Verein - Wolfgang Ahrensmeier - E-Book

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Wolfgang Ahrensmeier

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Beschreibung

Chang, der Koreaner, der damals durch die Rückenmarksspende gerettet wurde und mittlerweile in Deutschland lebt, forscht nach einem Stoff, der Wasserrohre nicht mehr rosten lässt. Zusammen mit seinen Handballfreunden Artur und Hans reist er nach Afrika, um nach weiteren Wasserproben zur Lösung des Problems zu suchen. Begleiten Sie die drei Abenteurer in ein Camp in Afrika, in ein Steinzeitdorf im Dschungel und bei der Jagd nach Wilderern in der Savanne. Erleben sie die starke Liebe zwischen Chang und der Häuptlingstochter Abelka, die schließlich ihr Heimatdorf zum ersten Mal verlässt und sich in der Handballgemeinschaft in Deutschland wohl fühlt.

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Seitenzahl: 593

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhaltsverzeichnis

PROLOG

ZUR ERINNERUNG

VERÄNDERUNGEN

PERSONENVERZEICHNIS

PROLOG

_________________

Als es die allgemeine Wehrpflicht noch gab, hatten die Rekruten die Möglichkeit, durch ihre Verpflichtung zum Zeitsoldaten ihre Perspektiven in der Truppe zu verbessern. D.h., sie konnten Dinge erlernen, die ihnen auch im zivilen Leben nützlich wurden, wie z.B. einen LKW zu fahren. Sie konnten auch die Offizierslaufbahn einschlagen usw.

In Gesprächen mit den Eltern oder bei der Berufsberatung erfahren junge Menschen, dass ihre Perspektiven für eine erfolgreiche Kariere durch ein Studium begünstigt werden können. Die Perspektiven in einer Situation ohne Ausbildung sind eher begrenzt oder dem Zufall überlassen.

Die Perspektiven eines Sportlers in einer höheren Liga zu spielen, sind in einem Profiverein sicher höher zu bewerten als in einem Amateurverein. Da dürften auch die Gründe für die Erschaffung der Eliteschule zu finden sein.

Der Begriff Perspektive wird jedoch auch angewandt, um den Standpunkt oder den Ausgangspunkt einer Beobachtung zu definieren. Aus der Vogelperspektive sehen Gebäude eher aus wie Legosteine. Unterschiedlich große Schauspieler werden durch entsprechende Kameraeinstellungen auf gleiche Höhe gebracht. Die Ansicht eines Hauses verändert sich mit dem Standpunkt des Beobachters. Steht er vor dem Haus, erscheinen Linien waagrecht, senkrecht, parallel und die Winkel realistisch. Schaut er jedoch von einer Ecke aus auf das Objekt, verändern sich diese Beobachtungen. Deshalb arbeitet der Architekt mit feststehenden Begriffen, wie Draufsicht, Ansicht Ost, Ansicht West usw.

Wenn Menschen über dieselben Dinge sprechen, können die Berichte für Zuhörer unterschiedliche Darstellungen auslösen, z.B. bei Zeugenaussagen.

Menschen streiten sich über dieselbe Sache und können nicht zu einer Einigung finden, weil sie ihre Standpunkte nicht anpassen wollen. Sie begreifen nicht, dass die Sache sich nicht verändert. Der Grund für den Streit kann also nicht in der Sache liegen, sondern im Verhalten der Betrachter. Das ist auch eine Motivation für die Gesetzgebung: Die Beweisfindung. Juristen haben dadurch die Möglichkeit, den Tathergang von unterschiedlichen Positionen aus zu beurteilen und damit die Folgen für den Täter zu gestalten.

Bei allen unterschiedlichen Anwendungen des Begriffs Perspektive gibt es damit eine Gemeinsamkeit: Jede Perspektive repräsentiert eine oder mehrere Bedingungen. Jede Perspektive lässt eine Möglichkeit zu: Wenn? … und die Feststellung dann!

Unter einem Verein ist das Zusammenkommen beziehungsweise Zusammenleben von Menschen zu einem gemeinsamen Zweck zu verstehen. Doch hier ist schon die erste Einschränkung erforderlich: Wenn Menschen gemeinsam ein anderes Land überfallen, kann damit nur ein Heer oder eine Truppe gemeint sein mit dem Zweck des Krieges. Ein Verein kann also aus friedlichen und nicht friedlichen Zwecken bestehen, und die Menschen darin sind entsprechend motiviert.

Deshalb sind der Verein und die Menschen darin besonders zu betrachten.

In England wurde bereits 1413 ein Klub mit wohltätigem Zweck erwähnt. Erst im 19. Jahrhundert entstanden Vereine mit dem Hintergrund, Bildung und Kultur zu pflegen. Da die Regierungen mit politischen Auswüchsen rechneten, wurden einschränkende Gesetze für die Bildung eines Vereins erlassen. Nach und nach erlangten die Menschen eine persönliche Befreiung von der Obrigkeit und besannen sich auch auf die körperliche und geistige Bildung. Die Ideen von Friedrich Ludwig Jahn wurden in Sportvereinen verwirklicht. Heute sind alle Vereinsgründungen mit legalen Zwecken möglich, wenn sie sich dem geltenden Vereinsrecht mit ihren festgelegten Rechten und Pflichten unterwerfen.

ZUR ERINNERUNG

____________________________________

Der Verein, in dem Klaus Mahler im Buch HANDBALL als Vorsitzender fungierte, bestand schon seit hundert Jahren. Der Sportverein legte schon nach dem ersten Jahrzehnt sein Schwergewicht auf den Handball. Durch die Person und die Initiative des Ausnahmeathleten Bernd Berger gelangte der Verein zu Ruhm und Ansehen in der Bevölkerung des ganzen Landes. Die Mitgliederzahl war inzwischen auf über dreitausend angewachsen. Zum geschäftsführenden Vorstand des Handballvereins gehörten außer Mahler sein Stellvertreter Dennis Schmidt und der Zahlmeister Alex Raff. Andere Aufgaben übernahmen die Schriftführerin Klara Wohlleber, der Materialwart Georg Steiger, der Männerwart Simon Asche, der Frauenwart Ulrich Klein, der Pressewart Max Hammer, der Jugendwart Frank Hardt und der Terminkoordinator Julius Borg.

Mit seinem Weitblick für die sportliche Zukunft des Vereins hatte Bernd Berger den Vorstand zur Bildung einer Eliteschule für die Jugend motiviert und den Bau durchgesetzt. Der Vorstand hatte für diese Arbeiten einen Ausschuss gebildet, dem Bettina Graulich, Emma Maus, Kurt Maus, Jupp Augustin und Georg Steiger angehörten. Die laufenden Kosten für die Eliteschule wurden aus einem Fonds, den Bernd Berger mit seiner ersten Mannschaft aufgebaut hatte, bestritten. Klaus Mahler gewann den Kampf um die Gemeinnützigkeit des Vereins, indem er ständig die finanzielle Situation des Vereins mit der Finanzbehörde abstimmte.

Der Verein feierte jedes Jahr eine oder mehrere Meisterschaften der Jugend und aus dem Bereich der aktiven Frauen- und Männermannschaften. Der Vorsitzemde Klaus Mahler berichtete darüber in den jährlichen Mitgliederversammlungen im Vereinsheim. Der Schatzmeister Alex Raff erklärte stolz die gesunde finanzielle Lage des Vereins.

In all den Jahren bestanden Mitglieder und Vorstand immer auf der Beibehaltung des Amateurstatus des Vereins. Der Verein war in einem Dorf von den Einwohnern gegründet worden und mitgewachsen. Er gehörte als Institution zur Bevölkerung. Die Menschen sprachen von ihrem Verein. Der Gemeinderat, die Eltern, die Lehrer und viele Unternehmen zählten zu den Freunden und Förderern der Handballer.

VERÄNDERUNGEN

____________________________________

Die Bodenständigkeit des Vereins konnte jedoch auf die Dauer nicht ausreichen, alle guten Handballer, die aus der Eliteschule kamen und diejenigen, die schon in den aktiven Mannschaften auffielen, in den eigenen Reihen zu halten. Immer wieder wurden Spielerinnen und Spieler von anderen Vereinen mit Geldangeboten abgeworben. Die Kader waren zwar groß genug und die Lücken bald geschlossen, aber die Vorstände ärgerten sich darüber. Immerhin verschenkte der Verein mit jedem Weggang sein eigenes, selbstgeschaffenes Potential.

In der jährlichen Hauptversammlung entbrannte dann öfter ein heftiger Streit darüber, ob der Amateurstatus noch zeitgemäß sei oder ob der Verein sich an die Gepflogenheiten auf dem Sportmarkt anpassen müsse.

Der Männerwart Simon Asche gab zu bedenken: „Wir müssen die Spieler auch verstehen, sie trainieren und spielen wie die Profis.“

Der Frauenwart Ulrich Klein ergänzte seinen Kollegen: „Und dafür bekommen sie nur Spesen und Klamotten, während die Profis richtiges Geld verdienen.“

„Na und?“, konterte ein Mitglied. „Dafür bieten wir einen Superverein, in dem sie ihrem Hobby nachgehen können.“

„Die aktiven Spieler tun mehr, als nur ihrem Hobby nachzurennen. Und die Jugendlichen profitieren richtig davon, dass wir unsere gesellschaftliche Aufgabe, die Jugendförderung, so ernstnehmen.“

„Wie ich gehört habe, soll sogar ein B-Jugendlicher aus der Eliteschule abgeworben worden sein. Das ist doch undankbar!“

„Leute, habt Ihr eigentlich schon mal darüber nachgedacht, was wir alles verändern müssen, wenn wir Profis werden wollen?“

Klaus Mahler gelang es immer wieder, die Gemüter zu beruhigen: „Wahrscheinlich eine ganze Menge. Ich bin davon überzeugt, dass alle Eure Argumente und Bedenken ehrlich gemeint sind. Das nützt uns aber gar nichts, wenn wir uns nicht mit den Alternativen zu unserem Status auseinandersetzen. Wir müssen für jedes Argument eine richtungweisende Reaktion vorbereiten, sonst haben wir in ein paar Jahren einen Ausverkauf an Spielern zu beklagen.“

„Du meinst sicher einen Ausverschenk! Denn wir kriegen ja nichts dafür.“

„Ich mache Euch jetzt einen Vorschlag: Wir vertagen das Thema noch ein letztes Mal. Ihr alle macht Euch die Mühe und schreibt Eure Argumente auf ein Stück Papier und schickt dies an unsere Schriftführerin Klara Wohlleber. Der Vorstand wertet die Argumente aus, fasst sie zusammen und ich präsentiere Euch das Ergebnis. Dazu wird der Vorstand zu jedem Argument eine Reaktion anbieten. Und daraus wird sich dann die Möglichkeit für eine Entscheidung ergeben, die wir alle tragen können.“

______________________

Bernd Berger und seine Partnerin Bettina Graulich sind gerade mit dem ICE von einem Empfang beim Präsidenten in der Hauptstadt zurückgekommen. Bernd hatte die höchste Auszeichnung erhalten, die ein Sportler erreichen kann: Das Silberne Lorbeerblatt.

