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Die Schlüsselfrage dieses Buches ist: Was brauchen wir, um stabile und gerechte menschliche Gemeinschaften zu schaffen, die ein gutes Leben im Austausch mit und Respekt vor der Erde ermöglichen? Robert Jensens Antwort ist Feminismus und Patriarchatskritik. Er ruft uns auf, mit radikalfeministischen Argumenten gegen institutionalisierte männliche Dominanz zu protestieren. Dazu gehört eine rigorose Ablehnung der Idee, dass Männer das Recht hätten, Sexualität und Reproduktion von Frauen zu kontrollieren, sowie die Aufforderung, Gewalt, auf der das patriarchale System basiert, grundsätzlich abzulehnen. Das Ende des Patriarchats zeigt auf, wie eine radikalfeministische Theorie und Praxis uns helfen kann, das Ziel einer gerechten und lebenswerten Gesellschaft zu erreichen.
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Seitenzahl: 279
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Zu einer Zeit in der Vieles, was als Feminismus bezeichnet wird, nur ein liberaler Ansatz ist, der individuelle Ermächtigung revolutionären sozialen Veränderungen vorzieht, ist Robert Jensens Buch dringend notwendig, um das Radikale wieder mit dem Feminismus zu verknüpfen. Seine aufschlussreiche Analyse, sein ungebrochener Einsatz für den radikalen Feminismus und sein mutiger Aufruf, das Patriarchat abzuschaffen, macht Das Ende des Patriarchats zu einem wichtigen und mutigen Buch.
— Gail Dines, emeritierte US Professorin für Soziologie und Frauenforschung am Wheelock College, Autorin von Pornland. Wie die Pornoindustrie uns unserer Sexualität beraubt
Das Ende des Patriarchats. Radikaler Feminismus für Männer ist ein hervorragendes, starkes und aufschlussreiches Buch. Auf jeder Seite finden sich Ideen, die sich lohnen, weiter diskutiert und erforscht zu werden. Jensen ist ein kluger und bescheidener Mann, der bereit ist, Frauen zuzuhören und Männern Fragen zu stellen. Solche Männer gibt es nur selten. Er macht das Gegenteil von mansplaining: Er hört Frauen zu. Das finde ich großartig!
— Jeffrey Masson, Psychoanalytiker und Autor von Hunde lügen nicht. Die verborgene Seele der Kühe und Lost Companions. Reflections on the Death of Pets
Das Ende des Patriarchats ist ein äußerst lesenswertes Buch für Männer – und Frauen – die instinktiv wissen, dass die ökonomische, soziale und politische Dominanz der Männer für alle großen Schaden anrichtet, die aber keine triftigen Argumente und Worte haben, um das auszudrücken. Geschrieben mit grosser Bescheidenheit wie auch moralischer Klarheit, zeigt Robert Jensen die Angst auf, die viele Männer davor haben, sich ernsthaft mit Feminismus auseinanderzusetzen. Er erklärt aber auch, wie viel Männer gewinnen können, wenn sie diesen Sprung wagen.
— Dr. Jackson Katz, Autor von The Macho Paradox: Why Some Men Hurt Women
Frauen werden für dieses Buch dankbar sein, da Männer Robert Jensen auf eine Art zuhören, zu der sie bei Frauen nicht bereit sind. Wenn Männer sich für seine Ideen öffnen, wird das ihr Leben verändern.
— Dr. Betty McLellan, Psychotherapeutin und Autorin von Hilfe! Ich lebe mit einem KindMann und Lust auf Glück: die Überwindung der Psychoppression
Um das Patriarchat zu beenden, müssen Männer sich gegen die männliche Herrschaft stellen und sie stoppen. Das scheint zu viel gefragt, aber in diesem Buch beschreibt Robert Jensen, wie diese persönliche Herausforderung in einen politischen Aufruf zum Handeln umgewandelt werden kann. Mutig zeigt er uns, dass radikalfeministisches Denken und Handeln wesentlich für das Überleben der Menschheit und des Planeten ist. Durch seine Selbstreflexion und kritisches Denken entdecken wir einen Mann, der ein Vorbild für Männer und Jungen, Studenten und Aktivisten in ihrem Streben ist, eine Gesellschaft zu erschaffen, die frei von Misogynie und Ungleichheit ist.
— Kathleen Barry, emeritierte Professorin und Autorin von Sexuelle Versklavung von Frauen, The Prostitution of Sexuality und Unmaking War, Remaking Men
Das Patriarchat ist das Wasser, in dem wir schwimmen, und es ist vergiftet und stinkt. Wie können wir je wieder saubere Luft atmen, wenn wir das nicht erkennen? In diesem klaren, ausgewogenen und höchst professionell argumentierenden Buch zeigt uns Robert Jensen einen Weg auf, die wichtigste Frage unseres Lebens zu beantworten: Können wir eine gleichberechtigte Gesellschaft wiederentdecken? Können wir auf dieser Erde weiterleben?
Wir hatten eine solche früher und können sie wieder aufbauen. Das Ende des Patriarchats ist ein Buch der Hoffnung.
— Steve Biddulph AM, Autor von Jungen: Wie sie glücklich heranwachsen, Das Geheimnis glücklicher Kinder, und 10 Geheimnisse glücklicher Mädchen: Wie Sie Ihre Tochter zu einer starken und unabhängigen Frau erziehen
Zu einer Zeit in der die männliche Linke Frauen weltweit verraten hat, tut uns Robert Jensen einen großen Gefallen, da er versteht, dass radikalfeministisches Denken und Handeln die größte Hoffnung für das Überleben unseres Planeten bietet.
