16,99 €
Benedikt Radlmeier kehrt aus dem Russland-Feldzug zurück und wird zunächst Parkaufseher im Englischen Garten. Dort begegnet er im April 1814 Max I. Joseph. Von da an geht es aufwärts. Sein Sohn Ambros verdankt dem König seine Stellung als Hofkutscher und hofft nun die Gunst der jungen Charlotte von Hagn zu gewinnen. Diese träumt jedoch von einem Leben als Schauspielerin und benötigt dafür einen Mann mit viel Einfluss. Über fünf Generationen hinweg erzählt Carl Oskar Renner das Schicksal dieser Münchner Familie, das eng mit der wechselvollen Geschichte jener Zeit verknüpft ist.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2015
Der Stadt München,
die mich aufgenommen hat
wie die Mutter den heimkehrenden Sohn
LESEPROBE zu
Vollständige E-Book-Ausgabe der im Rosenheimer Verlagshaus erschienenen Originalausgabe 2015
© 2015 Rosenheimer Verlagshaus GmbH & Co. KG, Rosenheim
www.rosenheimer.com
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel:
»Die Radlmeiers«
Titelbild: Franz von Defregger
Lektorat und Satz: Bernhard Edlmann Verlagsdienstleistungen, Raubling
eISBN 978-3-475-54505-4 (epub)
Worum geht es im Buch?
Carl Oskar Renner
Das Erbe der Radlmeiers
Benedikt Radlmeier kehrt aus dem Russlandfeldzug zurück und wird Parkaufseher im Englischen Garten. Dort begegnet er im April 1814 Max I. Joseph. Von da an geht es aufwärts. Sein Sohn Ambros verdankt dem König seine Stellung als Hofkutscher und hofft nun, die Gunst der jungen Charlotte von Hagn zu gewinnen. Diese träumt jedoch von einem Leben als Schauspielerin und benötigt dafür einen Mann mit viel Einfluss.
Über fünf Generationen hinweg erzählt Carl Oskar Renner das Schicksal dieser Münchner Familie, das eng mit der wechselvollen Geschichte jener Zeit verknüpft ist.
Inhalt
Im Englischen Garten
Auf der Schulbank
Herr Doktor Glas
»Abrahams Opfer«
Die Firmung
Das Waldgrundstück
Die Prinzessinnen schlafen
Prinz Iwan Bariatinsky
Die Beilngrieser Passion
Der Walzer
Maxi Borzaga und die erste Eisenbahn
Hofschauspielerin »Thekla«
Ein Wiedersehen
Die Nymphe mit der Lyra
Heilige Eide
»Maria in der Eichen«
Im Land der Hellenen
Oberkanonier Stanislaus Schmitt
Der Bock als Gärtner
Die Cholera
An der Donaustaufer Brücke
Das Weihnachtskripperl
Auf der Englburg
Zufälle
Eine Tänzerin und die Revolution
Raubmord vierten Grades
Hochzeit in Elbigenalp
Das Lied der Türmer
Die Bavaria
Odeonsplatz Nummer elf
»Halt! Zollkontrolle!«
Der Vielfraß
Das böse Jahr 1854
»Ich muss ihn hinrichten!«
Hochzeit
Im Stiegenhaus
Veit-Lukas
Das Ganze – Halt!
Die Tochter des Glasmalers
Der Totschläger
Schloss Suresnes
Schlosskonzert
Der »Bruder« von Piesenkam
Die Gräfin aus dem Osten
»Siste, viator! – Wanderer, bleib stehn!«
Das Gewitter
Das Damenringen
Das Toleranzhaus
Wetterleuchten
Umbrüche
Das letzte Kapitel
Glossar
Im Englischen Garten
»Ich habe den Herrn bereits zweimal aufgefordert, die Hunde nicht frei herumstreunen zu lassen! Der Herr hat sich um meine Aufforderung nicht gekümmert! So habe ich jetzt die Pflicht, den Herrn abzuführen! Er komme mit mir!«
Diese energischen Worte sprach Benedikt Radlmeier, Parkaufseher im Englischen Garten zu München. Es waren bedeutsame Worte. Bedeutsam nicht wegen ihres Inhalts, sondern wegen der Person, an die sie gerichtet waren: den bayerischen König Max Joseph.