Bettina war stolz an der Seite von Bernd: „Mein Schatz, die Auszeichnung hast Du schon lange verdient. Aber mit Deiner Rede hast Du mir Angst eingejagt. Ich habe nicht sofort alles verstanden, und ich glaubte schon, Du wolltest die Urkunde und Lorbeerblatt zurückgeben und den Präsidenten beleidigen. Dabei wolltest Du nur ausdrücken, dass die Leute, die eine Ehrung aussprechen, sich vorher Gedanken darum machen sollten, wie diese Ehrung auf die Menschen wirkt und wie das Umfeld des Geehrten darauf reagiert.“

„Ja, wenn ich das so einfach formuliert hätte, wäre das vielleicht als Ohrfeige für den Präsidenten verstanden worden. Bettina, Du weißt doch, wie ich zu solchen Ehrungen stehe.“

„Ein Glück, dass ich Dich liebe. So verstehe ich Dich wenigstens.“

Sie erreichten das Vereinsheim, in dem Klaus Mahler und viele Mitglieder die beiden empfingen. Das Silberne Lorbeerblatt wurde bewundert und Bernd beglückwünscht. Dann informierte Klaus seinen Freund über die aktuelle Entwicklung im Vorstand. Bernd war darüber nicht erfreut, denn er wünschte sich, den Amateurstatus aufrechtzuerhalten: „Warten wir es ab, welche Argumente hereinkommen. Aber dann müssen wir uns mit einer Entscheidung beschäftigen. … Übrigens am Sonntag hat unsere junge erste Mannschaft ein Heimspiel: Champions-League gegen Prag.“

Bernds Sohn Gert und seine kleine Familie Grete und Artur warteten zu Hause schon, um den Opa und Bettina zu begrüßen: „Opa, ich habe Dich im Fernsehen gesehen.“

Der kleine Artur machte es den Erwachsenen schwer, sich zu unterhalten. Er suchte die Aufmerksamkeit und wollte ständig zeigen, was er schon konnte. Immer wieder kletterte er auf den Schoß von Opa und streichelte ihn: „Opa, hast Du mir was mitgebracht?“ … So, Bernd. Und wie reagierst Du jetzt? … Bettina half ihm aus der Patsche. Sie hatte im Hotelshop ein T-Shirt gefunden mit einem Bären auf dem Brustteil. Das wollte Artur natürlich sofort anziehen.

„Papa, da waren ja eine Menge Leute auf dem Empfang, wie man am Bildschirm erkennen konnte. Ihr beide seid mir gar nicht aufgefallen.“

Grete: „Na, das neue Outfit, das Bettina für Papa ausgesucht hatte, war ja wie eine Verkleidung. So kennen wir Papa nicht.“

Bettina: „Es waren bestimmt siebenhundert Gäste da und trotzdem kam es in dem großen Saal sofort zu einer gemütlichen Atmosphäre. Das Orchester spielte, wir konnten tanzen, und es gab vorzügliches Essen und Trinken. Wir konnten uns mit den Tischnachbarn unterhalten. Und der Präsident war nicht aufgeblasen oder übertrieben geschäftig. Er sprach mit jedem locker und freundlich. Der hätte neben jedem in der Straßenbahn sitzen können.“

Gert fasste es noch einmal zusammen: „Also ich fand das super, wie der Präsident Euch vorgestellt hat: Erst der Junge, der die beiden Mädchen aus dem Eis geholt hat, dann der Busfahrer, der seine Schüler vor dem Gangster schützte und dann der Mann, der das Mädchen aus dem brennenden Haus auffing. Als Du dann drankamst, dachte ich schon, was wird der Papa wohl wieder angestellt haben. Aber der Präsident hatte recht: Zivilcourage und Nachhaltigkeit! Und das ist auch schon fast alles, was Dich in Deinem Leben und Wirken begleitet.“

Und Grete ergänzte ihren Mann: „Ja, Papa, Du musst Dich nicht verstecken. Das wissen wir alle, die wir Dich kennen.“

„Aber das ist doch alles ein ganz normales Verhalten. Muss man deswegen gleich ein Fass aufmachen? Ich mag keine Ehrungen. Und schon gar nicht vor einer so großen Menschenmenge in der Öffentlichkeit.“

„Es ist eben nicht normales Verhalten. Nenne mir einen Menschen, der unsere erste Mannschaft aus dem Dornröschenschlaf erweckt und in fünf Jahren zu so großartigen Erfolgen geführt hätte. Nenne mir einen, der den ganzen Verein umgekrempelt und von der Wichtigkeit der Eliteschule überzeugt hätte.“

Gert: „Naja. Das hat auch viel Zeit gekostet und Mama und ich wurden ganz schön vernachlässigt.“

„Wo habe ich Euch vernachlässigt?“, konterte Bernd. Aber die anderen lachten nur.

„Wir haben gestern Ralf und Yumi besucht. Die drei sind so richtig glücklich, obwohl Ralf nur seine Autos im Kopf zu haben scheint. Wir haben oft Kontakt. Der Kleine ist ja so knuddelig.“

„Und ich baue dann immer mit Hänschen Häuser aus Legosteinen. Aber der macht sie immer wieder kaputt. Das macht aber nichts. Hänschen ist ja noch so klein.“

Artur brachte die Erwachsenen ständig zum Lachen. Artur und Hans waren im selben Jahr geboren worden. Hans war halt nur etwas kleiner, was seine Körpergröße betraf. …

Der Platz um die neue Halle, auch der an der alten Halle und der ersten Eliteschule war zugestellt mit Autos und Bussen der Zuschauer. Selbst die Straßen bis in den Ort hinein waren mit Autos zugeparkt. Auf den Zuschauertribünen reichten die Sitzplätze geradeso. An den Getränkeständen in den Gängen herrschte noch reger Betrieb.

Alex Raff triumphierte: „Volles Haus!“

Die Spieler des Traditionsvereins aus Prag wurden vorgestellt. Dann die Heimmannschaft. Die Namen der Spieler waren beim Publikum bereits bekannt, obwohl die Jungs vor zwei Jahren erst aus der A-Jugend verabschiedet worden waren. Die Fans bejubelten jeden einzelnen von ihnen.

Die Schiedsrichter kamen aus Schweden. Das Spiel war von Beginn an spannend. Keine Mannschaft erreichte einen Vorsprung. Die Zuschauer dankten mit Beifall für die gute Leistung, als zur Halbzeit abgepfiffen wurde. Der Trainer Oliver Kraus vergatterte die Jungs in der Kabine: „Jungs, Ihr dürft in Eurer Schnelligkeit nicht nachlassen. Ich werde jetzt noch öfter wechseln.“ Winnie, die Therapeutin, kümmerte sich um kleine Blessuren und sprach den Jungs Mut zu.

In der Pause durften die Kinder ein paar Minuten auf dem Spielfeld herumtoben. Artur war mal im Tor zu sehen, dann rannte er hinter einem Ball her. Schließlich hing er in der Sprossenwand und winkte zu den Eltern. … Schaut mal, wie hoch ich schon klettern kann, sollte das wohl heißen. … Grete schubste Gert an: „Hol den da runter!“ … Dann war es passiert! Artur rutsche ab und fiel auf den Boden, aber er schrie nicht. Gert und Bernd hechteten aufs Spielfeld zu dem am Boden liegenden Artur. Er zeigte keine Reaktion. Die Sanitäter rückten an: „Puls ist da, Atmung auch. Keine Verletzung zu erkennen. Der Junge ist geschockt, er muss ins Krankenhaus!“ Bettina kam mit der Trage. Sie schoben ihn vorsichtig auf eine aufblasbare Gummimatte, hoben ihn auf die Trage und transportierten ihn dann in den Rettungswagen.

„Wo bringt Ihr ihn hin?“

„Ins Klinikum. Die Mutter kann mit.“

Die Familie Berger und Bettina warteten im Flur auf den Unfallarzt, der sich sofort des Jungen angenommen hatte. Nach einer Stunde kam der Arzt wieder zu ihnen.

Grete: „Was ist mit Artur?“

„Bitte beruhigen Sie sich. Wir haben alle Untersuchungen gemacht und festgestellt, dass er sich am ersten Lendenwirbel einen kaum zu erkennenden Bruch zugezogen hat. Der Schock unterdrückte den Schmerz und die Reaktion. Wir haben ihn ins künstliche Koma versetzt und hoffen, dass der Bruch von alleine heilt. Wir können erst morgen feststellen, ob ein Nerv verletzt ist. Sie können ihn durch die Glasscheibe sehen. Dann gehen Sie bitte nach Hause. Sie können hier nichts mehr tun. Sobald ich etwas Neues weiß, rufe ich Sie an.“

Alle Familienmitglieder fielen in trübe Gedanken. Grete weinte, Bettina kümmerte sich um sie. Hilflos fuhren sie nach Hause.

