Das doppelte Kompetenzprofil als Kooperationsmodell (E-Book) -  - E-Book

Das doppelte Kompetenzprofil als Kooperationsmodell (E-Book) E-Book

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Beschreibung

Wie kann die Verbindung von Theorie und Praxis an Pädagogischen Hochschulen gestärkt werden? Welche Modelle eignen sich zur Entwicklung des doppelten Kompetenzprofils von Dozierenden in der Fachdidaktik und von Lehrpersonen in der Berufspraxis? Die Beiträge des Sammelbands beschreiben, wie die Verknüpfung von wissenschaftlicher Fundierung und Praxisbezug – insbesondere in der Fremdsprachen- und Mehrsprachigkeitsdidaktik, aber auch darüber hinaus – gezielt gestärkt werden kann. Dabei werden neue Modelle für Lehre, Forschung und Nachwuchsförderung beleuchtet, die weniger auf die Förderung von Einzelpersonen, sondern stärker auf kooperative Teams setzen. Dieses E-Book enthält komplexe Grafiken, für die Alternativ-Texte erstellt wurden.

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Seitenzahl: 326

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Lukas Bleichenbacher / Andreas Imhof / Vincenzo Todisco (Hrsg.)

Das doppelte Kompetenzprofil als Kooperationsmodell

Formen der Zusammenarbeit zwischen Lehrer:innenbildung und Schulpraxis

 

ISBN Print: 978-3-0355-2886-2

ISBN E-Book: 978-3-0355-2887-9

 

1. Auflage 2025

Alle Rechte vorbehalten

© 2025 hep Verlag AG, Bern

 

hep Verlag AG

Gutenbergstrasse 31 | Postfach | CH-3001 Bern

[email protected] | hep-verlag.com

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Einleitung

Teil I: Zusammenwirken von Theorie und Praxis in der Lehrer:innenbildung

Vom doppelten Kompetenzprofil oder: Die Pädagogischen Hochschulen «geländetauglicher» machen?

Über Ambivalenzen, Spannungsfelder und Boundary Broker: Eine Annäherung an die Fachdidaktiken aus der Perspektive der Third-Space-Theorie

Teil II: Kooperationen in der Lehre

Tandems zur Erfüllung des doppelten Kompetenzprofils in der Lehre – Ein Beispiel aus der Fremdsprachendidaktik

Das doppelte Kompetenzprofil im Kontext der Mehrsprachigkeitsdidaktik: Einsichten aus Fokusgruppeninterviews

Stärkung der Hochschullehre durch doppelt kompetente Lehrteams

Erfahrungsberichte Kooperation in der Lehre

Teil III: Kooperationen in der Forschung und Entwicklung

Design-basierte Entwicklung von mehrsprachigen Unterrichtsmaterialien – Ein Katalysator des doppelten Kompetenzprofils?

Forschende Lehrpersonen: Ein möglicher Ansatz zur Professionalisierung von Lehrpersonen im Bereich des Fremdsprachenunterrichts

Lehrkräfte mit Forschungsauftrag: wissenschaftliche, organisatorische und politische Herausforderungen

Erfahrungsberichte Kooperation in der Forschung und in der Entwicklung

Teil IV: Ein Blick über die Grenze

Vorbereitung auf das Handeln zwischen allen Stühlen – Qualifizierungswege für die fremdsprachendidaktische Forschung und Lehre an deutschen Hochschulen

Mitwirkende

Vorwort

Prof. Dr. Horst Biedermann (Rektor Pädagogische Hochschule St. Gallen) & Prof. Dr. Gian-Paolo Curcio (ehemaliger Rektor Pädagogische Hochschule Graubünden und Rektor Fachhochschule Graubünden)

Kooperationen in all ihren Formen und Facetten gelten als zentraler Aspekt von pädagogischer Qualität in Bildungskontexten (Griffiths et al., 2021; Vangrieken et al., 2015). Da sie Akteur:innen mit verschiedenen Expertisen, Hintergründen, Bildungs- und Berufssozialisationen und somit auch verschiedene Systemlogiken zusammenführen, bedingen sie zwangsläufig auch immer eine Auseinandersetzung mit «Unterschiedlichkeiten». Dadurch gestalten sich Kooperationen auch als herausfordernd, denn es muss für eine effektive Zusammenarbeit oft komplexe Verknüpfungs- und Vermittlungsarbeit geleistet werden, die auch ein Überwinden von Wissens- und Diskursräumen und (institutionellen) Strukturen und Grenzen bedingen kann (z.B. Zeichner, 2010). In ebendiesem Überschreiten von Grenzen liegt für das Lehren und Lernen, die Lehrer:innenbildung und die Professionalisierung von Lehrpersonen(bildenden) grosses Potenzial (für eine Übersicht s. Akkerman & Bakker, 2011). Dieses Potenzial entfaltet sich insbesondere dann, wenn sich diese Grenzüberschreitung durch eine produktive Auseinandersetzung mit Unterschiedlichkeiten kennzeichnet.

Oft wird jedoch an uns herangetragen, «Unterschiede entweder zu ignorieren oder sie als Ursache für Spaltung und Misstrauen zu betrachten» (Lorde, 2023, S. 9). Dass diese Herangehensweise nicht zukunftsträchtig ist, ist naheliegend. Das zeigt sich beispielsweise im Denken der Intersubjektivität, in dem «Unterschiede» als Basis für Bezüglichkeit (relationality) und Respekt verstanden werden. So gelten Unterschiede nicht als etwas zu Überwindendes oder auf die Logik der Gleichheit zu Reduzierendes (Gustafsson et al., 2017), sondern vielmehr als Begründung für die Entstehung von Beziehungen selbst. Audre Lorde, die US-amerikanische Dichterin, Theoretikerin und Aktivistin, forderte bereits vor 40 Jahren eindringlich dazu auf, Unterschiedlichkeiten nicht als etwas Spaltendes, sondern als etwas Verbindendes anzusehen. Sie forderte dazu auf zu lernen, Unterschiedlichkeiten als gleichwertige Stärken anzuerkennen und sie in eine ausgeglichene Wechselbeziehung treten zu lassen. Ein Wertschätzen und konstruktives Nutzen von Unterschieden als Stärken, so Lorde, könne nicht nur den Blick, die Wahrnehmung und die Einstellungen gegenüber dem Fremden und Ungewohnten öffnen, sondern lasse Gegensätze entstehen, aus deren Wechselwirkung neue Formen des Daseins keimen, woraus der Mut entsteht, «auch dann zu handeln, wenn der Ausgang ungewiss ist» (Lorde, 2023, S. 9).

Diese Worte sind auch heute, 40 Jahre nach ihrer Veröffentlichung, aktuell, und wir finden diese Aktualität im zentralen Stellenwert wieder, den die aktive Auseinandersetzung mit Unterschiedlichkeiten in den Beiträgen dieses Sammelbands einnimmt. Im Rahmen der Pilotprogramme zur Stärkung des doppelten Kompetenzprofils beim FH- und PH-Nachwuchs von swissuniversities (2021–2024) haben die Pädagogische Hochschule Graubünden und die Pädagogische Hochschule St. Gallen gemeinsam das Projekt QUAT­TRO als Vier-Akteure-Netzwerkmodell im Kontext der Fremdsprachen- und Mehrsprachigkeitsdidaktik durchgeführt. Neben der institutionellen Kooperation zwischen den beiden Hochschulen ist das im Rahmen des Projekts QUAT­TRO entwickelte Vier-Akteure-Modell (Studierende, Lehrpersonen, Dozierende und Forschende) hervorzuheben, mit dem eine mehrperspektivische Sicht auf die zu entwickelnden Inhalte ermöglicht wird.