Es geschah in der Frühe des 13. April 1814 nahe beim Rumfordschlössl. Der König, der fast jeden Morgen mit seinem großen Löwenhund und einem nichtssagenden Dackel im weiten Garten spazieren zu gehen pflegte, hatte Benedikt Radlmeier noch nie gesehen. Er konnte ihn auch nicht gesehen haben, denn der war erst etliche Tage zuvor aus Pleystein in der Oberpfalz gekommen. Wegen der halb erfrorenen Füße, die er aus dem Russlandfeldzug Napoleons mit nach Hause gebracht hatte – er hinkte auf beiden Seiten – war er zum Parkwächter gemacht worden. Auch er kannte seinen König nicht.
»Gehe Er nur voraus! Ich komme schon!« Max Joseph pfiff seinen Hunden und folgte.
Langsam erwachte auf den Straßen das Münchner Leben. Die beiden Männer und die beiden Hunde eilten mit großen Schritten dahin. Die Leute blieben immer wieder auf dem Wege stehen und grüßten mit tiefer Verneigung.
Das macht die neue Montur aus!, dachte Benedikt, streckte soldatisch die Brust heraus und zog den Bauch ein. Er dankte jedoch den Grüßenden nicht, weil er im Dienst war. Als sie an dem Säulenportal des Pavillon Royal vorübergingen, ließ der dort postierte Korporal, mächtig schreiend, die achtköpfige Wache zum Präsentieren des Gewehrs heraustreten. Das schien dem Benedikt Radlmeier doch zu viel, und er drehte sich um. Da gewahrte er, wie der Mann, den er da abführte, leicht an seinen Hut griff und sich damit bei dem Korporal bedankte. Nun wurde ihm plötzlich klar, in welch schrecklicher Lage er sich befand, und er blieb stehen, seine hilflosen Blicke auf den König gerichtet.
»Nicht stehen bleiben! Liefere Er mich ruhig bei der Residenzwache ab! Ich zeige Ihm schon den Weg!« Und weiter marschierten sie hintereinander dahin. Max Joseph streichelte lächelnd seinen Löwenhund, worauf der Dackel gleich eifersüchtig zu kläffen begann.
So ging’s durch den Hofgarten dahin, bis sie vor die Residenz kamen, zum Eingang in den Brunnenhof. Hier war die königliche Leibwache im Spalier aufgezogen. Der diensthabende Oberleutnant erstattete Meldung. Der König nahm sie entgegen, indem er ruhig mit dem Kopf nickte. Dann wandte sich die Majestät an den Benedikt und sagte leise: »Wir kommen schon wieder zusammen!«
Der brave Parkwächter salutierte wortlos und stelzte auf die Schwabinger Gasse zu. Er kehrte nicht an seinen Dienstort zurück, sondern ging heim, ins Haus Nummer sieben, neben den beiden Häusern des Herrn Doktor Glas. Hier hatten sie ihm eine Wohnung zugewiesen, die so schlecht und recht für ihn, seine Frau Martha und den achtjährigen Ambros ausreichte.
Martha erschrak, als sie ihren Mann in der frühen Vormittagsstunde daherkommen sah. Nun hätte ihr alles andere zustoßen dürfen, nur dieser Schrecken nicht; denn sie war im neunten Monat schwanger. Als Benedikt dann noch mit der Nachricht herausplatzte, er habe soeben den König verhaftet, brach sie zusammen. Sie glaubte, man habe ihren Gatten aus dem Dienst hinausgeworfen, und sie seien brotlos geworden.
