Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Wie in Pierre Bourdieus Klassiker "Das Elend der Welt" analysieren Medienpraktiker, Medienpolitiker, professionelle Medienbeobachter und Laien in 40 Gesprächen die Medienkrise der Gegenwart: Welche Probleme gibt es, welche Ursachen lassen sich benennen und wie können wir die Situation verbessern? Die stilistischen Mittel reichen von Interviews über Monologe und Reportagen bis hin zu Gruppenporträts. Antworten geben Heiko Hilker (MDR-Rundfunkrat), Michael Seidel (Schweriner Volkszeitung), Jens Wernicke (Rubikon), Hans Söllner (Liedermacher) und "ganz normale" Bürger aus Oberbayern, Sachsen oder Südthüringen. Sie alle zeigen: Die Medienkrise ist keine Folge von Desinformation, sondern hat ihren Ursprung in der Organisation des Mediensystems selbst.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 562
Veröffentlichungsjahr: 2021
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.
Alexis von Mirbach / Michael Meyen
Das Elend der Medien.
Schlechte Nachrichten für den Journalismus
Köln: Halem, 2021
Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme (inkl. Online-Netzwerken) gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
© 2021 by Herbert von Halem Verlag, Köln
ISBN (Print)978-3-86962-591-1
ISBN (PDF) 978-3-86962-587-4
ISBN (ePub) 978-3-86962-564-5
Den Herbert von Halem Verlag erreichen Sie auch im Internet unter http://www.halem-verlag.deE-Mail: [email protected]
SATZ: Herbert von Halem Verlag
LEKTORAT: Julian Pitten
DRUCK: docupoint GmbH, Magdeburg
GESTALTUNG: Claudia Ott, Düsseldorf
Copyright Lexicon ©1992 by The Enschedé Font Foundry.
Lexicon® is a Registered Trademark of The Enschedé Font Foundry.
Alexis von Mirbach / Michael Meyen
Schlechte Nachrichten für den Journalismus
ALEXIS VON MIRBACH, Dr., geboren 1978 in München, studierte Regionalwissenschaft Lateinamerika an der Universität zu Köln sowie Kommunikationswissenschaft (Bachelor, Master) an der LMU München. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im bayerischen Forschungsverbund »Zukunft der Demokratie« und koordiniert dort das Projekt Media Future Lab. Seine Forschungsschwerpunkte sind Online-Journalismus, Öffentliche Meinung in Kuba und Medienpolitik.
MICHAEL MEYEN, Prof. Dr., Jahrgang 1967, studierte an der Sektion Journalistik und hat dann in Leipzig alle akademischen Stationen durchlaufen: Diplom (1992), Promotion (1995), Habilitation (2001). Parallel arbeitete er als Journalist (MDR info, Leipziger Volkszeitung, Freie Presse). Seit 2002 ist Meyen Professor am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der LMU München. Seine Forschungsschwerpunkte sind Medienrealitäten, Kommunikations- und Fachgeschichte sowie Journalismus.
VOM ELEND DER DEMOKRATIE – AUCH IN DER WISSENSCHAFT.EIN VORWORT
Michael Meyen
1.JENSEITS VON GUT UND BÖSE.WARUM DAS ELEND DER MEDIEN VIELE GESICHTER HAT
Alexis Mirbach
2.DER HOFFNUNGSTRÄGER.WAS DER ÖFFENTLICH-RECHTLICHE RUNDFUNK BRAUCHT, UM SEINEN AUFTRAG ZU ERFÜLLEN
Michael Meyen
3.AM STERBEBETT.DIE REGIONALPRESSE, MIT DDR-ERFAHRUNG VON INNEN GESEHEN
Michael Meyen
4.DAS GELD, DAS LIEBE GELD.SIEBEN STIMMEN VOM RAND DES JOURNALISTISCHEN FELDES
Alexis Mirbach
5.DAS ›ANDERE‹ JOURNALISTISCHE FELD.VOM KAMPF UM DEFINITIONSMACHT
Michael Meyen
6.JOURNALISMUS ALS NEBENPRODUKT.LINKER AKTIVISMUS VON KREUZBERG BIS KURDISTAN
Michael Meyen
7.DIE MÜCKE IM SCHLAFZIMMER.MEDIENKRITIK VON UNTEN
Michael Meyen
8.WENN LINKS PLÖTZLICH RECHTS SEIN SOLL.CORONA-GESPRÄCHE IN MÜNCHEN UND OBERBAYERN
Alexis Mirbach
9.WIR SIND DAS VOLK.VIER STIMMEN AUS DEM OSTEN, 30 JAHRE DANACH
Alexis Mirbach
10.SÜDTHÜRINGER EXTREME.AM RANDE DER WAHRHEIT IN HILDBURGHAUSEN
Alexis Mirbach
11.VOM DESINFORMATIONS- ZUM DEMOKRATIE-FRAME.ANSTELLE EINER ZUSAMMENFASSUNG
Michael Meyen
Michael Meyen
Die Idee zu diesem Buch verdanken wir Jörn Hurtienne und dem bayerischen Forschungsverbund ›Zukunft der Demokratie‹. Hurtienne leitet dort das Projekt ›Digitale Partizipation in der Kommunalpolitik‹ und möchte genau das, was dieser Titel verspricht: die Technik nutzen, damit sich Bürgerschaft und Rathaus (wieder) näherkommen. Apps, natürlich, aber für einen Psychologen wie Hurtienne, Dr.-Ing. und Professor am ›Institut Mensch-Computer-Medien‹ in Würzburg, ist das schon deshalb nur ein Anfang, weil nicht alle von uns Smartphones mögen.
Anfang Oktober 2019 hat Jörn Hurtienne zu einem ›Wall Walk‹ in die Hubland-Bibliothek eingeladen, dorthin, wo das neue Würzburg wächst. Zugegeben: Der Begriff ›Wall Walk‹ hat bei mir zunächst falsche Assoziationen geweckt. Ich wusste, dass es um Demokratie gehen würde und dass Hurtienne in Prenzlau geboren ist. Vermutlich würden wir irgendwo draußen sein und vielleicht auch einen Link zur DDR haben. Zweimal daneben. Die ›Mauer‹ bestand aus Stellwänden mit vielen kleinen Zetteln, und der ›Spaziergang‹ war eher ein Lesen im Stehen. Hurtienne und seine Leute hatten alles aufgeschrieben, was ihnen Menschen erzählt haben, die entweder im Hubland wohnen oder in irgendeiner Funktion mitbestimmen, wie man dort lebt. Ein faszinierendes Panoptikum. Ich hatte das Gefühl, ganz nah dran zu sein an dem, was in einem wildfremden Stadtteil passiert. Parkprobleme, Spielplätze, Fördergelder, überhaupt: das Miteinander in der Anonymität.
In einer der Pausen stellte Jörn Hurtienne fest, dass ich seine Bourdieu-Begeisterung teile. Wir hatten schon in einem Forschungsverbund zum Thema Resilienz zusammengearbeitet und jetzt den Wunsch, die Kooperation zu vertiefen. Die Idee lag nahe: ein Buch mit dem Titel Das Elend der Demokratie, angelehnt an den Bestseller Das Elend der Welt.1 Auch über den Inhalt waren wir uns schnell einig: O-Töne wie beim ›Wall Walk‹, etwas länger sicherlich und so eingebettet, dass soziale Position und Habitus deutlich werden. Der Forschungsverbund ›Zukunft der Demokratie‹ schien dafür das ideale Umfeld zu sein. Die elf Projekte haben ihre Sensoren (fast) überall: beim Geld und am Arbeitsplatz, auf dem Land und in Osteuropa, bei den Geschlechtern, bei Menschen, die einen Teil ihrer Wurzeln in der Türkei haben, und bei denen, die noch nicht sehr lange in Deutschland sind. Das Elend der Demokratie könnte, so haben Jörn Hurtienne und ich das in Würzburg gesehen, wie einst Pierre Bourdieu eine Gesellschaftsdiagnose liefern und damit etwas einlösen, was unser Forschungsverbund beim Start im Sommer 2018 versprochen hatte.
In der Ausschreibung für den Verbund hatte ich ein paar Namen genannt (Trump, Orbán, Kaczyński, Erdoğan) und auf das hingewiesen, was 2017 diskutiert wurde. Populismus und die AfD, Wutbürger auf der Straße und in den sozialen Netzwerken, dazu »der Mitgliederschwund von Parteien, Gewerkschaften, Verbänden oder Kirchen – von Organisationen, die in der Vergangenheit Normen und Werte bereitgestellt oder diskutiert und so die öffentliche Meinungs- und Willensbildung genau wie das Handeln von Individuen, Gemeinschaften und Gesellschaften entscheidend beeinflusst haben.« In meinem Text wurde daraus eine düstere Prognose: »Die Demokratie und ihre Prinzipien wie die politische Gleichheit aller, Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenteilung, Minderheitenschutz und Partizipation scheinen ausgerechnet in einer Zeit an Strahlkraft zu verlieren, in der die Menschheit vor existentiellen Herausforderungen steht. Anders formuliert: Es steht das Vertrauen in die politische Weisheit der ›Vielen‹ auf dem Spiel.«2
Um diese Drohkulisse zu legitimieren und den potenziellen Geldgeber (das bayerische Wissenschaftsministerium) zu motivieren, habe ich einerseits all das zusammengetragen, was sich in der wissenschaftlichen Literatur an Skepsis finden ließ: »Postdemokratie«,3 »defekte Demokratie«,4 Fassadendemokratie,5 »simulative Demokratie«,6 »democratic rollback«,7 »Pathologie der Demokratie«.8 Andererseits sollten diese Krisen-Szenarien nur ein Ausgangspunkt sein, um danach fragen zu dürfen, »wie Partizipations- und Entscheidungsverfahren sowie möglicherweise auch die Vorstellung von Demokratie an sich so modifiziert werden können, dass sie in der Lage sind, angemessen auf die Probleme des 21. Jahrhunderts zu reagieren«.9
Heute weiß ich: Das war in jeder Hinsicht zu optimistisch gedacht. Auch und vielleicht sogar besonders in der Wissenschaft sind längst nicht alle darauf aus, ›die Vielen‹ da draußen tatsächlich mitreden und mitmachen zu lassen – auch dann nicht, wenn sie sich für einen Forschungsverbund bewerben, der ausdrücklich jede Verordnung »von oben« ablehnt und in der Ausschreibung betont, »dass die Bürgerinnen und Bürger an der ›Herstellung legitimer, gerechter, kreativer und dauerhafter Problemlösungen für ein nachhaltiges Leben‹ aktiv mitwirken müssen.«10 Ein Gemeinschaftsprojekt zum ›Elend der Demokratie‹ war selbst in einer solchen Konstellation nicht möglich. Allein schon der Titel. Unmöglich. Als ob die Demokratie am Ende wäre. Dagegen kam auch der Hinweis auf das Vorbild nicht an.11
Natürlich: Beim Cover sind immer Kompromisse möglich. Wir hätten das Buch auch einfach ›Verstehen der Demokratie‹ nennen können, Wissenschaftstradition und intellektuelles Erbe hin oder her. Damit allein wäre es aber nicht getan gewesen. Alexis Mirbach und ich sind im Frühsommer 2020 wegen eines Blogbeitrags in die Schlagzeilen geraten, in dem Ken Jebsen und sein Portal KenFM neutral-positiv behandelt wurden.12 Mir fällt kein besseres Adjektiv ein. Erwartet wurden offenbar Nicht-Beachtung oder Distanzierung. Dass das nicht geht, wenn man nach dem ›Elend der Medien‹ fragt und nach der Zukunft des Journalismus, wird hoffentlich in diesem Buch deutlich. Fortan hatten wir beide ein Kontaktschuld-Problem.13 Einige wollten ihren Namen nicht neben uns auf einem Buchdeckel sehen, und andere fürchteten, dass wir nicht in der Lage sein würden, »bestimmte Linien zu ziehen« (Zitat aus einer entsprechenden Mail). Im Klartext: Wir könnten Menschen sprechen lassen, die – ja, was eigentlich?
