Das Erbe der Macht - Band 15: Schattendieb - Andreas Suchanek - E-Book

Das Erbe der Macht - Band 15: Schattendieb E-Book

Andreas Suchanek

4,7

Beschreibung

Nur noch wenige Stunden, dann ist Alex' Schicksal besiegelt. Die Freunde setzen alles daran, den Zauber zu neutralisieren und seine Erinnerungen wiederherzustellen. Doch die Lösung liegt verborgen in tiefster Vergangenheit. In einer Zeit des Umbruchs, der zerstörten Schicksale und der Gewalt treffen sie auf einen schrecklichen Feind. Unterdessen erhalten Chloe, Eliot und Crowley einen Auftrag von Ellis. Gemeinsam sollen sie ein Splitterreich aufsuchen und etwas Wichtiges bergen. Das Erbe der Macht ... ... Gewinner des Lovelybooks Lesepreis 2018! ... Gewinner des Skoutz-Award 2018! ... Silber- und Bronze-Gewinner beim Lovelybooks Lesepreis 2017! ... Platz 3 als Buchliebling 2016 bei "Was liest du?"! ... Nominiert für den Deutschen Phantastik Preis 2017 in "Beste Serie"! Das Erbe der Macht erscheint monatlich als E-Book und alle drei Monate als Hardcover-Sammelband.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 182

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
4,7 (3 Bewertungen)
2
1
0
0
0



Table of Contents

Titelseite

Was bisher geschah

Prolog

1. Eine Granny mit Pep

2. Eine Lektion in Geschichte

3. H. G. Wells

4. In Zeiten großer Krisen

5. Johannas Unterstützung

6. Die Schädel warten

7. Ungeliebt

8. Towarischtsch

9. Unter den Gassen von Paris

10. Die tote Stadt

11. Ein neuer Job

12. Der Pechvogel

13. Eine Prise Zyankali

14. Verbrannte Hoffnung

15. Der geflügelte Schrecken

16. Ein Plausch am Feuer

17. Kriegsrat

18. Bruder gegen Bruder

19. Im Dunkel der Nacht

20. Im Dunkel des Tages

21. Die letzten Stunden

22. Friendly Fire

23. Die Königin der Nacht

24. Die Wechselbälger

25. Die letzten Minuten

26. Fluchtkurs

27. Im Angesicht des Fluchs

28. Die letzten Sekunden

29. Die Legende von Anastasia Romanow

30. Leb wohl, Alexander Kent

31. Fehlschlag

32. Alles oder nichts

33. Der Unterschlupf

Epilog

Vorschau

Seriennews

Glossar

Impressum

Das Erbe der Macht

Band 15

»Schattendieb«

von Andreas Suchanek

 

Was bisher geschah

 

In der magischen Welt herrscht Chaos. Nach dem erfolgreichen Kampf gegen die Schattenfrau ist der Wall vollständig entstanden und dämpft die Magie immer stärker. Die Sprungportale sind versiegelt, es gibt weder neue Kontaktsteine noch Essenzstäbe. Mit Ausnahme von Nikki wurden alle Sprungmagier getötet.

Im Castillo ist der mystische Onyxquader zerbrochen. Aus dem Inneren kommt ein Mann zum Vorschein, der scheinbar sein Gedächtnis verloren hat. Niemand ahnt, dass es sich um Bran handelt, der die Erschaffung des Walls mit in die Wege geleitet hat. In einer alten Erinnerung von Cixi erfahren Leonardo da Vinci und Clara Ashwell, dass Bran wiedererwacht ist und es sich bei dem Onyxquader um ein Artefakt vom Anbeginn handelt, das überall in der Menschheitsgeschichte aktiv gewesen ist. Die Erinnerung entpuppt sich jedoch als Falle. Bran taucht darin auf und schleudert Leonardo und Clara durch einen Dimensionsriss davon. Ihr Schicksal bleibt ungewiss.

