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Die Geschichte von Marko und Adrian endet in einer Katastrophe, so viel sei vorweggenommen. Wir begleiten Adrian am letzten Tag seiner Reise, die das Ende eines wahren Liebesabenteuers beschreibt. Die anhaltenden Pressemitteilungen über die vermeintliche Homosexualität des Profifußballers Adrian Stahl, hatten das heimliche Paar beinahe entzweit. Von ihren wildromantischen Abenteuern an der Mecklenburgischen Seenplatte ist nichts mehr geblieben als warme Erinnerungen. Traumsequenzen und Rückblicke rollen Adrians Geschichte und die der Nebenprotagonisten auf. Sein Wunsch nach Liebe ist ein verzweifelter Kampf ums Überleben. Mal scheint der Bruch bereits so weit vorangeschritten, dass es keine Zukunft mehr gibt, mal keimt ein zarter Hoffnungsschimmer unerwartet auf. Das Leben kann ein Arschloch sein, doch es ist immer noch Leben. #Erotik #Coming Out #Mentale Gesundheit
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Seitenzahl: 170
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Die Geschichte von Marko und Adrian endet in einem Zusammenbruch, so viel sei vorweggenommen. Wir begleiten Adrian am letzten Tag seiner Reise, die das Ende eines wahren Liebesabenteuers beschreibt. Die anhaltenden Pressemitteilungen über die vermeintliche Homosexualität des Profifußballers Adrian Stahl, hatten das heimliche Paar beinahe entzweit. Von ihren wildromantischen Abenteuern an der Mecklenburgischen Seenplatte ist nichts mehr geblieben als warme Erinnerungen. Traumsequenzen und Rückblicke rollen Adrians Geschichte und die der Nebenprotagonisten auf. Sein Wunsch nach Liebe ist ein verzweifelter Kampf ums Überleben. Mal scheint der Bruch bereits so weit vorangeschritten, dass es keine Zukunft mehr gibt, mal keimt ein zarter Hoffnungsschimmer unerwartet auf. Das Leben kann ein Arschloch sein, doch es ist immer noch Leben.
#Erotik #Coming Out #Mentale Gesundheit
Triggerwarnung
Dieses Buch behandelt sensible Themen, darunter Suizid, psychische Gesundheit und damit verbundene Herausforderungen. Einige Inhalte könnten für Lesende belastend oder emotional herausfordernd sein. Bitte geht achtsam mit euch selbst um und entscheidet individuell, ob die Lektüre dieses Buches für euch geeignet ist.
Fiktionalität
Die Erzählung dieses Romans ist reine Fiktion. Sämtliche Namen, Charaktere, Orte und Ereignisse sind Produkte der Vorstellungskraft des Autors oder werden fiktionalisiert dargestellt. Jede Ähnlichkeit mit realen Personen, lebend oder verstorben, tatsächlichen Ereignissen oder Orten ist rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Sexuelle Inhalte
Dieses Buch enthält explizite sexuelle Inhalte und ist daher für ein volljähriges Publikum empfohlen. Die beschriebenen Szenen können für einige Lesende als unangemessen empfunden werden.
*
„Noch einen, bitte!“ Adrian schob sein leeres Whiskyglas über den Mahagoni-Tresen der Hotelbar. Der Herr dahinter fing es gerade noch rechtzeitig auf, bevor es über die Kante rutschte. Schweigend trocknete er die Schleifspur aus Kondenswasser, die es auf dem Holz hinterlassen hatte.
Draußen rauschte eiskalter Wind um die Fassade des Dorint Hotels. Es war der dritte Advent 2011. Adrian beobachtete die Menschenmassen, die an der Fensterfront mit hochgezogenen Kragen und dicken Pudelmützen vorbeiliefen. Manche trugen prallgefüllte Taschen ihrer Weihnachtseinkäufe nach Hause. Andere schlenderten den Stadtring entlang und inspizierten die Schaufenster der Boutiquen und Restaurants. Die meisten waren in muntere Gespräche vertieft und auf dem Weg zum Weihnachtsmarkt, der am Ende der Straße mit seinen Funkellichtern zum Besuch lockte. Zwei Freundinnen fielen sich in die Arme und begrüßten sich freudestrahlend. Ihre Zufallsbegegnung erfüllte die beiden Frauen mit Glück. Er hingegen wartete mit hängenden Schultern und zweifelndem Optimismus im Schummer der Bar. Unsichtbar für die Öffentlichkeit.