Klaus Mahler wartete schon vor der Tür: „Was ist mit dem Jungen?“ „Komm mit rein, Klaus. Wir müssen uns jetzt erst einmal sammeln.“

Die Männer saßen im Wohnzimmer und tranken einen Schluck zur Beruhigung. Bettina hatte Grete so weit stabilisiert, dass sie zu weinen aufhörte. Sie lag auf ihrem Bett, und Bettina blieb bei ihr, bis Grete erschöpft einschlief.

„Warum können die erst morgen weitermachen, Bettina?“

„An der Bruchstelle ist zwangsläufig das Körpergewebe gereizt und geschwollen. Das ist bis morgen weg und die Ärzte können dann feststellen, ob ein Nerv geschädigt ist.“

„Und was heißt das?“

„Bei einem unscheinbaren Bruch kann es sein, dass der Nerv nur gereizt und nicht gerissen ist. Dann könnte mit Ruhe die Heilung abgewartet werden.“

„Und wenn der Nerv gerissen ist? …“ … Alle schwiegen, weil sie sich das Schlimmste vorstellen konnten.

Bettina versuchte zu trösten: „Für Artur ist gesorgt. Die Ärzte und Schwestern kümmern sich um ihn. … Wir müssen uns jetzt um uns selbst kümmern.“

Es klingelte an der Haustür. Bernd öffnete. Yumi und Ralf Koch, Frieda und Jens Mack standen erregt vor der Tür: „Dürfen wir reinkommen?“

„Wir haben bei Gert und Grete geklingelt. Weil sie nicht zu Hause waren, haben wir angenommen, dass sie hier bei Dir sind.“

„Kommt herein!“

„Was ist passiert und wo ist Grete?“

Die drei Paare hatten in derselben Stunde geheiratet und gemeinsam eine wunderschöne Hochzeitsreise erlebt. Seitdem pflegten die Freunde einen sehr engen Kontakt.

„Grete schläft und Artur liegt im Koma. Der Arzt hat mit Röntgen und CT einen offenbar Unscheinbaren Riss im Lendenwirbel festgestellt. Morgen erfahren wir hoffentlich Positives.“

Jens schaute Klaus an: „Obwohl wir so aufpassen, dass Gefahrenstellen in der Halle vermieden werden, passiert so etwas. Klaus, sollten wir die Tollerei der Kinder in den Halbzeiten auf dem Spielfeld unterbinden? Was meinst Du?“

„Das wäre sicher eine zusätzliche Vorsichtsmaßnahme. Das ist aber nur eine Viertelstunde. Kinder finden immer eine Gelegenheit herumzutollen und sind damit immer in Gefahr.“

„Ja“, pflichtete Ralf bei. „Dann müssten wir verlangen, dass die Kinder immer brav bei Mutter und Vater sitzenbleiben. Und das ist auch keine Lösung.“

Bernd nickte bestätigend: „Kinder sind nie hundertprozentig zu schützen. Das ist in unserem Fall zwar traurig, aber es ist so. Wir können nur aufpassen, aufpassen und nochmals aufpassen. Und das nur, um uns selbst zu beruhigen. Deswegen wäre auch eine Schuldzuweisung falsch. Jeder Mensch hat das Recht, seine Erfahrungen zu suchen und zu machen. Wir können nur immer wieder predigen: Wenn Du das machst, passiert das! Und selbst das reicht manchmal nicht.“

„Du hast recht, Bernd. Vorwürfe bringen uns nichts. Sie verfinstern nur die Situation.“

Gert raffte sich zu einer Antwort auf: „Das Jammern hilft uns zwar jetzt nichts, aber ich sehe ein, es ist so. Ich werde mich konzentrieren auf das, was jetzt auf uns zukommt.“

„Und wir werden an Eurer Seite stehen.“

Jens kürzte das Gespräch ab: „Bernd, Du bist Betroffener und Mitglied unserer alten Mannschaft. Deswegen werden die anderen Kameraden sicher im Vereinsheim darauf warten informiert zu werden. Ich schlage vor, wir vier gehen jetzt und geben an unsere Leute weiter, was wir wissen.“

„Ja. Das scheint mir auch wichtig zu sein“, bestätigte Ralf.

Und richtig, im Vereinsheim fehlte keiner der Kameraden. Der Wirt gesellte sich mit blasser Miene zu ihnen. „Der Junge lebt.“ … und … „Die Eltern sind traurig.“

„Was können wir tun?“, meldete sich der Spielführer Fritz Faust zu Wort.

„Wir wissen nicht mehr, auch die Ärzte nicht. Wir müssen abwarten. Ich schlage vor, Frieda hält den Kontakt zu Bernd oder den Eltern. Sie richtet eine WhatsApp-Gruppe ein und informiert uns. So fallen wir Bernd und den Eltern nicht zusätzlich auf die Nerven.“

Am nächsten Tag waren alle noch sichtbar beeindruckt von den Ereignissen, aber sie gingen ihren täglichen Verpflichtungen nach. Nur Grete und Gert fuhren schon früh zum Klinikum.

Dort empfing sie der Arzt von der Frühschicht: „Der Kollege hat mir den Patienten und alle aktuellen Informationen übergeben. Artur schläft und die automatische Beatmung und Nahrungsaufnahme funktionieren. Es gibt keine Veränderungen im Kreislauf. Eine weitere Röntgen- und CT-Untersuchung ist für heute elf Uhr angeordnet. Bis dahin sollten alle Schwellungen des Gewebes zurückgegangen sein, sodass wir den Nerv besser sehen und danach die Weiterbehandlung ausrichten können. Sie werden nach den Untersuchungen von uns informiert. Sie können jetzt zu Artur gehen. Sie dürfen ihn berühren. Sprechen Sie ihn an. Da das Gehirn in Takt ist, werden die Worte vielleicht im Unterbewusstsein bei ihm ankommen.“

Die Untersuchungen erfolgten zügig hintereinander und ein Ärzteteam, bei dem auch der Arzt von gestern dabei war, beriet die Ergebnisse. Am frühen Nachmittag bat Dr. Graupe die Eltern zum Gespräch.

Der Arzt empfing die beiden freundlich und an seiner Miene ließ er sich nichts anmerken: „Wir konnten den Hauptnerv, der für die Bewegung der Beine zuständig ist, erkennen. Er ist geschwollen und drückt an den Wirbel. Dadurch wird die Lähmung der Beine ausgelöst. Der fast unscheinbare Bruch wird schnell verheilen. Eine Operation ist nicht möglich. Wir können nur hoffen, dass der noch junge Körper von Artur sich in seiner Weiterentwicklung selbst hilft. Wir werden ihn nach weiteren zwei Tagen aus dem Koma holen und an sein normales Leben gewöhnen. Dieses wird sich bis auf weiteres - bitte erschrecken Sie nicht - im Rollstuhl abspielen.“

„Wird er wieder ganz gesund werden?“

„Das wissen wir nicht. Wir hoffen, dass die Schwellung des Nervs zurückgeht. Artur braucht viel vorsichtige, aber auch konsequente Pflege. Vor allem sein Wille, den Rollstuhl wieder zu verlassen und die permanente physiotherapeutische Behandlung können viel zur Gesundung von Artur beitragen. Haben Sie Geduld und stellen Sie sich darauf ein, dass die Situation von Artur Ihr Leben beeinflussen wird.“

„Wird er nie mehr gehen können?“

„Wir wissen es nicht. Trösten Sie sich mit der Erkenntnis, dass es viele Rollstuhlfahrer gibt in allen Arbeitsbereichen. Sie sind z.B. auch sehr aktiv in vielen Sportarten. Arturs Leben beginnt erst. Trauern Sie nicht. Stärken Sie seinen Lebenswillen.“

Niedergeschmettert verließen Grete und Gert das Klinikum und berichteten abends Bernd und Bettina, was der Arzt ihnen gesagt hatte.

Bettina wurde sofort praktisch: „Sobald Artur aus dem Koma erwacht, werde ich mich als Therapeutin bei den Ärzten vorstellen und mit ihnen einen Behandlungsplan ausarbeiten. Ich werde mich ab dann täglich mit Artur beschäftigen. Es gibt einen wesentlichen Vorteil für die Zukunft von Artur: Der Nerv ist nicht verletzt. D.h., er ist fähig, sich selbst zu erholen. Dabei spielen sein Verstand und sein Lebenswille eine wichtige Rolle. Wir werden uns alle auf Arturs Leben einstellen müssen. Wir werden es gemeinsam schaffen.“

______________________

Tausende Schreiben von Mitgliedern, Unternehmern und Nichtmitgliedern aus der Bevölkerung trafen bei der Schriftführerin Klara Wohlleber ein. Um alle Argumente auszuwerten, war sie alleine natürlich überfordert. Sie holte sich Unterstützung von ihren Vorstandskollegen. Unsinnige Schreiben, wie: „Das ist doch Scheiße, was Ihr macht!“ usw. konnten sofort aussortiert werden. Alle anderen wurden in einer Liste mit ihren Häufigkeiten dokumentiert. Es gab nicht nur Ja- und Neinsager zur Frage der Umwandlung in einen Profiverein, sondern auch viele beachtenswerte Argumente darüber, was sich im Verein bei einer Umwandlung verändern würde und worauf zu achten war. Klara fasste Einzelheiten in einer gesonderten Liste zusammen, damit der Vorstand sich auf eine Reaktion vorbereiten konnte. Da war z.B. die Rede davon, dass in einem professionell geführten Verein der Vorstand hauptamtlich arbeiten würde und bezahlt werden müsste. Wo sollte das Geld dafür herkommen und wie würde das Ganze steuerlich aussehen?

