Das dunkle Netz des Todes - Sybille Schrödter - E-Book
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Das dunkle Netz des Todes E-Book

Sybille Schrödter

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Beschreibung

Wenn Vertrauen tödlich endet: der fesselnde Kriminalroman „Das dunkle Netz des Todes“ von Sybille Schrödter jetzt als eBook bei dotbooks. Sie glaubte an seine Unschuld, sie kämpfte für ihn – und muss nun mit der Schuld leben: Strafverteidigerin Anne Brink hat einen Mörder vor dem Gefängnis bewahrt. Klebt das Blut seines jüngsten Opfers darum auch an ihren Händen? Um den Schatten der Vergangenheit zu entkommen, zieht Anne aus der Großstadt in die Provinz. Doch auch hier findet sie keinen Frieden, denn im beschaulichen Arnsberg häufen sich rätselhafte Todesfälle. Anne weiß, dass es besser für sie wäre, einen weiten Bogen darum zu machen. Trotzdem lässt sie sich überreden, einen Tatverdächtigen zu verteidigen. Sagt er ihr die Wahrheit? Es gibt nur einen Weg, das herauszufinden … Jetzt als eBook kaufen und genießen: „Das dunkle Netz des Todes“ von Sybille Schrödter. Wer liest, hat mehr vom Leben! dotbooks – der eBook-Verlag.

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Seitenzahl: 440

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Über dieses Buch:

Sie glaubte an seine Unschuld, sie kämpfte für ihn – und muss nun mit der Schuld leben: Strafverteidigerin Anne Brink hat einen Mörder vor dem Gefängnis bewahrt. Klebt das Blut seines jüngsten Opfers darum auch an ihren Händen? Um den Schatten der Vergangenheit zu entkommen, zieht Anne aus der Großstadt in die Provinz. Doch auch hier findet sie keinen Frieden, denn im beschaulichen Arnsberg häufen sich rätselhafte Todesfälle. Anne weiß, dass es besser für sie wäre, einen weiten Bogen darum zu machen. Trotzdem lässt sie sich überreden, einen Tatverdächtigen zu verteidigen. Sagt er ihr die Wahrheit? Es gibt nur einen Weg, das herauszufinden …

Über die Autorin:

Sybille Schrödter ist Juristin, Kabarettistin, Sängerin, Roman- und Drehbuchautorin – und so wenig, wie sie sich auf einen einzelnen Beruf festlegen lassen will, ist sie bereit, sich nur in einem Genre zu bewegen: Sie schreibt Kriminalromane und Thriller (»Weil mich menschliche Abgründe faszinieren«), historische Roman (»Weil es ein Vergnügen ist, in lang vergangenen Zeiten auf die Suche nach starken Frauenfiguren zu gehen«) und – unter verschiedenen Pseudonymen – Familiensagas und Liebesgeschichten (»Weil: All you need is love«). Sybille Schrödter lebt in Hamburg.

Die Autorin im Internet: www.sybilleschroedter.de

Bei dotbooks veröffentlicht Sybille Schrödter die Kriminalromane Das dunkle Netz des Todes und Was letzte Nacht geschah und die historischen Romane Die Lebküchnerin, Das Erbe der Lebküchnerin und Die Minnesängerin.

***

Überarbeitete eBook-Neuausgabe August 2018

Dieses Buch erschien bereits 2006 unter dem Titel Das Engelstor zur Hölle bei Ullstein.

Copyright © der Originalausgabe 2006 Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin

Copyright © der überarbeiteten Neuausgabe 2018 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design, München, unter Verwendung von Bildmotiven von shutterstock.com/kirolov alexey, shutterstock.com/Marcin Perkowski und schutterstock.com/andreine88

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (ts)

ISBN 978-3-96148-304-4

***

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Sybille Schrödter

Das dunkle Netz des Todes

Kriminalroman

dotbooks.

Prolog

Dieser Tag war zu schön, um zu sterben, dachte sie, während am Horizont die Sonne unterging. So ein ergreifendes Naturschauspiel hatte sie lange nicht mehr gesehen.

Die junge Frau umfasste die Hand ihres Freundes noch fester. Sie war die treibende Kraft, aber in dem Augenblick, als sie an das Geländer der Brücke traten, kamen ihr Zweifel. Sie konnte vor lauter Panik ja nicht einmal nach unten sehen zur Autobahn, auf der sie in wenigen Augenblicken sterben würde, zu dem harten Asphalt, der ihr die Knochen brechen würde. Von dort drang das gleichmäßige Rauschen des sich langsam auflösenden Feierabendverkehrs zu ihnen hinauf. Einige der Autos würden sicher ausweichen oder bremsen – andere ungerührt über ihre zerschlagenen Körper rasen.

Sollte es tatsächlich das letzte Mal sein, dass sie die untergehende Sonne sehen durfte? Wollte sie wirklich dort unten enden?

NEIN!, schrie alles in ihr. Es musste einen anderen Ausweg geben. Es musste!

»Und wenn wir einfach abhauen?«, fragte sie mit bebender Stimme.

»Ich weiß nicht.«

So war er. Er wusste nie etwas. Er tat immer, was sie wollte. Ihr zuliebe wollte er sterben. Hand in Hand, hatte sie gesagt. Wir lassen einander nicht los, bis... Aus Liebe, aus lauter Liebe. Er wollte nicht ohne sie leben. Darin waren sie sich einig. Keinen Tag mehr ohne einander! Warum wollte das niemand verstehen? Warum wollte man sie zwingen, einen Mann zu heiraten, den sie nicht wollte – einen alten Greis, der sie in sein Bett zwingen würde? Sie erzitterte vor Ekel.

Aber was, wenn sie einfach Hand und Hand fortgingen? Ans Ende der Welt, wo ihre Brüder sie nicht finden würde?

»Lass uns gehen«, flüsterte sie.

Er widersprach ihr nicht, sondern blickte sie nur mit einer Mischung aus Bewunderung und Erstaunen an.

Doch dann erstarrte er.

Er sah aus, als hätte er einen Geist erblickt.

Sie fuhr herum. Ihre Augen weiteten sich vor Entsetzen, als sich ihnen die Gestalt in Schwarz näherte. Nicht nur seine Kleidung war schwarz, die Jacke, die Schuhe, die Hose, die Handschuhe, sondern auch sein Gesicht. Er trug eine Sturmhaube, die nur einen winzigen Schlitz für eine Sonnenbrille frei ließ, hinter der er seine Augen verborgen hatte.

Der vermummte Herr. Wie hatte sie das vergessen können? Sie hatten sich doch verabredet. Er hatte seine Hilfe angeboten. Für den Fall, dass sie sich nicht traute zu springen, weil sie doch Höhenangst hatte.

Sie öffnete den Mund, aber es kam kein Laut über ihre trockenen Lippen. Ob er ihnen übelnehmen würde, dass er umsonst gekommen war? Sie zitterte am ganzen Körper. Der Mann, der doch ihr Freund sein sollte, ihr Verbündeter, kam bedrohlich schnell näher und machte ihr Angst. Und … und da war noch etwas anderes. Obwohl er alles von sich hinter einer schwarzen Wand verborgen hatte, war er kein Fremder. Irgendetwas an ihm kam ihr bekannt vor.

»Wir haben uns das noch mal überlegt«, stieß sie mit heiserer Stimme hervor. Sie presste sich an ihren Freund, fühlte die Wärme seiner Hand in ihrer, das leichte Zittern seiner Schulter, und fühlte einen Funken Zuversicht. »Wir wollen nicht …«

Wie aus dem Nichts tauchte plötzlich eine Waffe in der Hand des Vermummten auf, die er wortlos auf sie richtete.

Nein, wollte sie schreien, aber das Wort blieb ihr im Halse stecken. Der Vermummte redete nicht, sondern machte ein Zeichen, dass sie endlich springen sollten.

Sie fühlte sich wie gelähmt.

Plötzlich stand ihr Freund vor ihr. Er, der nie eine Entscheidung hatte treffen wollen, hatte sich ohne nachzudenken vor sie geschoben, genau in dem Moment, als der Vermummte sie erreichte.

Sie wollte widersprechen, aber ihr Mund war so trocken, dass sie keinen Ton hervorbrachte.

Dann ging alles schnell.

Der Vermummte packte ihn bei einer Schulter, trat ihm brutal die Beine weg – und schleuderte ihn über die Brüstung!

Sie hörte einen dumpfen Aufprall, der sie im Magen traf wie ein Fausthieb, dann kreischende Bremsen, Hupen. Der Vermummte sah regungslos hinunter, als müsste er sich vergewissern, dass er wirklich mit zerschmetterten Gliedern dort unten lag.

