Das Corona Beben - Friedrich Bodenkamp - E-Book

Das Corona Beben E-Book

Friedrich Bodenkamp

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Beschreibung

Die Corona-Krise ist nicht nur die größte Wirtschaftskrise seit dem zweiten Weltkrieg, sondern unterscheidet sich auch in vielen Aspekten von den anderen Wirtschafts- und Finanzkrisen der letzten Jahrzehnte. Sie hat andere Ursachen, einen anderen Verlauf, andere Einflussgrößen und andere Folgen als die Krisen, mit denen wir es bisher zu tun hatten. Dieses Buch beschäftigt sich im Schwerpunkt mit den Besonderheiten dieser einzigartigen Krise und deren ökonomischen Auswirkungen. Im Fokus stehen dabei unter anderem die psychologischen Effekte, die den Verlauf der Corona-Krise wesentlich bestimmt haben und noch bestimmen werden, sowie die komplexen Wirkungsgeflechte der unterschiedlichen Einflussgrößen und die wirtschaftspolitischen Möglichkeiten, um auf diese Krise zu reagieren.

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Seitenzahl: 194

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Friedrich Bodenkamp war über Jahrzehnte in Führungsfunktionen und als Berater von Großorganisationen tätig. Er hat dabei viele unterschiedliche Realitäten kennengelernt und war oft in den verschiedensten Formen des Krisenmanagements involviert. Sein Interesse gilt heute vor allem der Rolle des Menschen im Wirtschaftsgeschehen und der Analyse komplexer Systeme.

Inhaltsverzeichnis

VORWORT

DIE KRISE AUS DEM NICHTS

Eine Krise der anderen Art

Die Zeichen, die zunächst keiner verstand

Mit kurzer Vorwarnzeit

ANATOMIE EINES NIEDERGANGS

Eine Krise zeichnet sich ab

Ökonomische Schockwellen

Angebotsschock – einmal anders

Der Nachfrageschock

Ein Drama in mehreren Akten

Die Phasen der Krise

DIE WIRTSCHAFT IN DER KRISE

Die Lage nach dem Shutdown

Auslandsnachfrage

Binnenkonjunktur

Der private Konsum

Jenseits der Gleichungen

Ungewissheit

Angst vor Ansteckung

Angst vor Jobverlust und Pleite

Einschränkungen und Restriktionen

Psychologie als Wirtschaftsfaktor

KRISENMECHANISMEN

Leben in einer komplexen Welt

Nichtlinearitäten

Kipppunkte

Verzögerte Wirkungen

Wirkungsgeflechte in komplexen Systemen

Wenn sich Krisen selbst verstärken

Empfindliche Wertschöpfungsketten

Umgang mit komplexen Systemen

GLOBALISIERUNG

Corona ein Störfaktor in der globalen Wertschöpfung

Stehen wir am Ende der Globalisierung?

DIE ZEIT NACH DER KRISE

Krisen führen zu Veränderungen

Gewohnheiten

Einstellungen und Überzeugungen

Alte und neue Trends

Menschen und Unternehmen werden sich anpassen

SZENARIEN

Wie Szenarien geschaffen werden

Worst-Case-Szenario

Best-Case-Szenario

Moderates (verhalten positives) Szenario

Bewertung und Folgerungen

HILFEN VOM STAAT

Die abgewendete Katastrophe

Das Konjunkturprogramm nach dem Shutdown

Die Recovery Phase

Unvorstellbare Dimensionen

EUROPA IN DER KRISE

Die Lage der Eurozone vor Corona

Das Füllhorn auf Pump

Kurzfristige Wirkungen

Ein ungedeckter Scheck auf die Zukunft

FAZIT

Vorwort

Noch vor einem Jahr spielten Epidemien, Pandemien und Infektionsverläufe keine große Rolle in der öffentlichen Diskussion. Dazu war die Grippe einfach nicht gefährlich genug, Ebola zu weit weg und die Pest zu lange her.

