Beschreibung

Die Suche beginnt. Die Lichtkämpfer setzen alles daran, vor der Schattenfrau die legendären Silberknochen zu finden, um Zugang zum Versteck des letzten Sigilsplitters zu erhalten. Doch was hat es mit den ominösen Knochen überhaupt auf sich? Gleichzeitig glaubt Johanna, in Max die Waffe erkannt zu haben, die die Schattenkrieger haben wollen. Sie ergreift Maßnahmen. Und setzt dabei eine Kette aus Ereignissen in Gang, die in eine Tragödie münden. Machtvolle Zauber, gefährliche Artefakte, uralte Katakomben und geheime Archive. Die Lichtkämpfer und der Rat des Lichts – Johanna von Orleans, Leonardo da Vinci, und weitere Größen der Menschheitsgeschichte – stellen sich gegen das Böse. Das Erbe der Macht ... ... Platz 3 als Buchliebling 2016 bei "Was liest du?"! ... Nominiert für den Lovelybooks Lesepreis 2016! ... Nominiert für den Skoutz-Award 2017! ... Nominiert für den Deutschen Phantastrik Preis 2017 in "Beste Serie"! Das Erbe der Macht erscheint monatlich als E-Book und alle drei Monate als Hardcover-Sammelband.

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Seitenzahl: 156

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Beliebtheit


Table of Contents

»Silberknochen«

Was bisher geschah

Prolog

1. Ein viel zu großer Schuhkarton

2. Man muss sie einfach lieb haben

3. Essenzfeuer

4. Worte aus Träumen, Knochen aus Silber

5. Ende eines Kaffeeplauschs

6. Ein Erfolg in Pink

7. In Nemos Reich

8. Atemlos durch den Bernstein

9. Das Problem Max Manning

10. Am besten trennen wir uns

11. Ein vergifteter Thron

12. Ein Schatten vom Anbeginn

13. Wer bist du?

14. Der Triumph der Patricia Ashwell

15. Wasser, Wolfram und ein Ei

16. Eine ganz neue Art der Diät

17. Ein Fund in tiefsten Tiefen

18. Ein Fehler mit Folgen

19. Wissen aus alter Zeit

20. Alt trifft auf Neu

21. Im Zentrum der Dunkelheit

22. Ruhe, Stille … Ewigkeit

23. 007 auf der Flucht

24. Der lautlose Schrei

25. Ein dunkler Stern geht auf

26. Silberknochen

27. Alle Hoffnung liegt auf …

28. Einzig mir gebührt die Waffe

Vorschau

Seriennews

Glossar

Impressum

Das Erbe der Macht

Band 9

»Silberknochen«

von Andreas Suchanek

 

Was bisher geschah

 

Der Schleier fällt …

… und Chaos regiert.

Nach Monaten des Kampfes ist es Jen, Alex und Nikki gelungen, die Identität der mysteriösen Schattenfrau aufzudecken. Doch das Gefühl des Triumphes wandelt sich in pures Entsetzen. Der dunkle Unsterbliche Crowley erschuf durch eine wahnsinnige Tat im Refugium des ersten Stabmachers ein Zeitportal, das eine der Lichtkämpferinnen in die Vergangenheit schleuderte. Sie durchlebte die Jahrhunderte und wuchs zu einer Feindin heran. Ihre Geschichte ist ein Mysterium, ihr Leben geprägt von Leid, ihr Hass kennt keine Grenzen.

Das Rennen gegen die Zeit beginnt.

Der letzte Sigilsplitter ist noch immer verborgen. Die Spur führt nach Ägypten, wo Kleopatra, Chloe und Chris einen Hinweis auf die legendären Silberknochen finden. Das Team kehrt ins Castillo zurück. Die nächste Etappe der Jagd steht bevor.

Alex, Jen und Kevin stoßen zur gleichen Zeit auf einen unsterblichen Nimag, dem es einst gelang, den Wall zu überlisten. In den vergangenen Jahrhunderten fertigte er mit Essenz aufgeladene Artefakte an. Zwar kann er besiegt werden, doch was hält seine Hinterlassenschaft noch bereit?

Prolog

 

Der Nebel war überall.

Sie rannte durch die Gassen, den Hall ihrer Absätze in den Ohren, die auf dem Kopfsteinpflaster klackten. Ihr Atem kondensierte in der Luft, wurde eins mit dem allgegenwärtigen Dunst ringsum.

