Das Dritte Reich des Traums - Charlotte Beradt - E-Book

Das Dritte Reich des Traums E-Book

Charlotte Beradt

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Beschreibung

Charlotte Beradt, die als Journalistin in Berlin arbeitete, wurde ab 1933 nicht mehr beschäftigt, floh 1939 nach England und 1940 weiter nach New York. Charlotte Beradt sammelte Träume, die zwischen 1933 und 1939 geträumt wurden, und befragte dazu Menschen ihrer Umgebung: Schneiderin, Nachbar, Tante, Milchmann, den befreundeten Unternehmer, den Arzt … Fünfzig „von der Diktatur diktierte Träume“ hat sie in ihren 1966 erstmals erschienenen Klassiker der Traumdokumentation aufgenommen. Eine erste Auswahl, 1943 in einer amerikanischen Zeitschrift erschienen, begann mit den Sätzen:

„Ich erwachte schweißgebadet, mit zusammengebissenen Zähnen. Wieder, wie in zahllosen Nächten davor, war ich in einem Traum von einem Ort zum nächsten und immer weiter gejagt worden – angeschossen, gefoltert, skalpiert. Aber in dieser Nacht kam mir in den Sinn, daß ich wohl nicht die einzige unter Abertausenden war, die durch die Diktatur zu solchen Träumen verurteilt wurde. Was meine Träume beherrschte, mußte auch ihre beherrschen – atemlose Flucht über Felder, Versteck auf schwindelerregend hohen Türmen, Sichverkriechen in Gräbern, die SS-Männer stets auf den Fersen. Ich begann, andere Leute nach ihren Träumen zu befragen.“

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Seitenzahl: 170

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Charlotte Beradt, Journalistin in Berlin, floh 1939 nach England und 1940 weiter nach New York. Sie sammelte Träume, die zwischen 1933 und 1939 geträumt wurden, und befragte dazu Menschen ihrer Umgebung. Fünfzig solcher »von der Diktatur diktierter Träume« hat sie in ihren 1966 erstmals erschienenen Klassiker der Traumdokumentation aufgenommen.

Charlotte Beradt, geboren 1907 in Forst (Lausitz), gestorben 1986 in New York, gab Schriften von Rosa Luxemburg und Paul Levi heraus. 1969 veröffentlichte sie die Biographie Paul Levi. Ein demokratischer Sozialist in der Weimarer Republik.

 Barbara Hahn, geboren 1952, Professorin für Germanistik an der Vanderbilt University (Nashville/Tennessee), lebt in Nashville und Berlin. Im Suhrkamp Verlag erscheint ihr Essay

Charlotte BeradtDas Dritte Reich des Traums

Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Barbara Hahn

1966 Erstveröffentlichung in der Nymphenburger Verlagshandlung, München. 1981 und 1994 als suhrkamp taschenbuch mit einem Nachwort von Reinhart Koselleck erschienen.

Für die vorliegende Ausgabe hat Barbara Hahn den Text kommentiert, mit einem Nachwort versehen und durch einen Aufsatz Charlotte Beradts aus dem Jahr 1943 ergänzt.Foto Seite 2: © Deutsches Literaturarchiv Marbach

1966 Erstveröffentlichung in der Nymphenburger Verlagshandlung, München.

1981 und 1994 als suhrkamp taschenbuch mit einem Nachwort von Reinhart Koselleck erschienen.

Für die vorliegende Ausgabe hat Barbara Hahn den Text kommentiert, mit einem Nachwort versehen und durch einen Aufsatz Charlotte Beradts aus dem Jahr 1943 ergänzt.

Foto: © Deutsches Literaturarchiv Marbach

eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2016

Der vorliegende Text folgt der Erstausgabe, 2016.

© Suhrkamp Verlag Berlin 2016

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung, des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile.

Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

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Umschlaggestaltung: Konzept von Willy Fleckhaus

eISBN 978-3-518-74763-6

www.suhrkamp.de

 Das Dritte Reich des Traums

Inhalt

1. KapitelDas Dritte Reich des Traums – Entstehungsgeschichte

2. KapitelDer Umbau der Privatperson oder »Das wandlose Leben«

3. KapitelBürokratische Greuelmärchen oder »Ich finde an nichts mehr Freude«

4. KapitelDer Alltag in der Nacht oder »Damit ich mich selbst nicht verstehe«

5. KapitelDer Nicht-Held oder »Und sage kein Wort«

6. KapitelDer Chor oder »Da kann man nichts machen«

7. KapitelDoktrinen machen sich selbständig oder»Die Dunkelhaarigen im Reich der Blonden«

8. KapitelHandelnde Personen oder »Man muß nur wollen«

9. KapitelVerhüllte Wünsche oder »Endstation Heil«

10. KapitelOffene Wünsche oder »Den wollen wir dabeihaben«

11. KapitelTräumende Juden oder »Wenn nötig, mache ich dem Papier Platz«

Nachbemerkung

Charlotte Beradt Träume unter der Diktatur

Barbara Hahn»Ein kleiner Beitrag zur Geschichte des Totalitarismus« Nachwort

Anmerkungen

1. KapitelDas Dritte Reich des Traums –Entstehungsgeschichte

Im Traum, des Gesichts in der Nacht,

wenn der Schlaf auf die Leute fällt, wenn sie schlafen

auf dem Bette, da öffnet er das Ohr der Leute

und schreckt und züchtiget sie.1

Hiob

Der einzige Mensch, der in Deutschland

noch ein Privatleben führt, ist jemand, der schläft.2

Robert Ley, NS-Reichsorganisationsleiter

Herr S., der etwa sechzigjährige Besitzer einer mittelgroßen Fabrik, träumte am dritten Tag nach Hitlers Machtergreifung einen Traum, in dem er gebrochen wurde, obwohl er physisch unangetastet blieb. Was spätere Untersuchungen von Politologen, Soziologen und Medizinern als das Wesen und die Wirkung totaler Herrschaft auf den Menschen definieren sollten, schilderte er in einem kurzen Traum so genau und subtil, wie er es wachend nicht vermocht hätte. Er träumte:

»Goebbels kommt in meine Fabrik. Er läßt die Belegschaft in zwei Reihen, rechts und links, antreten. Dazwischen muß ich stehen und den Arm zum Hitlergruß heben. Es kostet mich eine halbe Stunde, den Arm, millimeterweise, hochzubekommen. Goebbels sieht meinen Anstrengungen wie einem Schauspiel zu, ohne Beifalls-, ohne Mißfallensäußerung. Aber als ich den Arm endlich oben habe, sagt er fünf Worte: ›Ich wünsche Ihren Gruß nicht‹, dreht sich um und geht zur Tür. So stehe ich in meinem eigenen Betrieb, zwischen meinen eigenen Leuten, am Pranger, mit gehobenem Arm. Ich bin körperlich dazu nur imstande, indem ich meine Augen auf seinen Klumpfuß hefte, während er hinaushinkt. Bis ich aufwache, stehe ich so.«

Herr S. war ein aufrechter, selbstbewußter, fast despotischer Mann. Seines langen Lebens Wert und Inhalt war sein Betrieb, in dem er – selbst Sozialdemokrat – manchen alten Parteigenossen seit zwanzig Jahren beschäftigte. Man kann, was ihm im Traum angetan wird, summarisch seelische Folter nennen, wie ich es spontan tat, als er mir seinen Traum 1933, einige Wochen, nachdem er ihn gehabt hatte, erzählte. Wenn man aber jetzt, im Rückblick mit geschärften Augen, die Begriffe Selbstentfremdung, Entwurzelung, Isolierung, Identitätsverlust und Brechung der Lebenskontinuität (die heute bereits ins Alltagsvokabularium überzugehen drohen und mit denen andererseits so viel Mythologisierung getrieben wird) in dem Traum des Fabrikbesitzers sucht, finden sie sich alle in klaren, nachtwandlerisch klaren Bildern. Er muß sich in seinem Betrieb, mit dem er identisch ist, entwürdigen und entwerten; er muß es vor seinen Angestellten tun, als deren väterlicher Herr, aber Herr sich zu fühlen den stärksten Teil seines Lebensgefühls darstellt, die aber auch seine lebenslängliche politische Gesinnung vertreten. Das reißt die Wurzeln aus dem selbstgeschaffenen Boden, beraubt ihn der Identität und sein Dasein der Kontinuität. Es macht ihn sich selbst fremd, indem es ihn nicht nur von den Fakten seines Lebens isoliert, sondern vom eigenen Charakter, der seine Authentizität verliert.