Sie wollte schreien, aber es drang immer noch kein Ton aus ihrem Mund. Aber das Entsetzen hatte sie aus ihrer Erstarrung gerissen. Sie überlegte nicht lange, sondern rannte in den Wald. Das Blut hämmerte durch ihre Adern, ihre Lunge brannte, aber endlich, endlich kam wieder ein Ton aus ihrem Mund. Sie schrie und schrie um ihr Leben, ein Ast schlug ihr hart ins Gesicht, sie stolperte über einen Stein, schlug hart auf ihre Knie, rappelte sich wieder auf und humpelte weiter, immer tiefer in den Wald hinein, bis sie erschöpft innehielt.

Plötzlich war alles still.

Unendlich still, bis auf ihr klopfendes Herz und das Rauschen in ihren Ohren.

Sie sah sich panisch um. Sie war ihm entkommen.

Mit zittrigen Fingern holte sie ihr Telefon aus der Tasche und tippte wahllos auf eine Nummer. Es war egal, wen sie erreichte, Hauptsache, sie fiel nicht in die Hände des Irren.

»Guten Tag, das ist der Anschluss von …« Es meldete sich die Stimme ihrer Lehrerin. Es war nur eine Ansage. Egal! »Hallo, hallo …«

Doch weiter kam sie nicht, weil sie mit Gewalt zu Boden gestoßen wurde. Brutale Hände griffen nach ihr .

Sie öffnete den Mund, um zu schreien, doch sie spürte, wie er ihr kalten Stahl in den Mund schob.

»Ich bin doch bei dir. Keine Angst, Liebes.«

Die letzten Worte, die sie in ihrem Leben hörte.

***

Er wäre gern länger bei ihr geblieben, hätte ihr noch ein Bett im Moos bereitet, aber das schien ihm zu gefährlich. Das Telefon war ihr aus der Hand gefallen. Er nahm es an sich. Konnte er wissen, wen sie angerufen und was sie alles gesagt hatte? Die Waffe versteckte er im Astloch seines Baums. Da, wo sie schon länger darauf gewartet hatte, einem verzweifelten Menschen dabei zu helfen, seinem Leben ein Ende zu machen. Kein Mensch würde sie dort suchen. Aber er wusste, wo sie auf ihn warten würde, wann immer er sie wieder benötigte.

Er fühlte sich wie erlöst, aber er wusste, dass das nur von kurzer Dauer sein würde. Weil der Schmerz bis in alle Ewigkeit in seiner zerstörten Seele laueren würde.

1.Ankommen

Die Einkaufsstraße war um diese Zeit wie ausgestorben. Unten in den Häusern befanden sich Geschäfte, in den ersten Etagen überwiegend Büros und Wohnungen. Aus einigen Fenstern drang durch die vorgezogenen Gardinen bläuliches Flimmern. Nur hinter dem hell erleuchteten Fenster über der Drogerie lief kein Fernseher und vor diesem einen Fenster hingen auch keine Gardinen. Wenn Anne Brink etwas hasste, dann waren es Gardinen.

Sie saß auf dem Boden ihrer neuen Kanzlei inmitten von Umzugskartons und wusste nicht, welchen sie zuerst auspacken sollte. Nun rächte es sich, dass sie in Hamburg alles unsortiert aus Schubladen und Regalen gezogen und wahllos in die Kisten gestopft hatte. Ratlos blickte sie von einem Karton zum anderen und drehte sich erst einmal eine Zigarette. Das Ritual des Drehens wirkte beruhigend auf sie. Geschickt wickelte sie den Tabak in die Hülle, ohne dass auch nur ein einziger Krümel danebenfiel. Genüsslich zündete sie sich die Zigarette an, nahm einen tiefen Zug und seufzte bei dem Gedanken, dass sie das Rauchen aufgeben würde, sobald der Tabak alle wäre. Das hatte sie ihrer Tochter versprechen müssen. Als Gegenleistung dafür war Miriam mit ihr nach Arnsberg gezogen.

Anne dachte mit Grauen daran, dass Miriam wohl bei ihrem Vater in Hamburg geblieben wäre, wenn es nicht dessen neue Ehefrau Lena gäbe. Dann komme ich doch lieber mit dir, hatte Miriam gesagt. Aber nur, wenn du mit dem blöden Qualmen aufhörst, ich endlich ein großes Zimmer bekomme und du mir einen Hund kaufst. Bei dem Gedanken an die heftigen Streitereien mit Jonas, der mit allen Mitteln hatte verhindern wollen, dass Anne ihre gemeinsame Tochter mit nach Arnsberg nahm, sog sie kräftig an ihrer Zigarette. Sie spürte den Rauch bis tief in die Spitzen ihrer Lungenflügel und atmete ihn gekonnt in gleichmäßigen Kringeln wieder aus. Für Jonas war das Ganze ein Machtspiel gewesen. Ihm ging es ausschließlich um sein Ego. Da war sich Anne sicher.

Erst als sie bis auf einen heißen Rest nichts mehr zwischen ihren Fingern spürte, drückte sie die Kippe aus und zwang sich, nicht mehr an die zermürbenden Auseinandersetzungen mit ihrem Exmann zu denken.

Am Montag würde sie ihre Arbeit aufnehmen und dazu brauchte sie ein repräsentatives Büro, in dem die Mandanten nicht über Umzugskisten stolperten. Die Erste, die sie öffnete, war bis obenhin mit roten Akten gefüllt. Sie hatte ihre alten Mordfälle eigentlich schon in Hamburg entsorgen wollen, aber es einfach nicht über sich gebracht. Es fiel ihr verdammt schwer, sich davon zu trennen. »Jetzt aber«, sprach sich Anne gut zu und griff entschlossen in den Karton der Hamburger Umzugsfirma.

Mordsache Schweigert, las Anne und begann augenblicklich zu schwitzen. Sie meinte sich zu erinnern, diese allerletzte Akte ihrer Hamburger Karriere längst vernichtet zu haben. Ohne dass sie etwas dagegen tun konnte, spürte sie, wie Hitze in ihr aufflammte und Ekel ihren ganzen Körper erfasste. Ihr war, als grinste der Kerl sie triumphierend an, als würde er sagen: Du wirst mich nicht los!

»Scheiße!«, zischte Anne, während sie die Akte auf den Boden schleuderte. Sie wollte diesen Mistkerl schnellstens vernichten, zumindest symbolisch, aber in welcher der Kisten war die Maschine, die das Papier fraß, ihr Personal Schredder mit dem viel versprechenden Namen shredcat? Anne hatte keine Ahnung, aber so konnte sie jedenfalls nicht weiterarbeiten.

Hastig sprang sie auf und rannte in das winzige Bad am Ende des Flurs. Dort ließ sie sich eiskaltes Wasser über die Innenseiten ihrer Unterarme laufen. Das half – jedenfalls gegen das Schwitzen. Der Ekel blieb. Der gute Martin, dachte sie, als sie sich das unbenutzte Stück Seife griff, das in einer Schale auf dem Rand des blitzblanken Waschbeckens lag. Auch wenn er bestimmt nicht selbst putzte, hatte Martin doch dafür gesorgt, dass alles für ihren ersten Arbeitstag am Montag vorbereitet war. Anne bearbeitete ihre Hände so lange, bis sie das Gefühl hatte, den Dreck, der an der Akte klebte, vollständig abgewaschen zu haben.

Sie kehrte zurück in ihr Zimmer und stapelte eilig die Mordakten zu einem Riesenberg auf. Schweigert lag zuunterst. So musste sie ihn wenigstens nicht mehr sehen.

Ich überlasse dir eine phantastisch laufende Wald- und Wiesenkanzlei mit viel Familienrecht, hatte ihr Martin versprochen und hinzugefügt: »Und die Mandanten hier zahlen sogar.« Ein Seitenhieb darauf, dass Anne in Hamburg viele Sachen zum Nulltarif erledigt hatte und mit ihrer Kanzlei finanziell nie so ganz auf den grünen Zweig gekommen war.

Und du schwörst, kein Mord? Martin hatte geschworen.