»Hilfe!«

Ihre eigene Stimme klang schrill und überlaut, von der einstigen Stärke war nichts geblieben.

Den Essenzstab fest umklammert stürzte sie zur nächstbesten Tür und hämmerte dagegen. »Aufmachen!« Doch niemand antwortete. Sie war allein. Dem Nebel ausgeliefert. Und dem, was in seinem Schutz heranglitt.

Schwarze Wolken bildeten sich, zerstoben und manifestierten sich neu. Ihr Essenzstab war nutzlos.

Das war es also.

Diese kleine verlauste Stadt am Ende der Welt würde ihr Grab werden. Und niemand anderes als ihre missratene Tochter würde ihr den Todesstoß versetzen.

»Komm nur!« Angst wurde zu Trotz. »Ich habe keine Angst vor dir, Clara! Du magst ja verdorben sein bis ins Mark, aber ich bin immer noch deine Mutter!«

Patricia Ashwell versuchte, den Nebel mit ihrem Weitblick zu durchdringen, doch es wollte ihr nicht gelingen. Es war Magie, manifestiert in Schwaden, die sie zusätzlich zermürben sollten. Ein guter Plan, das musste sie bedauerlicherweise eingestehen. Sie hätte es nicht anders gemacht.

»Du warst schon immer schwach«, spie sie ihrer Tochter entgegen.

Ein Wirbel entstand, eine Silhouette manifestierte. »So, war ich das?«

Claras Stimme besaß den Klang von Samt, der über Haut glitt; geschmeidig, sanft und weich. Ihre Gesichtszüge verliehen ihr das Antlitz eines Engels. Zeit ihres Lebens war sie eher die schüchterne Büchermaus gewesen, doch die Jahrhunderte hatten sie reifen lassen. Sie wusste sich zu kleiden, zu sprechen, elegant dahinzuschreiten.

»Du hast es mir nicht leicht gemacht, Mutter.« Clara lächelte, in ihren Augen aber lag Bosheit.

Der Trank des ersten Stabmachers hatte alles ausgelöscht, was je an Gutem in ihr gewesen war. Patricia begriff, dass sie nicht auf Gnade hoffen durfte.

Clara kam vor ihr zum Stehen. »Noch irgendwelche letzten Worte?« Sie griff nach vorne und strich Patricia sanft eine Haarsträhne aus der Stirn.

»Ich bin deine Mutter.«

»Das fällt dir ein paar Jahrhunderte zu spät ein«, gab Clara milde lächelnd zurück. »Aber mach dir keine Sorgen. Auch Dad wird sterben. Ebenso meine Brüder. Ich werde so lange weitermachen, bis ich die letzte Ashwell bin.«

»Du bist wahnsinnig.« Aus Patricias rechtem Auge löste sich eine Träne. Sie hasste sich für dieses Eingeständnis der Schwäche.

»Sei stolz, Mum«, sprach Clara weiter. »Am Ende werde ich über sie alle herrschen. Die Allmacht liegt zum Greifen nahe.«

Mit diesen Worten riss Clara Patricias Essenzstab an sich und rammte ihn ihr ins Herz.

 

Clara genoss den Augenblick.

Mittlerweile musste man es wohl ›Modus operandi‹ nennen, wenn sie das Herz ihrer Opfer mit dem Essenzstab durchstieß. Gleich würde das Aurafeuer einsetzen.

»Sterbe wohl«, flüsterte sie.

Doch ihre Mutter lachte. »Du dummes Gör. Glaubst du denn, dass dir niemand einen Schritt voraus sein kann?«

Ihre Haut wurde zu Lehm, zerbröckelte und fiel zu Boden. Der Essenzstab entflammte, verbrannte zu Asche.

Clara ballte die Fäuste in unbändiger Wut. Es war nur eine Kopie gewesen, die sie vom Original hatte ablenken sollen. Ein Lehmgolem, wie sie ihn selbst einst benutzt hatte, um Martin zu täuschen.

Clara lachte.

»Gut gemacht, Mum. Aber sei dir versichert, deine dich liebende Tochter wird dich finden. Du kannst nicht ewig vor mir davonlaufen.«

Sie rief den Nebel herbei und verschwand.

1. Ein viel zu großer Schuhkarton

 

»Fabelhaft, nicht wahr?«, flötete der Makler.

Sein Haar war mit Gel nach hinten gelegt, er kam eindeutig frisch vom Coiffeur. Er grinste ständig, seine Augen wirkten jedoch müde. Der schwarze Anzug betonte die dünne, beinahe gerippenhafte Statur des Mannes.

