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Die Fragen, wie ein gutes Leben zu führen ist, und welchen Sinn das Leben haben kann, beschäftigen uns bis heute, und sie haben schon die Philosophen der Antike zu verschiedenen Reflexionen angeregt. Besonders der antike griechische Philosoph Diogenes von Sinope hat eine interessante und eigenwillige Antwort gegeben, die für die Ausführungen wegweisend ist: Für Diogenes gehören vor allem Mut, Eigensinn und eine kritische Haltung zu gesellschaftlichen Zwängen und zu einer konsumorientierten Lebensweise zu einem guten Leben. Diese Haltung lässt sich auch bei verschiedenen anderen Philosophen und Philosophinnen finden, deren Überlegungen in diesem Buch vorgestellt werden. Das Buch kann zu eigenen Überlegungen über ein gutes Leben anregen, indem es in die Tradition philosophischen Denkens einführt, die sich bis heute bewährt: Es geht nicht darum, Lösungen zu präsentieren sondern das Denken aus den gewohnten Bahnen herauszuführen, um selbst nachzudenken.
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Seitenzahl: 95
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Das Diogenes-Prinzip
Philosophische Anregungen zur
Lebensgestaltung
Heike Kämpf
Texte: © Copyright by Heike KämpfUmschlag: © Copyright by Heike Kämpf
Verlag: Heike Kämpf
Kaßbergstraße 33
09112 [email protected]
Druck: epubli - ein Service der neopubli, GmbH, Berlin
Ein Philosoph wäre jemand, dem Menschen so wichtig wären wie Gedanken. (Elias Canetti)
Diogenes von Sinope ist wohl einer der berühmtesten Philosophen der Antike. Das ist umso erstaunlicher, als von ihm keine Texte überliefert sind. Vielmehr kursieren seit seinen Lebzeiten Anekdoten über sein exzentrisches und zuweilen skandalöses Verhalten. Vor allem Autoritäten gegenüber verhält er sich alles andere als ehrerbietig und den gewöhnlichen Mitmenschen auf dem Marktplatz soll er nicht selten mit seinem Stock gedroht haben.
Diogenes sei, so berichtet der antike Philosophiehistoriker Diogenes Laertius, als es taghell war mit einer Laterne auf dem Marktplatz umhergelaufen und habe gerufen: „Ich suche einen Menschen.“ Das war schon Provokation genug, als aber einige herbeigeeilt seien, habe Diogenes mit dem Stock gedroht und gesagt: „Menschen suche ich, nicht Gesindel.“
Diogenes war also, so scheint es, wenn man den vielen Geschichten glaubt, ein Provokateur, ein antiker Performancekünstler - und er kann uns bis heute zum Nachdenken provozieren und inspirieren! In Deutschland ist die Popularität des Diogenes nicht zuletzt Wilhelm Busch geschuldet, der ihm einen Cartoon mit dem Titel: Diogenes und die bösen Buben von Korinth widmete: Das erste Bild der zeigt Diogenes in seiner Tonne:
„Nachdenklich liegt in seiner Tonne Diogenes hier an der Sonne.“
Die Legende, dass Diogenes in einem Fass gelebt habe, hält sich hartnäckig. Wahr ist, dass er keinen festen Wohnsitz hatte und an verschiedenen Orten genächtigt, nachgedacht und in der Sonne gelegen hat. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass er auch ein altes Weinfass genutzt hat, wie der altgriechische Historiker Diogenes Laertius in seinem Buch Leben und Meinungen berühmter Philosophen es berichtet hat. Über die Kyniker, denen Diogenes von Sinope bekanntlich zuzurechnen ist, schreibt er unter anderem, dass diese ein genügsames Leben führen, ihr Obdach auch in Fässern finden und Genügsamkeit als göttlich betrachten. Auch viele der überlieferten Anekdoten über Diogenes gehen auf diese Schrift zurück. Gerade Diogenes unstetes und öffentliches Leben wurde zur Provokation, zur Legende und zum Vorbild für Zeitgenossen und die Nachwelt. Während die Philosophen seiner Zeit wohl eher die Nase gerümpft haben, weil Diogenes keine Theorie ausarbeitete und auch nicht im klassischen Sinne lehrte, so hat er doch auf der anderen Seite auch Bewunderung hervorgerufen: Denn gerade mit seiner eigensinnigen und minimalistischen Lebensweise gilt er als Vorbild für ein gelingendes, selbstbestimmtes, freies Leben. Davon zeugt auch die uralte, schon in der Antike kursierende Anekdote von seiner Begegnung mit Alexander dem Großen:
Alexander war gerade zum obersten Feldherrn gewählt worden und suchte Diogenes auf, weil dieser nicht bei ihm erschienen war, um ihm zu gratulieren. Als Alexander in Begleitung einiger Offiziere bei Diogenes eintraf, lag dieser in der Sonne vor seinem Fass. Als Alexander mit seinem Gefolge erschien und fragte, ob er etwas für ihn tun könne, habe Diogenes ihm geantwortet: „Geh mir aus der Sonne.“ Alexander sagte darauf zu seinen Leuten, so berichtete schon Plutarch: „Wäre ich nicht Alexander, wollte ich Diogenes sein.“
Diese schöne Anekdote verdeutlicht die besondere Unabhängigkeit und Freiheit, die Diogenes durch seine Selbstgenügsamkeit, also seine Fähigkeit, mit wenig glücklich zu sein, und durch seinen Verzicht auf Ruhm und Ehre erlangt. Was die einflussreichsten und mächtigsten Menschen vielleicht über den Umweg von Besitz, Macht und Anerkennung zu erreichen versuchen – und was sie wohl nie erlangen- hat Diogenes durch Weisheit längst erreicht.
