Ein MORDs-Team - Band 19: Der Preis der Macht - Andreas Suchanek - E-Book
Beschreibung

Die Wahllokale öffnen, doch die Zukunft für Mason, Olivia, Randy, Danielle, Alice, Martha, Cary und Shannon ist ungewisser denn je. Im Refugium des Grafen liegt jemand sterbend am Boden, im Krankenhaus kämpfen die Ärzte um das Leben einer Bürgermeisterkandidatin, und auf der Baustelle kommt es zum großen Kampf gegen das Chamäleon. Eines scheint gewiss: Dieser Wahltag wird alles verändern. Dies ist der 19. Roman aus der Reihe "Ein MORDs-Team".

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Seitenzahl:137

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Sammlungen



Table of Contents

»In den Trümmern«

Was bisher geschah

Prolog

Barrington Cove, Gegenwart

Auf der Baustelle der alten Highschool

Im alten Leuchtturm

Im Reich des Grafen

Auf der Baustelle

Im Leuchtturm

Angel Island

Im alten Leuchtturm

Angel Island

Im alten Leuchtturm

Angel Island

Im Villenviertel

Barrington Cove Hospital

Unter der Villa der Holts

Angel Island

Angel Island

In der Villa Holt

Barrington Cove Hospital

Angel Island

Die Villa der Holts

Der alte Leuchtturm

Epilog I – Im Zentrum der Macht

Epilog II – Die Ankunft

Epilog III – Der Rat

Vorschau

Seriennews

Impressum

Ein MORDs-Team

Band 19

»In den Trümmern«

von Andreas Suchanek

 

 

Was bisher geschah

 

1985: Die vier Jugendlichen Harrison, Jamie, Shannon und Billy besuchen den Zirkusrummel auf Angel Island. Ein entspannter Tag verwandelt sich in ein Inferno. Zwischen Feuer und Rauch, Trümmern und Panik treffen die Mächtigen von Barrington Cove aufeinander. Pläne werden zunichtegemacht, geheime Identitäten enthüllt, ein Mord geschieht. Doch es soll dreißig Jahre dauern, bis endlich jemand die Frage stellt: Wer tötete Corey Parker?

Gegenwart: Sonja Walker erinnert sich zurück an ihre Kindheit, als die Katastrophe auf Angel Island ihr einen Teil der Familie nahm. Sie möchte einen Blick in die Vergangenheit werfen, um eine Reportage zu drehen. Dabei entdecken Randy, Olivia und sie einen toten Jungen in der Geisterbahn. Anscheinend wurde er erschossen.

Die Ermittlungen ergeben, dass das Opfer Corey Parker hieß und am Tag der Zirkuskatastrophe 1985 mit seiner Schwester auf dem Rummel unterwegs war. Damals starb auch Sonjas Bruder. Um endlich die Wahrheit hinter den Ereignissen aufzudecken, die viele Leben kosteten, beginnen die Freunde zu ermitteln.

Doch da ist auch noch der Graf. Billy kommt dem maskierten Moriarty von Barrington Cove gefährlich nahe und wird kurzerhand entführt. In einer dramatischen Rettungsaktion finden Sonja und Kenneth in einer Schmugglerhöhle unter Angel Island eine Leiche, deren Identität ungeklärt bleibt. Schlussendlich retten sie Billy, der ins Krankenhaus gebracht wird.

Die Freunde setzen alles daran, dem Grafen die Maske herunterzureißen. Mit fatalen Folgen.

Unbemerkt von den anderen kann Olivia die Identität des Gangsterbosses enthüllen. Dafür soll sie sterben. Shannon jedoch beschützt sie. Schüsse fallen – jemand sackt zu Boden.

Gleichzeitig vergiftet Leopold Alice, um die Bürgermeisterwahl durch Mitleid zu manipulieren. Auch er nimmt eine kleine Dosis. Beide werden ins Krankenhaus gebracht.

Der Tag der Wahl ist gekommen.

Prolog

 

1985

 

So kalt.

Wasser patschte bei jedem ihrer Schritte. Es roch nach Moder und Fäulnis. Sie stolperte eher, als dass sie rannte. Die Felsen zu ihrer Linken und Rechten waren nicht das Problem, eher die kleinen flachen Brocken unter Wasser. Ständig stürzte sie darüber und taumelte.

»Jeremiah Holt«, flüsterte Shannon.