***

Hauptkommissar Peter Cordes wollte an diesem Samstagabend nur noch abschalten. Nichts hören, nichts sehen und vor allem nicht über das sprechen, was ihn wirklich bewegte. Mit einem Pils in der Hand saß er vor dem Fernsehapparat und protestierte nicht einmal, als seine Frau Renate eine Volksmusiksendung einschaltete. Dabei konnte er derlei zur Schau gestellte, aufgesetzte Fröhlichkeit partout nicht leiden. Heute war es ihm völlig egal, was für ein Programm da vorne lief. Es hätte auch einer dieser öden Nachmittagstalks sein können – er hätte es nicht einmal gemerkt. Cordes arbeitete seit über zwanzig Jahren auf der Hauptwache in Hüsten und hatte schon so manchen Toten gesehen, aber das mit den beiden Jugendlichen war etwas völlig anderes. Cordes‘ Blick war starr auf die gute Laune verbreitenden Sänger im Fernsehen gerichtet, aber er sah ganz andere Bilder. Dieses gesichtslose Mädchen. So jung, so unschuldig, so endgültig. Ihr Freund hatte sie erschossen und sich anschließend von der Brücke in die Tiefe gestürzt. Der Junge war nicht der Erste, der sich diesen Platz zum Sterben ausgesucht hatte. Die A 46 hatte für mehrere Stunden gesperrt werden müssen. Das mit dem Jungen war schon schlimm, sehr schlimm sogar, aber den Anblick des Mädchens, den konnte Cordes beim besten Willen nicht abschütteln. Der verfolgte ihn bis in seine Träume. Ein tragischer und äußerst brutaler Doppelselbstmord – darin war er sich mit den Kollegen von der Mordkommission einig, aber für die Herren aus Dortmund war das Ganze nur ein Fall unter vielen. Cordes aber hatte den Jungen gekannt. Nur flüchtig, aber immerhin gut genug, um sich ein Bild von ihm zu machen. Ein stiller, unauffälliger Siebzehnjähriger.

Warum sind sie nicht gemeinsam in den Tod gesprungen, warum hat er das Mädchen vorher erschossen? Und dann auf diese furchtbare Weise? Seit er am Tatort gewesen war, quälten ihn diese Fragen und er hatte noch immer keine befriedigenden Antworten gefunden.

»Noch ein Pils?«, hörte er die Stimme seiner Frau wie von ferne sagen.

Cordes nickte und stieß einen tiefen Seufzer aus. Er würde auch noch eins trinken und noch eins, aber wie viele Pils er auch an seinem freien Abend in sich hineinschüttete, sie würden wohl kaum ausreichen, um ihn die junge Türkin vergessen zu lassen. Jeden Abend dasselbe! Und das seit Wochen!

***

Knapp ein Drittel der Sachen hatte Anne bereits aus den Kisten geräumt. Büromaterial, Gesetzesbücher, die einschlägigen Kommentare lagen nun vor ihr auf dem Boden. Dabei agierte sie fast mechanisch, denn ihre Gedanken kreisten unaufhörlich um diese verdammte Schweigert-Geschichte, die sie ins Sauerland getrieben hatte. Annes Wut war so stark, dass sie, um sich Luft zu machen, aufstand und mit voller Wucht gegen einen der Umzugskartons trat. Sie hörte das Geräusch von zerberstendem Glas und wusste sofort, dass es die schöne Art-déco-Lampe war, ein Geschenk ihres Vaters zum zweiten Examen. Behandele sie vorsichtig, hatte Georg Brink seine Tochter gebeten, es ist eine Antiquität.

Selbst der traurige Anblick des kaputten Lampenschirms lenkte Anne nur für einen flüchtigen Moment von dieser verdammten Geschichte ab. Wieder und wieder sah sie ihn vor dem Gerichtsgebäude stehen. Triumphierend im Blitzlichtgewitter. Er zeigt auf sie und sagt in die Kamera: Das habe ich alles dieser Frau zu verdanken. Meiner Anwältin! Um die Bilder abzuschütteln, die ihr immer noch so präsent waren wie an jenem Tag, griff Anne hektisch nach ihrem Tabak. Mit einem prüfenden Blick in die Packung rechnete sie sich aus, dass er noch für höchstens drei Zigaretten reichen würde. Also nahm sie zum Drehen weniger Tabak als sonst, dann blieb vielleicht noch ein Rest für eine vierte, eine letzte Zigarette. Ganz plötzlich schlug ihre Wut in Selbstmitleid um. Schuld daran war Maria Callas. Sie sang gerade voller Leidenschaft La Mamma Morta. Die Bose-Anlage war das Erste, was Anne in ihrem neuen Büro installiert hatte. Wenn sie allein war, hörte sie meistens Musik. Immer passend zu ihren Stimmungen. Die Callas eignete sich in der Regel sehr gut als Hintergrundmusik, wenn es ihr schlecht ging. Heute aber war diese Arie zu viel für sie. Anne nahm die CD hastig aus dem Rekorder und griff sich DIVA, einen Sampler mit Peggy Lee, Julie London, Nina Simone und anderen. Anne kannte jeden Song auswendig. There must be fifty ways to leave your lover, sang sie nun mit Rosemary Clooney lauthals gegen die Erinnerungen an ihren letzten Strafrechtsfall an.

Du brauchst professionelle Hilfe, hatte ihr Peter, der Psychologe, nach der Sache mit Schweigert geraten. Wenn das so einfach wäre, hatte sie ihm geantwortet und die Sache mit Peter kurz und schmerzlos beendet. Wie sie es nach ihrer Scheidung grundsätzlich machte, sobald ihr jemand zu nahe kam.

***

Renate Cordes schreckte zusammen, als ihr Mann laut zu schnarchen begann. Kein Wunder, nach den sechs Pils, die er binnen einer Stunde hinuntergekippt hat, dachte sie. Sie wollte ihn schon unwirsch anstoßen und aufwecken, doch als ihr Blick auf sein müdes, unrasiertes Gesicht fiel, tat er ihr nur noch leid. Was für ein furchtbarer Beruf!, dachte sie. Und wie wohl die Mutter den Tod des Jungen verkraften wird? Seit dem Vorfall kaufte Renate ihr Brot woanders. Sie hätte nicht gewusst, wie sie der Bäckersfrau gegenübertreten sollte. Der Junge war doch ihr ganzer Stolz gewesen. Aber Einzelheiten über das grausame Ende der beiden Jugendlichen wollte Renate Cordes trotzdem nicht erfahren. Sie konnte ja nicht einmal einen Krimi im Fernsehen entspannt angucken, sobald das erste Blut floss.

Daran merkt man, dass du nicht von hier weg bist, pflegte ihre Schwägerin zu sagen. Thea hatte Recht. In Neheim sprach man zurzeit jedenfalls von nichts anderem, manchmal gepaart mit einem derben Humor, der Renate Cordes immer fremd bleiben würde. Und jeder ging wie selbstverständlich davon aus, dass sie, die Frau des Polizisten, über alle Details Bescheid wusste. Dabei würde sie am liebsten gar nichts davon hören. Es war schrecklich, einfach nur schrecklich. Mit einem Seufzer wandte sie sich wieder ihrer Volksmusiksendung zu.

***

Sonst half lautes Mitsingen eigentlich immer, Anne auf andere Gedanken zu bringen, aber Schweigert war wie eine Zecke. Einmal hineingebohrt, dehnte sich der Gedanke an ihn aus und nahm beängstigende Ausmaße an. Anne drehte sich noch eine Zigarette, ging zum Fenster und öffnete es. Sie brauchte dringend frische Luft. Ihre Angewohnheit, am offenen Fenster zu rauchen, hatte Jonas stets zynisch mit den Worten: Entscheide dich, Krebs oder Luft, kommentiert.

Nach jedem tiefen Zug schwebten perfekte Kringel aus blauem Dunst in die dunkle Nacht hinein. Es war gespenstisch still dort draußen, obwohl das Fenster zur Straße hinausging. Samstagabend in der Kleinstadt. In Hamburg hatte Anne sogar vom hinteren Fenster aus zu jeder Tages- und Nachtzeit Großstadtgeräusche hören können. Irgendwie fehlten sie ihr jetzt. Wenn ihr jemand noch vor einem halben Jahr prophezeit hätte, sie würde Hamburg verlassen, um in Alt-Arnsberg neu anzufangen, sie hätte laut gelacht.

Schritte näherten sich. Sie sah auf ihre Armbanduhr. Kurz nach 23 Uhr. Wenigstens ein Mensch, der hier Samstagnacht auf der Straße ist, dachte sie beinahe erleichtert. Die Schritte verstummten direkt unter ihrem Fenster.

»Anne?«, hörte sie eine vertraute Stimme rufen.

»Martin!«, rief sie erfreut über den unerwarteten späten Besuch. Als ob er geahnt hätte, dass sie ein wenig Ablenkung gebrauchen konnte.

»Hast du Hunger?«, fragte er und deutete auf die zwei großen Pizzakartons auf seinem Arm.