— Dr. Julia Long, lesbisch-feministische Forscherin und Aktivistin, Autorin von Anti-Porn: The Resurgence of Anti-Pornography Feminism
Foto von Eli Reed
Robert Jensen ist emeritierter Professor an der School for Journalism an der University of Texas in Austin, wo er Medienrecht, Ethik und Politik unterrichtete und den Regents’ Outstanding Teaching Award gewann. Jensen ist Vorstandsmitglied von Gail Dines’ Culture Reframed sowie dem Third Coast Activist Resource Center.
Weitere Bücher von Robert Jensen
Plain Radical: Living, Loving, and Learning to Leave the Planet Gracefully (2015)
Arguing for Our Lives: A User’s Guide to Constructive Dialog (2013)
We Are All Apocalyptic Now: On the Responsibilities of Teaching, Preaching, Reporting, Writing, and Speaking Out (2013)
La Angustia en el Sueño Americano/The Anguish in the American Dream (Translated by Mariano Hernan Spina, 2013)
All My Bones Shake: Seeking a Progressive Path to the Prophetic Voice (2009)
Getting Off: Pornography and the End of Masculinity (2007)
The Heart of Whiteness: Confronting Race, Racism and White Privilege (2005)
Citizens of the Empire: The Struggle to Claim Our Humanity (2004)
Ciudadanos del Imperio: Reflexiones sobre patriotismos, disidencias y esperanzas (2003)
Writing Dissent: Taking Radical Ideas from the Margins to the Mainstream (2001)
Pornography: The Production and Consumption of Inequality (with Gail Dines and Ann Russo, 1998)
Freeing the First Amendment: Critical Perspectives on Freedom of Expression (co-editor with David S. Allen, 1995)
DAS ENDE DES PATRIARCHATS
Radikaler Feminismus für Männer
Aus dem US-amerikanischen Englisch von Doris Hermanns
ROBERT JENSEN
Die Originalausgabe erschien 2017 unter dem Titel The End of Patriarchy: Radical Feminism for Menbei Spinifex Press, North Geelong and Mission Beach, Australien.
Erste Auflage 2021
© der deutschen Ausgabe
Spinifex Press North Geelong und Mission Beach, Australien
c/o KOFRA Baaderstrasse 30 80469 München
© 2017 by Spinifex Press
Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile. Kein Teil des Werks darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlags reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Umschlaggestaltung: Deb Snibson, MAPG Satz: Helen Christie, Blue Wren Books Schriftsatz: Minison Pro
ISBN: 978-1-9259501-4-4 (Paperback)
ISBN: 978-1-9259501-5-1 (E-Book)
Inhalt
Danksagungen
Anita Heiliger: Vorwort zur deutschen Ausgabe
Einleitung: Fange im Körper an
Folge deiner Angst
Identitätspolitik und meine Identität
Biologisches Geschlecht und Gender
Definitionen von biologischem Geschlecht und Gender
Biologisches Geschlecht, Gender und „Rasse“
Vorsicht vor Behauptungen über Gender
Patriarchat und Feminismus
Patriarchat
Feminismus
Dringende Fragen
Vergewaltigung und Vergewaltigungskultur: „Normale“ Gewalt
Statistiken
Biologische Geschlechter- und Gendernormen
Vergewaltigungskultur
Die Realität von Vergewaltigungen
Prostitution und Pornografie: ›Sexarbeit‹ oder sexuelle Ausbeutung?
„Sexarbeit“: Recht und Würde
„Sexarbeiterinnen“: Entscheidungen von Frauen
Entscheidungen von Männern
Wozu braucht man Sex?
Transgenderismus: Biologie, Politik, Ökologie
Eine kritische feministische Analyse
Definitionen und Kategorien
Grundregeln der Diskussion
Eine Frage: Biologie von Mann und Frau
Eine Herausforderung: Politik von Mann und Frau
Ein Anliegen: Ökologische Grenzen
Vorstellungsvermögen
Schlussfolgerungen
Bibliografie
Index
Danksagungen
Mein Dank gilt dem engen Netzwerk von FreundInnen, die sich aufgrund unserer geteilten Liebe für den verstorbenen Jim Koplin zusammengefunden haben.
Weiter danke ich Gail Dines, Matt Ezzell und Rebecca Whisnant für viele Jahre feministischer Solidarität,
Peter Dimock, Nancy Gilkyson, Carla Golden, Heather McLeod, Tai Moses und Pat Youngblood für ihr kritisches Lesen, sowie Eliza Gilkyson dafür, dass sie mein Prüfstein ist.
Mein besonderer Dank gilt Susan Hawthorne, Pauline Hopkins und Renate Klein von Spinifex Press, nicht nur für ihre Großzügigkeit mir gegenüber bei der Arbeit an diesem Buch, sondern auch für ein Vierteljahrhundert vorbildhaften Einsatzes für feministische Wissenschaft und Organisieren.
Für die deutschsprachige Ausgabe gilt mein großer Dank der Übersetzerin Doris Hermanns. Ich danke auch Theresia Sauter-Bailliet für ihre großzügige finanzielle Unterstützung der Übersetzung, sowie Anita Heiliger für die Idee der deutschen Übersetzung und ihr Vorwort. Außerdem danke ich Renate Klein für ihre stetige Unterstützung meiner Arbeit (inklusive dieser Übersetzung) und Spinifex Press für die Veröffentlichung dieses Buches auf Englisch und Deutsch.
In Getting Off: Pornography and the End of Masculinity, 2007 bei South End Press erschienen, habe ich mich mit einigen der gleichen Themen wie in diesem Buch beschäftigt. Nach der Geschäftsaufgabe des Verlags South End 2014 war Getting Off nicht mehr lieferbar. Das Ende des Patriarchats erweitert diese Arbeit, indem es mit einem ausführlicheren feministischen Rahmen und zusätzlichen Themen über Pornografie hinausgeht.
