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Eine Gruppe eingeschworener Freunde, geraten durch Zufall in ein abgelegenes Dorf, in dem nur noch wenige Menschen leben. Dort erwartet sie ein faszinierendes Projekt, dem sie sich mit Herzblut widmen. Diese Herausforderung konfrontiert sie mit schicksalhaften Gegebenheiten und großen Hoffnungen.
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Seitenzahl: 468
Veröffentlichungsjahr: 2022
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DREI BIKER
DER PROZESS
FREUD UND LEID
URLAUB UND LANDFLUCHT
DIE IDEE
DAS PROJEKT
EPILOG
Personenverzeichnis
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Der Kurfürstendamm - auch Ku‘Damm genannt - war einst die Prachtstraße für Fürsten, Könige und Kaiser in der Metropole Berlin. Breit angelegt und teilweise mit Bäumen begrenzt vermittelte sie den Eindruck einer großzügigen Allee. Für viele Menschen wurde sie der Mittelpunkt des Lebens in einer riesigen Stadt, die aus vielen Dörfern entstanden ist.
Teure Geschäfte, in denen es alles zu kaufen gab, säumten beide Seiten. Berühmte Hotels boten luxuriöse Unterkünfte. Unzählige Restaurants, Bars und Kneipen luden die Besucher zu Empfängen und Veranstaltungen ein. Es gab bestes Essen oder auch nur Kaffee und Kuchen. Selbst für ein gemütliches Bier mit Freunden boten sich viele Möglichkeiten. Künstler jeder Art und Richtung fanden hier immer ein Publikum. Für die Menschen war es wichtig auf dem Ku‘Damm zu sein und gesehen zu werden. Was hier als neu in Erscheinung trat, galt als Mode in der Stadt und in der Region, sogar über die Landesgrenzen hinaus.
Später veränderte sich die Bedeutung der Straße für die Stadt und die Menschen durch viele andere Vergnügungszentren, moderne Hotels, exotische Geschäfte und großzügige Veranstaltungsplätze in anderen Stadtteilen. Das Leben in der berühmten Straße wurde ruhiger.
Drei vierzigjährige Männer blieben ihrer Stammkneipe seit mehr als zwei Jahrzehnten durch alle Entwicklungsstufen treu. Ob es das gute Bier oder der Charme der hübschen Wirtin war? Es blieb wohl in ihrer Erinnerung, warum sie sich immer wieder regelmäßig oder auch spontan hier trafen. Die Kneipe belegte das Parterre eines fünfgeschossigen Wohnkomplexes mit historischer Fassade in einer Nebenstraße vom Ku‘Damm. Sie bestand hinter dem Eingang und einer kleinen Garderobe aus einem verwinkelten, aber gemütlichen Gastraum und einer gepflegten Eichentheke mit einer verführerisch polierten Messingzapfsäule, auf deren Krone ein modellierter Adler prangte. Auch der Gläserschrank wurde peinlichst sauber gehalten. Küche und Vorratsräume blieben für Gäste selbstverständlich verschlossen. Die Decke im Gastraum war mit Stuck kunstvoll verziert und in den Zwischenräumen wuchsen malerisch dargestellte Hopfenranken. Unmoderne Holzlampen sorgten für dezentes Kneipenlicht. Das Mobiliar bestand aus Holztischen und Stühlen. Das Eichenparkett des Fußbodens wurde nur trocken oder mit einem feuchten Lappen gepflegt.
Die drei Freunde hatten sich schon während ihrer Schulzeit heimlich nach dem Unterricht hier getroffen. Sie lösten damals schon gemeinsam Aufgaben oder stimmten unterschiedliche Meinungen zu bestimmten Themen ab. Die Wirtin half damals ihren Eltern mit und sie ließ es sich nicht nehmen, die jungen Burschen selbst zu bedienen. Wenn der Vater Bedenken hatte, dass die Jungs zu viel Bier trinken würden, nahm sie die jungen Herren in Schutz und sorgte dafür, dass sie aufrechten Ganges den Heimweg antraten. Auch als Studenten pflegten die drei Männer die Tradition des Treffens in der Kneipe und Elfi strahlte, wenn sie in die Gespräche mit einbezogen wurde.
Fritz Freimann hatte als angesehener Bänker Karriere gemacht, seine Frau Nora geheiratet, mit ihr zusammen ein Haus gebaut und zwei Söhne großgezogen, die eine vielversprechende Schulausbildung anstrebten. Der Jurist Karl Kluge arbeitete als Partner in einer teuren Kanzlei. Seine Frau Esra trug die Hauptlast der Erziehung ihres Zwillingspaares. Auch er, Esra und die heranwachsenden Kinder lebten in einem eigenen Haus. Wenn Paul Prager, der seinem Handelskontor mit zehn Mitarbeitern vorstand, gefragt wurde, warum er nicht heiratet, dann antwortete er: „Ich habe die Frau noch nicht gefunden. Ihr beide habt mir die beiden besten Frauen weggeschnappt und Elfi will von mir nichts wissen. Also muss ich ständig weitersuchen.“
Karl schaute dann Fritz an: „Ich glaube, wir müssen P jetzt bedauern.“
„Wir sollten zusammenlegen und für ihn ein Bier kaufen. Was meinst Du F?“
Elfi bekam immer alles mit, worüber die drei Freunde sich amüsierten, da der Stammtisch in unmittelbarer Nähe der Theke seinen Platz hatte. Sie stürzte jetzt herbei, umarmte P und küsste ihn so leidenschaftlich, bis er rot im Gesicht wurde: „P wir sollten nicht vergessen F und K auch zu unserer Hochzeit einzuladen.“
„Ach Elfi, Du haust natürlich in dieselbe Kerbe rein, wie diese beiden Burschen. Ihr könnt Euch ja gar nicht vorstellen, wie schwer es ist, die richtige Frau für einen solchen Laden mit so viel Arbeit zu finden.“
„Du sollst die Frau ja auch nicht für den Laden, sondern für Dich finden.“
Zu fortgeschrittener Stunde waren sie immer zu Schabernack aufgelegt. Wenn einer von ihnen dann im Mittelpunkt des Spaßes stand, verlangten die anderen, dass er den Schlagabtausch auch mitmachte. Sie gingen aber nie bis zu einer Beleidigung, die ihrer Freundschaft geschadet hätte. Sie hatten es sich zur Gewohnheit gemacht, sich intern nicht mit ihren Namen anzusprechen, sondern mit ihren Initialen. Elfi konnte damit umgehen, wenn aber ein Fremder zuhörte, schüttelte er verständnislos den Kopf.
Bei einem Treffen vor einigen Jahren wurde es später als sonst, weil die drei Freunde hitzig über politische Dinge debattierten. Elfi nahm sich einen Stuhl und setzte sich zu den Männern an den Tisch. Sie schaute jedem einzelnen ernsthaft in die Augen.
„Elfi, es ist schon gut. Ich habe es auch gemerkt. Wir sind laut geworden.“
Elfi schüttelte den Kopf und fragte, als wäre es eine Belanglosigkeit: „Was ist heute für ein Datum?“
„Der zwanzigste Juni. Warum fragst Du danach?“
Paul grinste bereits, als Elfi sie ansah und ihnen durch Kopfschütteln bedeutete zu schweigen. Auf Karls und Fritz Gesichtern machte sich Entsetzen breit: „Wir haben es vergessen! Esra und Nora haben heute Hochzeitstag!“
„Ihr beide auch! Es wird für Euch Zeit, einen auszugeben.“
„Nichts da, meine Herren. Ihr kriegt jetzt nichts mehr! So weit kommt es noch, am Hochzeitstag besoffen zu Hause zu erscheinen!“
„Es ist bald Mitternacht. Wo sollen wir denn jetzt noch Blumen herkriegen?“
Elfi grinste Karl und Fritz an: „Schaut mal auf die Theke.“ Dort standen zwei prächtige Sträuße roter, langstieliger Rosen in zwei Bierhumpen.
„Elfi, hast Du etwa schon vorgesorgt? Du bist die Beste!“
Elfi servierte Kaffee, den sie schon auf die Theke gestellt hatte: „Ihr habt jetzt noch eine Stunde Zeit und schlürft den Kaffee. Vor der Tür steht ein Taxi. Ihr überrascht Esra und Nora noch vor Mitternacht! Karl und Fritz Ihr nehmt die Rosen. Paul, Du bekommst noch Schampus mit. Los jetzt, der Fahrer weiß Bescheid!“
Fritz hatte in der Zwischenzeit seine Nora angerufen. Sie stand schon fix und fertig vor der Haustür. Der Taxifahrer lächelte und suchte den schnellsten Weg zu Karls Haus. Die Uhr schlug gerade acht Glasen, Esra erschien im Abendkleid unter der Lampe vor der Haustür. Die Überraschung war geglückt, … als hätte Elfi es mit Esra und Nora abgesprochen. Die Kinder waren noch alle wach und wussten, was die Erwachsenen vorhatten. Sie waren glücklich, erinnerten sich an die Hochzeit und die gute Stimmung hielt sie alle noch eine Weile fest.