»Hast du noch einen Schlüssel?«, erwiderte sie.

Martin Kleiber nickte. Wenig später begrüßte er seine Nachfolgerin mit den Worten »Hatte ich noch zu Hause. Für alle Fälle« und hielt ihr die Ersatzschlüssel hin.

»Hättest du ruhig behalten können«, sagte Anne und nahm ihm die beiden Pizzakartons ab.

»Ich lege sie auf deinen Schreibtisch. Schließlich hast du jetzt die alleinige Schlüsselgewalt über die Kanzlei. Und es ist immer gut, einen zweiten Schlüssel zu haben. Man kann nie wissen.«

Anne musste unwillkürlich schmunzeln. Typisch der alte Martin, dachte sie.

»Sieht doch schon ganz wohnlich aus, aber wir sollten lieber in der Küche essen«, bemerkte er, nachdem er einen flüchtigen Blick auf das Chaos in ihrem Zimmer geworfen hatte.

Anne folgte ihm in den winzigen Raum, in den gerade einmal ein Herd mit zwei Platten, eine Spüle, ein schmaler Kühlschrank, ein Hängeschrank und ein kleiner Tisch mit zwei Stühlen passten.

»Fühl dich ganz wie zu Hause«, ermunterte Anne ihren Vorgänger, der mit einem einzigen Griff zwei Teller und Besteck aus dem Schrank nahm. KPM Kurland, stellte Anne mit Kennerblick fest. Viel zu fein für Bürogeschirr, dachte sie, und viel zu teuer, denn sie kannte den Preis genau. Jonas hatte ein komplettes Service aus der Königlichen Porzellan-Manufaktur von seiner Mutter geerbt. Anne hatte es am Tag der Trennung Stück für Stück zerschlagen. Statt ihr endlich zu gestehen, dass er sie mit seiner Physiotherapeutin Lena betrog, hatte Jonas ihr genau vorgerechnet, was die Scherben dort auf dem Fußboden wert waren. Sie wollte Martin diese Geschichte gerade erzählen, als ihr im letzten Moment einfiel, dass er selbst auf die bloße Erwähnung von Jonas‘ Namen äußerst genervt reagieren konnte.

»Ich hatte heute noch gar keine Zeit zum Essen«, erklärte Anne den Riesenbissen, den sie sich nun aus der Pizza schnitt und gierig in den Mund schob.

»Habe ich mir fast gedacht. Schinken und Ananas. Ist doch richtig, oder?«

»Perfekt!«, antwortete Anne mit vollem Mund.

»Und, wie fühlst du dich in diesen heiligen Hallen?«, erkundigte sich Martin, während er seine Pizza sorgfältig in gleichgroße Stücke zerlegte.

»Super, einfach super. Wenn ich mir vorstelle, dass übermorgen früh die ersten Mandanten vor der Tür stehen und eine anständige Kanzlei erwarten.« Mit diesen Worten verschlang sie ein zweites großes Stück

»Wo ist das Problem? Die alten Akten brauchst du eh nicht mehr. Die laufenden Verfahren, die du von mir übernimmst, hängen geordnet bei der guten Cassini im Zimmer. Und den Rest, den kriegen wir auch noch hin.«

»Soll das ein Angebot sein, mir zu helfen? Das nehme ich glatt an, aber ich warne dich, ich habe alles nur in die Kisten gestopft ...«

»... und sie nicht beschriftet. Ich weiß. Schließlich kennen wir uns nicht erst seit gestern.«

»Okay, okay, ich werde es dir nie vergessen, dass du die Zettel mit meinem Abireferat noch rechtzeitig in der Schublade unter meinen Babyfotos entdeckt hast.«

»Tja, da waren wir noch jung und verliebt«, seufzte Martin Kleiber und sah Anne verträumt an. Für ihn würde sie immer seine Dänin bleiben. Mit ihren langen, weizenblonden Haaren, ihren hellen, blauen Augen ... Die Falte zwischen ihren Augenbrauen ist tiefer geworden, stellte Martin fest, aber es passt zu ihr. In seinen Augen hatte sie nichts von ihrer herben, nordischen Schönheit eingebüßt. Wie lange kennen wir uns jetzt eigentlich schon, versuchte er sich zu erinnern.

»Dreiundzwanzig Jahre«, kam ihm Anne lächelnd zuvor. Auch daran hatte sich nichts geändert. Diese Frau konnte seine Gedanken lesen. Martin erinnerte sich noch genau an den Tag, an dem sie in seine Klasse gekommen war, besonders an ihre ersten Worte, als er ihr, fasziniert von der hoch gewachsenen neuen Mitschülerin, die Raucherecke gezeigt hatte: Du bist doch mindestens eins neunzig, oder?

»Ist zufällig etwas zu trinken in deinem Kühlschrank?«, unterbrach Anne Martins Gedanken.

»Ja, ich habe dir in deinen Kühlschrank zur Begrüßung einen Champus gestellt. Für den Feierabendschluck nach dem ersten Arbeitstag.«

»Ich glaube, ich brauche ihn heute schon.«

Martin aber hörte ihr gar nicht mehr zu, sondern starrte auf ihr geblümtes Kleid. Keine Frage, es war dasselbe. Der Anblick irritierte ihn. Unwillkürlich kehrte die Erinnerung an den Tag zurück, an dem er sie verloren hatte. Im Hörsaal der Universität Hamburg. In diesem Sommerkleid war sie nach vorne gestürmt, nachdem die Klausuren verteilt worden waren. Acht Punkte nur? Der spinnt wohl!, hatte sie empört gerufen, sich kämpferisch vor Strafrechtsprofessor Jonas Beyer aufgebaut und gleichermaßen wild gestikulierend wie artikulierend eine Diskussion mit ihm begonnen. Martin erinnerte sich auch noch ganz genau an sein ungutes Gefühl beim Anblick seiner Freundin mit dem attraktiven, eloquenten Mann. Mindestens eins neunzig, hatte er gedacht. Und, dass der vor Charme sprühende Professor keine Skrupel haben würde, ihm, dem Jurastudenten, die Freundin auszuspannen.

»Willst du nicht mit mir anstoßen?« Anne hielt ihm fordernd ihr gefülltes Glas entgegen.

»Auf dein Wohl«, erwiderte Martin und versuchte zu lächeln, als die edlen Sektgläser mit einem wohlklingenden Geräusch aneinander stießen. Sie sahen sich in die Augen. Erst jetzt bemerkte Anne, dass Martin eine neue Brille trug, eine, die ihn noch seriöser erscheinen ließ, und Anne spürte, dass Martin etwas an ihr nicht passte – sie wusste auch sofort, was es war.

»Ziehe ich nur zum Putzen und Aufräumen an. Weiß Gott, keine romantische Erinnerung! Komm, wir packen jetzt das Elend an!«, sagte sie entschuldigend und zog ihn vom Stuhl.

Martin hockte sich allerdings nicht neben seine barfüßige Freundin auf den Boden, sondern griff sich eine der kleineren Kisten, stellte sie auf den Schreibtisch und sah sich erst einmal in aller Ruhe in seinem ehemaligen Büro um. Sein Blick blieb an einem Berg roter Akten hängen.

»Was hast du denn damit vor?«, fragte er ein wenig strenger als beabsichtigt.

»Schredder!«, antwortete Anne Brink, ohne aufzusehen.

»Schredder? Moment mal! Die sind doch noch keine zehn Jahre alt. So lange besteht bekanntlich eine Aufbewahrungspflicht. Dafür habe ich im Keller extra ein Regal. Ich bringe die eben nach unten.«

»Nein. Ich sagte vernichten! Und ich meine in der Regel, was ich sage. Weg damit! Ab in den Schredder. Der muss in irgendeiner der Kisten sein!«, erwiderte sie scharf und vertiefte sich in ein altes Dokument, das sie gerade gefunden hatte.

»Die müssen zehn Jahre aufbewahrt werden. Die kannst du nicht so einfach wegwerfen ...«, versuchte er sie an ihre anwaltlichen Pflichten zu erinnern.

»Mensch, Martin, wir sind hier nicht im Diskussionsforum für Anwälte, sondern du bist hier, um mir zu helfen, und ich sage: Ich will die Dinger nicht mehr sehen! Ist das denn so schwer zu verstehen? In einer der Kisten findest du das Teil schon.«

Martin Kleiber seufzte. Widerspruch zwecklos. Er sah es ein. Anne würde sich durch nichts davon abbringen lassen.

