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Die geheime Entwicklung eines neuen, umweltfreundlichen Brennstoffes führt zu kriminellen Machenschaften der Energiemonopolisten. Dieses Spiel um Macht und Geld - eingebettet in autobiographische Geschichten rund um Familie, Freundschaft und Bootfahren - bereitet ein kurzweiliges, spannendes Lesevergnügen.
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Seitenzahl: 527
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Prolog
Abenteuer Auto
Abenteuer Yachtclub
Abenteuer Folgen
Epilog
Personenverzeichnis
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Er schwebte waagrecht in einem Raum. Dunkelheit umgab ihn, kein Lichtschein von irgendwoher. Mit leichten Bewegungen stieß er auf eine Wand. Seine Finger ertasteten schleimigen und kalten Stahl. Nach kurzer Zeit glaubte er, einen Griff in der Hand zu haben.
Ein Rad mit dem Durchmesser seines Unterarms war festzustellen. Die Drehbewegung nach links ging bis zum Anschlag. Er zerrte an dem Rad, aber nichts bewegte sich, nach rechts gab es auch keinen Erfolg. In seiner Lage ertasteten seine Füße ebenso ein Rad. Seine Hände hatten keinen Erfolg. Wo bin ich?
In einem Weingut hatte er haushohe Tanks gesehen mit einem Mannloch am unteren Ende für Reinigungsarbeiten. Dies war mit einer massiven Tür verschlossen und mit einem Schieber, bedient durch ein Rad von außen gesichert. Auf einem U-Boot - auch in einem Film - hatte er Ähnliches gesehen: Fluträume mit runden oder ovalen Schotts, Matrosen hechteten hindurch, schlugen die schweren Türen zu und sicherten sie mit dem stählernen Rad. Auf der TITANIC sollte es ähnlich gewesen sein: Sie neigte ihren Bug zum Meeresgrund, das eindringende Wasser füllte die Fluträume. - Wenn es denn welche gab, denn sie galt ja als unsinkbar. - Die Schotts schlugen zu, die Räder drehten sich und die Heizer, die es nicht rechtzeitig durch die rettenden Löcher schafften, mussten elendig versaufen.
Ist das jetzt mein Ende? Bin ich eingeschlossen? Ich habe nur noch wenig Zeit. Panik kroch ihm durch den Leib. Verstand, bitte hilf mir. Zwei Türen, zwei Räder ….. Das muss eine Schleuse sein …...
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Die Jugend von John Ahus reichte bis in die Roaring Sixties. Das waren die sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts, die eine zweifelhafte, aber auch entscheidende Rolle in der kulturellen Entwicklung Deutschlands repräsentierten. Einerseits kann sich bis heute niemand festlegen, ob die Veränderungen den Menschen zum Guten oder zum Schlechten gereichten und andererseits gab es tatsächlich einen radikalen Umbruch in jeder kulturellen Szene. Das Wirken John F. Kennedys ließ die Menschen aufatmen, weil die längst überholten politischen Bollwerke … Ost und West … aufzuweichen schienen. Umso schmerzlicher stieß die heimtückische Ermordung des jugendlichen und visionären Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika alle Hoffenden in die düstere Vergangenheit zurück. Der kalte Krieg tobte weiter. Auf beiden Seiten war jeder des anderen Feind, und die Feindbilder wurden peinlichst gepflegt. Die Menschen waren enttäuscht, aber von einem Aufbegehren noch weit entfernt. Die Zeit wurde Roaring oder auch Rolling Sixties genannt. Die Jugend suchte eine Befreiung. Und diese Suche war ein Aufschrei, der sich nicht nur in z.B. Studenten-Unruhen im ganzen Land ausdrückte, sondern auch in der Musik. Durch die Unruhen im ganzen Land kam doch einiges ins Rollen. So ist der zweite Name zu erklären, der auch von den Rolling Stones ableitbar ist.
Der Student Ahus erlebte mit seinen Kommilitonen nachhaltige Auslöser für dramatische Veränderungen. Die Welle des Rock 'n' Rolls schwappte von Amerika auf den Europäischen Kontinent über. Dazu kam die Erfindung der Anti-Babypille. Die Jugendlichen befreiten sich von den veralteten konventionellen Fesseln, wie Heimatfilmen, Schlagerschnulzen und sexueller Enthaltsamkeit. Die jungen Männer ließen sich die Haare wachsen, rissen sich Löcher in die Hosen, die Kontakte zum anderen Geschlecht wurden ohne Angst ausgelebt. Auch das Denken war anders geworden. Es gab keine Tabu-Themen mehr. Dem Wissens- und Forschungsdrang war durch diese neue Freiheit Tür und Tor geöffnet. Die Ereignisse über die eigenen Landesgrenzen rückten näher. Die journalistische Entfärbung der politischen Darstellung des Vietnam-Krieges und der Ausbeutung und Unterdrückung der Menschen in absolutistisch regierten Ländern rüttelte die Jugend auf und zerstörte auch das allerletzte Phlegma nicht nur in der Studentenschaft. Die Arbeiter und Bauern wurden von den kommunistischen Machthabern ausgebeutet, um Geld für sich selbst und die Aufrüstung gegen den verhassten Westen zu haben. Die Amerikaner sollten auch für die Vietnamesen als Befreier - Weltpolizei - gelten. Doch der Krieg wurde so verbissen geführt, der Dschungel mit Napalm-Bomben entlaubt, dass alle Menschen im Krisengebiet darunter litten. Die grausamen Bilder in den Medien erschütterten jeden friedliebenden Menschen, Amerika blieb verhasst … als Kriegstreiber und Weltpolizei … und der Verdacht, hinter dem Geschehen könnten wirtschaftliche Interessen stehen … Rohstoffe und Waffenindustrie … verbreitete und verhärtete sich.
Der zwar mutige Besuch des Persischen Schahs bei seinen honorigen Freunden in Deutschland … Politiker und Industriebosse … war eine Provokation für das neue Denken und Fühlen der Studenten und löste landesweit Ablehnung und Unruhe aus. Es gab Protestmärsche in den Universitätsstädten. Der Student, Benno Ohnesorg wurde von Sicherheitskräften umgebracht. Die Unruhen gipfelten in eskalierenden Krawallen. Es gab politische Gruppierungen, die zum Teil mit Gewalt die Macht des Kapitals bekämpften. Rudi Dutschke, Fritz Teufel, Andreas Bader, Ulrike Meinhof z.B. kristallisierten sich aus der Menge der Protestierenden heraus. Überfälle, Anschläge und Mord waren die hilflosen Verzweiflungsmaßnahmen aus der politisch engagierten Studentenschaft, die aber aus heutiger Sicht schon wieder von gewissenlosen Vertretern des Establishments gesteuert worden sein sollen. Die sogenannte APO (Außerparlamentarische Opposition) beschäftigt noch heute mit ihren Ausläufern die Gerichte.
Mit der neugewonnenen Freiheit kam auch die hemmungslose Diskussion zwischen Lehrern und Studenten zustande. Der Wissensdrang der Jugend konnte sich durchsetzen, aber die etablierten Lehrer behielten ihre Entscheidungsmacht. John Ahus erlebte es an seiner eigenen Situation. In seiner Diplomarbeit setzte er sich vehement mit den Versäumnissen der Eltern, Lehrer und Kirchen in der sexuellen Aufklärung auseinander und wurde vom Professor abgeschmettert. Während der Audienz, die er gewährt bekam, bestand das Zuhören des Professors im gelangweilten Spielen mit seinem auf dem Schoß sitzenden Enkel. Ihn traf zwar nicht das Consilium ab eundi, aber für die Wiederholung des Examens war er zu stolz. Jahrzehnte später erinnerte er sich an diese Situation und seine fast zweijährigen Bemühungen an dieser Schrift und musste zugeben, dass seine Kritik an die falsche Adresse gerichtet war. Nicht die für die Erziehung der Kinder verantwortlichen Menschen waren anzuklagen. Sie wussten es nicht besser. Sondern die wahren Schuldigen, die nach wie vor die starren Überlieferungen der Religionen vertraten, die auch Platz ließen für verlogene Interpretationen. Wie sonst soll z.B. die päpstliche Verdammung von Verhütungsmitteln in Ländern mit erschreckender Kindersterblichkeit verstanden werden?! Dabei lehnten die Menschen die Religionen nicht global ab. Sie behielten ihre traditionell geachtete, dennoch verwirrende, klerikale Macht. Allerdings war mit ernsthafter und vorbehaltloser Auseinandersetzung zwischen Glaube und Wissen in der Zukunft zu rechnen. Mit der Überwindung verknöcherter Konventionen besannen sich die Menschen auf ihr Recht, ihre Gefühle zu äußern, ohne Scheu zu empfinden, was in ihnen vorging bis hin zu Exzessen, die sie im Rausch oder in Trance erlebten. Sie suchten Entspannung und Reaktionen in sich selbst. Nicht nur der Alltag, sondern vornehmlich die Kunst bot ein grenzenloses Feld für das Ausleben von Gefühlen. In der Malerei wurde das gegenständliche Darstellen durch das Abstrakte verdrängt. Zu Zeiten der Impressionisten und Expressionisten hat es das auch schon gegeben, aber das Abstrakte entstand jetzt ohne jede Planung, ohne vom Künstler erkennbar beabsichtigten Sinn. Farben wurden willkürlich aus der Ferne auf die Leinwand gespritzt, Farben liefen ineinander, vielleicht ein Strich, ein Punkt. Der Betrachter war aufgefordert, für sich selbst einen Sinn in dem Werk zu finden. Auch wenn er zu der Überzeugung kam, ein Scharlatan habe ihm eine sinnlose Schmiererei vorgesetzt. Künstler stellten die primitivsten Dinge in ihren Ausstellungen zur Schau. Ein ungehobeltes Brett mit einem verrosteten Nagel, ein Kothaufen in der Ecke eines Raums. Ein realistisch denkender Mensch schüttelte sicher den Kopf, aber andere staunten und suchten …
John Ahus suchte disharmonische Zusammenhänge auf seinem Saxophon, in dem er Töne produzierte, die für normale Ohren unerträglich waren. Er interpretierte Melodien nach seinem Willen, um seine Gefühle auszudrücken und hielt sich dabei für einen Virtuosen. Der Jazz bot grenzenlose Möglichkeiten, Gefühle in Musik darzustellen und auszuleben. Der AFN war der wichtigste Sender für die Jugend in dieser neuen Zeit. Wie oft wurde durch die Lautstärke aus dem Transistor-Radio jedes andere Geräusch ausgeblendet bis die Fensterscheiben vibrierten und die Nachbarn sich beschwerten. Wenn Rock 'n' Roll, Boogie-Woogie oder Jazz ertönten, wurde die Auseinandersetzung zwischen Jugend und Alter provoziert: „Mach' die Negermusik aus!“ Auf öffentlichen oder privaten Partys wurde nach der Musik getanzt bis zur Erschöpfung. Die jungen Leute waren glücklich, obwohl es keine Kleiderordnung gab, sondern nur ein persönliches Outfit. Ob sie sich nur alleine oder als Paar bewegten, spielte dabei keine Rolle. Es interessierte nur wer und wie einer war.