Und was Diogenes sich mit seinem philosophischen Eigensinn noch erstritten hat, ist Freiheit. Freiheit nicht nur im Sinne von Bedürfnislosigkeit sondern auch im Sinne von Autarkie, von Selbstbestimmung und Unabhängigkeit: Er möchte niemandes Diener sein. Das macht eine weitere schöne Anekdote noch deutlicher:
Ein griechischer Philosoph, Aristipp, -in anderen Versionen der Geschichte ist von einem Minister die Rede- jedenfalls kommt dieser erfolgreiche und wohlhabende Mensch bei Diogenes vorbei während der das (damals billigste) Gericht, nämlich Linsen aß. Er sagte zu Diogenes: „Bedauerlich für dich, Diogenes. Wenn du lernen würdest, etwas unterwürfiger zu sein und dem Kaiser ein wenig mehr zu schmeicheln, dann müsstest du nicht immer nur Linsen essen.” Darauf habe Diogenes geantwortet: „Bedauerlich für dich! Wenn du gelernt hättest, mit Linsen auszukommen, müsstest du nicht so unterwürfig sein und dem Kaiser ständig schmeicheln.”
Diese Umkehr der Perspektive macht deutlich, wie Diogenes bescheidener Lebenswandel es ihm auch erlaubt, auf Duckmäuserei zu verzichten. Es stellt sich die Frage, was in diesem Fall teurer erkauft und schwerer zu ertragen ist: der Wohlstand oder die Armut. Diogenes war zweifellos besonders frei von gesellschaftlichen und beruflichen Zwängen, er konnte auf Rücksichtnahmen verzichten und offen seine Meinung sagen. Vielleicht waren seine Äußerung zuweilen sogar beleidigend – aber es waren doch ehrliche und mutige Äußerungen, die ihm aufgrund seiner Unabhängigkeit möglich waren.
Wenn hier nun vom Diogenes-Prinzip die Rede sein soll, ist diese vielgestaltige Befreiung von Ballast im Sinne von einer Reduktion auf das Wesentliche und Sinnvollegemeint. Das Diogenes-Prinzip regt dazu an, seine Einstellungen, Wünsche und Ziele in Hinblick auf ihren Sinn, ihre Bedeutung und ihre Konsequenzen zu bedenken und zu prüfen. Ein kritisches philosophisches Verfahren, das dabei hilft, Überflüssiges von Notwendigem, Sinnvolles von Sinnlosem, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden.
Der Gedanke, dass ein Leben, das sich von Ballast befreit und sich auf das Wesentliche konzentriert, lebenswerter wird, ist über die Jahrhunderte hinweg von den unterschiedlichsten Personen in den unterschiedlichen Genres auf unterschiedlichste Arten geäußert worden. Das Diogenes-Prinzip scheint so alt wie die Menschheit zu sein. Dennoch ist es gar nicht so leicht, es umzusetzen! Es wird gänzlich missverstanden, wenn es zu einem minimalistischen, im Web geposteten und dokumentierten „Lifestyle“ des Verzichts auf Konsum und Besitz wird. Denn letztendlich ist Minimalismus im Sinne des Diogenes nicht Selbstzweck oder eine sinnfreie Lebensform. Diogenes steht vielmehr für eine Einsicht, aus der sich eine Einstellung und ein handlungsorientierendes Prinzip ergibt, die Menschen dazu befähigen, ihren eigenen Weg zu suchen und zu gehen. Auch für diesen Eigensinn -in doppelter Wortbedeutung- steht das eigenwillige und aufrichtige Leben des Diogenes.
Wozu kann uns Diogenes inspirieren? Besonders dazu, ein sinnvolles, eigensinniges und selbstbestimmtes Leben zu führen. Er kann uns dazu anregen, jemand jenseits des Habens, Konsumierens und des Ansehens oder des Image sein zu können.