»Ich habe meinen Aktenvernichter, den Kopierer und das ganze technische Zeug sowieso hier gelassen. Im Gericht brauche ich das nicht. Ich bringe die Akten jetzt zu Frau Cassini ins Zimmer, und die erledigt das am Montag.«

Ohne aufzusehen, sagte Anne genervt: »Die sollen weg. Und zwar sofort!«

Martin Kleiber stöhnte laut auf. »Frau Cassini mag es aber nicht, wenn ein anderer an die technischen Geräte geht als sie«.

»Dann wird deine Frau Cassini wohl bei mir umlernen müssen«, entgegnete Anne süffisant, während sie unablässig auf die Zeilen starrte, die vor ihren Augen langsam zu verschwimmen drohten. Urteil im Namen des Volkes.

»Viel Spaß, aber dazu solltest du deine künftige Bürovorsteherin vielleicht erst einmal kennen lernen. Jede Wette, sie bringt sie hinunter in den Keller. Von wegen der zehn Jahre«, konterte Martin grimmig, griff sich den Haufen roter Akten und verließ damit das Zimmer.

Anne nahm nichts davon wahr. Zu vertieft war sie in das vergilbte Urteil des Amtsgerichts Kiel, das sie nun in ihren Händen hielt. Sie beschloss, das Schriftstück zu behalten. Vielleicht würde ihr Vater eines Tages doch noch mit ihr über den schrecklichen Unfall sprechen und – über ihre Mutter.

»Sag mal, dieser Schweigert, wie viel Zeit lag eigentlich zwischen seinem Freispruch und dem nächsten Mord?«, hörte sie Martin fragen. Anne zuckte bei seinen Worten unwillkürlich zusammen.

»Wie kommst du denn darauf?« Ihre Stimme klang genervt.

»Die Akten sind mir im Flur runtergefallen. Da habe ich kurz einen Blick hineingeworfen. Ich kenne den Fall ja nur aus deinen Andeutungen.«

»Hast du sie endlich geschreddert?«, fragte sie in gereiztem Ton.

Martin nickte. Er traute sich nicht, sie über das wahre Schicksal der Akten aufzuklären. Er hatte sie nämlich in Frau Cassinis Zimmer abgelegt mit dem Vermerk »Sofort vernichten!« – in der stillen Hoffnung, die gute Cassini würde sie entgegen dieser Anordnung in den Keller tragen. Martin wusste, dass es nur eine Formalie war, aber ihm drehte sich der Magen um bei der Vorstellung, dass Anne grundsätzlich solche Richtlinien zu ignorieren pflegte.

»Du hast meine Frage noch nicht beantwortet«, insistierte Martin. »Wann hat er die Tat begangen und stimmt das eigentlich, dass er eine Kamera am Tatort hat liegen lassen und deshalb überführt wurde?«

Anne funkelte Martin wütend an.

»Ich will dich nicht nerven, aber wäre es nicht besser für dich, wenn du endlich mal darüber sprichst?«, beharrte er.

»Bist du unter die Seelenklempner gegangen, oder was?«, platzte es bissig aus ihr heraus, und sie fügte trotzig hinzu: »Ich habe Hamburg nicht hinter mir gelassen, um mich wieder und wieder verteidigen zu müssen!«

Martin trat auf sie zu, hockte sich neben sie auf den Fußboden und legte versöhnlich den Arm um ihre Schultern. Anne ließ ihn gewähren. Es fühlte sich gut an, gab ihr ein Gefühl von Geborgenheit, und trotzdem verspürte sie den Impuls, sich aus dieser Umarmung zu befreien. Sie befürchtete, dass Martin die körperliche Nähe missverstehen könnte.

»Du hast keinen Fehler gemacht. Du musst dich nicht verteidigen«, sagte er schließlich mit sanfter Stimme.

»Das lass bitte meine Sorge sein!«, entgegnete Anne, während sie ein Stück von ihm abrückte.

»Anne. Du bist und bleibst eine hervorragende Anwältin. Das hätte jedem von uns passieren können!«

»Das glaube ich kaum!«, fauchte sie zurück. »Nenne mir einen einzigen Kollegen, der stolz darauf wäre, einem Mörder gratis die Freifahrkarte zur nächsten Tat besorgt zu haben.«

»Aber du hast doch nur deinen Job gemacht«, versuchte Martin die Wogen zu glätten.

»Einen saumiserablen Job. Was ist das für eine Strafverteidigerin, die jeden Schwachsinn glaubt, den ihr der Mandant verkauft? Eine Anwältin, die nicht merkt, dass sie es mit einem psychopathischen und hochintelligenten Serienkiller zu tun hat? Die vor Ehrgeiz platzt, weil sie den Oberstaatsanwalt ins Schwitzen bringt und den sauberen Indizienprozess wie ein Kartenhaus zusammenfallen lässt? Verdammt, ich hätte ihn durchschauen müssen!«

»Hör doch bitte endlich auf, dir die Schuld zu geben. Du bist Anwältin, keine Psychologin. Deine Aufgabe ist es, deine Mandanten zu verteidigen und nicht ihre Seele auszuloten«, sagte Martin mit Nachdruck.

»Nein, nein, so einfach ist das nicht. Ich habe ihm blind geglaubt, weil ich ihm glauben wollte. Wenn ich mich nicht zu dem Werkzeug dieses Irren gemacht hätte, könnte das Mädchen heute noch leben!«

»Aber genau das ist dein Beruf. Du musst kämpfen. Du bist keine Sozialarbeiterin, du bist Strafverteidigerin!«

»Ich war Strafverteidigerin!«

Martin stöhnte auf. »Ja, und eine der besten! Du bist nicht Schuld am Tod dieses Mädchens. Der Staatsanwalt, die Richter, alle haben ihm schließlich geglaubt. Warum bist du so streng mit dir?«

»Weil ich vorher nicht darüber nachgedacht habe, was wäre, wenn er doch ein Mörder ist. Weil mir nur eins wichtig war: zu gewinnen! Weil ich mir eingebildet habe, zu wissen, wann mich jemand belügt und wann er mir die Wahrheit sagt. Dabei habe ich null Menschenkenntnis, und das ist zu wenig, wenn man es mit potentiellen Mördern zu tun hat. Irren ist in diesem Job nicht menschlich, sondern tödlich!«

Mit diesen Worten sprang Anne auf und begann, demonstrativ ihre Gesetzesbücher in das Regal zu sortieren.

Martin kehrte seufzend an den Schreibtisch zurück. Schade, dass Anne in Zukunft keine Oberstaatsanwälte mehr ins Schwitzen bringt, dachte er, aber eigentlich profitierte er ja von ihrer Entscheidung, sich in Zukunft von Mördern fernzuhalten und Hamburg den Rücken zu kehren. Wem außer ihr hätte er seine Kanzlei sonst mit gutem Gewissen übergeben können, nachdem er die Seiten gewechselt hatte und Richter geworden war?

2.Fremde, neue Welt

Miriam Beyer konnte nicht einschlafen. Immer wieder weinte sie still in sich hinein und schreckte, wenn sie einmal kurz eingenickt war, so heftig hoch, dass schließlich auch Tanja wach wurde.

»Was ist denn?«, fragte ihre Freundin verschlafen.

»Nichts«, entgegnete Miriam, tastete nach der Nachttischlampe und machte das Licht an.

Tanja setzte sich senkrecht im Bett auf.

»Was ist los?«

»Kannst du nicht einfach hier bleiben?«

Tanja rieb sich die Augen, blickte in das verheulte Gesicht der Freundin und nahm sie tröstend in den Arm. »Du weißt doch, dass ich morgen zurückfahren muss. Montag beginnt die Schule wieder. Meine Eltern würden mir was erzählen – aber ich verspreche es dir, ich komme in jeden Ferien oder du kommst zu uns!«

Miriam schmiegte sich wie ein kleines Kind in den Arm ihrer besten Freundin. Der Abschied von Tanja war das Schlimmste von allem. Die beiden Mädchen kannten sich schon aus dem Kindergarten und waren seit damals unzertrennlich.

»Kann ich nicht bei euch wohnen?«, fragte Miriam sichtlich verzweifelt.

Tanja drückte ihre Freundin noch fester an sich.

»Deine Mutter erlaubt das nicht, und das kann ich auch irgendwo verstehen. Ich meine, sie will dich natürlich bei sich haben«, entgegnete sie und kämpfte gegen die Tränen an. »Oder kannst du nicht doch zu deinem Vater ziehen?«, fügte sie hoffnungsvoll hinzu, kannte aber Miriams Antwort, bevor sie den Satz überhaupt zu Ende gesprochen hatte.