Das Dorint war, dank seiner zentralen Lage und den nahegelegenen Kongresszentren, insbesondere bei Geschäftsreisenden beliebt. Doch heute war wenig los. Eine kleine Gruppe, bestehend aus vier Männern und drei Frauen, hatte einige Tische zusammengerückt. Die Herren trugen Anzüge, die Damen Hochsteckfrisuren und schwarze Kostüme. Ihre Stimmung war aufgelockert und die ersten Krawatten gelöst.
Außerdem tummelte sich in einer der dunkleren Ecken ein betagter Herr mit seiner weitaus jüngeren Begleitung. Beide waren tief im Leder der Clubsessel versunken. Er hielt ein Glas Brandy, sie einen fröhlich perlenden Champagner in der Hand. Mit glitzernden Augen und protzigem Schmuck um die Handgelenke prostete sich das ungleiche Paar gegenseitig zu. Ihr Umgang war anzüglich. Ihre gegenseitigen Blicke intensiv, im Schutze der Heimlichkeit. Euphorischer Glanz in den Augen und zuckende Mundwinkel zeichneten die Spannung, die zwischen ihnen entstanden war.
Alle anderen Tische waren unbesucht. Weiße Stielkerzen brannten einsam vor sich hin, ohne dass jemand Notiz davon nahm. Ein guter Platz, um sich heimlich mit Marko zu treffen. Er wusste, dass sie niemand zusammen sehen durfte.
„Ein Talisker, der Herr.“
Adrian wurde aus seinen Gedanken gerissen, als ihm der Barkeeper höflich den Drink reichte. Er nicke knapp.
„Danke sehr.“
Sogleich zog er sich in seinen Kokon aus Melancholie zurück. Sie umhüllte ihn seit Wochen wie ein wärmendes Kleid. Sie begleitete ihn ebenso zuverlässig durch einsame Stunden, als dass sie ihn gleichsam von der Öffentlichkeit isolierte. Eine Freundin, die stets an seiner Seite war und nichts zu ihm durchdringen ließ.
Jazzvariationen mit weihnachtlichen Melodien rieselten auf die wenigen Gäste hinab. Lichterketten funkelten an der Fensterfront und lullten das Ambiente in ihren warmen Glanz. Adrian fühlte sich hier, abseits der übergriffigen Presse, wohlig ungesehen. Sicher wie ein Embryo im Mutterleib. Dumpf waberte der Whisky durch seine Gedanken und hinterließ ein Gefühl friedlicher und doch trügerischer Ruhe. Als sich die Tür öffnete, wehte ein Duft aus gebrannten Mandeln und Nelke durch die kleine Bar. Marko! Adrian glitt vom Barhocker, um auf sich aufmerksam zu machen, doch Marko hatte ihn bereits gesehen. Er trug den grauen Wollmantel, den Adrian so sehr an ihm mochte.
„Hallo Marko.“
Er setzte zu einer Umarmung an, doch Marko verhinderte dies im letzten Moment und klopfte ihm stattdessen den Oberarm.
„Hör mal, wir müssen vorsichtig sein. Du bist noch immer im Visier der Presse. Ich möchte nicht die nächste große Schlagzeile werden. Nicht in diesem Zusammenhang!“
Enttäuscht nahm Adrian am Tresen Platz.
„Möchtest du auch einen?“ Er deutete auf seinen Drink. Marko schüttelte den Kopf.
„Möchtest du ein Bier? Entschuldigung, würden Sie uns ein Pils bringen?“, rief er dem Barmann zu, ohne Markos Antwort abzuwarten. Für ein Bier war er in der Regel immer zu haben.