Die herkömmlichen Musikinstrumente behielten ihre geachtete Aufgabe, Töne in Harmonien oder Disharmonien darzustellen. Dennoch wurden andere Möglichkeiten des Ausdrucks gesucht. So erinnerten sich die Menschen an das Waschbrett, Blechdosen, Flaschen, Schüsseln Töpfe, die gebogene Trumsäge, Fässer und vieles mehr. Die Hauptsache, es waren damit Töne zu erzeugen. Der Phantasie waren keine Grenzen gesetzt. Viel später ist aus diesem Suchen die elektronische Musik entstanden, die mit der Erfindung der Hammondorgel ihren Siegeszug begann. Alles war erlaubt. Die Hauptsache man konnte dabei glücklich sein.
Jungen Menschen, vornehmlich Studenten, sind Begrenzungen außer ihren eigenen Traditionen lästig. Sie fühlen sich regelrecht provoziert diese zu überwinden. Warum sollten sie sich z.B. nicht mit gleichgesinnten im Nachbarland auseinandersetzen. Sie wollten reisen, aber nicht wie üblich mit Bahn, Bus oder Flieger, sondern unabhängig mit eigenen Zielen und Zeiten. Sie brauchten eigene Fahrzeuge. Das Taschengeld reichte dafür nicht, also wurde es mit Gelegenheitsarbeiten beschafft. Ausgediente Kleinbusse waren beliebt. Der Lack wurde mit lustigen Farbornamenten verziert und eine Schlafstatt boten sie außerdem. So fand auch John Ahus in einer Werkstatt einen schrottreifen Käfer mit geteiltem Heckfenster und unsynchronisiertem Getriebe. Den machte er seiner Verlobten, Iris zum Geschenk. Sie waren glücklich, sich unabhängig bewegen zu können. Die Erwachsenen schüttelten den Kopf: „Der spinnt. In dem Alter hatten wir kein Auto. Wer soll das bezahlen? Unsere Erziehung ist fehlgeschlagen.“ Der Käfer wurde auf der Straße und im Gelände getestet. Die beiden waren ungestört alleine … Dann stand ein Spiel seiner Mannschaft beim Nachbarverein an. „Elf Mann?!“ - „Klar das geht. Alle einsteigen!“ Sie kamen zwar unbequem, aber dennoch voll des Lobes hin und wieder zurück. Die Hinterräder stellten sich nach außen, aber der Test war geglückt. Einer hatte zu Hause noch etwas Öl, der andere steuerte etwas zum Sprit bei. Reifen fand John gebraucht oder runderneuert. Sie erlebten das Käfer-Spektakel als Freiheit, aber auch mit unbeachteten Gefahren wurden sie konfrontiert. Einmal endete eine durchzechte Nacht in einer peinlichen Familienauseinandersetzung. Müdigkeit, Alkohol und schlechte Sicht begleitete die beiden auf ihrem Heimweg. Der aufheulende Motor weckte sie auf. Sie steckten in einem Kartoffelacker. Was war passiert? Der Käfer hatte eine Kurve begradigt, war über einen Straßengraben gesprungen und sicher gelandet. Keine Verletzungen, kein Mensch weit und breit, nur der Bowdenzug an der Heizung war gerissen. Also, starten, Kupplung treten, erster Gang, Kupplung treten, Leerlauf, Zwischengas, Kupplung treten, zweiter Gang und nichts wie nach Hause.
John Ahus wurde zwar von zu Hause mit Naturalien versorgt, aber das Studentenleben in seiner Bude und an der Universität kostete Geld, zumal die Nächte in der Stadt auch nicht billig waren. Kommilitonen, Events und Bars gab es genug und ihr regelmäßiger Besuch war nicht zu vermeiden. Er wollte doch dazu gehören. Es ist erstaunlich, auf welche Ideen Studenten kommen, wenn es ums Überleben geht. Da arbeitete einer als Aushilfsfahrer auf einem Bierwagen der Brauerei, und schon war abends etwas zu trinken in der Bude. John bereiste die Kasernen in der Republik und verkaufte den Kantinenwirten Reservistenstäbe. Leere Patronenhülsen waren, abwechselnd matt und glänzend poliert auf einen Gewindestab gesteckt und mit einem Knauf verschraubt. Ein Freund produzierte die Teile in seiner Werkstatt, fügte noch Granatenattrappen als Feuerzeuge, Kugelschreiber, Schlüsselanhänger usw. hinzu und John pries die Ware in den Kantinen an. Aus lauter Freude, dass sie ihren zweijährigen Wehrdienst unbeschadet überstanden hatten und mit genügend Alkohol abgefüllt, kauften die Reservisten von ihrem letzten Geld die Stäbe als Trophäe und marschierten damit - als Stolz der Nation erkennbar - in ihre Heimatstädte zurück.
Eines Tages war John Ahus wieder einmal auf einer Tour zu einer Kaserne. Es war Winter. Die einsame, vereiste und mit Schnee bedeckte Straße ohne erkennbare Begrenzungszeichen führte durch Wälder und Felder. Kein Verkehr, weit und breit, kein Haus. Die Frontscheibe war immer wieder durch seinen Atem beschlagen wegen der mangelhaften Lüftung im Käfer. Und wenn er das Ausstellfenster öffnete vereiste die Scheibe auch noch innen. John kämpfte gegen die Müdigkeit, denn es war eine lange Fahrt und er war noch lange nicht am Ziel. Als er wie aus einem bösen Traum hochschreckte, umgab ihn eine gespenstische Stille. Knarrend ließ sich die Tür öffnen. Der Wagen steckte im Schnee. John stieg aus, ging um den Käfer herum, kein Schaden. Erst jetzt spürte er unerträgliche Kopfschmerzen. Wie benommen suchte er mit den Augen die Umgebung ab. Etwa 100 Meter entfernt stand ein Bus. Ein Mann stand gestikulieren davor und winkte ihn heran. John wankte auf ihn zu. Der Mann, offensichtlich der Busfahrer war kreidebleich: „Sind Sie verletzt, ist ihr Auto kaputt?“
„Nein, was ist denn passiert?“ John versuchte sich, trotz dem Hämmern in seinem Schädel zu konzentrieren: „Gab es einen Unfall?“
„Wir hatten wohl beide einen Schutzengel. Sehen Sie die Spur auf der Straße. Das war Ihr Wagen. Sie sind aus der Kurve heraus geradeaus vor meinem Bus vorbeigeschossen. Ich konnte bei dem Eis nicht bremsen. Zwischen uns passte keine Zeitung mehr.“ Nach diesem Bericht hätte John schockiert sein müssen, aber er spürte nur seine verdammten Kopfschmerzen. „Was ist mit Ihnen?“
„Nichts, nur mein Schädel.“
„Reiben Sie ein wenig Schnee an die Schläfen und schauen Sie mal nach Ihrer Heizung.“
„Ich bitte Sie um Entschuldigung“, stammelte John und wankte zurück zu seinem Käfer. Der Schnee an seinen Schläfen tat gut. Was hat der Mann bloß mit meiner Heizung?! Die geht doch gar nicht. –
Die Konstruktion am Käfer war primitiv einfach, aber wirkungsvoll: Die Auspuffgase erwärmten die Luft in einem Blechbehälter, der um das Rohr geschweißt war. Von dieser Heizbirne wurde die warme Luft ins Fahrzeuginnere geleitet. Wenn das Auspuffrohr jedoch durchgerostet war, kamen die Gase mit und schläferten die Passagiere ein. John kurbelte die Scheiben herunter, verschloss alle Heizungsöffnungen, startete den Motor und fuhr aus der Schneewehe heraus zurück auf die Straße.
Auf einer seiner letzten Fahrten überholte er auf der Autobahn einen LKW im 4. Gang und mit Vollgas. Der LKW wurde immer schneller, der Käfer langsamer und der LKW-Fahrer tobte. Später wurde in der Werkstatt festgestellt, dass nur noch ein Zylinder genügend Kompression hatte, um das Fahrzeug antreiben konnte. Naja, bis zum Schrottplatz schaffte es der Käfer noch, eine blaue, stinkende Rauchwolke hinter sich lassend.