In dieser Unabhängigkeit von äußeren und inneren Zwängen zu sich zu kommen, ohne dabei egozentrisch zu sein, das erscheint als das wesentliche Ziel eines gelingenden Lebens, wie es das Diogenes-Prinzip ermöglichen will.
Besitz, Konsum und Anerkennung –
Warum man der ist, der man ist
Was einer für sich selbst hat, was ihn in die Einsamkeit begleitet, und keiner ihm geben und nehmen kann: dies ist viel wesentlicher als alles, was er besitzt, oder was er in den Augen anderer ist. (A. Schopenhauer)
Während Besitz und Luxus auf der einen Seite sehr erstrebenswert erscheinen, ist auf der anderen Seite doch auch der Verdacht nicht auszulöschen, dass es sich dabei um Ballast handelt, der das Leben eher beschwert als verbessert. Der Gedanke, dass ein minimalistisches, auf das Wesentliche reduzierte Leben lebenswerter sein könnte, ist mindestens so alt wie Diogenes und bis heute weit verbreitet. Auch in der gegenwärtigen Populärkultur lassen sich Plädoyers für ein von Ballast befreites Leben finden.
Diese Überlegungen führen zu folgenden Fragen:
Wann wird Besitz zum Ballast?
Was braucht man
wirklich
?
Was braucht man um zu überleben und was, um gut zu leben?
Was ist wichtig und was ist unwichtig? Und wie kann ich diese Unterscheidung treffen?
Schon der Umstand, dass wir innhalten um über diese Fragen nachzudenken verhindert, dass wir im Moment geradezu besinnungslos kaufen und konsumieren. Also: Wann wird Besitz zum Ballast? Es liegt nahe, dass Besitz zu Ballast wird, wenn er unnütz geworden ist und nur noch im Weg steht.
Besitz kann auch deshalb zur Last und zum Ballast werden, weil er zu hüten und zu bewachen ist, und weil er zudem die Angst vor dem Verlust im Gepäck hat: Porgy aus George Gershwins Oper Porgy und Bess preist bekanntlich schon sein Leben mit wenig Sorgen und wenig materiellem Wohlstand unter anderem mit den Worten:
“Oh, I got plenty o' nuttin'
And nuttin's plenty for me
I got no car, got no mule
I got no misery
De folks wid plenty o' plenty
Got a lock on de door
'Fraid somebody's a-goin' to rob 'em
While dey's out a-makin' more
What for?
I got no lock on de door
Dat's no way to be
Dey kin steal de rug from de floor
Dat's okeh wid me
'Cause de things dat I prize
Like de stars in de skies
All are free … “
Viel von Wenig zu haben kann demnach glücklich machen. Es hat eine befreiende Wirkung, sich nicht um seinen Besitz sorgen zu müssen. Mit dem Vermögen steigen auch die Verlustängste, und es entsteht das Bedürfnis, seine Habe und sich selbst einzusperren. Und die rhetorische Frage nach dem „What for?“ also Wozu immer mehr haben? Führt die Unsinnigkeit dieser besitzorientierten Lebensweise vor. Es zeigt auch, dass Besitz und Konsum zur Last werden, weil die Gefahr besteht, dass man für sie da ist, und nicht mehr umgekehrt. Die Tücke des Objekts besteht nicht nur in seiner Widerspenstigkeit sondern auch in seiner Tendenz, die Kontrolle zu übernehmen: Man muss es bewachen, warten, benutzen, unterstellen, abstellen, aufstellen, wegstellen, wegsperren…
Must-Haves: Das pure Habenmüssen
Es ist zu allen Zeiten nicht nur Kritik an Konsum und Besitz zu hören. Ein Lob derselben ist am Wahrscheinlichsten auf der Seite des Verkaufs zu vermuten: So ist gegenwärtig allüberall von Must-haves die Rede. Das gefeierte pure Habenwollen scheint eine neue konsumorientierte Lebensweise nahezulegen, die ganz bewusst die Frage nach dem „Wozu“ vermeidet. Diese Frage gilt vielleicht als zu bierernst während man doch einfach nur in Ruhe schoppen gehen will!
Mit der Bezeichnung von etwas als „Must-have“ also als etwas, das man einfach haben muss, wird die Frage nach dem Wozu umgangen. Aber sie wird nicht deshalb erfolgreich umgangen, weil man etwa glaubt, man brauche die so bezeichneten Dinge: Jeder weiß, gerade die Must-haves braucht man nicht wirklich! Die Werbung funktioniert eher durch die scheinbare Ironisierung der Frage nach dem Wozu. Der alte Werbeslogan: „Man gönnt sich ja sonst nichts“ hielt dagegen noch augenzwinkernd an der Frage nach dem Wozu fest: man gönne sich ab und zu etwas Luxus, um sich zu belohnen, um sich etwas Gutes zu tun.
Heute wird dagegen das Habenwollen gefeiert: Wer schon alles hat, braucht Must-haves