Er hatte den Grafen getötet, um dessen Platz einzunehmen. Ein perfides Spiel, das die Machtverhältnisse im Geheimen verschob. Sie konnte es noch immer nicht fassen. Über die vergangenen Monate hatte der Mann hinter der Holzmaske ihnen bei den Ermittlungen zum Tod von Marietta geholfen, jedoch plötzlich damit aufgehört. Hatten sie seine Pläne einmal zu oft durchkreuzt?

Ihre Gedanken wanderten zu Jamie, Harrison und Billy, die auf dem Zirkusrummel unterwegs waren. Etwas war passiert. Schreie, Rauch und ein Beben hatten Jeremiah Holt abgelenkt, nur so war es Shannon möglich gewesen, zu fliehen. Sie sah noch immer die Leiche des Mannes vor sich, der von Jeremiah erschossen worden war. Ein Schicksal, das auch ihr blühte.

»Reiß dich zusammen, Jenkins! Du wirst von einem Irren mit Pistole verfolgt. Das hat gerade Priorität.«

Er würde sie jagen. Sie war der einzige Mensch, der wusste, wer sich hinter der Maske verbarg. Holt würde niemals zulassen, dass sie die Information weitergab. Andererseits war er nicht unbedingt der Schnellste. Bis er die Höhle verlassen hatte und über die Landbrücke oder Fähre zurück nach Barrington Cove gefahren war, war sie längst entkommen. Die Gazette würde sich auf die Information stürzen.

»So leicht mache ich es dir nicht!«

Sie stolperte über einen weiteren Stein, konnte sich aber fangen. Über ihr, getrennt durch Meter aus Stein und Schlamm, schwappte das Meer. Hätte es geregnet, wäre der gesamte Tunnel nun überflutet gewesen. Sie hatte also auch mal Glück.

Immer weiter stolperte sie durch die Dunkelheit, die nur erhellt wurde vom Schein der Lichtfunktion ihrer Uhr. Wenigstens hielt die Batterie. Noch. Der Gedanke an absolute Dunkelheit schnürte ihr die Kehle zu.

Doch das Glück blieb auf ihrer Seite. Shannon erreichte den Ausgang.

Und blickte in die Augen von Richard Holt. Da begriff sie es: Sie hatte nie eine Chance gehabt.

An diesem Tag besiegelte sich ihr Schicksal.

Und das vieler anderer.

Barrington Cove, Gegenwart

Ein Samstagabend

 

»Mach keine Dummheiten.« Richards Stimme gewann an Schärfe. Er trug seinen typischen dunklen Maßanzug. Kein Staubkorn war darauf zu sehen. Das Haar war sauber frisiert und nach hinten gegelt, als habe jemand der emotionslosen Statue eines Richters Leben eingehaucht.

Jeremiah sog an seiner Sauerstoffmaske. Der älteste Holt besaß keine Haare mehr, die Ärmchen waren dünn und zittrig. Doch die Augen wirkten wie zwei Kohlestücke, in denen der unbändige Wille zur Macht in Schwärze gebannt worden war. »Brandon! Töte beide!«

»Mit Vergnügen.« Danielles Bruder grinste. Er genoss es, endlich die Macht in Händen zu halten, Teil der Grafenerbfolge zu sein. Ein Spiel aus Lug und Trug, das von Jeremiah Holt ins Leben gerufen und über Jahrzehnte perfektioniert worden war. Es schien ihm nichts auszumachen, mit der Krümmung des Zeigefingers zu töten. Egal, ob die beste Freundin seiner Schwester oder die eigene Mutter.

Olivia riss die Augen auf, hob abwehrend die Hand. Doch sie konnte nichts tun. Es tut mir so leid. Sie dachte an Mason, Randy und Danielle, die ebenso in Lebensgefahr schwebten.

Zwei Schüsse hallten.

Der erste schlug hinter Brandon in die Wand ein. Er war danebengegangen. Vermutlich gewollt. Shannon war keine Killerin, hatte ihren eigenen Sohn nur dazu bringen wollen, die Waffe fallen zu lassen.

Brandons Schuss traf.

Shannon starrte an sich selbst hinab. Auf ihrem blütenweißen Businesskostüm erschien ein Farbtupfen. Als habe jemand rote Tinte auf der Innenseite gegen den Stoff geschüttet. Er wurde größer, entblätterte sich. Wunderschöne, tödliche Tinte.

Ihre Waffe fiel zu Boden.

»Shannon!« Olivia sprang zu Danielles Mum und fing sie auf.