Über einige Ideen aus Das Ende des Patriarchats habe ich bereits in Essays in Sammelbänden, Zeitungen, Zeitschriften und Webseiten geschrieben, unter anderem in:
“Pornographic Values: Hierarchy and Hubris.” In: Sexualization, Media, and Society, Heft 1:1 (2016), S. 1-5.
“Letting Go of Normal when ‘Normal’ Is Pathological, or Why Feminism Is a Gift to Men.” In: Donna King and Catherine G. Valentine (eds.): Letting Go: Feminist and Social Justice Insights and Activism. Nashville, Vanderbilt University Press, 2015. S. 5765.
“Pornographic and Pornified: Feminist and Ecological Understandings of Sexually Explicit Media.” In: Jacob Held and Lindsay Coleman (eds.): The Philosophy of Pornography: Contemporary Perspectives. Lanham, Rowman & Littlefield/ Scarecrow Press, 2014. S. 53-70.
“Stories of a Rape Culture: Pornography as Propaganda.” In: Melinda Tankard Reist and Abigail Bray (eds.): Big Porn Inc: Exposing the Harms of the Global Pornography Industry. North Melbourne, Spinifex Press, 2011, S. 25-33.
“Pornography.” With Ana J. Bridges. In: Claire M. Renzetti, Jeff Edleson, and Raquel Kennedy Bergen (eds.): Sourcebook on Violence Against Women. Thousand Oaks, Sage, 2011, 2nd ed. S. 133-149.
“Pornography Is What the End of the World Looks Like.” In: Karen Boyle (ed.): Everyday Pornography. New York, Routledge, 2010, S. 105-113.
“Is the ideology of the transgender movement open to debate?” In: Voice Male, Summer 2016; und Feminist Current, 27. Juni 2016. <http://www.feministcurrent.com/2016/06/27/ideologytransgender-movement-open-debate/>
“How porn makes inequality sexually arousing.” In: Washington Post. In: Theory, 25. Mai 2016. <https://www.washingtonpost.com/news/in-theory/wp/2016/05/25/how-porn-makes-inequality-sexually-arousing/>
“Can porn be good for us?” In: The Economist, 17.-27. November 2015. <http://debates.economist.com/debate/online-pornography?state=closing>
“Feminism unheeded.” In: Nation of Change, 8. Januar 2015. <http://www.nationofchange.org/2015/01/08/feminism-unheeded/>
“Rape, rape culture, and the problem of patriarchy.” In: Waging Nonviolence, 29. April 2014. <http://wagingnonviolence.org/ feature/rape-rape-culture-problem-patriarchy/>
“Rape is all too normal.” In: Dallas Morning News, 20. Januar 2013. <http://www.dallasnews.com/opinion/sunday-commentary/20130118-robert-jensen-rape-is-all-too-normal. ece>
Anita Heiliger
Vorwort zur deutschen Ausgabe
Als Renate Klein und Susan Hawthorne vor zwei Jahren für einen Vortrag in unserem feministischen Frauenprojekt KOFRA in München ihr Verlagssortiment präsentierten, sah ich das Buch von Robert Jensen und mir war sofort klar: Dieses Buch brauchen wir in Deutschland! Also fingen wir an, die Übersetzung zu planen.
Das Ende des Patriarchats ist ein Titel, der genau sagt, worum es uns geht, abgeleitet aus Jensens eigener Sozialisation zum Mann und dem permanenten Unwohlsein mit den entsprechenden gesellschaftlichen Erwartungen nach Dominanz, Konkurrenz, Verdrängung von Gefühlen, Gewaltakzeptanz und Zerstörungsmacht.
Jensen beschreibt, wie er dem Feminismus zunächst mit Skepsis begegnete, beeinflusst von den Mainstream-Argumenten der KritikerInnen. Erst die intensive Auseinandersetzung mit dem Radikalen Feminismus und vielen Frauen, die er dabei allmählich kennenlernte, überzeugte ihn davon, dass nur die Abschaffung des Patriarchats die Zurichtung zu gewalttätiger Männlichkeit beenden und eine Zukunftsvision von Menschlichkeit für alle ermöglichen könne.
Dieses Buch ist an Männer gerichtet, die sich mit diesem Unwohlsein konfrontieren und individuelle Wege entwickelt haben, sich nicht an den Gewaltstrukturen zu beteiligen.
Diesen Männern kann Jensen Mut machen, sich nicht als „Versager“ zu erleben, sondern als Vorreiter für eine neue Identität, die sich lautstark von den patriarchalen Zwängen abwendet und allen Männern eine Plattform anbieten kann, diese gemeinsam aktiv zu bekämpfen. „Zero Macho“ ist z. B. solch eine Plattform, die von einer französischen Feministin gegründet wurde. Doch sie geht bisher nicht über individuelles Engagement einzelner Männer oder kleiner Gruppen hinaus. Robert Jensen aber bietet das Potential für eine grundlegende Veränderung auf der Basis seiner eigenen Erfahrungen, die er mutig preisgibt. Diese Veränderung muss prinzipiell an den Jungen im Prozess ihres Heranwachsens ansetzen, wenn sie die patriarchalen Zwänge noch nicht verinnerlicht haben. Sie sind in dieser Zeit ansprechbar, eine andere Entscheidung zu treffen, die allerdings voraussetzt, dass sie aufgeklärt werden darüber, was die von ihnen erwartete Gewalt, die sie (noch) als „Spaß“ einüben, speziell bei Frauen anrichtet, deren Unterwerfung zum Kern der patriarchalen Männlichkeit gehört.