Es dauerte viele Tage, bis Klara Wohlleber die Auswertung abschließen und die Listen dem Vorstand präsentieren könnte. Alle Vorstände erhielten eine Kopie. Jeder von ihnen hatte nun Gelegenheit, seine eigene Reaktion auf die Argumente vorzubereiten. Auch das dauerte noch einige Tage, bis der Vorsitzende Klaus Mahler und seine Mitarbeiter in einer Sitzung den Trend zu einer Entscheidung und die Behandlung der Argumente feststellen konnten.

Die Mitglieder nur mit einem mehrseitigen Schreiben zu informieren, lehnten die Vorstandsmitglieder ab. Stattdessen wurden die Mitglieder in einer außerordentlichen Hauptversammlung mit dem Ergebnis der Umfrage konfrontiert. Die Mehrheit derer, die ihre Meinung zu Papier gebracht hatten, war dafür, den Verein künftig professionell zu führen.

Die Konsequenzen, die sich daraus für den Verein ergeben würden, waren nicht allen Interessenten klar. Die Vorstandsmitglieder wussten, was auf sie zukommen würde. Der Vorsitzende musste alle Details geduldig vorstellen, damit jeder wusste, wie sich künftig das Leben im Verein abspielen würde. Erst dann wäre eine Entscheidung überhaupt erst möglich.

Die Konsequenzen ergaben sich aus dem Vereinsrecht und den gesetzlichen Vorschriften. Klaus hatte selbstverständlich vorher seinen Steuerberater und den zuständigen Finanzbeamten konsultiert, denn auch von dieser Seite waren Reaktionen zu erwarten.

„Leute, wenn wir die Umwandlung tatsächlich durchsetzen, dann wird der Verein behandelt wie eine Firma, wie ein Wirtschaftsunternehmen. Wir verlieren unsere Gemeinnützigkeit und zahlen für jeden Euro den wir einnehmen Steuern, und zwar für jede Steuerart mit Ausnahme der Hundesteuer, weil wir keine Hunde haben und der Brandweinsteuer, weil wir keinen Schnaps brennen.“ … Einige Mitglieder lachten. … „Von dem, was an Geld übrigbleibt, bezahlen wir Gehälter für alle, die in dem Verein arbeiten. Dazu gehören nicht nur die Trainer, die Vorstände und die Spieler, sondern auch die Aufsichtsräte. Damit sind wir dann auch schon bei der Veränderung unserer Organisation. Die Anzahl der Arbeitenden im Verein würde sich vergrößern. Wir würden zu einer vielschichtigen Organisation gesetzlich verpflichtet. Für die Anpassung der Organisation bräuchten wir Gutachter und Anwälte. Wenn wir die Mitgliedsbeiträge und die Eintrittsgelder erhöhen, jedes Jahr die Champions-League gewinnen und Spieler nach Absolvierung der Eliteschule und Spitzenspieler aus der ersten Liga an andere Vereine verkaufen, könnte vielleicht eine positive Bilanz übrigbleiben. Ihr merkt hoffentlich, was da auf uns zukommt.

Besinnen wir uns doch einmal zurück: Es ist uns aufgefallen, dass Spieler unseren Verein verlassen, weil sie in anderen Vereinen Geld verdienen. Wir gucken dabei in die Röhre, weil wir die Spieler ausgebildet haben und nichts dafür bekommen.

Nehmen wir einmal an, wir würden Amateure bleiben wollen, dann hätten wir zwei Möglichkeiten: Wir wären damit zufrieden, dass wir in ein paar Jahren nicht mehr höherklassig spielen, oder wir müssten verhindern, dass Spieler uns verlassen. Dann stellt sich doch die Frage, die ich an Euch weitergebe: Was können wir dagegen tun? Es muss jedem von uns klarwerden, wenn wir Profis werden, dann sind wir nicht mehr in erster Linie ein Handballverein, sondern eine Spielerhandelsgesellschaft.“

Ein Mitglied meldete sich zu Wort: „Ich sehe ein, dass eine spontane Umwandlung unseres Vereins in einen Proficlub durch die Entscheidung unserer Mitglieder ein blauäugiges Unterfangen wäre. Ich persönlich habe mich auch dafür geäußert, aber ich versäumte über die Folgen nachzudenken. Außerdem machen sich in mir Bedenken breit: Wir sind seit über hundert Jahren aus der Bevölkerung und in ihr gewachsen. Wir sind keine Firma, sondern wir sind Teil der Menschen in unserer Dorfgemeinschaft. Wir tragen Verantwortung für unsere Mitbewohner und wir verkörpern eine ganz andere Aufgabe als eine Firma.“ … Er wurde durch Beifall unterbrochen. … „Leider kenne ich mich in der Gesetzgebung nicht aus, deshalb muss ich die Frage stellen: Dürfen wir als Amateure Verträge mit unseren Spielern abschließen?“

„Ja. Das dürfen wir und das können wir auch im Rahmen unserer Möglichkeiten. Wir haben bisher darauf verzichtet, weil für uns der Gedanke, dass ein Spieler uns verlassen würde, fremd war. Zu einem Vertrag gehören immer zwei Partner. Und es könnte sein, dass ein Spieler schon, wenn er einen Vertrag sieht, geht. Einfach weil ihm der Geldbetrag zu niedrig ist.“

„Wenn ich das richtig aus der Vereinschronik interpretiere, dann wurden vor Jahren Verträge mit Spielern abgeschlossen. Die Mannschaft hatte mit Bernd Berger Riesenerfolge.“

Klaus Mahler lachte, als er antwortete: „Ja, Kamerad. Ich amüsiere mich heute noch, wenn ich an diese Anfänge denke. Das waren aber keine Verträge im üblichen Sinne, sondern das waren eigene, schriftliche Verpflichtungserklärungen, die von den Spielern dem Vorstand vorgelegt wurden. Und weil die Jungs damals fünf Jahre durchgehalten haben, wurden sie alleine schon deshalb Helden unseres Vereins.“

„Stand in diesen Verpflichtungserklärungen nicht auch die Bedingung drin, dass der Verein für Spesen und Klamotten aufkommt?“

„Ja, das stimmt. Aber das war damals von niemandem als Bedingung angesehen worden, sondern eher als Wunsch der Spieler, die dem Vorstand vertrauten. Jedenfalls hat damals der Vorstand die Verpflichtungserklärung der Spieler nicht gegengezeichnet.“

„Klaus Mahler, ich sehe ein, die Zeit hat Einiges verändert, und die Menschen hatten und haben im Wandel der Zeiten immer andere Ansprüche. Wie wäre es denn, wenn wir das ganze Geschwafel über den Profistatus über Bord werfen, und Du überdenkst mit dem Vorstand und gegebenenfalls mit Deinem Rechtsbeistand eine Vertragsformulierung, die den Spielern und dem Verein gerecht wird?“

„Kamerad, verzeih mir bitte, dass ich Deinen Namen nicht kenne.“

„Ich bin Florian Weber, der Vater eines C-Jugendlichen in der Eliteschule.“

„Danke, Florian. Du hast mir praktisch eine Antwort auf meine Frage von vor einer halben Stunde geliefert: Was können wir tun? Auch dafür danke ich Dir. … Bei der letzten Hauptversammlung habe ich gesagt, wir verschieben das Thema ein letztes Mal. Und das ist heute. Ich möchte heute eine Entscheidung von Euch haben: Wollen wir die Strapazen der Umwandlung und die Tatsache, etwas Anderes zu werden, als was wir heute sind, auf uns nehmen? Wollen wir alle Konsequenzen auf uns nehmen, dann solltet Ihr in der Abstimmung, die ich jetzt von Euch verlange, mit Ja stimmen und Euch gleichzeitig zur Wahl im Vorstand stellen. Ich respektiere Eure Meinung und das Abstimmungsergebnis, aber ich mache das Theater nicht mit und trete dann zurück. Solltet Ihr aber mit Nein stimmen, dann werden wir z.B. die Gedanken vom Florian in weitere Überlegungen mit einbeziehen.“

Per Handzeichen wurde ein Abstimmungsleiter aus dem Mitgliederbereich bestimmt. Der verlangte dann geheime Wahl und ließ Stimmzettel verteilen, die kurz darauf wieder eingesammelt wurden.

Nach der Auszählung stellte sich heraus, dass über den Profistatus nicht mehr gesprochen werden sollte. Er wurde abgelehnt.

Der Vorsitzende wollte die Versammlung schon schließen, da meldete sich noch ein Mitglied: „Klaus, ich werde den Eindruck nicht los, dass die Entscheidung schon vorher gefallen war. Immerhin hast Du mit Deinem Rücktritt gedroht. Warum waren dann eigentlich die Umfrage und die komplizierte Auswertung erforderlich?“

„Mit der Umfrage habe ich Euch um Eure Meinung und die damit zusammenhängenden Argumente gebeten. Erfreulich viele Leute haben sich zum Thema geäußert. Mir steht als Vorsitzender des Vereins und als Mitglied auch eine eigene Meinung zu dem Thema Umwandlung zu. Diese hielt ich bis heute zurück, und ich neigte schon dazu, der Mehrheit der Mitglieder zu folgen, die aus unserem Verein einen Proficlub machen wollte. Die vielen genannten Argumente und mein Nachdenken über die mit der Umwandlung auf uns zukommenden Folgen schreckten mich mehr und mehr von meiner Zustimmung ab. So ist es wohl vielen von Euch auch ergangen. Wenn es heute tatsächlich eine Mehrheit für die Umwandlung gegeben hätte, wäre ich zurückgetreten, weil mir die Arbeit und die Verantwortung über den Kopf gewachsen wären. Die Mehrheit bei der Umfrage war für die Umwandlung, aber die Mitgliedschaft hat in dieser Sitzung heute anders entschieden. Und das ist für uns alle bindend.“

„OK. Dann war mein Eindruck falsch.“

„Leute, bleiben wir doch bitte noch einmal bei der Sache: Die meisten von uns sind berufstätig oder haben Verpflichtungen. Ein Proficlub braucht eine professionelle Führung. Wer von uns hätte die übernehmen sollen?! Wer von uns hätte seinen Beruf aufgegeben, um hier hauptamtlich zu arbeiten?! … Also wären wir auf teure und fremde Hilfe angewiesen gewesen. Und die Frage muss im Raum stehen bleiben, ob diese unsere Interessen vertreten hätte. Es mag sein, dass eine Umwandlung bei zwanzigtausend Mitgliedern nicht mehr zu umgehen ist, aber davon sind wir noch weit entfernt. Uns geht es gut und die eingesetzten Mitarbeiter schaffen ihre Aufgaben im Verein ehrenamtlich, mit Freude und aus Überzeugung. Wenn jedes Mitglied hinter dem Verein steht und mithilft wo es nötig ist, werden wir noch lange gut zurechtkommen. Wir sollten uns immer dessen bewusst sein, welche gewaltigen Leistungen wir schon gemeinsam erbracht haben. Und noch eins: Handball ist unser Hobby, nur die Aufgaben, die wir damit zu erfüllen haben, müssen wir als ehrenamtliche Pflichten akzeptieren.“

Die versammelten Mitglieder zollten ihrem Vorsitzenden einen langen und aufrichtigen Beifall.