Johanna hat Alex die Erinnerung an sein Leben als Magier genommen. Seit den Ereignissen um die Schattenfrau ist er ein gewöhnlicher Nimag und arbeitet unter Tomoes Beobachtung in der Holding. Um ihn vor dem sicheren Tod zu retten – denn in seinem Inneren kämpft das Sigil darum, die Ketten des Zaubers abzustreifen, was letztendlich zum Aurafeuer führen würde –, entführen Jen, Chris, Kevin, Max und Nikki den Freund. Doch sein Zustand verschlechtert sich. Nur wenige Stunden verbleiben, um ihn zu retten.

Prolog

 

Der Sand rieselte durch seine Finger.

Alex kniete auf einer weiten Ebene, die aus nichts anderem bestand als groben Körnern, die vom Wind aufgewirbelt wurden. Sie scheuerten über seine Haut, vibrierten im Takt des grausamen Schicksals. Figuren wuchsen aus dem Untergrund empor, geformt aus verhärtetem Sand. Hände griffen nach ihm, wollten ihn hinabziehen in die endlose Tiefe des Traums.

Mit seinem letzten klaren Gedanken klammerte er sich daran, dass all dies nicht real war. Die schützende Sphäre, die Jules Verne auf der Traumebene erschaffen hatte, kollabierte. Sie war nicht länger kontrollierbar und verwandelte sich in einen Albtraum. Doch er musste hierbleiben, musste sich an genau das klammern, was ihn zu zerstören drohte. Denn wenn er aufgab, war sein Weg hier zu Ende.

Alex konnte die Gewalten spüren, die an ihm zerrten, die im Schatten lauerten, um ihn zu zerfetzen. Die Flammen seines Sigils rissen tiefe Furchen in sein Inneres, seine Haut glühte.

Oh ja, er nahm die reale Umgebung durchaus wahr.

Die weiche Couch, auf der er lag. Die Stimmen von Jen, Kevin und Max, von Nikki und Chris, die mittlerweile verstummt waren. Mal vernahm er die Realität um sich herum, dann verwandelte sich alles wieder in einen Albtraum. Dies voneinander zu unterscheiden, fiel ihm immer schwerer.

»Alex«, erklang eine Stimme.

Seine Mum? Wie kam sie hierher? Er hatte sie beschützen wollen.

Sand wirbelte empor …

… und verschwand.

Seine Mum kam auf ihn zu, Liebe im Blick und ein Lächeln auf den Lippen. »Mein Sohn.«

»Mum.«

Er warf sich förmlich in ihre Arme, fühlte seit einer Ewigkeit wieder so etwas wie Geborgenheit.

»Warum hast du mich nicht beschützt?«, flüsterte sie.

Alex zuckte zurück.

Blut rann aus ihren Augen. »Ich bin tot. Genau wie dein Dad. Du hättest es verhindern können.«

Sie kippte nach hinten.

In einer Explosion aus Sand verschwand sie.

Zurück blieb ein Grabstein.

Alex brach weinend in die Knie.

1. Eine Granny mit Pep

 

Keuchend hielt Kevin inne.

Er war den ganzen Weg gerannt. Obwohl die Uhr tickte, nahm er sich einen Augenblick Zeit, um Luft zu holen. Schließlich ging es um alles und es durfte nicht so wirken, als sei er gehetzt.

»Herein«, erklang die Stimme seiner Granny auf das Klopfen hin.

Kevin betrat den Übungsraum.

Zu dieser mitternächtlichen Stunde waren keine Neuerweckten mehr hier, die trainiert wurden. Stattdessen lagen Überreste von Hexenholzkriegern am Boden.

»Der Unterricht scheint gut zu laufen.« Kevin konnte ein Grinsen nicht unterdrücken.

