Schiessen - Wolfgang Ahrensmeier - E-Book

Schiessen E-Book

Wolfgang Ahrensmeier

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Beschreibung

Alles beginnt mit einer harmlosen Gruppenanmeldung zum örtlichen Schützenfest - ein Naturtalent wird geboren, das blitzartig berühmt wird: Viktor Fuchs. Begeben Sie sich gemeinsam mit ihm und seinen elf Freunden auf eine atemberaubende und abenteuerliche Erfolgsreise in verschiedene Länder. Mit seinem Fan Prinz Yasin und dessen treuen Freund Hasan startet er sein erstes gewaltiges Bauprojekt. Durch seine Erfolge und Popularität im Schießsport löst er eine Bewegung aus, die sich über die ganze Welt verbreitet. Seine Freunde, seine Verbundenheit mit der Heimat und nicht zuletzt die Liebe zu einer Frau geben ihm Kraft, seine Fähigkeiten auszuleben und seine Projekte umzusetzen, denn Schießen ist nicht Viktors einziges Talent.

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Seitenzahl: 1289

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhaltsverzeichnis

Prolog

Die Basis

Das Schiessen

Die Folgen

Die Nachfolgen

PERSONENVERZEICHNIS

PROLOG

__________________________

Er hatte nur noch einen Gedanken: DURST! Er spürte die brennende Hitze auf seiner trockenen Haut, die schon lange keinen Schweiß mehr aussonderte. In seine Lungen strömte heiße Luft, zum Atmen fast unbrauchbar. Die Bilder vor seinen Augen zitterten wie im Fieber, ohne Konturen und Farben.

Er wollte mit seinem Geländewagen in den Nachbarort. Eine kleine Siedlung, höchstens zwei oder drei Stunden entfernt. Der Weg vor ihm war keine befestigte Straße mehr, sondern eben nur ein ebener Weg, der sich in der Unendlichkeit zu verlieren schien. Er musste eingenickt sein, denn als es holprig wurde, schreckte er hoch. Da war kein Weg mehr. War er von der Richtung des Highways abgekommen? Aber welche Richtung? Wo war der Weg? Wo kam er her? Die Sonne stand senkrecht über ihm. Er fuhr eine Zeit lang im Kreis, um den Weg wiederzufinden. Keine Chance. Er war in einer Wüste gelandet. Dann blieb der Wagen stehen. Er musste zu Fuß weiter, aber in welche Richtung? Der Wasserkanister war leer.

Er entschied sich für eine Richtung und hoffte, nicht im Kreis zu laufen. Wenn er sich an die Bewegung der Sonne hielt, musste er - zwar in einem Bogen - dennoch nach Westen kommen, wo er die Küste oder eine Siedlung zu erreichen hoffte. Schon bald machte sich Schwäche bei ihm bemerkbar. Er stolperte bereits über Steine, die im Sand lagen. Das Wasser war alle. Es gab keinen Baum, keinen Strauch. Er stellte sich vor, wenn er einen Baum finden würde, könnte er in dessen Rinde beißen, um ein paar Tropfen auf seine Zunge zu bekommen. Nur nicht schlappmachen … immer geradeaus mit der Sonne. Seine Füße bewegten sich wie automatisch vorwärts. Er wusste nicht mehr, ob sie seinem Willen gehorchten. Durst! Wasser! Plötzlich sah er in der Ferne eine Silhouette. Egal, was es ist, das ist die Rettung. Eine Ewigkeit verging. Dann sackte er auf die Knie und ließ sich in den Sand fallen. Schlief er oder träumte er, lebte er noch? Er hörte seinen Namen und öffnete die Augen. Unbekannte Wesen mit schrecklichen Gesichtern, wirrem Haarschopf und so etwas wie Speere in der Hand. Das ist die Hölle schoss es ihm noch wie ein Wahn durch den Kopf. Dann umgab ihn tiefste Dunkelheit.

DIE BASIS

„Elf Freunde müssen es sein!“ So stand es in Holz geschnitzt auf einem Schild, das über dem Stammtisch im Wirtshaus hing.

Und hier saßen sie regelmäßig zum Frühschoppen. Elf junge Männer. Die Wirtin freute sich immer über deren Besuch. Sie tranken ihr Bier friedlich, ohne unangenehm aufzufallen. Es wurde viel erzählt. -Naja, bei elf Leuten. …-. Manchmal war es still, weil einer sprach. Dann gab es Diskussionen. Manchmal steckten sie die Köpfe zusammen, weil einer flüsterte. Dann brach urplötzliches schallendes Gelächter los.

„Wer zahlt die nächste Runde?“, wollte die Wirtin wissen.

„Aber Frau Eggert, das wissen wir doch erst, wenn wir gehen, wie immer.“

„ … und wir gehen noch lange nicht!“, protestierte einer aus der Gruppe. Dann folgte wieder fröhliches Gelächter.

Die Männer haben in dem Dorf gemeinsam die Schulbank gedrückt und blieben auch im Gymnasium zusammen. Sie spielten zusammen in einer Jugendmannschaft. Dann leisteten sie ihren Wehrdienst ab, gingen verschiedenen Berufen nach oder studierten, hatten Freundinnen oder Bräute gefunden, oder sie hatten schon Familien gegründet, aber der Frühschoppen blieb ihnen erhalten. Wenn einer fehlte oder nicht pünktlich erschien, wurde sofort telefoniert. War einer krank, gab‘s eine Schweigeminute. Dann wollte jeder genau wissen, was dem Kameraden fehlte.

Eines Tages konnte Klaus Werner nicht pünktlich erscheinen. Seine Stimme klang am Handy benommen.

„Wo bist Du, was ist los?“, fragte einer aus der Gruppe und die anderen hörten gespannt zu.

„Ich hatte einen Autounfall am Dorfeingang.“

Sofort sprangen drei von ihnen auf und wollten zum Unfallort eilen: „Du wirst abgeholt!“

„Nein, ich bin doch schon da.“

Die Tür zur Gastwirtschaft ging auf und er wankte herein. Helmut Abus studierte Medizin. Er packte Klaus an den Armen und setzte ihn auf einen Stuhl. Er untersuchte ihn oberflächlich, führte seinen Zeigefinger vor Klaus Augen hin und her und die Wirtin brachte etwas zu trinken.

„Ist Dir übel? Hast Du Schmerzen?“

„Nein, ich bin nur ein wenig aufgeregt.“

„So, nun erzähl mal, was passiert ist.“

„Ihr kennt doch den Feldweg am Ortsrand, der von links in die Hauptstraße einmündet. Ich kam vom Nachbarort mit normaler Geschwindigkeit. Plötzlich schießt der Bauer Beck mit seinem Traktor aus dem Weg raus und mir in die Fahrerseite. Dem Traktor hat es nichts ausgemacht, aber mein Auto ist hin … und ich muss morgen nach Dänemark. … So ein Mist!“

„Wo steht der Wagen jetzt?“, wollte Hans Freitag wissen.

„Beim Beck auf dem Hof.“

Hans hatte eine Autowerkstatt: „Den lasse ich am Montag abholen. Mit der Versicherung spreche ich. Der Beck hat sich schuldig bekannt? … Am Montag steht morgens ein Auto vor Deiner Haustür, mein Vorführwagen. Wann bist Du zurück?“

„Ich denke bis Freitag werde ich brauchen.“

„Das geht in Ordnung. Mach' Dir keine Sorgen.“

Gegenseitige Hilfeleistungen waren stets selbstverständlich und bedurften keiner umständlichen Absicherung, aber es kam keinem von ihnen in den Sinn, den anderen auszunutzen. Achtung und Verantwortung standen an oberster Stelle in ihrem Verhalten.

Bei feierlichen Anlässen wurde keiner eingeladen. Sie waren ohne Ausnahme einfach dabei.

Außenstehende Beobachter sahen die Gruppe eher als einen elitären Kreis. Dabei kapselten die Männer sich nicht etwa ab. Sie pflegten auch andere Bekanntschaften, hatten verschiedene Hobbys und Verpflichtungen. Ebenso waren ihre Ansichten in politischen und den Glauben betreffenden Dingen nicht immer einheitlich, aber sie akzeptierten einander. Bei Planungen, Entscheidungen und anstehenden Handlungen entschied grundsätzlich die Mehrheit, auch wenn dafür noch so viele Einflüsse abzuwägen waren. Dennoch nahmen sie die Ansicht Außenstehender hin, um ihrer Freundschaft Willen, denn die betrachteten sie als unantastbar.

Bei einem ihrer regelmäßigen Treffen kam einer auf die Idee, den heimischen Schützenverein zu unterstützen.