______________________

Chang hatte bei seinem Vater im Labor die Liebe zur Chemie gefunden. Trotz ausgezeichneter Schulausbildung verbrachte er die meiste Zeit dort. Vielleicht war es auch seine Krankheit, die Leukämie, die ihn ins Labor zog. Am Anfang waren es noch spielhafte Versuche, dann erkannte Chang, dass er mit seiner Ausdauer auch forschen konnte.

Nach der geglückten Heilung durch Ralf Kochs Rückenmarksspende und der Heirat von Yumi und seinem besten Freund ist Chang seiner geliebten Schwester in die Fremde nachgereist. Die Handballer nahmen ihn auf. Bernd Berger vermittelte ihm eine Sanitärlehre bei seinem Chef Horst Malte. Die Kollegen mochten den fleißigen Koreaner. Wenn Chang alleine war, beschäftigten sich seine Gedanken mit chemischen Zusammenhängen. Er wohnte in einer Wohngemeinschaft, pflegte die Freundschaft zu Studenten und schmuggelte sich oft in die Vorlesungen. Sein direkter Vorgesetzter war Gert Berger, mit dem er sich häufig über die Arbeiten bei Rohrbrüchen und verstopfte Leitungen und deren Ursachen unterhielt. Gert brauchte oft Geduld, ihm zuzuhören, denn von Chemie hatte er zu wenig Ahnung. Chang ließ nicht nach und grübelte weiter.

Irgendwann wurde Gert von Herrn Malte aufgefordert, Chang zu beurteilen: „Chef, der Junge ist einfach spitze. Seine Arbeit ist fehlerlos, die Kollegen mögen ihn, die Kundschaft freut sich, wenn er auftaucht. Er setzt sich für die Firma ein, und zwar nicht nur, weil er hier Geld verdient. Es gibt nichts zu beanstanden. Nur scheint er sich ständig mit einem Problem zu beschäftigen. Es geht ihm um Rostfraß und Dinge aus der Chemie. Was halten Sie davon, wenn wir ihm ein kleines Labor einrichten?“

Horst Malte holte tief Luft: „Sie meinen also, Chang hat eine besondere Fähigkeit, die uns zu Gute kommen könnte.“

„Ich bin davon überzeugt, und außerdem würde er sich vielleicht auch etwas abreagieren. Neulich erzählte er von einem Erlebnis auf dem Campus: Er erklärte einigen Studenten irgendwelche chemischen Zusammenhänge. Dann mischte sogar ein Professor mit. Der forderte ihn auf, sich an der Universität zu immatrikulieren und bei ihm am Institut zu arbeiten. Er hat dem Professor dann geantwortet, er wolle nicht studieren, sondern forschen. Der Professor sagte, das hätte er damit gemeint. Chang entgegnete ihm: Sie forschen nach einem bestimmten Auftrag, während für mich die Aufgabe entscheidend ist.“

„Donnerwetter! Also gut, Gert. Suchen Sie einen Raum in unseren Gebäuden, und fragen Sie ihn, was er haben will beziehungsweise was er braucht. In der Zwischenzeit schicke ich ihn auf einen passenden Lehrgang bei der Innung.“

Chang war außer sich vor Freude und berichtete Yumi und Ralf von seinem Labor. Gert hatte ihm eines Abends den Schlüssel übergeben und grinste dabei: „Und pass ja auf, dass uns die Firma nicht um die Ohren fliegt. … Vergiss bitte nicht, dass wir uns um sieben Uhr auf der Baustelle treffen.“

„Nein, bestimmt nicht. Hier bin ich nur in meiner Freizeit.“

Chang sammelte Wasserproben von den Baustellen und untersuchte sie, speicherte die Ergebnisse auf seinem Laptop und fügte andere Substanzen dazu, um die Aggressivität des Wassers zu mildern. Dabei hatte er auf die Genießbarkeit des Wassers zu achten. Auch die Versuche mit Wasserproben aus entfernteren Versorgungsgebieten stellten ihn nicht zufrieden.

Einmal besuchte ihn Horst Malte, und Chang berichtete ihm: „Chef, ich habe schon alle möglichen Substanzen den Proben zugefügt, die Aggressivität bleibt. Schauen Sie, hier habe ich Bleche aus Eisen, Zink und Kupfer. Überall das gleiche Ergebnis.“

„Das heißt, wenn wir nur Kunststoffe verwenden, wäre das Problem gelöst.“

„Schon. Aber Sie wissen, dass Kunststoff andere Eigenheiten hat. Ich müsste ein Wasser finden, das anders zusammengesetzt ist.“

„Chang, wir haben nur dieses Wasser hier. Damit müssen wir auskommen.“

„Schon. Ich muss ein anderes Wasser finden, in dem etwas gegen die Aggressivität enthalten ist. Das muss ich dann bestimmen und unserem Wasser zufügen. Es muss etwas sein, das den Sauerstoff zumindest eine Zeit lang bindet.“

„Und wo willst Du das finden?“

„Vielleicht auf einem anderen Kontinent.“

„Du machst Witze.“

„Nein Chef. Nicht überall werden Krankheitserreger und Schmutz mit Chlor bekämpft.“

„Aha. Du willst also zum Südpol oder zum Nordpol reisen, um Wasserproben zu holen.“

„Ja, oder in die Wildnis in Afrika, Australien und Südamerika.“

„Chang, bitte nimm es mir nicht übel, Du bist ein unverbesserlicher Träumer.“

„Ich weiß, Chef. Aber ich werde den Stoff finden.“

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Nach der außerordentlichen Mitgliederversammlung tagte der Vorstand im Vereinsheim. Dennis Schmidt sprach den Vorsitzenden direkt an: „Klaus, nun stehen wir wieder am Anfang. Wir sind keinen Schritt weiter.“

„So könnte man es sehen. Immerhin ist das leidige Thema vom Tisch.“

„Und wir haben Deine Frage von damals zu klären: Was können wir tun … gegen den Weggang von Spitzenspielern?“

„Ich schlage vor, wir haken erst einmal das Tagesgeschäft ab. Alex, wie stehen unsere Finanzen?“

„Sehr gut. Wir haben ein fünfstelliges Plus in der Kasse. Zurzeit stehen keine nennenswerten Ausgaben an. Wir könnten den Fonds aufbessern. Die genauen Zahlen siehst Du in meinem Bericht, der vor Dir liegt.“

„Gut. Mit dem Fonds warten wir noch etwas. Zum Spielbereich: Simon Asche, wie sieht es bei den Männern aus?“

„Die erste Mannschaft kämpft bereits um den Einzug ins Turnier der Final Four der Champions-League. Die zweite schlägt sich tapfer in der dritten Liga. Die Mannschaft muss gerade den Weggang von zwei guten Spielern verkraften. Die A-Jugend hat gerade die Eliteschule verlassen und beginnt erfolgreich in der Landesliga.“

„Und wie sieht es bei den Frauen aus, Ulrich Klein?“

„Die erste Mannschaft wird mit dem aktuellen Stand in der Tabelle dieses Jahr wohl die Meisterschaft in der Landesliga noch nicht erreichen. Die zweite hält sich in der Bezirksoberliga. Drei Mädels fallen aus wegen Schwangerschaften.“

„Und was sagt der Jugendwart Frank Hardt dazu?“

„Die weibliche A-Jugend ist sich noch nicht einig, ob sie aktiv spielen wollen. Die anderen Mannschaften bis zur E-Jugend sind voll motiviert, vor allen Dingen in der Eliteschule. Die Trainer sind zufrieden mit den Leistungen.“

„Frank, das hört sich so an, als müsstest Du bei den Trainern aktiver werden.“

„Materialwart Georg Steiger, was macht der Umsatz bei den Fanartikeln?“

„Wir haben einen gleichbleibenden Umsatz. Eine Steigerung muss nicht unbedingt sein.