Benedikt erkannte zwar augenblicklich, wie unvernünftig er gehandelt oder gesprochen hatte, doch er konnte die Folgen nicht mehr rückgängig machen: Frau Martha fiel in die Wehen. Eilends bettete er sie in die Kammer und rannte ins Tal zur Mittermeierin. Die alte Hebamme begleitete ihn sofort zurück. Und sie kamen gerade dazu, als bei der armen Martha die Schmerzen ihrem Höhepunkt zustrebten. Nun war aber die Mittermeierin keine von der zimperlichen Sorte. In ein paar markanten Sätzen erklärte sie, Geburtswehen müssten durchgestanden werden, genauso wie der liebe Heiland am Kreuze seine Qualen durchgestanden habe. Die Martha solle also herzhaft beten und, wenn wieder eine Wehe komme, herzhaft drücken!
Unter solch massivem Zuspruch erblickte am späten Nachmittag ein Radlmeier’sches Töchterlein das Licht der Welt, ein – gottlob! – gesundes Kind. Nur die Fingernägelchen schienen noch nicht ganz fertig zu sein. Die Hebamme meinte jedoch, das habe weiters nichts zu bedeuten, sondern werde sich bald auswachsen.
Die Freude der Eltern war groß, da sie beide den heimlichen Wunsch gehegt hatten, es möchte doch zum Sohn nun noch eine Schwester hinzukommen.
Freudestrahlend eilte Benedikt am Morgen nach dem Geburtstag der Tochter hinab zum Englischen Garten, in der Hoffnung, dem König zu begegnen. Und er begegnete ihm. Doch hatte der hohe Herr diesmal die Hunde nicht dabei: »Ich wollte Ihn nicht in die Verlegenheit bringen, mich abermals der Residenzwache vorzuführen!« Max Joseph sagte das in seiner liebenswürdigen, väterlichen Art und schlug dabei dem Benedikt leicht auf die Schulter. Dann griff er in seine Manteltasche und reichte ihm 50 Gulden: »Eine solche Arretierung ist nicht an der Tagesordnung und glückt nicht jedem. Deshalb muss sie entsprechend belohnt werden!«
Benedikt bedankte sich herzlich, aber nicht überschwänglich. Denn wenn er auch erst 31 Jahre zählte, hatte ihm das Leben doch schon so übel mitgespielt, dass ihm Gefühlsausbrüche fast fremd geworden waren. Jetzt konnte er jedoch mit seiner Freude nicht hinterm Berg halten und musste dem hohen Herrn die Geburt der Tochter berichten.
»Und das sagt Er so trocken daher?«, entgegnete Max Joseph. »Da muss ich doch gleich fürs Weiset etwas tun!« Und er zählte dem Benedikt nochmals 50 Gulden in die Hand.
Der achtjährige Radlmeiersohn Ambros teilte die Freude der Eltern nicht. Er fühlte sich aus der Mitte an den Rand des Familienlebens gedrängt. Außerdem plagte ihn das hartnäckige Geschrei dieses »Balgs«, das sich nachts immer dann einstellte, wenn er im schönsten Schlummer lag, und das trotz aller Beschwichtigungsversuche der Mutter einfach nicht aufhören wollte. Ambros begann die heimische Wohnung zu meiden. Kaum dass er am Morgen seine aufgeschmalzene Brotsuppe hinuntergewürgt hatte, eilte er hinüber zum Haus »Beim Arsch ums Eck« und hinunter zum Milchturm, wo an der Stadtmauer die Ställe der königlichen Zugpferde lagen. Hier kam er sich in der Obhut der drei alten Rossknechte geborgen vor. Auch liebte er den Stallgeruch. Die Knechte mochten ihn und gestatteten ihm bald, mit Striegel und Bürste den einen oder anderen alten Gaul zu putzen. Dieses Tun und die Anerkennung, die er dafür von den Männern erfuhr, steigerten sein Selbstbewusstsein, das daheim durch den »plärrenden Bankert« Nacht für Nacht mehr und mehr untergraben wurde.
Mit ernster Sorge nahm Frau Martha, seine Mutter, diese Entwicklung des Buben wahr. Weil sie aber damit ihrem reizbaren Mann nicht in den Ohren liegen wollte, fraß sie den ganzen Kummer in sich hinein. Das wiederum bekam dem kleinen Kind nicht, denn das Kathrinchen trank mit der Muttermilch auch das mütterliche Herzeleid.