»Bevor ich mit seiner Dummtusse zusammenziehe, springe ich eher von der Brücke! Ich hasse sie. Sie hat alles kaputtgemacht. Ohne sie wären meine Eltern noch zusammen«, brach es verzweifelt aus Miriam heraus.

Den ganzen Tag über hatten die beiden Mädchen vermieden, über den bevorstehenden Abschied zu sprechen. Stattdessen hatten sie sich mit Feuereifer daran gemacht, die Küche und Miriams neues Zimmer einzurichten, das viel größer und schöner war, als die zehn Quadratmeter, die sie in Hamburg hatte zurücklassen müssen. Nun saßen die beiden Freundinnen auf Miriams großem Himmelbett und klammerten sich wie zwei Ertrinkende aneinander.

»Ich maile dir jeden Tag, solange du noch kein neues Smartphone hast ...« Tanja stockte, sprang vom Bett auf und holte etwas aus ihrem Koffer. Mit den Worten »Schenk ich dir« drückte sie Miriam ein Buddha-Armband aus rosafarbenen Perlen in die Hand.

»Ich werde es immer tragen«, versprach Miriam gerührt, doch ihre weiteren Worte gingen in lautem Schluchzen unter. Sie versicherten einander, sich niemals aus den Augen zu verlieren, und schliefen schließlich erschöpft ein.

***

Anne spürte eine bleierne Müdigkeit, als sie gegen drei Uhr morgens die Tür zu ihrem neuen Zuhause oben in Schreppenberg aufschloss. Martin hatte sie hergefahren. Anne drehte sich noch einmal um und winkte ihm zu. Da saß er in seinem Wagen und wartete. Der Anblick rührte Anne. Er würde bestimmt erst wegfahren, wenn er sie sicher im Haus wusste, in einer weißgetünchten Doppelhaushälfte direkt am Hang. Die Entscheidung, es zu mieten, war ihr nicht schwer gefallen: der Blick aus dem Wohnzimmer über ganz Arnsberg und das Tal war gigantisch. Und die Größe. In Hamburg-Ottensen hatten Miriam und sie in einer viel zu kleinen Altbauwohnung gewohnt – immer in der Hoffnung, etwas Größeres zu finden. Einerseits überschaubar, anderseits großstädtisch wie kaum ein anderer Stadtteil, war ihnen Ottensen, dieses liebenswerte Dorf mitten in der Stadt, sehr ans Herz gewachsen. Als Anne an die schöne, geräumige Fabriketage denken musste, die sie kurz vor der Sache mit Schweigert dort endlich gefunden und nie bezogen hatten, überkam sie das Heimweh mit einer Heftigkeit, die ihr Tränen in die Augen trieb.

Hier kennt mich keiner, hier spricht mich keiner auf Schweigert an – und hier bedroht mich keiner, rief sie sich zur Vernunft, während sie in den leeren Flur trat.

Ich muss schnellstens diese dämlichen Kisten auspacken, sonst flüchte ich ins Hotel, dachte Anne seufzend, als sie einen Blick in das geräumige Wohnzimmer warf. Das Licht der bloßen Glühbirne tauchte den kahlen Raum in eine gespenstische Kälte. Als ihr jedoch die in den Wohnraum integrierte Küchenzeile, die der Vermieter nach ihren Wünschen extra hatte einbauen lassen, ins Auge fiel, blieb sie überrascht stehen. Anstelle des erwarteten Chaos aus unausgepackten Kartons und diversen Utensilien erblickte sie himmlische Ordnung: Kaffeemaschine, Brotkasten, Toaster, alles befand sich an seinem Platz. Beim Anblick dessen, was die Mädchen da geleistet hatten, musste sie kräftig schlucken. Das grenzte an Zauberei. Sogar eine Flasche Weißwein hatten sie im Eisschrank verstaut. Ein Glas wollte sich Anne genehmigen, doch sie musste enttäuscht feststellen, dass der Wein noch lauwarm war. Dann eben nur eine Zigarette, beschloss sie, aber den Tabak hatte sie auf ihrem Schreibtisch im Büro liegen gelassen.

Keine gute Idee, sich bei diesem Stress das Rauchen abzugewöhnen, dachte sie, während sie die Treppen hinaufschlich, um nach den Kindern zu sehen. Da noch keine Jalousien vor den Fenstern waren, leuchtete der Vollmond in das Zimmer und sein helles Licht schien direkt auf die eng aneinander gekuschelten Mädchen. Das Gesicht der schlafenden Miriam im Mondlicht wirkte so friedlich und entspannt, wie Anne es lange nicht mehr gesehen hatte. Die letzten Wochen waren die Hölle für ihre Beziehung gewesen. Vorwürfe, Unterstellungen, Beschimpfungen. Das kannst du mir nicht antun. Das werde ich dir nie verzeihen. Aber ich habe keine andere Wahl. Hast du wohl. Warum ziehen wir nicht wenigstens in die Nähe? Du denkst nur an dich! Du bist egoistisch! Anne gab ihrer schlafenden Tochter einen flüchtigen Kuss auf die Stirn und verließ das Zimmer auf Zehenspitzen.

Widerwillig betrat sie ihr neues Schlafzimmer, in dem sie schon in der vergangenen Nacht kein Auge zugetan hatte. Hier sah es immer noch aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Trotzdem fiel sie, kaum dass sie sich in ihr Bettzeug gerollt hatte, in einen tiefen traumlosen Schlaf.

Anne erwachte von lautem Vogelgezwitscher, das durch das weit geöffnete Fenster aus dem Garten drang. Ich brauche unbedingt Ohropax, war ihr erster Gedanke. Sonst stehe ich hier jeden Morgen um fünf auf. Ein Blick auf ihre Armbanduhr zeigte ihr allerdings, dass es bereits weit nach zehn Uhr war. Erschrocken fuhr sie hoch, warf sich hektisch ihren Bademantel über und hetzte die Treppen hinunter, um schnell das Frühstück zu machen, doch als sie die Wohnzimmertür öffnete, saßen Miriam und Tanja bereits frisch geduscht an einem gedeckten Tisch.

»Warum habt ihr mich nicht früher geweckt?«, fragte Anne leicht gereizt und goss sich hastig einen Becher Kaffee ein.

»Haben wir ja versucht, aber du hast geschlafen wie eine Tote«, erwiderte Miriam mit einem peinlich berührten Blick auf ihre völlig zerzauste und vom Schlaf zerknitterte Mutter in dem alten, abgewetzten Frotteemantel.

»Ich musste das Büro noch fertig einräumen, Montag um neun kommen die ersten Mandanten«, versuchte Anne ihr langes Schlafen zu entschuldigen. Schließlich hatte sie den Mädchen gestern noch einen Vortrag darüber gehalten, warum sie heute nicht ausschlafen konnten. Wir stehen um acht auf und bringen das Haus in Schuss!

»Klar, erst die Arbeit, dann das Privatleben. Das, meine Damen und Herren, ist das Lebensmotto einer Staranwältin. Dafür haben wir doch alle Verständnis!«, antwortete Miriam, die aufgesprungen war und einen Becher zu einem imaginären Mikrofon umfunktioniert hatte. Den hielt sie ihrer Mutter nun fordernd vor die Nase.

»Und was unsere Zuschauer noch brennend interessiert: Haben Sie Kinder? Und was sagen die zu Ihrer Entscheidung, Karriere im Sauerland zu machen?«

Anne atmete tief durch. Sie war absolut nicht in der Stimmung, sich mit ihrer Tochter anzulegen.

Miriam fuhr ungerührt fort: »Keine Antwort ist auch eine Antwort. Aber Ihre Tochter war nicht untätig. Sie hat sich mit ihrer neuen Heimat umfassend beschäftigt. Arnsberg war schon immer Gerichtsort. Bereits im Mittelalter hieß es: Wir gehen auf Arnsberg. Heute immer noch Sitz diverser Gerichte, ein lukrativer Ort für Anwälte. War es das, was Sie hierher verschlagen hat? Kohle?«

Anne schluckte trocken. Wie gern würde sie ihrer Tochter die ganze Wahrheit ins Gesicht schleudern, aber sie konnte sich beherrschen. So ließ sie Miriam lieber in dem Glauben, dass sie den Umzug tatsächlich in Kauf genommen hatte, um in Arnsberg besser zu verdienen. Niemals würde sie ihre Tochter mit der Schweigert-Sache und den Folgen belasten. Und schon gar nicht mit diesem anonymen Brief, den man ihr kurz nach Schweigerts Festnahme in die Hamburger Kanzlei geschickt hatte. Niemandem hatte Anne von diesem Drohbrief erzählt, nicht einmal der Polizei.