Die Mannschaften sind komplett mit Spielkleidung, Trainingsanzügen und Schuhen ausgestattet. Ich verhandele gerade mit einem Sponsor für einheitliche Taschen.“

„Max Hammer, berichte bitte in der Presse, dass die Mitglieder die Umwandlung in einen Proficlub abgelehnt haben. Bleib bitte sachlich und unspektakulär. Vor allen Dingen sage nichts über unsere persönlichen Stellungnahmen.“

„Ich habe alles in unserem Sinne formuliert, bin aber nicht ganz fertig geworden. Du wirst ihn erst lesen, ehe ich ihn zur Presse gebe.“

„Julius Borg, gibt es Termine oder Terminverschiebungen, auf die wir zu achten hätten?“

„Es läuft alles nach Plan. Für Dich stehen Termine an, Hochzeiten, Kindstaufen usw., die Du aber erst für später einplanen musst.“

„Und Klara Wohlleber schreibt wie immer. Das war eine Scheißarbeit mit der Umfrage, stimmt‘s?“

„Das kannst Du laut sagen. Zum Glück haben mir die Kameraden tatkräftig geholfen. Alleine hätte ich es nicht geschafft.“

„Danke, für Eure gute Arbeit! … So, Herrschaften, fangen wir an. Gibt es von Eurer Seite Vorschläge meine Frage betreffend?“

Dennis meldete sich zuerst: „Ich suche eine Lösung über eine vertragliche Regelung.“

Alex Raff: „Klaus, es geht uns gut. Wollen wir nicht mal mit einem spitzen Bleistift über eine Zuwendung an die Spieler nachdenken?“

Frank Hardt: „Eine vertragliche Regelung halte ich für richtig. Immerhin geht der Verein erheblich und nachhaltig in Vorleistung. Und wir sollten in der Eliteschule schon damit anfangen.“

Klara Wohlleber meinte: „Ich stelle in den Raum, den Verein interessanter und damit lukrativer für die Mitglieder zu machen, z.B. durch Veranstaltungen, Feste, Fahrten usw.“

„Gibt es sonst noch Vorschläge?“

„Klaus, das sind vier Bereiche, die uns mit vielen Einzelthemen beschäftigen werden. Lass uns oben anfangen.“

„Dennis, ich bin Deiner Meinung. Kannst Du bitte übernehmen. Ich muss telefonieren.“

Er verließ den Raum und wählte auf dem Flur die Nummer des Steuerberaters: „Herr Dieckmann, bitte entschuldigen Sie die späte Störung. Verstehe ich das richtig? Wenn ich im Verein Personal brauche, es bezahle, die Leistung entgegennehme, bei der Steuer den Betrag angebe, dann bewege ich mich im wirtschaftlichen Teil der Finanzen und verliere die Gemeinnützigkeit?“

„Wenn Sie die Leistung für die Durchführung des ideellen Teils des Vereins brauchen, nicht.“

„D.h. doch aber auch: Die Spieler bringen eine Leistung; ich bezahle sie, weil ich sonst den Verein nicht aufrechterhalten kann?“

„Das kann man so auslegen. Wir sollten das mit dem Finanzbeamten diskutieren.“

„Danke! Können wir das morgen machen?“

„Natürlich helfe ich Ihnen.“

Dann rief Klaus den Anwalt an: „Herr Müller, bitte entschuldigen Sie die Störung. Ich brauche Sie morgen Abend zu Vertragsformulierungen. Geht das?“

„Kein Problem, ich komme.“

Dennis Schmidt hatte geahnt, dass der Vorsitzende noch aktuelle Informationen einholen wollte und begann schon mit dem Vorschlag der Schriftführerin. Nach einer kurzen Zeit, die er zum Telefonieren brauchte, kam Klaus Mahler zurück.

„So, wie weit seid Ihr?“

„Wir haben schon einmal angefangen mit möglichen Events im Verein. Ein Stiftungsfest zur Gründung des Vereins könnte jährlich wiederholt werden. Ein Fest der Jugend, bei dem die Jugendlichen selbst sich einbringen könnten, wäre auch ein jährliches Event. Warum sollten die Jugendlichen nicht auch mal ein Theater besuchen, ein Spiel der Nationalmannschaft, ein Musical oder ein Open-Air-Festival? In der Fastnachtszeit bietet sich ein Kappenabend an usw. Dafür brauchen wir freie Termine und Organisatoren mit Angeboten beziehungsweise Kostenkalkulationen.“

„Sehr gut. Da kann bestimmt noch mehr kommen. Fest steht, dass Jugend-, Frauen- und Männerwarte sich mit dem Terminkoordinator zusammensetzen, Vorschläge im Vorstand machen und wir gemeinsam entscheiden, ob wir ein Event den Mitgliedern anbieten. Alex, ob wir uns Zuwendungen leisten können, in welcher Form auch immer, kannst Du als Erster beurteilen. Den Ball spiele ich also an Dich zurück. Wenn Du einen finanziellen Spielraum feststellst, unter Berücksichtigung unserer fixen und laufenden Kosten, haben wir eine Summe, über die wir diskutieren können. Wie hoch diese Summe sein wird, entscheidet die Spitze Deines Griffels, zu der wir großes Vertrauen haben, denn einen bestimmten Betrag für alle Fälle müssen wir zurückhalten.

Bei der vertraglichen Regelung, um die wir nicht mehr herumkommen, müssen meines Erachtens drei Lösungen gefunden werden. Zwei, die nur den Verein betreffen und eine zu anderen Vereinen. Diesbezüglich spreche ich morgen Abend mit dem Anwalt Müller. Dennis, wenn Du dabei sein willst, ist mir das recht. Im Wesentlichen geht es darum: Mit den Kindern können wir keine Verträge schließen. Also müssen wir die Eltern überzeugen. Vielleicht müssen wir die Eltern zu einer Versammlung rufen. Auf jeden Fall solltest Du, Frank, Dir Gedanken über eine Information für die Eltern machen. Klara kann Dir dabei helfen. Ich gehe davon aus, dass die Kinder nach Abschluss der Eliteschule und der A-Jugend noch für zwei Jahre dazu verpflichtet werden, aktiv zu spielen. Wenn das nicht der Fall ist, also sie scheiden früher aus unserem Verein aus, muss eine Abstandssumme vereinbart werden. Diesen Betrag können wir aber erst festlegen, wenn wir die Gesamtkosten für die Eliteschule pro Jahr festgestellt haben und durch hundertzwanzig Teilnehmer teilen. Alex, Du wirst sicher dazu Informationen vom Ausschuss brauchen. Für alle Aktiven sollte auch die Zweijahresfrist vereinbart werden. Über eine Abstandssumme, z.B. für Material, habe ich noch keine Vorstellung. Da brauche ich Eure Meinungen dazu.

Wenn ein anderer Verein unsere Spieler abwerben will, dann wird das nur im Aktiven Bereich interessant. Auch dazu müssen wir uns noch einig werden, wie teuer wir einen Spieler verkaufen. Ich bin morgen mit unserem Steuerberater Dieckmann bei dem Finanzbeamten, denn wir wollen ja den Amateurstatus wahren und unsere Gemeinnützigkeit nicht verlieren.

Leute, wir müssen bei unserem Vorhaben damit rechnen, dass Jugendliche und auch aktive Spieler abspringen. Aber auf den Rest können wir uns dann verlassen. Ulrich, Du solltest darüber nachdenken, ob es sinnvoll ist, Frauen und Männer vertraglich gleich zu behandeln.

Holt Euch für die anstehenden Arbeiten den Ausschuss ins Boot. Je mehr Leute nachdenken, umso weniger Fehler bleiben hängen.

Sobald uns Herr Müller Vertragsformulierungen vorlegt, rufe ich Euch wieder zusammen.

Ich hoffe die Informationen, die ich Euch geben konnte, reichen Euch erst einmal für Eure Arbeiten. Dann schließe ich den offiziellen Teil der Vorstandssitzung. … Und jetzt konzentrieren wir uns noch etwas bei einem guten Schluck von unserem Wirt.“

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Bernd Berger und sein Sohn Gert hatten mittlerweile ihre Wohnungen an die Notwendigkeiten für den Rollstuhl angepasst. Alle Stufen wurden durch Schrägen entschärft. Grete organisierte die Erreichbarkeiten von Dingen im Haushalt für ihren Sohn. Er konnte ja noch nicht in den Kühlschrank ganz hinten hineingreifen, also musste die Milch vorne stehen, die Zahnbürste und die Zahnpasta wurden vorne am Waschtisch deponiert usw. Der Rollstuhl war eine Spezialanfertigung für Kinder. Im Klinikum wurde er schon etwas auf die neue Situation vorbereitet, sodass er sich auch selbst helfen konnte. Er fand sogar Spaß daran, mit dem Rollstuhl durch die Gänge zu sausen. Bettina, die ihn auf Schritt und Tritt begleitete, musste ihn oft genug bremsen, sodass sie oft beide lachen konnten. Der Rest der Familie war immer noch traurig, aber sie bemühten sich alle, Artur Freude erleben zu lassen. Artur nahm später sogar am Sportunterricht für Rollstuhlkinder teil. Und dabei ging es auch bald zu, wie bei den tobenden Kindern auf dem Schulhof. Spielend gewöhnte er sich daran, sein eigenes Leid mit anderen zu teilen. Das nützt den Kindern natürlich nur etwas bei der Bewältigung ihrer Situation. Artur hatte darüber hinaus in den kommenden Jahren aber noch die Chance, wieder ganz gesund zu werden. Und darauf achtete Bettina bei jeder Übung, die sie bei ihm anwandte, auch wenn er sich manchmal weigerte. Sie fand mit ihrer großen Geduld Mittel und Wege, ihn immer wieder herauszufordern seine Schwächen zu überwinden.

Arturs Beine waren gelähmt. Beim Fahren mit dem Rollstuhl machte er bald keine Fehler mehr. Jetzt lernte er seine Arme und seinen Oberkörper zu benutzen, um vom Stuhl auf eine Sportmatte zu gelangen. Dort massierte Bettina seine Beine, damit die Muskeln aktiv blieben. Sie benutzte oft Kampfersalbe dafür. „..iieh, das stinkt ja nach Eukalyptus.“

„Wenn Du daran riechst, bekommst Du immer gut Luft. Nur lecken solltest Du daran nicht.“

„Ach, die Salbe wird gar nicht aus Eukalyptusbonbons gemacht?!“

„So, mein Freund. Jetzt setzt Du Dich mal auf.“

„Wie soll ich das denn machen?“, täuschte er einen weinerlichen Ton vor.

„Du hast doch starke Arme.“

„Das weiß ich doch, Tante Bettina“, lachte er sie dann aus.