»Er macht sogar richtig Spaß.« Beschwingt kam seine Granny herbei und zog ihn in eine Umarmung. »Was führt dich zu mir? Solltest du zu so später Stunde nicht bei deinem Verlobten sein?«

»Ich wollte einfach mal bei meiner Granny vorbeischauen. Sehen, wie du dich so eingelebt hast im Castillo.«

Ein taxierender Blick traf Kevin. Mit in die Hüften gestemmten Fäusten betrachtete sie ihn. »Was ist los? Raus damit!«

»Aber …«

»Kevin Grant!«

»Ich brauche dein Blut. Für ein Experiment. Einen Zauber«, sprudelten die Worte aus ihm heraus.

Er hatte keine Ahnung, wie sie das machte, aber er konnte unter diesem Blick einfach nicht lügen. Jen hätte das übernehmen sollen. Oder Max. Irgendwer, nur nicht er.

»Soso.« Sie lächelte milde. »Und das Experiment hat dann vermutlich mit Vergessenszaubern zu tun?«

Seine Wangen brannten. »Ein bisschen.«

»Und mit Alexander Kent.«

Ob er fliehen sollte? »Ja? Möglicherweise … ein bisschen.«

Seine Granny seufzte. »Folge mir.«

Ohne die zerstörten Hexenholzkrieger weiter zu beachten, ging sie davon. Ihre energischen Schritte hallten durch das stille Castillo, während sie sich dem Flügel mit den Büros der Professoren näherten.

Vor dem Fenster wirbelten noch immer die Schneeflocken, die durch einen entarteten Zauber sogar diesen Landstrich in dichtes Weiß tauchten. Einige der neuen Bewohner machten einen Mondscheinausritt auf Pferden, wie Kevin mit einem Blick durch das Fenster feststellte.

»Mir gefällt es hier«, erklärte seine Granny. »Erst seit ich wieder unterrichte, merke ich, wie sehr mir das alles gefehlt hat. Magier um mich herum, die Energie der Jugend, eine neue Generation an Lichtkämpfern. Der Aufstieg der Schattenfrau hat mir klargemacht, dass wir wachsam sein müssen. Gegner tauchen stets dann auf, wenn man sie am wenigsten erwartet.«

Sie betraten das Büro.

Kevins Granny zog den Essenzstab, erschuf ein magisches Symbol und rief: »Silencia.«

Die mintgrüne Spur flirrte.

Kevin runzelte die Stirn. Bildete sich da ein Muster in dem Grün? Tatsächlich. Er sah winzige Sternstrukturen, die sich formten.

»Was ist mit deiner Spur?«

»Der Wall. Seit er entstanden ist, verändern sich einige Spuren. Manche bilden Strukturen aus, andere Gerüche. Bei einem der Neuerweckten sogar Geräusche.« Sie winkte ab, um das Thema zu beenden. »Uns kann niemand mehr hören. Der Zauber unterdrückt jeden Laut nach außen. Also, heraus damit.«

»Was meinst du?«

»Dass du vor der Tür des Trainingsraums angehalten hast, um wieder Atem zu schöpfen, sagt mir, dass die Zeit drängt. Also kannst du entweder weiter den Dummen spielen oder mir einfach alles erzählen.«

Kevin seufzte.

Mit ein paar dirigierenden Bewegungen ihres Essenzstabes füllte die Granny eine Tasse mit Tee und ließ sie in seine Hand schweben. »Schieß los.«

Er gab auf.

So schnell er konnte, fasste Kevin die Ereignisse zusammen. Dass Alex ohne Erinnerung in der Holding arbeitete, wusste sie längst; dass sein Sigil aber gegen den Vergessenszauber ankämpfte und dadurch ein Aurafeuer bevorstand, war neu für sie. Er gestand ihr, dass Jen, Max und er mit der Unterstützung von Chris und Nikki in die Holding eingebrochen waren und Alex entführt hatten.