„Hör mal, Adrian, ich habe nicht viel Zeit. Wir sind gerade mitten in der DFB-Gala. Es sind viele wichtige Personen anwesend. Ich muss dranbleiben, verstehst du? Die Stelle des leitenden Sportmediziners wird frei. Und ich bin bei Weitem nicht der einzige Interessent. In dieser Phase darf ich mir kein Versäumnis erlauben.“
Adrian verstand. Markos Ehrgeiz war ihm nicht fremd. Er hatte sich im Bereich der Sportmedizin einen Namen gemacht und war fachlich sowohl angesehen als auch gefragt. Doch seinen Erfolg verdankte er nicht nur seinen Auszeichnungen und Fachkompetenzen, sondern vielmehr seinem guten Gespür für die richtigen Kontakte. In der Kundenkartei seiner Privatpraxis waren etliche Patientenakten von Rang und Namen vertreten. Marko hatte sich schnell ein Umfeld geschaffen, in das Normalsterbliche nicht mal kleine Einblicke bekamen. Hier wurde man entweder hineingeboren oder heiratete ein. Marko entsprang ersterer Kategorie und dennoch war sein Erfolg maßgeblich seiner Persönlichkeit zuzuschreiben. Im Netzwerken war er der Meister. Beinahe selbstverständlich verfiel die Prominenz seinem Charme. Er verstand es sein Umfeld für sich zu begeistern und mit gewählten Worten, kluge Konversation zu betreiben. Nahezu alle Gesprächspartner waren ihm nach kurzer Zeit zugewandt und wechselten dank seiner humorvollen Erzählweise schnell auf eine freundschaftliche Gesprächsbasis. Adrian liebte diese Mischung aus spitzbübischem Charme und kontrollierter Leidenschaft, die immer ein wenig verspielt daherkam.
„Du bist der beste Mediziner deiner Zeit. Sie werden dich nehmen. Ganz sicher! Ich glaube an dich!“
„Die Konkurrenz schläft nicht, Adri. Alle meine Kollegen möchten den Posten. Ich muss präsent bleiben, verstehst du?! Ich bin gerade voll unter Strom. Also, was gibt es denn?“
Marko hatte offenbar wenig Zeit mitgebracht. Adrian kannte das bereits. Wenn es um die berufliche Laufbahn ging, konnte sein Partner unglaublich lieblos wirken. Dann bekam er diesen Tunnelblick, der nach Erfolg gierte. In solchen Momenten duldete er keine emotionalen Hindernisse.
„Was es gibt? Ich wollte dich sehen.“
„Am Telefon hörte es sich an, als handele es sich um einen Notfall.“
„Es handelt sich ja auch um einen Notfall! Ich habe so verdammte Sehnsucht nach dir!“
Adrian schämte sich nicht, es zuzugeben. Es war offensichtlich, wie sehr ihm Marko fehlte. Wegen der anhaltenden Gerüchte über seine Homosexualität hatten Marko und er sich seit vielen Wochen kaum mehr sehen können. Selbst Telefonate und WhatsApp-Nachrichten hatten sie eingestellt. Adrian stand unter ständiger Beobachtung, ein schwuler Profifußballer, blutiges Futter im Haifischbecken. Wer wusste schon, ob mittlerweile nicht auch sein Mobiltelefon abgehört wurde. Überall lauerte das Risiko aufzufliegen. Darum hatten sie sich als Paar unsichtbar gemacht. Doch die Kälte ihrer Distanz gefror ihn in gefährliche Starre. Offen gesagt: Er hielt es keinen weiteren Tag mehr ohne Marko aus.
„Setz dich doch endlich und zieh deinen Mantel aus. Ich habe ein Zimmer hier im Hotel. Wenn du magst, können wir auch nach oben gehen. Dort sieht uns keiner.“
„Adrian…“, antwortete Marko nun etwas gequält. „Ich habe dir doch schon gesagt, dass ich keine Zeit habe. Außerdem müssen wir echt aufpassen. Du bist noch immer im Fokus der Presse. Man darf uns keinesfalls zusammen sehen. Oder möchtest du, dass wir beide unsere Träume beerdigen können? Versteh doch bitte, dass ich gerade jetzt richtig aufpassen muss, nicht in deine Sache mit hineingezogen zu werden.“
Die Zurückweisung schmerzte wie eine schallende Ohrfeige. In seinem Leben war in der Tat nichts mehr, wie es sein sollte. Es war ihm auf allen Ebenen entglitten. Einzig die Hoffnung, wie früher mit Marko zusammen zu sein, ließ ihn Tag für Tag überstehen. Doch er würde nicht mehr viel länger auf seine Nähe verzichten können. Das hielt er nicht aus.