„Sollen wir etwa etwas Spenden? Wofür?“

„Für das Schießen habe ich also überhaupt nichts übrig. Ich habe als Soldat genug geschossen.“

„Ich verschwende dafür keine Zeit. Ich fahre lieber mit dem Rad durch unsere Wälder.“

„Jetzt lasst ihn doch erst einmal ausreden. Er hat sich doch bestimmt etwas dabei gedacht oder war das etwa eine Schnapsidee, Philip?“

„Also, … Der Schützenverein gehört zu unserem Dorf, wie jeder andere Verein auch. Viele unserer Bekannten sind dort Mitglied oder engagieren sich. Das Jubiläum des Vereins wird dieses Jahr gefeiert. Es gibt eine Programmschrift auf Hochglanzpapier, die im ganzen Ort verteilt wurde. … Darin steht z. B. etwas über ein „Jedermann-Schießen“. Jeder ist eingeladen, mit vereinseigenem Luftgewehr, Kleinkalibergewehr und den dazugehörigen Pistolen sein Können zu beweisen. Die Meldegebühr beträgt fünf Euro und es gibt schöne Preise zu gewinnen. …

Es kann uns bestimmt nicht schaden, wenn wir uns dort wenigstens einmal sehen lassen.“

Die Wirtin schaltete sich ein: „Ich finde, das ist eine prima Idee. Ihr brecht Euch doch keinen Zacken aus der Krone, wenn Ihr dort mal Euer Bier trinkt.“

„Frau Eggert, soll das etwa heißen, Sie schmeißen uns raus?“ … Gelächter. …

„Nein, natürlich nicht. Aber Ihr hättet mal eine schöne Abwechslung. Die Leute würden sich über Euren Besuch freuen. Sie würden merken, dass Ihr sie akzeptiert. … Und außerdem würdet Ihr Euch erinnern, wie gut mein Bier schmeckt. … Die nächste Runde geht auf mich.“

Gisela Eggert stand hinter der Theke. Sie trug eine saubere Bluse und Jeans. In der Tasche der Lederschürze steckten die Geldbörse, Block und Stift. Ihr hübsches Gesicht war von roten Locken umrahmt. Das Tablett mit elf Bieren darauf packte sie mit ihren starken Händen und stellte es auf den Tisch der Männer. Beim Verteilen der Gläser lächelte sie jeden freundlich an. … „Prost, meine Herren!“

Nach dem Schluck übernahm Philip wieder das Wort: „Na, was meint Ihr, Jungs? Wir haben schon einige Argumente gehört, die dafürsprechen.“

„Ich kann doch gar nicht schießen. Ich würde mich blamieren nach Strich und Faden.“

Dann lernst Du es eben. Die aktiven Schützen stehen als Standaufsicht dabei und helfen Dir ohne irgendwelche Hintergedanken.“

„Schießen da etwa auch Frauen mit?“

Gisela Eggert prustete vor Lachen: „Lieber Bernd, etwa 30% der Mitglieder sind Frauen und der Verein hat dieses Jahr eine Schützenkönigin!“

„Umso schlimmer ist es, wenn die uns was vormachen können.“

„Aber Bernd, das hört sich ja an, als seist Du ein Frauenfeind. Das bist Du doch gar nicht.

Spring einfach mal über Deinen Schatten.“

„Das geht nicht.“

„Dann schau einfach mal über den Rand Deines Tellers. Du kannst doch nicht etwas nur deshalb ablehnen, weil Du es noch nie versucht hast.“

„Ich kann Bernd verstehen“, pflichtete Viktor Fuchs dem Freund bei. „Ich würde mich ebenso blamieren. Ich habe es zwar probiert, aber ich stelle mich dabei zu Schusselig an. Deswegen finde ich keinen Spaß am Schießen.“

Das Gespräch ging noch eine ganze Weile hin und her. Schließlich machte Otto Sander ein entscheidendes Angebot: „Ich habe zu Hause ein altes Luftgewehr. Schießen ist im Haus und auf meinem Grundstück nicht erlaubt, aber ich kann das Schießen simulieren. Also, wer das Ding mal in die Hand nehmen möchte und auch mal auf eine Scheibe zielen will, um dann abzudrücken ohne Munition, kommt zu mir. Ich kann Euch auch etwas beibringen. Ich trug als Soldat die Schützenschnur.“

Danach wurde die Teilnahme der elf Freunde am „Jedermann-Schießen“ beschlossen und die Vorbereitungen für die Laien begannen.

Bernd Fechter und Viktor Fuchs nahmen das Angebot von Otto Sander an. Sie hatten noch zwei Wochen Zeit. Ab und zu gesellten sich Gerd Ohl, Manfred Schneider, Fritz Bach und Wilfried Pröscher dazu. Die hatten zwar einige Erfahrungen mit Kriegswaffen, aber Sportwaffen waren ihnen fremd.

„So, meine Herren“, begann Viktor. „Bernd, Du nimmst dieses Luftgewehr in die Hand. … Erste Regel: Der Lauf bzw. die Mündung zeigt - in Ruhe - immer nach vorn oder oben, jedenfalls weg von irgendeiner Gefährdung. … Ihr seid alle Rechtshänder, also greift ihr das Gewehr am Schaft - der Auflage des Laufs mit der linken Hand. … Das ganze Gewicht ruht auf der linken Hand. … Die Rundung des Kolbens drückt an die rechte Schulter. … Die rechte Hand liegt locker am Griff des Schafts und der Zeigefinger geht an den Abzugsbügel.“

Dieses erste Handling wurde nun mehrfach von allen wiederholt, bis sie merkten, dass die linke Hand erlahmte.

„Der linke Arm erhält seine Stütze vom Körper in Richtung linke Hüfte.“ Wieder wurde geübt.

„Der Körper findet seinen besten Halt in der aufrechten Laufstellung: Füße parallel in zwanzig Zentimeter Abstand. Da das Gewehr für den Körper eine Belastung nach vorne darstellt, wird er abgestützt durch den linken Fuß, der sich einen halben Schritt nach vorne stellt. … Das wird jetzt solange geübt, bis Ihr keine Verspannung, Verkrampfung, ja keine Belastung durch das Gewehr mehr spürt.“

Die Freunde übten, machten ihre Späße dabei oder konzentrierten sich auf jeden Muskel und Otto rügte jede Fehlhaltung: „Erst wenn Euch diese Bewegungen und die Haltung selbstverständlich ist, kommt der schwerste Teil des Schießens.“

„Bei der Grundausbildung hieß das Griffe kloppen.“

„Das ist richtig. Und damit habt Ihr begriffen, dass Ihr die Basis kennenlernt, begreift und schließlich beherrschen müsst.“

Otto ließ den Freunden Zeit, forderte sie auf, die Waffe ein paar Minuten im Anschlag zu halten, um Schmerzstellen zu erkennen und zu beheben durch Haltungskorrekturen.

„So, nun erinnert Ihr Euch an die erste Regel mit dem Lauf bzw. der Mündung. Dazu gehört auch, dass Ihr Euch vergewissert, ob die Waffe geladen ist. Also zieht Ihr den Hebel zurück und blickt in die Kammer, dann legt Ihr eine Kugel ein und drückt den Hebel wieder nach vorne. Diese Waffe hier hat einen Knicklauf, d. h. der Lauf wird nach vorne geknickt und die Kugel in den Lauf gesteckt. … Das üben wir später noch. … Jetzt kommt das Zielen oder Anvisieren: Wenn Ihr über den Lauf durch die Optik schaut, dann seht Ihr einen Balken mit einem kleinen Einschnitt in der Mitte. … Das ist die Kimme… - Die Seefahrer und die Piloten nennen den Horizont auch die Kimm. - Über der Mündung des Laufs erkennt Ihr das Korn, in Form eines Kügelchens, das genau in den Ausschnitt des Balkens passt. Im Ziel liegen Kimme und Korn genau aufeinander. Modernere Waffen haben ein Ringkorn. Da muss das Kügelchen im Ziel und in der Mitte des Rings liegen. Das Schwarze auf der Scheibe da vorne ist das Ziel, das Ihr treffen sollt.“

Die Freunde wurden schon ungeduldig, weil sie nur eine Waffe zum Üben hatten. „Also gut, ich habe auch eine Pistole. Dafür gelten dieselben Regeln. … Nur die Körperhaltung ist anders. … Die Pistole liegt in der rechten Hand. … Der rechte Fuß steht vor und die linke Hand wird zum Ausgleich in die Hüfte gestemmt.“

Die Freunde übten fleißig immer wieder die gleichen Griffe und wurden dabei immer sicherer.

„Nun kommen wir zu Abzug und der Atmung: Nur das oberste Glied des Zeigefingers bewegt sich und nur einen Hauch mehr als eine Berührung. Wenn Ihr am Abzug reißt, verreißt Ihr die Waffe aus dem Ziel. … Die Atmung und der Puls sind beim Zielen ruhig und gleichmäßig. … Der Schuss fällt in dem Moment, wo Ihr ausgeatmet habt und wieder einatmen wollt. Haltet Ihr aber die Atmung ein, wird der Puls wieder höher und die Waffe geht aus dem Ziel. Ihr könnt jetzt beim Üben, die Waffe ruhig spannen und abziehen. … So, jetzt heißt es üben, üben, üben und ich kritisiere Euch ständig.“

Viktor drängte sich eine Feststellung auf: „Also Otto, Du hast es ja richtig drauf. Warst Du mal Schießtrainer?“

„Nein, ich habe nur gelernt, geübt und eingesehen, dass es ohne Fleiß nicht geht. Ich könnte Euch noch viel mehr beibringen, aber das braucht Ihr für das eine Mal nicht: Z. B. schießt Ihr beim Luftgewehr und der Pistole mit Bleigeschossen, beim Kleinkaliber ist die Munition scharf mit Pulver. Viele moderne Waffen haben ein Diopter, an dem man den Einfluss des Windes auf die Flugbahn des Geschosses durch Drehen nach links oder rechts ausgleichen kann. Auch kann die Körperhaltung des Schützen durch Drehen des Diopters nach oben oder unten an die Flugbahn des Geschosses anpassen. Die Waffen werden vom Hersteller in eine Nullstellung eingeschossen. Individuelle Einstellungen nimmt der Schütze vor. Ihr könnt Euch vorstellen, dass es jedem ernsthaften Schützen schwerfällt, seine Waffe aus der Hand zu geben.“

Otto Sander hatte in dieser Zeit fast täglich Besuch von seinen gelehrigen Schülern. Aber er war genauso ernsthaft bei der Sache und hoffte auf den Erfolg seiner Freunde.

Fritz Bach wollte wissen: „Wir haben doch ausgemacht, dass wir alle zum „Jedermann-Schießen“ gehen. Schießen wir dann auch alle?“

„So habe ich das auch verstanden.“

„Die andern können das doch alle besser als wir.“

„Das ist nicht gesagt. Vergesst nicht, Ihr habt geübt. Auch ein guter Schütze büßt seine Fähigkeit ein, wenn er nicht ständig trainiert.“

Manfred Schneider meldete sich: „Treten wir als Mannschaft auf?“

„Die Mannschaften bestehen meistens aus vier Schützen. Ich weiß nicht, ob der Veranstalter sich darauf einlässt. Und wenn, dann sind wir flexibel.“

Die Freunde übten bis zum Vorabend vom Wettbewerb. Sie fühlten sich sicher und hatten keine Hemmungen mehr vor den Aufgaben, die sie erwarteten.