Benedikt Radlmeier merkte natürlich auch, dass sich seine kleine Familie innerlich aufzulösen drohte, und er sann in den vielen Stunden seines einsamen Dienstes auf Abhilfe. Es wollte ihm aber nichts Gescheites einfallen. Bis er eines Morgens – es ging schon in den Oktober 1814 hinein – wieder einmal dem König und seinen Hunden begegnete.
»Guten Morgen, Benedikt!«, sagte Max Joseph, während der Parkwächter stramm salutierte. »Wir haben uns schon eine ganze Weile nicht mehr gesehen; inzwischen beginnt’s kalt zu werden!«
»Majestät sollten halt Handschuhe anziehen! Unsereiner ist freilich die Kälte von Russland her gewöhnt.«
»Was wird Er denn im Winter hier herunten machen, wenn alles verschneit ist?«
»Schnee schaufeln, Majestät! So steht’s ausdrücklich in der Dienstvorschrift!«
»Das ist gut, Benedikt! Nachher brauchen wir nicht allweil droben im Hofgarten hin und her zu pendeln wie die armen Leut im Narrenhaus. Übrigens, Er hat ein ganz fahles Gesicht und sieht nicht gut aus; ist Er krank?«
Benedikt Radlmeier schaute ein wenig zur Seite: »Ach Gott, Majestät, man hat halt so seine Sorgen, besonders mit den Kindern!«
»Wem sagt Er das! Nicht umsonst heißt’s: Kleine Kinder, kleine Sorgen; große Kinder, große Sorgen! Doch wer Sorgen hat, muss reden! Berichte Er!«
Und nun erzählte der Benedikt, wie bockbeinig sein Ambros seit der Geburt des Mädchens geworden sei und dass weder gute noch böse Worte bei ihm fruchteten. Den ganzen lieben Tag sei er unterwegs; nicht einmal zum Essen komme er heim, und die ganze Wohnung stinke nach Rossstall.
König Max strich sich mit der Linken den Backenbart zum Ohr, schaute ein Weilchen vor sich hin und meinte dann: »Wenn’s dem Buben bei den Rössern so gefällt, dann sollt er vielleicht Kutscher werden. Da fängt er als Rossknecht an und hört, wenn er taugsam ist, als Hofkutscher auf. Freilich müsst er da nebenbei Französisch und Englisch lernen. Wie ist er denn da oben?« Und der König deutete mit seiner Hand an den Kopf.
Der Benedikt machte eine bedauernde Handbewegung: »Majestät, da oben wär er nit schlecht; aber ich kann ihm keine Schule bezahlen, selbst wenn er willens wär.«
»Darüber ließe sich ja reden. Bringe Er mir doch den Bengel morgen Früh mit hierher!«
Ambros Radlmeier sah rassig aus. Er war ganz seiner Mutter nachgeraten, die aus dem Böhmischen stammte: schwarzes, fülliges Haar, schwarze, unstete Augen, ein rundes Gesicht mit hervorstehenden Backenknochen. Er grüßte den König mit einer tiefen Verneigung und sagte dabei schelmisch: »Eurer Majestät künftiger Hofkutscher Ambrosius Radlmeier!«
»Bist du dessen schon so sicher, du Lausebengel?«
»Sicher nit, Majestät, es sei denn, Ihr tätet mir helfen, dass ich in die Schul gehn kannt.«
»Da könnte sich was machen lassen!«
»Da hat’s aber noch einen Haken, Majestät! Wo soll ich denn lernen? Daheim kann ich das nit, denn da brüllt meine kleine Schwester wie ein Jochstier!«
»Ambros, das ist ein Krampf! Überleg dir’s und lass es Uns wissen: so oder so!«
Max Joseph pfiff seinen Hunden und ging weiter, auf den Chinesischen Turm zu.