Es war für alle Beteiligten selbstverständlich, dass sie keine Gelegenheit verpassten zusammen zu feiern. Selbst die Kinder kannten es nicht anders. Sie fühlten sich wie in einer großen Familie. Erlebnisse und Erfahrungen wurden diskutiert und ausgetauscht. Die Aufmerksamkeit der fünf Erwachsenen gehörte den Kindern, ohne dass sie in die Gefahr der Einmischung in die elterliche Erziehung geraten wären. Wenn die Eltern einmal keine Zeit für die Kinder hatten, fand der Nachwuchs immer einen Partner, sei es bei den Schulaufgaben oder in pubertären Gesprächen.
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Die drei Freunde hatten ein gemeinsames Hobby, nämlich das Motorradfahren. Schon als Teenager montierten sie in einer befreundeten Werkstatt an verunfallten oder ausrangierten Mopeds herum. Als Mopeds wurden eigentlich die mit kleinen Motoren angetriebenen Fahrräder bezeichnet. Sie brauchten Benzin oder ein Gemisch aus Benzin und Öl. Ein Dynamo für die Beleuchtung war nicht mehr erforderlich. Die Maschine sorgte für Licht. Manchmal waren sie mit einer Sitzbank ausgerüstet, damit auch ein Sozius mitfahren konnte. Die jungen Leute bauten den Schalldämpfer aus dem Auspuff aus, damit sie auch durch die Lautstärke auf den Straßen auffielen. Die NSU Quickly war z.B. ein weitverbreitetes und beliebtes Moped, mit dem die Jugendlich erste Erfahrungen machen durften. Später wurden die Maschinen verstärkt und die Fahrzeuge verließen endgültig den Status des Fahrrads. D.h. der Muskelantrieb über Pedale war nicht mehr möglich. Die Fahrzeuge hatten starre Fußraste. Auf dem Markt wurden sie als Kleinkrafträder bezeichnet. Selbstverständlich gab es damals schon schwere Motorräder, die Höchstleistungen bezüglich Kraft, Drehzahlen, Beschleunigung und Geschwindigkeit brachten. Die drei Freunde konnten sich so wunderschöne Maschinen wie z.B. die Horex Regina nicht leisten. Außerdem schreckte sie die steigende Zahl der Unfälle ab. Viele Fahrer unterschätzten die Leistung und die damit verbundene Gefahr der Motorräder. Fachleute jedoch beherrschten die Maschinen und trafen sich zu Wettbewerben auf berühmten Rennbahnen wie die Avus in Berlin, um die Leistungen der Motorräder und ihre eigene Geschicklichkeit zu messen. Fritz, Karl und Paul begnügten sich als staunende Zuschauer mit dem fantastischen Nervenkitzel. Aber in der Werkstatt durften sie eifrig bei Reparaturen helfen und neue Entwicklungen ausprobieren. Der Werkstattmeister bewunderte die technischen Fähigkeiten der jungen Männer. Sie durften jahrelang Testfahrten machen und manchmal war auch ein kleiner Ausflug damit verbunden.
Mit ihrem Hobbyeifer stifteten die drei ungewollte Unruhe bei den Lehrlingen und Gesellen in der Werkstatt. Der Meister forderte sie in seinem Büro zum Gespräch: „Jungs, ich bewundere Euch. Wenn Ihr meine Gesellen wärt, würdet Ihr viel Geld verdienen, aber ich kann Euch wegen des Arbeitsfriedens nicht länger in der Werkstatt dulden.“
Die drei waren geschockt. Fritz fing sich als erster: „Meister, wir sind jetzt erwachsen und interessieren uns für drei gleiche Motorräder. Wir haben bei Dir sehr viel gelernt und würden gerne unsere Maschinen, wenn wir sie denn gekauft haben, in Deiner Werkstatt warten. Ich schlage vor, dass wir uns im Umgang mit den Lehrlingen und den Gesellen zurückhalten und warten, bis sie uns fragen oder brauchen. Außerdem legen wir Dir einen Schein in die Kaffeekasse und hoffen, dass Du uns im Kaufgespräch mit dem Händler unterstützt. Das ist doch ein annehmbarer Kompromiss, zumal wir dann nicht mehr Hobbymitarbeiter wären, sondern Deine Kunden.“
„Ok! Ich werde meine Leute informieren. Es gibt keine Bevormundung der Lehrlinge mehr, Ihr nehmt den Gesellen keine Werkzeuge weg, sondern Ihr fragt danach.“
„Meister, wir kommen jetzt erst einmal nicht mehr in die Werkstatt, sondern beraten uns, wofür wir uns entscheiden wollen. Dann fragen wir Dich, was Du davon hältst. Und Du hilfst uns beim Verhandeln.“
Sie saßen wieder in ihrer Stammkneipe und wussten, dass sie ein paar Dinge zu klären hatten. Karl meldete sich nach dem ersten Bier: „Fritz, Du bist ganz schön vorgeprescht bei unserem Meister. Es stimmt schon, dass wir uns jetzt eine Maschine kaufen können, aber ich bin mir noch nicht sicher, ob ein Feuerstuhl für mich das richtige Fahrzeug ist. Rennen will ich nicht fahren. Andererseits möchte ich mit Euch in der Freizeit zusammen sein.“
„So sehe ich das auch“, ergänzte Paul.
„Wir müssen eine Maschine suchen, die von vorneherein nicht für die Raserei geeignet ist.“
„Ich könnte mir schon vorstellen, dass eine Art Wandern mit dem Motorrad für uns interessant sein könnte. Lasst uns doch einfach mal ein paar Gespräche führen.“
„Der Zeitpunkt ist günstig. Wir haben uns familiär noch nicht festgelegt, können noch über unseren Verdienst selbst bestimmen und außerdem hat in der Stadt ein neues Motorradgeschäft aufgemacht.“
Elfi bekam ein paar Wortfetzen mit und kam mit ernster Miene an den Tisch: „Seid Ihr jetzt total übergeschnappt? Wollt Ihr Euch den Schädel einrennen? Am Wochenende sind fünf Motorradfahrer gestorben. Wollt Ihr, dass ich mir ständig Sorgen um Euch mache?“
„Aber Elfi, Du brauchst Dir keine Sorgen machen. Wir haben es gelernt, mit den Maschinen umzugehen. Wir sind schon hunderte Kilometer mit den Werkstattmaschinen gefahren. Wir wollen nicht an Rennen teilnehmen und wir versprechen Dir, dass wir immer vorsichtig sind.“
„Bei dem Verkehr ist es immer möglich, dass Ihr von Autofahrern übersehen werdet. Ihr habt niemals einen Schutz um Euch herum.“
„Du kannst ja mal mitfahren, damit Du siehst, dass wir nicht leichtsinnig sind.“
„Ich werde mich nie auf so einen Feuerstuhl setzen!“
Bei schönstem Wetter machten sich Fritz, Karl und Paul auf den Weg zu dem neuen Geschäft in einem Industriegebiet etwas außerhalb. Schon von weitem sahen sie das Firmenschild „Die Harley“. Auf dem Vorplatz zum Verkaufsraum glänzten die schönen Motorräder in der Sonne. Besucher und Passanten bewunderten die Fahrzeuge und fachsimpelten über technische Dinge. Im Verkaufsraum gab es nur etwas Zubehör und Regale mit Prospekten zu sehen, aber viele Interessenten wurden an Stehtischen von Verkäufern beraten. Hübsche Mädchen versorgten flink die Gesprächsteilnehmer und standen für erste Fragen der Besucher zur Verfügung.
„Wir kommen genau richtig zur Eröffnungsfeier. Ich bin dafür, dass wir uns erst einmal bedienen lassen. Etwas später beginnen wir ganz unverbindlich nach Prospekten zu fragen. Bestimmt ist dann auch eine Probefahrt drin.“
„Ob diese Damen uns auch beraten? Eine solche Traumfrau auf dem Motorrad ist eine Augenweide. Ich habe in einem Magazin Hochglanzfotos gesehen. Da ist mir doch der Löffel in die Suppe gefallen.“
„Kommen Sie näher meine Herren. Hier ist noch ein Tisch frei. Ich bringe Ihnen etwas zu trinken und heiße Sie willkommen.“
„Wir suchen ein bequemes Motorrad mit starkem Motor und geringer Geschwindigkeit.“
„Das sind genau die Attribute unserer Harleys. Haben Sie sich draußen schon mal umgesehen?“
„Ja, aber nur oberflächlich. Die Maschinen sind schön, aber nicht mit Ihnen zu vergleichen.“
Das hübsche Mädel grinste etwas verlegen: „Sie dürfen sich nicht blenden lassen. In den Maschinen steckt mehr drin. Blättern Sie in den Prospekten. Ich hole Ihnen den nächsten freien Verkäufer, der Ihnen mehr sagen kann.“ Dabei blickte sie den Wortführer Paul mit einem bezaubernden Lächeln in die Augen. Wenig später kam sie mit einem Verkäufer zurück und blieb noch einen Moment, bis das Fachgespräch begann. Die drei Freunde konfrontierten den Mann sofort mit vielen Fragen.