„Jungs, Ihr habt jetzt alles gelernt, was Ihr für das „Jedermann-Schießen“ braucht. Das Trockentraining umfasste alle Theorie und das Handling ohne den Treffer. Bedenkt bitte, dass am Schießstand Geräusche und optische Einflüsse ablenken könnten. Seid stur, sobald Ihr die Waffe in der Hand haltet und konzentriert Euch auf das, was Ihr hier gelernt habt. Nur der Treffer zählt. Wenn Ihr müde oder unsicher seid, setzt noch einmal ab und beginnt von vorne. In Eurem Gehirn geht am Schießstand eine Kammer auf mit der Überschrift Schießen.

Sonst nichts. … Und vergesst auch nicht, dass wir nur zum Spaß teilnehmen. Gut Schuss!“

Zum vereinbarten Termin trafen sich die elf Freunde im Vereinsheim der Schützen. Sie hatten noch ein gemeinsames Trikot aus ihrer Zeit im Turnverein übergestreift. Einige waren schon etwas nervös, aber sie machten sich Mut mit Späßen. Im Schankraum saß ein Mann mit hochrotem Kopf. Er nahm wohl schon eine Stunde die Anmeldungen entgegen. Davor stand eine Schlange von Frauen und Männern, die sich zum Schießen anmelden wollten.

Philip Pohl war bestimmt worden, für die Gruppe zu sprechen: „Ich möchte eine Gruppe von elf Männern zum „Jedermann-Schießen“ anmelden.“

„Das ist endlich mal klasse. So brauche ich nur einmal alles zu erklären. Übrigens vom Turnverein sind noch mehr Leute da, aber das spielt heute keine Rolle, denn wir werten keine Mannschaften. Jeder schießt für sich. … Ich brauche jetzt erst einmal Eure Namen. 11 mal 5 Euro, macht 55 Euro. Ich schreibe Dir eine Quittung. … Jetzt zum Ablauf: Geschossen werden vier Waffengattungen, beginnend mit dem Luftgewehr und jeweils eine Stunde. Die Schützen werden nach der Anmeldeliste aufgerufen und gehen dann auf den Schießstand. Dort erhalten Sie von den drei Standaufsichten die Waffen, eine Scheibe mit ihrem Namen, fünf Schuss Munition und ihre Bahnnummer. Auf dem Schießstand ist Disziplin gefordert! Kein Geschwätz, die Aufsichten geben Kommando zum Laden, Feuer frei und Feuer einstellen. Bei Schwierigkeiten sind die Aufsichten anzusprechen. Zuschauen ist möglich in dem Raum hinter den Schützen, aber Ruhe bitte. … Hast Du alles kapiert? … Dann Gut Schuss!“

Sie hatten noch etwas Zeit, sich zu konzentrieren oder etwas zu trinken, denn sie waren ja nicht die ersten Schützen, die auf den Schießstand mit seinen zehn Bahnen gerufen wurden. Die Anfänger nutzten die Zeit, um noch einmal alles zu rekapitulieren, was Otto Sander ihnen beigebracht hatte.

So ein Fünfschussdurchgang dauerte tatsächlich nicht lang. Die ersten Schützen kamen heraus, einige mit strahlenden Gesichtern, andere etwas verkniffen. Sie begaben sich zum Tisch, wo sie vorher angemeldet worden waren. Dort ließen sie nach Überprüfung die Zahl der Ringe, die sie erreicht hatten - von fünfzig möglichen - unter ihrem Namen in eine Liste eintragen. Dann warteten sie, bis die Luftpistole drankam usw.

Als nächstes wurden zehn Schützen aufgerufen, unter anderem auch Namen der elf Freunde. Die, die nicht aufgerufen waren, begaben sich in den Zuschauerbereich. Viktor Fuchs war bei den Schützen. Er nahm die Waffe entgegen und stellte sie mit dem Schaft auf den Tisch. Die Scheibe steckte er in den Rahmen auf dem Schlitten, der sie dann auf die Distanz von zehn Metern beförderte. Die fünf Kugeln lagen in einer Schachtel auf dem Tisch.

Die Standaufsicht: „Habt Ihr alles fertig? … Dann wird jetzt geladen! … Und Feuer frei!“

Mit blink, blink, blink trafen die Kugel auf das Blech hinter den Scheiben. Viktor Fuchs hatte genau in die Mitte getroffen. Der zweite Schuss: Wieder blink, blink, blink. Viktors Schuss war nicht auf der Scheibe. Hatte er eine Fahrkarte geschossen? Der dritte, vierte und fünfte Schuss mit gleichem Erfolg. Die Standaufsicht, Florian kam bei Viktor vorbei: „Toll, so eine schöne Zehn! Und wo sind die anderen?“

„Ich weiß es nicht. Ich stelle mich eben zu schusselig an.“

„Hast Du denn die Schüsse auf dem Blech gehört?“

„Ja“, antwortete Viktor enttäuscht.

Philip Pohl kam zu den beiden: „Was ist los?“

„Das wissen wir noch nicht. Entweder sind vier Kugel irgendwo hingeflogen oder er hat sie in der Tasche. … Aber beides ist unwahrscheinlich. … Viktor, Du bleibst hier. Ich spreche kurz mit der Wettkampfleitung.“

Nach wenigen Minuten kam er zurück: „Viktor wir testen Dich. Wir nehmen eine neue Scheibe. Du setzt einen Schuss drauf. Dann holen wir die Scheibe ein und schieben eine Neue dahinter … usw. Ich habe so etwas noch nie gesehen, aber wenn das stimmt, was ich vermute, gebe ich einen aus. Ich stehe hier mit dem Fernglas und Du Philip bleibst bei mir und strengst Deine Augen und Ohren an.“

Der erste Schuss war eine exakte Zehn. … Scheibe einholen, eine Neutrale dahinterstecken und wieder auf Distanz fahren. … Der zweite Schuss. … Nur die neutrale Scheibe hatte ein Loch exakt hinter der ersten Zehn. … Es folgten noch drei Versuche mit dem gleichen Ergebnis. Florian nahm alle Scheiben zusammen und rannte zur Wettkampfleitung: „Schaut Euch das an. Hier ist die erste Scheibe mit fünf Zehnern. Das ist die zweite Scheibe mit vier Neutralen. Alle Zehner stimmen überein. Das ist ein Wunder. Ich bezahle die zusätzlichen Scheiben und die Munition.“

„Das brauchst Du nicht. Wir haben doch nach Deiner Beobachtung den Test veranlasst, um Reklamationen auszuschließen. Jetzt beruhige Dich. Der Schütze, Viktor Fuchs bekommt fünfzig Ringe eingetragen. Dann sehen wir weiter.“

Viktor war umzingelt von seinen Freunden. Florian stürzte auf die Gruppe zu: „Fünfzig Ringe! Jetzt gebe ich einen aus.“

Fünfzig Ringe! Ein Raunen ging durch die anwesenden Schützen und viele Blicke ruhten auf Viktor teils anerkennend - teils neidisch. Viktor hatte feuchte Augen und Otto nahm seinen einen halben Kopf kürzeren Freund in den Arm.

„Also bin ich doch nicht schusselig.“

„Nein. Du bist nicht schusselig, sondern Du kannst schießen!“

Im Hintergrund saß ein Mann mit der Mütze eines Waffenherstellers. Er beteiligte sich an keinem Gespräch, aber er beobachtete die Szenerie.

Die Freunde von Viktor Fuchs bemerkten - ohne Absprache, dass sie wohl eine aktuelle Aufgabe zu erfüllen hatten: Sie mussten Viktor vor allem schützen, was im Moment störend sein könnte. Also nahmen sie ihn ständig in ihre Mitte.

Der Luftgewehrwettbewerb dauerte noch eine Weile. Auch andere Schützen, sogar Bernd Fechter - Gegner des Schießens - erzielte beachtliche Ergebnisse. Aber die fünfzig Ringe gehörten Viktor Fuchs.

Bevor das Luftpistolenschießen begann sprach Florian mit der Wettkampfleitung:

„Ihr könnt mich wegen Befangenheit aus der Standaufsicht herausnehmen, aber ich bleibe mit dem Fernglas bei Viktor Fuchs.“

„Wenn Du diese Aufgabe zusätzlich erfüllen kannst, werden wir Dich aus der Aufsicht nicht herausnehmen. Benachteilige bitte die anderen Schützen nicht.“

So war Florian in der nächsten Gruppe für das Pistolenschießen, in der auch Viktor Fuchs aufgerufen wurde. Er übergab ihm die Waffe, die Scheibe und die Munition:

„Lass Dich durch nichts ablenken. Auch nicht durch mich und mein Fernglas. Schieß so, wie Du es kannst.“

Alles war bereit und das Kommando laden und Feuer frei ertönte am Stand.

Viktor Fuchs setzte die erste Kugel in die Zehn. Florians Puls ging hoch. Der zweite Schuss ging ins selbe Loch, ebenso der dritte, der vierte und der fünfte. Florian nahm die Scheibe aus dem Bügel des Schlittens, drehte sie um und schrieb: Ich habe alle fünf Schuss durch das Fernglas beobachtet. Es sind fünfzig Ringe! Florian (Standaufsicht).