Eine Angst geht um in der Wissenschaft, die sich schwer greifen lässt und einen eigenen Forschungsverbund verdienen würde oder wenigstens ein eigenes Buch. Diese Angst beschneidet eigentlich alles (das Themenspektrum, die Fragen, die Antworten) und greift schon nach der jüngsten Forschergeneration. Ich könnte von einer Bachelorstudentin erzählen, die zögerte, sich mit einem politisch ›heiklen‹ Thema zu beschäftigen, um ihre Karriere nicht zu gefährden, oder von einer Aktivistin, die darum gebeten hat, längst gedruckte Zitate aus der Google-Vorschau zu entfernen, weil sie sich jetzt um ein Stipendium bewerben wollte. Bei den fraglichen Stellen sah nicht etwa diese Frau schlecht aus, sondern der Staat (weil man sie grundlos ein halbes Jahr heimlich überwacht hatte), aber genau das war offenbar das Problem. Aus der »Angst des Forschers vor dem Feld«14 (was passiert, wenn ich mich auf Menschen und ihre Wirklichkeit einlasse) ist eine Angst vor sozialer Ächtung geworden, die sehr viel mit dem ›Elend der Medien‹ zu tun hat. Deshalb bin ich Jörn Hurtienne genauso dankbar wie Herbert von Halem – dem einen für den Impuls, der zu diesem Buch geführt hat, und dem anderen für die Offenheit, diesen Titel trotz aller Bedenken, die jeder nach diesem Vorwort selbst ausformulieren kann, in sein Programm aufzunehmen. 40 Stimmen zum ›Elend der Medien‹ (genauso viele hat einst das Team um Bourdieu gesammelt) sind auch 40 Stimmen zum ›Elend der Demokratie‹.
1Pierre Bourdieu et al.: Das Elend der Welt. Studienausgabe. Konstanz: UVK 1997. – Vgl. hierzu auch die Einleitung von Alexis Mirbach in diesem Buch.
2Michael Meyen, Sabine Toussaint: ForDemo: Die Zukunft der Demokratie. Skizze für einen Bayerischen Forschungsverbund. München, 2. Januar 2017
3Vgl. Colin Crouch: Post-Democracy. Oxford: Polity 2004, Sheldon Wolin: Democracy Incorporated. Princeton: Princeton University Press 2008
4Vgl. Wolfgang Merkel, Hans-Jürgen Puhle; Aurel Croissant; Claudia Eicher; Peter Thiery: Defekte Demokratie. Band 1: Theorie. Opladen: Westdeutscher Verlag 2003
5Vgl. Wolfgang Streeck: Gekaufte Zeit. Die vertagte Krise des demokratischen Kapitalismus. Frankfurt/M.: Suhrkamp 2013
6Vgl. Ingolfur Blühdorn: Simulative Demokratie. Berlin: Suhrkamp 2013
7Vgl. Larry Diamond: The Democratic Rollback. The Resurgence of the Predatory State. In: Foreign Affairs 2/2008, S. 36-48
8Martin Sebaldt: Pathologie der Demokratie. Wiesbaden: Springer VS 2015
9Meyen, Toussaint: ForDemo
10Ebd. – Vgl. Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU): Welt im Wandel. Gesellschaftsvertrag für eine große Transformation. Berlin 2011, S. 55
11Vgl. zur Übersetzung von Bourdieus Titel die Einleitung von Alexis Mirbach in diesem Buch.
12Vgl. Michael Meyen: Kontroverse um »Medienrealität«. In: Medienrealität vom 2. Juni 2020
13Vgl. Michael Meyen: »Damit ist jedes Ihrer Argumente wertlos«. Interview zum Thema Kontaktschuld (Interviewer: Jakob Buhre). In: Planet Interview vom 14. Juli 2020
14Vgl. Rolf Lindner: Die Angst des Forschers vor dem Feld. Überlegungen zur teilnehmenden Beobachtung als Interaktionsprozess. In: Zeitschrift für Volkskunde 77. Jg. (1981), S. 51-66
Alexis Mirbach
Dieses Buch könnte auch ›Die Leiden der Medien‹ heißen – wenn der Leitbegriff unseres Referenzwerks La misère du monde anders übersetzt worden wäre. Als Unbehagen. Als Not. Als Misere. Oder eben als Leid.1La misère du monde ist ein soziologisch-literarischer Klassiker, der in Frankreich 1993 unter der Leitung von Pierre Bourdieu erschien und hierzulande 1997 als Das Elend der Welt. Deshalb der erste Teil unseres Buchtitels.
Ausgangspunkt für La misère du monde war die Anfrage eines Finanzinstituts an Bourdieu (damals Lehrstuhlinhaber am Collège de France und lange meistzitierter Sozialwissenschaftler der Welt), die »malaise social« zu erforschen. »Verbrechen« und »Krawalle« in den Pariser Vorstädten2 sowie teils spektakuläre Streikbewegungen waren damals zentraler Topos der französischen Debatte und beliebtes Medienthema.3 Bourdieu nahm die Aufgabe an, lehnte aber ab, die »soziale Malaise« mit konventionellen Fragebogentechniken anzugehen, und skizzierte stattdessen ein qualitatives Untersuchungsdesign, aus dem dann eine ebenso »einfühlsame« wie »skalpellscharfe« Sozioanalyse Frankreichs entstand – gestützt auf die Dokumentation von 40 Einzelschicksalen.4
Das Werk traf den Nerv der Zeit: Die 1.000 Seiten von La misère du monde verkauften sich allein in Frankreich im ersten Jahr über 100.000 Mal und lösten auch international eine Forschungsbewegung aus, die von unten auf die Welt blickt. Das Elend der Welt diente sogar als Vorlage für Theaterinszenierungen und schwappte auch über die deutsch-französische Grenze. Günter Grass, Daniela Dahn und Johano Strasser veröffentlichten 2002 »Zeugnisse alltäglichen Leidens an der Gesellschaft«5, und der Bourdieu-Vertraute Franz Schultheis gab 2005 mit Kristina Schulz eine deutsche Variante des ›Elends‹ heraus.6
Der ›Welt‹-Anspruch im Titel mag vermessen klingen, werden in La misère du monde doch nur Franzosen interviewt. Verwaltungsangestellte, Einwanderer, Polizisten, Familien in den Banlieus. Der Anspruch von Das Elend der Welt ist trotzdem global – weniger, weil ›monde‹ im Französischen auch einfach als ›Leute‹ verstanden werden kann,7 sondern weil das Buch vor dem Hintergrund weltweiter Deregulierungen der Finanzmärkte, tiefgreifender Umbrüche auf dem Arbeitsmarkt sowie umfassender Veränderungen des gesellschaftlichen Lebens entstand.8 Bourdieu selbst hat von einer »kollektiven Konversion zur neoliberalen Sichtweise […] im Schulterschluss mit den sozialistischen Parteiführern« gesprochen,9 die in den 1990er-Jahren und 2000er-Jahren unter Bill Clinton, Tony Blair und Gerhard Schröder als Strategie »des dritten Weges« vorangetrieben wurde.10
Im Elend der Welt zeigt sich die »Abdankung des Staates«: beim Wohnungsbau, bei der Überführung öffentlicher Dienstleistungen in den Privatsektor oder bei der Transformation schulischer Einrichtungen. Das alltägliche Leid spielt sich bei Mietern von Sozialwohnungen ab, deren Siedlungen zu Ghettos gemacht wurden, bei Einwanderern, denen das ethnische Stigma auf unauflösliche Weise in Hautfarbe und Namen eingeschrieben ist,11 bei kleinen Beamten und Sozialarbeitern, die »die unerträglichsten Auswirkungen und Unzulänglichkeiten der Marktlogik kompensieren müssen«,12 im Abstieg und Niedergang der alten Arbeiter, in ihrem Hass auf die neuen Vorarbeiter13 oder bei Landwirten, denen die Frauen auf den Feldern fehlen, denen die Investitionen buchstäblich versickern und die (als das Mikrofon abgestellt ist) mit einem tiefen Seufzer ihre Sympathien für den Anführer der rechten Partei Front National gestehen.14 Durch die Analyse der individuellen Situation gelingt es dem Forscherteam um Bourdieu, Entwicklungen von gesamtgesellschaftlicher Tragweite (und die Zukunft) zu erfassen.
Ob Folge der von Bourdieu angeklagten neoliberalen Politik unter sozialdemokratischer Absolution oder nicht: Knapp drei Jahrzehnte nach La misère du monde steckt die Demokratie westlich-liberaler Prägung in der Krise.15 Symptome sind nach herrschender Meinung das Erstarken autoritärer Regierungen in postsozialistischen Ländern, der Aufstieg der neuen Rechten, der Brexit oder Donald Trump. Nicht erst seit den Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen ist die öffentliche Sorge um den Fortbestand der Demokratie auch in Deutschland zentraler Topos gesellschaftlicher Debatten. Der Soziologe Stephan Lessenich (um nur einen prominenten Sprecher zu zitieren) nennt als Indikatoren die »Eruptionen von Hass in sozialen Medien«, eine »sich leerlaufenden transmediale Aufregungsmaschine«, die »Unversöhnlichkeit des Umgangstons in der politischen Debatte« und eine bis ins Private vordringende »Dynamik des Kommunikationsabbruchs zwischen unvereinbar erscheinenden Meinungen.«16
Dass die Krise der Demokratie auch eine Krise des Journalismus ist, hat Colin Crouch in seinem Konzept der »postdemokratischen Gesellschaft«17 schon vor gut zwei Jahrzehnten herausgestellt. Während »Heerscharen von Wirtschaftslobbyisten« unter Ausschluss der Öffentlichkeit auf den Hinterbühnen der Politik operieren würden, diene der »medienindustrielle Komplex« allein der Aufmerksamkeitsproduktion.18 Dass in einer multioptionalen Welt, die Orientierung erwartet, aber nur komplexe Wahrheiten bietet,19 die Krise als ›Normalzustand‹20 sehr viel mit Medien zu tun haben muss, zeigt allein die Inflation von Begriffen wie ›Fake News‹, ›Mainstream‹, ›Framing‹, ›Lügenpresse‹, ›Verschwörungstheorie‹ oder ›Desinformation‹. Deshalb der zweite Teil unseres Titels.