Nach den Roaring Sixties begann für John Ahus ein neuer Lebensabschnitt. Das Denken und Handeln rund um die neue Freiheit war geblieben. Iris und er hatten geheiratet, sie freuten sich über ihre zwei gesunden Kinder Sissi und Manfred, sie waren in einem Dorf sesshaft geworden und in der Garage stand ein modernes Auto. John verdiente ganz gut in seinem Beruf als Industriekaufmann, den er schon vor dem Studium erlernt hatte. Das Paar vereinbarte frühzeitig die Arbeitsteilung in der Familie, so dass Iris sich mehr um die Beaufsichtigung (Erziehung) der Kinder und den Haushalt kümmerte. Beide waren aktiv im ortsansässigen Sportverein und engagierten sich sozial in der Gemeinde. Ohne es bewusst zu bemerken, gehörten sie wie selbstverständlich in der Gesellschaft dazu. Sie kleideten sich der Mode entsprechend, aber nicht auffällig, pflegten den Kontakt zu den örtlichen Geschäften, nahmen gesellschaftliche Verpflichtungen wahr und leisteten sich den Luxus, ab und zu alleine in gehobenen Lokalen ausgiebig zu tafeln. Sie waren plötzlich, entgegen ihrer früheren Einstellung zum Leben, etabliert. So ging es sicher vielen Mitstreitern aus den Roaring Sixties. Einige bekleideten noch Jahrzehnte später Ämter und Positionen in Politik und Wirtschaft, dem damals verhassten Establishment. Sie alle hatten wohl - wenn auch Zähne knirschend - eingesehen, dass in jeder menschlichen Gesellschaft das Leben niemals ideal und schon gar nicht idealistisch ablaufen konnte. Die Abhängigkeit von den Einflüssen des Kapitals würde bleiben und die Unzulänglichkeiten in der Demokratie waren eher zu ertragen, als die Unterdrückung und Ausbeutung in einer noch so schön gefärbten Diktatur. Letztendlich ist jedes Individuum in der Gesellschaft für sein Denken und Handel, für sein Leben als Mitglied der Gesellschaft selbst verantwortlich. Während Bezeichnungen für den Kapitalismus, wie Öl-Multis, Waffen-Lobby, Mafia usw. relativ eindeutig sind, weil die Zugehörigkeit und die Raffgier offen liegen, sind andere Umschreibungen eher verwirrend und sogar falsch. Nach Karl Marx gehört das Eigentum am Produktivkapital dem Proletariat. Die Wahrheit jedoch ist, dass die hohen Parteifunktionäre das Kapital in die eigene Tasche scheffeln und die Arbeiter mit Almosen abspeisen. Dabei wird der wirtschaftliche Grundsatz versteckt, dass nämlich nur wer Geld einsetzt, auch Geld verdienen kann. Wenn Kapitalisten nicht investieren, erzielen sie keinen Gewinn. Fest steht, es gibt auf dieser Welt Arme und Reiche, und ein Großteil der Bevölkerung hat die Möglichkeit zu entscheiden, wozu der Einzelne gehören will. Nur wer keine Chance hat, ist absolut abhängig. Diese Armen sind aber nicht vom Kapital abhängig, sondern von der Bereitschaft der Reichen, sie als Markt zu akzeptieren und sie deshalb zu unterstützen.
John Ahus orientierte sich in Richtung IT-Branche. Damals hieß das noch EDV, Elektronische Datenverarbeitung. Er fand eine noch kleine Firma, die herkömmliche Fakturier- und Buchungsmaschinen entwickelte, sie mit zusätzlichen Rechen- und Speicherfunktionen ausrüstete und dann als Computer fast konkurrenzlos auf den Markt brachte. Seine Aufgabe war es, diese Maschinen in kleinen und mittleren Unternehmen zu verkaufen. John war ein Pionier, wie es sich herausstellte. Die Verantwortlichen in den Abteilungen der Kunden kannten keine EDV, sondern nur IBM und dahinter verbargen sich in ihrer Vorstellung voluminöse, unerschwinglich teure Computer, die sie sich nicht leisten konnten. John fügte in den Gesprächen zur vorhandenen Arbeitslogik die Denklogik hinzu und überzeugte mit seiner Kosten- und Nutzenanalyse, die mit dem Einsatz seiner Maschinen dem Unternehmen Gewinn bringen sollte. Die Anwender lernten durch John Ahus, warum, wann und wie ein Arbeitsschritt günstigst dem nächsten folgte. Einzelne Unternehmer kauften zögernd, denn die Investition war schon ein Risiko. John Ahus betreute seine Kunden weiter. Führte ihre Hand und vermittelte zu den Technikern. Es gab Nachtschichten für ihn. Die Zufriedenheit der Chefs und der Mitarbeiter verbreitete sich und so konnte er zunehmend Anfragen und Erfolge auf seinem Vorgabenkonto verbuchen. Unaufhörlich schlich sich bei John Ahus der Wohlstand ein. Die Erfolge wurden gefeiert. Der Kaffee- und Alkoholkonsum stieg. Seine Kollegen hatten auch Erfolge. Einmal wurde sogar ein Französischer Weinhändler zur Weinprobe in die Firma bestellt, weil ja die einheimischen Weine nicht als etwas Besonderes angesehen waren.
Die Erhöhungen der Umsatzvorgaben durch die Geschäftsleitung wurden lächelnd entgegengenommen. Dafür bestand niemand mehr auf geregelten Arbeitszeiten. Oft wurde die Nacht zum Tag gemacht. Hübsche Kolleginnen gesellten sich dazu und sonnten sich im Erfolg der Verkäufer. Die Ehefrauen zu Hause brauchten erhebliche Geduld, um den familiären Zusammenhalt aufrecht zu halten. Viele zerbrachen daran, weil sie sich durch die Wichtigkeit der Firma im Leben ihrer Partner vernachlässigt fühlten. Und das zu recht. Nicht nur die hohen Anforderungen der Firma und der Kunden, sondern die Erfolge der Verkäufer sprachen sich im gesellschaftlichen Umfeld herum und füllten oft ganze Gesprächsrunden aus. Für die Privatsphäre blieb da kaum Zeit.
In der Geschäftsleitung gab es Menschen, denen diese Gefahren bekannt waren. So wurden kleinere Events organisiert, um die Mitarbeiter und ihre Partner zum Durchhalten zu motivieren. So mietete die Firma z.B. einen Kartoffelacker auf einem Aussiedlerhof zur zünftigen gemeinsamen Kartoffelernte oder eine Apfelplantage auf einem Bio-Hof. Manchmal erhielt die Ehefrau auch einen außergewöhnlichen Blumenstrauß durch einen Boten aus der Firma überbracht.
Weiterbildung der Mitarbeiter in den Geschäftsräumen sahen die Chefs als nicht effektiv an. Dafür waren Nobelhotels besser geeignet, zumal die Verkäufer nicht nur auf neue Ziele eingeschworen werden sollten, sondern deren persönliche Motivation, mehr zu verkaufen, war ebenso wichtig. Außerdem mussten die Chefs sich der Firmenleitung gegenüber als innovationsfreudig und kreativ, die Peitsche schwingend darstellen. John Ahus holte gelegentlich vor versammelter Mannschaft alle Lacher aus der Reserve, wenn er zynisch anmerkte: „Hier sitze ich herum und zu Hause hätte ich so viel Arbeit!“ Die Chefs gingen peinlich berührt darüber hinweg. Die Gastgeber machten gute Geschäfte mit diesen Gruppen und boten für die Freizeit alle Möglichkeiten zur körperlichen und lukullischen Entspannung und die war immer begleitet von maßlosem Alkoholgenuss.
In einem Jahr hatte John Ahus den größten Umsatz in seinem Gebiet gemacht und wurde als bester Verkäufer Deutschlands gekürt. Sieger als Vorbilder gab es in allen Sparten der Firma. Sie alle und ihre Familien wurden eingeladen mit der Geschäftsleitung - und das waren ebenso viele Personen, in die USA zu fliegen. Ein Event-Manager organisierte die aller besten Erlebnisse für die Reisenden. Die Aktion kostete ein Vermögen. John Ahus wurden im exklusiven Bankers Club in San Francisco die höchsten Ehren zuteil. Vor einem historischen hohen Gebäude in der Mitte der Stadt wurden die Gäste von livriertem Personal empfangen, über breite Treppen in einen Festsaal geleitet. Teppiche, wertvolles Parkett, großzügige Holzvertäfelung an Decken und Wänden mit Quadratmeter großen Portraits erfolgreicher Bankinhaber und wichtiger Personen aus Politik und Wirtschaft, schweres Holzmobiliar und vornehm höfliche Bediensteten verbreiteten eine ehrfürchtige Stimmung unter den Besuchern. Es gab hymnenhafte Reden über die Erfolge der Firma und schließlich auch der Mitarbeiter. Die Sieger wurden einzeln mit einer ausführlichen Laudatio bedacht, von Beifall und Freudentränen begleitet. Die Männer trugen maßgeschneiderte Smokings und die Damen boten mit ihrer Schönheit in ihren prächtigen Abendroben ein nicht zu überbietendes feierliches Bild in dieser überwältigenden, glücklichen Atmosphäre. Das Ereignis konnte dem Vergleich mit dem Treffen der Reichen und Schönen beim Golden Globe Stand halten. Und nur der beste Champagner floss in Strömen. Für die Sieger des Firmenwettbewerbs war es ein Höhepunkt in ihrer beruflichen Laufbahn, für einige auch der letzte. Jedenfalls schwärmten sie noch lange von dieser Amerika-Tour in Gesprächen mit den Kollegen zu Hause.