„Aber… aber ich bin extra für dich hierhergekommen. Ich habe beinahe sieben Stunden Autofahrt hinter mir. Carolina belästigt mich schon den ganzen Tag mit Anrufen und Nachrichten. Ich habe sie für uns verlassen und du sagst mir, du hast nicht mal Zeit ein Bier mit mir zu trinken? Das ist nicht dein Ernst, oder?“
Adrian war verzweifelt.
„Ich habe es dir doch gerade erklärt. Es geht heute Abend nicht. Tut mir leid! Fahr nach Hause. Fahr zu Carolina und regelt euren Streit. Du brauchst sie jetzt!“
„Was sagst du da? Ich soll wieder nach Hause fahren?“
Die Vehemenz mit der Marko ihn wegstieß, war kaum zu ertragen. Dabei hatte er doch genau miterlebt, wie Marko ebenfalls die letzten Wochen unter ihrer Distanz gelitten hatte. Und dennoch schien er nun einen dicken Schlussstrich gezogen zu haben. Adrian machte sich Vorwürfe. Es war seine Schuld, dass ihr intimes Foto zur Schlagzeile geworden war. Offenbar ein unverzeihlicher Fehler.
„Hast du etwa keine Sehnsucht nach mir?“
„Ich vermisse dich auch“, räumte er ein. „Doch solange sich die Wogen nicht geglättet haben, sehe ich nicht, wie wir weiter machen könnten. Wir müssen Geduld bewahren, hörst du?! Ich sollte jetzt auch besser gehen. Die DFB-Köpfe suchen sich sonst noch einen anderen Facharzt für ihr Nationalteam…“
Marko lachte, als hätte er einen absurden Scherz losgelassen. Dann zog er sich die Lederhandschuhe über und richtete den Kragen seines Mantels in die Höhe. Kurz hielt er inne und musterte Adrian prüfend.
„Hey… Wie geht´s dir überhaupt?“
Adrian suchte nach den richtigen Worten, sah sich jedoch außer Stande seine Gefühlslage der letzten Wochen in ein paar wenige Sätze zusammenzufassen. Er spürte, dass Marko ungeduldig war und es ihn drängte, zurück auf die Gala im Rosengarten zu gehen. Und noch ehe er fähig war, eine angemessene Antwort zu liefern, machte sich Marko zum Verabschieden bereit.
„Du siehst echt scheiße aus! Pass etwas besser auf dich auf.“
„Ich wohne im Zimmer 408. Vielleicht kommst du später doch noch vorbei?!“
Er blickte seinem Partner flehend hinterher, ihn nicht zurückzulassen.
Marko schüttelte beim Gehen nur verständnislos den Kopf und verließ wortlos die Bar.
*
Adrian leerte Markos Bier, das dieser unangerührt zurückgelassen hatte, in nur einem Zug. Dir geht es wie mir, schmunzelte er bittersüß auf das verschmähte Getränk.
Dass Marko gegangen war, quälte ihn. Sogar einen Abschiedskuss hatte er ihm verwehrt. Er war erschrocken darüber, wie leicht es Marko fiel, Distanz zu wahren. Stattdessen fokussierte er sich auf seine Karriereziele. Offenbar eine ausfüllende Beschäftigung, in der für Adrian kein Platz zu sein schien.
Die Aussicht auf die Stelle als leitender Sportmediziner der Fußballnationalmannschaft mochte eine gute Motivation sein. Der begehrte Arbeitsplatz war hoch dotiert, verbunden mit Prestige, Reisen und allen Annehmlichkeiten eines Spitzenpostens. Streicheleinheiten fürs Ego. Markos Existenzberechtigung war stark mit Erfolg verknüpft. Doch so sehr Adrian seine Ambitionen verstand, so wenig konnte er die Kälte ihres Wiedersehens begreifen. Für ihn war es unmöglich, Marko leicht wie Schmutzwäsche abzustreifen.