»Gut gemacht, Junge«, lobte Jeremiah Holt zwischen den Sauerstoff-Atemzügen. »Du bist wahrlich ein echter Holt.«

Richards Lippen hatten sich in einen geraden Strich verwandelt. In seinen Augen erkannte Olivia keinerlei Emotionen. Er wirkte, als habe er lediglich ein Geschäft getätigt – eines der endgültigen Sorte. »Das hast du dir selbst zuzuschreiben, Shannon. Wieso konntest du nicht einfach weiter deinen Whiskey trinken und dich mit dem Poolboy vergnügen? Diese ganze Misere zu bereinigen, wird eine Menge Ressourcen kosten.«

Brandon richtete die Waffe auf Olivia.

Ihr Körper gefror. Sie konnte nichts anderes sehen als den Lauf, der direkt auf ihre Stirn zielte. In wenigen Sekunden würde sie nicht mehr leben, würde ihre gesamte Existenz einfach enden. Bilder fluteten ihre Gedanken: ihre Eltern, die traurig in der Trauerprozession marschierten. Ihre Schwester, die zusammengekauert auf dem Bett lag. Mason, Randy und Danielle, die alles daransetzen würden, ihren Mörder zu finden – und sich selbst in Gefahr begaben. Chris, der sich mit Selbstvorwürfen zerfleischte.

Nein!

»Jetzt hast du Angst, was?« Brandon grinste. In seinen Augen loderte die Lust am Töten.

Ja. »Nein.«

»Brandon, hör auf damit.« Richard Holts Stimme war schneidend. »Effektiv, schnell, kein Gespiele. Dieses Risiko kann vermieden werden.«

»Dein Vater hat recht«, mischte Jeremiah sich ebenfalls ein. »Auch im Moment des größten Triumphes sollte man nicht nachlässig werden. Wir konnten den Platz des Grafen nur einnehmen, weil wir vorsichtig waren. Das muss so bleiben.«

Olivia schnellte zur Seite, griff nach Shannons Pistole und kam in die Höhe. »Wir gehen jetzt.«

»Das denke ich nicht«, sagte Richard gelassen. »Du bist keine Mörderin, Olivia, ebenso wenig wie Shannon. Euch fehlt die Durchsetzungskraft, die ein Mann besitzt. Ihr Frauen seid nicht dazu geschaffen, Kriegerinnen zu sein. Bedenkt man deine einfache Herkunft, hast du es allerdings überraschend weit gebracht, das gebe ich zu. Als Mutter wärst du …«

»Sie ekeln mich an«, spie Olivia ihm entgegen. »Sie sind all das, was in unserer Gesellschaft schiefläuft.«

Richard winkte ab. »Immer dieses ermüdende Gekreische. Willst du wirklich so enden wie Shannon?« Er deutete zu Boden.

»Ich bin noch nicht tot«, presste diese hervor.

»Meine Liebe, ich honoriere generell jede Art von Kampfesmut und Optimismus, aber das ist einfach nur illusorisch. Du verblutest.«

»Wir gehen!« Olivias Hand zitterte, doch sie hielt die Waffe weiterhin auf Brandon gerichtet.

»Wenn du schießt, bist du in der nächsten Sekunde selbst tot«, erklärte Richard. »Es gibt keinen Ausweg.«

Olivia sah in Brandons Augen, dass der nicht länger warten wollte. Jedes weitere Wort konnte ihr letztes sein. Was blieb ihr zu tun? Eine Lösung musste her, schnell.

Ihr Blick fiel auf den Sauerstofftank.

Sie handelte, ohne nachzudenken.

Olivias Zeigefinger krümmte sich. Ein Schuss peitschte. Eine Explosion zerriss die Stille.

 

*

 

Auf der Baustelle der alten Highschool

Ein Samstagabend

 

Mason streckte seine Arme in die Höhe, doch der Rand des Lochs war zu weit weg. »Hilf mir!«

Deputy Carry Florish kam taumelnd auf die Beine. Sein Gesicht war kreidebleich. Der Schlag des Chamäleons musste ihn ordentlich erwischt haben, erst jetzt war er wieder aus der Bewusstlosigkeit erwacht. »Ich …« Er plumpste zu Boden.

Shit.

Zementklumpen platschten aus dem Mischer zu Boden. Das ausgehobene Loch füllte sich langsam. Panik fraß an Masons Nerven wie Säure. Er musste hier raus. Irgendwie.

»Dann findet sie!«, brüllte das Chamäleon dort oben. »Egal wie!«

Jemand sagte etwas, dann war nichts mehr zu hören.