Unabhängig vom Titel gibt es in der Kommunikationswissenschaft mit der Media Malaise seit Ende der 1940er-Jahre die These, dass Medien die Ursache für negative Einstellungen gegenüber der Politik und demokratischen Prozessen sind: Paul Lazarsfeld und Robert Merton warnten vor einer »narkotisierenden Dysfunktion der Medien«,21 und Michael Robinson führte in den 1970er-Jahren den wachsenden Zynismus gegenüber der Politik auf die Präsentationsformen des Fernsehens zurück und prägte das Schlagwort Videomalaise.22 Video- und Media-Malaise-Forscher untersuchen seither, ob Skandalisierung, Negativismus, Konflikthaftigkeit oder Personalisierung für die steigende Politikverdrossenheit verantwortlich sind.23
Auf großes Interesse stießen die Erkenntnisse aber weder in der Öffentlichkeit noch in den Redaktionen oder in der Politik.24 Das dürfte auch an der Zielvariable Politikverdrossenheit gelegen haben. Lange hat man zwar das Sinken der Wahlbeteiligung vor laufenden Kameras mit Krokodilstränen beklagt, solche Symptome aber als Wohlstandsapathie ad acta gelegt, solange sich nicht abzeichnete, dass sich dahinter eine fundamentale Systemkritik verbergen könnte und möglicherweise eine Medienwirkung.25
Ganz anders heute. Die PEGIDA-Demonstranten haben ihre Systemkritik ab 2014 über den Begriff ›Lügenpresse‹ transportiert. Und der Brexit sowie die Wahl Trumps zeigten wenig später, dass sich liberaldemokratische Verhältnisse tatsächlich ändern können, womöglich herbeigeführt durch einen Strukturwandel der Öffentlichkeit, der eng mit digitalen Plattformen wie Facebook oder Twitter zusammenhängt. Veränderungen der öffentlichen Kommunikation sind seither Chefsache in Politik, Journalismus und Wissenschaft – und damit auch die Frage, wer oder was das Elend in den Medien ist.
Das Elend sei »vielgesichtig«, schreibt Bourdieu, »unformuliert« und »unformulierbar«. Manchmal drücke es sich mangels legitimer Mittel nur in Hass oder Wahn aus.26 Dieses Buch zeigt viele Gesichter des Elends der Medien. Wir sammeln schlechte Nachrichten für den Journalismus – gefunden bei Bürgern, Medienprofis am Rande des journalistischen Feldes und bei denen, die in der Nähe des Machtpols arbeiten und dennoch nicht nur Gutes zu sagen haben. Indem wir Medienkritik aus unterschiedlichen Feldpositionen in ihrer habituellen Verknüpfung darstellen, betreiben wir Ursachenforschung. Wo liegen die Wurzeln der Medien- und Demokratie-Malaise?
Für dieses Buch treiben uns ein Reformgedanke und der Glaube an den »transformativen Einfluss« von Wissen an. Mit Anthony Giddens gehen wir davon aus, dass Akteure (Medienmacher, Medienpolitiker, Mediennutzer) Strukturen (also Regeln für soziale Praktiken sowie Ressourcen) im Handeln nicht nur reproduzieren, sondern auch modifizieren können.27 In der Strukturationstheorie ist die Veränderung gewissermaßen eingebaut – im Unterschied zur herkömmlichen Mediensystemforschung, die Strukturen wie die Mediengesetzgebung, Aufsichtsbehörden, die journalistische Berufsideologie oder soziale Tabus eher als restriktiv konzeptualisiert.28 Bei Giddens schränkt Struktur Handeln nicht nur ein, sondern ermöglicht es auch (Dualität von Struktur). Außerdem (das ist für den Wunsch nach Reformen wichtig, der dieses Buch trägt) existiert Struktur nicht »unabhängig von dem Wissen, das die Akteure von ihrem Alltagshandeln haben«: »Handelnde wissen immer, was sie tun« – auch wenn dieses Wissen möglicherweise auf der Ebene des praktischen Bewusstseins bleibt, Grenzen hat (»uneingestandene Bedingungen und unbeabsichtigte Folgen des Handelns«) und auf der diskursiven Ebene keineswegs immer adäquate Entsprechungen findet.29 Bourdieu formuliert das so: »Was die Gesellschaft hervorgebracht hat, kann die Sozialwelt mit einem solchen Wissen gerüstet auch wieder abschaffen.«30 In Kurzform: Wir müssen ein Bewusstsein für Missstände schaffen, um das Negative im Sinne des Friedensforschers Robert C. Jungk31 sowie des US-Soziologen Erik Olin Wrights in »reale Utopien«32 zu verwandeln.
Warum es nötig ist, Kritik an Medien zu sammeln, aufzuschreiben und in den Diskurs zu tragen, zeigt der folgende Blick auf die Kommunikationswissenschaft und auf das dominante politische Narrativ. Die substantielle Kritik am Bestehenden ist leise – viel leiser jedenfalls als ein Deutungsmuster, indem allzu oft a priori programmiert ist, wer die Guten und wer die Bösen im »Medienkrieg«33 sind.34
Wie die Geschichte über das Elend der Medien gewöhnlich beginnt, lehrt exemplarisch eine Regierungserklärung von Angela Merkel vom 29. Oktober 2020: Öffentliche Kritik an den Corona-Maßnahmen sei unverzichtbar, so Merkel, »aber Lüge und Desinformation, Verschwörung und Hass beschädigen nicht nur die demokratische Debatte, sondern auch den Kampf gegen das Virus.« Die Bundeskanzlerin definiert damit das Problem im öffentlichen Kommunikationsraum – so, wie es unabhängig von Corona dem herrschenden Narrativ der vergangenen Jahre entspricht. »Wir müssen lernen, mit Fake News als Teil der hybriden Kriegsführung umzugehen«, sagte Merkel 2019 bei der Einweihung der BND-Zentrale in Berlin.35 Den »Kampf gegen Desinformation« führt Deutschland auf EU-Ebene gemeinsam mit Frankreich. Die Regierung von Emmanuel Macron, einst liberaler Wirtschaftsminister der sozialistischen Partei, warf Russland 2019 vor, durch Falschmeldungen über die sozialen Netzwerke die Proteste der Gelbwesten anzuheizen.36 »Putins Medien«, wie Macron Sputniknews und Russia Today nennt, hätten bereits 2017 im Präsidentschaftswahlkampf sein Privatleben thematisiert. Nach dem Wahlsieg Macrons folgte Frankreich dem deutschen Netzwerkdurchsetzungsgesetz und erließ ein ›Fake-News-Gesetz‹, das nach Einschätzung der Frankfurter Allgemeinen Zeitung »nicht grundlos« als »Anschlag auf die Pressefreiheit« bezeichnet werden könne.37 Legitimiert wurde das mit einem guten Grund: mit Wladimir Putin und dem Elend der Medien.
Auch Frank-Walter Steinmeier sieht die Demokratie »unter Druck« (wegen alternativer Wahrheiten)38 und warnt vor einer »Zersetzung«. Allerdings gibt der Bundespräsident eine andere Handlungsempfehlung als Macron: Die Gesellschaft brauche seriöse Medien dringender denn je!39 »Die Demokratie ist angewiesen auf freie, unabhängige und wahrheitsgetreue Information«. Das digitale Umfeld sei nicht »freundlich«, weshalb sich der Qualitätsjournalismus noch auf unbestimmte Zeit gegen Verflachung, Verzerrung und Glaubwürdigkeitsverlust behaupten müsse.40
In dieser Erzählung von Merkel-Macron-Steinmeier steckt der hegemoniale Frame westlich-liberaler Gesellschaften über das Elend der Medien. Wenn man so will: die offizielle Version der Geschichte aus einer unendlichen Reihe von Deutungsmöglichkeiten. In einem Frame sind Facetten eines Ereignisses so verknüpft, dass sie beim Empfänger eine bestimmte Interpretation aktivieren. Eine Meta-Story, die sich in die Sequenzen Problem, Ursache, Handlungsempfehlung und moralische Bewertung unterteilen lässt.41 Was Entman »Frame« nennt, ist bei Bourdieu ein Standpunkt über die »legitime Sichtweise über die Dinge«. Anders als bei Entman schweben die Deutungsmuster hier nicht im »luftleeren Raum«42, sondern sind an Feldpositionen gebunden. Entman macht über die vier Frame-Sequenzen klar, wie eine »legitime Sichtweise« analysiert werden kann.
In der Soziologie von Pierre Bourdieu haben die Felder Politik, Wissenschaft und Journalismus eines gemeinsam: Alle drei Felder beanspruchen, über die legitime Sichtweise der Dinge zu verfügen. Mit ihren Konstruktionen der Wirklichkeit üben sie jeweils symbolische Macht aus. Die entsprechenden Kämpfe werden einerseits innerhalb der Felder ausgetragen und andererseits im sozialen Raum. Den Wettstreit um Deutungshoheit gewinnt, wer über das meiste ökonomische, kulturelle und soziale Kapital verfügt. Ein Standpunkt, der sich über die Feldgrenzen hinweg durchsetzt, gilt als orthodox. Es ist die Sichtweise der Wirklichkeit, die gesamtgesellschaftlich mindestens unbewusst als gesetzt gilt.43 Kurz: der orthodoxe Frame. Konkurrierende Sichtweisen in einer deliberativen Demokratie44 nennt Entman »counter frames«. Mit Bourdieu können die unterlegenen Standpunkte als heterodox oder als häretisch bezeichnet werden. Während es Vertretern von heterodoxen Sichtweisen darum geht, innerhalb einer bestehenden Ordnung mit ihrem Standpunkt eine höhere Position zu erlangen, wollen Häretiker die Kapitaldistribution insgesamt verändern.45
Ich nenne die Erzählung von Merkel-Macron-Steinmeier den orthodoxen Desinformations-Frame, weil sich diese Sichtweise über das Elend der Medien mit dem Mehrheits-Konsens in der deutschsprachigen Kommunikationswissenschaft deckt. Stephan Ruß-Mohl spricht zum Beispiel von der »Pest der Desinformation«. Die ›Feinde‹ der informierten Gesellschaft sind in seiner Lesart »Populisten und Propagandisten«, die die Digitalisierung nutzen, um mit Fake News, Konspirationstheorien, Halb- und Viertelwahrheiten zu punkten oder Verwirrung zu stiften«.46 Wolfgang Schweiger verbindet die Ursache Desinformation mit dem Aufstieg von digitalen Plattformen und nennt als Probleme den Bedeutungsverlust journalistischer Nachrichten, eine sinkende politische Informiertheit, die schwache Diskursfähigkeit der Bevölkerung sowie eine Polarisierung der Gesellschaft.47 Diana Rieger versucht nachzuweisen, dass Internet-Propaganda rechtsextreme Positionen stärkt,48 Nikolaus Jackob sieht das Internet mit aggressiven Kommentaren und Verschwörungstheorien geflutet,49 und Thorsten Quandt befürchtet wegen der »Missinformation« im Netz gar eine »Populismus-Pandemie«.50 Diese Beispiele vom Machtpol der Kommunikationswissenschaft dürften hinreichend sein, um zu zeigen, dass hier der Frame ›Desinformation‹ vorherrscht. Mit Entman gedacht ist dies die Meta-Story, die sich mit leichter Varianz auf die moralische Bewertung einzelner Akteure überträgt.51 In einem solchen Deutungsprozess wird immer mindestens implizit bestimmt, wer die Guten sind und wer die Bösen.