Der Radlmeier stand mit seinem Sohn da und schaute dem Herrn von Bayern nach. Ein Gefühl der Dankbarkeit schoss in seinem Herzen auf, aber auch ein Gefühl der Achtung vor seinem Buben. Allein schon, wie der mit dem König geredet hatte! Nicht respektlos, aber auch nicht kriecherisch, sondern ganz einfach menschlich und aufrichtig und ganz ohne Falsch! Ist das die neue Jugend? Die von jenseits des Rheins kommende Aufklärung? Von der die geistlichen Herren in ihren Predigten sagen, sie erschüttere alle gesellschaftliche Moral und zerstöre unser christliches Weltbild?
»Was sagst du zu unserem Herrn König, Ambros?«
»Nix, Vater! Ich kenn ihn ja noch nit, könnt ihn mir aber als Großvater gut vorstellen. Jedenfalls find ich nit schlecht, was er da mit mir vorhat.«
»Ob du’s erreichst, hängt natürlich am End von deinem Fleiß ab!«
»Am Fleiß soll’s nit fehlen, nur kann ich mir nit vorstellen, wie ich lernen soll, wenn die Kleine fortwährend schreit!«
»Ambros, du hast gehört, was der König gesagt hat. ›Das ist ein Krampf!‹, hat er gesagt. Wo kämen wir denn hin, wenn sich jeder seinen Arbeitsplatz nach Belieben aussuchen dürfte! Oder meinst du, es wird mir Spaß machen, im bevorstehenden Winter vom Morgen bis zum Abend hier die Wege freizuschaufeln und mir meine halb erfrorenen Beine noch mal zu erfrieren? Wir müssen uns alle nach der Decke strecken, die uns der Herrgott zugeteilt hat. Außerdem wird unser Kathrinchen immer größer; dann hört sich die Schreierei von selber auf.«
Ambros sagte darauf kein Wort, sondern wandte sich mit einem »Pfüat di!« zum Gehen. Wie ein junges Reh sprang er über die herbstliche Wiese, schaute eine Weile den Bachforellen zu und scheuchte dann ein paar Krähen auf, die sich allmählich ans Hungern gewöhnen wollten. Vater Benedikt sah ihm mit Wohlgefallen nach. Nein, schlecht ist er nicht, der liebe Bengel! Nur hat ihm die Mutter jeden Wunsch erfüllt, als sie noch allein war mit ihm; und jetzt findet sie keinen Ausweg, ’s ist schon ein Kreuz! Die böhmischen Frauen haben zu viel Herz und manchmal wenig Verstand! Doch gerade das macht sie so lieb!
Auf der Schulbank
Seit dem Neujahr 1815 erfreute Ambros seine Lehrer durch Fleiß und Geist. Sie bewunderten seine Fähigkeiten im Erfassen geschichtlicher Zusammenhänge und waren erstaunt über die Klarheit, mit der er schwierige Rechenaufgaben löste. Und ein solches Talent sollte nach dem Willen Seiner Majestät Kutscher werden! Jammerschade!
Beschäftigte ihn die Schule nicht, so war der Bub unten im Marstall, doch nicht mehr bloß bei den alten Stallknechten. Jetzt unterstand er einem Stallmeister, dem Herrn Baron Lupini. Der erschien allwöchentlich einmal, nahm den Ambros mit sich in das kleine Kabinett, das an den Marstall angebaut war, und unterrichtete ihn anhand von schönen Bilderbüchern über die verschiedenen Pferderassen, über höfische Karossen und Schlitten, über Sättel und Geschirre und über die hohe Kunst der Reitschulen. Ambros musste täglich eine Stunde reiten lernen, musste sich – wann immer möglich – beim Hufschmied einfinden und ihm zuschauen, wie er den Rössern die Hufe ausschnitt und sie beschlug. Selbst in Gegenwart des Veterinärarztes sollte er, wenn sich die Gelegenheit böte, um kurze Aufklärung bitten über Räude, Rotz, Dämpfigkeit und Wurmkrankheiten bei den Tieren. Denn, so meinte der Vorgesetzte, ein aufmerksamer Kutscher habe schon manches edle Pferd gerettet!