Mit einem Klatschen schlug seine Granny sich gegen die Stirn. »Sechs verletzte Ordnungsmagier, ein Gebäude, das zusammengestürzt ist, und eine Suchmeldung, die jeder Lichtkämpfer auf der Welt erhalten hat – ›findet Alexander Kent‹: Das wart ihr?«

Er nickte.

»Das Grant-Gen ist sehr aktiv in dir.« Sie trank einen Schluck Tee.

Kevin berichtete, dass Alex im Sterben lag. Um ihn zu retten, benötigten sie das Blut eines Magiers, der gegen Vergessenszauber immun war. Es musste mit einem Gegenzauber verwoben und Alex eingeflößt werden.

»Ihr kennt den Zauber?«

»Nein«, gestand er. »Aber wir haben einen Plan.«

»Das klingt, als sei die Katastrophe vorprogrammiert.«

»Wir können Alex doch nicht sterben lassen!« Kevin funkelte sie an.

Seine Granny machte eine besänftigende Geste. »Nein, das könnt ihr nicht. Die Regeln mögen sinnvoll sein, doch es muss immer Ausnahmen geben. Ich kenne Johanna als eine Kämpferin, der Fairness und Ehre über alles gehen. Sie muss einen Grund gehabt haben, Alex‘ Erinnerung einzukapseln. Aber da sie uns diesen nicht mitgeteilt hat, zählt nur das Ergebnis.« Sie stellte die Tasse ab. »Ich werde dir mein Blut geben.«

»Du … Wirklich?«

Kevins Granny erhob sich. Sie trat an den Schreibtisch. Mit gerunzelter Stirn kramte sie in der rechten Schublade, fand schließlich ein verkorktes Reagenzglas und öffnete es.

»Einen Menschen zu verlieren, den man liebt, ist schrecklich. So etwas sollte niemand erleben müssen.« Sie strich fast sanft mit dem Essenzstab über ihre Hand. Eine Wunde entstand. Blut rann über ihre Haut und tropfte in das Reagenzglas.

»Du hast nie davon erzählt«, sagte Kevin leise.

»Wovon?«

»Nun hältst du mich also für dumm?«

Sie lachte auf. Doch dieses Mal erreichte die Fröhlichkeit ihre Augen nicht. »Dein Grandpa starb auf schreckliche Art. Einer der legendären Blutsteine spielte dabei eine Rolle.«

Sie verschloss das Reagenzglas und reichte es ihm.

»Sanitatem.« Die Wunde schloss sich wieder.

»Danke.«

»Sitz nicht hier herum, auf, auf. Rette deinen Freund. Und achte dabei auf deinen Bruder. Chris mag ja immer den starken Mann markieren, aber er ist verletzlich. Wenigstens ist er nicht mehr allein. Nikki tut ihm gut.«

»Mache ich.« Kevin eilte zur Tür. »Moment. Was meinst du damit, Nikki tut ihm gut?«

Seine Granny zwinkerte ihm zu.

»Echt jetzt? Chris und Nikki?! Woher weißt du das?«

»Eine Großmutter weiß so etwas. Wieso stehst du immer noch hier herum?«

Kevin wandte sich ab und eilte davon.

Als er an Chris dachte, musste er breit grinsen. »Na warte, Brüderchen.«

Er rannte zurück ins Turmzimmer.

2. Eine Lektion in Geschichte

 

Ein Stapel Bücher wuchs neben Jen in die Höhe.

Sie saß in der Bibliothek, die mittlerweile wieder gut ausgestattet war, und suchte in den historischen Aufzeichnungen nach einem Hinweis. In solchen Augenblicken vermisste sie Clara schmerzlich. Der Bücherwurm hätte ihr vermutlich sofort einen Hinweis geben können.

Wo in der Geschichte hatte einer der Unsterblichen einen Vergessenszauber angewendet? Und nicht irgendeinen, sondern den einen, den absoluten Zauber. Was brachte Unsterbliche dazu, ihn zu benutzen?