In dem von 36 Forschern und Praktikern erstellten Handbuch Fake News, Framing, Fact-Checking steht die Argumentationskette zur moralischen Beurteilung gleich im Vorwort: Weil »nichtjournalistische Kommunikatoren« im Internet zum Sender »nachrichtlicher Informationen« werden, steigt die Verbreitung von Verschwörungstheorien. Da sich Fake News erfolgreicher als seriöse Meldungen verbreiten, so heißt es im nächsten Kettenglied, führt das auch bei etablierten Medien zu einem Glaubwürdigkeitsverlust. Folge: »Lücken- und Lügenpresse-Vorwürfe« sowie pauschale Kritik an »Mainstream-Medien«, »Systempresse« oder »Staatsfunk«.52 Die Moral dieser Geschichte: Schuld sind ›nichtjournalistische Kommunikatoren‹. Böse. Gut sind dagegen traditionelle Medien.
Der Journalist und Soziologe Marcus Klöckner, den wir in diesem Buch ausführlich zu Wort kommen lassen, beobachtet im Feld des Journalismus einen tiefen Graben zwischen Vertretern großer Medien und ihren Kritikern auf den Plattformen des Gegendiskurses.53 In der orthodoxen Kommunikationswissenschaft wird diese Spaltung meist in den Gegensatz ›alternative‹ versus ›etablierte‹ Medien gegossen. ›Alternative Nachrichtenmedien‹ sind Thorsten Quandt zufolge Angebote, die sich als kritische Gegenstimme und Korrektiv zu journalistischen ›Mainstream-Medien‹ verstehen und vor allem online aktiv sind. In einem Aufsatz, der im April 2020 ohne Peer-Review veröffentlicht und von vielen Medien zitiert wurde, haben Quandt und sein Team Angeboten wie RT Deutsch, Sputnik, Compact oder den NachDenkSeiten vorgeworfen, in Sachen Corona Verschwörungstheorien zu verbreiten. Fazit: »Die Alternativmedien […] vermischen in ihren Veröffentlichungen das Leugnen des Klimawandels, die Flüchtlingskrise, Weltuntergangstheorien und das Coronavirus«.54 Diesen Befund kann jeder selbst prüfen und sich zum Beispiel die NachDenkSeiten ansehen. Man würde dann schnell sehen, dass es wenig Sinn macht, alle Alternativmedien und staatlich finanzierte Medien aus dem Ausland analytisch zu einer Kategorie zusammenzufassen.55 Der Frame allerdings ist in der Welt: gute Traditionsmedien, böse Alternative.
Durch das orthodoxe Desinformations-Narrativ werden die Kriterien ›Vertrauen‹ und ›Glaubwürdigkeit‹ zum Goldstandard in der Beurteilung journalistischer Qualität. Die Glaubwürdigkeit des Journalismus sei »die Essenz unserer Demokratie«56 und Medienvertrauen eine »demokratische Notwendigkeit«,57 heißt es in der Kommunikationswissenschaft. Auch Bundespräsident Steinmeier machte Medienschaffenden bei einer Tagung zur politischen Streitkultur Mut (Zeitungen und öffentlicher Rundfunk würden in der Bevölkerung großes Vertrauen genießen, »bei gut 80 Prozent nach einer neuen Studie«)58 und weist damit den Weg, wie die Ergebnisse der entsprechenden Studien moralisch einzuordnen sind: Gut für die Demokratie sind hohe Werte.
Steinmeier kann sich auf einen Boom der quantitativer Glaubwürdigkeitsforschung stützen. Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten führen regelmäßig Umfragen durch, und in der Kommunikationswissenschaft stehen das Reuters Institute der Universität Oxford sowie die ›Mainzer Langzeitstudie Medienvertrauen‹ an erster Stelle. Das Mainzer Institut für Publizistik hat Steinmeier im März 2018 sogar besucht, um über Medienvertrauen zu diskutieren. Sein Urteil: »Hier wurde gute Arbeit gemacht, die gebraucht wird in der Demokratie.«59 Ergebnisse der Welle von 2019: Gut 40 Prozent der Befragten vertrauen den Medien und rund 30 Prozent nicht. Dazu kommen knapp 30 Prozent Unentschiedene. Damit sind die Zahlen seit 2016 »recht stabil«, was in den Pressemitteilungen als positive Nachricht für die ›etablierten Medien‹ kommuniziert wird. »Das Vertrauen in öffentlich-rechtlichen Rundfunk und Tageszeitungen ist weiterhin hoch, die Werte für das Internet sinken«. Und: Nur bei »einer Minderheit verfestigt sich das Misstrauen gegenüber Medien«.60
Ist damit wieder alles gut in Deutschland? Hat sich das Elend der Medien erledigt? Nicht ganz. Folgt man der Mainzer Langzeitstudie, dann hat sich der Anteil der Unentschiedenen seit 2008 von 63 Prozent auf 29 Prozent halbiert.61 Das heißt: Immer mehr Menschen haben zum Thema Medienvertrauen eine klare Meinung. Die Forschergruppe ruft deshalb das Zeitalter der Polarisierung aus.62 Ein Befund, der Sozialwissenschaftlern, Meinungsforschern, Journalisten und Politikern gut in die Argumentation gespaltene Gesellschaft passt.63
An dieser Stelle kann es weniger um die methodischen Unstimmigkeiten hinter solchen Befunden gehen und auch nicht um die These, dass Umfragen zum Medienvertrauen allenfalls die Zufriedenheit mit dem gesellschaftlichen System messen und ansonsten vor allem denen helfen, die sie bezahlen. Es soll lediglich erwähnt sein, dass der Fokus auf Glaubwürdigkeit andere Kriterien zur Beurteilung journalistischer Qualität wie Relevanz, Transparenz, Vielfalt oder die Diskussion um den Objektivitätsbegriff verdrängt.64 Und: Durch die Vielzahl an Befragungen kann sich der forschende Interpret mittlerweile selbst aussuchen, ob er steigendes,65 sinkendes66 oder stabiles67 Medienvertrauen in Deutschland erkennen mag.
Wichtiger ist an dieser Stelle, wie die Studien interpretiert werden. Punkt eins, das sei hier wiederholt: Hohe Glaubwürdigkeitswerte gelten als gut für die Demokratie. Punkt zwei: Eine Zunahme an Ja- oder Nein-Antworten (und nicht: »weiß nicht«) steht für eine Polarisierung der Gesellschaft. Und Punkt drei: Auch in der moralischen Bewertung ist man sich einig. Es gibt »gerechtfertigte« und »konspirative« Medienkritik.68Gerechtfertigte Medienkritik äußern »Medienskeptiker« – Menschen, die sich »intellektuell zurückhaltend« und »rational begründet« äußern. Gute Bürger. Medienzyniker69 dagegen unterstellen Politikern niedere Motive und sprechen von »Lügenpresse«. Diese »verächtlichabwertende« und destruktive Haltung habe, so kann man das in einem der Texte aus Mainz lesen, keine rational-wissenschaftliche Basis. Das Forscherteam weiß auch, wo (sozial und politisch gesehen) solche Medienzyniker zu finden sind: »höhere Präferenz für die politischen Ränder AfD und Linke; niedriges politisches Interesse; hohe wirtschaftliche Zukunftsangst; häufige Nutzung alternativer Online-Nachrichtenseiten; häufiges Lesen von Nutzer-Kommentaren sowie niedrigere formale Bildung.«70 Der Frame: Formal gebildete Personen sind gut und Ungebildete böse.71
Der herrschende Desinformations-Frame lässt sich folglich so zusammenfassen: Böse sind das Internet, autoritäre Kräfte, nichtjournalistische Kommunikatoren, Alternativmedien und Medienzyniker. In anderen Worten: Schuld an der Krise der Demokratie sind Wutbürger, die Putins Medien glauben. Diesen Befund dürfte eigentlich auch der Bundespräsident nicht gutheißen. Als Außenminister sagte Steinmeier 2014 zur ›Glaubwürdigkeitskrise‹ der Medien:
»Die einfachste Erklärung wäre: Der Leser ist schuld, der ist halt dumm und frech. Der kapiert nicht, wie gut die Zeitungen sind. Aber mit dem Leser ist es wie mit dem Wähler. Man kann sich über ihn ärgern, aber man sollte ihn nicht ignorieren und am besten sehr ernst nehmen.«72
Wenn in der psychologisch-quantitativ orientierten Kommunikationswissenschaft73 nach den Ursachen der Medienkrise geforscht wird, geht es zum Beispiel um die Frage, ob Zukunftsangst stärker als die wirtschaftliche Lage bestimmt, wer Medienzyniker wird und wer ›Medienfan‹ (Antwort: nicht ganz klar), oder darum, wo Verschwörungstheoretiker Gleichgesinnte finden. Antwort: im Internet.74 Nur in einem Nebensatz heißt es bei den führenden Medienvertrauensforschern Deutschlands, die den Forschungsstand bestens im Blick haben: »Bisher ist vergleichsweise wenig untersucht worden, was Menschen konkret an Medien kritisieren.«75 Damit ist zur Relevanz dieses Buches alles gesagt.