Mit Corona hat sich das geändert. Heute gibt es nahezu keinen gesellschaftlichen, politischen oder wirtschaftlichen Bereich, in dem die Corona-Pandemie nicht dominant in Erscheinung tritt. Wie unsere Gesellschaft und die politische Landschaft nach der Pandemie aussehen werden, wissen wir nicht. Aber die wirtschaftlichen Folgen dieser Pandemie können wir heute bereits sehen und viele von uns auch recht schmerzlich spüren.

Was als regionales Infektionsgeschehen im fernen Asien begann, hat sich rasant ausgebreitet und binnen einiger Wochen Europa und den Rest der Welt erreicht. Kurz danach hat der bislang unbekannte Erreger zu einer der schwersten Wirtschaftskrisen der letzten hundert Jahre geführt. Einer Wirtschaftskrise, die in ihren Folgen durchaus mit der Weltwirtschaftskrise von 1929 oder der sogenannten Jahrhundertkrise 2008/2009 zu vergleichen ist. Worin die gegenwärtige Krise mit den früheren ökonomischen Katastrophen aber nur sehr bedingt vergleichbar ist, sind die Gründe für ihr Entstehen, ihre Dynamik und die Einflussfaktoren auf ihren Verlauf.

Allein das ist Grund genug, sich mit dieser Krise intensiv auseinanderzusetzen. Dabei müssen vor allem zwei Faktoren näher betrachtet werden. Das sind zum einen die staatlichen Maßnahmen, die getroffen werden mussten, um die Ausbreitung des Infektionsgeschehens einzudämmen und zum anderen der Mensch, der mehr noch als in anderen Krisen durch seine Ängste, Gefühle und Hoffnungen den Verlauf der Krise bestimmt und der der Schlüsselfaktor dafür ist, wie die Erholungsphase nach der Krise verlaufen wird.

Bei den staatlichen Maßnahmen zur Epidemiebekämpfung wird vor allem von Interesse sein, wie sich die einzelnen Maßnahmen auf das Wirtschaftsgeschehen auswirken und welchen Preis wir für den Schutz vor der Pandemie bezahlen. Bei der Betrachtung des Faktor Mensch stellt sich die Frage, welche Einstellungen und Gefühle in der Bevölkerung vorherrschen, was diese Einstellungen und Gefühle hervorgebracht hat, wie sie sich auf die wirtschaftliche Dynamik auswirken und wie sie sich unter dem Einfluss der Pandemie verändern.

Aus diesen Betrachtungen lassen sich Szenarien ableiten, die zwar die zukünftige Entwicklung der Krise nicht vorhersagen können, aber sehr deutlich zeigen, unter welchen Umständen welche Entwicklungen eintreten können und welche Maßnahmen notwendig sind, um ein Abgleiten der Krise in das sogenannte Worst-Case-Szenario zu verhindern.

Vor diesem Hintergrund lassen sich dann die wirtschaftspolitischen Maßnahmen bewerten, die bisher getroffen wurden und noch getroffen werden müssen. Dabei kann man die erstellten Szenarien auch in Zukunft noch nutzen, um damit nachzuvollziehen, wie sich die verschiedenen Einflussfaktoren über die Zeit auf die Entwicklung der Krise ausgewirkt haben und welche wirtschaftspolitischen Maßnahmen die gewünschten Effekte erzielten.

Die Krise aus dem Nichts

Eine Krise der anderen Art

Die großen Wirtschafts- und Finanzkrisen der letzten Jahrzehnte waren immer die Folge wirtschaftlicher Fehlentwicklungen. Sie entstanden zum großen Teil durch die hemmungslose Gier der Menschen und durch die Deregulation von Märkten. Sie entstanden auch durch abenteuerliche Finanzprodukte und durch den Verlust von Vertrauen in hoffnungslos überbewertete Anlageformen.

1997/98 in der Asienkrise war es eine Kreditblase, die platzte, als die ausländischen Investoren realisierten, dass sich ihre überhöhten Renditeerwartungen nicht realisieren lassen würden. Worauf sie ihr Kapital aus den asiatischen Ländern abzogen.

1998/99 in der Russlandkrise war es die hohe Fremdverschuldung Russlands in Kombination mit einer wenig leistungsfähigen russischen Wirtschaft, die zum Vertrauensverlust der Anleger und dem Abzug des Fremdkapitals führten. In Folge davon verfiel der Wert des Rubels und Russland wurde faktisch zahlungsunfähig.