„Viktor, zeig die Scheibe den Herrschaften in der Wettkampfleitung und pass auf, dass Dir fünfzig Ringe gutgeschrieben werden.“

Sofort nahmen die übrigen zehn Männer ihren Freund Viktor wieder in ihre Mitte. Nur Florian durfte den Kreis durchbrechen: „Männer, das hättet Ihr sehen müssen. Mit einer Ruhe und Gelassenheit - wie ein Alter - hat der Junge seine Schüsse gesetzt. Ich bin seit dreißig Jahren Schütze, aber so etwas, wie unseren wahren Schützenkönig, habe ich noch nie erlebt. Ich bin begeistert. So einen Schützenkameraden hätte ich gerne in meiner Mannschaft an meiner Seite.“

Für die Veranstaltung wurde der Zeitplan eingehalten, so dass das Kleinkaliberschießen pünktlich um 12:00 Uhr beginnen konnte.

Otto nahm Viktor auf die Seite: „Das KK ist etwas schwerer. Denk an den Ausgleich für Deinen Körper. Wenn die Waffe zu schwer wird, setz ab und beginne von vorn, wie Du es gelernt hast. Die Scheibe ist größer und die Distanz ist fünfzig Meter. Erschrecke nicht, der Schuss ist lauter.“

Florian blieb auf seiner Position mit dem Fernglas. Viktor Fuchs blieb entspannt ruhig, stellte die Waffe auf den Tisch nahm die Scheibe und die Munition entgegen. Die fünf Patronen steckten in einem Moosgummi. Er wartete auf das Kommando.

„Fertig … laden … und Feuer frei!“

Der erste Schuss brach die sonst gewohnte Stille. Florian meldete Viktor die exakte Zehn, die mit bloßem Auge auf die Entfernung so genau nicht zu erkennen war. Viktor holte die Scheibe bei den nächsten Schüssen heran, um sich zu vergewissern. Es war nur ein Loch zu sehen.

Florian musste sich beherrschen, dass er seine Freude nicht bejubelte. Er nahm die Scheibe heraus und schrieb seine schon bekannte Bewertung mit seiner Unterschrift auf die Rückseite. In der Wettkampfleitung, die aus mehreren erfahrenen Frauen und Männern bestand, ging die Scheibe von einer zur nächsten Person. Sogar Lupe und Schussprüfgerät wurden zur Hand genommen. Es blieb bei fünfzig Ringen. Wieder ging das Raunen durch die Reihen der Schützen und die Spannung bei den elf Freunden stieg zusehends: „Hatte Viktor wirklich die Kraft, auch noch die Sportpistole zu schaffen?!“ Die Freude über ihre eigenen Schießergebnisse war echt, aber was da gerade mit Viktor Fuchs geschah, übertraf alles.

Im Zuschauerbereich drängten sich alle, die nicht anders beschäftigt waren und die Standaufsicht hatte alle Mühe, die Interessierten zu beruhigen.

Viktor hatte sich mittlerweile eine stoische Ruhe angeeignet. Sobald er die Waffe in die Hand bekam, konzentrierte er sich nur darauf und verschob alles andere um sich herum in die Unwichtigkeit. Erst als der letzte Schuss mit der Sportpistole gefallen war, ließ er erkennen, dass soeben alle Anspannung von ihm abgefallen war.

Die Treffer waren von den Zuschauern nicht so genau zu erkennen, wie von Florian und der Wettkampfleitung. Trotzdem wollten einige Schaulustige Viktor Fuchs Beifall klatschen. Sie wurden aber sofort von der Standaufsicht um Ruhe gebeten.

Das „Jedermann-Schießen“ war vorbei. Die anschließende Siegerehrung war eine fachliche Aufmerksamkeit für die Schützen, die in der Rangfolge eins bis drei für die einzelnen Waffengattungen zu Ehren gekommen waren und beglückwünscht wurden. Der Sieger des Wettbewerbs war Viktor Fuchs mit der höchstmöglichen Ringzahl 200. Die Veranstalter und alle Schützen versuchten, ihm die Hand zu schütteln. Er wurde zum Schützenkönig des „Jedermann-Schießen“ ausgerufen und nicht nur deshalb floss das Bier in Strömen.

Der erste Vorsitzende, Norbert Krug nahm Viktor bei einer günstigen Gelegenheit auf die Seite: „Ich möchte Dich gerne als Mitglied in unserem Verein werben.“

„Ich danke für die Ehre, aber eine zusätzliche Verpflichtung in einem Verein kann ich mir nicht leisten.“

„Lass uns später noch einmal darüber reden, wenn sich der ganze Rummel heute sich gelegt hat. In vierzehn Tagen schießen wir die Vereinsmeisterschaften aus, dann folgen die Gaumeisterschaften, die Landesmeisterschaften und die Deutschen Meisterschaften. Die Chancen, die Du hast, könnten Dir Freude bereiten. Ich rufe Dich in ein paar Tagen noch mal an. … Und wenn Du nachher nach Hause gehst, vergiss den Hauptpreis, das Mountainbike nicht. Jetzt wollen wir aber noch ein wenig feiern.“

Der Schankraum im Schützenhaus war voll Menschen, die sich allmählich entspannten oder in ausgelassener Stimmung feierten. Viele versuchten noch, Fehler auszumerzen, indem sie Fachleute befragten oder Verbesserungen an den Waffen und der Munition suchten. Florian wollte oder konnte sich nicht beruhigen. Er schwärmte immer wieder von dem neuen Wahnsinnstalent, Viktor Fuchs.

Philip Pohl beugte sich zu Otto Sander: „Wir sollten das Lokal wechseln. Das Bier schmeckt nicht, wie wir es gewohnt sind und es wird bereits dunkel.“ „Gute Idee … Leute lasst uns gehen!“

Viktor schob etwas unbeholfen sein Mountainbike auf die Straße. Gerd Ohl schwankte auch leicht, hielt Viktor aber davon ab, aufzusitzen: „Du darfst jetzt nicht fahren, weil Du betrunken bist. Ich bin bei der Polizei!“

Alle elf brachen in schallendes Gelächter aus und als wäre es abgesprochen, packten sie das Rad und einige ihren Freund Viktor, setzten ihn in den Sattel und schoben ihn mit Gejohle die Straße hinunter zu ihrem Stammlokal. Dort angekommen, machten sie nicht etwa halt, sondern hoben Viktor mit samt dem Rad die Treppe hoch und rollten ihre Fracht in die Wirtschaft vor die Theke von Frau Eggert.

„Jungs, was wollt Ihr hier? Heute ist doch nicht Euer Tag.“

„Frau Eggert, Sie hatten Recht, Ihr Bier schmeckt besser.“

„Und heute feiern wir unseren Super-Schützenkönig, den Viktor.“

„Das Rad stellen wir dort an die Wand. Es ist der Hauptpreis.“

„Am Stammtisch sitzt schon ein Mann. Kann der sitzen bleiben?“

„Klar doch. Wir stellen einen Stuhl dazu.“

Viktor brüllte plötzlich vor Begeisterung: „Eine Runde auf den Schützenkönig!“ … Er hatte selten die Gelegenheit, im Mittelpunkt zu stehen und mit einem fröhlichen „Prost!“ wurde die Runde begrüßt.

Frau Eggert setzte sich kurz zu den Männern und ließ sich mit wenigen Sätzen erzählen, was geschehen war. Der einzelne Mann am Tisch trug die Mütze eines Waffenherstellers.

„Haben wir Sie nicht schon im Schützenhaus gesehen?“

„Ja, ich bin Waffenberater für meine Firma. Als solcher beobachte ich besondere Ereignisse, wie heute. Wenn ich Interesse für unsere Produkte bei Leuten wie Ihnen finde, gebe ich Namen an unsere Verkaufsgeschäfte weiter. Wenn Sie es erlauben, würde ich gerne ein paar Worte mit Herrn Fuchs reden.“ Viktor fühlte sich direkt angesprochen: „Klar Mann, reden Sie. Was für mich interessant ist, ist auch für meine Freunde interessant.“

„Mein Name ist Olaf Sieg. Ich habe nicht nur die Szenerie im Schützenhaus beobachtet, sondern besonders auch Sie, Herr Fuchs. Ich kann nur den Florian zitieren: So etwas habe ich noch nie erlebt. Sie sind ein Ausnahmetalent!“

„Er ist ja auch unser Viktor!“ Die Freunde lachten zwar, aber ein wenig Ernst schwang in der Stimmung mit.

„Nehmen wir einmal an, Sie würden - nachdem Sie heute den Anfängerstatus überzeugend überwunden haben - im Verein schießen wollen, dann könnte ich mich um Ihre Ausstattung kümmern.“

Viktor blickte durch, genau wie seine Freunde: „Herr Sieg, erstens kann ich zusätzliche Verpflichtungen in einem Verein mir nicht leisten und zweitens gibt es in meiner Wohnung und in meinem Auto keine Waffen! Das ist mein Prinzip und darauf bestehe ich, basta! … Ich habe heute lediglich gelernt, dass ich kein Schussel bin.“ … Viktor wurde durch Gelächter und Trommeln auf dem Tisch unterbrochen. … „Es tut mir leid für Sie. … Jetzt machen Sie sich locker und feiern einfach mit uns.“

„Es freut mich, dass ich mit Ihnen Ihren Erfolg feiern darf … und das tue ich auch.

… Frau Wirtin eine Runde auf mich, bitte!“

„Siehste wohl, so gefallen Sie uns schon besser.“

Olaf Sieg konnte mit den Männern kein ernstes Wort mehr über das Schießen reden und ließ sich in der ausgelassenen Stimmung mitreißen.

Allmählich bekamen auch alle anderen Gäste im Lokal mit, was am runden - das war eher ein langgezogenes Oval - Tisch gefeiert wurde. Sie kamen einer nach dem andern und beglückwünschten Viktor. Doch es war ihm schon anzusehen, dass er sich morgen bestimmt nicht an alle erinnern können würde.