Dieser Sammelband kuratiert eine Reihe von Beiträgen, die im Rahmen von QUAT­TRO aus verschiedenen Blickwinkeln die Stärkung des doppelten resp. mehrfachen Kompetenzprofils (Biedermann et al., 2020) in der Lehrerinnen- und Lehrerbildung durch Kooperationsformen und Kooperationsprogramme beleuchten. Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass dieses Modell im Kontext der Entwicklung der Fremdsprachen- und Mehrsprachigkeitsdidaktik erfolgreich zur Anwendung gebracht werden konnte. Gleichzeitig lassen die Ergebnisse die Vermutung zu, dass die Nutzung solcher Kooperationsmodelle auch in anderen Fachkontexten erfolgversprechend sein kann. Die Förderung des mehrfachen Kompetenzprofils wird dabei als gemeinschaftlicher und unter gemeinsamer Verantwortung getragener Akt verstanden, in dem vielseitige Akteur:innen kollaborativ das Potenzial der «Grenzgebiete» zwischen Hochschul- und Schullandschaften für die Weiterentwicklung und Profilierung der Pädagogischen Hochschulen erkunden und Unterschiede für das Etablieren von Verbindungen und das Antreiben von Veränderung nutzen.

Literatur

Akkerman, S.F. & Bakker, A. (2011). Boundary crossing and boundary objects.

Review of Educational Research,

81

(2), 132–169.

https://doi.org/10.3102/0034654311404435

Biedermann, H., Krattenmacher, S., Graf, S. & Cwik, M. (2020). Zur Bedeutung des doppelten Kompetenzprofils in der Lehrerinnen- und Lehrerbildung.

Beiträge zur Lehrerinnen- und Lehrerbildung, 38

(3), 326–342.

Griffiths, A.-J., Alsip, J., Hart, S.R., Round, R.L. & Brady, J. (2021). Together we can do so much: A systematic review and conceptual Framework of collaboration in schools.

Canadian Journal of School Psychology,

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https://doi.org/10.1177/0829573520915368

Gustafsson, S., Hill, R. & Ngo, H. (2017). Philosophies of difference.

Australian Feminist Law Journal,

43

(1), 1–4.

https://doi.org/10.1080/13200968.2017.1327341

Lorde, A. (2023).

Sister Outsider. Nicht Unterschiede lähmen uns, sondern Schweigen.

btb.

Vangrieken, K., Dochy, F., Raes, E. & Kyndt, E. (2015). Teacher collaboration: A systematic review.

Educational Research Review,

15

, 17–40.

https://doi.org/10.1016/j.edurev.2015.04.002

Zeichner, K. (2010). Rethinking the connections between campus courses and field experiences in college and university-based teacher education.

Journal of Teacher Education,

61

, 89–99.

https://doi.org/10.1177/0022487109347671

Einleitung

Lukas Bleichenbacher, Andreas Imhof & Vincenzo Todisco

Das doppelte Kompetenzprofil in der Lehrer:innenbildung

Mit der nach der Jahrtausendwende eingeleiteten Tertiarisierung der Lehrer:innenbildung und der Einrichtung der Pädagogischen Hochschulen beabsichtigte in der Schweiz die Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektorinnen und -direktoren (EDK), die Ausbildung von Lehrpersonen stärker wissenschaftlich fundiert zu gestalten. Gleichzeitig sollten die Pädagogischen Hochschulen ihren starken Bezug zum Berufsfeld beibehalten und sogar ausbauen. Die Pädagogischen Hochschulen mussten und müssen also weiterhin «Doppeltes integriert leisten», wie es Annette Tettenborn in ihrem einleitenden Beitrag in diesem Sammelband formuliert. Ein Blick ins benachbarte Deutschland zeigt, dass dort Pädagogische Hochschulen eher selten sind und die Ausbildung zur Lehrperson oft zweiphasig an Universitäten erfolgt: Auf ein Studium folgt eine Einführungs- bzw. Übergangsphase in die Praxis (Referendariat). Dies hat den Vorteil, dass in den jeweiligen Phasen auf die entsprechenden Stärken der Universität bzw. der Schulpraxis fokussiert werden kann. An den Universitäten werden die Inhalte in den jeweiligen Fächern behandelt und Studierende setzen sich mit Forschungsmethoden und Forschungsergebnissen auseinander, im Referendariat wird Wissen im Kontext der Praxis angewendet und es wird am praktischen Können der künftigen Lehrpersonen gefeilt.

In der Schweiz besteht ein vordergründiges Ziel der Lehrer:innenbildung darin, Theorie und Praxis bereits in der Ausbildung miteinander zu verknüpfen. Alle an Pädagogischen Hochschulen vermittelten Module sollten demnach einen Praxisbezug aufweisen, was nicht selten auch in Evaluationen als Bewertungskriterium von Modulinhalten gilt. In der Schweiz herrscht also bezüglich der Lehrer:innenbildung eine Integrationslogik (vgl. Neuweg, 2022). Dieses Konzept der Ausbildung von Lehrpersonen unterscheidet sich von Modellen, in denen die Fachlichkeit bzw. die Fachwissenschaft und die Praxis getrennten Gefässen zugeordnet werden.

Die erwähnte Integrationslogik wirkt sich auf die Gestaltung der Ausbildung an Pädagogischen Hochschulen und damit auch auf die Anforderungen an die Dozierenden aus. Um in den Lehrveranstaltungen theoretische Inhalte fachlich fundiert so aufarbeiten zu können, dass die Studierenden deren Relevanz und Nutzen für die Praxis nachvollziehen, sollten sich die Dozierenden sowohl in der Theorie wie auch in der Praxis auskennen. Die ihnen gestellten Anforderungen sind daher zweifach. Einerseits sollten sie Lehrerfahrung auf der Zielstufe aufweisen, um im Unterricht auf die An- und Herausforderungen der Praxis eingehen zu können. Andererseits sollten sie über wissenschaftliche Qualifikationen verfügen, um Inhalte empirisch fundiert und fachlich korrekt vermitteln zu können. Dieser zweifache Anspruch wurde in der Schweiz in der Diskussion um die Lehrer:innenbildung mit dem Begriff «doppeltes Kompetenzprofil» bezeichnet. Es wird gefordert, dass Dozierende an Pädagogischen Hochschulen über Kompetenzen in Wissenschaft und in der Praxis verfügen (EDK, 1993, These 13, S. 14). So einleuchtend diese Forderung scheinen mag, so komplex erweist sich deren Umsetzung. Erstens ist der lange Zeitraum für die Qualifikation zu nennen, die angehende Dozierende absolvieren. Sie müssen eine Lehrbefähigung erwerben, mehrere Jahre auf der Zielstufe tätig sein und in einem Studium eine solide wissenschaftliche und fachliche Ausbildung erhalten. Zweitens ist gar nicht so klar, wann eine Person in Wissenschaft und Praxis als kompetent bezeichnet werden kann. Genügt es, ein Studium absolviert zu haben? Gehören nicht auch gewisse Haltungen dazu? Und weiter, genügt eine Unterrichtserfahrung, die je nachdem zwanzig Jahre zurückliegen kann, um den Herausforderungen der Schulpraxis gewachsen zu sein?