2000 in der Dotcom-Krise war es das Platzen einer Aktienblase, die durch die spekulativ überbewerteten Aktien der neuen Technologiekonzerne entstanden ist.

Und 2007/08 war es eine spekulativ aufgeblähte Immobilienblase und ein System der Immobilienfinanzierung, das durch die Absicherung mit undurchschaubaren Finanzprodukten jede Verbindung zur realen Welt verloren hatte.

Auch wenn viele Menschen von diesen Krisen kalt erwischt wurden, kamen die Krisen an sich nicht überraschend. Immer waren es Entwicklungen, die sich langsam anbahnten, die über Jahre beobachtbar waren und die man bei rechtzeitigem Handeln mit wirtschafts- und finanzpolitischen Mitteln hätte verhindern oder zumindest deutlich abschwächen können.

Die gegenwärtige Krise ist anders. Sie resultiert nicht aus dem gierigen Verhalten von Spekulanten oder aus falschen wirtschafts- oder finanzpolitischen Entscheidungen einer Regierung, sondern aus den Maßnahmen, die notwendig waren, um eine weltweite Pandemie in den Griff zu bekommen. Deshalb konnte man diese Krise auch nicht vorhersagen oder verhindern.

Als die Nachricht von einer bislang unbekannten Lungenkrankheit, die in China ausgebrochen war, Europa und die USA erreichte, kam zunächst niemand auf die Idee, dass es sich hier um den Auslöser der größten Wirtschaftskrise seit 1929 handeln würde. Zu diesem Zeitpunkt wurde die heraufziehende Pandemie beinahe von allen offiziellen Stellen hoffnungslos unterschätzt.

Wenig später zeichnete sich dann aber ab, dass diese Infektionskrankheit eine andere Qualität hatte, als die üblichen Grippewellen. Insbesondere die Maßnahmen, die innerhalb kurzer Zeit weltweit getroffen wurden, waren nach Art und Umfang nicht vergleichbar mit den Maßnahmen in früheren Epidemien. Jedenfalls, wenn man nicht bis zur Spanischen Grippe 1918 zurückgeht. Aber so weit reicht weder unser individuelles, noch unser kollektives Gedächtnis zurück. Folglich fehlte zu Beginn der Corona-Krise auch jegliches Vorstellungsvermögen, welche Auswirkungen eine ernsthafte Epidemie oder gar Pandemie auf unsere Gesellschaft und unser Wirtschaftssystem haben könnte. Hinzu kam, dass man bei dem Wort Epidemie immer nur national dachte und keine Vorstellung davon hatte, was eine weltweite Pandemie für unser global ausgerichtetes Wirtschaftssystem bedeuten würde.

Die Zeichen, die zunächst keiner verstand

Als sich die Corona-Krise langsam entwickelte, dachte man noch nicht im Entferntesten daran, dass großflächige Schließungen von Geschäften, Restaurants, Produktionsstätten und öffentlichen Einrichtungen in Europa und den USA erforderlich sein würden, um die Pandemie in den Griff zu bekommen. Zu diesem Zeitpunkt konnte sich noch niemand vorstellen, dass innerhalb weniger Wochen erhebliche Teile der Weltwirtschaft beinahe stillstehen würden.

Noch im Januar 2020 wurde unter Wirtschaftswissenschaftlern diskutiert, wie schwer die chinesische Volkswirtschaft von der Corona-Epidemie betroffen sein würde und wie sich das auf europäische Länder auswirken könnte. Im Fokus dieser Überlegungen stand ausschließlich die epidemische Lage in China und eventuelle Fernwirkungen dieses Ereignisses auf die eigene Ökonomie. Daher wurde in diesem Zusammenhang nur diskutiert, wie sich eine Reduzierung der Nachfrage aus China auf europäische Exporteure auswirken könnte oder welchen Einfluss unterbrochene Wertschöpfungsketten auf die hiesige Wirtschaft haben werden. Dass dies alles der kleinere Teil des Problems sein würde und was wirklich auf uns zurollte, erkannte zu diesem Zeitpunkt niemand. Noch im Januar 2020 bewertete man die Corona-Epidemie als ein rein chinesisches, im höchsten Falle asiatisches Problem.