Es wurde Mitternacht. Gisela Eggert verlor die Übersicht nicht, aber so leid ihr es auch tat, denn sie liebte die elf Freunde, sie musste eine Entscheidung treffen. Keiner machte freiwillig Anstalten, nach Hause zu gehen und wie würden sie sich auf der Straße wohl verhalten?!

Sie rief bei Freitags an: „Ilse, bitte verzeih die späte Störung. Habt Ihr nicht zufällig einen Bus oder einen Mannschaftswagen auf dem Hof.“

Ilse lachte: „Ich kann es mir schon denken, Du weißt nicht, wie Du die Bande loswerden kannst.“

„Keine Angst, die haben heute einen besonderen Grund zum Feiern: Der Viktor hat das „Jedermann-Schießen“ gewonnen.“

„Der Viktor? … Der hat doch keine Ahnung vom Schießen! … Haben die anderen denn nicht mitgeschossen?“

„Doch, keiner hat sich gedrückt, aber Viktor hat als Bester abgeschnitten. Er hatte keinen Fehlschuss.

„Oha, da kann ich mir einiges vorstellen.“

„Weißt Du, was die gerade machen? … Die haben den Stammtisch umgedreht, sitzen grölend mitten drin und rudern. … Ich versuche mal ein Bild zu schießen. Das schicke ich Dir dann auf Dein Handy. … Ich rufe Dich an, weil ich die Bande nicht so auf die Straße lassen will. … Kannst Du mir helfen?“

„Klar, ich habe hier einen Kleinbus, aber da passen nicht alle rein.“

„Das macht nichts. Die merken es nicht auf der kurzen Strecke, wenn sie übereinanderliegen. Das schaffen wir schon.... Wann kannst Du kommen?“

„In einer Viertelstunde!“

„Gut dann läute ich jetzt den Feierabend ein.“

Die Glocke über dem Tresen übertönte den Lärm in der Schankstube: „Leute jetzt ist Feierabend. … Ihr räumt jetzt auf. … Euer Taxi steht in fünfzehn Minuten vor der Tür. … Eure Rechnung bezahlt Ihr das nächste Mal!“

Mürrisch und grölend erhoben sie sich aus dem umgedrehten Stammtisch, drehten ihn wieder um und stellten die Stühle ordentlich hin. Dann brachten sie die Gläser zum Tresen.

„Olaf Sieg, Sie können bei mir ein Zimmer haben. Wir rechnen morgen nach dem Frühstück ab.“

„Frau Wirtin, ich danke Ihnen.“

Ilse streckte kurz den Kopf durch die Tür: „Taxi! Bitte einsteigen, meine Herren!“

Sie torkelten vorsichtig die Treppe hinunter und stiegen in den Bus.

Gerd Ohl baute sich auf und verkündete: „Der Bus ist für so viele Leute nicht zugelassen. Das gibt eine Anzeige. Ich bin schließlich bei der Polizei!“

„Halt die Klappe und rein mit Dir!“

Alle saßen und lagen im Bus. Ilse fuhr vorsichtig von einer Wohnung zur anderen, bugsierte jeden Einzelnen vor die Haustür und wartete, bis er im Haus verschwunden war.

Als sie schließlich den Bus auf dem Hof abstellte, schlief ihr Mann, Hans Freitag. Sie schleppteihn mühsam ins Schlafzimmer und lächelte wissend: „Diese elf Freunde sind eine Bande von Jugendlichen, die nie älter zu werden scheinen.“

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Olaf Sieg bedankte sich bei Gisela Eggert dafür, dass sie ihm spontan in der Nacht eine Bleibe gewährte und beglückwünschte sie zu ihren Gästen, in deren Runde er sich wohl gefühlt hatte: „Alles Gute! Vielleicht sehen wir uns mal wieder.“

Er war zwar schon auf dem Heimweg in die Firma, aber da gab es noch eine Idee, die er weiterverfolgen wollte. Er rief Norbert Krug, den ersten Vorsitzenden des Schützenvereins an: „Herr Krug, können wir uns für ein paar Minuten sehen und sprechen?“

„Ich arbeite in einem Sägewerk im Nachbarort. Mittagspause im Grünen Baum?“

„Ich werde dort sein.“

Der Grüne Baum war ein gutbürgerliches Speiserestaurant mit deftigem Essen und freundlicher Bedienung. Er fuhr direkt dorthin: „Guten Tag. Bitte bringen Sie mir ein Wasser und die Zeitung. Ich warte noch auf einen Freund, dann werde auch ich etwas zu essen bestellen.“

„Selbstverständlich, der Herr. Bitte nehmen Sie an diesem Tisch Platz. Hier werden Sie nicht gestört.“

In der Tageszeitung wurde bereits über das Ereignis von gestern im Schützenheim berichtet. Viktor Fuchs war in dem Bericht abgebildet. Wahrscheinlich hatte der das Foto gar nicht mitbekommen. Es dauerte noch eine Weile, bis Norbert Krug zur Tür hereinkam und direkt auf Olaf zusteuerte.

„Großes Kompliment für die Veranstaltung, die Sie gestern mit Ihren Leuten organisiert haben. … Und dann noch mit einem so großen Erfolg. … In der Zeitung wird schon darüber berichtet.“

„Ja, ich bin auch noch ganz hin und weg. Es war einfach großartig.“

„Ich habe beobachtet, dass Sie sich mit Viktor Fuchs unterhalten haben. Ich nehme an, Sie haben ihm die Mitgliedschaft in Ihrem Verein angeboten.“

„Ja, das stimmt, aber er hat abgelehnt, obwohl er versprochen hat, mir noch einmal zuzuhören.“

„Durch den Zeitungsbericht, werden auch andere Vereine auf die Idee kommen.“

„Das ist anzunehmen, aber Viktor ist sehr bodenständig.“

„Ich habe mit den Jungs gestern nachts noch gefeiert und ein kurzes Gespräch mit Viktor Fuchs gehabt. Er machte mir seine Prinzipien klar: Keine zusätzlichen Verpflichtungen im Verein und keine Waffen im Haus und im Auto.“

„Das Problem beginnt schon damit, dass er ohne Waffenbesitzkarte nicht schießen darf.“

„Fassen wir doch mal zusammen: Sie bieten ihm die Mitgliedschaft an mit der Bedingung, dass er weder regelmäßig arbeiten, noch trainieren, noch schießen muss. Was die Arbeiten betrifft, das müssen die Mitglieder dulden, regelmäßiges Training braucht er nicht, vielleicht könnte er ab und zu in den Mannschaften bei den Wettkämpfen aushelfen. Nur die Meisterschaftskämpfe blieben als Pflicht übrig.“

„Alleine das ist schon total atypisch für unseren Verein.“

„Aber der Verein könnte sich garantiert mit Meisterschaften schmücken.“

„Und wenn die ausbleiben, gibt es ein Chaos.“

„Weiter müssten Sie mit dem Verband und dem Ordnungsamt klären, ob Ausstellung einer Waffenbesitzkarte ohne das Eigentum an Waffen des Inhabers überhaupt möglich ist. Ich denke daran, mit Ihnen über das Eigentum der Waffen in einem Safe Ihres Vereins einig werden zu können.“

„Und wir würden ihm die Waffen hinterhertragen. …“

„Vielleicht bieten Sie ihm eine Ehren-Mitgliedschaft an.“

„Meinen Sie wirklich, dass die Eintagsfliege Viktor Fuchs all diese Bemühungen Wert wäre?“

„Ich gebe zu, es ist ein Risiko, das Sie alleine nicht tragen können, um die Existenz Ihres Vereins nicht zu gefährden. Sie werden es aber nicht herausfinden, wenn Sie es nicht versuchen. … Ich rate Ihnen, klären Sie alle Argumente sachlich zu einem Plan ab und besprechen diesen mit Ihrem Vorstand. - Mein dazugehöriges Angebot haben Sie in den nächsten Tagen. - Bauen Sie auch eine Probezeit von einer Saison mit ein. Besprechen Sie dann die Möglichkeiten mit Viktor Fuchs, indem Sie persönliche und vereinsbezogen sachliche Argumente und Auswirkungen nebeneinanderstellen. Sichern Sie dann den gesamten Plan über eine außerordentliche Hauptversammlung mit den Mitgliedern ab.“

„Ich muss versuchen, seine Prinzipien aufzuweichen. Aber wenn er absolut keine Zeit für die Schießerei aufwenden will, stirbt der ganze Plan sowieso.“

„Ich gehe davon aus, dass Viktor Fuchs ein Naturtalent ist. Jede Meisterschaft, die er unter Ihrer Flagge schießt, kommt Ihrem Verein zugute und erhöht das Ansehen Ihres Vereins. Und nicht zuletzt hätte Ihre Jugend ein kostbares Vorbild.“

„Nun gut. Ich bin der erste Vorsitzende und die Mitglieder verlangen von mir, dass ich mich vor keiner Aufgabe drücke.“

„Das ist die richtige Einstellung. Ich stehe an Ihrer Seite. Packen wir es an!“

Nach dem Essen verabschiedeten sich die Beiden freundschaftlich und gingen hoffnungsvoll und mit Aufgaben bepackt auseinander.