»Es ist ein wenig groß.«

»Wie bitte?«

Alex schaute sich erneut um. Das Loft lag in Marylebone, einem Stadtviertel in der City of Westminster. Der Unterschied zu Angell Town in Brixton hätte nicht gravierender ausfallen können. Als ob man den Himmel mit der Hölle verglich. Mit einem Mal kam er sich vor wie ein Snob. Dass die Wohnung mit ihren 85 Quadratmetern obendrein viel größer war, als die Dreizimmerwohnung daheim, machte es nicht besser.

»Er meint die Fenster«, sprang ihm Chloe zur Seite.

Jack, Spitzname »Wir sind doch unter uns, da reichen Vornamen völlig«, maß sie erneut von oben bis unten. Beinahe hätte Alex gegrinst.

Als er den Makler aufgesucht und ihm gesagt hatte, woher er stammte, hätte dieser ihm beinahe die Tür vor der Nase zugeschlagen. Seine ablehnende Haltung verschwand in dem Augenblick, als Alex seinen Arbeitgeber erwähnte. Die Holding der Lichtkämpfer war ein weltweites Konglomerat aus Firmen. Dass »Wir sind doch unter uns«-Jack ihm danach keinen roten Teppich ausgerollt hatte, glich einem Wunder.

Bei Chloe sah das anders aus. Sie trug ihre typischen Boots, die fingerlosen Lederhandschuhe und weder ihr Handgelenk-Tattoo noch ihr Piercing waren zu übersehen. Natürlich wurde sie als Freundin toleriert, wenn auch nur gerade so.

»Die hohen Fenster sind bei einem Loft üblich«, erklärte Jack. »Es ist frisch renoviert, liegt in einer guten Nachbarschaft und bietet ausgezeichnete Lichtverhältnisse. Durch die Klimaanlage haben sie auch im Sommer humane Temperaturen.«

Alex hätte dem Schnösel gerne erklärt, dass er als Magier problemlos einen Eisberg manifestieren konnte. Gut, problemlos war übertrieben. Sein letzter Versuch hatte einen Schneesturm ausgelöst, der das Fleisch in der Küche eingefroren hatte. Tilda war ein paar Stunden lang nicht gut auf ihn zu sprechen gewesen. Dabei hatte es zu Beginn nur ein kleiner Scherz sein sollen.

Chloe zog Alex beiseite. »Hör mal, 85 Quadratmeter für ein Loft ist nicht viel.«

»Es kommt mir verschwenderisch vor.«

»Du hast dein ganzes Leben in einem Schuhkarton gelebt, zusammen mit deinem Bruder in einem Zimmer. Ich hätte da längst Platzangst bekommen.«

Alex schaute skeptisch über die freigelegten Natursteine der Wand, den edlen Parkettboden und die neuen Fenster, die von Streben in kleine Rechtecke aufgeteilt wurden. Drei Stufen hoben die Fläche vor dem Fenster ab. Ein gemütlicher Stuhl stand dort neben einer Stehlampe aus dunklem Metall.

Auf der Hauptfläche gab es eine offene Küche nach amerikanischem Vorbild, die in ein Wohnzimmer mit gewaltigem Plasma-TV und ausladender Couch überging. Eine Treppe führte hinauf zu einer zweiten Ebene, wo das Schlafzimmer untergebracht war.

Vor dem Fenster ragte das dichte Grün eines kleinen Stadtparks in die Höhe.

»Natürlich ist es schön«, gab er zu. »Aber es kostet so viel.«

Chloe starrte ihn sekundenlang schweigend an. Dann kniff sie ihm in die Backe. »Du bist so süß.«

»Das ist nicht witzig«, grummelte er.

Doch Punki – wie Chloe oft liebevoll genannt wurde – schüttelte den Kopf. »Das war mein Ernst. Aber schau, du stehst jetzt auf eigenen Beinen. Du brauchst ein Zuhause. Jeden Tag trittst du den Schattenkriegern entgegen, was dich nur allzu leicht das Leben kosten könnte. Du hast dir einen angemessenen Ausgleich verdient.«

So hatte Alex es noch nie gesehen. Die letzten Tage waren eher geprägt gewesen von Schuldgefühlen. Seit er ein wichtiges Boxmatch seines kleinen Bruders Alfie nicht hatte besuchen können, war dieser wütend auf ihn. Verständlich, immerhin hatte er mitten in der Nacht stundenlang an einer Bushaltestelle sitzen müssen, um überhaupt wieder nach Hause kommen zu können. Bei dem Gedanken fühlte sich Alex sofort wieder elend.