Sie hatte sich die Unterlagen zum großen Feuer in London angeschaut und ebenso zum Untergang der Titanic. Damals hatte die Schattenfrau zugeschlagen. Doch obgleich die Unsterblichen involviert gewesen waren, deutete nichts auf einen Vergessenszauber hin.

Schritte näherten sich. »Jen?«

»Hier oben!«

Chris stieg die Leiter zur zweiten Leseplattform empor, die sich direkt unter der Glaskuppel der Bibliothek befand. Von hier aus konnte man die Sterne betrachten.

»Mein Brüderchen hat irgendeinen tollen Trick angewendet und flitzt gerade mit Grannys Blut ins Turmzimmer«, erklärte Chris. »Max klärt die Sache mit der Zeitmaschine. Hast du etwas gefunden?«

»Bisher nichts. Die Aufzeichnungen sind lückenlos«, erwiderte sie. »Die Bibliothekare haben die Bücher ersetzt, die hier verbrannt sind. Teilweise sind es Abschriften von Mentigloben, aber auch Ersatzbücher. Das Problem ist, dass ich nicht weiß, wonach ich suche.«

»Vergessenszauber?«

Jen deutete auf einen Stapel an Büchern, der sich am Ende des langen Tisches erhob. »Das ›Aportate Vergessenszauber‹ hätte mich beinahe erschlagen. Alle möglichen Zauber, die in irgendeiner Form damit zu tun haben, stecken in diesen Büchern. Aber natürlich nicht der eine.«

»Okay, gehen wir das Ganze mal logisch an.« Chris nahm neben ihr Platz.

»Gut.«

Stille.

»Also?«, fragte Jen.

»Ich dachte, du legst los.« Chris grinste. »Ich bin geschichtlich nicht so das Ass. Einstein musste nur ein paar Minuten quatschen und schon bin ich eingepennt.«

»Es wundert mich gar nicht, dass Alex vom wilden Sigil erwählt wurde, ihr seid euch echt ähnlich.« Jen schluckte den Kloß in ihrem Hals hinunter. »Mein Gedanke war, dass bei einer der großen Katastrophen vor dem Wall sicher Magier involviert waren, was sich als korrekt herausgestellt hat. Aber ich finde einfach keinen Moment in der Geschichte, wo der Vergessenszauber ausgeführt wurde. Zumindest keinen niedergeschriebenen.«

»Ich vermute mal, dass die Unsterblichen das aus den Aufzeichnungen heraushalten wollen«, überlegte Chris. »Wir müssten also eher etwas finden, was in irgendeiner Form mit Vergessen zu tun hat. Ganz ohne Zauber oder Unsterbliche. Gibt es eine berühmte Persönlichkeit, die Amnesie hatte?«

»Mir fällt da auf die Schnelle niemand ein.« Jen hob den Essenzstab. »Aportate Geschichtsbücher Amnesie bei Nimags.«

Das typische Rauschen fliegender Bücher erklang. Mit einem dumpfen Geräusch landeten sieben dicke Wälzer neben Jen. Der Tisch glich einer hügeligen Landschaft aus Papierbergen.

»Kasper Hauser«, sagte Jen, als sie das erste Buch aufschlug. »Ein etwa sechzehnjähriger Junge, der ohne Gedächtnis am 26. Mai 1828 in Nürnberg in Deutschland auftauchte. Niemand weiß, woher er kam.«

»Nutzt uns nichts. Wir brauchen ja einen genauen Termin, an dem der Vergessenszauber angewendet wurde. Einen Tag. Wenn dieser Hauser am 26. Mai auftauchte und sein Gedächtnis schon gelöscht war, wir aber nicht zurückverfolgen können, woher er kam, sieht es schlecht aus.«

Das sah Jen genauso. Sie klappte den Folianten zu und griff nach dem nächsten. Chris schnappte sich auch ein Buch, und mit ein wenig Magie öffneten sich diese an genau den richtigen Stellen. Es gab zahlreiche Eintragungen zu Nimags, die medizinische Geschichte geschrieben hatten, weil sie unter besonderen Formen der Amnesie litten.

