das Foto von Maras blickte, das an der Magnettafel vor ihm klemmte. Aus irgendeinem Grund wurde sein Blick immer wieder von diesem Foto angezogen.

»Sie ist beeindruckend, stimmt’s?«, bemerkte Franklin, als er registrierte, was Drake beschäftigte.

Das war die Frau tatsächlich. Aber es war mehr als nur die rein körperliche Attraktivität. Am stärksten faszinierte ihn, was dieses Gesicht zu verbergen schien: die Geheimnisse hinter diesen durchdringenden eisblauen Augen. Was hatte sie getan, dass sie an einen Ort wie Khatyrgan geraten war?

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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