Hier träumte also ein Mann direkt aus seiner Existenz heraus – einigen Tagen Existenz während der »Machtübernahme«, eines aktuellen politischen Ereignisses – politisch-psychologische Phänomene. Er träumte sie so exakt, daß er sogar beide Formen der Entfremdung, die von der Umwelt und die vom eigenen Selbst, die oft gleichgesetzt oder verwechselt werden, in seinem Traum darstellt. Und er kommt zu einem exakten Schluß: daß sein Gleichschaltungsversuch vor den Augen aller, seine öffentliche Schande sich nur als Initiationsritus in die totale Welt herausstellt, als politischer Kunstgriff, als kalt-zynisches Menschenexperiment durch die Staatsgewalt zum Zwecke der Willensbrechung. Daß er ohne Anstand zugrunde geht, aber auch ohne Zweck und Sinn, macht den Traum des Fabrikbesitzers zur vollkommenen Parabel der Herstellung des totalen Untertans. Wenn er schließlich dasteht, unfähig, den einmal gehobenen Arm wieder herunterzubekommen, in kleinlicher Rache auf den Klumpfuß des Gewalthabers blickend, um sich auf den Füßen zu halten, ist sein Selbst methodisch und mit den modernsten Mitteln demoliert worden wie ein unmodernes Haus, das einem neuer Ordnung Platz machen muß. Doch was ihm zustößt ist zwar traurig, aber keine Tragödie, entbehrt sogar nicht des Possenhaften; ist nicht individuelles Geschick, sondern typisches Geschehen im Zuge des Prozesses der Umwandlung, der an ihm vorgenommen wird: er ist nicht einmal zum Nicht-Helden, er ist zur Nicht-Person geworden.

Dieser Traum hat den Fabrikbesitzer nicht losgelassen. Er hat ihn immer wieder geträumt, jedesmal mit neuen beschämenden Einzelheiten versehen. »Der Schweiß strömt mir bei der Anstrengung, den Arm zu heben, übers Gesicht und sieht aus wie Tränen, als ob ich vor Goebbels weine.« – »Ich suche Trost auf den Gesichtern meiner Leute und finde nicht einmal Hohn und Verachtung, nur Leere.« Einmal waren die Ausdrucksmittel seines Traums vernichtend deutlich, nahezu pamphletistisch: beim halbstündigen Versuch, den Arm zu heben, brach ihm das Rückgrat.

Daraus soll nicht gefolgert werden, daß der Fabrikbesitzer durch einen Traum ein gebrochener Mann geworden sei, oder umgekehrt, daß er so träumte, weil er gebrochen war. Er blieb ein freier, verhältnismäßig mutiger, wenn auch unter der Situation leidender Mensch, und in seinem Betrieb hatte er auf lange Zeit keine Schwierigkeiten. Aber der Traum – kein Rückzug in die pathologische Welt der Zwangsvorstellungen, wie oft er ihn auch wiederholte, sondern Ausdruck des sich gerade etablierenden Zwanges, der ihn umgab, dessen Grundphänomene er nicht kannte, aber ahnte und im Traum logisch weiterdachte – hatte sich ihm tief eingeprägt, »eingekerbt«, wie er sich ausdrückte. Als er ihn mir in einem politischen Gespräch berichtete, lief sein Gesicht rot an, seine Stimme zitterte.