Nach großen Katastrophen hatte es ebenfalls ganze Gruppen gegeben, die ihr Gedächtnis verloren hatten. Auch das war ein Hinweis auf das Wirken von Magiern. Doch wenn Jen zum Vergleich die historischen Aufzeichnungen der magischen Welt konsultierte, fand sie nichts.

Immer wieder fiel ihr Blick auf die Uhr.

Während die Lichtkämpfer in aller Welt intensiv nach den Schattenkriegern suchten, die Alex angeblich entführt hatten, waren Kevin, Max, Chris, Nikki und sie hier festgesetzt. Johanna hatte ihnen verboten, das Castillo zu verlassen. Irgendein Ordnungsmagier behielt sie vermutlich über einen Suchglobus im Auge.

Fiebrig und dem Tod näher als dem Leben, lag Alex im sicheren Haus in London. Es fiel Jen schwer, sich überhaupt zu konzentrieren.

»Hey«, sagte Chris sanft. »Wir schaffen das. Alex kommt durch.«

Sie wusste, dass Chris das glauben wollte, glauben musste. Alex war sein bester Freund. Die beiden waren auf ihre ganz eigene Art Seelenverwandte. Sie hatten als Jugendliche die Hölle durchlebt, waren daran aber nicht zerbrochen, sondern gewachsen.

Jen nahm Chris‘ Hand und drückte sie.

Dann ging die Suche weiter.

»Hey, schau mal hier!« Aufgeregt schob er ihr einen Folianten zu.

»Anastasia Romanow«, las Jen. »Ist das nicht die Zarentochter, die angeblich als Einzige den Mord an ihrer Familie überlebte?«

»Darum ranken sich Mythen«, bestätigte Chris. »Ich habe sogar den Zeichentrickfilm dazu gesehen.« Seine Wangen nahmen einen leichten Rotton an. »Der war für Erwachsene. Ist ja egal. Auf jeden Fall wurde der letzte Zar damals getötet, als die Bolschewiken unter Lenin die Kontrolle im Land an sich rissen. Sie brachten die ganze Familie um. Über viele Jahre hielt sich das Gerücht, dass eine der Töchter, Anastasia, überlebt hatte.«

Jen griff nach dem Geschichtsbuch der magischen Welt. Die Ermordung der Zarenfamilie hatte 1918 stattgefunden, also lange nach der Erschaffung des Walls.

Sie fand die entsprechende Stelle.

»Hier steht, dass es damals eine Gruppierung von Magiern gab, die sich nicht Schattenkriegern oder Lichtkämpfern zuordnen wollten. Sie kämpften dafür, dass die Magier wieder je nach Herkunft für ihr eigenes Land stritten. Stark nationalistische Tendenzen. Die Mitglieder befürworteten den Ersten Weltkrieg und gelten heute als Mitverursacher des Zweiten Weltkriegs. Sie wuchsen Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts zu einer Loge heran, die die Nimag-Politik beeinflusste. Sie infiltrierten sowohl die Bolschewiki als auch die Weiße Garde, die dem Zar gegenüber loyal war und eine Konterrevolution plante.«

Jen blätterte flink durch die Seiten.

»Hier! Das Castillo entsandte Leonardo und Johanna, um vor Ort gegen die abtrünnigen Magier vorzugehen. Damals war noch nicht bekannt, dass die Loge so stark war, man hielt sie für einen unbedeutenden kleinen Bund. Davon gab es nach der Erschaffung des Walls recht viele, und gerade zu Zeiten nationalistischer Tendenzen wuchsen sie rapide an.«

»Das passt alles«, flüsterte Chris. »Wenn Leonardo und Johanna vor Ort waren, haben sie Anastasia möglicherweise gerettet, ihr aber die Erinnerung genommen, damit sie nicht mehr aufgespürt werden kann.«

»Aber wieso haben sie den Zauber dann nicht wieder aufgehoben?«, überlegte Jen.