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Bernd Fechter traf Philip Pohl beim Einkaufen. Das mag zwar ein Zufall gewesen sein, aber Bernd war ziemlich in Gedanken versunken: „Was ist los? … Nachwehen?“

„Ich mache mir Sorgen über Viktors Zukunft.“

„Wieso das denn? Es kommt, wie es kommt.“

„Stell Dir mal vor, das war keine Eintagsfliege. Der Viktor trifft weiter und wird berühmt.“

„Das ist doch wohl seine Sache.“

„Und wie verhalten wir uns? Lassen wir ihn alleine?“

„Je mehr ich Deinen Gedanken folge, desto mehr muss ich Dir Recht geben. … Komm, wir gehen mal eben in die Kanzlei unseres Rechtsanwalts, Fritz Bach.“

„Leute, ich habe Mandantengespräche.“

„Nur, ganz kurz“, unterbrach ihn Bernd. „Du sollst nur ein paar Gedanken aufnehmen.“

„Also gut. Zehn Minuten.“

„Was machen wir, wenn Viktor zu Wettbewerben fahren muss, wenn er weiter trifft und berühmt wird? Lassen wir ihn alleine oder zerfällt unser Haufen?“

„Wenn er fahren muss und wir ihn begleiten wollen, brauchen wir einen Bus. … Fragen wir mal Hans.“

Hans Freitag überlegte kurz: „Ja, da könnte ich mir eine Lösung vorstellen.“

Und etwas belustigt beendete Fritz Bach das Gespräch: „Und wenn er berühmt wird, dann braucht er einen Manager. … Den Job übernehme ich. … Und wenn er Millionen verdient, dann wird das der Job für Manfred Schneider … und wenn wir reisen müssen ist das ein Fall für Wilfried Pröscher. … Gut mitgedacht, Jungs. Seht mal zu, dass wir uns heute am Abend hier bei mir treffen. Dann diskutieren wir Eure Gedanken.“

Die elf Freunde hatten zwar am nächsten Morgen alle einen gehörigen Brummschädel, aber sie begriffen, dass ein solches Ereignis, wie sie es gestern erlebt hatten, Auswirkungen auf ihre Gruppe haben würde. Außerdem waren die Bedenken von Bernd Fechter bis zu jedem durchgedrungen. Sie trafen sich bei Fritz Bach, dem Rechtsanwalt. Sie prüften Viktor Fuchs nach allen Richtungen: War es für ihn ein einmaliges Erlebnis? … Hatte er Interesse in einem Verein zu schießen? … Dann müsste er Mitglied im Verein werden. … Wenn ja, was würde es ihm bringen? … Meisterehren, Berühmtheit, Verpflichtungen. …

Könnte er seine Fähigkeit professionell nutzen? … Weil er Single war, konnte er für sich bestimmen. … Wie weit wurde er durch seinen Beruf eingeschränkt? … Viktor musste sich festlegen. … Konnte er sich überhaupt auf die Dauerhaftigkeit seiner Fähigkeit verlassen? …

So sehr sie sich auch bemühten, es kamen nur Fragen und zweifelhafte Argumente dabei heraus. Selbst Viktor konnte sich nicht zu einer Entscheidung durchringen. Also vereinbarten sie, das Gespräch mit Norbert Krug abzuwarten. Die Freunde forderten Viktor auf, alle seine Argumente ehrlich vor Norbert auszubreiten. Es nütze niemandem etwas, wegen eines wunderschönen Ereignisses in Euphorie zu verfallen.

Philip Pohl fasste kurz das Gespräch vom Morgen zusammen: „Wenn es zu einer Entscheidung von Viktor für die Schießerei kommen sollte und er weiter erfolgreich sein sollte, dann ziehen wir einen Plan aus der Schublade, den ich hier andeute: Hans besorgt einen Bus, Wilfried verfolgt Termine und sorgt sich um Unterkünfte, Fritz übernimmt das Management und wenn es um Geld geht, ist Manfred zuständig.“

… Gelächter und Gemurmel …

„Leute, es geht nur darum, dass wir auf alles vorbereitet sein wollen.“

Viktor meinte: „Wäre es nicht besser, wenn Fritz mich begleitet für den Fall, dass ich eine juristische Entscheidung treffen muss?“

„Nein, Du fällst keine Entscheidung. Du schilderst Norbert Deine Bedenken und Du hörst bestens zu, was er zu sagen hat. Dann bittest Du um Bedenkzeit und wir beraten noch einmal, was für Dich gut ist.“

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Norbert Krug hatte Viktor Fuchs zu sich nach Hause eingeladen. Niemand sollte sie stören, auch kein Telefon. „Viktor, hast Du Dich entschieden, zu uns zu kommen?“

„Nein, habe ich nicht.“ …

Dann erzählte er Norbert, wie sein Beruf, sein ganzes Leben beeinflusst würde, wenn er sich für den Schießsport verpflichten würde. Er würde Freiheiten aufgeben, weil er Entscheidungen und Verpflichtungen immer ernst nahm: „Zugegeben, es macht Spaß, gefeiert zu werden. Aber kann ich überhaupt eine einmal gute Leistung wiederholen. Ich bin doch, wie jeder Mensch abhängig von Einflüssen“

Norbert respektierte seine Meinung: „Du bist ehrlich. Auch ich habe Bedenken, weil ich Vereinsvorsitzender bin. Eine Mitgliedschaft nach Deinen Prinzipien kann ich in meinem gemeinnützigen Verein nicht verantworten. Du würdest eine Sonderstellung einnehmen, die atypisch zum Verein wäre. Die Mitglieder würden Dich nicht akzeptieren.“

„Wir können also beide keine Entscheidung treffen, wenn wir auf Bedingungen und Prinzipien verharren.“

„So ist es. Wenn Du Dich grundsätzlich für das Schießen entscheiden könntest und wir uns auf eine Probezeit - z. B. für eine Saison - einigen würden, müsste es möglich sein, für einige Bedingungen und Prinzipien Kompromisse zu schließen.“

„D.h. wenn ich nein sage, sind wir geschiedene Leute, wenn ich aber ja sage, knöpfen wir uns jede Bedingung und jedes Prinzip vor und einigen uns darüber?! ... Norbert, bitte gib mir zwei Tage Bedenkzeit. Dann reden wir noch einmal.“

„Das passt mir gut, denn ich habe auch noch etwas vorzubereiten.“

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Norbert Krug rief noch am selben Abend bei der Waffenfirma an: „Herr Sieg, ich kann eine befristete Waffenbesitzkarte für Viktor Fuchs bekommen. Wären Sie in der Lage, die Waffen für eine Saison zur Verfügung zu stellen und zwar in der Form, dass die Waffen bei Ihnen gelagert sind und Sie die Waffen zum Wettbewerbsort für Viktor Fuchs transportieren?“

„Das können wir ausnahmsweise machen.“

„Wir erhoffen uns im nächsten Gespräch eine grundsätzliche Entscheidung, ob Viktor an einer Probesaison interessiert ist und wenn ja diskutieren wir Bedingungen und Prinzipien.“

„Viel Glück. Was sagt der Vorstand?“

„Noch nichts. Den ziehe ich erst dann hinzu, wenn der Plan fertig ist, also morgen in einer Sondersitzung.“

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Norbert Krug hatte seinen Vorstand ohne Schwierigkeiten zusammengerufen und das einzige Thema -„Viktor Fuchs“- verkündet.

„Den Schützen müssen wir haben.“ … „Der Mann würde zu uns passen.“ … „So einer fehlt in meiner Mannschaft.“ Das waren die ersten euphorischen Reaktionen der Vorstandsmitglieder auf die Themenstellung.

„Ja, liebe Kameraden, ich bin Eurer Meinung und habe bereits einige Vorgespräche geführt. Dabei wurden jedoch Hindernisse sichtbar und dabei ging es nicht etwa um Geld.“

Die Vorstandsmitglieder waren natürlich neugierig und wollten genau wissen, was einer Mitgliedschaft von Viktor Fuchs im Schützenverein im Wege stand.

Norbert berichtete, was er bisher mit welchem Erfolg unternommen hatte und legte seinen Plan für das nächste Gespräch seinen Kameraden vor.

„Das muss doch zu schaffen sein.“ … „Wir müssen ihn locken, motivieren.“ … „Wir müssen ihm klarmachen, dass wir im Grunde genauso denken, wie er.“

„Was Ihr sagt, stimmt alles, aber wir haben auch daran zu denken, dass die Mitglieder nicht den Eindruck gewinnen, dass Viktor Fuchs bevorzugt wird. … Das würde Unruhe in unseren Verein bringen.“

„Das müssen sie eben einsehen. Bei den Leistungen, die der Mann für uns bringt.“

„Nein, das müssen die Mitglieder nicht! Wir alle sind in unserem Verein gleichberechtigt. Keiner hat Privilegien! Es sei denn, die Mitglieder würden eine Sonderstellung von Viktor akzeptieren. … Und das könnte uns in einer Probezeit - für eine Saison - vielleicht gelingen: Und was ist dann? Das ganze Thema ist ein Damoklesschwert für den Verein. Ich kann nur versuchen, den jungen Mann zu einer grundsätzlichen Entscheidung für uns zu motivieren und einen Kompromiss bezüglich der Bedingungen zu finden. Das sieht zunächst aus, als seien es zwei getrennte Aufgaben, dennoch gehören die beiden Bereiche zusammen. … Ich brauche Eure Unterstützung, damit mir die Mitglieder nicht zusätzlich auf die Füße treten.“

„Norbert, ich denke, Du hast unsere Unterstützung. Ich schlage vor, Du präsentierst Viktor Fuchs Deinen Plan mit einer Probezeit und holst das Beste für unseren Verein bezüglich der Bedingungen heraus. Darüber sollten wir heute abstimmen. … Das Ergebnis des Gesprächs trägst Du uns vor und wir stimmen dann dem Mitgliedsgesuch zu oder lehnen es ab.“

Diese klare Ansage des zweiten Vorsitzenden fand allgemeine Zustimmung, so dass Norbert Krug nicht mehr alleine die ganze Verantwortung tragen musste:

„Eine Freiheit müsst Ihr mir noch einräumen: Wenn Viktor nickt, lasse ich ihn sofort unterschreiben!“

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Die elf Freunde hatten zeitgleich ebenfalls eine Sitzung und stellten dabei fest, dass Viktor sich nicht entscheiden wollte oder konnte, solange er nicht wusste, was auf ihn zukommt.

Also diskutierten sie die Bedingungen und stimmten mit Viktor ab, womit er sich einverstanden erklären konnte und worauf er bestehen würde.