Solche Fragen sind noch nicht ausreichend geklärt und sie werden teilweise unterschiedlich beantwortet. Umso mehr kann eine Stärke der Pädagogischen Hochschulen, nämlich ihre Nähe zum Berufsfeld, in den Fokus der Diskussion rücken. In der Regel findet die Zusammenarbeit zwischen den Pädagogischen Hochschulen und den Schulen vor allem im Rahmen der berufspraktischen Ausbildung statt. Der Ausbildungsort der Studierenden wird dementsprechend zumindest temporär von der Hochschule in das Berufsfeld verlegt. Damit soll die erworbene Theorie in einem geschützten Umfeld in der Praxis angewendet und erprobt werden. Der umgekehrte Weg, dass die Schulpraxis in die Ausbildung oder Forschung an einer Pädagogischen Hochschule einfließt, kommt eher selten vor. In diesem Falle sind es nicht die Studierenden, die den Lernort wechseln, sondern Lehrpersonen, die mit ihrer Praxisexpertise in die Kernprozesse (Lehre, Forschung, Entwicklung und Weiterbildung) von Pädagogischen Hochschulen einbezogen werden. Solche Formen der Kooperation haben zur Folge, dass nicht eine Person allein alle Facetten eines doppelten Kompetenzprofils abdecken muss, sondern dass mehrere Personen mit ihren spezifischen Qualifikationen zusammenarbeiten und gemeinsam dem doppelten Kompetenzprofil gerecht werden.

Die Kooperation zwischen Lehrpersonen, Dozierenden und Forschenden an Pädagogischen Hochschulen im Rahmen des Leistungsauftrags bildet den gemeinsamen Nenner der in diesem Band versammelten Beiträge. Einige davon sind aus Projekten entstanden, die sich mit Kooperationen in der Lehre oder in der Forschung und Entwicklung beschäftigen. Sie wurden im Rahmen der Pilotprogramme 2021–2024 von swissuniversities zur Stärkung des doppelten Kompetenzprofils beim Nachwuchs der Fachhochschulen und Pädagogischen Hochschulen der Schweiz durchgeführt.

Das Projekt QUAT­TRO

Einen Schwerpunkt des Bandes bilden die Beiträge der am Projekt QUAT­TRO beteiligten Pädagogischen Hochschulen Graubünden und St. Gallen, verfasst von Crameri et al. (PHGR), Hilbe et al. (PHSG), Hug et al. (PHSG) und Imhof & Todisco (PHGR).

Beim Projekt QUAT­TRO handelt es sich um ein Vier-Akteure-Netzwerkmodell im Kontext der Fremdsprachen- und Mehrsprachigkeitsdidaktik. Die vier Akteur:innen – 1) Primar- und Oberstufenlehrpersonen der Fremdsprachen Italienisch, Englisch und Französisch, 2) Dozierende im Bereich der Fachdidaktik und Fachwissenschaft Sprachen, 3) Forschende und 4) Studierende an Pädagogischen Hochschulen – haben im Rahmen von QUAT­TRO und mit Fokus auf dem doppelten Kompetenzprofil gemeinsam Hochschullehre konzipiert und durchgeführt, fachdidaktische Forschung betrieben und Unterrichtsmaterialien für den Sprachunterricht realisiert. Sie verfolgten das Ziel, gemeinsame Kooperationsmodelle zu entwickeln, die zur Professionalisierung der vier Akteur:innen beitragen können. Dadurch sollten an beiden Pädagogischen Hochschulen (PHGR und PHSG) der Nachwuchs gefördert sowie neue Nachwuchskräfte gewonnen werden. Auf diese Weise sollte im Bereich der Lehre und der Forschung eine Brücke zwischen Praxis und Wissenschaft geschlagen werden.

Der vorliegende Sammelband ist eins der Produkte des Projekts QUAT­TRO. Die drei Herausgeber, Andreas Imhof und Vincenzo Todisco von der PHGR und Lukas Bleichenbacher von der PHSG, haben Fachdidaktiker:innen und Forschende aus anderen Institutionen, die sich mit ähnlichen Themen und Fragestellungen um das doppelte Kompetenzprofil auseinandersetzen, um einen Beitrag angefragt. Alle Beiträge befassen sich mit Kooperationsmodellen in der Lehre, Forschung und Entwicklung, beleuchten sie aber aus unterschiedlichen Perspektiven.

Eine Besonderheit von QUAT­TRO ist die Fokussierung auf die Sprachen- und Mehrsprachigkeitsdidaktik. Die Hypothese, dass sich eine zielgerichtete Professionalisierung für die Mehrsprachigkeitsdidaktik aus einer Kombination theoretischer, praktischer und überzeugungsbezogener Lerngelegenheiten ergeben kann, stellte den Ausgangspunkt für das Projekt dar. Eins der Ziele war deshalb die Erprobung von Kooperationen spezifisch im Bereich der Fremd- und Mehrsprachigkeitsdidaktik, weshalb im Folgenden kurz auf einige wichtige Aspekte dieser Fachdiskussion eingegangen wird.

Aspekte der Mehrsprachigkeitsdidaktik im Fremdsprachenunterricht

Die Mehrsprachigkeitsdidaktik ist in der Schweiz, wenn auch in unterschiedlichen Ausprägungen, ein zentrales Konzept des Sprachenunterrichts, insbesondere auf der Primar- und Sekundarstufe der Volksschule. Ihre Bedeutung im schweizerischen Kontext widerspiegelt die gesellschaftliche und individuelle Mehrsprachigkeit. Da in der Schweiz aufgrund des Territorialprinzips einsprachige Regionen und auch Schulen dominieren, ist das Lernen anderer Sprachen für die Verständigung umso wichtiger. Das erklärt auch den wichtigen Schweizer Beitrag zu den Bemühungen der eu­ro­päi­schen Sprachenpolitik, insbesondere des Europarats (Hutterli, 2012), sowie die Übernahme europäischer Instrumente zu ihrer Umsetzung. In Anlehnung an das Konzept der mehrsprachigen und plurikulturellen Kompetenz (Europarat, 2001) gilt die Erziehung zur Mehrsprachigkeit landesweit als übergeordnetes Bildungsziel des schulischen Sprachenlehrens und -lernens und damit auch als wichtiges Anliegen der Fremdsprachendidaktik.

Ein zentraler Aspekt der Förderung der Mehrsprachigkeit ist der Unterricht zweier obligatorischer Fremdsprachen ab der Primarstufe, von denen eine eine zweite Landessprache ist. In den deutschsprachigen Regionen Graubündens wird die Kantonssprache Italienisch als erste Fremdsprache ab der dritten Primarschule unterrichtet, während Englisch als zweite Fremdsprache in der fünften Klasse eingeführt wird. In der übrigen Ostschweiz beginnt Englisch ab der dritten Klasse, gefolgt von der zweiten Landessprache Französisch. Da alle betroffenen Sprachen, wenn auch in unterschiedlichem Ausmass, miteinander verwandt sind, bestehen an sich gute Grundlagen für mehrsprachigkeitsdidaktische Zugänge, die oft sprachliche Ähnlichkeiten für das Lernen nutzbar machen.