„Gut, Du Witzbold. Du hast ja vorhin beim Ausstieg die Bremsen zugemacht oder?“

„Oh, das habe ich glaube ich vergessen.“

„Nein. Hast Du nicht, sonst wäre der Stuhl fortgerollt. Jetzt überlegst Du Dir, wie der Rollstuhl sich bewegen könnte, wenn Du ihn angreifst, um wieder aufzusitzen.“

„Du willst mir also nicht helfen?!“

„Darüber solltest Du nicht nachdenken. Also los jetzt!“

„Das habe ich doch damals in der Klinik schon gelernt.“

Solche und ähnliche Gespräche wiederholten sich immer wieder im Laufe der Jahre. Sie dienten der Therapeutin und dem Patienten eher dazu, gute Laune bei der Arbeit zu verbreiten.

Der Rollstuhl stand z.B. mit dem Fußteil dicht an der Matte. Artur drückte die Fußstützen weg und holte den Stuhl noch dichter an die Matte. Dann drehte er seinen Rücken zum Sitz und rutschte seinen Oberkörper so dicht an den Stuhl, dass er die Armlehnen packen konnte. Dann versuchte er sich hoch zu ziehen, aber das machten seine Arme manchmal nicht mit.

„Artur, das hast Du gut gemacht, aber Deine Arme sind noch zu schwach, wie Du selbst merkst. Da werden wir noch Arbeit dran haben.“

Bettina half ihm beim Besteigen des Rollstuhls. Artur bedankte sich zwar, aber es war ihm überhaupt nicht wohl dabei, wenn er diese Aufgabe nicht selbst geschafft hatte.

„Jetzt fährst Du zu den Ringen. Die habe ich genau auf Deine Höhe eingestellt. Du schließt die Bremsen und ziehst Dich vorsichtig hoch, bis Deine Bizepse meinen, sie könnten Dich nicht höher holen. Zehnmal die gleiche Übung schaffst Du heute. Dann machen wir noch etwas Neues.“

Bettina arbeitete über Jahre jede freie Minute mit Artur. Zwischendurch gab es Pausen mit Rätseln und Spielen oder sie wanderten beide durch den nahen Wald, in dem Artur seinen Rollstuhl meistens selbst bewegte.

Diese Arbeit ist für den Patienten ebenso eine Geduldsprobe wie für den Therapeuten.

Ob der Junge das wohl gemerkt hat? Oft forderte er Bettina auf, mit ihm irgendeine Übung zu machen, so als wollte er sie motivieren. Also waren sie mittlerweile ein Team geworden.

Die Einschulung verlief zur Freude der Eltern problemlos. Artur war sofort der Star bei seinen Mitschülern. Er musste nicht irgendwo hinrennen, sondern er fuhr ja mit seinem Rollstuhl und war dabei so schnell wie die andern. Auch auf dem Schulhof zeigte Artur keine Hemmungen, gleichwertig mit den anderen Kindern zu spielen. Sein Freund Hans (Hänschen) hatte natürlich immer ein Auge auf Artur und packte zu, wenn mal eine Stufe zu überwinden war.

Im Therapieraum bei Bettina leistete Hans seinem Freund auch oft Gesellschaft und feuerte ihn an, wenn er bei einer Übung mal keine Lust mehr hatte. Manchmal spielten die drei auch mit einem Handball, den Hans besorgt hatte. Wenn der Ball nicht genau auf Artur zuflog, konnte er ihn nicht fangen, und er musste hinter dem Ball herfahren, sich aus dem Stuhl bücken und ihn wiederaufnehmen. Hans neckte Artur dann: „Na, Du kannst wieder mal nicht aufpassen.“

„Ich zeig Dir gleich, wie ich aufpasse und werfe Dir den Ball an den Kopf.“

„Das machst Du nicht. Oder soll ich Dir die rote Karte verpassen?!“

Bettina massierte seine Muskeln weiter und bewegte vorsichtig seine Fußzehen, seine Füße, seine Knie und die Hüften, bis zur Ermüdung. … Ermüdung? Hatte er vielleicht tatsächlich etwas gespürt? … „Ich will nicht mehr, ich bin müde“, hatte Artur gesagt.

„Schön. Wir machen eine andere Übung!“

Bettina hatte einen kleinen Barren in ihrem Raum stehen. Sie stellte die beiden Holme auf einer Seite ganz niedrig, sodass sie schräg nach oben zeigten. Auch der Abstand der Holme wurde auf Arturs Körper angepasst.

„Artur Du ziehst jetzt Dein Sweat-Shirt an, damit Du Dir an den Holmen nicht wehtust.“ Dann schob Bettina Artur mit dem Stuhl an die tiefer gestellten Holmseiten. „Jetzt legst Du Deine Arme auf die Holme und hältst Dich mit den Händen an den Holmen fest. Und jetzt ziehst Du Dich mit den Händen und Armen schräg nach oben.“

„Das geht doch gar nicht, ich kann doch dann nicht mehr im Stuhl sitzen.“

„Doch das geht. Hans schiebt den Stuhl nach.“

Artur zögerte. Er traute der Kraft in seinen Armen nicht zu, seinen Körper zu halten, und er wollte ja auch nicht aus dem Stuhl fallen. … Naja, wenn Hans den Stuhl nachschiebt, dann falle ich höchstens mit dem Hintern in den Sitz. …

„Los jetzt, Artur, Du kannst Dich auf mich verlassen!“

Bettina stand vor ihm im Barren und war bereit, Artur sofort aufzufangen, wenn er nicht mehr weiterkonnte. Hans zögerte mit dem Nachschieben des Rollstuhls. Der Oberkörper von Artur neigte sich immer weiter nach vorne. Jetzt ging das Gesäß mit und die Füße schleiften auf dem Boden.

„Los Artur, zieh Dich weiter hoch. Du bist doch kein Schlappschwanz.“

Bettina sah, dass Artur mit den Beinen nichts anzufangen wusste: „Artur zieh Dich weiter hoch, bis Deine Beine senkrecht runterhängen. Dann kommt Hans mit dem Stuhl nach und Du kannst Dich wieder setzen.“

Der Schweiß tropfte ihm von der Stirn vor Anstrengung und Angst. Seine Hände wurden feucht. Bettina streckte die Hände vor. Aber Artur gab nicht auf.

Hans war mit dem Rollstuhl bereit, ihn aufzufangen: „Artur noch ein kleines Stückchen. Du schaffst das. Hab keine Angst, ich bin hinter Dir.“

Arturs Beine hingen gerade von seinem Gesäß herunter, als gehörten sie nicht zu ihm.

Bettina packte ihn an den Armen und Hans schob ihm den Stuhl genau unter den Hintern.

Artur sackte erschöpft in den Rollstuhl.

„Artur das war große Klasse“, jubelte Hans und umarmte seinen nassgeschwitzten Freund.

Bettina wusste nun, dass Arturs Arme stark genug geworden waren, um den Oberkörper zu halten. Bald würde der Moment kommen, an dem Artur den Willen haben würde, seine Beine wenigstens als Stütze zu benutzen. Nach wiederholtem Training fiel Artur die Übung an den nächsten Tagen leichter, und er begann Spaß dabei zu empfinden.

Eines Tages brachte Hans wie üblich Artur nach Hause zu seinen Eltern. Die beiden Jungs strahlten vor Freude: „Mama, ich hänge jetzt frei im Barren.“

„Ich habe es gesehen. Artur war klasse.“

„Kannst Du dabei nicht herunterfallen und Dir die Knochen brechen?“, entsetzten sich die Eltern skeptisch. „Morgen werden wir uns das ansehen.“

Am nächsten Tag begrüßte Bettina die vier erfreut in ihrer Praxis. Sie war überzeugt davon, den Eltern einen Fortschritt in der Gesundung ihres Kindes zeigen zu können.

„Also los! Hans, Du weißt, was Du zu tun hast.“

Er schob den Rollstuhl in den Barren, und Artur packte sofort beherzt zu. Dann zog er sich schräg hoch, und Hans lauerte mit dem Stuhl hinter Artur. Bettina stand zur Sicherung vor ihm im Barren.

Artur hing senkrecht. Grete und Gert hielten den Atem an.

Bettina lächelte: „So Jungs, jetzt müssen wir ganz genau aufpassen. Artur kannst Du Dich noch halten?“

„Ja, Tante Bettina. Ich habe Kraft genug.“

„Artur, Deine Füße stehen auf dem Boden, Deine Beine sind ganz gerade. Wenn ich es Dir gleich sage, lockerst Du den Griff Deiner Hände. Hans steht mit dem Rollstuhl genau hinter Dir. Also … los!“

Artur löste ganz langsam den Griff seiner Hände an den Holmen, bis er nur noch an den Oberarmen seinen Körper senkrecht hielt.

„Großartig! Diese Übung machen wir künftig so lange, bis Deine Arme müde werden und Du Deinen Beinen zutraust, Deinen Körper zu stützen.“

Später erklärte Bettina den Eltern, dass sich die zukünftige Entwicklung von Arturs Gesundung in seinem Kopf abspielen müsse.

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„Ich kann mir lebhaft vorstellen, meine Herren, dass Sie kalte Füße bekommen, bei den neuen Entwicklungen in Ihrem Verein. Zum Glück kenne ich Ihre Verhältnisse bezüglich der Steuersituation in Ihrem Verein“, entgegnete der Finanzbeamte dem Vorsitzenden und seinem Steuerberater, als sie ihm erzählten, welche Erfordernisse aktuell anstanden.

„Der Zeitpunkt unseres Gesprächs ist jetzt ungünstig, da ich gleich ein Meeting mit meinen Fachkollegen und dem Chef habe. Wir sollten am Nachmittag telefonieren oder Sie kommen noch mal zu mir. In der Zwischenzeit nehme ich die Gelegenheit wahr, die Sache mit meinem Chef zu besprechen.“

Die Herren vereinbarten eine Uhrzeit und trafen sich später noch einmal im Finanzamt. Dieses Mal war der verantwortliche Chef dabei. Der Beamte stellte sie vor und fasste mit ein paar Sätzen die Situation zusammen. Dabei betonte der Beamte die Bereitschaft zur Zusammenarbeit, die schon seit Jahren zwischen dem Amt und dem Verein herrschte.