Fritz Bach schrieb fleißig mit. Am Schluss der Sitzung las er das Konzept noch einmal vor. Sie hatten alle den Eindruck, dass sie im Gespräch mit Norbert Krug eine Lösung finden würden.

Fritz klopfte Viktor auf die Schulter: „Und dieses Mal bist Du nicht alleine im Gespräch. Ich begleite Dich, zwar nicht als Rechtsanwalt, aber als Freund und Gedächtnisstütze.“

Vereinbarungsgemäß saßen nun Viktor und Fritz beim ersten Vorsitzenden, Norbert Krug im Arbeitszimmer.

„Wollt Ihr etwas trinken? Das wäre wohl gut, bei der Hitze.“ … Für jeden war ein Bier zur Stelle.

Norbert bemerkte: „Fritz, Du bist die juristische Verstärkung für Viktor?“

„Nein! Du hast Deinen Vorstand und Viktor ist auch nicht alleine. Wir haben genau, wie Du mit Deinen Leuten Kompromisse gesucht und ich bin praktisch die Gedächtnisstütze für Viktor.“

„Gut, dann stelle ich die Gretchen-Frage, indem ich Dich Viktor zitiere: Sind wir geschiedene Leute oder reden wir weiter?“

Alle drei lachten und Viktor antwortete: „Wir reden weiter!“

„Wenn Du schießen willst, brauchst Du eine Waffenbesitzkarte.“

„Aber ich will doch keine Waffen haben.“

„Hast Du auch nicht, sondern unser Freund, Olaf Sieg. Er bewahrt die Waffen auf und transportiert sie.“

Bernd unterbrach: „Viktor, das ist in Ordnung: Du bist nur Besitzer, solange Du schießt! Mit der Karte bist Du nur berechtigt, zu schießen.“

Viele Mitglieder und besonders der Vorstand wollen Dich unbedingt in unseren Reihen haben. Weil Du aber nicht weißt, was eventuell an Arbeit im Verein auf Dich zukommt oder wie viele Wettbewerbe Du zu bestreiten hast, schauen wir uns das gemeinsam für eine Saison zur Probe an.“

„Das klingt vernünftig.“

„Deine Bedingungen … keine Verpflichtungen usw. bedeuten einen Sonderstatus im Verein. Der Vorstand akzeptiert diesen Sonderstatus in der Probezeit. D.h. wenn einer mault, weil Du z.B. keine Lust hast, in der Pistolenmannschaft auszuhelfen, dann ist das wirkungslos. Nach der Probezeit entscheidest Du, ob wir es geschafft haben, Dich für den Schießsport zu gewinnen. Wir stimmen gemeinsam ab, was unbedingt erforderlich ist, wenn wir weiter zusammenarbeiten wollen. … Wenn wir Pech haben, verlässt Du uns wieder.“

Norbert lehnte sich zurück und trank an seinem Bier. Viktor blickte zu Fritz, der ihm aufmunternd zunickte.

„Norbert, so viel Aufwand, wegen mir! Und dann versage ich vielleicht auch noch. Dann bin ich die Lachplatte des Jahrhunderts.“

Fritz und Norbert schlugen sich mit der flachen Hand auf die Oberschenkel und lachten: „Nein, mein Freund, Viktor Fuchs. Du wirst nicht versagen, sonst wird Dir der Otto ins Hemd treten!“

„Übrigens, die Vereinsmeisterschaften nächsten Sonntag sind Dein erster Wettbewerb. Olaf bringt Deine Waffen mit … nein, seine Waffen. Wenn Du Lust hast, komm doch abends mal ins Vereinsheim und guck den Kameraden über die Schulter, was sie alles vorbereiten. … Aber Du musst nicht.“

Viktor Fuchs unterschrieb die Eintrittserklärung. Norbert ergänzte: „Der Vorstand hat beschlossen, dass Du in der Probezeit vom Beitrag befreit bist.“

„Nein, das will ich nicht. Ihr habt Arbeit mit mir und ich zahle den Beitrag, wie die anderen.“

„Ja, da ist nichts zu machen. Der Vorstand hat entschieden. … Aber gegen eine Spende kann niemand etwas einwenden.“

Die drei tranken noch ein Bier und verabschiedeten sich mit einem hoffnungsvollen Händedruck.

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Olaf Sieg, der Waffenhändler bekam die Information von Norbert Krug und rief Viktor Fuchs direkt an: „Ihr seid eine ganz schön feucht fröhliche Truppe. Mein Brummschädel ist aber wieder vorbei und nun höre ich, dass Du mit Herrn Krug ein Gespräch hattest mit dem Ergebnis, dass ich nun wieder aktiv werden kann. Ich hoffe, es ist Dir möglich, Dich mit mir morgen im Schützenheim zu treffen. … Und bring bitte Deinen Freund, Otto Sander mit.“

Für Otto und Viktor war es ein abendlicher Spaziergang zum Schützenheim, den sie zu einem Gespräch nutzten: „Was will der Waffenhändler von mir? Ich will keine Waffen!“

Otto musste weit ausholen: „Viktor, Du hast ein begnadetes Talent zum Schießen, aber Du hast von der ganzen Materie keine Ahnung. Im Schießsport gibt es viele Disziplinen, deren Trophäen in Wettbewerben ausgeschossen werden. Du hast das Luftgewehr, die Luftpistole das Kleinkaliber und die Sportpistole kennengelernt. Beim Luftgewehr gilt die Distanz zehn Meter und es gibt die Disziplin freistehend und mit Auflage. Die Altersgruppen spielen dabei eine Rolle. Zu schießen sind dabei 30 Schuss, d. h. es können 300 Ringe erzielt werden. Beim KK gibt es die Distanzen 50 und 100 Meter und es werden 60 Schuss gesetzt und zwar stehend, liegend und kniend. An Wettbewerben darf nur teilnehmen, wer sein Können in einer Disziplin und im Verein unter Beweis gestellt hat. Vom Zimmerstutzen hast Du noch nichts gehört, aber von Tontaubenschießen bestimmt. Die meisten Schützen sind Spezialisten, ob und wofür Du Interesse zeigst, wird sich erst ergeben. Zurzeit besteht Olafs Aufgabe darin, Dich auszurüsten. Eine Ausrüstung ist dazu da, um Deinen Körper vor Ablenkungen zu schützen.“

„Und wenn aus der ganzen Sache nichts wird, schmeiße ich das Zeug wieder weg. Das kostet doch bestimmt viel Geld.“

„Im Augenblick muss Dich das Geld überhaupt nicht interessieren. Wir alle sollten das Ganze als ein hoffnungsvolles Projekt ansehen. Ob sich die Investition lohnt, wird sich erweisen, wenn alles ausprobiert worden ist. Im Moment bist Du für die Leute, die sich mit Dir beschäftigen, eine Chance zu gewinnen. Vielleicht sehen sie es sportlich, vielleicht sind sie aber genauso enttäuscht wie Du, wenn es schiefgeht. Jetzt wirfst Du erst einmal alle Hemmungen über Bord und benimmst Dich, wie ein Sportler. … Denk an die Erfahrungen, die Du machst, denk an den Spaß. …“

Als sie am Schützenheim ankamen, war Olaf Sieg schon auf dem Schießstand:

„Hallo Ihr stolzen Krieger, schön, dass Ihr gekommen seid. Darf ich Euch meinen Schneider, Uli Berg vorstellen?“

„Nichts für ungut, aber ich brauche doch keinen Schneider“, räumte Viktor ein. Uli schmunzelte und übernahm das Wort: „Darf ich Du sagen? … Das ist einfacher. Warte es ab. … Was ich hier in der Hand habe ist eine Schießjacke.“ Viktor schlüpfte hinein, Uli knöpfte zu und betrachtete den Sitz.

„Bewege mal Deine Arme. Du solltest in der Zeit, wenn wir uns unterhalten, genau prüfen, wo die Jacke klemmt oder unangenehm ist.“

Olaf holte ein KK aus dem Futteral: „Nehm' die mal in den Anschlag.“

Otto ergänzte: „Die Waffe ist schwerer als das Luftgewehr, dass wirst Du besonders merken, wenn 60 Schuss auf dem Programm stehen. Die Jacke soll Deinen Körper unterstützen. Frag Dich immer wieder, ob alles zu Deiner Zufriedenheit zusammenpasst. Leg' Dich mal auf die Pritsche. … Du wirst gleich merken, dass noch einiges fehlt.“

Uli Berg holte einen Schießriemen aus seinem Koffer und einen Handschuh. Er montierte den Riemen an Viktors linkem Arm und prüfte die Größe des Handschuhs: „Viktor, das muss alles bequem sitzen, damit Du Deine ganze Energie auf den Schuss richten kannst. … Wie fühlt sich der Druck an der rechten Schulter an? … Droht Deine Hand einzuschlafen? … Drückt etwas am linken Ellenbogen? … So, nun steh' mal auf, zieh alles aus. Jetzt ziehst Du dieses Flanellhemd unter die Jacke.“

„Der Riemen ist zu kurz.“

„Aha, er merkt etwas.“

Viktor räkelte sich auf der Pritsche und hielt die Waffe im Anschlag: „Wie weit gehe ich mit dem Auge an die Optik?“

Olaf steckte eine Augenklappe auf die Optik: „Die Stirn bis vorne hin, dann stimmt der Abstand.“

„Lass beide Augen offen“, ergänzte Otto.

Beim Kniendanschlag gewöhnte sich Viktor an die Rolle, die seinen rechten Fuß abstützte.

„Das tut weh“, beschwerte sich Viktor.

„Kein Wunder Du hast nicht die richtigen Schuhe an“, bemerkte Uli Berg und holte ein passendes Paar aus seinem Koffer.

Nach etwa drei Stunden war Viktor erschöpft und seine Helfer zufrieden. Sie saßen noch eine Zeit lang zusammen und rekapitulierten jeden einzelnen Punkt, den sie immer wieder mit Viktor abstimmten. … Es war eben ein Projekt! Die Fachleute überließen nichts dem Zufall.