Der Unterricht beider romanischen Landessprachen als Fremdsprachen ist allerdings immer wieder Gegenstand von Diskussionen. So wurde 2018 die Legitimität der Fremdsprache Italienisch an deutschsprachigen Schulen des Kantons Graubünden bildungspolitisch in Frage gestellt, obwohl Italienisch unzweifelhaft integraler Bestandteil des sprachlichen und kulturellen Erbes, aber auch der Gegenwart Graubündens ist. Auch der Status des Französischen als schulischer Fremdsprache steht immer wieder zur Debatte. Als zentrale Herausforderung werden oft Aspekte der professionellen Kompetenzen von Lehrpersonen genannt, darunter fachwissenschaftliche und fachdidaktische Kompetenzen, ihre berufsspezifische Sprachkompetenzen sowie ihre professionellen Überzeugungen (Baumert & Kunter, 2006; Reusser et al., 2011). Letztere stehen insofern oft im Fokus, als ein Zusammenhang vermutet wird zwischen für die Mehrsprachigkeitsdidaktik ungünstigen Überzeugungen (z.B. Barras et al., 2019; Manno, 2022) und dem Erwerb theoretischer und praktischer professioneller Kompetenzen durch (zukünftige) Lehrpersonen. Die wichtige Rolle der Lehrpersonenbildung für den Erwerb ebendieser Kompetenzen wird daher betont (Bredthauer, 2018) und damit auch die Auseinandersetzung mit den berufsbezogenen Überzeugungen gefordert.

Da die Idee zu diesem Sammelband im Rahmen von QUAT­TRO und der Fremdsprachen- und Mehrsprachigkeitsdidaktik entstanden ist, legen vier Beiträge den Fokus auf die Kooperation zwischen Praxis und Theorie im Rahmen der Sprachen. Die anderen Beiträge beleuchten das doppelte Kompetenzprofil aus einer breiteren Perspektive. Gemeinsam liefern die neun Beiträge eine differenzierte und facettenreiche Auseinandersetzung mit dem Thema des doppelten Kompetenzprofils in der Lehrer:innenbildung.

Aufbau und Struktur des Sammelbandes

Die neun Beiträge des Sammelbandes beschäftigen sich jeder auf seine Art mit unterschiedlichen Kooperationsformen zwischen bestimmten Akteur:innen an Pädagogischen Hochschulen. Die beschriebenen Kooperationen zielen darauf ab, das doppelte (oder mehrfache) Kompetenzprofil in der Lehrer:innenbildung zu stärken. Der Band gliedert sich in vier Teile: 1) Grundlegende Überlegungen zu Kooperationen in der Lehrer:innenbildung; 2) Beiträge mit einem Fokus auf die Lehre; 3) Beiträge mit einem Fokus auf die Forschung und Entwicklung und abschliessend 4) ein Blick über die Landesgrenze.

Den Auftakt bilden zwei Beiträge, in denen sich Annette Tettenborn sowie Olivia Rütti-Joy und Horst Biedermann auf einer konzeptuellen Ebene mit der Bedeutung von Kooperation für das doppelte Kompetenzprofil beschäftigen. Annette Tettenborn zieht eine Analogie zwischen dem Projekt QUAT­TRO und dem Audi Quattro, dessen neuartiger Allradantrieb einst Massstäbe setzte, und fragt, ob die Pädagogischen Hochschulen bezüglich des doppelten Kompetenzprofils schon «geländetauglich» seien. Als entscheidend betrachtet sie die Frage, wie die Pädagogischen Hochschulen im Raum zwischen Schulpraxis und Hochschule zu verorten seien, beziehungsweise wie Grenzgebiete von Schule und Hochschule zu bewirtschaften bzw. zu überbrücken seien. Eine wichtige Funktion kann dabei gemäss Tettenborn «Grenzgänger:innen» zwischen der Schule und der Hochschule zukommen, wobei solche Grenzgänger:innen vor allem ihre Stärken in für sie allenfalls auch etwas fremden Kontexten einbringen können (z.B. Lehrpersonen ihre Praxiserfahrung im Kontext einer tertiären Ausbildung). Eine ähnliche Konzeption denken Olivia Rütti-Joy und Horst Biedermann mit ihrer Erörterung zur Funktion der «Boundary Broker» an. Auch sie beschreiben einen «Raum dazwischen», zwischen Hochschule und Schule, der trotz eventuell gegensätzlicher Ansichten, die durch die spezifischen Systemlogiken der Akteur:innen bedingt sind, durch Austausch von verschiedenen Expertisen und Perspektiven konstruktiv genutzt werden soll. «Boundary Broker» sollen fähig sein, Spannungen, die durch das Zusammenwirken von Fach, Fachdidaktik, Schulpraxis in der Lehrer:innenbildung aufkommen können, sachgerecht zu handhaben, dabei unterschiedliche Perspektiven zu relationieren und in ihrer Eigenlogik aufeinander zu beziehen. Solche Boundary Broker müssten mehrere Wissensbestände aufbauen und durch ihre vermittelnde Rolle, wohl auch über das doppelte Kompetenzprofil hinaus, weitere Fähigkeiten aufbauen. Angesprochen wird eine Kompetenz des «thirding», das heisst eine Vermittlerrolle zwischen unterschiedlichen Systemlogiken. Boundary Brokern wird vor allem in der Fachdidaktik und in den Räumen dazwischen, genauer gesagt zwischen Hochschule und Schulpraxis, z.B. auch im «third space», ein hohes Potenzial für die Ausbildung zur Lehrperson zugesprochen.

Der zweite Teil des Bandes versammelt drei Beiträge, die sich mit unterschiedlichen Kooperationsformen in der Lehre an Pädagogischen Hochschulen befassen. Sie setzen also den Schwerpunkt auf die Kooperation im Bereich der Hochschullehre (Verknüpfung von Theorie und Praxis in der Lehre, Perspektivenwechsel, Kooperationsformen usw.). Der Beitrag von Andreas Imhof und Vincenzo Todisco basiert auf der Idee, dass die theoretischen und praktischen Aspekte des doppelten Kompetenzprofils für den Unterricht fachdidaktischer Hochschulmodule nicht zwingend in einer Einzelperson konzentriert sein müssen, sondern auch durch verschiedene Mitglieder eines professionellen Teams abgedeckt werden können. In der konkreten Umsetzung konzipierten und unterrichteten Dozierende der Pädagogischen Hochschule Graubünden mit Lehrpersonen der Primarstufe im Tandem ein Modul für die Fachdidaktik Italienisch, das bislang ohne personelle Beteiligung aus der Zielstufe stattgefunden hatte. Die Begleitforschung umfasste die Analyse von Journaleinträgen und einer Gruppendiskussion mit den Tandemmitgliedern sowie eine halboffene Befragung der Studierenden. Die Analyse ergab, dass das Tandemprojekt aus Sicht der Beteiligten gut funktioniert. Gleichzeitig ergeben sich Hinweise für Gelingensbedingungen, darunter ein klares Aushandeln der professionellen Rollen im Lehrtandem sowie eine offene Kommunikation zwischen allen Beteiligten.

Der zweite Beitrag wurde von Dozierenden, Lehrpersonen und Stu­die­ren­den der Pädagogischen Hochschule St. Gallen verfasst. Alsu Hug, Lukas Bleichenbacher, Susan Benz, Stefano Negrinelli, Erlinda Shabani und Lorena Späth stellen einen Bezug zwischen dem doppelten Kompetenzprofil und der Mehrsprachigkeitsdidaktik her. Dabei präsentieren die Autor:innen Einsichten zur Definition und Implementierung von Mehrsprachigkeitsdidaktik sowie zur Förderung des doppelten Kompetenzprofils aus der Perspektive der im QUAT­TRO-Projekt beteiligten Akteur:innen. Aus der inhaltlichen und diskursiven Analyse von vier Fokusgruppengesprächen ergibt sich, dass die beteiligten Personen ein breites und detailliertes Spektrum von Zielsetzungen, aber auch Herausforderungen sowohl bezüglich der Definition und Implementierung der Mehrsprachigkeitsdidaktik als auch der Förderung des doppelten Kompetenzprofils untereinander verhandeln. Um das doppelte Kompetenzprofil mit der Mehrsprachigkeitsdidaktik in Einklang zu bringen, werden zahlreiche Unterstützungsmassnahmen für Lehrpersonen und Dozierende, insbesondere für die Kollaboration und den Austausch, gefordert.