Die Mainzer Langzeitstudie Medienvertrauen steht hier ›nur‹ pars pro toto für das, was Pierre Bourdieu an der Markt- und Meinungsforschung insgesamt kritisiert hat.76 Bourdieu hat eine Wissenschaft abgelehnt, die Menschen erst über sozial zugeschriebene Kompetenzen und statistische Wahrscheinlichkeiten definiert, anschließend den Tatbestand der ungleichen Verteilung feiert oder beklagt und schließlich die Merkmalsträger anklagend beschreibt. Eine solche Wissenschaft laufe Gefahr, zum blinden Instrument einer rationalisierten Form von Demagogie zu werden.77 Die ist beim Desinformations-Frame gegeben, weil dort die Gründe für die Medien- und Demokratiekrise nicht bei Politikern, Journalisten oder Kommunikationswissenschaftlern verortet werden, sondern bei autoritären Kräften im Internet und bei unwissenden Bürgern. Der Desinformations-Frame gleicht so dem, was der Politikwissenschaftler Philip Manow »Demokratiegefährdungsdiskurs« nennt – ein Diskurs, der »zuletzt so zugenommen« habe und die Demokratie selbst gefährde, weil er kaschiere, dass der Populismus nicht Ursache, sondern Folge der Krise der Demokratie ist.78
Dass Menschen, die nicht über das Machtmittel Bildung verfügen, weniger zufrieden mit den symbolischen Machtmitteln sind (zu denen die Massenmedien zählen), ist nicht nur das regelmäßig wiederkehrende Ergebnis der Meinungsforschung,79 sondern auch ein fast schon selbsterklärender Befund. Doch die Evidenz, »die in die Augen sprang«, war für Bourdieu nur der Ausgangspunkt. Eine Sozialwissenschaft, die unter die Oberfläche offenkundiger Tatbestände gehen wolle, müsse die primäre Wahrheit zertrümmern und an die »wirklichen Ursachen des Leidens« gelangen80 – an die sozialen und ökonomischen Bedingungen des Feldes und an die persönlichen Beschränkungen der Befragten. An ihre legitimen Ansprüche auf Glück, an die Zwänge des Arbeitsmarktes, an offene Sanktionen, schulische Verdikte oder Klassifikationen.
Aus dieser Forderung leitet Bourdieu die verstehende Methode ab, an der sich auch dieses Buch orientiert. Schritt eins: die Perspektive des Akteurs einnehmen. Schritt zwei: seine Position einnehmen. Damit ein Wissenschaftler die Perspektive eines Akteurs einnehmen kann, muss er manchmal »den Schirm von nicht selten absurden, ja oft widerwärtigen Projektionen durchbrechen«.81 Das methodische Werkzeug heißt in der Formulierung von Spinoza: »Nicht bemitleiden, nicht auslachen, nicht verabscheuen, sondern verstehen.«82
Mit der Position des Akteurs ist das positionsbedingte Leid gemeint, das sich aus seiner Stellung im sozialen Raum ergibt. Dabei geht es um das absolute Gewicht seines ökonomischen, kulturellen oder sozialen Kapitals sowie um die Beziehungen zu anderen Akteuren. Mit der verstehenden Methode ist die Hoffnung verbunden, eindimensionale Bilder durch eine komplexe, mehrdimensionale Vorstellung zu ersetzen – zugunsten einer Pluralität der Perspektiven, direkt konkurrierender und auch widersprüchlicher Standpunkte, die in der Gesamtschau eine große Not ergeben.83 Es geht in diesem Buch also nicht darum, das spezifische Elend der Medien zu untersuchen (etwa: sind die Medien glaubwürdig oder wer wird Medienzyniker), sondern um die vielen kleinen Nöte mit den Medien, die mit einer bestimmten Position im sozialen Raum einhergehen: als Ostdeutscher in einer westdeutschen Redaktion, als bayrischer Liedermacher im öffentlichen Kreuzfeuer, als Afrodeutsche ohne Chance, je die Tagessschau zu sprechen, als Mensch, den manche als Wutbürger bezeichnen würden, oder als westdeutscher Großbürger, der jede illusio in Sachen Medien verloren hat.
Um diese Menschen im sozialen Raum verorten zu können, sollen zunächst die ökonomischen und sozialen Bedingungen des journalistischen Feldes in Deutschland skizziert werden. Dazu nutze ich zwei weitere Frames, mit denen die Kommunikationswissenschaft das »Elend der Medien« erklärt, sowie Bourdieus Blick auf diesen Gegenstand (vgl. Tab. 1) – »counter frames« oder heterodoxe und häretische Sichtweisen.
Dass ein orthodoxer Frame nicht zwingend ›richtig‹ sein muss, zeigt ein Blick auf den ›Ur-Frame‹ der Kommunikationswissenschaft, der mehr als nur Parallelen zum heutigen Desinformations-Frame aufweist: Wenn in einem Feld oder einer Gesellschaft Überzeugungen und Meinungen als selbstverständlich und offensichtlich gelten, spricht Bourdieu von einer Doxa84 – von einem nicht weiter hinterfragten Glauben, der sich auch unbewusst in Grundannahmen ausdrückt. Dem Desinformations-Frame liegen die westlichen Deutungs- und Wahrnehmungsmuster des Kalten Krieges zugrunde. Man muss dazu nur Robert Entmans Buch Projections of Power lesen. Die Ikone der Framingforschung beschrieb 2004 vor dem Hintergrund der Anti-Terror-Maßnahmen nach dem 11. September 2001, wie US-amerikanische Medien und Eliten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf die Welt blickten:85 kommunistische Aggression mit der Intention, die Welt zu erobern (Problem), eine Ideologie, in der Atheismus mit einer totalitären Diktatur verschmilzt (Ursache), Wachsamkeit (Handlungsempfehlung) sowie die moralische Verurteilung der kommunistischen Seite, verbunden mit einer Idealisierung der Verbündeten in der ›freien Welt‹ (Bewertung).
TABELLE 1
Eine Doxa und vier Frames in derKommunikationswissenschaft
Vgl. Pierre Bourdieu: Gegenfeuer. Konstanz: UVK 2004; Robert M. Entman: Projections of Power. Framing News, Public Opinion, an U.S. Foreign Policy. Chigago/London: The University of Chicago Press 2004; Nikolaus Jackob, Tanjev Schultz, Ilka Jakobs, Marc Ziegele, Oliver Quiring und Christian Schemer: Medienvertrauen im Zeitalter der Polarisierung. In: Media Perspektiven (5) 2019; Uwe Krüger: Mainstream. Warum wir den Medien nicht mehr trauen. München: C.H. Beck 2016; Siegfried Weischenberg: Medienkrise und Medienkrieg. Wiesbaden: Springer 2018
Faktisch war dieser Frame falsch. Der britische Historiker Eric Hobsbawm schreibt: Die Idee einer »gottlosen kommunistischen Weltverschwörung« halte keiner rationalen Analyse stand.86 Die öffentliche Hysterie um eine mögliche kommunistische Aggression half US-Präsidenten, die wiedergewählt werden wollten, und den militärisch-industriellen Komplexen auf beiden Seiten (Kollektiven von Menschen, die von der Vorbereitung eines Krieges lebten). Im »ideologischen Tennismatch« des kalten Krieges, so Hobsbawm, sei der apokalyptische Ton aus Washington gekommen.87 Wie zur empirischen Bestätigung im Detail zeigt Robert Entman für die 1980er Jahre eine »ziemlich hohe« Korrelation zwischen den Berichten der Washington Post über eine sowjetische Gefahr und der öffentlichen Unterstützung für höhere Militärausgaben.88
Erstaunlich ist: Das Framing-Konzept ist heute populärer denn je und hat im Fake-News-Zeitalter auch den Sprung aus der Kommunikationswissenschaft in die Öffentlichkeit geschafft. Aber nur in der Theorie. Die inhaltliche Medienkritik Entmans (große US-Medien framen weltpolitische Ereignisse konsequent west-seitig und erzeugen im Verbund mit der Meinungsforschung »öffentliche Stimmung«) diffundiert seltener mit. Wie es einem Journalisten geht, der nach medienkritischer Literatur sucht, beschreibt David Goeßmann89 in einem unserer Interviews so: »Es gibt hier und da mal eine Studie, dass es in der Berichterstattung über den Afghanistankrieg oder die Ukraine eine Schlagseite gibt. Aber das ist viel zu wenig Futter, um in der Öffentlichkeit klar zu zeigen, wo es falsch gelaufen ist.«
Dass die deutsche und die US-Kommunikationswissenschaft Herrschaft kaum infrage stellen, erklärt sich auch mit ihrer historischen Entstehung. In den USA war das Fach nach dem zweiten Weltkrieg von Subventionen der Regierung abhängig90 und führt bis heute ein Außenseiter-Dasein abseits der Ivy-League-Universitäten. Im Kampf um Anerkennung macht die Disziplin das, was in einem Feld Erfolg verspricht, das von den ›harten‹ Naturwissenschaften dominiert wird: zählen, messen, rechnen.91 In der Denktradition der Kommunikationswissenschaft geht es darum, Medien als Werkzeuge zu optimieren und nicht als Herrschaftsmittel zu hinterfragen. In Deutschland hat die Meinungsforscherin Elisabeth Noelle-Neumann das US-Paradigma an die Universitäten gebracht und politisch besetzt. Die Anhänger ihrer Mainzer Schule hatten mit der »empirisch-sozialwissenschaftlichen Wende«92 deutlich bessere Berufungschancen als Vertreter der Frankfurter Schule – obwohl es bei Adorno, Horkheimer und Co. ausdrücklich um die ›Kulturindustrie‹ und damit auch um Medien geht.93
Jenseits der Historie gibt es weitere Gründe, warum die deutsche Kommunikationswissenschaft in der öffentlichen Debatte »merkwürdig still« ist: Die Forscher neigen dazu, die gesellschaftlichen Effekte von Medien kleinzureden, scheuen eindeutige Aussagen, weil ihre Analysen auf Komplexität angelegt sind, und halten sich auch deshalb lieber heraus, um ihre Kontakte mit Medienmachern und Öffentlichkeitsarbeitern nicht zu gefährden.94 Wenn man so will, ist dieser modus operandi die praktische Anwendung oder Umkehrung der in Mainz publizierten Theorie der Schweigespirale:95 Erst die öffentliche Meinung erforschen und sich dann nach der Mehrheit richten, um Ausgrenzung zu vermeiden. Dabei hatte Noelle-Neumann bereits 1973 in ihrem Aufsatz Kumulation, Konsonanz und Öffentlichkeit96 an die eigene Zunft appelliert: Sie könne nicht glauben, dass Medien keine Wirkung haben sollen oder nur so schwache, wie sie die Forschung bisher nachgewiesen hat. Starrt nicht nur auf die Empfänger der Botschaft, sagt die Gründermutter der Disziplin hier, sondern schaut euch auch die Kommunikatoren an – weil diese eine soziale Kontrolle erzeugen, die jeder spürt, der von dem abweicht, was die anderen für die Meinung der Mehrheit halten müssen.