Die erstaunliche Wirkung solcher Aufklärung habe ich in meiner eigenen Forschung am Deutschen Jugendinstitut aufgezeigt,1 die an der vielversprechenden Bewegung für eine „antisexistische Jungenarbeit“ in den 1980er und 1990er Jahren in Deutschland ansetzte.2 Nach der deutschen „Wiedervereinigung“ wurde diese Bewegung von Maskulinisten und Vaterrechtlern zerstört, lächerlich gemacht und als „Verweichlichung“ und „Benachteiligung von Jungen“ gegenüber der Förderung von Mädchen diskriminiert.3 Der Antisexismus war noch nicht stark genug, um diesen neuen reaktionären patriarchalen Tendenzen standzuhalten.
Jensens Buch setzt ein Signal an alle (selbst-) reflektierten Männer, teilzuhaben an der Beendigung des Patriarchats und sich mit dem radikalen Feminismus zu verbünden, denn „ich fing an zu verstehen, dass Feminismus … mir die Werkzeuge gab, um aufhören zu können, der Mann zu sein, der ich nie sein wollte“. Die Lektüre des Buches ist aber auch für Frauen zu empfehlen, um ihnen eine gut fundierte Möglichkeit zu geben, die Themen von Dominanz und Unterwerfung – und wie sie Frauen betreffen – mit den Männern in ihrem Leben zu diskutieren.
Anita Heiliger, München
Februar 2021
1 Anita Heiliger/Constance Engelfried: Sexuelle Gewalt. Männliche Sozialisation und potentielle Täterschaft Frankfurt 1995; Anita Heiliger: Männergewalt gegen Frauen beenden. Strategien und Handlungsansätze am Beispiel der Münchner Kampagne gegen Männergewalt an Frauen und Mädchen/Jungen, Opladen 2000, insbesondere das Kapitel 4: Aktionen und Maßnahmen zum Bereich Schule: „Jungen Grenzen setzen“, S. 119ff.
2 Vgl die HVHS, Heimvolkshochschule Frille, s. deren Begründer Franz-Gerd Ottemeier-Glücks: „Über die Notwendigkeit einer antisexistischen Arbeit mit Jungen“, in: Deutsche Jugend 7/8/1987.
3 s. Anita Heiliger: Zu Hintergründen und Grundsätzen einer antisexistischen Jungenarbeit, in: Ingo Bieringer/Walter Buchacher, Edgar J. Forster (Hg.): Männlichkeit und Gewalt. Konzepte für die Jungenarbeit, Opladen 2000.
Einleitung
Fange im Körper an
Dieses Buch begann in meinem Körper.
Ich stieß zum ersten Mal auf eine radikalfeministische Analyse des Patriarchats, als ich dreißig Jahre alt war und an der Hochschule zu studieren begann. Ich nahm an einem Kurs über freie Meinungsäußerung und Recht teil und stolperte über einen Artikel, der eine feministische Kritik der Pornografie präsentierte. Meine erste Reaktion war, dass eine solche Kritik völlig lächerlich sei, während ich gleichzeitig merkte, dass sie unverkennbar wahr war.
Es ist nicht erstaunlich, dass ich mich damit in einem Konflikt befand. Als ein Mann, der Jahre der Sozialisation in patriarchaler Männlichkeit hinter sich hatte, war ich Feministinnen gegenüber misstrauisch, von denen mir gesagt wurde, dass sie hinter mir her seien. Wenn nun eine feministische Kritik von etwas mir eigentlich zwingend erschien, musste ich die Bedrohung schnell beseitigen und dann erklären, warum sie eindeutig falsch sei – und weitermachen wie bisher. Aber auch wenn ich darin geschult war, solche Ideen abzulehnen, fühlte ich eine Art Erleichterung auf einer tieferen Ebene, ein Erkennen, dass ich nicht nur einen ehrlichen Bericht über die Welt las, sondern auch über mich selbst: eine stimmige Erklärung meiner eigenen Erfahrung, für die ich zu dieser Zeit noch keine Worte hatte.
Als ich mehr über die Kritik an Pornografie und über Feminismus im Allgemeinen las, verstärkte sich trotz dieser Reaktion meine Skepsis, und ich untersuchte die Argumente mit aller wissenschaftlicher Schärfe eines angehenden Akademikers – ich identifizierte Annahmen, hinterfragte Definitionen, bewertete Belege, stellte die Behauptungen in Frage. Eine solche Skepsis ist wohl angemessen, um jede These, die jemand über etwas aufstellt, zu untersuchen, aber Skepsis, die Angst maskiert, kann uns dazu bringen, Ideen lächerlich zu machen, die sich bedrohlich anfühlen. Meine ersten Versuche, etwas über die feministische Herausforderung des Gebrauchs von Pornografie von Männern zu schreiben, waren genau das. Zum Glück erlaubte mein eigener Körper mir diese einfache Lösung nicht.
Ich habe mich dem Feminismus erst einmal über diese intellektuelle Arbeit angenähert und bin auf Abstand geblieben. Aber auf eine Weise, die ich zu der Zeit nicht beschreiben konnte, fühlte ich mich mit meinem Körper doch von der feministischen Analyse und Politik angezogen – irgendetwas an der Kritik des Patriarchats fühlte sich einfach richtig an. Auch wenn wir gerne klare und ordentliche Geschichten darüber erzählen, wie wir dazu kamen, das zu glauben, was wir glauben – Geschichten in denen wir normalerweise die kritisch denkenden HeldInnen sind -, so umfasst der Weg, auf dem wir alle lernen, die Welt zu verstehen, das komplexe Zusammenspiel von Gefühl und Verstand, Körper und Geist, bewusste geistige Aktivität und unbewusstes Körpergedächtnis. Wir „denken“ und wir „fühlen“ gleichzeitig, was ineinandergreift, auch wenn wir oft so reden, als ob dies zwei völlig verschiedene Aktivitäten in den getrennten Teilen unserer Gehirne und Körper sind.