In einem weiteren Beitrag zur Kooperation in der Lehre stellen Kathrin Blum, Loli Milošević und Marija Stanisavljević das Projekt HERMES der Institute Kindergarten-/Unterstufe und Weiterbildung und Beratung der Pädagogischen Hochschule Nordwestschweiz vor. Das Projekt befasst sich mit der Entwicklung innovativer Lehrformate und der Stärkung der Zusammenarbeit zwischen Lehrenden an der Pädagogischen Hochschule und Lehrpersonen. HERMES zielt darauf ab, Hochschullehre von Lehrteams bestehend aus Dozierenden und Lehrpersonen gestalten zu lassen. Die datengestützte Erhebung und Auswertung der im Projektverlauf erzeugten Erkenntnisse ermöglicht differenzierte Überlegungen zur nachhaltigen Implementierung der entwickelten Lehrformate über den Förderzeitraum hinaus. Durch die Fokussierung auf die Hochschullehre leistet HERMES einen Beitrag zur Optimierung von Bildungsangeboten und zum besseren Verständnis des Zusammenspiels, das sich durch die Zusammenarbeit im Bereich der Praxis und der Theorie ergeben können.

Dieser Teil des Bandes schliesst mit drei Erfahrungsberichten von Nadja Piroddi, Nico Troianiello und Désirée Muscas, drei Lehrpersonen an Primarschulen des Kantons Graubünden, die im Projekt QUAT­TRO im Rahmen der Hochschullehre mitgewirkt haben. Die Lehrpersonen beschreiben ihre Wahrnehmungen und Erkenntnisse während der Zusammenarbeit, wobei der Schwerpunkt auf dem doppelten Kompetenzprofil liegt.

Der dritte Teil des Bandes ist Kooperationen in der Forschung und Entwicklung gewidmet. Ausgangspunkt des ersten Beitrags sind zwei Herausforderungen bei der Umsetzung der Mehrsprachigkeitsdidaktik: Das Fehlen entsprechender Unterrichtsmaterialien sowie eine wechselnde Bereitschaft von Lehrpersonen, bestehende Materialien einzusetzen.

Der Beitrag von Robert Hilbe, Mara De Zanet, Alsu Hug, Stefano Negrinelli, Anna Schröder-Sura und Lukas Bleichenbacher von der Pädagogischen Hochschule St. Gallen stellt das Vorgehen und die Erkenntnisse vor, die sich bei der Entwicklung von Unterrichtsmaterialien zur Implementierung der Mehrsprachigkeitsdidaktik im Rahmen des St. Galler Teilprojekts von QUAT­TRO ergeben haben. Die Materialien umfassen sechs thematische Koffer mit Unterrichtsmaterialien, mit denen sich Schulklassen auf eine mehrsprachige Reise, die so genannte Plurivoyage, begeben können. Das Besondere daran ist, dass die Koffer von einem Team aus Dozierenden, Studierenden und Lehrpersonen erstellt, im Unterricht der Sekundarstufe I erprobt und iterativ optimiert wurden. Als methodologischer Rahmen diente der Design-Based-Research-Ansatz, der Lernphänomene in realen Situationen untersucht. Der Beitrag liefert Erkenntnisse zur Herstellung mehrsprachigkeitsdidaktischer Unterrichtsmaterialien für die Sekundarstufe. Weiter wird das Potenzial der Design-Based-Research-Methode zur Förderung des doppelten Kompetenzprofils vor dem Hintergrund der engen Verzahnung von Wissenschaft und Praxis reflektiert.

Die Design-Based-Research-Methode prägt auch den Beitrag von Stefania Crameri, Barbara Paganini, Stefan John und Vanessa Crameri-Passini. Er beschreibt ein dreijähriges Projekt, das im Rahmen von QUAT­TRO von einer Forscherin der Pädagogischen Hochschule Graubünden mit drei Italienischlehrpersonen der Primarstufe durchgeführt wurde. In einem partizipativen Projektsetting mit dem Titel Forschende Lehrpersonen wurden Unterrichtsmaterialien zum Wortschatzerwerb entwickelt, wobei der Sprachvergleich der Zielsprache Italienisch mit Deutsch, Englisch und anderen Sprachen im mehrsprachigkeitsdidaktischen Fokus stand. Die Entwicklung wurde mit stimulated recall in Fokusgruppen reflektiert. In der Analyse werden die weitgehend positiven Rückmeldungen der beteiligten Lehrpersonen zur Projektarbeit erörtert. Diese konnten ihr wissenschaftliches Profil durch das Projekt unter anderem durch die Mitarbeit an einem Tagungsbeitrag anreichern. Gleichzeitig zeigt sich, dass die Lehrpersonen die Bedeutung der praktischen Kompetenzen nach wie vor höher einschätzen als jene der wissenschaftlichen.

Der Beitrag von Denise Gyger Gaspoz und Maud Lebreton-Reinhard beschreibt ein Modell zur Förderung des doppelten Kompetenzprofils, das seit 2019 an der Pädagogischen Hochschule der Kantone Bern (französischsprachiger Teil), Jura und Neuenburg (HEP-BEJUNE) existiert. Dabei werden Praxislehrpersonen von der Pädagogischen Hochschule eingestellt, um als vollwertige Akteur:innen an Forschungsprojekten mitzuarbeiten. Im Beitrag werden die Überlegungen und konkreten Schritte referiert, die zur Schaffung der neuen Personalkategorie geführt haben. Die Arbeit der Lehrpersonen mit Forschungsauftrag wird am Beispiel zweier fachdidaktischer Projekte illustriert. Abschliessend erfolgt eine Reflexion über die Vorteile, aber auch die Herausforderungen der Einführung des neuen Status.

Der dritte Teil des Bandes schliesst ebenfalls mit drei Erfahrungsberichten aus dem Projekt QUAT­TRO. Diese Personen waren an den in diesem Teil beschriebenen Projekten beteiligt und haben massgeblich zu deren Erfolg beigetragen. Sie wurden verfasst von der St. Galler Lehrperson Susan Benz, den drei St. Galler studentischen Mitarbeiterinnen Hadisa Ibusoska, Erlinda Shabani und Lorena Späth sowie der Bündner Lehrperson Barbara Paganini. Ohne die engagierte Mitarbeit dieser Kolleg:innen wären die Projekte nicht möglich gewesen.

Der Band schliesst mit einem Beitrag von Lars Schmelter, der Qualifizierungswege für Forschende und Lehrende in der Fremdsprachendidaktik an deutschen Hochschulen aufzeigt und somit einen Blick über die Grenzen der Schweiz eröffnet. Die Nachwuchskräfte befinden sich oft «zwischen den Stühlen», wie es Schmelter ausdrückt. Auch er spricht als Kernproblem der Lehrer:innenbildung die Relationierung von wissenschaftlichem Wissen und professionellem Handlungswissen an und damit auch die schwei­ze­ri­sche Diskussion um das doppelte Kompetenzprofil mit den hohen Ansprüchen an erfahrungsbasierter Kompetenz in der Forschung und gleichzeitig in der fremdsprachendidaktischen Praxis. Neben traditionellen Qualifikationswegen beschreibt Schmelter das «Bremer Modell», das stark auf die Zusammenarbeit mit den Schulen setzt und die Möglichkeit einer dualen Promotion anbietet. Diese solle den Lehrpersonen die Wahl erleichtern, ob sie in ihrer Berufskarriere eine wissenschaftliche Laufbahn anstreben oder in den Schuldienst eintreten möchten.