»Möglicherweise ging etwas schief.« Chris sah sie beschwörend an. »Das ist unsere einzige Chance. Wir haben keine Zeit mehr. Wenn es nicht passt, reisen wir von dort einfach weiter.«

Jen schnappte sich die beiden Folianten und eilte zur Treppe. »Gehen wir.«

3. H. G. Wells

 

»Da seid ihr ja endlich«, wurden sie von Max begrüßt. »Und?«

»Russischer Bürgerkrieg gegen Ende des Ersten Weltkriegs. Anastasia Romanow«, erwiderte Jen.

Die Augen von Kevins Verlobtem weiteten sich. »Euch ist schon klar, dass das eine der schrecklichsten, brutalsten und gefährlichsten Zeiten war?«

Jen nickte nur. Was sollte sie auch sagen?

Plopp.

Nils erschien, wie so oft in Begleitung von Ataciaru. In den Händen hielt er einen der Suchgloben der Ordnungsmagier. »Ich habe sie tauscht«, sagte er stolz. »Der ist schön. Ich behalte ihn.«

Der Holzglobus leuchtete und funkelte. Auf der Außenseite waren winzige Punkte zu erkennen, die aufzeigten, dass sie sich am Standort des Castillos aufhielten.

»Während ihr unterwegs wart, habe ich Nils losgeschickt«, erklärte Max. »Er hat den Globus ausgetauscht, mit dem sie uns überwachen. Auf dem neuen ist unser Standort hier im Castillo fixiert.«

»Du weißt schon, dass man so etwas normalerweise nicht machen darf«, versuchte Jen wenigstens ein bisschen Moral an den Winzling weiterzugeben.

Nils nickte eifrig. »Ich behalte ihn.«

»Wir verderben diesen Jungen aufs Schrecklichste«, kommentierte Jen. An Max gewandt fragte sie: »Was sagt H. G. Wells?«

»Er war nicht begeistert davon, dass ich ihn um diese Zeit kontaktiert habe. In Kanada ist es jetzt später Abend, die liegen sechs Stunden hinter uns. Ich habe so lange in das Wasserbecken gebrüllt, bis er wach wurde. Anscheinend steht auf seinem Nachttisch ein Luftbefeuchter.«

»Du hast dich in einen Luftbefeuchter projiziert?« Kevin grinste seinen Freund neckend an. »Daraus lässt sich eine perfekte Hochzeitsrede machen.«

Max knuffte ihn. »Auf jeden Fall stellt er uns die Maschine zur Verfügung. Er bereitet gerade alles vor.«

Wie aufs Stichwort kam Nikki hereingestürmt. »Hier sind die Stärkungstränke von Tilda.«

Die Köchin verstand sich ausgezeichnet darauf, Tränke herzustellen. Einige ihrer Rezepte waren durch ihren unfreiwilligen Aufenthalt im verlorenen Castillo veraltet, doch das tat der Wirkung keinen Abbruch.

Dem Geschmack allerdings schon, wie Jen feststellte, nachdem sie den Trank in einem Zug gekippt hatte. »Das ist ja widerlich.«

»Erinnert mich an irgendwas«, überlegte Chris.

»Sie hat auf jeden Fall etwas von dem Aurafeuer-Energydrink hineingegossen und ein Büschel Haare von irgendeinem Tier …«

»Halt!«, stoppte Jen den Redefluss der Sprungmagierin. »Mehr will ich gar nicht wissen.«

Ihr müder Geist klärte sich und auch die Erschöpfung durch den fehlenden Schlaf ließ nach. Sie waren bereits den gesamten Tag auf den Beinen gewesen, das hatte sich bemerkbar gemacht.