Das bedeutet nicht, dass wir nicht kritisch denken sollten, oder dass ein intellektuelles Argument einfach mit dem Beschreiben von Gefühlen abgewehrt werden kann. In diesem Buch zeige ich ein Argument für eine feministische Kritik des Patriarchats auf, von dem ich glaube, dass es auf einem gründlichen Gebrauch des Verstands basiert. LeserInnen sind eingeladen, meine Annahmen, Definitionen, Nachweise und Behauptungen zu kritisieren. Aber wir brauchen keine intellektuelle Strenge zu opfern, um auch unserem emotionalen, verkörperten Leben Aufmerksamkeit zu schenken, und darauf zu hören, was es uns lehrt.
Wenn ich versuche zu verstehen, wie dieses Denken-und-Fühlen über das System von biologischem Geschlecht und Gender sich in meinem Leben entfaltet hat, wird deutlich, dass dieser Weg nicht klar oder gradlinig war, und dass ich kein großer Held bin. Obwohl ich die feministische Kritik ablehnen wollte, sagte mein Körper mir, dass ich mich nicht abwenden solle, auch wenn diese Herausforderung des Patriarchats kritische Selbstreflexionen erfordern würde, die schmerzhaft sind. Aber wie intensiv der Schmerz auch sein würde, er würde es wert sein. Etwas in mir – nennen wir es Instinkt oder Inspiration oder einfach Glück – brachte mich dazu, weiterzulesen und nachzudenken. Ich blieb skeptisch, aber mit einer zunehmenden Aufgeschlossenheit.
Ich könnte jetzt eine Geschichte zusammenreimen, wie ich mir radikalen Feminismus als Resultat eines sorgfältigen intellektuellen Prozesses zu eigen machte – wie eine rein rationale Auswertung der analytischen Kraft der feministischen Theorie mich dazu gebracht hätte, überzeugende Argumente für eine radikalfeministische Politik, die in unserer geteilten moralischen Verpflichtung für menschliche Würde, Solidarität und Gleichheit wurzeln, zu akzeptieren. Die radikalfeministische Theorie bietet eine solche Analyse und feministische Politik ist tatsächlich überzeugend, aber ehrlicherweise gesagt, war es so, dass ich mir den Feminismus erst einmal aus Eigennutz zu eigen machte, aus einer Sehnsucht heraus nach mehr im Leben, als das Patriarchat Männern zu bieten hat. Ich wollte aus dem ewigen Wettbewerb heraus, „ein richtiger Mann zu sein“, wie es das Patriarchat definiert und war auf der Suche, einfach ein menschliches Wesen zu werden, so wie ich es mir vorstellte sein zu können. Durch den Feminismus begriff ich, dass die Angst und die Isolation, die ich empfand, und die viele Männer empfinden, das Resultat einer Vorstellung von Männlichkeit im Patriarchat war, die uns in die Falle eines endlosen Kampfes um Kontrolle, Herrschaft und Eroberung lockt. Das Problem war nicht mein Versagen, die Normen der Männlichkeit zu erfüllen, sondern die toxische Art der Männlichkeit im Patriarchat. Durch den Feminismus begann ich zu begreifen, dass die Art, wie ich als Kind von anderen Jungen und Erwachsenen missbraucht worden war, nicht das Ergebnis meiner Schwäche oder meines Versagens war, sondern das Ergebnis des brutalen patriarchalen Systems von biologischem Geschlecht und Gender, das Herrschaft und Unterordnung sexualisiert.
Ich fing an zu begreifen, dass das Patriarchat nicht nur mein Leben eingeschränkt und mich verletzbar gemacht hat, als ich jung war, sondern mich darin geschult hat, mir diese Dynamik der Herrschaft und Unterordnung zu eigen zu machen, als ich älter wurde. Auch wenn ich mich nie „männlich genug“ gefühlt habe, so hatte ich letztendlich genug gelernt, um einige dieser toxischen Männlichkeitsnormen auf eine Weise zu benutzen, auf die ich nicht gerade stolz war. Wir wollen verstehen, wie wir verletzt werden, aber wenn wir nicht gerade Soziopathen sind, haben wir auch eine moralische Sehnsucht danach, zu verstehen, wie und warum wir andere verletzt haben. Der Feminismus bietet einen Rahmen, die Verletzungen, die ich erlitten hatte, und die Verletzungen, die ich anderen zugefügt hatte, zu analysieren. Ich begann zu verstehen, dass die patriarchale Durchsetzung einer Hierarchie von biologischem Geschlecht und Gender einer der Schlüsselfaktoren ist, der die Welt, in der ich lebte, strukturierte: eine Welt, die ich besser zu verstehen versuchte und mithelfen wollte, sie zu verändern.
Diese Erklärung ist genauer, aber immer noch zu deutlich und ordentlich, sie klingt zu sehr nach einer dieser „Reise-Erzählungen“, in denen der Held oder die Heldin Herausforderungen meistert und Hindernisse besiegt bis zum Moment der Erleuchtung. Selbst wenn wir lernen, das Patriarchat zu analysieren, leben wir noch immer im Patriarchat und werden mit den endlosen Herausforderungen konfrontiert, vor die es uns stellt, sowie den anderen toxischen Systeme der Macht, die die Welt strukturieren: weiße Vorherrschaft (Rassismus), Kapitalismus, Vorherrschaft der Ersten Welt und menschliche Arroganz im Allgemeinen. Je mehr wir unsere Fähigkeit zu verstehen schärfen, desto mehr sind wir in der Lage, unser Versagen zu sehen.