Die in diesem Band versammelten Beiträge zeigen, dass Kooperationen zwischen Akteur:innen aus der Theorie und der Praxis viele unterschiedliche Gestaltungsformen und Konkretisierungen annehmen können. So gibt es Kooperationen, in welchen sich die Akteur:innen stark bemühen, Theorie und Praxis aufeinander zu beziehen und gegenseitig fruchtbar zu machen. Theorie und Praxis sollen dabei «auf eine Schiene» gebracht werden, um mit doppelter Kraft vorangetrieben werden zu können. Das Ziel ist eine stetige Bezugsname von Theorie und Praxis unter- und aufeinander, wie dies Neuweg in seiner Denkfigur «Parallelisierung» beschreibt (Neuweg, 2022, S. 103ff.). Andere Kooperationen betonen hingegen die Eigenständigkeit der Dimensionen Theorie und Praxis, wobei jede:r Akteur:in mit der eigenen Perspektive Herausforderungen der Praxis den Studierenden vermitteln soll. Die individuellen Perspektiven sollen dann auf den Gegenstand hin relationiert und in ihrer eigenen Logik gewürdigt werden. Die Studierenden sollen lernen, Inhalte mit verschiedenen Brillen zu betrachten (vgl. Denkfigur «Brille» von Neuweg, 2022, S. 45ff.).

Ziel des Bandes ist es nicht, eine bestimmte Form der Kooperation in der Lehrer:innenbildung als die ideale zu propagieren, sondern ein vielfältiges Kontinuum an Kooperationsmodellen aufzuzeigen und die damit gemachten Erfahrungen kritisch zu beleuchten. Damit hofft die Herausgeberschaft, einen Beitrag geleistet zu haben, die aktuelle Diskussion rund um das doppelte Kompetenzprofil zumindest partiell zu dokumentieren und weitere Diskussionen und Kooperationsmodelle anzustossen.

Abschliessend möchte sich die Herausgeberschaft bei swissuniversities bedanken, die mit ihren Pilotprogrammen zur Förderung des doppelten Kompetenzprofils beim Nachwuchs an Pädagogischen Hochschulen diese Publikation erst möglich gemacht hat. Ein besonderer Dank gebührt allen Autor:innen dieses Bandes, die nicht nur ihre Beiträge mit Sorgfalt und Engagement verfasst haben, sondern auch ein kollegiales Review eines anderen Textes geleistet haben, um die Qualität der Beiträge weiter zu steigern. Ein Dank geht ferner an die beiden Institutionen, die Pädagogischen Hochschulen Graubünden und St. Gallen, die das Vorhaben unterstützt und die nötigen Rahmenbedingungen dafür geschaffen haben. Nicht zuletzt soll allen Lehrpersonen, Forschenden, Dozierenden und Studierenden gedankt werden, die am Projekt QUAT­TRO und den anderen im Band beschriebenen Projekten beteiligt waren. Ihre Arbeit und ihr Engagement finden sich in diesem Band wieder.

Literaturverzeichnis

Barras, M., Peyer, E. & Lüthi, G. (2019). Mehrsprachigkeitsdidaktik im schulischen Fremdsprachenunterricht: Die Sicht der Lehrpersonen.

Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht, 24

(2), 377–403.

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Teil I: Zusammenwirken von Theorie und Praxis in der Lehrer:innenbildung

Vom doppelten Kompetenzprofil oder: Die Pädagogischen Hochschulen «geländetauglicher» machen?

Annette Tettenborn

Einleitung

Von den Herausgebern dieses Sammelbandes um einen einleitenden Beitrag gebeten, informierte ich mich zunächst über deren Projekt QUAT­TRO, eins der Teilprojekte aus den Pilotprogrammen zur Stärkung des doppelten Kompetenzprofils beim FH- und PH-Nachwuchs (swissuniversities, 2020). Noch bevor ich die Projektwebsite öffnete, erinnerte ich mich daran, den Begriff «QUAT­TRO» erstmals in einem völlig anderen Zusammenhang gehört zu haben: Audi Quattro, das erste Auto mit permanentem Allradantrieb, das 1980 am Genfer Autosalon für eine Sensation sorgte. Ich komme aus einer automobilbegeisterten Familie. Das Ergebnis meiner kurzen Recherche zum Thema Radantriebe gebe ich an dieser Stelle gerne weiter: Die Kraftübertragung auf alle vier Räder (= Allradantrieb) bringt die Motorleistung besser auf die Strasse als der Heck- oder Frontantrieb. Der Geradeauslauf und die Bodenhaftung sind verbessert, enge gefährliche Kurven können auch mal schneller durchfahren werden, ohne dass das Fahrzeug ausbricht. Es kann aber auch – gerade auf vereisten Strassen – ein falsches Sicherheitsgefühl entstehen (frei nach Wikipedia). Viele der im Sammelband vorgestellten Projekte wollen über veränderte hochschulische Lehr-, Lern- und Forschungssettings die «Fahrleistung» der Pädagogischen Hochschulen erhöhen. Diese Analogie zu fahrzeugtechnischen Antriebsformen führte mich zu folgender These, die ich im Folgenden weiter ausführen möchte und damit zur Diskussion stelle:

Aus verschiedenen Richtungen kommend, besteht ein Anspruch, die Pädagogischen Hochschulen «geländetauglicher» zu machen. Das extern und intern weitgehend akzeptierte und zugewiesene Gelände ist vor allem das hochschulexterne Berufsfeld. Es geht im Kern um Lehrerinnen- und Lehrerbildung und die Entwicklung von Schule und Unterricht. Das Kreuzen zwischen Hochschul- und Schulgelände – Pädagogische Hochschulen sind nach über 20-jähriger Tertiarisierung in erster Linie einmal Hochschulen – benötigt Antriebsformen, die gekonnt gefahren werden müssen, damit sie nicht zu falschen Sicherheiten führen. Vorsicht ist geboten!

In drei Abschnitten möchte ich meine Überlegungen zu Chancen und Risiken der Erwartungen an eine gesteigerte «Geländetauglichkeit» Pädagogischer Hochschulen genauer ausführen. Leitend war dabei die Beobachtung, dass in den Diskursen zu Positionierungen der Pädagogischen Hochschulen in der Schweizer Hochschullandschaft und den sich daraus ableitenden Erwartungen an die Kompetenzprofile ihres Hochschulpersonals häufig auf topographische Begriffe Bezug genommen wird. Es geht um die Verortung im «Dazwischen», d.h. zwischen den Hochschultypen Universität und Fachhochschule (Graf, 2018; Müller, 2020) bzw. zwischen Pädagogischen Hochschulen und hochschulexternem Berufsfeld im «dritten Raum» (Kreis et al., 2020) und in «professioneller Allianz» (Luthiger, 2023). Betont werden die Überbrückung und Überwindung einer Kluft zwischen Theorie und Praxis (Leonhard, 2018; Fontanellaz, 2020; Neuweg, 2014; 2021) und die Grenzen und Grenzbewirtschaftungen (Scherrer & Thomann, 2020; Tettenborn & Baumann, 2023) zwischen einem Innen und einem Aussen. Meine teils bewusst zugespitzten Überlegungen zu Kompetenzprofilen eines Hochschulpersonals, das offenbar insbesondere an Grenzen, Brücken und Zwischenräumen arbeitet, sind weder neu noch originell. Es bleibt zu hoffen, dass deren Zusammenstellung und pointierte Einordnung den einen oder anderen begleitenden Denkanstoss für die Lektüre der Beiträge im Sammelband gibt.