Ein Zeuge für Träume dieser Art und ihre Wirkung auf den Träumer ist Paul Tillich, der sie monatelang, nachdem er Deutschland 1933 verlassen hatte, träumte. »Ich bin aufgewacht mit dem Gefühl, daß unser ganzes Dasein verändert werde. Im bewußten Wachen glaubte ich, daß wir dem Schlimmsten entgehen könnten, aber mein Unterbewußtes wußte es besser.«3

Der Traum des Fabrikbesitzers – wie soll man ihn nennen? »Vom gehobenen Arm« »Vom Umbau des Menschen« –, der direkt aus der Werkstatt des totalen Regimes zu kommen schien, wo der Mechanismus seines Funktionierens erzeugt wird, festigte in mir einen Gedanken, den ich schon flüchtig gehabt hatte: daß Träume wie dieser nicht verlorengehen sollten. Sie könnten zur Evidenz gehören, wenn dem Regime als Zeitphänomen einmal der Prozeß gemacht würde, denn sie schienen voller Aufschlüsse über die Affekte und Motive von Menschen während ihrer Einschaltung als Rädchen in den totalen Mechanismus. Wer sich hinsetzt und ein Tagebuch schreibt, tut das willentlich, formt, klärt und trübt beim Schreiben. Aber Träume dieser Art, Nachtbücher gleichsam, schienen zwar die Wirkung äußeren politischen Geschehens im menschlichen Innern minuziös aufzuzeichnen wie ein Seismograph, doch sie stammten aus einer unwillentlichen psychischen Tätigkeit. So könnten Traumbilder die Struktur einer Wirklichkeit deuten helfen, die sich gerade anschickte, zum Alptraum zu werden.

Ich fing also an, von der Diktatur diktierte Träume zu sammeln. Das war nicht ganz einfach, weil mancher sich ängstigte zu erzählen, was er sich hatte träumen lassen; ich stieß sogar auf den Traum »Es ist verboten zu träumen, und doch träume ich« in fast gleicher Form ein halb dutzendmal.

Ich fragte Menschen meiner Umgebung nach ihren Träumen. Nutznießer des Regimes oder begeisterte Jasager waren mir schwer zugänglich und ihre inneren Reaktionen in dem beabsichtigten Zusammenhang ohnehin nicht aufschlußreich. Ich fragte Schneiderin, Nachbar, Tante, Milchmann, Freund, fast immer ohne Preisgabe des Zweckes, denn ich wollte möglichst ungefärbte Antworten.

Oft öffnete mein Modelltraum, der des Fabrikbesitzers, Zögernden den Mund. Manchen war es ähnlich gegangen wie ihm. Sie hatten einen aktuellen politischen Traum gehabt, der sich ihnen tief eingeprägt hatte und den sie ohne weiteres verstanden hatten. Andere waren naiver und sich über die Bedeutung ihres Traumthemas nicht im vollen Umfange klar. Verständnis wie Wiedergabe des Traums hingen natürlich auch von der Intelligenz und dem Bildungsgrad des einzelnen Träumers ab. Aber ob junges Mädchen oder alter Mann, ob Arbeiter oder Akademiker – bei aller Verschiedenheit der Ausdrucksfähigkeit, des Gedächtnisses tauchten in ihren Träumen Elemente der Beziehungen zwischen totalem Regime und Mensch auf, die damals noch nicht formuliert waren, wie im Fabrikbesitzertraum das Phänomen der Brechung der Person.

Daß die Bilder der Träume, die ich gesammelt habe, zuweilen vom Träumer retuschiert worden sind, bewußt oder unbewußt, versteht sich. Bei Traumwiedergaben hängt erfahrungsgemäß viel davon ab, wann der Traum notiert wird, ob gleich in der Nacht; in diesem Fall – der bei manchen meiner Beispiele vorliegt – hat er den stärksten Dokumentcharakter. Wird er erst später notiert oder einfach nach der Erinnerung berichtet, wirken bereits mehr Vorstellungen des wachen Bewußtseins bei seiner Formulierung mit. Aber abgesehen davon, daß es auch interessant ist, wieviel dies wache Bewußtsein »wußte« und aus den Bildern der realen Umgebung ergänzte: diese aktuell-politischen Träume waren besonders intensiv, verhältnismäßig unkompliziert, wenig sprunghaft, da sie ja eindeutig determiniert waren; ihr Material war meist zusammenhängend, anekdotisch, ja dramatisch geordnet; daher waren sie leicht behaltbar. Und sie waren ja auch – entgegen der allgemeinen Tendenz, Träume, und besonders quälende Träume, zu vergessen – behalten worden, spontan und ohne Nachhilfe. (So gut behalten, daß etliche mit den gleichen einleitenden Worten »Ich werde das nie vergessen« erzählt wurden; und in der Tat wurden mir nach meinen ersten Veröffentlichungen über dieses Thema4 einzelne zehn und zwanzig Jahre zurückliegende, offenbar unvergeßbare Träume berichtet, die ich im Text kennzeichnen werde.)