„Wir werden in den nächsten Tagen noch Trockenübungen machen in voller Montur“, erklärte Otto seinem Freund Viktor auf dem Nachhauseweg.

Obwohl Viktor in seiner Vergangenheit kein Interesse am Schießsport hatte, beschäftigte ihn jetzt ein bestimmtes Maß an Ehrgeiz. Er war ein gelehriger Schüler von Otto, seine Freunde machten ihm Mut, Otto gab ihm Tipps für die Ruhephasen und die Ernährung. In den vielen Gesprächen gewöhnte sich Viktor Fuchs eine unerschütterliche Ausgeglichenheit an. Wer ihn kannte und beobachtete, bemerkte: Der hat sich verändert, der ist die Ruhe selbst!

Für den Wettbewerb der Vereinsmeisterschaften war das kommende Wochenende vorgesehen. Alle Vereine im Gau schossen zur gleichen Zeit, um die Bedingungen bezogen auf die Lichtverhältnisse und das Wetter möglichst für alle Schützen anzupassen.

Nicht nur Norbert Krug war davon überzeugt, dieses Jahr zumindest einen würdigen, überragenden Vereinsmeister zu den höheren Wettbewerben schicken zu können. Die Schützen hatten ein Limit von Ringzahlen zu erreichen, um berechtigt zu sein, an den folgenden Wettbewerben teilnehmen zu dürfen. Und das wurde peinlichst genau von den Organisatoren und den Standaufsichten überprüft. Es konnte sogar sein, dass überraschend ein Abgesandter vom Verband aufkreuzte.

Viktors Freunde warteten geduldig mit ihm auf seinen Einsatz. Sie schirmten ihn etwas ab von den anderen Anwesenden. Dann begleiteten sie ihn zum Schießstand, schickten ihm ein hoffnungsfrohes Lächeln hinterher und verschwanden im Zuschauerbereich. Olaf Sieg hatte das Luftgewehr bereits am Schießstand abgegeben und von der Aufsicht prüfen lassen.

Bei jedem Schützen stand eine Aufsicht. - Florian hatte es sich nicht nehmen lassen, bei Viktor zu stehen. - Es folgten per Durchsage die letzten Anweisungen und die Kommandos.

Florian steckte die erste Scheibe in den Bügel vom Schlitten. Viktor legte das Gewehr in seine behandschuhte linke Hand, suchte die stabile und sichere Haltung für den Anschlag und traf genau in die Zehn. Der Schlitten kam zurück. Florian grinste und wechselte die Scheibe. Der Vorgang und die Treffer wiederholten sich, wie ein Uhrwerk bis zur 30. Scheibe.

Viktor spürte ein leichtes Zittern in der rechten Hand. Er setzte die Waffe ab. Florian und die Freunde durchfuhr ein eisiger Schreck. - Obwohl Viktor mit dem Ergebnis schon für die Gaumeistershaften qualifiziert war. -

Doch Viktor wiederholte wie ein Profi den Anschlag und traf die Zehn. Die Freunde konnten nur mit Mühe ihren Jubel unterdrücken, stürmten aus dem Zuschauerbereich und umarmten ihren Freund, Viktor im Schankraum des Schützenheims. Selbst Florian kam mit zwei erhobenen Daumen aus dem Schießstand und präsentierte stolz die Scheiben bei der Wettkampfleitung zur Prüfung: „Ich möchte wetten, dass wir hier bereits den ersten Vereinsmeister krönen können. … Jungs, ich sage Euch, der Viktor Fuchs schießt wie eine Maschine.“

Das Ergebnis wurde noch nicht offiziell bekanntgegeben, denn es waren immer noch zwei Gruppen auf dem Schießstand im Wettbewerb. Außerdem wurden die Scheiben mit einem speziellen Prüfgerät kontrolliert, denn es soll Betrüger gegeben haben, die mit einem speziellen Locher die Scheiben manipuliert haben sollen. Die Organisatoren waren darauf bedacht, den Schützen nicht Misstrauen entgegenzubringen, sondern deren Ergebnisse durch Kontrollen abzusichern. Die dafür autorisierten Kampfrichter brauchten für ihre Arbeit Zeit.

Viktor erholte sich im Kreise seiner Freunde und berichtete besonders Otto Sander von seiner Schwäche beim letzten Schuss.

„Es war richtig, dass Du abgesetzt hast und Du musst Dir merken, dass es einer besonderen Fähigkeit bedarf, zu erkennen, dass der Anschlag unterbrochen werden muss. Denn mit Gewalt kann kein Schütze einen Treffer erzwingen. Der Mensch kann nun mal nicht alle Reaktionen seines Körpers unter Kontrolle halten.“

Dann zeigte er Viktor noch minimalste Muskelbewegungen, die vom Verstand gesteuert werden. Sie sind nach außen nicht erkennbar, beugen aber einer Verkrampfung vor. Viktor erkannte, dass er solche Dinge noch zu üben hatte. Er nahm sich vor, Otto noch weitere Erfahrungen zu entlocken.

In der Zwischenzeit waren auch die letzten Gewehrschützen fertig, ebenso die älteren Schützen, die mit aufgelegter Waffe schossen. Die Organisatoren folgten der Vorschrift, die Ergebnisse zwischendurch nicht bekannt zu geben, weil dadurch die Athleten der folgenden Wettbewerbe beeinflusst werden könnten.

Also stand nun das Pistolenschießen auf dem Programm. Die Regeln waren die gleichen, wie bei jedem Wettbewerb. Die Schützen erhielten ihre Waffen und die abgezählte Munition, dann warteten sie auf die Kommandos und waren beim Schießen sich selbst überlassen. Auf jeder Bahn wechselten die Aufsichten die Scheiben.

Als Viktor Fuchs mit seiner Gruppe aufgerufen wurde, versammelten sich die Freunde im Zuschauerbereich und fieberten jedem Treffer von Viktor entgegen. Und Viktor traf eine Zehn nach der anderen. Angespannt bemerkten sie, dass Viktor schneller wurde. Florian flüsterte Viktor etwas zu. Vielleicht war es: „Mach langsam!“ Viktor schüttelte kaum merkbar den Kopf und brachte Florian auch mit seinem letzten Schuss zum Strahlen. Er hob die Daumen und die Freunde nahmen Viktor im Schankraum des Schützenheims in Empfang.

Viktor ging einmal ums Haus, um seine Anspannung abzulegen, dann wartete er mit den anderen auf die Siegerehrung. Selbstverständlich trank er eins, zwei Bier, aber Otto Sander verhinderte überschwängliches Feiern.

Bei der Siegerehrung stellte sich heraus, dass die ersten drei Plätze in jeder Disziplin berechtigte Hoffnungen für die Gaumeistershaften brachten und von einem dichten Feld erfolgreicher Nachwuchs-schützen untermauert waren. Die Ergebnisse waren zwar gut, aber die Worte waren wohl eher der Motivation zuzuschreiben. Der erste Vorsitzende Norbert Krug sparte sich die Ehrung des einsamen Vereinsmeisters Viktor Fuchs für zuletzt auf. Er hatte in beiden Disziplinen die höchst mögliche Anzahl von Ringen erreicht. Die Glückwünsche der Schützen waren ehrlich anerkennend. Er musste viele Fragen beantworten. Besonders die Jugendlichen wollten wissen, wie es möglich war, dass er als Anfänger solche überragenden Ergebnisse schoss. … Was sollte er anderes sagen, als: “Üben, üben, üben!“ … Mehr wusste er doch selbst nicht.

Bevor sie den Heimweg antraten, um sich auf den KK-Wettbewerb am nächsten Tag zu konzentrieren, stellte ein Fotograf die jeweils ersten drei Sieger der Disziplinen zu einem Foto für die Chronik und die Zeitung auf. Norbert Krug lächelte stolz in der Mitte seiner Schützen.

Das Schießen mit dem Kleinkalibergewehr in drei Stellungen war für die Schützen eine besondere Herausforderung. Zu der Belastung des Schießens kam noch die Umstellung auf die jeweilige nächste Position. Entsprechend klein war auch die Zahl der Meldungen, so dass nur eine Gruppe auf dem Schießstand antrat. Die Schützen hatten mehr Zeit wegen des Positionswechsels für diese Disziplin zur Verfügung. Es waren dreimal 20 Schuss zu setzen. Die Scheiben wurden erst nach jeweils fünf Schuss eingeholt. Die Schützen hatten die Möglichkeit, ihre Treffer per Fernglas zu überprüfen oder die Standaufsicht blickte durch das Glas und meldete: Sieben tief oder zehn hoch usw. Die Distanz war fünfzig Meter. Die Schützen begannen mit dem Stehendanschlag. Florian wechselte die Scheiben bei Viktor.

Die Zuschauer verbanden das Sportereignis mit ihrem Frühschoppen, aber die zehn Freunde von Viktor hielten sich gespannt im Zuschauerbereich auf, hatten sich zum Teil mit Ferngläsern ausgerüstet und konzentrierten sich mit Viktor auf die Scheiben.

Florian grinste schon wieder nach den ersten zwanzig Schuss. Viktor legte sich auf die Pritsche und feuerte einen Schuss nach dem andern ab. Beim Scheibenwechsel konnte er kurz durchatmen. Dann konzentrierte er sich in der mittlerweile ihm eigenen Art und Weise. Die Schützen hatten sicher eine Lieblingsposition, aber der Wettbewerb umfasste nun Mal alle drei. Das Schwierigste schien den Zuschauern die Kniendposition zu sein, denn sie setzte eine bestimmte Bewegungsfähigkeit voraus.

Viktor war bestens von Olaf und Uli ausgerüstet und von Otto vorbereitet, so dass seine Konzentration durch nichts abgelenkt wurde.