Pädagogische Hochschulen im «Dazwischen» von Universität und Fachhochschule

Mit «gleichwertig, aber andersartig» (HFKG, Art. 3, Lit. b) ist auf Ebene der Schweizer Hochschulgesetzgebung seit Inkrafttreten im Jahr 2011 die Positionierung der drei Hochschultypen formelhaft festgeschrieben. Das Modell «Gleichwertigkeit in der Differenz», so Müller in der Dokumentation zur Tagung «Pädagogische Hochschulen in ihrer Entwicklung. Hochschulkulturen im Spannungsfeld von Wissenschaftsorientierung und Berufsbezug» (Müller, 2020), setzt Gemeinsames voraus und fordert Unterschiede. Allen Hochschultypen gemeinsam sind ein mehrfacher Leistungsauftrag (Forschung, Lehre, Dienstleistung) und gleichwertig hohe Qualitätsansprüche in Lehre und Forschung, welche regelmässig durch institutionelle Akkreditierungen überprüft werden. Unterschiede zeigen sich dagegen in den Zulassungen zu den Studienprogrammen (HFKG, Art. 23–25) und in den Studienprogrammen selbst: an der Universität in Richtung einer wissenschaftlich-akademischen Bildung als Vorbereitung auf eine akademische Tätigkeit im Unterschied zu Fachhochschule und Pädagogischer Hochschule mit einer ebenfalls akademischen Hochschulbildung, die aber zugleich immer auch die spätere Berufspraxis mitdenkt, sich mit dieser über die berufspraktischen Studienanteile verzahnt und Studienprogramme und Forschungsaktivitäten entsprechend auszurichten hat. So heisst es denn auch in den Merkmalen des Hochschultyps Pädagogische Hochschulen, dem Dokument zur Klärung des Selbstverständnisses des Hochschultyps: «Die Pädagogischen Hochschulen verbinden Bildungswissenschaften und Bildungspraxis in ihren Bachelor- und Masterstudiengängen von Anfang an, in dem sie mit Praxis- und Kooperationsschulen eng zusammenarbeiten und ein hohes Mass an ausbildungspraktischen Sequenzen pflegen» (Kammer Pädagogische Hochschulen, 2017). Die zu leistende Verbindung von Wissenschaft und Praxis fordere daher vom akademischen Personal ein «doppeltes Kompetenzprofil», das sich anders als an den universitären Hochschulen «gleichzeitig an Wissenschaftlichkeit und Praxistauglichkeit» zu orientieren habe (ebd.). Dass diese doppelte Orientierung zu gleicher Zeit und in Personalunion stattfindet, ist hier vermutlich nicht gemeint. Einem zweiphasigen Lehramtsstudium – erst die akademisch wissenschaftliche Ausbildung an der Universität, dann die berufspraktische Ausbildung im Referendariat an den Schulen und im Studienseminar – wird aber damit klar eine Absage erteilt. Man könnte auch sagen, dass in der Schweiz das in der deutschen Lehramtsausbildung ausgelagerte berufspraktisch orientierte Referendariat in die Studienprogramme hineingeholt wurde, d.h. Hochschuldozierende (Universität) und Lehrerbildner:innen (Studienseminar) in der Personalkategorie Dozent/in PH zusammenfallen und daher Doppeltes integriert zu leisten hätten.

In der Beschreibung des doppelten Kompetenzprofils zeigt sich eine binäre Struktur: a ist anders als b, neu braucht es a und b. Es gibt demnach eine «Praxistauglichkeit», die nicht wissenschaftlich ist, und es gibt Lehrinhalte und Vermittlungsformen, die der Wissenschaftlichkeit verpflichtet, in der Praxis aber nicht oder nur wenig nützlich sind. Intuitiv leuchtet das ein, doch stellt sich die Frage, wer, wann und mit welchen Begründungen in dieser Sache Urteile fällen kann, mithin Studieninhalte und Vermittlungsformen und daraus abgeleitet Kompetenzprofile des akademischen Personals festlegt. Der Gedanke liegt nahe, dass über «Praxistauglichkeit» wohl vor allem Personen aus ebendieser Praxis reden können. Vergleichbares gilt für «Wissenschaftlichkeit».

Ein interessanter Gedanke von Müller (2020) zu Unterschieden zwischen den Hochschultypen betrifft die «Verwertbarkeit» der akademischen Qualifizierung. Ein universitärer Masterabschluss könnte in ein Doktorat und eine akademische Berufslaufbahn führen, der Fachhochschulmaster ermöglicht den Zugang zu Leitungs- und Führungspositionen im entsprechenden Berufsfeld. Für die Absolvent:innen der Pädagogischen Hochschulen sind die akademischen Studienabschlüsse Bachelor und Master die neuen nachseminaristischen Ausbildungsabschlüsse[1]: ein Lehrdiplom mit schweizweiter Anstellungsfähigkeit, wobei eine Anstellung angesichts des Lehrpersonenmangels je nach Kanton auch ohne Studienabschluss möglich ist. Teils interessieren sich Studierende, Lehrpersonen oder Schulleitungen durchaus für Laufbahnperspektiven an der Hochschule (Tettenborn, 2022). Das noch fehlende Promotionsrecht zeigt allerdings, dass der Weg zur Dozentur und in Führungspositionen der Pädagogischen Hochschulen zurzeit nur über institutionelle Umwege zu erreichen ist (für eine Übersicht zur Thematik vgl. Biedermann et al., 2023). Profiliert man Kompetenzen der Lehrenden aus den vermuteten Ansprüchen und Erwartungen der Studierenden der Studienprogramme und teils auch des Berufsfeldes und weiteren Anspruchsgruppen, so könnte man vereinfacht formulieren: Seid akademisch, aber nicht zu viel. Zeigt uns bitte vor allem, wie wir den anspruchsvollen Lehrberuf meistern können. Über das, was mit «akademisch» gemeint sein könnte, müsste man mit Studierenden wohl insbesondere in der Studieneingangsphase ins Gespräch kommen. Eine akademische (Berufs-)Bildung qualifiziert zur situationsgerechten Auswahl, Anwendung und Anpassung fachspezifischer Theorien und Methoden sowie zum selbstständigen und kritischen Umgang mit wissenschaftlichen Erkenntnissen» (Wissenschaftsrat, 2015, S. 41). Akademische Bildung baut auf ein Wissen, das «prüfbar, belegbar oder begründbar ist. […] Methoden der Wirksamkeitsprüfung sind Kern jeglicher akademischen Ausbildung» (Hagemann, 2017, S. 36). Akademisch (aus-)gebildet zu sein meint daher auch, eine kritische Distanz zu gerade angesagten Themen und «Wissens-Hypes» einnehmen zu können und dies auch zu wollen. Dass die geplante und durchgeführte Unterrichtssequenz mit den neu eingesetzten digitalen Medien die erwartete Wirkung zeigt, reicht akademisch (Aus-)Gebildeten im Grunde nicht. Die Frage nach dem «Warum» wird zum Ausgangspunkt für situations- und theoriebezogene Erklärungs- und Verstehensprozesse, die über das rein funktionale «That works» hinausgehen. Diese Haltung, das eigene Tun und Denken immer wieder auch kritisch zu befragen, ist eine Bedingung dafür, dass Professionelle ihr Berufsfeld gemäss Auftrag und in berufsethischer Verantwortung weiterentwickeln können. Gerade in Zeiten gesellschaftlicher Transformationen ist eine gut abgestützte Haltung der Professionellen im Feld gegenüber professionsexternen Vorstellungen und Erwartungen von grosser Bedeutung.