Meine Sammeltätigkeit erstreckte sich bis 1939, dem Jahr, in dem ich Deutschland verließ. Übrigens unterschieden sich die Träume aus dem Jahr 1933 nicht sehr von denen aus späteren Jahren. Meine aufschlußreichsten Beispiele stammen aber aus der ersten Zeit des noch leisetretenden Regimes, aus seinem Urzustand.

Einige Freunde, die von meinem Plan wußten, halfen mir, fragten und notierten; mein wichtigster Helfer war ein Arzt, der einen weiten Kreis von Patienten überblickte und unauffällig fragen konnte. Da einschließlich des aus zweiter und dritter Hand kommenden Traummaterials über dreihundert Personen erfaßt worden sind, darf man nach den Prinzipien der Meinungsforschung darauf schließen, daß vom Dritten Reich eine große Zahl von Menschen zu ganz ähnlichen Träumen verurteilt worden sind.

Die Träume, die ich – erzählt oder niedergeschrieben – erhielt, maskierte ich, wenn ich sie auf- oder abschrieb, so gut ich es verstand. Ich sagte etwa Familie für Partei; Onkel Hans, Gustav, Gerhard für Hitler, Göring, Goebbels; Grippe für Verhaftung und versteckte diese seltsam klingenden Familiengeschichten – ohne Hoffnung, daß die kümmerliche Verkleidung im Ernstfall halten würde, aber was hielt schon im Ernstfall – am Anfang in einer umfangreichen Bibliothek, im Rücken einzelner Bücher. Später sandte ich sie als Briefe an verschiedene Adressen in verschiedene Länder, wo sie auf mich warteten, bis ich selbst ins Ausland gehen mußte.

Mit dem Titel »Dreams under Dictatorship – Träume unter Diktatur« veröffentlichte ich eine kleine Auswahl aus meinem Material während des Krieges in einer Zeitschrift;5 das ganze Material auszuwerten war mir damals, durch äußere Umstände, nicht möglich.

Heute begrüße ich es, daß ich mein Material erst zu einem Zeitpunkt zusammengestellt und bearbeitet habe, an dem das zeitgeschichtliche Beobachtungsmaterial – Fakten, Berichte, Dokumente – vorlag, wie die sich darauf stützenden wissenschaftlichen Arbeiten und Erkenntnisse, mit deren Hilfe ich versuchen konnte, auf einem neuen Wege, dem der Traumdokumentation, psychologische Reaktionen und typische Verhaltensweisen von Individuen, die unmittelbare Wirkung totaler Herrschaft auf den einzelnen Beherrschten, zu zeigen.