Selbst Fußball konnte Markos Platz nicht einnehmen. Es war ihm alles egal geworden. Ohne seine Lebensliebe funktionierte er nicht. Er brauchte ihn noch immer an seiner Seite, verzehrte sich nach seinen Umarmungen und seinem Duft. Dass sich Marko ihm eisern verwehrte, zog ihm direkt ins Herz. Sie hatten sich viel zu lange nicht mehr gesehen und er verkümmerte allmählich ohne ihn.
Adrian beglich seine Rechnung und verließ die Bar. Es war ihm nicht mehr nach Gesellschaft zumute. Sein Zimmer befand sich in der obersten Etage. Wie das gesamte Hotel, waren auch die Schlafräume sehr gehoben und mit kostspieligen, modernen Möbeln ausgestattet. Er ließ sich auf die Matratze fallen und schaltete den Fernseher ein. Nachdem er die Kanäle wiederholt durchgeklickt hatte, blieb er bei der Weihnachts-Sondersendung des Berliner Rundfunks hängen. Ein wenig Nostalgie fürs Gemüt.
Adrian öffnete eine Flasche Bier aus der Minibar und starrte auf den Flatscreen an der Wand. Das Programm streifte lediglich sein Bewusstsein. Seine Gedanken waren bei Marko. Ob er noch kommen würde? Wie schön es wäre, sich an seine Brust zu schmiegen. Sein Atem würde ihm zart über das Gesicht streicheln, ruhig und vertraut. Er wünschte, endlich wieder in seinen Geruch einzutauchen. Er roch unwiderstehlich sexy und nach Heimat. Es würde so guttun, von ihm gehalten zu werden. Er vermisste es so sehr, seine liebevollen Hände auf sich zu spüren, die mit seiner Haut reagierten und ihm Geborgenheit schenkten.
Adrian drehte sich zur Seite, zog eines der Kissen an seinen Bauch und versank die Nase darin. Der Geruch des frisch gewaschenen Bezugs erinnerte ihn an die vielen Nächte in ihrem Ferienhaus an der Mecklenburgischen Seenplatte. In selbigem Duftgemisch aus Weichspüler und Seife hatten sie sich geliebt. Hatten es mit dem Geruch ihrer Leidenschaft versehen. Das Gemisch aus Baumwolle und Männersex war ihr Wiegenlied gewesen. Hierin ruhten sie selig.
Ihre Kurztrips waren unbeschwert. Kleine Inseln des Friedens.
Und doch fühlten sich die wenigen Stunden groß wie Kontinente an.
Wie Afrika.
*
Marko hatte einen herausragenden Abschluss im Bereich der Sportmedizin absolviert. Aufgrund seiner allgemein hoch angesehenen Kompetenz und des Zugangs zu den richtigen Kontakten, war er bald mit der medizinischen Betreuung innerhalb der Fußballbundesliga beauftragt worden.
Hier erblickte Adrian ihn zum ersten Mal. Er fiel ihm durch seinen engagierten Einsatz am Spielfeldrand und seine positive Leichtigkeit auf. Gleichzeitig strahlte er eine fast anziehende Selbstsicherheit bei der Ausführung seiner Aufgaben aus, fand Adrian.
Er hatte kaum Berührungspunkte mit dem attraktiven Arzt, doch sein smartes Lächeln hatte sich ihm eingeprägt. Gewinnend, dachte er.
Begegneten sie sich zufällig in den Gängen der Sportanlage, zwinkerte ihm Marko spitzbübisch zu. Charmante Grübchen bildeten sich dann auf seinen Wangen, wenn er ihn anlächelte. Adrian war davon ganz bezaubert. Meist musste er seine Mundwinkel anschließend aktiv zwingen, auf ihren gewohnten Platz zurückzukehren.
Auch Markos Männlichkeit beeindruckte ihn auf eine eigentümliche Weise. Obwohl sie keine zehn Jahre Altersunterschied trennten, wirkte Marko wie eine gestandene Persönlichkeit. Viel gefestigter als er selbst. Das beschäftigte Adrian. Marko beschäftigte ihn.