Es gibt Medienkritik in der deutschsprachigen Kommunikationswissenschaft. Punktuell etwa beim ersten Corona-Lockdown im April 2020. So lautstark, dass Werner d’Inka, von 2005 bis Ende März 2020 FAZ-Herausgeber, die Medienforscher Ottfried Jarren, Klaus Meier, Claus Eurich, Stephan Ruß-Mohl und Vinzenz Wyss der Lächerlichkeit preisgab. Zitat: Ihre Rügen »spotten jeder Beschreibung«.97 Auch unabhängig vom Thema Corona finden sich Forscher, die den Glaubwürdigkeitsverlust der Medien nicht mit Wladimir Putin oder ungebildeten Bürgern erklären, sondern es für »nachvollziehbar« halten, »warum sich der Unmut des Publikums über die Massenmedien allmählich aufgebaut hat«: Siegfried Weischenberg zum Beispiel, Vertreter einer systemtheoretisch geprägten Journalismusforschung,98 oder Uwe Krüger,99 einer der Köpfe des Netzwerks Kritische Kommunikationswissenschaft.100 Als hätten sie Bourdieu im Ohr, gehen Weischenberg und Krüger ausführlich auf ökonomische und soziale Bedingungen des Journalismus ein. Weischenberg, von 1999 bis 2001 Vorsitzender des Deutschen Journalistenverbandes, ordne ich dem Kommerzialisierungs-Frame zu, und Krügers Deutung nenne ich Mainstream-Frame. Beide dienen als Protagonisten, um heterodoxe und häretische Deutungen über das Elend der Medien zu skizzieren. Abschließend folgt die Deutung von Bourdieu.
Bei Weischenberg »leiden« die Medien an der »amerikanischen Krankheit«.101 Damit ist die Kommerzialisierung des Mediensystems gemeint, die seit Einführung des Privatrundfunks in den 1980er Jahren in der politischen Kommunikationsforschung bis zum Aufkommen des Desinformations-Frames das dominierende Thema war.102 Als Folgen der ›Amerikanisierung‹ gelten Phänomene wie ›Horse-Race‹-Journalismus, Boulevardisierung, Sachthemenverlust, Personalisierung von Wahlkämpfen, die Demontage der Politik103 oder Politainment.104 Zu den Problemen, die mit der Kommerzialisierung des Mediensystems verknüpft werden, zählen auch die »langfristige Machtverschiebung zwischen Journalismus und Public Relations«,105 »stetig wachsende Lobby-Einflüsse«, »verstärkte staatliche Einflussnahme«, die »Verknappung des journalistischen Personals« und generell »schlechtere Arbeitsbedingungen« in den Redaktionen.106
Das ist das Thema von Siegfried Weischenberg, der ja einst eine Gewerkschaft leitete: Wie wirken sich die »entfesselten Medienmärkte« auf die Arbeit von Journalisten aus? Weischenberg beobachtet zum Beispiel »sinkendende Wahrhaftigkeitsansprüche« einer Journalisten-Generation, die »schnell was raushauen will.« Die Folgen: »fehlende Transparenz«, »inkompetente Berichterstattung«, »fehlendende Selbstreflexion«, »keine kritische Distanz zur Politik« sowie eine »Tendenz zur Pädagogisierung«. Statt das Verhältnis zu den Lesern zu überdenken, werde in den »Newsrooms« nur das aufgesaugt, was das Publikum auf digitalen Plattformen und den Forumsseiten der Medien »absondert«. Das Wenigste davon sei Journalismus – bei Weischenberg verstanden als »Kommunikation, die informiert und orientiert in unübersichtlichen Zeiten.«107
Dass Kommerzialisierung ein weltweites Medienphänomen ist, haben Daniel Hallin und Paolo Mancini 2004 in ihrem Buch Comparing Media Systems gezeigt.108 Und dass die Digitalisierung diesen Trend noch einmal verstärkt hat, habe ich selbst untersucht – in meiner Dissertation über Online-Journalisten in Argentinien, China, Deutschland und die USA. Selbst im Kommunismus made in Peking gehen Journalisten im Netz auf Jagd nach Klicks.109 Florian Rötzer, den wir für dieses Buch interviewt haben, hat Online-Journalisten schon kurz vor meiner Veröffentlichung als »epidemische Verstärker kollektiver Trends« beschrieben und befürchtet, dass die Vielfalt freien Marktes durch eine neue Form der sozialistischen Planwirtschaft ersetzt wird. Unsere Aufmerksamkeit, so Rötzer, werde in der schönen neuen Onlinewelt nur auf das gelenkt, was bereits Aufmerksamkeit gefunden hat«.110 Michael Meyen denkt dieses Phänomen noch einen Schritt weiter und sagt, dass die (kommerzielle) Medienlogik nicht nur Nachrichteninhalte verändert, sondern sich auch in unsere Lebensstile einschreibt. In seiner Lesart folgen wir auch in Kneipe, Religion, Museum, Universität, Militär, Familie oder beim Fußball dem Imperativ der Aufmerksamkeit.111
Bei Ruß-Mohl wird aus der Aufmerksamkeitsökonomie112 eine »Desinformationsökonomie«, angetrieben von der »pubertären Hybris weltumspannender Internet-Konzerne«.113 Auch Bundespräsident Steinmeier hat 2020 die »Logik der Plattformökonomie« verurteilt: Ihr treibendes Element seien die »größtmögliche Erregung« und der »größtmögliche Lärm«. Wenn es in der öffentlichen Kommunikation nur noch um Klicks, Likes und Shares gehe, so Steinmeier, dann sei eine Grundvoraussetzung der Demokratie bedroht.114 Weischenberg, Ruß-Mohl und Steinmeier, so lässt sich das zusammenfassen, werben für die traditionellen journalistischen Normen. Relevanz, Ausgewogenheit, Neutralität – am besten umsetzbar in einem starken öffentlichrechtlichen Rundfunk.115 Das ist die Handlungsempfehlung im Kommerzialisierungs-Frame. Und die Moral der Geschichte lautet: Böse ist die Quote, gut sind die Ideale des Journalismus. Mit ihrer Kritik an den ökonomischen Bedingungen des Journalismus befinden sich Medienforscher wie Weischenberg oder Ruß-Mohl im legitimen öffentlichen Bereich. Sonst hätte der Bundespräsident diesen Frame nicht benutzt. Uwe Krüger dagegen kommt der Rolle des Bösewichts, des Häretikers, der an Machtverhältnissen rüttelt, schon näher.
Krügers Dissertation Meinungsmacht. Der Einfluss von Eliten auf Leitmedien und Alpha-Journalisten wurde 2014 in der ZDF-Sendung Die Anstalt vor einem Millionenpublikum diskutiert. Durch eine Netzwerkanalyse zeigt Krüger, dass die Verbindungen zwischen leitenden Redakteuren der Leitmedien (SZ, FAZ, Zeit, Welt) und einem US- und Nato-affinen Elitenmilieu Effekte auf die außenpolitische Berichterstattung haben.116 Josef Joffe, Herausgeber der Zeit, verklagte das ZDF auf Unterlassung. Christoph Neuberger, einer der führenden Medienforscher, warf der Studie »mangelnde Wissenschaftlichkeit« vor.117 Das ZDF gewann allerdings den Prozess gegen Joffe vor dem Bundesgerichtshof und Krüger auch dadurch an Renommee.118
Uwe Krüger interessiert sich für die sozialen Bedingungen des Journalismus. Er zeigt zum Beispiel anhand der Ukraine-Krise von 2014, dass der deutsche »Meinungsmainstream« eine »Reihe an Falschinformationen« und »Schwarz-Weiß-Bilder« lieferte, »Putin-Versteher« als Verschwörungstheoretiker diffamierte, einen »frappierenden Gleichklang« bei bestimmten Themen aufwies und überhaupt nur ein »sehr enges Meinungsspektrum« spiegelte. Dabei kann er sich ebenfalls auf Frank-Walter Steinmeier berufen,119 der 2014 (noch als Außenminister) feststellte:
»Wenn ich morgens manchmal durch den Pressespiegel meines Hauses blättere, habe ich das Gefühl: Der Meinungskorridor war schon mal breiter. Es gibt eine erstaunliche Homogenität in deutschen Redaktionen, wenn sie Informationen gewichten und einordnen. Der Konformitätsdruck in den Köpfen der Journalisten scheint mir ziemlich hoch.«120
Das führt direkt zum Indexing – zu einer Hypothese des US-Politologen Lance Bennett, auf die sich Krüger stützt. Bennett beobachtete in den 1980er Jahren, dass die großen Medien in der Regel nur das abbilden, was gewissermaßen offiziell im politisch-parlamentarischen Raum diskutiert wird. Das heißt: Wenn die Opposition zu einem Thema oder einer Position schweigt, kommt keine Kritik in die Medien. Kein Bericht, kein Kommentar. Obwohl Journalisten ›frei‹ sind, binden sie sich nach Bennett an den Diskurs in Parlament und Regierung, da sie auf diese Weise Ärger vermeiden und ihre Berichterstattung legitimieren können – sowie Ressourcen sparen.121
Uwe Krüger hat mehrere Themen genannt, bei denen sich die großen Medien seit den 2000er-Jahren an die Deutungsmuster der politischen Eliten klammern und nur Details kritisieren: die EU-Osterweiterung, die Einführung von Hartz IV oder die Finanzmarkt-Deregulierung. Der Journalismus falle folglich »als Frühwarnsystem für Fehlentwicklungen regelmäßig aus – und nach dem bösen Erwachen gibt es dann stets ein bisschen Selbstkritik in Branchenmagazinen und auf Medientagen.« In Krügers Ursachenzuschreibung sieht die massenmediale Wahrheitsproduktion so aus: Themen-Agenda und Meinungsspektrum geben die Eliten über informelle Absprachen auf einer politisch-medialen Hinterbühnen vor – für das »Gros der Berichterstatter« eine Art »Magnet«, an dem sie sich »wie Eisenspäne« ausrichten.122