»Wir warten gespannt auf Ihre Antwort!« Miriam fuchtelte mit dem Becher vor Annes Gesicht herum.

»Nicht, bitte«, brachte Anne schwach hervor.

»Okay.« Miriam stellte den Becher wieder auf den Tisch zurück und wandte sich abrupt an Tanja: »Vielleicht zieh ich doch zu Papa und seiner Schnalle!«

Die Worte ihrer Tochter trafen Anne mitten ins Herz. Bei dem Gedanken, dass Miriam bei der fünfundzwanzigjährigen Lena aufwuchs, deren Lieblingsbeschäftigung darin bestand, mit Jonas‘ Kreditkarte einkaufen zu gehen, wurde ihr augenblicklich schlecht. Eines stand für Anne fest: Der viel beschäftigte Jonas konnte die Erziehung ihrer Tochter nicht übernehmen! Das hatte bei der Scheidung sogar der Familienrichter erkannt. Herr Professor Beyer, sind Sie sicher, dass Sie mit diesem Antrag auf das alleinige Sorgerecht nicht vielmehr Ihre Frau treffen wollen? Anne hätte den Richter küssen können, als er Jonas‘ Antrag abschmetterte.

Miriam guckte triumphierend von einem fassungslosen Gesicht ins andere und fügte breit grinsend hinzu: »War ein Witz, Leute!«

»Was soll der Scheiß? Warum machst du das mit deiner Mutter?«, rief Tanja entgeistert. Hatte Miriam nicht gerade erst heute Nacht gesagt, dass sie sich lieber umbringen würde, als mit ihrer Stiefmutter unter einem Dach zu leben?

»Geht dich gar nichts an!«, fauchte Miriam zurück. »Dich zwingt ja keiner, von zu Hause wegzugehen.«

Die Mädchen standen einander kampflustig gegenüber. Anne wollte sich gerade einmischen, da sprang Tanja mit den Worten »Deswegen brauchst ja nicht so rumzuzicken. Als ob du die Einzige wärst, für die das ätzend ist!« vom Tisch auf und rannte in den Flur.

»Komm, lauf hinterher. Vertragt euch! Tanja fährt doch nachher. Nicht dass ihr im Streit auseinander geht, nur weil ihr beide traurig seid ...«, versuchte Anne ihrer Tochter gut zuzureden, aber Miriam musterte sie nur mit einem vernichtenden Blick und zischte: »Es ist alles nur deine Schuld!«

Dann verließ sie den Raum und die Tür flog mit einem lauten Knall hinter ihr zu.

Anne blieb einen Augenblick lang wie betäubt sitzen. Mit Wehmut dachte sie daran, wie gut sie sich einmal verstanden hatten. Lass sie bloß erst in die Pubertät kommen, dann werden aus sanften Mädchen Hyänen, hatte ihre Freundin Ines, Mutter von zwei halbwüchsigen Töchtern, oft gescherzt. Es war in der Tat kein guter Zeitpunkt, das Kind zu entwurzeln, aber hätte sie sich deshalb diese einmalige Chance entgehen lassen sollen? Alles hinter sich lassen zu können und dabei weich zu fallen? Jetzt eine Zigarette, dachte Anne schmachtend, bevor sie, ohne etwas gegessen zu haben, den Frühstückstisch abräumte. Ihr Magen weigerte sich, Nahrung aufzunehmen. Miriams Drohung zeigte eine nachhaltige Wirkung.

Anne entschied sich, die Mädchen für den Rest ihrer noch verbleibenden gemeinsamen Stunden in Ruhe zu lassen. Als sie nach dem Duschen ganz automatisch nach dem alten Sommerkleid griff, zögerte sie und nahm sich stattdessen Jeans und ein T-Shirt aus dem Schrank. Das Kleid knüllte sie energisch zusammen und warf es in den Müll.

Zuerst baute Anne die Musikanlage auf und packte den Umzugskarton mit den CDs aus. Sie wusste, dass sie in diesem Punkt schrecklich altmodisch war, weil sie ihre Musik weder aus dem Netz herunterlud noch über ihren Rechner hörte. Aber einmal davon abgesehen, dass sie privat einen ziemlich alten Computer besaß, liebte sie es, diese Hüllen zu öffnen und die CD in der Hand zu haben. Während sie das Bücherregal aufstellte, sang Edith Piaf bereits ihre Hymne à l’amour. Anne summte leise mit. Miriam fand es ultrapeinlich, wenn ihre Mutter mitgrölte, wie sie es nannte. Normalerweise nahm Anne keine Rücksicht darauf und sang extra laut, aber heute wollte sie nichts tun, was einen neuerlichen Streit heraufbeschwören könnte. Diese CD mit den 100 plus belles Chansons d’amour war etwas ganz Besonderes. Jonas hatte sie ihr auf der ersten gemeinsamen Paris-Reise geschenkt. Ganze zwei Jahre hatte sie nach der Trennung gebraucht, um diese Musik wieder hören zu können, ohne mit einer gewissen Sehnsucht an die schönen Stunden mit ihm zu denken. Jetzt aber dachte sie an Martin. Hatte er ihr das Angebot, nach Arnsberg zu kommen, tatsächlich ohne jeglichen Hintergedanken gemacht?

Miriam sprach kein Wort, als sie vom Bahnhof zurückkehrten. Eisig schweigend saßen Mutter und Tochter nebeneinander in dem alten Jeep, den Anne kurz vor dem Umzug gebraucht erstanden hatte. Seit ihrem Ausbruch am Frühstückstisch hatte Miriam überhaupt nicht mehr mit ihr geredet. Vielleicht sollte ich sie zum Italiener einladen, dachte Anne, doch da fiel ihr ein, dass sie sich um achtzehn Uhr mit Frau Cassini im Büro verabredet hatte. Die Frau hatte am Telefon trotz Annes Entschuldigung wegen des ungewöhnlichen Termins am Sonntagabend äußerst genervt geklungen. Jetzt konnte sie ihr natürlich nicht wieder absagen, auch wenn sie Miriam ungern allein ließ.

»Schatz, wollen wir später was essen gehen?«

»Kein Hunger!«

»Aber vielleicht in einer Stunde, weil ich vorher noch mal kurz ins Büro muss.«

»Mir egal!«

Anne warf ihrer Tochter einen verstohlenen Seitenblick zu. Sie sah ihr so verdammt ähnlich, aber vom Wesen her hatte sie mehr von Jonas, als Anne es manchmal wahrhaben wollte. Diese Sturheit. Er hatte sie bei Missstimmungen auch stets mit eisernem Schweigen gestraft.

»Ein hübsches neues Armband hast du da«, versuchte Anne erneut, die Mauer zwischen ihnen zu durchbrechen. Vergebens. Miriam zeigte keine Reaktion.

»Ich hole dich dann zum Essen ab. In Ordnung?«

»Kein Bock!«

Jetzt fiel Anne auch nichts mehr ein, womit sie ihre Tochter zum Sprechen bringen konnte. Schweigend hielt sie vor der Doppelhaushälfte, um Miriam aussteigen zu lassen.

»Bis gleich!«, rief sie ihr hinterher.

***

Thea Cassini wartete bereits seit über zehn Minuten auf ihre neue Chefin. Der Doktor war immer pünktlich, dachte die Bürovorsteherin mit einem prüfenden Blick auf ihre Armbanduhr. Dann entdeckte sie den Berg roter Akten mit dem Vermerk »Sofort vernichten!«. Bevor sie hier wartend herumsaß, würde sie sich lieber nützlich machen. Aber was war das? Keine von den Akten war mehr als zehn Jahre alt. Also gehörten sie ordnungsgemäß in das Kellerregal. Und was hatte die Neue eigentlich so für Fälle zu erledigen? Interessiert klappte Frau Cassini den Aktendeckel auf und begann zu lesen. Das war ganz nach ihrem Geschmack: Ab und zu so ein fetter Mordfall, das wäre nicht zu verachten. Der würde Thea für all das entschädigen, was sich von nun an in der Kanzlei ändern würde. Für so ein bisschen Nervenkitzel würde Thea Cassini der Neuen auch die Verspätung, das Chaos im Zimmer des Doktors und sogar die Tatsache, dass man sie an einem Sonntag herbestellt hatte, verzeihen. Sie war dermaßen fasziniert von ihrer Lektüre, dass sie selbst das Öffnen der Tür überhörte.

Anne Brink hatte bereits eine ganze Weile stumm im Türrahmen gestanden, bis die Bürovorsteherin sie endlich wahrnahm – allerdings nur, weil Anne sich demonstrativ geräuspert hatte.