Manchmal wünschte er sich, mehr über Marko zu erfahren und doch war es nie zu einer Unterhaltung zwischen ihnen gekommen. Das änderte sich bald, dank einer Unachtsamkeit während des Trainings.
Er war an jenem Tag in Topform gewesen. Trotz Regenwetter war er mit bester Laune aufgewacht, hatte seinen Eiweißshake getrunken, wie gewohnt Haferflocken mit Obst gegessen und war energiegeladen und bereit. Er wartete täglich auf die Bestätigung des Nationaltrainers, für die kommende Weltmeisterschaft nominiert zu werden. Körperlich und mental war er in Höchstform und mehr als bereit seinen Einsatz für Deutschland auf das Spielfeld zu bringen. Mit derselben Leistungsbereitschaft erschien er zum Vormittagstraining. Er hatte Bock, er hatte Laune, er wollte gewinnen…
Und dann passierte es. Ein wenig zu viel Engagement bei einem Kopfballduell, gefolgt von einem Sturz, den er nur ungeschickt abfangen konnte, und einem stechenden Schmerz, der sich vom Knie bis in die Leiste, den gesamten Oberschenkel entlang, hochzog.
„Aaahrrr…“
„Adri, alles okay?“ Thomas streckte die Hände aus, um ihm auf die Beine zu helfen. Doch der Schmerz war zu stark. Adrian kauerte auf dem Boden und hielt sich das Bein. Auch andere Mitspieler hatten sich nun besorgt um ihn versammelt.
„Hey, Sanis. Hier her. Ihr werdet gebraucht“, rief Thomas nach dem Gesundheitspersonal. „Entschuldige bitte. Ich wollte nicht so hart in den Zweikampf gehen.“
Er blickte schuldbewusst auf seine Füße.
„War nicht deine Schuld, Tommy. Ich bin nur blöd aufgekommen.“
Kurz darauf waren die Ersthelfer herbeigeheilt und kühlten den Muskel mit Eis, doch trotz aller Maßnahmen schwoll sein Schenkel massiv an. Fuck! Eine Verletzungspause konnte er sich in dieser Phase beim besten Willen nicht erlauben. Panik überfiel ihn. Würde er ausfallen, war alle Arbeit der letzten Monate umsonst gewesen. Den Einzug in die Nationalmannschaft konnte er damit vergessen. Plötzlich fühlte er Tränen die Wange hinab kullern. Wie peinlich, er konnte doch jetzt nicht vor seinen Jungs weinen. Schnell warf er den Kopf in den Nacken und verzog das Gesicht zu einer gepeinigten Grimmasse. Vielleicht nahmen sie ihm ab, dass er vor Schmerz weinte und nicht aus Angst.
Man brachte ihn zu Marko in die Behandlungsräume. Ein warmes Lächeln empfing ihn und Adrian wusste, dass er sich in guten Händen befand. Erste Erleichterung glomm auf. Marko führte ihn behutsam auf eine Pritsche, legte seine großen Hände um den Schenkel und prüfte die Schwellung. Adrian spürte den sanften Druck auf seinem Muskel, die wärmende Fürsorge der Finger, die vorsichtig auf das Bein einwirkten und seine Beweglichkeit prüften. Adrian wurde ruhig, seine Tränen trockneten. Lediglich eine salzige Spur auf seiner Wange erinnerte noch an die Panik, die er kurz zuvor gefühlt hatte. Hier, in dieser Kammer, blieb die Zeit auf einmal stehen.
„Auf den ersten Blick kann ich Entwarnung geben. Es liegt sicherlich kein Bruch vor. Höchstwahrscheinlich noch nicht einmal ein Riss. Dein Bein ist sehr gut austrainiert, deine Bewegung beinahe uneingeschränkt. Es ist vermutlich nur eine böse Zerrung.“
Marko lächelte schön. Seine Augen vermittelten Zuversicht. Adrian hing an ihnen. An ihrem tiefen Braun. An ihrem Optimismus. An ihrem Versprechen, alles würde gut werden. Er atmete erleichtert auf.