Da die Politik das genauso sah, verlor man wertvolle Zeit, um die Ausbreitung des Covid-19-Erregers im Rest der Welt einzudämmen oder zumindest zu verlangsamen. Frühere Kontrollen an den Flughäfen und Einreiseverbote aus Risikoländern wie China oder Iran hätten Europa mehr Reaktionszeit verschafft oder das Maß der später notwendigen Maßnahmen zumindest verringert.

Dass diese frühen Reaktionen ausblieben, lag aber zum Teil auch an der unzureichenden chinesischen Informationspolitik und an einem Mangel an Vorstellungsvermögen. Es lag aber auch daran, dass die westliche Welt scheinbar über kein wirksames politisches Frühwarnsystem verfügt, dass reale Lagebilder unabhängig von der chinesischen Propaganda hätte liefern können. So ein Frühwarnsystem wäre in diesem Falle nicht nur von hohem politischem Nutzen gewesen, sondern auch von Relevanz bei der Vermeidung und Eindämmung einer sich abzeichnenden Wirtschaftskrise.

Erst im Februar 2020 wurde langsam deutlich, dass sich die Corona-Epidemie weder epidemiologisch noch wirtschaftlich, auf China oder Asien eingrenzen lässt. Zwangsurlaubsphasen und Quarantänemaßnahmen in China führten jetzt immer häufiger zu den Unterbrechungen von Lieferketten, die bisher nur als vage Möglichkeiten diskutiert wurden. Dabei wurde auch langsam, aber schmerzlich, spürbar, was eigentlich jedem schon vorher hätte klar sein müssen. Autofabriken in Detroit, Wolfsburg oder Turin kommen schnell zum Stillstand, wenn nur einzelne wenige Zulieferteile fehlen, weil sie nicht mehr aus der Fabrik in Wuhan rollen oder weil sie in irgendeinem chinesischen Hafen hängenbleiben.

Erst jetzt erkannte man, wie schnell und intensiv sich die Probleme der chinesischen Volkswirtschaft auch auf den Rest der Welt auswirken werden. Dass die Epidemie sich nach Europa oder in die USA ausbreiten und dort zu ähnlich gravierenden Maßnahmen führen würde, wie in Asien, zog man aber auch im Februar 2020 noch nicht ernsthaft in Betracht. Obwohl Ende Januar 2020 bereits die ersten Corona-Fälle in Europa nachgewiesen wurden.

Stattdessen rechnete man zunächst nur damit, dass die Unterbrechung von Lieferketten und die geringere Nachfrage nach Gütern aus dem asiatischen Raum zu einem zwar spürbaren, aber doch moderaten und beherrschbaren wirtschaftlichem Einbruch in Europa und den USA führen würden. Vor allem ging man im Februar 2020 auch noch davon aus, dass dieser wirtschaftliche Einbruch nicht allzu lange dauern wird und dem Einbruch ein starker Aufschwung folgen würde.

Diese relativ optimistische Sichtweise der weltwirtschaftlichen Lage stütze sich im Wesentlichen auf die Erfahrungen aus früheren wirtschaftlichen Einbrüchen, die sich aus Epidemien oder Naturkatastrophen ergeben haben. In solchen Fällen war es häufig so, dass die Einbrüche zwar heftig waren, aber durch ihre Kürze und durch die folgende starke Gegenreaktion der Märkte schnell ausgeglichen werden konnten. An einen Shutdown der gesamten Wirtschaft und an Alltagsrestriktionen und Hygienemaßnahmen, die jeden treffen würden und sich über lange Zeit erstrecken sollten, dachte damals noch niemand. Was sich später unter anderem auch an den Engpässen bei Gesichtsmasken und medizinischer Schutzkleidung zeigte.