Alle Träume von körperlicher Gewalt, von physiologischer Angst, ließ ich unberücksichtigt, auch die extremsten. Träume, die anfingen: »Ich erwachte in Schweiß gebadet, wieder einmal war ich, wie in zahllosen Nächten, beschossen, gemartert, skalpiert worden – war blutüberströmt wie rasend geflüchtet, mit ausgeschlagenen Zähnen, immer die SA auf den Fersen« waren sehr zahlreich; selbst unter den Jasagern gibt es wohl nicht wenige, die sie nicht gelegentlich geträumt haben. Aber neu waren sie nicht, oder höchstens der Zahl nach. »Macbeth mordet den Schlaf«6 – das haben Tyrannen und Gewalt stets getan, darum ging es nicht. Grausige Träume, die nicht allein in den inneren Spannungen hochempfindlicher Individuen (Dichter wie Hebbel und Lichtenberg haben Höllenträume geträumt)7 ihren Ursprung haben, oder bei Durchschnittsmenschen in einer bedrohlichen persönlichen Lebenssituation, sondern aus einer bedrohlichen Kollektivsituation stammen, hat es in jeder Zeit gegeben. Nehmen wir eine sehr häufige Kollektivsituation, den Krieg. Es gibt erhaltene Angstträume aus vielen Kriegen, aber da Menschen und der Ausdruck ihrer Ängste ähnlich bleiben, läßt sich oft schwer feststellen, aus welchem sie stammen, außer daß in Träumen aus Kriegen der Neuzeit die modernen Waffen und ihre Wirkungen in dem Übermaß auftauchen, in dem die Bevölkerung ihnen ausgesetzt war. Und selbst wenn in einem Traum aus dem Ersten Weltkrieg jemand seine Schrecken symbolisiert, wenn er träumt, daß erfrorene Gefangene auf einer Stange hängen und das hungrige Volk mit dem Messer herbeieilt und sich aus ihren Körpern die besten Stücke für den Kochtopf herausschneidet, könnte dieser Traum genausogut, besser vielleicht, aus dem Dreißigjährigen Krieg stammen, wäre nicht als Ort der Traumhandlung die Berliner Stadtbahn angegeben.8

Aber welche Ereignisse und welche Epoche den sehr verschiedenartigen Träumen, die ich in den Jahren 1933 bis 1939 sammelte, zugrunde liegen, darüber könnte man nicht im Zweifel sein, selbst wenn man es nicht im vorhinein wüßte. Zeit und Raum ihrer Entstehung sind ohne weiteres klar: sie können nur aus der paradoxen Existenz unter einem totalitären Regime im zwanzigsten Jahrhundert herrühren, die meisten spezifisch aus der Existenz unter dem Hitlerregime in Deutschland.

Da es in diesem zwanzigsten Jahrhundert schwer ist, Träume wiederzugeben, ohne die psychologische Traumforschung zu streifen,9 muß an dieser Stelle folgendes eingefügt werden: Unsere Träumenden setzen sich nicht mit Konflikten in ihrem privaten Bereich auseinander, schon gar nicht mit denen der Vergangenheit, die ihre Person etwa krank gemacht hätten, sondern mit Konflikten, in die der öffentliche Raum mit seiner durch halbe Kenntnisse und halbe Ahnungen, Fakten und Gerüchte und Vermutungen gestauten Erregung sie getrieben hat. Diese Träume handeln zwar von gestörten menschlichen Beziehungen, aber durch die Umwelt gestörten. Dieser »Bund des Traums mit dem Wachen«,10 diese »durchsichtigen Scheinträume«11 (mit Jean Pauls Worten) haben ihre Wurzeln direkt im Boden der die Träumer umgebenden politischen Gegenwart, aus dem sie wachsen und wuchern. Sie sind nahezu Bewußtseinsträume. Ihr Hintergrund ist nicht nur nicht unsichtbar, er ist weithin sichtbar. Was auf ihrer Oberfläche liegt, liegt ihnen zugrunde. Keine Fassade verbirgt Zusammenhänge, und niemand muß die Herstellung der Beziehungen zwischen Traumeinfall und Existenz für den Träumer leisten; er leistet sie selbst im Traum.

Auch die Träumenden dieser Art brauchen Bilder, deren Symbole man jedoch nicht zu klären, deren Allegorien man nicht zu deuten hat; höchstens kann man ihre Verschlüsselungen dechiffrieren. Sie wählen Verkleidungen und Verpuppungen, die so leicht sind wie in der Karikatur, wie im Kabarett, tragen Masken, hinter denen sie kenntlich bleiben wie im Karneval.

Es ist also durchaus keine Prophetie, was oft so aussieht. Ihre Metaphern werden wahr, weil unsere Träumer, mit durch Angst und Abscheu geschärfter Sensibilität in der Überfülle der Tagesereignisse, die sie nicht mildtätig umträumen oder transzendieren, Symptome wahrnehmen, die kaum wahrnehmbar sind. Wohl muten ihre Träume an wie ein Mosaik – oft surrealistisch zusammengesetzt –, aber seine einzelnen Steinchen entstammen der Realität des Dritten Reiches. Das gibt das Recht, sie als Beiträge zur Psychologie der Struktur totaler Herrschaft zu interpretieren, sie anzuwenden auf die konkreten Situationen, die sie erhellen, und beiseite zu lassen, welche individuell-psychologischen Aspekte sie enthalten mögen. (Bekanntlich haben Vertreter der psychologischen Traumschulen – Bettelheim12 z. ‌B. – im extremsten Zustand des totalitären Staates, den Konzentrationslagern, staunend festgestellt, wie wenig anwendbar ihre Theorien dort waren.)