Sie stritten ständig. Was er auch sagte, es war falsch. Seine Mum war der Meinung, dass es bei Alfie eine Mischung aus Pubertät und Trotz war und hatte vorgeschlagen, dass Alex nun ausziehen sollte. Er konnte sich schließlich eine Wohnung leisten.

So verhalf er Alfie zu mehr Freiraum, was die Situation hoffentlich entspannte.

Jack hatte Alex in den letzten zwei Tagen acht Wohnungen gezeigt, eine luxuriöser als die andere. Alles war dabei gewesen, auch Häuser. Das Loft war das erste Objekt, das ihn irgendwie ansprach und in dem er eine gewisse Wärme spürte. Nicht den typischen kalten Stahl, Glas und Stein.

»Wie kommt es, dass so etwas hier in der Innenstadt entstanden ist?«, fragte er.

»Der vorherige Bewohner hat die Renovierung eingeleitet, verstarb dann jedoch«, erklärte Jack. »Die Erben wollen erst mal vermieten, auf lange Sicht aber verkaufen.«

»Er nimmt es.«

»He!«

Chloe legte ihm kameradschaftlich den Arm um die Schulter. »Du fühlst dich hier doch wohl.«

»Ja, aber …«

»Dylan hat ein Penthouse.«

»Ich nehme es.« Die Worte entschlüpften ihm wie von selbst. »Meinst du, Jen gefällt es auch?«

Chloe grinste. »Das werden wir bei deiner Einweihungsparty feststellen. Die werde übrigens ich organisieren.« Etwas leiser fügte sie hinzu. »Inklusive Band.«

»Ausgezeichnet.« Jack lächelte sein Zahnpasta-Lächeln, das bei Alex immer den abrupten Drang auslöste, seine eigenen Zähne zu putzen. »Ich mache die Unterlagen fertig.«

Alex seufzte. So schnell ging es. Er würde nicht viel aus seiner alten Wohnung mitbringen, lediglich einen einzigen Karton. Darüber hinaus würde er die Einrichtung hier übernehmen, was immerhin praktisch war, Chloe aber nur ein »typisch faule Jungs« entlockt hatte.

Er schlenderte hinüber in Richtung Bad, betrachtete noch einmal die Badewanne, die Dusche und die Glasfront, die von außen verspiegelt war. Seine weiteren Schritte führten ihn zum Ankleidezimmer.

»Ich habe ein Ankleidezimmer«, sagte er grinsend und öffnete die Schranktür.

Plopp.

Nikki materialisierte aus dem Nichts. »Hi.« Sie strahlte über das ganze Gesicht.

»Haben Sie was gesagt?« Jack kam herbeigeeilt.

Alex knallte die Tür zu. »Ich? Neeeeiiin. Manchmal rede ich mit mir selbst. Oder mit Schränken.«

»Sie reden mit Möbelstücken?«

Innerlich seufzte Alex. Na ja, ist auch nicht schlimmer als einer hübschen Frau zu sagen, dass ihr die Milch gut steht.

Chloe stieß ein schrilles, künstliches Kichern aus. »Tun wir das nicht alle irgendwann mal?«

»Aber …«

Sie zog genervt ihren Essenzstab, erschuf aus neongrüner Essenz ein Symbol der Macht und sagte: »Noctis Somnum.«

Jacks Augenlider flatterten. Er schlief im Stehen ein und konnte von Alex gerade noch aufgefangen und zur Couch geschleift werden.

»Du kannst rauskommen!«, rief er in Richtung Schrank.

Nikki streckte ihre Stupsnase hervor, sah sich vorsichtig um und sprang schließlich heraus. »Chloe!!«

Die beiden fielen einander in die Arme.

»Was machst du hier?«, fragte Alex. »Das ist übrigens mein neues Loft.«

»Wow.« Mit offenem Mund schaute Nikki sich um. »Ich bin zwar kein Fan des Londoner Wetters, aber das hier ist voll gemütlich. Vielleicht fehlen noch ein paar persönliche Gegenstände.«

»Was habt ihr nur immer damit?« Alex ging hinüber zum Fenster. »Hier steht eine Topfpflanze. Die gehört jetzt mir. So, ist doch persönlich.«

Chloe und Nikki sahen sich beide an und sagten gleichzeitig: »Jungs.«

Jack begann zu schnarchen.