Endlich kam Carry in die Höhe. Er lehnte sich gegen die Wand aus Erde und machte eine Räuberleiter. Mason stieg darauf und streckte die Arme erneut in Richtung Nachthimmel. Es fehlten nur wenige Zentimeter. Carry sackte in die Knie. Mason kippte zur Seite, knallte gegen die Wand und fiel zurück. Seine Hände kamen vor der Zementmasse auf, die langsam zu einem See anwuchs. Einem tödlichen See.

»Sorry«, presste Carry hervor. »Mir ist total schwindelig.« Der Deputy war erst Anfang zwanzig und seit diesem Jahr in Barrington Cove dem Sheriff unterstellt. Außerdem machte er Danielle schöne Augen, was Mason ihm nicht vorwerfen wollte. Zumindest nicht im Augenblick.

Sie wichen weiter zurück, pressten sich gegen die Wand.

»Jetzt aber nicht schlappmachen.« Mason stützte Carry, drückte ihn gegen die Wand.

Ihnen blieben nur noch Minuten, dann würde der Zement ihre Schuhe erreichen, danach die Hosen. Sobald er sich verfestigte, waren sie erledigt. Das Material würde aushärten, ihre Haut bedecken … Er schüttelte den Kopf und vertrieb die Gedanken. Nein! Mit geballten Fäusten stand er unter dem Sternenhimmel, wütend über das Schicksal.

Seine Mum saß vermutlich daheim im Wohnzimmer auf der Couch und genoss die letzten Stunden vor der Öffnung der Wahllokale mit seinem Dad. Sie tranken Wein, wärmten sich am prasselnden Kaminfeuer und warteten auf die Öffnung der Wahllokale. Wie würden sie reagieren? Er fluchte.

Und was war mit Olivia, Randy und Danielle?

»Wir müssen hier raus!« Er schlug seine Hände in die Erde, um Löcher zu schaffen. Vielleicht konnten sie auf diese Art eine Leiter graben. Doch die Erde rutschte nach. »Keine Chance. Was ist mit Unterstützung?« Er schaute zu Carry. »Suchen deine Kollegen dich nicht?«

Er schüttelte den Kopf. »Der Sheriff und seine Frau sitzen im Büro, denen ist egal, wo ich bin. Alle anderen haben frei.«

In diesem Augenblick verfluchte Mason Bruker innerlich und sehnte ihn gleichzeitig herbei. Der idiotische Gesetzeshüter tauchte natürlich immer nur dann auf, wenn man ihn nicht gebrauchen konnte.

Vermutlich würde er darauf anstoßen, Mason endlich losgeworden zu sein. Mit seiner dämlichen eiskalten Lady von Ehefrau.

Masons Gedanken suchten fieberhaft nach einer Lösung, doch ihm wollte keine einfallen. Ohne Hilfe gab es keinen Ausweg. Und der Zement stieg weiter in die Höhe.

 

*

 

Jemand packte ihre Haare und riss sie zurück. Aufschreiend krachte Danielle seitlich in den nächsten Busch.

»Wen haben wir denn da?« Gierige Augen blitzten und stierten auf sie hernieder. Der Kerl hatte etwas von einem wilden Tier. Struppige Haare und ein Vollbart verschmolzen mit einer kauernden Haltung. Seine Zunge schoss immer wieder hervor, leckte über die Lippen. »Sieht so aus, als würde ich zum neuen Mitarbeiter des Monats gekürt.« Er lachte über seinen Witz.

Danielle rappelte sich auf, wich vorsichtig zurück und bewegte sich langsam. »Ich bin unantastbar.«

»Hä?«

Sie verdrehte die Augen. »Ich bin eine Holt.«

»Ach, das. Pfff. Wenn ich mit dir fertig bin, kannst du niemandem mehr davon erzählen.« Er grinste ekelhaft. »Ich meine: Ernsthaft, welcher Idiot glaubt daran, dass wir uns alle an Regeln halten?«

Danielle bereute zutiefst, ihren Elektroschocker nicht dabei zu haben. Sie hätte zu gerne gesehen, was mit dem feisten Grinsen passierte, wenn sie auf den Auslöser drückte. Sie besaß keine Waffen. Ihr Gegenüber jedoch ebensowenig.

Mit einem Satz war er bei ihr.

Danielle riss ihr Knie hoch und rammte es in seinen Magen. Ihre Faust donnerte auf sein linkes Auge. Brüllend kippte er nach hinten weg.

Das war leichter als gedacht.

Blitzschnell sprang er wieder auf. »Ich bin auf der Straße aufgewachsen, Kleine. Jetzt schauen wir mal, was du verträgst.«

Er machte einen Schritt.

Klong.