„Wenn Sie die Gemeinnützigkeit Ihres Vereins retten wollen“, begann der Chef, „dann müssen wir die Gesetzesvorlagen so interpretieren, dass wir sie nicht umgehen. Denn das würde irgendwann auffallen.“

„Ich bin mir der Verantwortung bewusst, die ich für viele Menschen in unserem Verein trage und möchte auf gar keinen Fall mit dem Gesetz in Konflikt kommen. Deswegen sind wir hier, um von Ihnen, den Fachleuten, zu erfahren, welche legalen Mittel möglich sind. Es geht uns nicht darum, wirtschaftliche Gewinne zu machen, sondern ich will vermeiden, dass unsere ehrenamtliche Tätigkeit im Verein durch die Abwerbungsaktivitäten anderer Vereine ausgenutzt und dadurch zur Farce wird.“

„Wenn Sie Spieler verkaufen, dann machen Sie aber Gewinn.“

Der Steuerberater hob die Hand: „Ich sehe das nicht grundsätzlich so. Der Verein geht nachweisbar finanziell für den ideellen Bereich in Vorleistung. Wenn daraus ein Einkommen erwächst, kann das nur ein Ausgleich sein, aber kein wirtschaftlicher Gewinn. Wir versuchen gerade festzustellen, wie hoch die Gesamtkosten in der Eliteschule pro Jahr und Teilnehmer sind und wollen daraus einen Wert ermitteln, den wir den Eltern bei vorzeitigem Ausscheiden ihrer Kinder in Rechnung stellen.“

„Nehmen wir einmal an, Sie könnten diese Zahlen detailliert nachweisen und würden mit Ihrer vereinbarten Forderung an die Eltern dezent unter diesem Betrag bleiben. Dann wäre das eine juristisch vertretbare Lösung für den Jugendbereich. Sie würden nur das zurückfordern, was Sie an Geld in den abgehenden Jugendlichen investiert haben.“

„Dann bleibt die Frage, ob wir die ermittelten Zahlen auch für den aktiven Bereich als Beweis zugelassen bekommen.“

„Warum nicht. Ihr Aufwand und Ihre Forderung treffen die gleichen Personen in der Sperrfrist von zwei Jahren.“

„Gilt das auch, wenn nun ein Spieler nach der Ausbildung in der Eliteschule abgeworben wird und wir eine Forderung an den abwerbenden Verein stellen?“

„Dann trifft das nicht mehr zu. Sie machen dann Gewinn im wirtschaftlichen Bereich, weil Sie ja schon Ihren Aufwand von dem Spieler eingefordert haben.“ Der Finanzbeamte suchte eine andere Lösung: „Müssen Sie denn eigentlich eine Forderung aussprechen?“

„Wie meinen Sie das?“

„Nun, in der Juristerei ist immer eine außergerichtliche Lösung möglich.“

Klaus antwortete: „Nein, da mache ich nicht mit. Handgeld oder Schwarzgeld würde genauso auffallen und dem Verein Schaden zufügen.“

„So meine ich das ja auch gar nicht. Wenn der abwerbende Verein Ihnen ohne Begründung eine Spende macht und Sie ihm eine Spendenquittung ausstellen, dann sind Sie wieder in den gesetzlichen Vorschriften. Schwierig kann es nur werden, wenn der Abwerber umfällt und Sie verklagt. Sie müssen dann nachweisen, dass die Spende nicht als eine verdeckte Ablösesumme gedacht war.“

Der Chef mischte sich wieder ein: „Naja, so leicht lässt sich ein Richter sicher nicht hinters Licht führen. Es sei denn, es gibt Zeugen oder ein Protokoll, womit nachgewiesen werden kann, dass der Abwerber den Spieler bekommt, wenn er eine Spende in einer bestimmten Höhe macht. Das wäre dann einem Verkauf gleichzustellen. Wenn der Abwerber Ihnen eine Spende macht und Sie nicken und er fragt Sie dann, ob der Spieler in seinem Verein spielen darf und Sie nicken wieder, könnte man interpretieren, dass die Spende und die Entlassung des Spielers durch Sie nichts mit einander zu tun haben, weil eben kein Beweis vorliegt. Meine Herren, Sie wissen schon, dass unser Gespräch hier dem Staat gegenüber nicht legal ist. Unser Arbeitgeber ist der Staat, die Regierung. Was wir hier besprechen, widerspricht den Interessen unseres Arbeitgebers. Betrachten Sie bitte das, was wir sagen als allgemeine Floskeln. Es geht doch darum, dass jede Gesetzesvorschrift lückenhaft ist. Diese auszunutzen kann gefährlich aber auch legal sein.“

Klaus Mahler versuchte den Mann zu beruhigen: „Ich habe Sie schon verstanden. Ich danke Ihnen für Ihre Offenheit, und es liegt mir fern, diese auszunutzen. Wir suchen unseren Vorteil und dabei sind wir oft Laien. Damit verdienen Anwälte ihr Geld. Vergessen wir dieses Thema.

Wenn wir nun unsere Spieler finanziell unterstützen, dann müssen sie die Beträge in ihrer Steuererklärung selbstverständlich angeben. Für den Verein sind das doch erforderliche Ausgaben, um den Spielbetrieb, also den ideellen Bereich aufrechterhalten zu können. Sind wir dabei an gesetzlich glaubwürdige Obergrenzen gebunden?“

„Herr Mahler, mit der Definition haben Sie recht, und bei der Obergrenze sollten Sie beachten, dass Sie nachweisen müssen, wieso Sie dazu in der Lage sind, das Geld auszugeben. Also, wo kommt das Geld her. Vielleicht haben Sie Spenden bekommen oder die Beiträge erhöht usw. Herr Dieckmann und auch Ihr Schatzmeister müssen beide immer bereit sein, den Nachweis für Einnahmen und Ausgaben bezüglich der Höhe und des Zusammenhangs plausibel darzustellen, sonst sind Sie persönlich gefährdet. Deswegen arbeiten Sie ja auch seit Jahren so eng mit uns zusammen. Sie gegen unsere Interessen aufzuklären, gehört zwar nicht zu unseren Aufgaben, aber Ärger wollen wir auch vermeiden und dazu ist wiederum die gegenseitige Offenheit erforderlich.“

Der Vorsitzende schloss das Gespräch ab: „Ich danke Ihnen für Ihre Geduld und Ihr Verständnis für unsere Situation. Wir ziehen uns jetzt zu unserer Arbeit in unseren eigenen Reihen zurück.“

Die Herren schüttelten einander die Hände und trennten sich mit einem Lächeln im Gesicht. Klaus Mahler war allerdings schon wieder mit seinen Gedanken im Gespräch mit dem Rechtsanwalt. Er und sein Stellvertreter, Dennis Schmidt, saßen abends mit Rechtsanwalt Müller an einem Tisch im Sitzungszimmer. Klaus war klar geworden, dass es keinen Sinn machte, einen Vertrag mit einem anderen Verein über die Abwerbung eines Spielers vorzubereiten. Also blieben nur die vereinsinternen Formulierungen der Verträge mit den Jugendlichen und den aktiven Spielern. Und dabei galt es die Verhältnismäßigkeit zu wahren. Der Verein musste abgesichert werden und es sollte auf jeden Fall vermieden werden, dass Mitglieder wegen eines Vertrages den Verein verließen.

Herr Müller blieb sachlich: „Für den Geldbetrag, um den es in der Formulierung geht, sind Sie verantwortlich. Den Text werde ich allgemein, selbstverständlich, logisch und dennoch bindend formulieren. Den Mitgliedern Daumenschrauben anlegen zu wollen, ist Unsinn. Dennoch ist die Absicherung des Vereins das oberste Ziel. Und ich werde es so darstellen, dass die Mitglieder, da sie ja zum Verein gehören, sich selbst damit absichern. Ich denke, wir sollten auch die Ausscheidungsgründe mitberücksichtigen. Müssen z.B. Eltern zahlen, wenn sie aus welchen Gründen auch immer in ein anderes Land umziehen usw. Ich werde Ihnen Vorschläge machen, über die wir dann beraten, welche Formulierung sowohl für den Verein, als auch für die Mitglieder zumutbar ist.“

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Für einen Außenstehenden ist es oft unglaublich, welche Energien freiwerden, die in einer echten Freundschaft begründet sind. Wenn Bettina keine Zeit hatte, war Hans täglich zur Stelle, um mit Artur zu trainieren. Sie hatte selbstverständlich alle Aktionen im Griff. Bettina führte eine Art Logbuch, in dem sie alle Maßnahmen festhielt und auch die Erfolge und die Reaktionen von Artur dazuschrieb. Auch die Übungen schrieb sie genau vor, die Hans mit Artur durchführen durfte. Hans hatte sich daran gewöhnt, spielerisch und mit viel Geduld mit seinem Freund umzugehen. Mal machten sie gemeinsam Hausaufgaben, dann spielten sie wieder. Artur saß im Rollstuhl oder er lag auf dem Sofa. Artur konnte sich schon ohne große Schwierigkeiten aus dem Rollstuhl auf eine Liege bewegen und auch sich selbst wieder in den Rollstuhl setzen. Die Muskulatur in seinen Armen entwickelte sich prächtig und für die Beine sorgte Bettina mit Massagen und Bewegungen der leblos erscheinenden Schenkel und Gelenke.

Wenn Artur auf dem Sofa lag, kitzelte Hans ihn an den Fußsohlen und blickte Artur fragend an: „Merkst Du das?“ „Nein!“ „Ich kritzele Dir jetzt etwas auf die Fußsohlen. Merkst Du das?“ „Nein!“

Manchmal hielt Hans die Hand unter Arturs Füße: „Drück mal gegen meine Hand.“