Erst als auch Europäische Länder, wie Italien, Spanien oder Österreich im März 2020 große Teile ihres ökonomischen Lebens durch staatliche Verordnung zum Stillstand brachten, wurde klar, welche Dimension die heraufziehende Wirtschaftskrise haben würde.

Mit kurzer Vorwarnzeit

Bei den großen Wirtschafts- und Finanzkrisen der letzten Jahrzehnte kann niemand sagen, es hätte vorher keine Warnzeichen gegeben und es hätte niemand darauf hingewiesen, was sich gerade zusammenbraut. Schon Jahre vor der Finanzkrise 2008/2009 wurde in Büchern, Interviews und Artikeln davor gewarnt, dass die Art der amerikanischen Immobilienfinanzierung hoch gefährlich ist und zu einer Immobilienblase führen wird. Es wurde auch davor gewarnt, dass die Menge an unkontrolliert gehandelten Derivaten zu einer existentiellen Bedrohung der Finanzmärkte werden könnte und dass die Konstruktion moderner Finanzprodukte und deren Risikobewertung niemand mehr wirklich verstand.

Auch im Jahr 2000 fehlte es vor dem Platzen der Dotcom-Blase nicht an Hinweisen, dass die Aktien der vielen neuen Technologie-Unternehmen viel zu hoch bewertet waren und dass sie die, in sie gesetzten Gewinnerwartungen nie erfüllen konnten.

Aber niemand wollte auf diese Warnungen hören. Was in beiden Fällen nicht daran lag, dass diese Warnungen nicht existiert hätten oder nicht allgemein bekannt gewesen wären, sondern daran, dass die von Profitgier verblendeten Anleger sie einfach nicht sehen und wahrhaben wollten. Aber die Warnungen selbst existierten lange bevor der jeweilige Crash eintrat. Jeder hätte damals die Chance gehabt, sein Geld rechtzeitig aus den vergifteten Märkten zu ziehen oder die Hände von einer Hausfinanzierung zu lassen, die nur funktionieren konnte, wenn die Immobilienpreise auch in Zukunft weiter zweistellig steigen würden.

Nicht so bei der Corona-Krise. Hier gab es keine Warnungen, die lange vorher auf die Gefahren hingewiesen hätten. Als Anfang bis Mitte März 2020 das öffentliche Leben und damit auch beinahe alle wirtschaftlichen Aktivitäten in Italien und Frankreich heruntergefahren wurden, gab es so gut wie keine Vorwarnzeit für Bürger und Unternehmen.

Vielleicht hätte man im Februar erahnen können, was passieren würde. Aber da war es eigentlich schon zu spät, um noch vernünftig reagieren zu können. Und wer behauptet, er hätte Ende 2019 oder im Januar 2020 schon vorhergesehen, dass die Wirtschaft in beinahe allen europäischen Ländern im März, April und Mai 2020 zum völligen Erliegen kommt, ist entweder ein begnadeter Prophet oder ein Lügner.

So traf die Corona-Krise Produzenten und Konsumenten in Europa und kurz danach auch in den USA überraschend und praktisch ohne Vorwarnzeit. Hinzu kam, dass Unternehmen und Ökonomen wenig Erfahrung mit dieser Art von Krise hatten.

Was man aber hätte haben können, sind Contingency Pläne für derartige Situationen. Denn nach SARS und Ebola wäre eine gewisse Vorsorge für solche Fälle nicht völlig unrealistisch gewesen. Aber wie wenig man darauf vorbereitet war, zeigte sich schon an der zu geringen Zahl der Intensivbetten in einigen europäischen Ländern und an der sehr knappen Bevorratung von Schutzkleidung.

Wie gut man als Gesellschaft, Volkswirtschaft oder Firma so eine Krise überlebt, hängt aber nicht nur davon ab, wie frühzeitig man gewarnt wird und wie gut man darauf materiell vorbereitet ist, sondern auch davon, wie solide das Fundament ist, auf dem man steht.

Wenn ein Unternehmen bereits nach zwei Wochen fehlender Einnahmen in die Nähe der Insolvenz rutscht, dann ist bei diesem Unternehmen die Eigenkapitaldecke vermutlich generell zu dünn oder das Geschäftsmodell ist einfach nicht tragfähig. So ein Unternehmen ist dann aber kein Opfer von Corona, sondern wäre auch bei andern Turbulenzen schnell unter die Räder gekommen. Das gleiche gilt im Übrigen auch für ganze Staaten.