Mit verdrehten Augen stürzte er zu Boden. Hinter ihm kam eine junge Frau von Anfang zwanzig zum Vorschein. Sie hielt ein Eisenrohr in der Hand und blickte entsetzt über ihre eigene Tat auf den Kerl am Boden. »Bitte, sag mir, dass das nicht der Nachtwächter der Baustelle war.«

»Die Praktikantin«, flüsterte Danielle.

»Tonia.« Grinsend streckte sie Danielle das Eisenrohr hin. »Oh. Sorry.« Sie ließ es fallen und hielt ihr stattdessen die rechte Hand entgegen.

Du hast mit Mason rumgeknutscht. »Hi«, knurrte Danielle. »Danke.« Am Ende zwang sie ein Lächeln auf ihre Lippen. Immerhin hatte die Praktikantin sie gerade gerettet. »Was machst du hier?«

»Mason.«

»Aha.«

»Na ja, seine Mum hat angerufen und sich bei mir entschuldigt. Sie konnte ihn nicht finden und daher hat sie mich losgeschickt.«

»Wie hast du uns denn gefunden?«

»Ähm. Also … Das musst du ihm jetzt nicht sagen. Aber ich habe ihm einen kleinen Sender untergeschoben. Seine Mutter hatte mich gewarnt, dass er zu fliehen versucht.«

Danielle kicherte. »Pfiffig, das muss ich dir lassen. Wenn ich achtzehn wäre, würde seine Mum meine Stimme bekommen. Aber jetzt müssen wir Mason retten.«

»Retten?« Tonias Augen weiteten sich.

»Also, das musst du seiner Mutter jetzt nicht erzählen, aber er ist dort vorne in einem Loch. In das Beton gegossen wird. Das Chamäleon will ihn umbringen.«

Der Unterkiefer der Praktikantin klappte gen Boden, was Danielle einen Hauch Genugtuung einbrachte. »Wenn du Angst hast …«

»Nein!«, beeilte sich Tonja zu versichern. »Was machen wir?«

Bedauerlicherweise hatte Danielle keine Ahnung. Andererseits waren sie hier auf einer Baustelle. Es musste doch etwas geben, das sie als Waffe verwenden konnten. Sie ließ ihren Blick schweifen …

… und erfasste die Abrissbirne, die dazu verwendet worden war, die letzten Gebäudereste zu beseitigen. Sie wurde nicht mehr benutzt und stand in Reichweite. Eine gewaltige Kugel hing an einem Stahlseil.

Tonia folgte ihrem Blick. »Oh, nein. Auf keinen Fall. Dabei könnte das Gebäude beschädigt werden. Wenn die Presse das bemerkt … Hey! Bleib stehen!«

Danielle eilte auf die Maschine zu. Tonia folgte ihr aufgeregt und redete pausenlos davon, dass man das doch nicht machen könne und was wohl die baldige Bürgermeisterin dazu sagen würde. Und überhaupt war das doch öffentliches Eigentum.

Danielle winkte ab. »Weißt du, beim ersten Mal hast du noch ein schlechtes Gewissen. Aber wenn die gesamte Highschool über dir zusammengestürzt ist, dann gewöhnst du dich an so was.« Sie stieg nach oben in die Führerkabine der Abrissbirne.

»Aber … Das geht doch nicht«, hauchte Tonia.

»Welcher Knopf es wohl ist?«, überlegte Danielle. »Hast du zufällig ein Smartphone dabei?«

Tonja entsperrte und reichte es ihr. Auf dem Bildschirm war Mason zu sehen, der nur Shorts trug und gerade schlief. »Das sah so nett aus.« Die Praktikantin wurde rot.

Grummelnd öffnete Danielle den Browser und suchte nach einer Anweisung, wie Abrissbirnen zu benutzen waren. Glücklicherweise fand man im Internet alles. Sie öffnete die Konsole und schloss den Motor kurz. Eigentlich ganz einfach, wie bei einem Auto. Tuckernd sprang die Maschine an, das Stahlseil vibrierte.

Danielle erläuterte Tonia ihren Plan.

»Bist du irre?«, fragte die.

»Willst du Mason retten oder nicht?«

»Schon, aber wir könnten auch einfach den Sheriff anrufen.«

Danielle lachte auf. »Diese Idee ist total bescheuert. Erstens ist er nicht rechtzeitig hier. Und zweitens würde dann ganz sicher die Presse davon erfahren. Für Masons Mum – die baldige Bürgermeisterin – wäre das ganz schlecht. Oder was meinst du?«

»Schon«, gab Tonia zu. »Also von mir aus. Aber wenn etwas schiefgeht, bist du schuld.«