„Ich schließe aus Ihrem Interesse, dass Sie Erfahrung mit Motorrädern haben. Wozu wollen Sie eine Harley nutzen?“
„Wissen Sie, wir brauchen nicht unbedingt ein Motorrad. Wenn wir uns zu einem Kauf entscheiden, dann ist es für uns reiner Luxus. Wir haben Spaß daran.“
„Man kann auf den modernen Fahrzeugen angestrengt sitzen oder fast liegen. Wir wollen aber nach einer längeren Fahrt nicht mit Muskelkater oder Kreuzschmerzen absteigen.“
Der Verkäufer zeigte ein Bild, wo ein Mann mit Sonnenbrille mit einem Lächeln in bequemer aufrechter Haltung fuhr. Dann blätterte er im Prospekt und wies auf Detailfotos hin: „Das schaffen wir mit einem breiten Sattel, der Form des Lenkers und einer bequemen Fuß- und Beinhaltung. Sie werden es selbst spüren, wenn Sie sich nachher mal auf eine unserer Harleys setzen. Sie werden nicht ermüden. Die Harleys sind keine Rennmaschinen, sondern sie sind so konzipiert, dass Sie ein Höchstmaß Ihrer Aufmerksamkeit dem Verkehr und der Landschaft widmen können, durch die Sie fahren. Der Motor entwickelt eine enorme Kraft, so dass Sie auch im Gelände keine Schwierigkeiten haben werden. Ich vermute mal, Sie wollen wandern. Wir haben außer der Schutzkleidung jede Menge Extras zu bieten, damit Sie sicher und vor allem sauber an Ihr Ziel kommen.“
Die drei Freunde blickten den Verkäufer interessiert und nachdenklich an. Er überschüttete sie formlich mit einer Fülle an Informationen, die sie zu verarbeiten hatten. Die junge Frau kam vorbei und fragte, ob sie noch etwas trinken wollten. Dann schaute sie ihren Kollegen an: „Biete den Männern doch mal eine Probefahrt an.“
„Agatha, Du hast recht. Unsere Maschinen sprechen in der Praxis mehr für sich selbst, als ich dazu in der Lage bin.“
„Naja, das theoretische Wissen, das Sie uns rüberbringen, ist ebenso wichtig.“
„Heute am Eröffnungstag können wir keine Probefahrten zulassen. Das würde die Veranstaltung unübersichtlich machen. Ich biete Ihnen an einem der nächsten Tage eine Probefahrt an, unabhängig davon, ob Sie am Kauf einer Harley interessiert sind oder nicht.“
Paul blickte das hübsche Mädel an und nickte: „Geht das auch nach Feierabend? … Dann kommen wir morgen wieder. Wir haben jetzt erst einmal vieles zu besprechen.“
Sie verabschiedeten sich und nahmen sich noch Zeit für einen Besuch in ihrer Stammkneipe.
„Paul, hattest Du nur Augen für das hübsche Mädel oder hast Du auch sonst etwas Wesentliches mitbekommen?“
„Tja, Ihr habt nun mal keine Ahnung von einem Verkaufsgespräch. Alles spielt eine Rolle, aber wir brauchen jetzt eine Taktik. Wir haben zunächst von nur einer Maschine gesprochen. Zweitens hat der Verkäufer keine Ahnung, wieviel Erfahrung wir tatsächlich haben und drittens weiß er nicht, dass wir beim Kauf zu viert sein werden. Wir verpflichten uns nicht mit einer Probefahrt, aber den Spaß sollten wir uns gönnen.“
Der Meister war am nächsten Tag überrascht, als die drei Freunde ziemlich euphorisch auf ihn einstürmten: „Heute kannst Du Dein Wort einlösen. Wir machen eine Probefahrt bei Harley!“
„Aber eine Harley ist doch zu langsam für Euch junge Kerls.“
„So etwas suchen wir aber. Kommst Du heute Abend mit?“
„Ich habe es Euch ja versprochen.“
Der Verkaufsraum war von drei Seiten verglast und innen vollgestellt mit Motorrädern. An der Theke begrüßte sie Agatha. Sie lächelte Paul zu und rief sofort den Verkäufer: „Schön, meine Herren, dann schlage ich vor, Agatha begleitet einen nach dem anderen auf einer kurzen Fahrt. Bitte gehen Sie kein Risiko ein. Wir wollen doch nicht, dass irgendjemandem etwas passiert. Sie müssen sich an die Harleys erst gewöhnen.“
Agatha hatte sich komplett angezogen und Paul - er war der erste Fahrer - bekam einen Helm und die Handschuhe. Nach einer kurzen Einweisung fuhren sie los und der Meister, Fritz und Karl schauten ihnen hinterher. Nach zehn Minuten waren sie wieder zurück. Dann waren Fritz und Karl an der Reihe. Agatha wollte den Meister auch zu einer Fahrt animieren, aber der lehnte ab.
Mitten im Verkaufsraum gab es einen runden Tisch, an dem sie alle Platz nahmen. Agatha und die drei Jungs sprachen über die Probefahrt. Agatha war erstaunt, wie gut die Jungs mit der Maschine umgingen und die Fahrer schilderten ihre ersten Eindrücke. Es war schon spät geworden und der Verkäufer wollte das Gespräch abkürzen: „So meine Herren, auch wir haben jetzt Feierabend und schließen für heute. Sie sind jederzeit willkommen, wenn Sie sich weiter für unsere Produkte interessieren.“
Agatha erschrak und wurde verlegen und blass im Gesicht, aber sie wollte ihren Chef nicht brüskieren. Der Meister schwieg einen Moment ehe er reagierte: „Sie können ruhig schließen junger Mann, aber haben Sie eine Vorstellung, warum wir Ihrem Rauswurf nicht sofort folgen?“
„Sie … Sie haben sicher noch Fragen … Sie haben Interesse? Bitte verzeihen Sie, ich habe so etwas noch nie gemacht. Ich bin so neu in dem Geschäft, wie das Geschäft selbst. Ich kenne die Gepflogenheiten der Kunden noch nicht.“
„Das ist doch mal eine gute Einstellung zur Sache! Ich schlage vor, wir gönnen uns ein gemütliches Bier, Sie bewaffnen sich mit Papier und Bleistift und hören mir zunächst zu.“
Agatha lächelte wieder und besorgte ein Bier und der Meister führte das Gespräch: „Nehmen wir einmal an, die Maschine gefällt uns, dann wissen wir lediglich, dass sie einen Preis hat. Der Hersteller verkauft sie Ihnen zu einem Preis X und Sie verkaufen Sie zu einem Preis von X+. Die Maschine muss an den Fahrer angepasst werden z.B. Lenkereinstellung, Sattel usw. Wer macht das?“
Der Verkäufer wollte etwas sagen, aber der Meister unterbrach ihn: „Hören Sie mir weiter zu. Die Maschine wird eingefahren, dann ist die erste Wartung fällig. Wer macht die? Wer macht überhaupt die Wartung und die Reparaturen? Der Fahrer muss ordentlich eingekleidet werden. Ich sehe bei Ihnen keine Klamotten. Woher bekommt der Fahrer Informationen über technische Verbesserungen, Zubehör und Neuentwicklungen? Wie wird dem Fahrer unterwegs geholfen z.B. bei einer Panne? Wer übernimmt die amtliche Zulassung? Haben Sie vielleicht eine Empfehlung für eine Versicherung? Wenn wir uns heute zum Kauf entschließen, datieren Sie den Vertrag auf gestern zurück.“
Karl ergänzte: „Wenn wir gestern hätten kaufen wollen, wäre das nicht möglich gewesen, da wir nicht Probe fahren konnten. Und ohne Probefahrt hätten wir die Katze im Sack gekauft.“
Der Meister fuhr fort: „Bei einem Verkauf schon während Ihrer schönen Eröffnungsfeier ist der Hersteller sicher bereit, einen Rabatt springen zu lassen. Und wenn Sie jetzt bereit sind, meine Fragen zufriedenstellend zu beantworten, dann stellen Sie sich bitte einmal Ihr eventuelles Erfolgserlebnis vor, wenn wir nicht über den Kauf von einer Maschine sprechen, sondern von drei Maschinen!“
Der Verkäufer legte seinen Stift zur Seite und bemühte sich um Konzentration. Es wurde ihm klar, dass die Organisation noch nicht ausgereift war, bzw. würden neben der Werbung und dem Verkauf noch andere Arbeiten erfüllt werden müssen.