„Ich werde dir eine schmerzlindernde Thermosalbe auftragen. Wenn es unangenehm wird, dann melde dich.“
Behutsam entkleidete er Adrian. Seine Hände begannen die Prozedur und kneteten sich geschmeidig, und doch nachdrücklich an den richtigen Stellen, in den lädierten Muskel.
Plötzlich stach ein Schmerz in sein Bein, wie ein Dolchhieb.
„Ahrr.“ Adrian zuckte und bäumte sich auf.
„Hier haben wir ja den Übeltäter.“
Marko legte ihm die Hand auf die Brust und drückte ihn sanft in eine liegende Position zurück. Danach prüfte er die Stelle sorgsam. Die Wärme seines kreisenden Daumens linderte den Schmerz nach einer Weile.
„Wird es schon besser?“
Adrian nickte bestätigend. Ölige Finger glitten über seine Haut und befeuchteten das Haar seiner Beine. Bald schon trat eine Entspannung ein und das Ziehen und Pochen wich einer wohligen Wärme. Sein Körper war von den straffen Trainingseinheiten und den harten Turnieren in den letzten Jahren stark beansprucht worden. Pausen hatte es kaum gegeben. Wann war er zuletzt so wohltuend berührt worden? Er konnte sich nicht erinnern. Markos Behandlung sog er auf wie die Wüste das Wasser. Er gab sich ihm voller Vertrauen hin. Markos Hände kneteten mit fachmännischer Präzession im Muskelfleisch, doch seine Augen funkelten gierig. Sie ruhten auf Adrians Bein und wirkten beinahe fasziniert. Als hätte die Kraft seiner Schenkel sie in ihren Bann gezogen. Adrian glaubte eine erregende Neugier in ihrem Ausdruck zu erkennen und stellte mit Staunen eine eigene körperliche Reaktion fest.
Eine Wärme breitete sich unterhalb seines Bauchnabels aus und kontrahierte seine unteren Bauchmuskeln. Die Haut unter dem dichten Schamhaar prickelte. Selbst seine Hoden regten sich sanft, als ob sie auf die Berührung antworteten. Der gesamte Unterleib arbeitete, während Adrian an Marko hinabblickte.
Der Bund des Polo-Shirts schnitt enge Kerben in die Hügel seiner Oberarme. Eine raffiniert geschnittene Sporthose umschmeichelte seine Hüften, mit der deutlich sichtbaren Beule vorne und der knackigen Silhouette hinten. Alles an ihm sah sportlich und gesund aus. Sein Haar war dicht, sein Profil ebenmäßig, seine Grübchen charmant. Er erinnerte ihn an eine aus Stein gehauene Götterskulptur der Griechen, und ragte ebenso stark neben ihm in die Höhe.
„Du bist eine wahre Bereicherung für die Mannschaft. Ich habe dich oft beim Spiel beobachtet. Du verfügst über außergewöhnlich taktisches Geschick. Das bemerkt man sofort.“
Die Götterskulptur sprach. Eine Stimme so ruhig und tief, dass sie beinahe intim wirkte.
„Ich verfolge deine Entwicklung schon eine ganze Weile. Du wirst von Jahr zu Jahr besser.“
„Ach ja? Dass dir das aufgefallen ist?!“ Adrian war überrascht und gleichzeitig machte ihn das Kompliment auch verlegen. Zwar wusste er, dass er ein geschickter Spielmacher war, doch die unerwartete Anerkennung seines Gegenübers loderte eigentümlich in der Brust.
„Na klar doch. Ich begleite die hiesigen Vereine seit fünf Jahren. Du bist mir von Anfang an positiv aufgefallen. Auch wegen deines furchtbaren Oberlippenbärtchens… By the way: danke, dass du dich von dem verabschiedet hast.“
Er lachte. Adrian wurde verlegen. Sein Potenzbärtchen aus der Jugendzeit. Ja, den hatte er lange mit sich herumgetragen. Inklusive der Pickel. Doch in den letzten Jahren hatten ihn sowohl diese als auch der Bart endgültig verlassen.