John Ahus saß am frühen Nachmittag mit seinem Freund, Willi Laufer in Peters Pilsstube und machte aus seiner Begeisterung kein Hehl: „Wir sind mit Scenic Airlines über die Rocky Mountains geflogen, haben die Indianer besucht, Disneyland war überwältigend, Siegfried und Roy haben uns mit ihren Tieren und den Zaubertricks begeistert, die Spieler in Las Vegas leben in einer anderen Welt, Westside Story, die „CONSTITUTIONAL“, das älteste intakte Kriegsschiff der Welt im Hafen von San Francisco. Mann, ich laufe jetzt noch über.“
Willi Laufer unterbrach ihn: „Merkst Du eigentlich nicht, dass Du eine Edelhure bist?“
„Was? Ich glaube ich falle vom Pferd. Die nächste Runde bezahlst Du!“
“Ja, eine billige Hure bist Du nicht. Die Manager Deiner Firma füttern dich, puschen Dich hoch, damit Du ihnen noch mehr Gewinn einbringst.“
„Ich verdiene gutes Geld für meine Arbeit“, entgegnete John kleinlaut.
„Deswegen bist Du auch nicht billig. Die Firma muss in Dich investieren, damit Du bei der Stange bleibst. Und letztendlich hast Du das Geld selbst verdient, was die in Dich investieren!“ Willi ließ nicht locker: „Wie lange willst Du das noch machen? Schau Dich doch mal an. Du rotierst den ganzen Tag, kriegst zu wenig Schlaf, telefonierst im Traum mit Kunden. Zwischendurch hängst Du in Kneipen herum, säufst wie ein Loch, vernachlässigst Deine Familie, und das alles für die Firma. - Warum bist Du eigentlich kein Manager?“
John wurde nachdenklich: „Meine Kunden brauchen mich. Für eine gehobene Position in der Firma habe ich keine Zeit und außerdem bin ich kein Sesselfurzer.“
„Ja, die brauchen Dich, weil Du sie verwöhnst. Du bist für Deine Kunden der einfachste Weg, an ihre Ziele zu kommen. Die nutzen Dich aus und Du merkst es nicht einmal.“
Nach einem weiteren Bier fuhr Willi fort: „Soll ich mal ehrlich zu Dir sein? Deine Chefs wollen Dich gar nicht befördern, solange Du ihnen nur genug einbringst. Und außerdem bist Du überhaupt nicht geeignet, in deren Kreisen zu arbeiten. Du kannst nicht führen!“
Entsetzt schüttete John das volle Glas in sich hinein: „Hast Du vergessen, dass ich im Gymnasium Klassen- und Schulsprecher war, als Jugendlicher alle Trainerscheine für Leichtathletik und Handball gemacht und viele Jahre als Trainer gearbeitet habe? Schon als Kind war ich der Banden-Chef und als Schüler stand ich einer Musikkapelle vor. Die Kunden fressen mir aus der Hand und meinen Kollegen stehe ich mit Rat und Tat zur Seite.“
„Deine Argumente geben mir doch Recht. Allen Menschen, die mit Dir zu tun haben, geht es gut, weil sie Dich brauchen. Und wenn Du weg bist, kennen sie Dich nicht mehr.“
„Nein, das ist nicht wahr. Ich habe viele Freunde und ich kann mich überall sehen lassen.“ Trotz sprach aus Johns Worten. Allmählich ärgerte ihn das Gespräch mit seinem Freund Willi.
„Sehe es doch endlich ein. Du bist der beste Kumpel, den man sich nur wünschen kann, Du führst aber nicht Deine sogenannten Freunde, sondern die führen Dich. Du würdest niemals etwas gegen sie und für Dich durchsetzen. Als Chef muss man nämlich bereit sein, auch mal als Arschloch zu gelten. Und außerdem, bezahlen die Kunden Dich oder die Firma?!“
„Nein, dann wäre ich doch ein Egoist. Und das will ich nicht sein.“ John Ahus erregte sich immer mehr und sein Freund Willi Laufer versuchte noch einmal, ihm zu erklären: „Jeder Mensch ist ein Sklave dessen, für den er arbeitet. Es geht heute nicht mehr darum, jemanden auszubeuten, sondern ihn von sich abhängig zu machen. Die Abhängigkeit verursacht Erpressbarkeit und Ausbeutung. Und dazu gehören Anreize, die darin bestehen, dass der Arbeitnehmer vom Arbeitgeber eine Leiter hingestellt bekommt, das ist die Karriereleiter. Wenn Du da hoch willst, musst Du dem Chef zeigen, dass Du es kannst und dass Dein Aufstieg für ihn gewinnbringend ist. Erst dann bekommst Du eine Chance für die nächste Stufe. Wenn Du die Gelegenheit nicht wahrnimmst, bleibst Du noch vor der untersten Stufe stehen. Du bist ein echter Sklave, und wenn Deine Chefs Dich nicht mehr brauchen, feuern sie Dich.“
„Na und? Dann gehe ich eben wo anders hin. Ich kann überall mein Geld verdienen. Und willst Du wissen, warum ich die Karriereleiter ablehne? Dann denke mal ernsthaft über meinen Charakter nach und den bekannten Spruch: Ich wollte meinem Chef ins Arschloch kriechen, doch saßen da schon drei Prominente drin!“
Willi Laufer gab es auf, seinen Freund umzustimmen: „Ja, Du bist der Beste und alles ist gut.“
Gemeinsam spülten sie ihren Frust hinunter und wankten zu ihren Autos.
John Ahus fuhr zu der Zeit einen modernen PKW vom besten Hersteller. Alle zwei Jahre kümmerte er sich um ein neues Fahrzeug. Seine Frau, Iris stellte ihn dann zur Rede und er antwortete mit seiner Logik: „Wenn ich im Jahr 60.000 km am Steuer sitze, dann ist es doch angebracht, dass mein Sitz mindestens genauso bequem ist, wie der Sessel im Wohnzimmer.“ Iris hatte Recht. Immerhin trug sie die Hauptlast des Haushalts und der Versorgung der Kinder Sissi und Manfred, und dazu gehörte auch die Verwaltung des Geldes. Obwohl sie keine Not hatten, hatte sie es zusammenzuhalten. Sie selbst fuhr einen kleinen praktikablen Geländewagen, den auch John sich gewünscht hatte, um die Kinder zur Schule, zum Sport und sonstigen Veranstaltungen zu transportieren. Gemeinhin genießt das Auto den Ruf eines Statusobjekts seines Besitzers. So erlebte auch John jedes Mal, wenn er einen neuen Wagen vorführte, die Bewunderung seiner Freunde im Dorf. Er wurde um Rat gefragt und musste Auskünfte geben über Details zur Technik und zum Komfort, 4-Rad-Antrieb, Klima-Anlage, Zentralverriegelung, Automatik-Schaltung, CD-Wechsler, Schiebedach usw. Man zollte ihm Achtung, weil er sich so etwas leisten konnte. John Ahus jedoch legte keinen Wert darauf. Für ihn war sein PKW ein Arbeitsgerät, ein Werkzeug und genauso behandelte er ihn. Er hatte zu funktionieren und John nahm keine Rücksicht auf irgendwelche Unmöglichkeiten. Auf der Autobahn benutzte er grundsätzlich die 4. Spur so, als hätte er sie gemietet. Bei 200 km/h setzte er den Kickdown ein. Seine Fahrten waren immer Wettrennen gegen die Zeit und andere Verkehrsteilnehmer. Einmal raste er bei beginnender Dämmerung gedankenverloren auf der Überhohlspur an der linken Leitplanke entlang, als ein noch schnellerer Wagen rechts an ihm vorbei huschte. Der Schock löste bei ihm eine Vollbremsung aus, was einen Walzer seines Autos über die gesamte Breite der Straße zur Folge hatte. Er kam in Fahrtrichtung zum Stehen. Im Rückspiegel stellte er fest, dass auf allen vier Spuren Fahrzeuge standen und ihn mit ihren Scheinwerfern anleuchteten. Vollgas nach Hause. Die Reifen waren hin und wurden am nächsten Morgen gewechselt. Der Schock dauerte nicht lange und daheim ließ er sich nichts anmerken, um die Familie nicht zu beunruhigen. Nein, er war nicht betrunken. Ein Kundenauftrag, an dem er schon mehrere Tage arbeitete, beschäftigte ihn und lenkte seine Aufmerksamkeit von der Fahrbahn und vom Fahren ab. Der schnellere Wagen fuhr ganz dicht an ihm vorbei. John konnte ihn nicht sehen, aber er hätte ja auch Platz machen können. So maß er dem Erlebnis keine besondere Bedeutung bei und er erkannte es auch nicht als eine Warnung.