Wir haben also in diesen Träumen – auf dem Hintergrund einer sich verzerrenden Umwelt und sich auflösender Werte – irreale Realität, eine Mischung zwischen Denken und Kombinieren, rationale Details in phantastische Zusammenhänge gebracht und damit nicht zusammenhangloser, sondern zusammenhängender gemacht, Doppeldeutiges trotz Deutbarkeit, Untergründiges und Abgründiges in den Alltag eingefügt. Daß sich das anhört wie Bemerkungen zur modernen Kunst aller Disziplinen, ist nicht erstaunlich angesichts der Rolle, die der Traum, selbst der Alptraum, als Kunstmittel in unserem Jahrhundert spielt. Wie sehr aber die Ausdrucksmittel der damals Träumenden, wenn sie ihre Gegenwart untersuchen, übereinstimmen mit den Mitteln, die den heute Schreibenden zur Klärung der Vergangenheit dienen, der sie mit realistischen Mitteln nicht beikommen können, ist erstaunlich.

Von Kafkas Parabeln13 ist oft gesagt worden, daß sie sich auf den totalitären Zustand anwenden ließen. Im gleichen Sinne kann man von diesen Träumen sagen, daß sie sich auf wichtige Erzeugnisse der Literatur über das Dritte Reich anwenden lassen, deren Quelle man hier zu sehen meint, auch in der Form. Wollte man eine Auswahl der wohlorganisierten, dramatisierten unter diesen Träumen veröffentlichen, etwa unter dem Titel »Fragmente der zehn Träumenden«, sie könnten in ihrer geordneten Unordnung, mit der sie detaillierte Kenntnisse über äußere Vorgänge und innere Abläufe charakterisieren, in der Gegenwartsliteratur durchaus bestehen. Die Träumenden, im Kampf um eine Ausdrucksform für das Unausdrückbare, verwischen die Grenzen zwischen Tragik und Komik, geben ihre leicht verfremdeten Berichte über Zeitphänomene in Parabeln, Parodien, Paradoxen, reihen Situation an Situation in Momentaufnahmen, in Skizzen, aus denen das Echo des Tages schaurig laut, schaurig leise, radikal vereinfacht, radikal übertrieben widerhallt.

Aber in welcher Form die Träumer, »wenn sie schlafen auf dem Bette«,14 auch den roten Faden weiterspinnen, den sie im Labyrinth der politischen Gegenwart gesehen haben und der sich ihnen um den Hals zu schlingen droht – ihre Vorstellungskraft geht weit. Der Naziführer, der sagte, im Dritten Reich führe man nur im Schlaf ein Privatleben,15 hat die Möglichkeiten des Dritten Reichs unterschätzt: der werdende totale Untertan, der hier mit seiner Traumleistung sprechen soll, hat es klarer gesehen – »im Traum, des Gesichts in der Nacht«.16

2. KapitelDer Umbau der Privatperson oder»Das wandlose Leben«

I will show you fear in a handful of dust.17

T. ‌S. Eliot

Totale Herrschaft wird wahrhaft total in dem Augenblick – und sie pflegt sich dieser Leistung auch immer gebührend zu rühmen –, wenn sie das privatgesellschaftliche Leben der ihr Unterworfenen in das eiserne Band des Terrors spannt.18

Hannah Arendt

Verordnungen, Bestimmungen, Gesetze – Vorgeschriebenes und Vorgedachtes – die augenfälligsten Realitäten des totalen Regimes dringen als erste in die Träume der Regierten; der bürokratische Behörden- und Beamtenapparat ist ein grotesk makabrer Traumheld par excellence.