»Warum genau bist du noch mal hier?«, fragte Alex etwas brummelig.

»Oh, ich soll euch holen. Es gibt eine große Versammlung im Castillo. Sie wird über die Kontaktsteine in alle großen Häuser weltweit übertragen. Jeder aus dem Mutterhaus soll anwesend sein.«

»›Mutterhaus‹, wie das klingt«, kommentierte Chloe.

»So wurde mir das gesagt. Damit ist das Castillo gemeint.«

»Das dachten wir uns schon.« Alex lächelte.

Er mochte Nikki. Jeder mochte Nikki. Sie war schüchtern, ein bisschen frech und strahlte eine Lebensfreude aus, die ihresgleichen suchte.

»Also gut.« Chloe wandte sich Jack zu. »Ich kümmere mich darum, dass er tolle Erinnerungen hat und so schnell wie möglich die Unterlagen ausstellt. Schließlich will ich, dass Alfie und du nicht mehr streitet.«

Kurz darauf verließ ein glücklich grinsender Makler das Loft. Alex ergriff Nikkis rechte, Chloe ihre linke Hand. Er war gespannt, was die Unsterblichen ihnen mitteilen wollten.

Plopp.

2. Man muss sie einfach lieb haben

 

Jen betrat die Eingangshalle des Castillos.

Das Sprungtor hatte sie hierherbefördert. Nach einer gemütlichen Nacht mit Dylan in dessen Penthouse hatten sie in Ruhe gefrühstückt. Offiziell flog sie heute wieder zurück in die Staaten, um ihre Galerie aufzusuchen. Bedauerlicherweise hatte Dylan angekündigt, sie dort demnächst besuchen zu wollen. Sie musste also langsam Vorbereitungen treffen.

»Ein altes Geschäft anmieten, Illusionierungen aufbauen …« Da wartete Arbeit.

Die Halle war erfüllt von Stimmengewirr. An einer Seite erhob sich eine neu errichtete Tribüne, die bisher noch leer war.

Alex winkte ihr zu.

Sie schob sich durch die Menge. »Hey. Wie war die Besichtigung?«

»Ich werde unterschreiben. Letztendlich habe ich mich für ein Loft entschieden. Und es ist groß.«

»Wow, toll.« Jen freute sich ehrlich für ihn. Zudem wusste mittlerweile so ziemlich jeder um den Streit, den er mit seinem Bruder Alfie austrug. Das gehörte damit hoffentlich der Vergangenheit an.

»Du kommst doch zur Einweihungsparty, oder?«

»Aber klar.«

Jen begrüßte Chloe, Kevin, Chris, Nikki und Max. Sie standen gemeinsam als kleine Gruppe an der Seite.

»Ich meine ja nur, nicht, dass Dylan da irgendwas geplant hat.« Alex starrte stur zur Tribüne.

»Das ist kein Problem«, gab Jen zuckersüß zurück. »Ich bringe ihn einfach mit.«

»Ich weiß nicht, ob der Platz für so viele Gäste reicht.«

»Sagtest du nicht, es ist groß?«

»Groß ist relativ.«

Chloe räusperte sich vernehmlich. »Seid ihr auch so gespannt wie ich?«

Das war Jen tatsächlich.

Normalerweise hätte die Eingangshalle des Castillos niemals alle Bewohner aufnehmen können. Doch da ein Großteil der Magier sowie einige Unsterbliche im Bernstein darauf warteten, befreit zu werden, war es dieses Mal möglich.

»Wisst ihr, worum es geht?«, fragte Jen.

»Keine Ahnung«, erwiderte Alex. »Vielleicht um die Silberknochen? Immerhin diskutieren sie seit Tagen hinter verschlossener Tür. So langsam müssen wir etwas tun.«

Das Gemurmel verstummte, als Johanna die Halle betrat. An ihrer Seite stand Thomas Edison, das Gesicht eine Maske, die Augen voll lodernder Wut. Das Schlusslicht bildete …

»Patricia Ashwell«, hauchte Alex.

Jen stand kurz davor, selbst auf die Bühne zu springen und die Rabenmutter von Clara durchzuschütteln. Das verdammte Miststück war verantwortlich für den Mordversuch an Clara durch Martin, ihren Bruder. Er hatte ihr seinen Essenzstab ins Herz gerammt, nicht wissend, dass es nur eine Lehmkopie war, die vor seinen Augen starb. Jen vermutete, dass Patricia durchaus ihre Finger beim Wiederauftauchen des Marquis Egmont Dupont im Spiel gehabt haben könnte. Martin war nur das Bauernopfer gewesen.