Ruhelos arbeitete John Ahus weiter an dem dicken Auftrag. Immerhin ging es um die Vernetzung von etlichen Terminals eines Elektro-Konzerns mit einem schnellen Rechner und aller erforderlicher Peripherie, wie Drucker, Bänder, Platten usw. Alleine das Datenbanksystem kostete 300.000 Mark. Dazu kamen Software- und Installationskosten. In der ersten Stufe war eine knappe Million geplant. Nach einigen Wochen einigte sich die Konzernleitung des Kunden mit John Ahus und die Unterzeichnung des Vertrages konnte stattfinden. Selbst dem Erfolg gewohnten John liefen die Gefühle eiskalt über den Rücken. Der Empfang in der Firma war entsprechend euphorisch. Die Geschäftsleitung und die Kollegen inszenierten ein Fest für ihn. Viele Menschen in der Firma hatten für eine lange Zeit eine Menge Arbeit. Man prostete ihm zu und feierte Johns beachtlichen Erfolg. Spät in der Nacht hörte John Ahus auf eine innere Stimme: „Fahre nicht oder nur auf Schleichwegen nach Hause!“
Er tastete sich durch kleinere Dörfer auf einsamen Straßen und Wegen durch Wälder und Felder. Er kannte fast den ganzen Weg, den er nehmen wollte. Eine Straße führte aus dem Dorf hinaus in einen Feldweg. Der war gut befahrbar, bis plötzlich eine Schranke vor ihm auftauchte. … Dann fahre ich eben über die Wiese drum herum. … Aber so weit kam er nicht mehr. Der Wagen sackte seitlich in einen Graben. Scheiße! John inspizierte die Lage und stellte fest, aus eigener Kraft ist hier nichts mehr zu machen. Er schaute sich in der Dunkelheit um, überlegte, wo er die letzten Häuser gesehen hatte und machte sich auf den Weg. Eine Schrebergartenanlage erkannte er links von sich. In einer Hütte brannte Licht. Er klopfte hoffnungsvoll an. Die Tür wurde aufgerissen und eine Furie überfiel ihn, schlug ihn, würgte ihn und drückte ihn auf den kalten Boden. Die Frau keifte ununterbrochen in einer Sprache, die er nicht verstand. John kam nicht zu Wort. Durch den Lärm aufgeschreckt stürmte ein Mann durch die Tür und befreite John aus seiner misslichen Lage, in dem er die Frau in die Hütte stieß. Dann baute er sich breitbeinig vor John auf: „Was willst du?“ „Entschuldigen Sie, ich habe mich in der Dunkelheit verfahren. Mein Wagen liegt dahinten im Graben. Können Sie mir helfen, eine Abschleppfirma zu finden?“
„Du geh diese Richtung. Zwei Kilometer, dann Häuser.“
Der Mann verschwand in der Hütte. … Also, eine halbe Stunde, gerade laufen, tief durchatmen und vor allen Dingen nicht lallen. … John fand die Häuser. Es waren kleine Gebäude, ehemalige Bauernhöfe, das Dorf war kaum beleuchtet. Aus einer Toreinfahrt strahlte eine Lampe einen Lichtschein auf die Straße. Im Hof stand ein Abschleppwagen. Der Schreck mit der keifenden Furie steckte John noch in den Gliedern. Vorsichtig aus dem Schatten heraus späte er auf den Hof. An einer Seite des Gebäudes erkannte er ein schummerig beleuchtetes Fenster und daneben eine Tür mit einem gelben Schild: ADAC. Er klopfte zaghaft und trat durch die unverschlossene Tür. Ein Mann saß gelangweilt und verschlafen hinter einem Schreibtisch und rieb sich die Augen bei Johns Anblick. Als Ahus seine Geschichte erzählt hatte, grinste der Mann: „Ich werde Ihnen helfen. 250 Mark. Zahlen Sie bar?“
John legte die Scheine auf den Schreibtisch. Die Augen des Mannes leuchteten: „Los geht’s.“ Auf dem Weg zu Johns Auto war der Mann schon wieder zu Scherzen aufgelegt: „Sie kommen wohl von einer kleinen Feier. Stimmt´s?“
„Ja.“, gab John kleinlaut zu.
In wenigen Minuten war der Wagen aus dem Graben gezerrt und der Abschlepper wieder verschwunden. … So, jetzt vorsichtig nach Hause. … Am nächsten Morgen erzählte er der Familie von seinem grandiosen Erfolg. Die Familie hatte sich keine Sorgen um ihn gemacht, denn er kam öfters spät nachts nach Hause. Ein bisschen müde, aber ansonsten fit donnerte John schon wieder über die Autobahn zum nächsten Kunden.
John Ahus war nicht immer selbst schuld an seinen Autoeskapaden. Einmal fuhr er aus dem firmeneigenen Parkhaus, um sich mit seinem Freund Willi Laufer in Peters Pilsstube zu treffen. Etwas rappelte am linken Hinterrad. Im Rückspiegel sah er etwas über die Straße rollen. Er hielt an und staunte nicht schlecht: Das Hinterrad hing nur noch an eine Schraube. Dank des nur kurz zurückgelegten Weges konnte er die Schrauben einsammeln und das Rad ordnungsgemäß fixieren. Sollten die Schrauben sich selbst gelöst haben?
Willi Laufer meinte: „Das ist nur möglich, wenn z.B. beim Radwechsel in der Werkstatt vergessen wurde, die Schrauben richtig festzuziehen. Wann warst Du in der Werkstatt?“ – „Vor einem halben Jahr ungefähr.“
„Also ist diese Ursache unwahrscheinlich.“ Willi Laufer fuhr fort: „Als übler Scherz gemeint, ist das eher eine ernstzunehmende, gefährliche und hinterhältige Sabotage! Im Firmenparkhaus, sagst Du, hast Du es nicht bemerkt? Ich habe Dich gewarnt. Du hast nicht nur Freunde in der Firma. Deine Erfolge machen andere neidisch.“
John war geknickt: „Soll ich etwa den Kollegen etwas von meinen Erfolgen abgeben?“
„Aber nein, das tust Du ja schon, indem Du ihnen Arbeit beschaffst. Nein, das ist es nicht. Es liegt eher daran, wie Du mit ihnen umgehst. Prahlst Du mit Deiner Kohle, beschämst Du die anderen, haben andere einen Nachteil durch Deine Erfolge? Bei Akkordarbeitern gilt der Vorwurf: Du hast den Akkord versaut! Und außerdem können die alles mit Dir machen. Du siehst sie sowieso als deine Kumpels an. Für Deine Mitstreiter bist DU aber ein Überflieger, den es wieder herunterzuholen gilt, damit die Messlatte dort bleibt, wo sie war. Du bist gutmütig, unaufmerksam und traust anderen nur Gutes zu, anstatt auf vorsichtigen Argwohn in Dir und Warnungen echter Freunde zu hören. Schau Dir Deine Freunde genauer an. Bestimmt wollte Dir einer einen Deckzettel verpassen. Hast Du Dich schon einmal gefragt, wer ein echter Freund ist und wer Dir nur vorspielt, einer zu sein?“
John konnte Willi nicht widersprechen, aber wie sollte er sich ändern? Fügte er anderen einen Schaden zu, wenn er mehr an sich dachte, als für die andern da zu sein? Musste er etwa einen Psychiater aufsuchen? … Blödsinn, so weit kommt es noch. …
In der Firma gab es einen Pedell. Der kümmerte sich um technische Kleinigkeiten der Angestellten. Wenn z.B. ein Stuhl kaputt war oder eine Lampe oder es war irgendetwas zu besorgen, konnte man sich auf ihn verlassen. Er verwaltete das Büromaterial und Ersatzteile und Werkzeuge für die Techniker. Kovac war bei allen beliebt, hatte sein Domizil im Keller und war ebenso trinkfreudig wie die Bewohner des achtstöckigen Bürohauses. In seinem Kühlschrank bewahrte er stets gekühltes Bier auf, und so wurde es üblich, dass die Angestellten, erschöpft von der trockenen Schreibtischarbeit im Großraumbüro oder verärgert durch ein Telefonat, sich durch einen Besuch bei Kovac im Keller ablenkten. Dabei wurde gefachsimpelt, gescherzt, geplant, beraten (Bürotratsch eben) und getrunken. Eines Tages kam Kovac direkt an den Schreibtisch von Ahus geschlichen. John fiel auf, dass kein Kollege davon Notiz nahm und alle konzentriert in Papieren auf ihren Schreibtischen blätterten.
Kovac flüsterte: „Ich hab Scheiße beim Spielen gebaut. Ich muss meine Schulden sofort bezahlen, bin aber erst nächste Woche wieder flüssig. Kannst Du mir helfen?“
John war überrascht: „Wieso kommst Du zu mir, warum holst Du Dir keinen Vorschuss im Lohnbüro?“
Kovac versuchte ruhig zu bleiben und blickte Ahus treuherzig um Hilfe suchend in die Augen: „Meinst Du vielleicht, die geben mir 10.000 Mark?“
„Und jetzt glaubst Du, ich schleppe 10.000 Mark mit mir rum, die ich Dir einfach mal so geben kann? Was machst Du denn auch für eine Scheiße?!“
Kovac startete seinen letzten Versuch: „Wenn Du mir einen Barscheck bis nächst Woche ausstellen könntest, wäre mir geholfen.“
Mit mulmigem Gefühl im Bauch zückte John Ahus sein Scheckbuch und schrieb 10.000 Mark auf das Formular.
„Aber bis nächste Woche. Ich nehme Dich beim Wort.“ Er sollte von diesem Augenblick an Kovac nie mehr wiedersehen. Kovac verließ das Haus und war verschollen.