Deutschland hatte vor der Corona-Krise einen ausgeglichen Haushalt und eine maastrichtkonforme Staatsverschuldung von ca. 60 % des Bruttoinlandsproduktes (BIP), sowie eine leistungsfähige Wirtschaft, die international voll konkurrenzfähig ist. Das zusammen mit der Option, sich über Anleihen mit negativen Zinsen Geld zu leihen, eröffnete Deutschland gewaltige Möglichkeiten, die eigene Wirtschaft mit staatlichen Hilfen auch über längere Zeit zu stützen.

Voraussetzung dafür ist aber natürlich, das eine anstehende Rezession nicht zu lange dauert und die Wirtschaft irgendwann in naher Zukunft wieder normal läuft. Also mit einem Wachstum von mindestens ein bis drei Prozent. Was gegenwärtig nicht unbedingt sicher, aber doch möglich, wenn nicht sogar wahrscheinlich ist. Zumindest muss es das Ziel aller jetzt zu treffenden Maßnahmen sein, diesen Zustand wieder zu erreichen.

In anderen europäischen Ländern sieht das nicht so rosig aus. Griechenland, mit einer Staatsverschuldung von fast 180 % des BIP, dürfte kaum die Luft nach oben haben, um eigenständig große Rettungspakete aufzulegen. Und auch Italien und Spanien, mit einer Staatsverschuldung von 135 % bzw. 95 % des jeweiligen BIP, werden aus heutiger Sicht bei der Bewältigung der Corona-Krise in schwieriges Fahrwasser geraten. Allein wird das für diese Länder kaum zu schaffen sein.

Schon daran wird deutlich, dass die wirtschaftliche Zukunft mancher Länder im Euroraum nur gesichert ist, wenn die Krisenbewältigung in einem europäischen Rahmen erfolgt und sich die stärkeren Länder mehr als solidarisch zeigen.

Anatomie eines Niedergangs

Eine Krise zeichnet sich ab

Wenn man Wirtschaftskrisen analysieren will, macht man das gewöhnlich entlang einer Reihe von Fragen, mit denen man herauszufinden versucht, was die Ursachen für eine Krise waren, wie sie verlaufen ist oder welche Folgen sich daraus ergeben werden.

Bei der gegenwärtigen Krise scheint ein Teil der Antworten auf diese Fragen auf der Hand zu liegen. Ein anderer Teil der Fragen ist aber auch bei dieser Krise recht schwierig zu beantworten und wird sicher noch einige Jahre nach der Pandemie für Diskussionsstoff sorgen.

Am einfachsten ist bei der aktuellen Krise die Frage nach der Ursache zu beantworten. Banal gesprochen könnte man dazu sagen, dass der Erreger einer Lungenkrankheit die Krise ausgelöst hat. Das hilft aber nicht viel weiter, da Erreger und Krankheitsverläufe keine ökonomischen Größen sind und es auch nicht die direkten Folgen der Epidemie waren, die zu einer der größten Wirtschaftskrisen der jüngsten Geschichte geführt haben. Schließlich ist die Wirtschaft in Deutschland, Italien oder Frankreich nicht zusammengebrochen, weil so viele Menschen erkrankt und dadurch als Arbeitnehmer oder Konsumenten ausgefallen sind, sondern wegen der Maßnahmen, die von den Regierungen im März, April und Mai 2020 getroffen wurden, um die Ausbreitung der Pandemie zu verlangsamen und schließlich einzudämmen. Was zumindest in Europa bisher auch recht gut gelungen ist. Und das selbst vor dem Hintergrund der zurzeit erhöhten Infektionszahlen.

Allerdings waren diese Maßnahmen zur Eindämmung der Epidemie nicht der absolute Startpunkt dieser Wirtschaftskrise, sondern bereits der zweite Akt. Der eigentliche Beginn der Krise war schon vorher. Denn die ersten Schwierigkeiten ergaben sich bereits durch die Ereignisse in Asien, wo die dortigen Regierungen ganze Gebiete unter Quarantäne stellten, Häfen schlossen und Fabriken still legten. Was schon im Januar und Februar 2020 erste Lieferketten unterbrochen hat.