Paul erkannte die Schwäche des jungen Verkäufers und lenkte ein: „Wir wollen Sie nicht in die Enge treiben, aber wenn wir kaufen, muss das ganze Paket stimmen. Erinnern Sie sich einfach an Ihre Schulung beim Hersteller und reproduzieren Sie, was Sie zusagen können.“
Agatha lächelte ihren Chef an: „Wir haben viele Informationen erhalten, aber einige Details sind offengeblieben. Chef, unser Verkaufsleiter beim Hersteller und unser Schulungsleiter werden uns sicher auch weiterhelfen.“
„Einiges weiß ich: Wir haben eine Rabattspanne, mit der wir vorsichtig arbeiten dürfen. Ich weiß auch, dass ein Erstverkauf dreier Maschinen unserer Firma etwas wert ist. Helm und Handschuhe werden mit der Maschine ausgeliefert. Die Klamotten beschafft sich der Käufer selbst oder er kann sie als Zubehör bei uns kaufen. Die Zulassung übernehmen wir, aber die Versicherung ist Sache des Käufers. Ich denke, es liegt an unserer Kundenpflege, dass die regelmäßigen Informationen an den Käufer weitergegeben werden. Was mir die größte Sorge macht, ist das Fehlen einer Werkstatt.“
Der Meister griff wieder ein: „Wenn Ihre Firma mitmacht, könnte ich Ihnen helfen. Stellen Sie fest, ob die Firma mich als Vertragswerkstatt anerkennt. Wenn das der Fall ist, übernehme ich den gesamten technischen Bereich. Für die Arbeiten, die in Ihre Verantwortung fallen, erhalten Sie von mir jeweils eine Rechnung.“
„Das wäre selbstverständlich eine saubere Lösung, worüber mir allerdings keine Entscheidung zusteht.“
Karl räusperte sich: „Sie stehen doch sicher über Ihren Computer in ständiger Verbindung mit der Zentrale. Wenn Ihr Verkaufsleiter erfährt, über welches Geschäft hier verhandelt wird, dann wird er sicher sofort aktiv. Wir wissen doch jetzt schon eine ganze Menge. Schildern Sie ihm den Sachverhalt und die Möglichkeit, die Partnerschaft einer Vertragswerkstatt zu erhalten, dann erfahren wir, ob wir jetzt kaufen oder nicht. Keiner von uns kann alles wissen, aber lernen.“
„Ich kenne mich mit der EDV nicht so gut aus. Ich müsste mich morgen daransetzen.“
„Chef, ich will Dir nicht zu nahe treten, aber ich beherrsche den Computer und das Netzwerk“, kam Agatha ihm zu Hilfe.
„Meinst Du wirklich, wir könnten denen in dieser Form auf die Nerven fallen?“
„Ich bin mir sicher, dass die Leute dort bei dem Geschäft im Zusammenhang mit Ihrer Neueröffnung anbeißen“, ergänzte Paul. „Und wir hätten den Vorteil, dass wir sofort eingreifen können, weil wir jetzt alle zusammen sind.“
„Also gut, Agatha. Dann wollen wir es wagen. Soll ich vorher anrufen? Vielleicht ist er ja gar nicht im Office oder wir stören ihn in einer Pause?“
„Nein! Der Verkaufsleiter sitzt vor seinem Bildschirm oder er wird mit seinem Handy verbunden. Wenn das nicht geht, dann bekommt ein anderer Mitarbeiter die Meldung auf seinen Schirm und wir sind sofort mit der Zentrale verbunden.“
Agatha gab den Verbindungscode ein. Der Verkaufsleiter erschien auf dem Schirm. Die Sitzung war eröffnet: „Hallo Agatha, Sie werden ja immer hübscher! Wie war die Eröffnung gestern?“
„Schönstes Wetter. Wir hatten das Haus voll und arbeiten am ersten Geschäft. Erich will mit Ihnen reden.“
„Erich, was gibt es zu besprechen?“
„Wenn ich bei einem Geschäft einen Nachlass gewähre, wenn die Erstwartung ansteht, die Anpassung der Maschine an den Fahrer, entstehen Kosten zu wessen Lasten?“
„Das ist bei Ihrer Ausbildung vielleicht nicht deutlich genug gesagt worden: Sie und Agatha sind bei uns angestellt, das Haus haben wir gemietet, die Kosten für die Feier gestern übernimmt die Zentrale, die Maschinen gehören der Firma. Die Preise sind festgelegt, Sie rechnen den Verkauf mit uns ab. Der Rest ist Ihre Sache. Sie dürfen alles machen, was Sie für richtig halten, nur müssen wir Ihre Begründungen akzeptieren können.“
„Zu wessen Lasten gehen die Garantieleistungen, wie erste Wartung, Anpassung usw.? Wir haben doch keine Werkstatt.“
„Dann bauen Sie sich eine auf oder nehmen eine Werkstatt unter Vertrag. Die Garantieleistungen gehen zu Lasten der Firma. Erich, Sie sind der Chef. Handeln Sie entsprechend für Ihre Firma. Sorgen Sie dafür, dass Sie bei den Geschäften Gewinne machen. Sprechen Sie mit mir, wenn Sie unsicher sind, aber werden Sie selbständig. Die Zentrale macht keinen unkalkulierten Verlust. Wir beobachten Ihre Erfolge und Ihre Kosten.“
„Ok! Sie gewähren mir einen Spielraum, in dem ich selbständig arbeite.“
„So ist es. Ich gebe Ihnen noch einen Tipp: Wenn Sie sich jetzt eine Werkstatt aufbauen wollen, dürfte das für Sie zurzeit noch zu schwer sein, weil Sie zusätzlichen Raum, Leute und Werkzeuge brauchen. Heuern Sie eine gute Werkstatt an. Ich gebe Ihnen jetzt die Unterlagen für einen Werksvertrag auf den Schirm. Da steht alles drin. Der Werkstattmeister sollte uns einen Monteur zur Ausbildung schicken. Und jetzt ran an die Arbeit! Viel Glück!“
Auf dem Bildschirm erschien der Vertrag, den Agatha sofort abspeicherte und ausdruckte.
Der Werkstattmeister traute seinen Augen nicht. Der Drucker spuckte ein umfangreiches Vertragswerk aus: „Also Jungs, wenn der Kauf der Maschinen von diesem Vertrag abhängt, dann wird das heute nichts mehr. Bis ich das alles überprüft habe, vergeht Zeit.“
Karl nahm sich den Vertragsentwurf vor und blätterte darin. Nach einer Viertelstunde konnte er das Werk für den Werkstattmeister interpretieren: „Das ist kein Knebelvertrag, sondern ein Partnervertrag. Da steht eindeutig drin, welche Arbeiten durchzuführen sind, die Du von Erich gegen Rechnung bezahlt bekommst. Darüber hinaus gehende Materialien und Werkzeuge bestellt Erich im Werk. Die Haftung für die von Dir geleisteten Arbeiten übernimmst Du. Du erhältst den Status Vertragswerkstatt.“
„Karl, Du bist sicher, dass ich das unterschreiben kann? Kann ich da auch wieder raus?“
„Ja und ja. Deine Selbständigkeit wird nicht tangiert. Es gibt keine ausschließliche Bindung an das Fabrikat, d.h. Du darfst weiterarbeiten wie bisher. Die Maschinen werden mit der gesamten Sicherheitsausstattung an Dich geliefert. Dann arbeitest Du daran, lieferst an den Kunden aus und berechnest den Aufwand an Erich. Du erhältst alle Prüfprogramme mit Änderungen automatisch und regelmäßig alle technischen Neuerungen. Such Dir schon mal einen Monteur aus, der sich sofort im Werk meldet.“
„Na schön, Du bist der Anwalt!“
„Noch nicht ganz, aber Dein Vertrauen ist berechtigt und begründet.“
Fritz wurde nachdenklich: „Haben wir an alles gedacht? Was ist mit den Klamotten?“
„Wir haben doch nie richtige Motorradklamotten gehabt. Wir kriegen blitzblanke Maschinen. Warum sollten wir nicht auch gut aussehen?“
Agatha legte einen Prospekt vor: „Es geht nicht nur ums Aussehen, sondern um Ihre Sicherheit. Wollen Sie sich etwas aussuchen? Oder soll ich das machen. Ich will nämlich auch, dass Sie gut aussehen.“ Sie lachten alle etwas verlegen und Paul grinste Agatha an.