Zwei Tage später holten zwei Beamte der Kriminalpolizei John Ahus zur Zeugenbefragung ins Kommissariat. Zunächst wollten die Kommissare wissen, ob er Kovac kenne und wie er zu ihm stehe. Dann wurden sie konkret: „Kovac hat beim verbotenen Glücksspiel einen Menschen mit einem Messer tödlich verletzt. Wir suchen ihn und haben ihn zur Fahndung ausgeschrieben. Wissen Sie, wo er sich aufhält?“
„Nein, ich habe ihn vor zwei Tagen zuletzt in der Firma gesehen.“
„Wissen Sie, warum Sie hier sind?“
„Nein, ich möchte es gerne wissen.“
„Ein Zeuge hat gesehen, wie Sie Kovac einen Scheck ausgestellt haben. Wofür war der?“
„Er bat mich um einen Kredit bis nächste Woche, um Spielschulden zu begleichen“
„Und dann geben Sie ihm einfach mal so 10.000 Mark? Das ist nicht nur leichtsinnig, sondern besonders dumm.“
„Wieso, wir arbeiten schon ewig in derselben Firma.“
„Wissen Sie, wovon wir ausgehen? Sie haben uns belogen und ihrem Freund, Kovac zur Flucht verholfen! Sie sind vorläufig festgenommen.“
Nun saß er in der Zelle. Ein Rechtsanwalt versuchte ihm zu helfen. Auch Willi Laufer war außer sich, als er davon hörte. In der Firma, in Peters Pilsstube und in seinem ganzen Bekanntenkreis war die Angelegenheit erstes Gesprächsthema. Iris und die Kinder waren entsetzt und auf jeden Fall von Johns Unschuld überzeugt. Ahus musste den Kommissaren und dem Anwalt noch viele peinliche Fragen beantworten. Nach zwei Tagen hatten die Beamten immer noch keine schlüssigen Beweise gegen ihn und ließen ihn frei: „Halten Sie sich zu unserer Verfügung. Sie werden von uns beobachtet. Wir wissen auch, dass Sie alkoholisiert am Steuer sitzen!“
Am nächsten Tag traute er sich nicht in die Firma wegen des Geschwätzes. Stattdessen schloss er einen Auftrag über ein Volumen über 100.000 Mark mit einem Kunden ab. Die Sekretärin stürmte ins Chefbüro und meldete: „Herr Ahus, Sie sollen dringend in der Firma erscheinen.“
Das passte, die Geschäftspartner waren sich gerade einig geworden. John wurde im Büro des Geschäftsstellenleiters erwartet. Alle Manager des Hauses einschließlich dem Betriebsrat saßen am Tisch. Ihm wurde kein Platz angeboten: „Herr Ahus, Sie sind mit sofortiger Wirkung entlassen!“
Als er etwas einwenden wollte, fuhr der oberste Chef fort: „Sie sind für die Firma nicht mehr tragbar! Räumen Sie Ihren Schreibtisch auf. Sie haben Hausverbot!“
John legte den jüngsten Auftrag auf den Tisch und verließ das Haus ohne Gruß, um es nie wieder zu betreten. Er konnte es nicht fassen: Er, der Pionier, der erfolgreiche Verkäufer, jedermanns Freund wurde mit Schimpf und Schande aus der Firma verjagt. Eine Welt brach für ihn zusammen. Er war unfähig, irgendeine Entscheidung zu treffen. …Hoffentlich ist Willi Laufer in Peters Pilsstube. …
„Ich habe alles mitgekriegt. Und so, wie Du aussiehst, haben sie Dich fertiggemacht. Ein Bier für John.“ Willi wollte ihn trösten, aber damit hatte er keinen Erfolg.
„Ja, mich gibt es nicht mehr.“ John war verbittert und konnte es einfach nicht begreifen.
„Nun mal langsam. Du hast Fehler gemacht, bist blind in Fallen getappt, man hat Dich davongejagt, aber Du bist immer noch John A-hus. Sie können Dir Deine Fähigkeiten nicht nehmen und Du wirst eine Lösung finden.“
John beachtete das Bier auf der Theke nicht. Er hätte schreien können vor Zorn und Enttäuschung. Je mehr er sich seiner Situation bewusst wurde, desto mehr erinnerte er sich an Willis Worte. Die Firma und alle seine guten Kollegen hatten ihn fallen lassen. Er musste herausfinden, wie seine Partner, die Kunden dazu standen. … Angst vor der Zukunft? … Nein, Unsicherheit kroch in ihm hoch. Wie würde seine Familie reagieren? Er war noch zu jung für den Ruhestand. … Was soll ich jetzt tun? …
Er hörte kaum, dass Willi Laufer auf ihn einredete: „Jetzt gehst Du erst einmal zum Arbeitsamt. Entweder die haben etwas für Dich oder Du bekommst Arbeitslosen Geld. Besinne Dich auf das, was Du kannst und was Du hast. Gib Dich nicht auf, suche das Gute in Dir, rede nur mit Deiner Familie.“ Er war viel zu verwirrt, als dass er Willi hätte verstehen können. Wie abwesend verließ John mit starrem Blick Willi Laufer und die Kneipe. Wer ihm auf seinen Weg zum Auto begegnete, den erkannte er nicht oder es war ihm egal.
Mit Vollgas startete er von seinem Parkplatz und raste über die Autobahn. Wie in Trance nahm er noch weniger Rücksicht auf die Straße, sein Auto und andere Verkehrsteilnehmer. Irgendwann brauchte auch der Verkehr seine Aufmerksamkeit nicht mehr, weil er den Wagen auf eine einsame Straße lenkte. Er wollte nur weg aus der peinlichen Situation, der Schande, der fürchterlichen Niederlage. So schnell wie möglich. Aber wo sollte er hin, wo sollte er sich verkriechen? Wer könnte ihm helfen? Sein Absturz würde auch seine Familie treffen. In einer Linkskurve war er zu schnell. Bremsen nützte nichts mehr. John erlebte das Schleudern und Sich-Überschlagen des Autos bewusst in jeder einzelnen Phase. Der Zeitraffer kam ihm unendlich lang vor. Plötzlich war nur noch dieses Ereignis in seinem Hirn. Er hatte keine Erinnerung mehr an die Vergangenheit, an seine letzten Gedanken. John Ahus wusste nicht mehr, wo er herkam und wo er hinwollte. Nichts war mehr da. Keine Angst oder ein Schreck überfielen ihn, sondern er erlebte eine Verwirrtheit wie in einem Rausch auf einer Achterbahn. Das Fahrzeug landete auf den Rädern in entgegengesetzter Fahrtrichtung. John wollte aussteigen, aber das Auto fuhr weiter (Automatik). Kein Mensch war auf der Straße, es war kein Schaden auf der Straße zu sehen. Warum sollte er anhalten?! John drehte und setzte seinen Heimweg wie selbstverständlich fort. Erst jetzt erkannte er, dass er in geduckter Haltung hinter dem Steuer saß. Das Dach war eingedrückt und die Windschutzscheibe mit dem Spinnengewebsmuster ließ ihm noch genug Platz für die Sicht. Die Beschaffenheit der Straße, die Verkehrsschilder und die anderen Verkehrsteilnehmer nahm John mit äußerster Aufmerksamkeit auf und setzte diese Beobachtungen und Einflüsse in ein jetzt exaktes Fahrverhalten um. Bis in seine Garage.
Iris, Sissi und Manfred waren froh, John unversehrt in ihrer Mitte zu haben, und hörten seinen Erzählungen mit so viel Geduld zu, als wüssten sie, wie man mit der Zerrüttung eines abgestürzten Stars umgehen musste, um ihn am Leben zu halten.
Für John Ahus begann eine Zeit des Nachdenkens. Er besann sich auf seinen aktuellen Status, versuchte herauszufinden, was bleiben konnte, was geändert werden musste, was vorrangig zu erledigen war und wofür er sich Zeit lassen konnte. Erleichtert stellte er fest, dass er unverrückbar in seine Familie gehörte, obwohl er Iris und die Kinder jahrelang unbewusst, zumindest unbeabsichtigt vernachlässigt hatte. Sie hielten zu ihm. Der Lebensunterhalt war gesichert. John hatte gespart und in Immobilien investiert. Kunden, die er wegen eines neuen Jobs kontaktierte, ließen sich verleugnen. Das hatte ihm Willi Laufer schon prophezeit. Die Besinnung auf seinen Besitz und die damit verbundenen Aktivitäten und Veränderungen sollten sein künftiges Leben begleiten. Er war nicht mehr die Edelhure, wie Willi in genannt hatte, sondern er konnte nun eher selbständig am eigenen Bestand arbeiten.
Sein Auto hatte Totalschaden erlitten und der Geländewagen von Iris war wegen eines Motor- und Getriebeschadens auch nicht mehr zu retten. Die Familie brauchte nur noch einen PKW und Art und Marke wurden nun lebhaft mit vier Vorstellungen diskutiert. Der Hersteller war schnell gefunden. Es musste der Beste sein. Und John entwickelte die Vorstellung von einem Traumwagen: Geländegängig mit Sechszylindermotor, höher als ein normaler PKW, etwas eckig, silbergrau, Cabrioversion, vier Sitze und mit genügend Ladefläche. Mit dieser Vorstellung betrat er das beste Autohaus.
„Ja“, sagte der Verkäufer. „Dieses Auto haben wir nächste Woche im Haus. Es ist ein Kundenfahrzeug. Sie können es ansehen, aber eine Probefahrt können wir nicht versprechen.“
Der Wagen kam aber nicht, weil im Werk noch irgendetwas verändert werden sollte. Ein Bekannter, der in der Vorstandsetage im Werk arbeitete, versprach, einen Termin im Werk zu vereinbaren, wo John das Fahrzeug sehen und probefahren sollte. Ausflüchte wie, das Auto wird selten gebaut oder es ist zurzeit nicht möglich oder wenn überhaupt, musst Du nach Flensburg oder Hamburg fahren, machten auch diese Idee zunichte. John Ahus zog seinen besten Abzug an und besuchte einen regionalen Generalvertreter: „Ich habe hier 60.000 Mark und möchte ein Auto der G-Klasse kaufen.“
Die gestylten Verkäufer waren sofort zur Stelle. John legte seine Vorstellung dar. Die Verkäufer wandten sich ab oder traten zurück: „So ein Auto gibt es nicht. Schauen Sie sich doch mal die M-Klasse an.“
Auch Johns Einwurf, er habe das Auto mehrfach in einer Fernseh-Serie gesehen, konnte sie nicht überzeugen. Dann wurde er aggressiv: „Soll ich Ihnen mal beweisen, dass es das Auto gibt?“
In der Prospektauslage hatte er eine Werbung im Buchformat gesehen mit bestem Hochglanzpapier und der Aufschrift G-Klasse. Er schlug das Buch in der Mitte auf und hielt es dem einzigen gesprächsbereiten Verkäufer hin: „Und was sagen Sie dazu?“
Der Mann war ratlos, telefonierte noch mit Vorgesetzten, aber es kam kein zufriedenstellendes Ergebnis dabei heraus. So musste sich die Familie John Ahus mit einer anderen Lösung mit abgespeckter Vorstellung bei einem Japaner zufriedengeben.