Und von Anfang an analysieren und kritisieren wir nicht als freie Geister, sondern als verkörperte Geschöpfe. Wir denken und fühlen unseren Weg durch diese facettenreiche Welt und benutzen dabei nicht nur unsere intellektuellen Werkzeuge, sondern all unsere Fähigkeiten, um diese Komplexität so gut wie möglich zu verstehen. Wenn wir Glück haben, haben wir unterwegs Augenblicke der Klarheit, aber wenn wir ehrlich sind, hören wir nie damit auf, uns zu bemühen, unsere Erkenntnisse zu vertiefen.
Dieses Buch begann in meinem Körper, und ich beginne dieses Buch mit dieser Erkenntnis, weil ich weiß, dass ich mit dieser Erfahrung nicht alleine bin. Während ich an diesem Buch gearbeitet habe, erhielt ich eine E-Mail von einer Frau, die Artikel gelesen hatte, die ich über Pornografie geschrieben hatte. Sie schickte mir Fragen, die sich auf ihre laufenden Forschungen über Gewalt bezogen. Aber bevor sie diese Themen ansprach, erzählte sie mir ein wenig von ihrem eigenen Leben und gab mir die Erlaubnis, das hier zu teilen. Es ist eine Geschichte, die sowohl einzigartig in ihrem speziellen Weg ist, als auch alltäglich. Eine Erinnerung an Muriel Rukeysers Erkenntnis: „Was würde passieren, wenn eine einzige Frau die Wahrheit über ihr Leben erzählen würde? Die Erde täte sich auf“.4
Lisa, eine heute mehr als dreißigjährige Frau, erzählte mir über ihre Welt:
„Bis ich dreißig Jahre alt wurde, dachte ich, dass ich eine normale Person sei. Ich lebte und arbeitete und hatte Dates und war in Ordnung. Ich war aber auch eine Person, die zunehmende Schlafstörungen hatte, eine wachsende Liebe für Schlafmittel, eine verschwindende Aufmerksamkeitsspanne und eine Menge furchterregende verwirrende Träume. Ich fing an, in den Nächten, in denen ich nicht schlafen konnte, Tagebuch zu führen. Vieles darin war zusammenhanglos. Fast alles handelte von Sex.
Mit Anfang dreißig erreichten die Schlaflosigkeit, Alkohol und Konzentrationsschwierigkeiten ihre Grenzen. Anders als mit unter dreißig regte mich unerklärlicherweise alles, was mit Sex zu tun hatte – Filmszenen, Witze unter FreundInnen, Sex selber –, so sehr auf, dass ich es um jeden Preis vermied. Es führte zu tage- und wochenlanger Schlaflosigkeit, eine Art endloser Schlaflosigkeit, bei der kein Ende in Sicht war.
Zu dieser Zeit begann ich zum ersten Mal eine Therapie und während der nächsten Monate begann sich ein langer Strom von sexuellen Begegnungen aufzulösen, die ich nie jemand im Detail erzählt hatte, die mit verschiedenen Menschen im Laufe eines Jahrzehntes stattgefunden hatten, an die ich mich immer erinnert hatte, die in meinen Erinnerungen wie wortlose Vignetten gelebt hatten, von denen ich einfach ausgegangen war, dass sie normal seien, aber auch immer gewusst hatte, dass sie toxisch waren.
Als es vorbei war, sah ich mir den Trümmerhaufen an und fragte mich, wie es dazu hatte kommen können? Wie hatte ich Männern erlauben können, meinen Körper so zu missbrauchen, dass ich dabei beinahe umkam? Wie hatte sich so viel Schaden ansammeln können, ohne dass es jemand gemerkt hatte? Ich habe der Welt so viel mehr zu geben, und ich verdiene so viel mehr von der Welt als das.
Therapie rettete mein Leben, aber während ich einem grausamen und häufig sexuellen Egoismus ins Auge blickte, während ich vor seinen Auswirkungen stand, fing ich plötzlich an, mich mit allen zu streiten. Ich stritt mich mit Menschen in meinem Alter, ich ärgerte mich über das Kino, ich ärgerte mich über Werbung, ich ärgerte mich über Dating-Webseiten. Mich selber zu heilen und mir zuzutrauen, Fragen zu stellen, wurde die einsamste Sache, die ich je getan habe.
Ich wollte mir den Feminismus anschauen, um Antworten zu finden, aber ich war schockiert, wirklich wieder regelrecht traumatisiert, von einem Gedankenspiel von Ermächtigung- und Wahlrhetorik [üblich in einigen zeitgenössischen feministischen Texten RJ], das ich nur als sehr schmerzhaft zu lesen für jemand wie mich bezeichnen kann. Ich habe keine Antworten gefunden und mir nichts davon ausgesucht.
Die ganze Zeit hat mir niemand radikalfeministische Ideen erklärt. Als ich sie zum ersten Mal fand, war es, als ob ein schmaler Luftstrom seinen Weg durch ein beinahe geschlossenes Fenster in ein Zimmer gefunden hatte, in dem kaum noch Sauerstoff war. Ich brauche nicht viele Menschen, die mir zustimmen, aber ich muss wissen, dass ich nicht völlig alleine bin. Ich habe eine Menge Ideen über die Verbindungen von einer Kultur des sexuellen Egoismus mit sexueller Gewalt. Ich weiß, wie sie von der befreiten Pop-Fantasie in den Körper einer realen Person eindringt. Ich denke, dass ich nicht alleine bin. Ich denke, dass es wohl vielen so geht.“
Lisas Erfahrung ist nicht außergewöhnlich, genauso wenig wie ihre Bedenken, dass einige zeitgenössische feministische Analysen eine radikale Kritik des Patriarchats umgehen, und sich stattdessen auf Wege konzentrieren, in denen die Wahl von Frauen im Patriarchat einzelne Frauen „stark macht“. Wie auch mir, half der radikale Feminismus Lisa, das Intellektuelle und das Körperliche zusammen zu bringen. Auch wenn ihre Erfahrungen als Frau vollkommen andere sind als meine als Mann – ich kann meinen eigenen Schmerz ernst nehmen, ohne ihn den Bedrohungen, die Frauen erleben und den Verletzungen, die sie erleben, gleichzusetzen – in ihrer Geschichte erkenne ich die Welt, in der sowohl sie, als auch ich leben.