Der Verkäufer rechnete hin und her. Dann zerknüllte er das Papier mit seiner Aufstellung und begann von vorne. Schließlich kam er zu einem Ergebnis, atmete tief durch und sagte zögernd: „Mal drei!“
Fritz schreckte hoch ohne den Betrag gesehen zu haben: „Jetzt weiß ich, was wir vergessen haben. Wir haben noch nie über Geld gesprochen.“
In der Runde wurde es still. Die drei Jungs hatten schon eine Vorstellung von einem fünfstelligen Betrag, aber sie hatten in der Euphorie versäumt, sich die Frage zu beantworten, wie sie eine so hohe Kaufsumme aufbringen könnten. Der Meister unterbrach Fritz: „Erich wird uns gleich in die pekuniären Eckpunkte einweisen. Erst danach werdet Ihr von Eurem euphorischen Höhenflug abstürzen. Die Erfahrung müsst Ihr jetzt selbst machen. Auf mich hättet Ihr ja nicht gehört. Erich, nennen und erklären Sie uns die Summe.“
„Ich habe alle Kosten bis zur Übergabe der Maschinen an die Käufer zusammengerechnet. Da sind auch die Anzüge, Stiefel, die Zulassung usw. enthalten. So ergibt sich der Bruttopreis. Dann habe ich Rabatte des Werkes und meines Geschäfts abgezogen. So komme ich auf den Nettopreis pro Maschine. Folgendes ist danach noch zu berücksichtigen: Das Benzin für die ersten tausend Kilometer übernehme ich persönlich. Außerdem werden die Helme vom Werk aus mit Funk ausgerüstet. Mehr kann ich nicht tun.“
Die drei Freunde schwiegen. Der Meister wandte sich an den Verkäufer: „Erich, wenn wir uns jetzt einig werden, unterschreibe ich den Werksvertrag. Dann haben Sie einen zusätzlichen Vorteil.“
„Absolut! Ich werde mit meinem Chef im Werk darüber sprechen, ob wir diese beiden Ereignisse zusammenberücksichtigen und daraus noch einen zusätzlichen Nachlass argumentieren können. Der Werbeeffekt durch die drei Maschinen vor Ort und in Ihrer Werkstatt ist nicht von der Hand zu weisen. Eins füge ich noch hinzu: Bei Barzahlung in einer Summe unmittelbar nach Anlieferung in Ihrer Werkstatt wird ein Skontobetrag berücksichtigt.“
„Na meine Herren, wie schmerzhaft war die Landung in die Realität?“
Fritz antwortete zuerst: „Meister, Du hast recht. Jetzt müssen wir Farbe bekennen. Jeder von uns hat schon etwas gespart. Ich bin sicher, dass mein Chef bei der Bank mir den Rest ohne Risiko finanzieren wird.“
Paul lächelte, aber er war auch etwas blass um die Nase herum: „Ich bin es nicht gewöhnt, mir solchen Luxus zu gönnen. Aber meine Geschäfte laufen gut und ich bringe den Betrag auf.“
„Ich bin wohl das schwächste Glied in der Mannschaft“, gab Karl zu. „Ich bin noch kein Volljurist und damit abhängig von meiner Kanzlei. Ich verdiene zwar nicht schlecht, aber Sicherheiten für einen Kredit kann ich nicht bieten.“
Fritz und Paul schauten sich an. Sie nickten sich zu und Fritz sprach für Karl: „Moment, deswegen lassen wir den Deal nicht platzen! Wir werden zu dritt eine Lösung finden.“
„Ihr seid Teufelskerle! Ich hoffe, dass Ihr mir als Freunde erhalten bleibt!“ Dann zückte der Meister seinen Füller und unterschrieb den Werksvertrag. „Und wann kommen die Maschinen?“ Jetzt lachten alle und Erich öffnete eine Flasche Schampus.
Agatha saß schon wieder am Bildschirm und erreichte den Verkaufsleiter im Werk sofort: „Chef, wir haben soeben drei Maschinen verkauft und eine Vertragswerkstatt angeheuert.“
„Na, herzlichen Glückwunsch. Schade, dass ich nicht bei Euch sein kann. Wir werden alles tun, damit die Kunden zufrieden sind. Viele Grüße an alle.“
„Morgen schicke ich Ihnen alle Unterlagen.“
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Die drei Motorräder wurden in die Werkstatt des Meisters geliefert. Die Gesellen und Auszubildenden waren in heller Aufregung. Jeder wollte gleich auspacken und die Maschinen bewundern. Der Meister unterdrückte seine eigene Neugier und rief seine Mitarbeiter zur Ordnung: „Männer, wir wollen uns doch kameradschaftlich zeigen und warten bis die Jungs kommen. Die wollen doch bestimmt auch dabei sein.“
Es dauerte nicht lange, bis die drei Freunde durchs Tor kamen und im Beisein der Kollegen vorsichtig die Verpackung entfernten. Sofort begannen bewundernde Fachgespräche. Die verchromten Motorenteile glänzten ebenso wie die lackierten Verkleidungen. Lenker, Schutzglas, Lampen, Spiegel und jede Menge Zubehör waren extra verpackt.
„Meister, dürfen wir selbst montieren nach Deiner Anweisung?“
„Das habe ich mir schon gedacht. Wir schauen uns erst einmal den Montageplan an, dann entscheiden wir, was, wie und in welcher Reihenfolge gemacht wird.“
„Ok. Dann fangen wir morgen früh an. Jetzt kümmern wir uns mit Erich und Agatha zusammen um die Bezahlung und die Sachen, die ins Geschäft geliefert wurden.“
Der Monteur, den der Meister zur Ausbildung geschickt hatte, meldete sich stolz: „Wagt es ja nicht, ohne mich anzufangen, sonst verstecke ich Euch die Fußraste.“
„Na klar warten wir. Du bist schließlich der einzige Fachmann in der Werkstatt!“
Im Geschäft empfing sie Agatha: „Habt Ihr sie schon gesehen?“
Paul packte die hübsche Agatha an den Hüften und schleuderte sie temperamentvoll einmal um sich herum: „Wir hätten am liebsten sofort mit der Montage begonnen, aber wir müssen uns schon noch gedulden, damit keine Fehler passieren.“
„Während Erich die Zahlungsanweisung fertigmacht, werde ich Euch jetzt ordentlich anziehen. Dann werden die Einzelteile mit Euren Namen versehen. Ich hoffe, dass die von mir angegebenen Größen korrekt beachtet wurden.“
Drei Garnituren lagen jeweils in unterschiedlichen Sicherheitsfarben auf dem Tisch. Die Jungs entschieden sich und zogen die Jacken und Hosen über: „Passt! Und die Sachen sind angenehm zu tragen.“
„Ok! Jetzt die Stiefel und die Handschuhe“, kommandierte Agatha. „So und nun die Helme!“
Die Jungs liefen wie die Astronauten im Verkaufsraum herum. Erich, der Verkäufer kam dazu: „Jungs, Ihr seht prima aus!“
„Jetzt fehlen uns nur noch die Maschinen!“
„Ich werde jetzt Eure Namen in die Sachen und auf die Helme prägen, dann seid Ihr fertig. In den Helmen sind Mikrophone und Lautsprecher eingebaut. Der Sprechfunk ist aktiv, sobald Ihr im Sattel sitzt.“
Erich wurde zum Bildschirm gerufen. Die Buchhaltung der Zentrale war dran: „Hallo Erich, die Zahlung ist wie vereinbart eingegangen. Der Skontoabzug wurde akzeptiert. Hoffentlich kommt Ihr mit der Technik zurecht. Wir wünschen unseren drei Neukunden viel Spaß mit den Maschinen und viel Glück! Vielleicht besuchen sie uns ja mal und fahren mit uns über die Route 66.“
Am nächsten Tag gingen der Meister, sein Monteur und die drei Freunde mit Eifer ans Werk. Sie hatten bald einen praktikablen Arbeitsablauf gefunden, aber sie studierten immer wieder die Herstelleranweisungen und die Checklisten. Am Abend fuhr der Monteur mit der Maschine eine Runde auf dem Hof. Dann saßen sie alle fünf im Büro des Meisters.
„Wir haben jetzt einen ganzen Tag für die Maschine von Fritz gebraucht. Also dauert es noch zwei Tage, bis wir fertig sind.“
„Die erste Maschine ist komplett fertig. Sie hat alle Testprogramme bestanden. Ich gebe zu, dass ich trotz der intensiven Ausbildung im Werk eine ganze Menge dazugelernt habe. Ich schlage vor, wir beginnen mit beiden Maschinen gleichzeitig, und Ihr werdet sehen, dass wir abends fertig sind.“
„Das stimmt. Wir sind genug Leute, um gleiche Arbeiten parallel auszuführen. Nur die Testprogramme werden uns aufhalten.“
„Meister, wenn wir uns konzentrieren und korrekt arbeiten, gibt es bei den Tests keine Reklamationen.“
„Das Werk wird uns Vorschriften machen, wieviel Zeit wir zugestanden bekommen bzw. was ich für die Montage bezahlt bekomme. Wenn wir weitere Aufträge bekommen, musst Du einen unserer Kollegen zusätzlich ausbilden. Aber das soll uns heute noch nicht interessieren.“
Der Monteur behielt recht. Am Abend standen alle drei Maschinen im besten technischen und optischen Zustand auf dem freigeräumten und sauberen Platz am Eingang zur Werkstatt. Alle Mitarbeiter genossen mit Fritz, Karl und Paul den prächtigen Anblick. Die Maschinen sahen identisch aus. Ein Auszubildender monierte: „Was sollen die verschiedenen Buchstaben auf dem verchromten Koffer am Heck?“
„Das sind die Initialen der Fahrer, damit sie die Maschinen nicht verwechseln.“
„Genauso ist es gedacht. Aber darüber hinaus gibt es minimale Anpassungen an die Körperhaltung und das Gewicht der Fahrer, die den Jungs sofort auffallen.“
Als Paul vor sich hin sinnierte, er wolle seine Maschine mit in sein Schlafzimmer nehmen, lachte die ganze Meute und Fritz frotzelte: „Ich schätze mal, da würde sich Agatha ziemlich beschweren!“
„Ha, ha, ha. So ein blöder Spruch musste ja jetzt von Dir kommen. Was haltet Ihr davon, wenn wir morgen unsere Klamotten holen, den Sprechfunk ausprobieren und losfahren?“
„Einverstanden. Nachher gehen wir noch zu Elfi und morgen geht’s los.“
„Ich bin einverstanden, Jungs. Aber ich mache erst noch eine Durchsicht. Ich will sicher sein, dass sich nirgendwo ein Tröpfchen Öl rausdrückt“, entschied der Monteur. „Jungs, behandelt Eure Maschinen gut und kommt auch wegen einer Kleinigkeit zu mir. Ich bin praktisch Euer Schmiermaxe!“
Als sie am anderen Morgen ins Geschäft kamen, um die Helme abzuholen, stand Agatha schon fix und fertig in der Tür.