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John Ahus hatte bereits Jahre vor seinem beruflichen Knock-Out eine Krise zu überstehen.
Er begann als Programmierer EDV zu lernen. Damals musste noch die Maschinensprache eingehalten werden, d.h. die Programmierer hatten einen achtstelligen Code zur Verfügung. Jede Stelle bekam den Wert eins oder null, es waren Bits und Bytes zu zählen und die Befehle wurden auf Papier geschrieben, ehe sie auf einem Ringkern-Speicher verlötet wurden. Der Befehl bedeutete, einen Wert verschieben, addieren, subtrahieren oder in eine Druckposition transportieren. Viele Befehle waren erforderlich, um ein minimales Ergebnis, ein Programm zu erstellen, und ein Befehl kostete damals den Kunden 10 Mark in der Größenordnung. Die Arbeit des Programmierers bedeutete äußerste Präzision. Deshalb arbeiteten diese Leute meistens nachts. Sie lebten von Kaffee und Zigaretten und erschienen tagsüber den normal arbeitenden Menschen oft unrasiert und seltsam vergeistigt. Sie waren einfach nicht ansprechbar und wenn sie eine Antwort zum Tagesgeschehen in der Firma geben sollten, war diese so verwirrend, dass man sie besser in Ruhe ließ. Später wurde mit der Maschinencode-Programmierung ein System entwickelt. Die Sprache nennt sich Assembler. Aus den einzelnen Befehlen wurden Makrobefehle (kleine Programme) zusammengebaut, die als Betriebssystem im Hintergrund auf dem Computer zur Verfügung standen. So wurden komfortable Programmiersprachen möglich. Wurde z.B. ein Programm in COBOL geschrieben, dann konnte der Computer bereits eine Syntax-Prüfung durchführen. Der Rechner stellte fest, ob die Grammatik der Sprache COBOL eingehalten war. Ein Buchstabe an der falschen Stelle bedeutete: Das Programm kann nicht laufen! Dann erst versuchten die Programmierer dem Rechner, in der entsprechenden Sprache die Arbeitsabläufe (ihre Logik) beizubringen. Wenn diese jedoch falsch waren, verwarf das Betriebssystem das Programm. John Ahus und seinen Gefährten stand noch keine direkte Datenverarbeitung zur Verfügung. Es gab keinen Dialog zwischen dem Menschen und der Maschine, dem Rechner. Ein Fehler bedeutete immer: Kommando zurück, noch mal von vorn! Die Arbeit prägte diese besonderen Menschen. Sie stellten höchste Präzisionsansprüche an sich selbst. Von allen anderen Organen in der EDV wurden sie deshalb als Fachleute angesehen, die in der Lage waren, jede Aufgabe zu lösen. Ihr Geheimnis beruhte auf der Fähigkeit, sich ausnahmslos auf die technischen Möglichkeiten (Physik in der Elektronik) und deren restlose Ausnutzung zu konzentrieren. Sie lieferten den sogenannten Usern, den Nutzern die Bereitschaft des Rechners, ihn als Befehlsempfänger, als Werkzeug für ihre Anwendungen einzusetzen. Programmierer wurden nur mit zwei Hindernissen konfrontiert, nämlich ihrem Körper und ihrem Verstand. Wenn sie rücksichtslos mit diesen beiden Ressourcen umgingen - Und das taten sie oft, wegen der maßlosen Anforderungen an sie - waren oft genug gesundheitliche Schäden und Verhaltensstörungen auf die Dauer die Folgen.
Als John Ahus weniger ausgebildeten Verkäufern zur Seite gestellt wurde, erstellte er Systemanalysen, die keinen Zweifel zulassen durften. Seine Arbeitsweise änderte sich nicht. Fehler hatten empfindliche Folgen. Die Arbeit machte ihm Spaß, aber es gab keine Möglichkeit, dem Stress auszuweichen. Alles, was nichts mit seiner Arbeit zu tun hatte, war ihm zu wider. Er wurde rechthaberisch und streitsüchtig, verachtete die Meinung seiner Mitmenschen, wenn sie falsch war und zeigte das auch noch in aller Deutlichkeit. Er wurde zwar gebraucht, aber man ging ihm besser aus dem Weg. Er änderte seine Verhaltensweise auch nicht, wenn er selbst als Verkäufer an die Front geschickt wurde. Selbst seine Kunden wagten es nicht, ihm zu widersprechen. Aber sie kauften trotzdem bei ihm, forderten vorzugsweise nur ihn an, weil sie wussten, er löste ihre Aufgaben präzise und zuverlässig.
John Ahus hastete von Erfolg zu Erfolg und verdiente sehr viel Geld. Dennoch bewegte er sich in einer Spirale: je mehr Arbeit auf ihn zukam, desto mehr Möglichkeiten gab es, Fehler zu machen, weil es Ablenkungen genug gab. Mal hatte er eine Logik in seiner Systemanalyse falsch eingeschätzt, mal im Angebot einen Bildschirm vergessen oder einen Drucker falsch dimensioniert. Wenn es Beschwerden gab oder er selbst einen Fehler nachträglich erkannte, kostete es seine Zeit und Mehrarbeit oder es gab Diskussionen mit den Chefs in der Firma und den Kunden, um Verluste auszugleichen. … Wer viel arbeitet, macht auch Fehler. Wichtig war schließlich, die Fehler zu beheben. … Diese zusätzliche Belastung wirkte sich ebenso auf seine Verhaltensweise aus.
Irgendwann plagten ihn Rückenschmerzen. … Nicht so schlimm. Nimm eine Tablette. … Aber sie wurden schlimmer, bis er sich schließlich eines Tages nicht mehr von seinem Bett erheben konnte. Seine Frau, Iris musste einen Arzt rufen, weil die Schmerzen unerträglich wurden. Der Mediziner stellte fest, dass kein Bandscheibenschaden vorlag, gab ihm eine Spritze und warnte ihn jedoch vor dem Stress, den er als Ursache für seinen total verkrampften Rücken diagnostizierte. … Ruhe, zurückschalten, Urlaub! Wie soll das gehen?!