Ich hoffe, dass dieses Buch dazu beiträgt, die Welt zu verstehen, und so zu helfen, mit unseren individuellen Schmerzen umzugehen, und das System zu verstehen, das die Grundlage für diese Schmerzen ist. Zentral für diese Aufgabe ist es, wie Lisa deutlich macht, dass wir uns unserer Angst stellen.
4 Muriel Rukeyser: Houdini: A Musical, S. 89.
Folge deiner Angst
Menschen, die vor wichtigen Entscheidungen in ihrem Leben und ihrer Karriere stehen, wird heute häufig der Ratschlag, „folge deiner Leidenschaft“, gegeben. Dieses Klischee schadet nicht, wenn es Menschen dazu anregen soll, geisttötende Jobs zum reinen Überleben nicht anzunehmen oder uns daran zu erinnern, mutig zu sein und unsere Meinung zu sagen, wenn Menschen um uns herum widersprechen. Aber in einer Gesellschaft, die mit zahlreichen, sich teilweise überschneidenden sozialen und ökologischen Krisen konfrontiert ist, kann die Besessenheit mit Ausleben von Leidenschaften eine gefährliche Ablenkung sein, wenn diese Leidenschaften dazu führen, dass wir schmerzhafte Realitäten ignorieren. Der wichtigere Ratschlag – für uns alle, individuell und kollektiv – ist, erst einmal „unseren Ängsten zu folgen“.
Wenn es eine anständige menschliche Zukunft auf einem stabilen lebenden Planeten geben soll, müssen wir uns mit unseren tiefsten Ängsten konfrontieren, nicht nur mit denen, die uns selbst betreffen, sondern auch mit Ängsten, die mit den zutiefst ungerechten und grundlegend unhaltbaren Gesellschaften, die existieren, zu tun haben. Die Probleme, mit denen wir konfrontiert werden, sind das vorhersagbare Ergebnis der sozialen, politischen und ökonomischen Systeme, auf denen unsere Gesellschaften aufgebaut wurden. Während es in der Tat so ist, dass die Leute, die diese Systeme betreiben, häufig habgierig sind, manchmal inkompetent und zuweilen unmenschlich, so ist unser Hauptproblem nicht die Natur der verantwortlichen Menschen, sondern die Beschaffenheit der Systeme, für die sie verantwortlich sind.
Um höflich zu sein, sprechen wir in Diskussionen selten direkt über diese Systeme. Wenn wir es wagen, so vermeiden wir häufig Namen und genaue Beschreibungen. In den Vereinigten Staaten ist es üblich, dass Menschen sich für Diversität aussprechen. Aber über die Pathologie der weißen Vorherrschaft sprechen wir nur selten: der Ideologie, die EuropäerInnen geschaffen und dazu benutzt haben, 500 Jahre lang ihre Eroberung des Großteils der Welt zu rechtfertigen. Trotz der bedeutenden Erfolge der Bürgerrechtsbewegungen müht sich diese Kultur noch immer damit ab, den anhaltenden Auswirkungen weißer Vorherrschaft – Rassismus – ehrlich ins Auge zu blicken, obwohl wir behaupten, sie überwinden zu wollen.
Die krankhafte Habgier, von der diese Unterwerfung angetrieben war, entwickelte sich letztendlich zum neoliberalen Kapitalismus, mit seiner Forderung nach endlosem Wachstum und seiner unvermeidlichen Wohlstandsunterschiede. Aber statt ein ökonomisches System abzulehnen, das nicht mit unseren grundlegenden moralischen Prinzipien und einer ökologisch tragbaren Zukunftsperspektive vereinbar ist, tun wir so, als ob oberflächliche Reformen, die mit Begriffen wie „bewusster Kapitalismus“ oder „grüner Kapitalismus“ verkauft werden, diesen Weg magisch verändern würden. Die extravistische und expansive Besessenheit der heutigen energiereichen und Hochtechnologie-Welt hat uns an einen Punkt gebracht, an dem die menschliche Existenz auf diesem Planeten in großem Umfang nicht mehr gesichert ist. Einige der schutzbedürftigsten Bevölkerungsgruppen weltweit sind bereits mit katastrophalen Bedingungen konfrontiert, und es gibt keine Garantie, dass die Reichen vor solchen Schicksalen unbegrenzt geschützt bleiben. Trotzdem werden kritische Stimmen von der Behauptung erstickt, dass es keine Alternative zu „unser Art zu leben“ gibt, vor allem in den Vereinigten Staaten.