„Was hast Du vor, Agatha? Hast Du so früh schon eine Probefahrt mit einem Interessenten?“
„Nein. Ich habe mir freigenommen für heute. Glaubt Ihr etwa, ich lasse Euch alleine losfahren? Zieht Euch an. Erich bringt Euch in die Werkstatt. Wir treffen uns dort.“
In der Werkstatt strahlten der Meister und der Monteur: „Alles perfekt! Setzt Eure Helme auf und startet die Maschinen!“
Agatha blieb auf Ihrer Harley im Hof sitzen: „Bin ich laut und deutlich zu hören, Ihr Greenhorns?“
Sie antworteten alle drei und fuhren vom Hof, während Erich, der Verkäufer ein Video aufnahm, das er voller Stolz seinen Interessenten zeigen konnte.
„Habt Ihr etwas dagegen, wenn ich eine Zeit lang vorne fahre? Ich kenne mich im Spreewald ganz gut aus.“
„Nur zu, wir folgen Dir!“
„Agatha, Dein Anzug hat die gleiche Farbe wie der von Paul. Habt Ihr das abgesprochen.“
Gelächter im Funk. „Nein, nein. Paul hat die Farbe ausgesucht.“
„Nun ist es aber gut, Ihr Lästermäuler. Konzentriert Euch auf den Verkehr!“
Sie fügten sich ordentlich in den Straßenverkehr ein. Nur an der Ampel hielten sie paarweise nebeneinander. Passanten blieben stehen und bewunderten den schönen Anblick der Gruppe. Autofahrer winkten ihnen zu. Dann kamen sie auf weniger befahrene Straßen im Spreewald. Agatha kannte sich aus. Sie führte die Jungs immer tiefer in die Moorlandschaft des Spreewaldes. Die Straßen wurden zu befestigten Wegen, die durch Bäume und Strauchwerk gesäumt waren. Manchmal fuhren sie über eine Brücke. Dabei mussten sie oft anhalten, um den Schiffsverkehr auf dem Kanal an der Schleuse durchzulassen. Ab und zu begleiteten sie die Schiffe, wenn ihr Weg parallel zum Kanal verlief. Sie fuhren an kleinen Häusern mit gepflegtem Gartengelände vorbei. Es gab auch versteckte Gasthäuser, die von Einheimischen und wissenden Touristen besucht wurden. Die Jungs wollten auch einmal eine kleine Trinkpause machen, aber Agatha fuhr weiter und bog irgendwann vom Hauptweg in einen Pfad, der nicht viel breiter war als die Motorräder. Nach etwa hundert Metern öffnete sich der Wald und sie hielten am Ufer eines Sees an. Die Sonne spiegelte sich auf der friedlichen Wasserfläche, die ein Schilfgürtel fast ganz umschloss. Der Pfad endete am Ufer des Sees vor einem kleinen Sandstrand. Als die Maschinen geparkt und die Motoren abgestellt waren, legte sich wieder eine natürliche Stille über die Landschaft. Nur die Vögel auf dem Wasser und in den Baumwipfeln unterhielten sich.
„Agatha, der Strand, das Wasser … ich denke das lädt uns zum Baden ein. Was meint Ihr, Jungs?“
„Du hast recht, Paul. Agatha stört es Dich, dass wir keine Badehosen dabeihaben?“
„Ihr könnt mir bestimmt nichts Neues zeigen, was ich nicht kenne. Ich habe drei Brüder! Aber ich bin immer vorbereitet.“
Sie lachten und streiften ihre Anzüge ab und stürzten sich wie Kinder in die einladenden Fluten. Agatha trug einen bezaubernden Bikini unter der Montur. Sie holte eine Decke aus dem Koffer und legte sich auf den warmen Sand.
Das Wasser war nur etwas mehr als einen Meter tief und mit den Füßen standen sie im schlammigen Grund. Sie konnten also nicht weit schwimmen und amüsierten sich eher mit nassspritzen und bewarfen sich mit Schlammbrocken: „Agatha komm doch auch rein. Das Wasser ist herrlich.“
„Nein, Ihr seid mir zu wild. Ich warte bis Ihr fertig seid mit Eurer Tollerei.“
Die sonnenbadende Agatha war mit ihrer sportlichen Figur, ihren langen blonden Haaren und dem knappen Bikini eine Augenweide für die drei Männer. Besonders Paul schaute immer wieder verstohlen zu ihr hin. Sie standen zu einem kurzen Flüstergespräch zusammen, tauchten unter, hatten die Hand voll weichen Schlamms und Paul gab Kommando. Dann warfen sie den Schlamm in die Luft, so dass er als Schlammregen auf die nichtsahnende schöne Frau herunterfiel. Agatha fuhr schreiend hoch: „Ihr Barbaren! Ihr habt wohl nur Unsinn im Kopf. Schaut nur wie ich aussehe.“
Sie lachten schallend und Paul rief: „Agatha, Du siehst hinreißend aus. Komm endlich ins Wasser.“
„Dir werde ich es zeigen, Du Anstifter!“
Mit wenigen Sätzen nahm sie Anlauf und stürzte sich Kopf über in die Fluten. Sie tauchte, bis sie Paul erreicht hatte, schoss hoch, packte Paul am Hals und drückte seinen Kopf unter Wasser. Als er wieder zum Luftschnappen hochkam, lachte er und Agatha drückte ihn noch einmal unter Wasser: „Hast Du jetzt genug?“
Paul prustete und lachte: „Von Dir kriege ich nicht genug. Du bist eine gefährliche Wassernixe.“
Dann packte er sie mit seinen starken Armen, hob sie hoch und schleuderte sie lachend zu den beiden Freunden. Die packten sie an ihren Armen und Beinen und warfen sie zu Paul zurück. Paul nahm sie in die Arme und drückte Agatha fest an sich: „Du bist auch eine wunderbare Frau!“
Wenig später saßen sie alle im Sand und ließen sich von der Sonne trocknen. Fritz holte zwei Flaschen Limonade aus seinem Koffer und Karl hatte Kaffeestückchen mitgebracht.
„Jungs, wir fahren jetzt wieder zurück zum Hauptweg. Der endet in einem Dorf mitten im Wald. Dort gibt es wunderschöne Fachwerkhäuser, die meistens mit Reed gedeckt sind. Sie stehen in gepflegten Garten- und Parkanlagen, die mit kunstvoll geschnittenen Hecken und niedrigen Zäunen nur angedeutet sind. An einem See etwas außerhalb liegt ein uraltes, hervorragend restauriertes Schloss am Strand. Es hat seine altehrwürdige Vergangenheit in einen modernen Hotelbetrieb eingebracht. Ich hoffe, es ist nicht von allzu vielen Touristen bevölkert.“
Im Dorf führte eine gepflasterte Straße direkt auf das Schloss zu. Die schönen Häuser, auch einige Geschäfte waren über befestigte Wege nach rechts und links zu erreichen. Vom Schloss aus verlief die Straße einige Kilometer weiter nach Norden zur Anbindung an das offizielle Straßennetz. Der Parkplatz vor dem Schloss war etwa zur Hälfte mit Autos belegt. Das Schloss bestand aus einem einzigen riesigen Gebäude mit einer historischen Fassade, die mit vielen Skulpturen und Fresken geschmückt war. Massige Säulen rahmten die großen Fenster und Portale ein. In der großen Empfangshalle dominierte eine breite weiße Marmor Treppe in die oberen Stockwerke. Die Wände waren mit verschiedenen Familienwappen und Szenen aus der Torfstecherzeit bemalt. Arbeitende Menschen, Wasser, Nachen, Moor und Wald vermittelten den Eindruck der Pionierepoche in der Gegend. Die hohe Decke bestand aus einer schweren Eichenvertäfelung. Kronleuchter spendeten Licht. Den Bodenbelag hatten die Handwerker aus glattem, aber farblich strukturiertem Marmor gefertigt. Die Halle wurde praktisch auch als Durchgang zur Terrasse genutzt. Gäste meldeten sich bei den Menschen an einer dezenten Rezeption an. An den Eingängen standen Männer in dienstlicher Kleidung und kündigten mit einem freundlichen Lächeln an, jede Auskunft geben zu können.
Die vier Motorradfahrer passten nicht ins Bild und fielen dementsprechend auf. Agatha ging auf einen der Diensthabenden zu: „Dürfen wir uns auf die Terrasse setzen?“
„Aber selbstverständlich. Ich heiße Sie willkommen. Suchen Sie sich die schönsten Plätze aus. Ein Kellner wird sich sofort um Ihre Wünsche kümmern.“
Der Kellner kam bekleidet mit einem weißen Hemd mit Fliege, schwarzer Hose, einer kleinen Lederschürze vor dem Bauch und einem sauberen Geschirrtuch über dem Arm: „Sie legen Ihre Helme am besten auf die Fensterbank, damit sie nicht beschädigt werden. Ich bin dafür zuständig, dass Sie sich wohlfühlen bei uns.“
„Herr Ober, Sie sehen, wir sind Motorradfahrer und Sie wissen, dass wir keinen Alkohol trinken dürfen. Können Sie uns etwas Schmackhaftes zu trinken anbieten? Für Kaffee und Kuchen ist es wohl schon zu spät.“
„Ich gehe davon aus, dass Sie länger als eine Stunde den schönen Anblick über den See genießen werden und Sie machen mir den Eindruck, dass Sie sich mit Bier auskennen. Ich empfehle Ihnen unser alkoholfreies Bier.“
„Naja, werden wir da nicht enttäuscht sein? Sie schätzen uns schon richtig ein. Unser Gaumen ist verwöhnt.“
„Unser Braumeister hat eigens für Kraftfahrer ein fast alkoholfreies Bier mit einem vorzüglichen herben Pilsgeschmack gebraut. Ich gehe das Risiko ein und empfehle es Ihnen.“
Die vier Biker hatten ihre schweren Jacken abgelegt und genossen den Ausblick in die Natur des Sees und des Waldes bei angenehmer Sonnentemperatur und blauem Himmel. Obwohl die riesige Terrasse gut zur Hälfte besetzt war, stand der Geräuschpegel auf angenehm.