Der Mainstream-Frame kennt eine zweite Ursache – ausformuliert von Noam Chomsky, der 1988 mit Edward Herman einen Meilenstein der akademischen Medienkritik veröffentlichte: das Buch Manufacturing Consent.123 Während die Indexing-Hypothese den Journalisten unterstellt, unbewusst oder freiwillig einer Art Daumenregel zu folgen, schaut Chomsky auf die Tiefenstrukturen des Journalismus.124 In seinem Propaganda-Modell kontrollieren die großen Medien keineswegs die Eliten, wie es auf einem »freien Marktplatz der Ideen«125 oder in der deliberativen Demokratie der Fall sein sollte, sondern organisieren Zustimmung. Bei Herman und Chomsky durchläuft jede Nachricht fünf »Filter«. Neben den Interessen von Medieneigentümern und Werbekunden, die antikapitalistische oder systemkritische Aussagen verhindern, ist hier vor allem auf die Macht der Quellen hinzuweisen (vor allem: Behörden und staatlich finanzierte Experten) sowie auf das Gegenfeuer, das sofort einsetzt, wenn doch einmal etwas durchrutschen sollte (»Flak«). Der Entstehungszeit (1980er-Jahre) geschuldet ist die Benennung des fünften Filters (»Antikommunismus«).126
In der Kommunikationswissenschaft nimmt Siegfried Weischenberg einige Elemente dieses Modells auf, wenn er »kungelnde Elite-Journalisten« und »Alpha-Tiere in der Medienwelt« beobachtet127, die auch mit Hilfe der PR-Branche eine »Medienrealität« kreieren, die sich immer öfter an »Pseudo-Ereignissen« und nicht an Wahrhaftigkeit orientiert. »Hier geht es um Macht und Einfluss, um Images und professionelle Tricks.« Trotzdem distanziert sich Weischenberg ausdrücklich von Chomsky. Von einer »gezielten Manipulation« könne keine Rede sein, weil die Menschen noch immer selbst entscheiden könnten, was sie glauben. Dass die großen Medien nicht die Ansichten der Mehrheit repräsentierten und deswegen die Empörung in der Bevölkerung wächst, erklärt er mit der »Selbstreferenz des Journalismus«: Die Medienmacher würden sich stärker an der Arbeit ihrer Kollegen orientieren als am »wahren Leben« der »normalen Bevölkerung«.128
Bei Uwe Krüger ist das homogene Milieu der Journalisten die dritte Ursache für das »Mainstreaming«. Marcus Klöckner hat ein sozial ziemlich homogenes Feld beschrieben, das vom »Habitus der Mittelschicht« dominiert wird und »auf Anpassung« sowie auf »Akzeptanz der Herrschaftsverhältnisse« programmiert sei. Bei Klöckner wird daraus eine »sozialstrukturell ausgeformte Zensur«.129 Zumindest seine Angaben zur Sozialstruktur lassen sich mit Daten belegen. 2005 (bei der letzten großen Repräsentativbefragung) stammten zwei Drittel aller Journalisten aus gut abgesicherten Angestellten- oder Beamtenhaushalten. Damals hatten rund 70 Prozent einen Hochschulabschluss (Bevölkerungsschnitt: 14 Prozent). Mehr als ein Drittel stand den Grünen nahe. Zum Vergleich: 2005 kam diese Partei bei den Bundestagswahlen auf fünf Prozent.130 Das homogene Milieu spiegelt sich in den Wohnorten: Viele Journalisten leben in bürgerlichen Vierteln wie Berlin-Prenzlauer Berg, Hamburg-Eppendorf oder München-Glockenbach. In der Medienrealität wird daraus ein rot-grüner oder »grüner Mainstream« mit den Leitlinien Multikulturalität, Vielfalt, Weltoffenheit, Toleranz, Gleichstellung und Gender-Mainstreaming. Zum »pluralistischen Relativismus« gehört, dass gleichzeitig alles abgelehnt oder sogar bekämpft wird, »was in diesem Sinne nicht ›politisch korrekt‹ ist.«131
Kurioserweise ist der Mainstream-Frame auf den ersten Blick gar nicht so weit weg von der Medienkritik aus der Mainzer Schule. Elisabeth Noelle-Neumann und Hans-Mathias Kepplinger zeigten bereits Mitte der 1970er-Jahre, wie sich die »Homogenität des Weltbildes der Journalisten« auf ihre Berichterstattung auswirkt.132 In dem Sammelband Angepasste Außenseiter sagt Kepplinger 1979, dass keine andere Berufsgruppe in politischen Fragen derart übereinstimme wie Journalisten. Selbst bei den Eliten im kleinen Mainz sei das Meinungsspektrum deutlich breiter. Als Ursachen für den »eng begrenzten Gruppenstandpunkt« nannte Kepplinger damals die Nachwuchsrekrutierung (Selbstselektion und »Kooptation«) sowie »komplexe Anapassungsmechanismen«. Journalisten seien links, weil sie sich (oft als Studienabbrecher und Langschläfer) gegen eine Karriere in Staat und Wirtschaft entschieden haben und somit »zweckrationale Entscheidungen« ablehnen.133 Noelle-Neumann-Schülerin Renate Köcher sprach wenig später von »Missionaren«.134
Diese Gemeinsamkeiten sind erstens deshalb kurios, weil sich Weltbild und Handlungsempfehlung unterscheiden. Wo Krüger Netzwerke sieht (Lobbyisten und Transatlantiker), beobachtet Nolle-Neumann 1978 auf einem Sommerfest eine »dunkle Gruppe, wie zusammengeballt« – der Journalismus als »geschlossene Gesellschaft«.135 Und wo Krüger Transparenz und Offenheit vorschlägt, um das Meinungsspektrum zu erweitern, setzt Noelle-Neumann auf kommerziellen Rundfunk.136 Das führt direkt zu zweitens. Uwe Krüger kommt von links und Elisabeth Noelle-Neumann von rechts. Während der eine die Nato- und US-Nähe der Journalisten thematisiert, arbeiten die anderen ihre »Russen«- und Kommunisten-Nähe heraus.137 Während Kepplinger kritisiert, dass sich Journalisten ihrer Verantwortung nicht bewusst sind sowie Wirtschaft und Staat ablehnen,138 spricht Krüger von einer »Verantwortungsverschwörung«139 der polit-medialen Eliten pro Staat und Wirtschaft. Weischenberg stellt in seinem Überblick zum Forschungsstand fest, dass viele Muster der Medienkritik regelmäßig wiederkehren: »Neu ist aber das Ausmaß der Wut vieler Menschen auf Journalisten des ›linksliberalen Mainstreams‹.«140 Was ist passiert?
Die Antwort steckt im Beginn dieser Einleitung: Die »Links«-Parteien in Frankreich (Sozialisten), Deutschland (SPD-Grüne), Großbritannien (Labour) und den USA (Demokraten) haben ab den 1990er-Jahren in Regierungsverantwortung die neoliberale, »rechte« Wirtschaftspolitik entscheidend vorantrieben. Blickt man in Deutschland auf die Nähe der Journalisten zur SPD in den 1970er-Jahren141 und den Grünen in den 2000er-Jahren142, dann lässt sich sagen: Sie haben nicht nur den Kurswechsel mitgemacht, sondern auch den gleichen gesellschaftlichen Aufstieg erlebt: vom Schmuddelkind der westdeutschen Nation zur Zeitgeist-Domina. Bourdieu spricht von einer Homologie der Lebenslagen, wenn Menschen mit ähnlichem Kapital ganz unabhängig von ihren Berufen die gleiche gesellschaftliche Position innehaben. Aus seinen Studien weiß man, wie eine vormals häretische Avantgarde nach ihrem Sieg im Kampf um Anerkennung die Herrschaftsmittel selbstgewordener Orthodoxie nutzt.143 Ein Beispiel: Gabor Steingart saß als Student Ende der 1980er-Jahre für die Grünen in der Marburger Stadtversammlung und trieb als Leiter der Spiegel-Wirtschaftsredaktion die Agenda 2010 voran. Die »Reform« lobpreist er später als Herausgeber des Handelsblatts und jetzt als Gründer der Plattform ThePioneer. Die Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel, um ein zweites Beispiel zu nennen, wurde 1999 (mit Anfang 30) erst eine der jüngsten Professorinnen Deutschlands (in Münster) und dann 2001 Sprecherin von NRW-Ministerpräsident Wolfgang Clement (SPD). Den wirtschaftsliberalen Kurs von damals verteidigt sie heute als Herausgeberin der Wirtschaftswoche.
Die theoretischen Gedanken Bourdieus kann für das journalistische Feld in Deutschland niemand besser mit Leben füllen als Albrecht Müller, früher unter anderem Wahlkampf-Manager für Willy Brandt und Gründer der NachDenkSeiten. Müller hat erlebt, wie vor der Bundestagswahl 1972 »anonyme Kreise« um die CDU eine massive Kampagne gegen die Ostpolitik Brands führten.144 Damals habe ihm Spiegel-Chefredakteur Günter Gaus in einem Hintergrundgespräch die Idee für eine Gegenkampagne geliefert, die sich um den Begriff des ›großen Geldes‹ drehte. Wie das ›große Geld‹ heute den Journalismus nach allen Regeln der Kunst regiert, zeigt Müller an zahlreichen Beispielen, etwa beim »Nato-Angriffskrieg« in Jugoslawien oder bei der Vorbereitung der Agenda 2010 unter Federführung des Nachrichtenmagazins Der Spiegel.
Für Albrecht Müller und Bourdieu wurzelt das Elend der Medien im Neoliberalismus und in der Umkehrung des sozialdemokratischen Milieus. Ich nenne das Narrativ der beiden den ›Frame des Dritten Weges‹. Der Begriff geht auf Anthony Giddens zurück, der in den 1990er-Jahren eine Alternative zu Sozialismus und Kapitalismus ausarbeitete145 und in der Soziologie gemeinsam mit Ulrich Beck der neoliberalen Ideologie »das Wort redet«, indem sie Risikogesellschaft, Globalisierung und Individualisierung »feiern«.146
Die »wissenschaftlich vorhersehbaren Folgen der von neoliberalen Philosophien beseelten Politik« sagt Bourdieu 1999 auf eine Weise voraus, als wäre Donald Trump bereits Präsident der USA: Sehnsucht nach dem Nationalstaat, Ausländerfeindlichkeit und ganze Heerscharen von Menschen, die sich dem »erstbesten Demagogen« hingeben. Dazu zynische »Kitschfiguren« mit dem Anschein politischer Machtfülle, die aber nur mediale Mechanismen bedienen und die Entpolitisierung enttäuschter Menschen verkörpern.147 Bei der Problemdefinition ähnelt der Dritte-Weg-Frame dem Desinformations-Frame: Entpolitisierung sowie mehr rechte Akteure und mehr Populisten in einem öffentlich verrückten Raum.
Doch die Wähler von rechten Demagogen sind bei Bourdieu nur ein Symptom vielfältigen gesellschaftlichen Leids – und das Produkt einer symbolischen Revolution.