Es ist schwierig, sich den Herausforderungen von RassistInnen, KapitalistInnen, ImperialistInnen und Hochtechnologie-Industriesystemen ehrlich zu stellen. Aber was noch schwieriger zu sein scheint, ist sich der tiefgehenden Pathologie des Systems von biologischem Geschlecht und Gender zu stellen. Diese Pathologie hat einen Namen – Patriarchat –, seine Ursprünge reichen weit in die menschliche Geschichte zurück, nicht nur Jahrhunderte, sondern mindestens sechstausend Jahre, bis zum Anfang der institutionalisierten männlichen Herrschaft, als „Männer entdeckten, wie man ›Unterschied‹ in Herrschaft umwandelt“, und sie so „das ideologische Fundament für alle Systeme von Hierarchie, Ungleichheit und Ausbeutung“ legten.5
Die Behauptung von Männern im Patriarchat, dass sie ein Recht auf die Kontrolle der Sexualität und Reproduktion von Frauen hätten, das mit Gewalt unterstützt wird, hat eine Welt hervorgebracht, die streng geordnet ist durch „Macht über (andere)“, d. h. Macht definiert als die Fähigkeit, anderen deinen Willen aufzuzwingen oder sich der Auferlegung von anderen zu widersetzen. Im Gegensatz dazu steht die Idee von „Macht mit (anderen)“, die auf einer gemeinsamen Konzeption mit anderen beruht.6 Diese Dynamik von Herrschaft und Unterordnung bestimmte allmählich nahezu alle Beziehungen zwischen Menschen und ihrer Umwelt. Die Pathologie des Patriarchats, d. h. die Vorstellung, dass eine Gruppe von Menschen eine andere kontrollieren könnte – sie sogar besitzen sollte, sogar das Leben an sich – ist der Kern der heutigen Krise. Feministischer Widerstand, von alten Veteraninnen der Frauenbefreiungsbewegung und jungen Digital Natives, fordert diese Pathologie weiterhin heraus, wobei es einige Erfolge an einigen Orten und zu einigen Zeiten gibt. Aber das patriarchale System von biologischem Geschlecht und Gender hat sich als stabil erwiesen: Überall strukturiert die institutionalisierte männliche Gewalt auch weiterhin unser Leben und beeinflusst unser Selbstverständnis.
Die Realität des Patriarchats in all seinen Dimensionen ist nur schwer zu ertragen. So ist es kaum erstaunlich, dass die Welt voll von Verleugnungen und Ablenkungen ist, sowohl von Menschen, die oben stehen, als auch unten und überall dazwischen. Wir haben Angst und sollten diese auch haben. Um es persönlicher auszudrücken: Was Menschen erschaffen haben und wohin das führen könnte, versetzt mich in Schrecken. Ich bin nicht nur entsetzt über die ungerechten und nicht nachhaltigen Systeme, die wir Menschen erschaffen haben, sondern auch über den Willen von so Vielen, die Wahrheit zu leugnen oder davon abzulenken. Dieses Buch ist Teil meines ständigen Kampfes, mit diesem Schrecken umzugehen. Ich nehme den Rat von James Baldwin ernst, wenn es um den Umgang mit Schrecken geht: „Wenn du auch nur etwas Verstand hast, wirst du verstehen, dass du besser nicht weglaufen solltest. Es gibt keinen Ort, an den du laufen könntest. Geh’ also auf ihn zu. Zumindest weißt du so, was dich treffen wird“.7
Wenn wir verstehen wollen, was uns getroffen hat und was uns wahrscheinlich auch in Zukunft weiterhin treffen wird, vermutlich mit zunehmender Gewalt, müssen wir radikal werden. Auch wenn der Begriff „radikal“ häufig dazu benutzt wird, Menschen oder Ideen als „verrückt“ oder „extrem“ abzulehnen, bezeichnet er in diesem Zusammenhang eine Analyse, die die Grundursachen von sozialer Ungleichheit und ökologischer Nicht-Nachhaltigkeit versucht zu verstehen, anzusprechen und letztendlich zu beseitigen. Ich bin davon überzeugt, dass wir feministische Analysen brauchen, um diese Krise zu verstehen: ein intellektuelles Projekt, um die unrechtmäßigen Autoritätsstrukturen zu begreifen, in denen wir leben. Wir brauchen Feminismus, eine politische Bewegung, um Widerstand gegen diese Autoritätsstrukturen zu organisieren. Wir brauchen Feministinnen und Pro-Feministen, Menschen, die zusammen auf das zugehen, was uns trifft. Feministische Analysen allein, die unsere Bewegungen informieren, und unseren Widerstand verstärken, werden uns nicht retten – dazu sind auch noch andere radikale Perspektiven und Bewegungen notwendig –, aber ich bin überzeugt, dass es ohne radikalen Feminismus, der zum Widerstand beiträgt, keine Hoffnung auf Rettung für uns gibt.
Die Historikerin Gerda Lerner, deren Werk dazu beigetragen hat, die Ursprünge des Patriarchats zu verstehen, drückte diese Hoffnung auf das feministische Projekt aus, als sie schrieb:
„Das System des Patriarchats ist ein historisches Konstrukt. Es hat einen Anfang, und es wird ein Ende haben. Seine Zeit scheint zur Neige zu gehen – es dient nicht länger den Bedürfnissen von Männern oder Frauen, und seine unauflösliche Verstrickung mit Militarismus, hierarchischer Struktur und Rassismus ist eine unmittelbare Bedrohung für den Fortbestand des Lebens auf unserem Planeten“.8
Meine größte Angst ist, dass Lerner sich über unsere Fähigkeit, das Patriarchat zu überwinden, irrt. Dass egal, wie offensichtlich es ist, dass die destruktiven Systeme, die wir Menschen entwickelt haben, – sogar wenn sie schon so bedrohlich sind, dass wir beinahe von den Klippen stürzen – wir nicht umkehren werden. Meine größte Befürchtung ist nicht nur, dass die Machthabenden nicht umkehren werden, sondern dass es an einem gewissen Punkt für alle unmöglich sein wird, umzukehren. Anders gesagt, dass wir bereits zu nah am Abgrund stehen. Lerner hat recht damit, dass das Patriarchat den Bedürfnissen der Menschen – Männer und Frauen – nicht dient. Leider aber dient es nach wie vor dem Bedürfnis einiger Menschen nach Reichtum und Status. Es sind diese Bedürfnisse, die starke Motivationen zum Leugnen und Ablenken schaffen.