Der Kellner servierte vier schöne Tulpen gefüllt mit goldenem Gerstensaft und exakter Schaumkrone: „Wohl bekomms!“ Als die vier Gäste durstig nach den Gläsern griffen, blieb er im Hintergrund noch stehen.
Paul hatte fast das ganze Glas geleert: „Herr Ober, das ist doch ein normales, aber hervorragendes Pils!“
„Erstens habe ich wohl recht gehabt, es schmeckt Ihnen. Zweitens dürfen Sie mir und unseren Braumeister vertrauen: Es ist kaum Alkohol drin.“
„Großartig. Ich gehe das Risiko ein und trinke noch eins“, kommentierte Paul seine Meinung zu dem Bier und seine drei Begleiter nickten eifrig zustimmend.
„Herr Ober, Sie haben hier eine Fischkarte auf dem Tisch liegen. Haben Sie auch fangfrischen Fisch aus dem See?“
„Unser Küchenchef bezieht seinen Fisch zwar frisch aus der Nord- und Ostsee, aber der ist selbstverständlich in Eis gelegt. Aber er hat auch täglich fangfrischen Fisch. Schauen Sie mal an das östliche Ende des Sees. Dort sehen Sie einen Bachlauf. Der befüllt unseren See und tritt am westlichen Ende wieder aus. An dem Zulauf gibt es keine Sedimente, d.h. das Wasser ist klar. Unsere Angler haben dort auf einer bestimmten Länge Kiesel und Felsbrocken in den Bachlauf eingebracht. Es gibt Wasserpflanzen dort und die Forellen fühlen sich dort richtig wohl. Der Küchenchef bestellt abends seine kalkulierte Menge, die ihm am nächsten Vormittag fangfrisch von den Anglern geliefert wird. Die Forelle Müllerin z.B. wird gebacken oder geräuchert und mit bestimmten Gewürzen, Butter und Mandeln angerichtet. Dazu gibt es Butterkartoffeln mit etwas Petersilie. Das reicht den meisten Feinschmeckern. Sie können aber auch einen feinen Salat aus unserem eigenen Anbau dazu bekommen.“
„Mir läuft das Wasser im Mund zusammen.“
„Herr Ober, wir wollen testen, ob Sie genauso mit der Forelle recht haben wie mit dem Bier.“
„Sie werden einen unvergesslichen Genuss erleben!“
So kam es dann auch. Alle waren rund herum satt. Sie unterhielten sich in bester Stimmung und schauten dem fantastischen Sonnenuntergang im Westen zu. Die Farben waren so klar, als würde der Himmel brennen.
„So, meine Lieben“, unterbrach Agatha die Gedanken ihrer Freunde. „Selbst über die Autobahn brauchen wir einige Stunden bis nach Hause. Wir könnten allerdings auch hier übernachten und morgen auf einer anderen Strecke unsere Fahrt genießen.“
„Ja. Wir sind zwar fähig in die Nacht hineinzufahren, aber am Tag haben wir mehr davon. Was halten Sie davon, Herr Ober?“
„Der Dichter, Goethe hat schon festgestellt: Augenblick verweile doch, Du bist so schön!“
Die vier munteren jungen Leute spendeten dem Kellner Beifall.
„Und außerdem haben Sie eine gute Stimmung, und Sie sind für mich angenehme Gäste.“
Fritz fasste zusammen: „Wenn Ihr einverstanden seid, gehe ich zur Rezeption und bestelle Zimmer für uns. Und dann Herr Ober, gebe ich eine Runde echtes Pils und Schnaps aus.“
Mit schnellen Schritten hastete er zur Rezeption in die Empfangshalle, legte die Hände auf die Theke und erstarrte. … Eine junge Dame blickte ihn erwartungsvoll an. Ihre dunklen Haare umrahmten ein freundliches und makelloses hellbraunes Gesicht. Ihre Lockenpracht ruhte auf ihren Schultern. Sie trug eine weiße Hemdbluse mit großzügigem und dennoch dezentem Ausschnitt. Die Ärmel waren sportlich hochgekrempelt. Fritz versank in ihren grünen Augen. Sie lächelte und er hörte eine warme Stimme: „Wie kann ich Ihnen helfen?“
„Äh … Ich … Ja, ich bin Fritz Freimann.“
„Ich bin Nora. Was kann ich für Sie tun?“
„Äh … Ich brauche ein Zimmer.“
„Wie lange wollen Sie denn bleiben?“
„Äh … nein. Zum Übernachten.“
„Ich schaue mal in den Computer. Ich finde bestimmt etwas für Sie.“
Die Augen waren für einen Moment weg. … Hast Du eben gesagt: Ein Zimmer zum Übernachten? …
„Nein, ich brauche vier Zimmer zum Übernachten!“
Die Frau schaute ihn an und Fritz versank wieder in ihren Augen und stotterte weiter: „Nein! Äh … Nicht für mich. Äh … wir sind zu viert.“
„Im zweiten Stock sind noch vier Zimmer frei, aber nicht nebeneinanderliegend.“
„Gut. Äh … danke.“ Fritz drehte sich um und wollte gehen.
„Herr Freimann“, rief die Stimme hinter ihm her. „Herr Freimann, Ihre Schlüssel.“
„Äh … ja danke.“
Fritz kam wortlos und etwas durcheinander auf die Terrasse zurück. Er setzte sich konzentriert auf seinen Platz und schaute stumm in sein leeres Glas.
„Nanu, F was ist los? Hat es nicht geklappt? Du bist ganz blass um die Nase.“
„Ich habe so etwas noch nie erlebt. Ob ich wohl krank bin?“
„So ein Quatsch. Du und krank?! Jetzt erzähl schon, was Dir passiert ist.“
„Ich stand an der Rezeption und hatte vergessen, was ich dort wollte.“ Mühsam – wie aus einer fernen Erinnerung – erzählte er in allen Einzelheiten sein Erlebnis an der Rezeption. Die Freunde hörten gebannt zu und amüsierten sich als er am Ende zu Agatha sagte: „Agatha, ich bitte Dich um Entschuldigung, aber so etwas ist mir noch nie passiert. Ich war wie verzaubert. Bin ich etwa hypnotisiert?“
„Schon gut, F. Du bist weder krank noch hypnotisiert. Es wird sich später aufklären.“
Der Kellner brachte Pils und Schnaps. Sie scherzten wieder miteinander und prosteten sich zu, bis Fritz schließlich seine trüben Gedanken vergessen hatte. Nur Agatha hatte wohl mit ihrer weiblichen Intuition die verwirrten Worte von Fritz verstanden. Sie ließ sich aber nichts anmerken. Sie erhob sich irgendwann mit dem Hinweis, zur Toilette gehen zu wollen. Stattdessen ging sie unbemerkt zur Rezeption und schaute sich die von Fritz beschriebene Frau an. … Nun ja, sie ist bildhübsch! Ob Fritz sich in sie verliebt hat, ohne es zu merken? …
„Sie sind Nora, stimmt´s?“
Nora lächelte die fremde Frau an: „Ja. Was wünschen Sie?“
„Einer meiner Freunde hat vorhin vier Zimmer bestellt.“
„Ja, Fritz Freimann. Ist etwas nicht in Ordnung?“
„Nein, nein. Es ist alles zu unserer Zufriedenheit. Könnten wir uns für einen Moment irgendwo ungestört unterhalten?“
„Laura, übernimmst Du bitte für mich? Ich habe mit der Dame etwas zu besprechen. … Wir gehen nach oben in die Bibliothek.“
Bei dem schönen Wetter war die Bibliothek verwaist und Agatha begann: „Ich bin mit drei wunderbaren Männern unterwegs. Wir sind Freunde und ich fühle mich etwa so, als sei ich für sie verantwortlich. Fritz kam an unseren Tisch zurück und er war ungewohnt verwirrt. Jetzt, seit ich Kontakt zu Ihnen habe, erkenne ich die Ursache. …“
Nora lächelte verlegen und nickte: „Ich habe es auch sofort bemerkt. Ich habe versucht, es diplomatisch zu überspielen, aber letztendlich geht es mir genauso wie Fritz. Er war mir sofort so nahe, als würde ich ihn schon ewig kennen.“
„Dann habt Ihr beide Euch verliebt, ohne Euch dessen bewusst zu sein. Ich maße mir nicht an, vermitteln zu dürfen, aber ich weiß, wie weh eine aussichtslose Liebe tun kann. Eine Rückkehr zur friedlichen Realität könnte vielleicht helfen.“
„Wie stellen Sie sich das vor. Es fühlt sich an wie ein Feuer, das bei Löschversuchen noch mehr aufflammt.“
Agatha hatte von Anfang an Sympathie für Nora empfunden und lächelte sie freundlich an. Nora wischte eine Träne auf ihrer Wange weg und versuchte ebenfalls zu lächeln.