Die Frage nach dem «Akademischen» richtet sich aber auch an die Dozierenden und in den berufspraktischen Studienanteilen mitarbeitenden Schulmentor:innen und Praxislehrpersonen: Wie können an der Hochschule Wissens- und Handlungslogiken von Wissenschaft und Praxis zugunsten eines akademischen, praxistauglichen Studiums miteinander in Bezug gebracht werden, wobei dieses «In-Beziehung-Bringen» den Kern der Herausforderungen darstellt?[2]

Brückenbildungen zwischen «Theorie» und «Praxis»

Pädagogische Hochschulen forschen und lehren zu Bildungs- und Erziehungsprozessen mit einem Schwerpunkt auf Unterricht im institutionellen Kontext Schule. Im Unterschied etwa zu einem erziehungswissenschaftlichen Institut einer Universität verstehen sich Pädagogische Hochschulen als «Professionshochschulen»[3], was unterstreichen möchte, dass Forschung und wissenschaftsbasierte Lehre einen deutlichen Bezug zur Lehrprofession einnehmen und sich auf das sogenannte Kerngeschäft fokussieren sollten (Prenzel, 2020). Die fachliche Breite dieses «Kerngeschäfts», d.h. die dis­zi­pli­nä­ren und interdisziplinären Bezüge aus (Schul-)Fächern und ent­spre­chen­den Fachdidaktiken mit den bildungswissenschaftlichen Bezugswissenschaften wie Pädagogik, Psychologie und (Bildungs-)Soziologie ist allerdings beachtlich und generiert an der Hochschule einen «Ort des Wissens», der gekennzeichnet ist durch unterschiedliche Theorieperspektiven, vielfältige forschungsmethodische Zugänge und eine fachliche Mehrsprachigkeit, die Forschende, Lehrende aber auch Studierende überfordern kann. Forschung und Lehre an der Hochschule wissenschaftsbasiert und berufsfeldbezogen zu betreiben, bedeutet, diesen «Ort des Wissens» weiter zu bespielen, ihn hochzuhalten, zu schätzen und zu schützen. Wissenschaft und Forschung an Professionshochschulen «löst sich abstrahierend von einer bestimmten Praxis, versucht generelle Regeln oder Prinzipien zu identifizieren, modelliert Zusammenhänge, formuliert Theorien und bemüht sich, diese kritisch zu prüfen» (Prenzel, 2020, S. 10). Das Kompetenzprofil des akademischen Personals einer Professionshochschule in der Figur von Wissens­ge­ne­rie­ren­den und -vermittelnden (Hochschulen) für Wissensvermittlerinnen und -vermittler (Schulen) dürfte an diesem vielperspektivischen «Ort des Wissens» ausgesprochen ambitioniert sein. Im Folgenden sollen die konzeptionellen Überlegungen von Neuweg (2014; 2021) zum Lehrerwissen daraufhin geprüft werden, ob sie Hinweise auf zentrale Aspekte eines Kompetenzprofils des akademischen Personals in einer einphasigen Lehrpersonenbildung geben könnten.

Abbildung 1 zeigt einen zirkulär gedachten Übergang vom Wissen zum Handeln (und zurück), der drei wenn auch nicht trennscharfe Kategorien des Wissens voneinander unterscheidet.

Abbildung 1:

Konzepte des Lehrerwissens (Abbildung aus Neuweg, 2021, basierend auf Neuweg, 2014)

An der Hochschule geht es in den Studienprogrammen zum einen um die Auseinandersetzung mit systematischem Wissen (= Wissen 1), das den Standards der Wahrhaftigkeit, prinzipiellen Nachvollziehbarkeit und Begründbarkeit unterliegt. Verbunden mit dem Forschungsauftrag könnte man der Abbildung vorgelagert ergänzen, dass neben der Lehre von «Ausbildungswissen» die Generierung dieses «objektiven» Wissens durch Forschung und Entwicklung, validiert im Austausch mit der wissenschaftlichen Fachcommunity, ebenfalls einen Auftrag des akademischen Personals einer Hochschule darstellt.[4] An der Wissenschaft orientiert, d.h. aktiv forschend-entwickelnd und/oder rezeptiv-vermittelnd an der Wissensgenerierung mitzuarbeiten, ist daher sicher ein Aspekt des Kompetenzprofils des akademischen, auf Forschung und Entwicklung ausgerichteten Personals an Pädagogischen Hochschulen.

Ein weiterer Aspekt betrifft die Planung, curriculare Einbettung und begleitende Unterstützung des Aufbaus der individuellen (oder auch kooperativen) Repräsentationen dieses «objektiven Wissens» als Ergebnis der Nutzung hochschulischer Lernangebote (= Wissen 2) in Abhängigkeit von Vorwissen, Einstellungen und Überzeugungen der Studierenden. Solche subjektiven Wissensfacetten können explizit und damit verhandelbar sein oder eben auch nicht. Die Aufgabe der Dozierenden in ihrer Vermittlungsfunktion besteht hier darin, im Wissen um berufliche Anforderungen (z.B. Beziehungsaufbau mit Schülerinnen und Schülern im Jugendalter) geeignete Wissensbestände (z.B. emotionale und soziale Entwicklung im Jugendalter, Selbstkonzeptentwicklung) auszuwählen und ein Lehr-Lern-Setting zu gestalten (z.B. Fallanalysen, ausgehend von eigenen narrativen Interviews mit Jugendlichen), das auch die impliziten Anteile der subjektiven Theorien der Studierenden «nach vorne holt», um sie für den Professionalisierungsprozess nutzbar zu machen. Dieser hochschuldidaktische Aspekt des Kompetenzprofils des akademischen Personals wird sich nicht darauf beschränken, an der Hochschule beispielhaft «Schule zu geben». Die Metapher des zumeist positiv konnotierten «didaktischen Doppeldeckers» wäre unbedingt daraufhin zu befragen, in welchem hochschuldidaktischen Setting das bei Studierenden vorhandene und in Lehrveranstaltungen adressierte subjektive Wissen zukünftiger Lehrpersonen mit wissenschaftsbasierten Wissensbeständen in ein kritisch-reflexives Verhältnis gebracht wird. Eine weitere Facette des Kompetenzprofils des akademischen Personals der Hochschule ist die Fähigkeit zur Kooperation in geklärten Rollenverteilungen im Rahmen der institutionsübergreifenden Zusammenarbeit (Hochschule/Schule): Hochschuldozierende arbeiten in den berufspraktischen Studienanteilen mit spezifisch ausgebildeten Schulmentorinnen und -mentoren zusammen. Diverse Pilotprojekte haben diese Zusammenarbeitsformen von Hochschule und Ausbildungsschule genauer untersucht und als mögliche Personalerweiterung für die Arbeit im hybriden Raum den:die Praxisdozent:in eingeführt (Kreis et al., 2020).