Hätte man in Asien diese Maßnahmen regional immer mehr ausgeweitet und hätte diese Situation länger gedauert, hätte allein das schon ausgereicht, um in Europa und in den USA zu ernsthaften wirtschaftlichen Problemen zu führen. Probleme in einer Dimension, die schnell die Größenordnung einer leichten konjunkturellen Delle überstiegen hätten und schnell zu einer ausgewachsenen Wirtschaftskrise geführt hätten. Denn ein Europa, das über Monate massiv vom Güter- und Warenaustausch mit Asien abgeschnitten ist, hätte nicht nur einige kleinere Probleme, sondern würde sich schnell dem ökonomischen Abgrund nähern. Just-in-time Fertigung ohne eigene Lagerhaltung und die weltweite Vernetzung der Güter- und Warenproduktion haben dazu geführt, dass das wirtschaftliche Gesamtsystem selbst auf kleinere Störungen enorm empfindlich reagiert. Schon der Ausfall einiger Fabriken in China, Taiwan oder Indien kann schnell dazu führen, dass ganze Produktionsstraßen in Mülhausen, Ingolstadt oder Martorell stillstehen. Der Grundsatz, dass jede Kette nur so stark ist, wie ihr schwächstes Glied, gilt auch hier uneingeschränkt.

Also selbst, wenn das Virus sich in seiner Ausbreitung auf China und Asien beschränkt hätte, wäre Europa wirtschaftlich davon erheblich in Mitleidenschaft gezogen worden. Das war nur eine Frage der Größe, der in Asien betroffenen Gebiete und der Dauer der dortigen Maßnahmen zur Eindämmung des Erregers.

Aber so weit kam es erst gar nicht. Bevor sich die Schließungen von Transportwegen und Produktionsstädten in Asien auf die Wirtschaftsprozesse in Europa und den USA so stark auswirken konnten, dass man auch hier von einer Wirtschaftskrise hätte sprechen können, erreichte das Virus selbst bereits die westlichen Industrieländer. Das zwang die Regierungen zunächst in Europa, dann auch in den USA, ebenfalls dazu, Maßnahmen zu ergreifen, um die Ausbreitung des Virus im eignen Land einzudämmen. Was sich sehr schnell in Ausgangsbeschränkungen, Kontaktverboten und der Schließung von Restaurants, Geschäften und Fabriken manifestierte. Dabei griffen die Regierungen der industriellen Kernländer Europas so stark in das Wirtschaftsgesehen ihrer Länder ein, dass dieses in vielen Branchen zum Erliegen kam oder zumindest stark eingeschränkt war.

Ob es dazu eine Alternative gegeben hätte, werden die Historiker und Virologen erst in einigen Jahren sicher wissen. Weisheit im Rückblick nutzt aber wenig, wenn man im Hier und Jetzt entscheiden muss. Und aus damaliger und heutiger Sicht, gab es jedenfalls gute Gründe, in das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben so massiv einzugreifen, um die weitere Ausbreitung des Virus zu verhindern. Es stellt sich allerdings die Frage, ob ein früheres Handeln, z.B. in dem man schon im Februar Großveranstaltungen abgesagt, Wahlen verschoben und Einreisen aus bestimmten Ländern untersagt hätte, angeraten gewesen wäre. Unter Umständen wären dadurch die späteren Maßnahmen weniger restriktiv und kürzer ausgefallen.

Für die gegenwärtige Krise ist es aber müßig darüber nachzudenken, ob man 2020 rechtzeitig oder zu spät gehandelt hat. Hier sind die Entscheidungen gefallen und beginnen langsam Geschichte zu werden. Allerdings wird die Corona-Pandemie mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht die letzte Epidemie sein, die uns im 21. Jahrhundert heimsuchen wird. Und einen ökonomischen Shutdown, wie wir ihn gerade erlebt haben, können wir uns nicht alle paar Jahre leisten. Insofern ist es also durchaus sinnvoll, darüber nachzudenken, wie ein Krisenmanagement in derartigen Fällen optimiert werden könnte und wie man eine Epidemie am besten bekämpft.