Nach wenigen Tagen war er wieder fit und stürmte in die Firma, um versäumte Arbeiten aufzuholen. Erst da merkte er, dass der Arzt Recht hatte: Die Schmerzen kamen wieder. …Sollte der Arzt mich wirklich zurecht ermahnt haben. Der Stress ist Ansporn, deshalb bin ich so erfolgreich. Ich kann mich doch nicht einfach ausruhen. … Doch die Zweifel nagten an ihm. … Was könnte ich wie ändern? Die Arbeit ist da und ich muss sie erledigen. … In seinem Gehirn rotierten die
Gedanken. Unruhe befiel ihn. John suchte in seinen Erfahrungen und erinnerte sich. … Du bist Programmierer. Wie funktioniert das System? Wie ist der Ablauf? Du musst den roten Faden finden. Das ist sicher nicht leicht, wenn sich die Akten auf dem Schreibtisch türmen, das Telefon ständig läutet und die Chefs und Kunden mir im Nacken sitzen. … John wühlte weiter in seinem Unterbewusstsein und erinnerte sich schließlich, dass er schon als Student gelernt hatte, für sich ein plus/minus-Konto zu erstellen. … Ich bin ein ausgezeichneter Verkäufer und für meine Kunden ein unverzichtbarer Fachmann. Ich verdiene viel Geld, kann mir alles leisten, die Familie ist bestens versorgt. Ich sehe gut aus, bin fit und löse jede Aufgabe ... Und?! … Das war es schon. Und nun die andere Seite. … Ich werde geachtet, weil man mich braucht. Na ja, etwas arrogant bin ich schon und auch nicht besonders freundlich, manchmal sogar stur. Das muss ich auch sein, um mich durchzusetzen. Bin ich dabei auch gerecht? Wenn wir zusammen feiern, bin ich doch bei allen beliebt. Wer zahlt die Zeche?! Ich gehe zu selten ins Training, um richtig fit zu sein. Ich weiß die Geburtstage in der Familie nicht auswendig. Sind die Schulzeugnisse der Kinder eigentlich gut? Hat Iris auch andere Freunde außer unseren gemeinsamen Bekannten? Du verbringst mehr Zeit in der Firma und mit Kunden, als mit Deiner eigenen Familie. Bedeutet sie dir weniger, als der ganze andere Kram? … Diese Seite wurde immer länger. … So geht das nicht weiter, ich muss etwas verändern, aber was? … John's Gedanken prüften nun, was in seinem Leben unbedingt sein musste, worauf er verzichten konnte, was an seiner Arbeit zu ändern war und wie er sein Image bei seinen Mitmenschen verbessern könnte. … Geld verdienen ist unverzichtbar, obwohl … ich habe eigentlich genug. Die Menge der Arbeit verringern, geht nicht. Sie liegt vor. Wer außer mir soll oder kann mir etwas abnehmen? Ein Assistent vielleicht? Den zahlt die Firma nicht und wenn doch, müsste ich ihn beaufsichtigen. Das bedeutet noch mehr Arbeit. Das Gebiet verkleinern? Dann müsste mein Vertrag geändert oder ich müsste versetzt werden. Die Gebietsaufteilung ist von der Zentrale vorgegeben. Arbeiten einfach mal liegen lassen? Das ist unmöglich. Ich würde sofort an Kompetenz verlieren. Aus dem gleichen Grund kann ich auch keinen Auftrag ablehnen. … Ich müsste anderen etwas zutrauen. Nein, die können das nicht, wie ich es haben will. … Ich müsste freundlicher zu anderen sein. Ja, aber wie? Soll ich vielleicht den ganzen Tag lachen? Warum nicht? Wenn's doch nichts zum Lachen gibt? Soll ich mich verstellen? … Ich muss mehr Ruhe haben, aber wie und wann?! Nein, so bringt das nichts. … -
John Ahus rätselte stundenlang und ging in seinen Erinnerungen noch weiter zurück in seine Programmierer Zeit. … Wie hat alles angefangen? … Null oder eins. Entweder Strom oder nicht. Dann haben wir alles zusammengesucht, was wir an Informationen finden konnten, haben dieses Wissen mit einer Zielvorgabe konfrontiert und dann einen Ablaufplan erstellt, aus dem hervorging, was wann und wie zu machen war. Der Arbeitsablaufplan bestimmt unsere Arbeitszeit … Das brachte John Ahus auf den entscheidenden Weg aus seiner Misere herauszufinden. Er musste die Planung und Organisation seiner Arbeitszeit und seiner Freizeit neugestalten. … Heute Nacht nehme ich mir die Zeit dafür. Da ist schon wieder ein Fehler. Die Nacht ist eigentlich Ruhezeit. … Na ja, das muss sein. …
Am Abend zog sich John bald in sein privates Büro zurück, legte sich einen Stapel Papier zurecht und begann Pläne aufzuschreiben und aufzumalen. Immer wieder verwarf er seine Entwürfe, weil er etwas als unverzichtbar einstufen musste oder weil er etwas vergessen hatte. Mitten in der Nacht stellte er fest, dass sich sämtliche seiner Entwürfe nur auf ihn bezogen. … Es geht doch auch um mich. Iris und die Kinder hatten bestimmt auch Pläne und da weiß Iris Bescheid. Muss ich mich auch noch darum kümmern? Oh, ja ich sollte sie wenigstens kennen. … Dann wird es jetzt aber schwierig, wenn ich die Pläne von vier Köpfen zusammenbauen will. …
John versenkte sich wieder in seine Erinnerungen. … Eine zweifelsfreie Kommunikation der Menschen mit einander ist nur möglich, wenn sie sich der gleichen Sprache bedienen. … Wir sprechen doch alle Deutsch. … Das ist bei den Programmierern genauso. Sie brauchen die gleiche Basis. Nur die Musik wird überall verstanden, weil Melodien in einer Notenschrift verfasst werden, die international gilt. … In der Mathematik gelten ähnliche Regeln. So können z.B. zwei Brüche nur addiert werden, wenn sie einen gemeinsamen Nenner haben. … Aber das würde ja bedeuten, jedes Vorhaben eines Familienmitglieds müsste - wie im Bundestag - diskutiert werden, bis eine Mehrheit entsteht. Das kann es nicht sein, denn die Individualität des einzelnen ginge flöten. … Es sei denn, eine individuelle Entscheidung würde alle anderen tangieren. … Das Diskutieren wäre bald allen zuwider und jeder würde wieder machen, was er will. … Fehler und Fehlentscheidungen würden sich einschleichen. … Also, eine zufriedenstellende Einigung der Individuen ist nur möglich, wenn ein gemeinsamer Nenner da ist. Individuelle Wünsche können dann leicht nach entsprechender Wertigkeit eingebaut werden. … Wenn das gemeinsame Interesse fehlt, muss es neu gesucht werden (nach dem gemeinsamen Nenner), damit die Gemeinschaft als Einheit funktionieren kann. … Endlich hatte John Ahus die Lösung gefunden und beschäftigte sich für den Rest der Nacht damit, den gemeinsamen Nenner zu suchen.
Am nächsten Morgen trommelte er seinen kleinen Familienrat zusammen und begann: „Iris, dein Mann und euer Vater ist zwar erfolgreich, kann aber wegen seiner Rastlosigkeit niemals zufrieden sein. Und das schadet uns allen auf die Dauer.“
Nur Iris zeigte Verständnis, den Kindern standen die Fragezeichen im Gesicht, was denn nun kommen würde.
John fuhr fort: „Wir alle sind erfreulich aktiv in unserem Leben, aber nur jeder für sich. Zugegeben, wir fahren zusammen in Urlaub und wir gehören einem Sportverein an, aber eine dauerhafte Gemeinsamkeit haben wir nicht.“
Wieder war es Iris, die nickte, und die Kinder suchten nach einem Sinn für die auffallend langatmige Rede des Vaters: „Was haltet ihr davon, wenn ich mich anmelde für eine Bootsführerschein Prüfung?“
Iris erklärte den Kindern: „Um ein Auto fahren zu dürfen, braucht man einen Führerschein. Für ein Boot ist das genauso.“
Die Kinder strahlten: „Dann kaufen wir jetzt ein Boot.“
John stammelte ergriffen von der spontanen und erwartungsvollen Atmosphäre: „Vielleicht … äh, ja bestimmt. Aber machen wir doch einen Schritt nach dem anderen. Das Thema, was wir besprechen, betrifft uns alle. Deshalb steht am Ende ein gemeinsames Ziel. Wenn wir den Weg gehen wollen, bedeutet das: Ich muss für mehrere Wochen abends zur Schule gehen. Ich habe viel zu lernen und dabei solltet ihr mir schon helfen. Wenn ich die Prüfung bestanden habe, sitzen wir wieder zusammen und besprechen den nächsten Schritt.“
So kam es, dass John eine Schule in der Nähe suchte und regelmäßig besuchte. Iris bemerkte erstaunt: „Und was machst Du mit deiner Arbeit?“
„Ich habe meine Arbeitszeit neu organisiert und werde es schon schaffen.“
Zu Hause wurde der neue Wissensstoff diskutiert. John unterzog sich Tests mit Erklärungen. Verkehrsregeln, Sicherheit, Wetter, Technik, Gesetzesregeln, Navigation usw. Alle lernten fleißig mit und machten John fit für die Prüfung. Freudestrahlend erschien er nach dem Prüfungswochenende zu Hause: „Ich bin jetzt Kapitän. Ihr dürft Skipper zu mir sagen. Und ihr seid die Mannschaft.“
Manfred fasste sich als erster: „Papa, ich habe einen Bootskatalog und Zeitschriften vom Bootsmarkt besorgt.“
Das Angebot war so vielseitig, dass sie alle am Ende des Tages total verwirrt über die Daten und Bilder auf Hochglanzpapier gedruckt, den Kopf schüttelten. John Ahus beruhigte seine Mannschaft: „Lasst uns doch erst einmal festlegen, ob wir ein Segelboot oder ein Motorboot oder einen Motorsegler haben wollen und vor allen Dingen wie viel Geld wir ausgeben wollen. Dann fahren wir zu einer Werft, deren Chef ich kenne. Dort stehen bestimmt viele Boote auf dem Gelände.“
Gesagt, getan. Alle vier steuerten die Werft an und John begrüßte den Chef: „Herr Fass, wenn Sie schon keinen Computer bei mir kaufen wollen, so wollen wir jetzt ein Boot bei Ihnen erwerben.“
Entspannt führte Herr Fass die vier Neulinge über den Hof. Das Angebot war etwas weniger verwirrend als die Kataloge, aber es war kein Exemplar für die vier so überzeugend, dass sie zugestimmt hätten.
„Herr Fass, dort neben der Halle steht noch ein Boot, das wir nicht gesehen haben“, wollte John wissen.
Der Werfteigner rümpfte unwillig die Nase: „Das ist ein Ausstellungsboot, ein Prototyp ohne Maschine. Es steht eigentlich nicht zum Verkauf.“
John war schon die Leiter hochgeklettert und die Mannschaft hinter ihm her. … Platz für uns alle, Pantry, Kühlschrank, Schiethus …
„Was sagt Ihr dazu?“
Der allgemeinen Überzeugung folgte bald eine freudige Erwartungshaltung bei allen Familienmitgliedern und über den Kaufpreis einigten sie sich bald, so dass die In-Dienst-Stellung im März, als das Wetter wieder aufgegangen war, erfolgen konnte. Die Kinder, Manfred und Sissi übernahmen die Bootstaufe. Zünftig mit dem Taufspruch und der am Anker zerschellenden Sektflasche. Es gab eine kleine Feier am werfteigenen Steg und dann konnte es losgehen.
John Ahus wusste, dass diese Bootstaufe nur ein Abklatsch der für solche Anlässe üblichen
Veranstaltungen sein konnte. Er hatte in einem Buch über maritime Gebräuche von einem Autor, dessen Name er vergessen hatte, gelesen, mit welchem Prunk und Spaß die Boote in die Flotte der Clubs aufgenommen werden. Der Autor beschrieb das in etwa so: Der Neptun wird von irgendwo her auf einem Nachen in den Hafen gerudert. Er steht am Bug, trägt eine weiße Perücke und eine goldene Krone. Um die Schultern fällt ihm ein Fischernetz und darunter ist er von einem weißen Laken verhüllt, wie in einem Büßerhemd. In einer Hand