„Ich war schon öfter in Ihrem Haus, ohne Sie je gesehen zu haben. Früher waren meine drei Brüder meine Begleitung. Ich bin schon im See geschwommen. Ich trinke gerne Bier und habe schon immer ein gutes Wort für das Personal. … Kommen Sie nach Dienstschluss rein zufällig auf die Terrasse an unserem Tisch vorbei und begrüßen Sie mich, wie eine gute Bekannte aus zurückliegenden Besuchen. Dann haben wir ein Gespräch. Sie sitzen an unserem Tisch, aber wir sprechen nicht über Sie und Fritz. Fritz wird sich zurückhalten. Paul und Karl wissen von nichts und wir lassen den Dingen ihren Lauf. Was halten Sie davon?“
„Und was mache ich, wenn Fritz und ich uns anschauen und er stottert wieder?“
„Bleiben Sie dienstlich. Fritz wird nicht stottern. Er wird Ihre Gegenwart genießen und vielleicht öfters schweigen.“
„Agatha, können wir Freunde werden?“
„Wir sind es bereits!“ Die beiden Frauen umarmten sich und blickten sich verschwörerisch in die Augen.
Es war bereits dunkel geworden und der Kellner hatte eine Kerze auf den Tisch gestellt, um eine gemütliche Atmosphäre zu stiften. Die Stimmung der vier jungen Leute war prächtig: „Herr Ober, wie kann es sein, dass Ihr Pils genauso gut schmeckt wie das alkfreie? Haben Sie uns etwa verführt?“
„Ich nehme das mal als Kompliment. Verführen dürfte ich Sie auf gar keinen Fall. Leider ist unser Braumeister heute nicht im Haus, sonst würde er Sie überzeugen. Da Sie Bierfachleute sind, unterziehe ich Sie jetzt einem Test. Schauen Sie sich die beiden Flaschen an: Es ist dieselbe Brauerei. Auf dieser Flasche steht „Pils, 5 % Alkohol“ und auf dieser „Pils, null Komma zwei“. Nehmen Sie sich je eine Probe in Ihre Gläser! Was schmecken Sie?“
„Fantastisch beide schmecken gleich und den Alkoholgehalt darf der Hersteller nicht fälschen“, stellte Karl fest.
„Irgendjemand könnte aber auch die Flaschen oder den Inhalt vertauscht haben“, warf Fritz ein und erntete schallendes Gelächter am Tisch.
Plötzlich stand Nora am Tisch. Fritz sah sie sofort, erstarrte und wandte sich leicht ab, um sich zu beruhigen. … Lass Dir nichts anmerken. Sie kommt nicht zu Dir! … Ihre roten hochhackigen Schuhe, ihre langen Beine und ihr maßgeschneiderter Kostümrock komplettierten in seiner Vorstellung das Bild einer Göttin.
„Hallo Agatha, wie schön, dass Du uns wieder einmal besuchst. Es ist ja schon ewig her. Das sind aber nicht Deine Brüder!“
„Nora, Du arbeitest immer noch hier? Wolltest Du nicht Tierärztin werden? Das sind meine Freunde Paul, Karl und Fritz. Ich hoffe Du feierst mit uns.“
Geistesgegenwärtig holte Fritz einen Stuhl vom Nachbartisch und stellte ihn neben seinen. Nora bedankte sich und redete konzentriert mit Agatha: „Agatha wurde vor Jahren von unserem Publikum zum schönsten weiblichen Gast gewählt. Naja, das war auch kein Wunder. Immerhin hast Du mit jedem Kellner geflirtet.“
Paul spitzte die Ohren: „Sprich weiter Nora. Wir sind gespannt, was wir noch alles über unsere Agatha erfahren.“ Gelächter am Tisch und Agatha rechtfertigte sich: „Das war doch alles ganz harmlos. Nora erinnerst Du Dich an die Beachparty unten am Strand. Der Gitarrist hatte so tolle Lieder drauf und wir sind um Mitternacht alle nackt ins Wasser gesprungen.“
Keiner der Freunde interessierte sich dafür, was von den Geschichten der Wahrheit entsprach, aber alle amüsierten sich und die spitzen Zwischenbemerkungen sorgten ebenfalls für Spaß. Es wurde erzählt, getrunken und gelacht.
Nora fragte irgendwann: „Agatha bleibt Ihr länger?“ Dabei stieß sie zart mit dem Knie an den Oberschenkel von Fritz. … Aha, ich soll sicher schweigen. …
„Wir fahren mit unseren Motorrädern morgen weiter.“ Nora schaute Fritz für einen kurzen Moment in die Augen und wandte sich wieder ab. Der Augenblick reichte aber, um ihm zu vermitteln, dass sie traurig war.
Fritz streifte - wie zufällig - Noras Hand und sprach: „Agatha ist für uns wie eine Reiseleiterin. Wir folgen ihr natürlich. Aber mir gefällt es hier bei Euch. Ich komme bestimmt bald wieder hier her.“
Nora strahlte ihn unbekümmert an: „Ich habe zwar immer viel zu tun, weil meine Chefs mit mir wohl zufrieden sind, aber ich werde mich sehr freuen, wenn Du nach mir fragst.“
Nora fand immer wieder eine Gelegenheit, Fritz zärtlich zu berühren und sie merkte sofort, wie er dankbar darauf reagierte, ohne auffällig zu werden.
„Der Kellner hat uns übrigens vorzüglich mit Bier und der Müllerin verwöhnt.“
Paul schnappte den Gedanken auf und interpretierte ihn gekonnt obszön: „Nur schade, dass die Müllerin eine Forelle war.“
„Es sprach unser Lustmolch vom Dienst!“ Agatha und Paul lächelten sich tiefgründig an.
Die Späße wollten kein Ende nehmen, aber der Kellner brachte die letzte Runde: „Liebe Gäste, diese Runde geht aufs Haus. Ich bedanke mich für Eure Gesellschaft und behalte Euch in bester Erinnerung. Morgen muss ich allerdings wieder fit sein. Gute Heimfahrt!“
Als sich die vier Freunde auf ihre Zimmer zurückzogen, sprach Nora das Schlusswort: „Ich verabschiede mich erst morgen von Euch, wenn Ihr gefrühstückt habt.“ Dabei zwinkerte sie Agatha, Ihrer neugewonnenen Freundin, vielsagend und dankbar zu.
Die Flure im zweiten Stock waren lang und verzweigt. Paul hatte sich die Zimmernummer von Agatha gemerkt. Er hatte nur eins im Sinn: Diese Nacht wollte er mit ihr schlafen. Er duschte sich, zog seinen Bademantel über und machte sich heimlich und unbemerkt auf den Weg. Irgendwo ging eine Tür auf und er huschte zurück in sein Zimmer. Er war aufgeregt. Zweiter Versuch. Er erreichte Agathas Zimmertür und zuckte zusammen. … Wenn sie meinen Besuch als Belästigung wertet, verliere ich sie. … Er ging ein paar Schritte zurück und blieb wieder stehen. … Quatsch! Sie liebt mich doch. Das habe ich schon lange gemerkt. Und ich liebe sie auch. Warum soll ich nicht zu ihr gehen, wenn wir zusammengehören?! … Er schlich wieder zu ihrer Tür und blieb abermals unschlüssig stehen. … Nein! Ich störe sie nur. …
Er ging zurück in sein Zimmer, legte sich ins Bett und war augenblicklich eingeschlafen. Er träumte von Agatha, ihrem herzlichen Lachen, ihrer Schönheit, ihrer Fürsorglichkeit, ihrem Sachverstand und ihrer zärtlich Liebe. Er merkte oder träumte davon, dass sein Glied erregt war. Plötzlich schreckte er hoch, weil ihn etwas im Gesicht kitzelte: „A-gatha! Was machst Du hier?“
„Wonach sieht es denn aus? Ich verführe Dich, mein Schatz.“
Sie küsste ihn leidenschaftlich und streichelte seinen muskulösen Körper. Dann legte sie sich auf ihn und nahm seinen Penis zwischen ihre Oberschenkel: „Wie viele Beweise brauchst Du noch, bis Du begreifst, dass ich Dich liebe?“
„Ich liebe Dich schon länger als Du mich.“
„Das ist nicht wahr! Jeder Blick zu Dir, jedes Lächeln von mir zu Dir hieß von Anfang an übersetzt: Ich liebe Dich!“
Sie setzte sich auf seine Oberschenkel. Sie führte seine Hände an ihre Brüste und Paul drang fordernd in sie ein, während sie seine Zärtlichkeit und seine Kraft sehnsüchtig und leidenschaftlich in sich aufnahm.