Aber viel wichtiger, als die Frage, was uns frühere Maßnahmen zur Epidemiebekämpfung gebracht hätten, ist jetzt die Frage, wie lange man einen Shutdown aufrechterhalten darf und wie früh man ins Risiko gehen und die Beschränkungen der Wirtschaft wieder aufheben muss. Das ergibt sich schon daraus, dass die meisten Unternehmen einen Shutdown mit dem damit verbundenen Verdienstausfall über drei bis vier Wochen gut aushalten können, aber danach die Liquiditätsdecke schnell dünner wird. Als Konsequenz steigt dann die Wahrscheinlichkeit von Entlassungen und Insolvenzen jeden Tag. Überschreitet die Anzahl von Insolvenzen aber eine gewisse Schwelle, setzt ein selbstverstärkender Effekt ein, der eine Volkswirtschaft schnell in den Abgrund reißen kann.

In einer solchen Abwärtsspirale bringt jede Insolvenz auch Zulieferer und Vermieter in wirtschaftliche Schwierigkeiten, die zu weiteren Insolvenzen führen können. Außerdem verringert jede Insolvenz das Einkommen der betroffenen Beschäftigten und somit auch die Kaufkraft und die Nachfrage, was wiederum andere Anbieter und Händler in Schieflage bringt. Hinzu kommt, dass Insolvenzen auch regelmäßig zu Kreditausfällen führen und so auch die Banken ab einer bestimmten Größenordnung der Insolvenzwelle in Schwierigkeiten geraten können. Das alles in Verbindung mit der nachlassenden Nachfrage aus anderen Ländern, die in so einer Situation von ähnlichen Maßnahmen betroffen sind, und mit den negativen Wirkungen der Unterbrechung von Lieferketten, kann schnell zu einem ökonomisch tödlichen Giftcocktail werden, wenn restriktive Maßnahmen der Epidemiebekämpfung zu lange aufrecht erhalten werden. Andererseits kann ein zu frühes Lockern von Hygiene- und Abstandsregeln zu einem Wiederaufleben der Epidemie führen und dann zu weiteren Maßnahmen oder einem neuen Shutdown zwingen. Was sicher der schlechteste aller Fälle wäre.

Die besondere Problematik, wie lange die Maßnahmen eines Shutdowns aus Gründen der Seuchenbekämpfung aufrecht erhalten und wie schnell sie aus ökonomischen Gründen wieder gelockert werden müssen, ist hier die zentrale gesundheits-, gesellschafts- und wirtschaftspolitische Frage. Eine Frage, die genauso schwerwiegend, wie schwierig zu beantworten ist.

An diesem Dilemma ändert auch nichts, dass man in vielen Ländern sehr schnell staatliche Hilfsmaßnahmen aufgelegt hat, um Unternehmen vor der Insolvenz zu bewahren oder die Kaufkraft der Konsumenten zu erhalten. Denn auch diese Maßnahmen können nur einen Teil der Schäden abfedern und werden immer teurer, je länger die Krise dauert. Sie kosten Geld, das der Staat eigentlich nicht hat und das uns in Zukunft noch viele Sorgen bereiten kann.

Ökonomische Schockwellen

Wirtschaftskrisen werden in der Theorie häufig auf sogenannte Schocks zurückgeführt. Im Allgemeinen versteht man unter so einem Schock eine von außen kommende (exogene), unerwartete, starke und schnelle Veränderung von ökonomischen Größen, die zu einer erheblichen Störung des Wirtschaftsprozesses führt. Theoretisch könnte es sich bei so einem schockauslösenden Faktor um jede wirtschaftliche Größe, wie die Geldmenge, den Zinssatz oder die Nachfrage handeln. Üblicherweise verwendet man den Begriff des Schocks in den Wirtschaftswissenschaften aber meistens nur im Zusammenhang mit den beiden ökonomischen Größen Angebot und Nachfrage.