Nachdem ihr Sohn im Castillo vom Grafen Saint Germain getötet worden war, hatte sie bei den einflussreichen Familien gegen die Unsterblichen gehetzt.

»Ich grüße alle Anwesenden und schicke die besten Wünsche hinaus in die Welt, zu allen Häusern, die uns über die Kontaktsteine beiwohnen«, begann Johanna mit klarer Stimme zu sprechen. »Wie ihr alle wisst, sehen wir uns großen Herausforderungen gegenüber. Die Schattenfrau greift nach der Macht, die Schattenkrieger lauern auf ihre Chance, wir stehen vor einem Scheideweg. Zusammen mit den großen Familien haben wir daher eine Entscheidung getroffen.«

Es waren diplomatische Worte, doch sie konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch Johanna Patricia am liebsten von der Bühne geschubst hätte.

»Da Leonardo in Gefangenschaft weilt und Tomoe im Bernstein gefangen ist, wird ab sofort Patricia Ashwell den Rat ergänzen.«

»Hat sie das gerade wirklich gesagt?«, flüsterte Alex entsetzt neben Jen.

Ihr Blick richtete sich einem Fadenkreuz gleich auf Patricia, ihr ganzer Körper verkrampfte. Wie war es dieser verfluchten Frau gelungen, einen solchen Coup zu bewerkstelligen? Ihr Einfluss musste weit größer sein, als bisher angenommen.

»In den kommenden Tagen werden wir weiter versuchen, Leonardos Aufenthaltsort ausfindig zu machen. Außerdem geht die Suche nach dem dritten Sigilsplitter weiter.«

Was lange ein wohlgehütetes Geheimnis gewesen war, war mittlerweile castilloweit bekannt.

»Wir verlassen uns darauf, dass jeder von euch weiterhin sein Bestes gibt«, fuhr Johanna fort. »Das bedeutet auch, mit der neuen Rätin zusammenzuarbeiten.«

Damit trat sie einen Schritt zurück und überließ Patricia Ashwell das Wort. Deren eiskalte Augen glitten über die Menge, ihr schulterlanges schwarzes Haar glänzte. Sie trug ihren Essenzstab sichtbar am Gürtel.

»Ich freue mich, heute hier zu sein. In den letzten Monaten musste unsere Gesellschaft zahlreiche Rückschläge einstecken.« Sie ließ ihre Worte einige Sekunden wirken. »Das darf sich nicht wiederholen. Wir müssen führen durch Stärke, um die Schattenkrieger in Schach zu halten und natürlich, um die Nimags zu beschützen. Ich selbst habe in diesem Kampf mein Wichtigstes verloren. Meine Kinder.«

Ich kotze gleich. Jen schüttelte den Kopf über so viel Chuzpe. Patricia benutzte ihre Kinder als ein Mittel zum Zweck.

»Clara wurde von Crowley durch die Zeit geschleudert und vom ersten Stabmacher in ein Monster verwandelt. Sie ist ein Opfer, genau wie Martin. Ich gab ihn in die Obhut dieser Mauern, damit er bestraft wird – allerdings auf faire Art, wie es unser Rechtssystem vorsieht. Doch die Schattenkrieger fanden einen Weg. Wir reagieren schwach, langsam und wankelmütig. Das darf nicht länger der Fall sein. Ich bin hier, um zu unterstützen, meinen Rat zu gewähren und zu helfen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. In diesen Zeiten benötigen wir Mut zur Stärke. Denn nur so kann das Licht wieder führen. Ich danke euch allen.«

Jen musste mit Entsetzen feststellen, dass viele der Lichtkämpfer der neuen Rätin zujubelten. Sie beherrschte die Klaviatur der Worte. Stärke. Mut. Handeln. Führen. Wem gefiel derlei nicht? Dass unter dieser äußeren Schicht etwas ganz anderes lauerte, bemerkte nur, wer genau hinsah.

»Ich konnte Politik ja noch nie ausstehen«, flüsterte Alex neben ihr, »jetzt weiß ich wieder, weshalb.«

Die Räte zogen sich zurück.

Am Rand der Tribüne lösten sich die ersten Elemente des Holzes auf. Die magische Form des Abbaus begann.