»Ich bringe zuerst alle nach Kanada, außer Jen. Mit dir springe ich dann nach London und von dort geht es weiter.«

Jen sah dabei zu, wie Nikki zuerst mit Max und Kevin, dann mit Chris davonsprang.

»Ich will mit«, sagte Nils.

»Nein«, erwiderte Jen.

Der grimmige Blick auf dem Gesicht des Zwergs verhieß nichts Gutes. »Ich springe mit.« Er verschränkte die Ärmchen.

»Du musst hierbleiben und auf Ataciaru aufpassen.«

»Atacu kommt auch mit.«

»Zeitreisen sind nicht gut für Hunde.«

»Warum?«

Gute Frage. »Weißt du, sie verwandeln sich durch die Strahlung in … Katzen.«

Nils‘ Augen weiteten sich. Er sprang zu Ataciaru, umarmte ihn und begann aufmunternde Worte in sein Ohr zu flüstern. »Du bist keine Katze. Ich beschütze dich.«

Plopp.

Nikki war zurück. »Bist du bereit?«

»Verschwinden wir, bevor Nils seine Vorliebe für Katzen entdeckt.«

»Wie bitte?«

Jen winkte nur ab.

Die Umgebung verschwand abrupt, als Nikki den Sprung einleitete. Sie erschienen im sicheren Haus in London, direkt neben dem Bett, auf dem Alex lag.

»Nein!« Entsetzt sank Jen auf die Matratze.

Das Laken war klitschnass, Alex' Gesicht kreidebleich. Am ganzen Körper zitternd, klammerte er sich an sein Kissen.

Jen befühlte seine Stirn. »Das Fieber ist gestiegen.«

Wie die Flamme eines Gasherdes erschien die Aura, nur um sofort wieder zu erlöschen. Die Essenz verbrauchte sich so schnell, dass die verbleibende Zeit in rasendem Tempo zusammenschrumpfte.

»Los!«

Nikki berührte sie beide und schloss die Augen. Zum Transport von zwei Personen musste sie sich immer etwas stärker konzentrieren. Außerdem kostete es mehr Essenz, zehrte die Sprungmagierin nach und nach aus.

Erneut verging die Umgebung.

Jen fand sich in einem gemütlichen Wohnzimmer wieder, das modern eingerichtet war. Eine Fußbodenheizung spendete Wärme, an den Wänden hingen Gemälde von weiten Landschaften. Alles war sauber und aufgeräumt. Ein Regal aus Metall stand an der Wand, darin befanden sich Nimag-Bücher. In völligem Kontrast hierzu stand die benutzte Kleidung, die chaotisch überall verteilt war. Abgestreifte Schuhe lagen neben der Couch, ein Shirt war auf den Tisch geworfen worden.

Vor dem Fenster herrschte dichtes Schneetreiben. Das Display des Außenthermometers zeigte an, dass vor dem Gebäude Minusgrade herrschten. Zu dieser Jahreszeit in Kanada nicht unüblich.

Jen erkannte den Schriftsteller sofort. Er lehnte mit verschränkten Armen an der Wand, trug verschlissene Jeans und ein T-Shirt mit anarchistischem Aufdruck. Äußerlich wirkte er wie ein Mann, der gerade volljährig geworden war. »Äh.«

»Lustig, das haben deine Freunde auch gesagt«, kommentierte der Schriftsteller.

»Du hättest uns vorwarnen können.« Jen warf Max einen bösen Blick zu.

Dieser grinste nur. Sein Gesicht wurde jedoch ernst, als er Alex erblickte. »Es ist schlimmer geworden.«

Wells eilte herbei und betrachtete Alex. »Unfassbar. Der Mensch und seine entfesselten Kräfte. Es ist bei uns Magiern das Gleiche wie bei den Nimags.«