Bourdieu spricht von einer konservativen Revolution, da der Neoliberalismus mit dem Schein des Revolutionären antritt – als ein »Programm der planmäßigen Zerstörung der Kollektive«, um der »Utopie des reinen und vollkommenen Marktes den Weg zu bereiten.«148 So wie im Deutschland der 1930er-Jahre die Rückkehr zu Blut und Boden gefeiert wurde, glorifiziert der Neoliberalismus den Darwinismus: eine Rückkehr zum Raubtierkapitalismus. Bourdieu spricht von einer symbolischen Revolution, weil sich das Modell nicht nur durch die ökonomischen Pressionen von Banken, Weltwährungsfonds oder internationalen Unternehmen ausbreitet, sondern auch über Thinktanks, Experten und vor allem Journalisten, die damit symbolische Gewalt ausüben.149
Die Macht der Medien ist bei Bourdieu einerseits groß und andererseits klein. Klein ist sie aufgrund der Heteronomie des journalistischen Feldes. Die Abhängigkeit von externen Zwängen sei groß (insbesondere von Ökonomie und Politik). Trotz bester persönlicher Absichten werden Journalisten so zu »Marionetten eines Zwangszusammenhangs« – zu einer dominierten Gruppe, die über ein »seltenes Machtpotential« verfügt: Zugang zur Öffentlichkeit. Groß ist die Macht der Medien, da sie symbolische Herrschaft versprechen und durch »Intrusionseffekte« in die anderen Felder »hineinstrahlen«. Da die Logik des journalistischen Feldes ökonomischen Zwängen folgt, stellt Bourdieu sich die Medien wie ein trojanisches Pferd vor, das seine Bewertungsinstanzen in andere Felder einschleust.150
Im Kampf gegen den Wohlfahrtsstaat ist bei Bourdieu der Begriff (frame) Globalisierung »die entscheidende Waffe« – ein Mythos oder eine »Ideenmacht«, die etwa den gesellschaftlichen Glauben erzeugen kann, Arbeitnehmerrechte müssten zwangsläufig abgebaut werden, um gegen die Konkurrenz aus Bangladesch zu bestehen.151 Wie Medien-Figuren die neuen Denkkategorien »unablässig einhämmern« und die »Denk- und Wahrnehmungsstrukturen« so lange verschieben, bis die ökonomischen Vulgata als alternativlose Glaubenssätze und gemeinsamer Erwartungshorizont erscheinen, zeigt Bourdieu eindrücklich am Beispiel eines Interviews mit Hans Tietmeyer in der Zeitung Le Monde aus dem Jahr 1996. Der damalige Präsident der Bundesbank wird in der Zeitung als »Hohepriester der D-Mark« vorgestellt und damit in den Status eines »Meisterdenkers« erhoben. Tietmeyers eigentlich fatalistische Botschaft ›Sozialabbau‹ verwandelt sich durch lexikalische Spielereien und Euphemismen in eine ›Befreiungsbotschaft‹: »Reform«, »Flexibilität«, »Wettbewerbsfähigkeit«, »Steuersenkung«, »dauerhaftes Wachstum« und (das ist Tietmeyers Schlüsselwort) »Vertrauen der Märkte«. Auf diese Weise werde suggeriert, dass Politiker keine Wahl haben und harte Beschlüsse treffen müssen. »Das Volk« ist im neoliberalen Denken der Gegensatz zum Markt und wird mit »Faulheit« und »Trägheit des Geistes« assoziiert. Wer wirtschaftlich scheitert, ist selbst verantwortlich.152
Heute verbreitet der Begriff ›Globalisierung‹ zwar kaum noch Schrecken, als Drohgebärde aber kann er ersetzt werden – zum Beispiel durch ›Digitalisierung‹, ›Handelskrieg‹ oder ›Desinformation‹. An Aktualität eingebüßt haben Bourdieus Lösungsvorschläge nichts: In seinen Streitschriften fordert er Gewerkschaften auf, sich international zu solidarisieren. Und von Intellektuellen verlangt er, den herrschenden Diskurs mit allen Mitteln zu kritisieren und eine symbolische Konterrevolution zu starten. Wir sollen die Ökonomie des Neoliberalismus durch eine Ökonomie des Glücks ersetzen.153
Auch für Journalisten hat Bourdieu einen Vorschlag. Sie sollen sich der ökonomischen und politischen Zwänge bewusst werden.154 Er hat zum Beispiel beschrieben, wie sich die Medien unbewusst in den Dienst von Demagogen stellen: Erst bauschen die Journalisten eine Meldung auf und gießen Öl ins Feuer, um sich anschließend »als schöne humanistische Seelen noch einen Tugendpreis dafür zu sichern«, wenn »sie lauthals moralisierend die rassistische Intervention einer Partei verurteilen, die sie überhaupt erst zu dem gemacht haben, was sie ist.«155 Bei der Trump-Wahl 2016 hat sich Geschichte wiederholt. Die Berichterstattung über den Kandidaten entsprach schon im März einem Werbewert von drei Milliarden US-Dollar.156 Dieser Befund hielt kein großes Medium davon ab, über jeden Tweet und jeden Skandal zu berichten und Trump dabei in der Regel zu verdammen.
Wie sich Bourdieu und sein Schüler Patrick Champagne den idealen Journalismus vorstellen, kann man schon im Buch Das Elend der Welt lesen. In Kurzform: weg von Konflikten, flüchtigen Berichten und Dramen, hin zum Alltag.157 Dazu gehöre auch, die Auffassung von ›Politik‹ zu überdenken und das Private einzubeziehen. Für die Journalisten heißt das, schreibt Bourdieu 1992, sich nicht nur für ökologische, antirassistische oder feministische Orientierungen zu öffnen, sondern auch für die diffusen Erwartungen und Hoffnungen der Bürger.158
Zugleich hat Bourdieu einen Mechanismus benannt, der die öffentliche Kritik am Neoliberalismus erschwert. Ihm, dem Franzosen, ist »Anti-Amerikanismus« vorgeworfen worden – in Deutschland, das weiß er, ein »Verdammungsurteil«.159 Bourdieu ist 2002 gestorben. Würde er heute twittern, könnte man sich an einem Shitstorm beteiligen und ihm vielleicht strukturellen Antisemitismus unterstellen. Als »öffentlicher Intellektueller« und Mitgründer von Attac sprach er von der »unsichtbaren Hand der Mächtigen«, der »Hochfinanz« sowie »grenzüberschreitenden Kräften des Finanzkapitals« und hat einen Gegensatz gesehen zwischen den herrschenden, kosmopolitischen Intelligenz-Eliten, die in der Berichterstattung »ganz polyglott« und »multikulturell« daherkommen, sowie dem wachsenden Prekariat, der Arbeiterschaft, den »nationalen« und »provinziellen« Ortsansässigen. Bourdieu stellte den US-Dollar als internationale Reservewährung in Frage. Er beschrieb, wie Weltbank, IWF oder WHO unter Berufung auf die Wissenschaft helfen, Finanzinteressen global durchzusetzen, und wie die Philanthropen Bill Gates und George Soros unter dem Schein der Wohltätigkeit die »immaterielle Ökonomie« und »fleischgewordene Höllenmaschine« des Silicon Valley wie beseelt vorantreiben. Bourdieu relativierte den Nationalsozialismus durch einen Vergleich mit dem Neoliberalismus, erkannte in der Macht der Finanzwelt Züge der »Kolonisation«, sah die europäische Kultur in Gefahr (Kulturpessimist!) und fühlte sich durch die Globalisierung »gezwungen, Dinge zu verteidigen, die man nicht verteidigen möchte: den Nationalstaat.«160
Dass der Gegendiskurs zum Neoliberalismus seinerzeit mit Anti-Amerikanismus gleichgesetzt wurde, erklärte Bourdieu schlicht damit, dass die internationale Finanzökonomie dem US-Modell folgt und damit in ein bestimmtes System von Werten und Überzeugungen sowie einer moralischen Weltsicht eingebettet sei. Somit werde die Kritik am Neoliberalismus automatisch mit den sozialen und kognitiven Strukturen der US-Ordnung verbunden. Um es klar zu sagen: Bourdieus Gegendiskurs richtete sich gegen die neoliberale Politik – und sonst nichts.161 Wie die völkische Gesinnung unter den Intellektuellen im Deutschland der (Vor-)Nazi-Zeit entstand, als »konservative Revolutionäre« mit einer Strategie des Drittens Weges das Gegensatzpaar von Kapitalismus und Sozialismus überwinden wollten, arbeitete er 1975 mit einem Blick auf die politische Ontologie Martin Heideggers heraus.162
Die Auswahl unserer Interviewpartner soll – und kann – nicht im Ansatz den Anschein von Repräsentativität erwecken. In einer qualitativen Studie geht es um die inhaltliche Repräsentation eines Forschungsproblems (Was ist das ›Elend der Medien‹?). Dafür ist es nötig, möglichst die gesamte Bandbreite sozialstruktureller Einflüsse und anderer theoretisch relevant erscheinender Merkmale zu erfassen.163 Höchstes Gut ist hier intersubjektive Nachvollziehbarkeit.164 Damit ist nicht nur gemeint, dass wir unser methodisches Vorgehen begründen und offenlegen. Sondern mit der verstehenden Methode soll insbesondere der Weg nachgezeichnet werden, auf dem der jeweilige Interviewpartner zu seinem Standpunkt gekommen ist. Das gelingt durch die Kontextualisierung von Positionen. Alle Einzelinterviews sind so geführt worden, dass die habituellen Bedingungen des Wissens als opus operatum und als modus operandi genauso zum Vorschein kommen wie ihre Verortung im sozialen Raum.165 Jedes Gespräch ist für sich konzipiert worden und kann folglich auch einzeln gelesen werden. Zugleich haben wir die Interviews so geordnet, dass sie ›miteinander sprechen‹ – teils als Ergänzung, teils in Konfrontation.166
Der Startschuss für dieses Buch fiel in einer Vorlesungsreihe an der LMU München im Sommer 2019, in der es um die ›Zukunft der Medien‹ ging. Michael Meyen und Sevda Arslan haben dort 19 Medienmacher und Experten eingeladen und gebeten, vor den Studierenden über den Journalismus sprechen – über Kritikpunkte, über Utopien, über Lösungen. Die Auftritte wurden mit einer Kamera aufgezeichnet, transkribiert und im Sinne einer »öffentlichen Wissenschaft«167 auf dem Blog Media Future Lab in Text und Bild publiziert. Mit diesem Material haben wir Problemfelder identifiziert168 und einen Quotenplan für die weitere Auswahl abgeleitet.
Folgt man Bourdieu, dann können bei einer Feldanalyse alle Menschen befragt werden, »die sich für die Einsätze interessieren, um die dort jeweils gespielt wird«.169 Beim Thema Medien wäre das praktisch jeder.170 Um eine »angemessene Repräsentation« zu erreichen, empfiehlt es sich normalerweise, zunächst den Kern eines Feldes besonders gut abzubilden und dann auch abweichende Vertreter aufzunehmen.171 In diesem Buch halten wir es umgekehrt: Uns geht es auch darum, den Kern des journalistischen Feldes zu beschreiben. Vor allem aber wollen wir ›die anderen‹ besonders gut