Frau Cassini schreckte hoch und fragte sichtlich verärgert: »Können Sie nicht klingeln?«

Anne gab keine Antwort, sondern nahm ihr, statt sie zu begrüßen, die Akte aus der Hand und schob schweigend Blatt für Blatt eigenhändig in den Reißwolf. Gierig fraß der Automat den Mordfall Schweigert in sich hinein und machte dabei ein brutales Geräusch.

»Na, hören Sie mal, ich mag es ganz und gar nicht, wenn Sie meine Geräte anfassen!«, protestierte Thea Cassini, nachdem sie sich von ihrem ersten Schrecken erholt hatte. »Und außerdem dürfen Sie die nicht einfach vernichten!«

»Ich denke, was ich mit meinen alten Fällen mache, entscheide immer noch ich«, antwortete Anne kühl, während sie die nächste Akte aus dem Deckel nahm und Blatt für Blatt im Schredder verschwinden ließ.

Frau Cassini sah ihr sprachlos zu. Doch nicht lange, da verkündete sie in spitzem Ton: »Frau Brink, ich glaube, der Doktor hat versäumt, Sie über gewisse Regeln aufzuklären. Wir halten uns hier an Vorschriften!«

Anne legte eine Pause ein und musterte ihre neue, streitsüchtige Mitarbeiterin skeptisch. Cassini? Was war das überhaupt für ein Name? Wie eine Italienerin sah sie jedenfalls nicht aus. Im Gegenteil. Frau Cassini wirkte ausgesprochen deutsch. Nach Annes Schätzung war sie um die fünfzig. Sie trug ein unförmiges sackähnliches Kleid, das zweifelsohne ihr Übergewicht kaschieren sollte, hatte eine blond gefärbte Dauerwelle und fixierte ihre zukünftige Chefin nun angriffslustig aus kleinen mausgrauen Augen. Das kann ja heiter werden, stöhnte Anne innerlich auf. So hatte sie sich ihre Mitarbeiterin auf jeden Fall nicht vorgestellt. Aber ich werde bestimmt nicht nach ihrer Pfeife tanzen, beschloss Anne grimmig und erwiderte nicht minder spitz: »Diese Akten kommen in den Schredder, und zwar sofort. Und was die Order angeht, Ihre technischen Geräte nicht anzufassen, werde ich das, soweit es in meiner Macht steht, gern berücksichtigen. Aber wo wir gerade bei Regeln sind: Ich wünsche nicht, dass in meinen Akten herumgestöbert wird!«

Die Bürovorsteherin lief puterrot an und schnaubte: »Das muss ich mir nicht sagen lassen. Das nicht. Ich habe gleich zum Doktor gesagt, dass ich nicht bleiben werde, wenn er weggeht. Ich kündige!«

Anne merkte sofort, dass sie zu weit gegangen war. Sie hatte die Frau nicht beleidigen wollen, aber dass sie ihre Nase ausgerechnet in die Akte Schweigert stecken musste! Frau Cassini zog sich nun demonstrativ ihren Mantel an. Anne holte tief Luft.

»Entschuldigen Sie bitte, das war nicht so gemeint. Ich bin etwas gereizt, weil ich die Akten blöderweise überhaupt mit hierher geschleppt habe. Vernichten Sie sie bitte morgen. Regel Nummer eins: keine Mordfälle!«

Mit zusammengekniffenen Lippen erwiderte Frau Cassini: »Ich werde mir das überlegen, das mit der Kündigung, aber es hängt ganz von Ihnen ab. Ob Sie meine Regeln akzeptieren oder nicht. Also, erstens, wir begrüßen uns hier ...«

»Aber Sie waren doch völlig versunken in das Aktenstudium«, konterte Anne bissig, aber dann streckte sie Frau Cassini versöhnlich die Hand entgegen.

»Guten Tag, ich bin Anne Brink!«

»Cassini!«, entgegnete Thea trocken, während sie die Hand ihrer neuen Chefin ergriff und kräftig schüttelte. Anne war überrascht. Die Dame hatte einen ungewöhnlich männlichen Händedruck.

»Zweitens, das hier ist mein Reich«, fuhr Frau Cassini fort. »Ich bin für alles zuständig außer für die Diktate, die erledigt vorwiegend die Auszubildende Leonie. Post öffne ich und lege sie Ihnen vor. Drittens, Schriftsätze bitte deutlich diktieren. Der Doktor hat immer ganze Sätze formuliert und in einwandfreiem Deutsch gesprochen. Leonie ist keine Hellseherin, sondern angehende Rechtsanwaltsgehilfin ...«

Anne musste wider Willen schmunzeln. Sie kannte das Problem nur allzu gut. Über nichts hatte sich ihre einstige rechte Hand Jeanette so aufregen können wie über kryptische Wortfetzen, aus denen sie anständige, juristisch korrekte Sätze formen musste.

»Viertens, holen Sie mich nie wieder an einem Sonntag ins Büro.«

»Bitte?« Anne sah Frau Cassini verwundert an.

»Ich arbeite sonntags nicht!«

»Aber ich habe mich doch mehrfach bei Ihnen entschuldigt. Das kommt natürlich nie wieder vor. Sonntags komme ich schon allein zurecht.«

»Sie arbeiten also auch sonntags, woll?«, fragte Thea Cassini in strengem Ton und musterte Anne kritisch.

»Ich glaube, das ist meine Sache«, gab Anne höflich, aber bestimmt zurück.

»Vielleicht in Hamburg, aber nicht hier. Sie wissen wahrscheinlich nicht einmal, wozu der Herr den siebenten Tag schuf?«

»Wollen Sie mich verschaukeln?«

»Habe ich mir es doch gedacht. Sie sind gar nicht in der Kirche!«, rief Frau Cassini triumphierend aus. Anne war so verblüfft, dass sie ihrer Bürovorsteherin eine. Antwort schuldig blieb.

»Na ja, geht mich ja auch nichts an, aber der Doktor hätte niemals am Sonntag gearbeitet. Der wusste, was sich gehört. Ja, der ging sogar öfter sonntags und an Weihnachten in die Kirche, nur um mich singen zu hören.«

Anne atmete tief durch. Ganz ruhig bleiben, sprach sie sich gut zu, denn sie hatte nicht üble Lust, der übergriffigen Dame die Meinung zu sagen. Die muss ja fachlich wirklich eine Granate sein. Sonst hätte Martin sie bestimmt schon längst rausgeschmissen, mutmaßte sie. Mit Jeanette war die Zusammenarbeit auch nicht immer harmonisch gewesen, aber das hier ging eindeutig zu weit. Die Cassini verhielt sich ja geradezu so, als ob sie hier der Boss wäre. Wie hatte Martin das bloß ausgehalten? Es wurde höchste Zeit, dass jemand dieser Frau ihre Grenzen zeigte.

»Wissen Sie was? Mein Glaube gehört nicht ins Büro. Der ist allein meine Privatsache! Und ich würde es begrüßen, wenn Sie das in Zukunft respektieren.«

Thea Cassini zuckte verächtlich mit den Achseln. »Wie Sie meinen!«

Anne hielt das für eine weise Einsicht der Dame, doch sie hatte sich geirrt. Wieder griff die Anwaltsgehilfin energisch nach ihrem Mantel und wollte offenkundig gehen. Wo bin ich hier nur hineingeraten, fragte sich Anne und wusste nicht so recht, was sie tun sollte. Ziehen lassen durfte sie die Bürovorsteherin auf keinen Fall. Allein war Anne völlig aufgeschmissen. Sie wusste ja nicht einmal, wie die Telefonanlage funktionierte, geschweige denn die Bürocomputer. All das sollte ihr diese Frau jetzt erklären. Nur zu diesem Zweck hatte sie Frau Cassini doch herbestellt. Anderseits widerstrebte es Anne, dass diese Fremde ihr dermaßen nahe trat – aber sie hatte in diesem Augenblick keine andere Wahl. Sie musste ausnahmsweise einmal diplomatisch sein.

»Sie singen im Kirchenchor?«, säuselte sie nun.

»Ja, seit meiner Scheidung bin ich mich wieder in Neheim am engagieren, mit Cassini habe ich in Oeventrop gewohnt.«

Anne verkniff sich die Frage, wie sich eine Scheidung mit dem Moralkodex dieser strenggläubigen Dame vertrug. Und unter gar keinen Umständen würde sie dieser Frau erzählen, dass sie selbst auch einmal im Chor gesungen hatte: während der Schulzeit. Bachkantaten. Bach-Werke-Verzeichnis 147.