Baron Lupini war vom Eifer des kleinen Radlmeier ebenso begeistert wie seine Lehrer an der Schule und berichtete – ebenso wie diese – jedes halbe Jahr darüber in die Hofkanzlei, von deren Rechnungshof sie ja teilweise besoldet wurden. Der König hielt, wenn er ab und zu mit dem Vater Radlmeier ins Gespräch kam, mit Lob für dessen Sprössling nicht hinterm Berg, was Benedikt mit Genugtuung quittierte. Jetzt war auch im Haus Nummer sieben an der Schwabinger Gasse der Friede wieder eingekehrt, was sogar das kleine Kathrinchen zu merken schien, denn es schrie weniger – zur Beruhigung der ganzen Familie. Zudem hatte der Nachbar, Herr Doktor Glas, geraten, dem Mädchen die beiden elterlichen Eheringe um den Hals zu hängen; dadurch übertrage sich viel mehr elterliche Liebe auf das Kind.
Ambros genoss die Gunst, die ihm von allen Seiten erwiesen wurde, und freute sich. Diese Freude beflügelte seinen Eifer so, dass man ihn mit Beginn des Jahres 1816 bereits in die Anfangsklasse einer höheren Schule geben konnte. Auch dort war man bald von seinen Fähigkeiten angetan und erwog, dem König die Aufnahme des Knaben in die Militärakademie zu empfehlen.
Jedoch stand die soldatische Laufbahn nicht in den Sternen des Knaben geschrieben – man musste diese Idee begraben, noch ehe sie so recht Gestalt angenommen hatte.
Im März dieses verhängnisvollen Jahres setzte ein so ungewöhnlich regenreiches Wetter ein, dass sich im ganzen Bayernland und in allen Ländern ringsum die Frühjahrsaussaat verspätete. Als es dann schließlich vom 3. Mai bis in den August hinein regnete, dazu Gewitter, Hagelschläge und Wolkenbrüche niedergingen und eisige Kälteschauer übers Land fegten, verfaulten vielfach Getreide, Futter, Kartoffeln und Hülsenfrüchte, und taube Ähren gingen auf. Zwei Drittel der gewohnten Ernte waren vernichtet, das andere verspätete sich um zwei Monate und musste im Gebirge sogar unter dem Schnee hervorgeholt werden. Wegen des fortwährenden Regens konnten die Bauern auch die Wintersaat nicht anbauen, und wer es doch versuchte, dem fraß Ungeziefer alles auf. Dann brach der Winter ein, und mit ihm kamen Teuerung und Wucher und eine unbeschreibliche Hungersnot.
Ambros und seinen Mitschülern machte der Hunger noch nicht viel zu schaffen, denn sie wurden in einer kleinen Mensa verpflegt, und die versorgte der Hof. Doch bei Radlmeiers in der Familie sah es schlecht aus. Frau Martha musste meist ohne Milch, ohne Butter, ohne Eier vom Markt nach Hause gehen. Ihr Töchterchen weinte vor Kälte, und so konnte sie in der Menge der anstehenden Frauen oft nicht warten, bis die Reihe an sie gekommen wäre; und keine der anderen besaß so viel Einsicht, sie vorzulassen – sie war ja bloß die vom Parkwächter!
Kehrte Ambros abends in die Schwabinger Gasse, Haus Numero sieben, zurück, hörte er die klagende Mutter und sah den verzweifelt dasitzenden und ohnmächtig nickenden Vater. Und dann vernahm er die bösen Nachrichten, die der Vater aus der Zeitung vorlas: Da schrieb ein Posamentierer aus Feuchtwangen, die armen Leut dort lebten von Wickenbrot, von gesammelten Disteln und aus den Feldern gestochenen Milchstöcken. Der Chronist Hertel von Rehau berichtete von gekochtem Heu, von eingegangenen Pferden und eingefangenen oder gestohlenen Kettenhunden, die das armselige Volk verzehrte; auch von einem Brot, das man sich aus Bucheckern, Heidelbeeren, Rosskastanien, Baumrinden, Stroh, Ochsenhäuten und Holz bereitete. »Und gestern«, fuhr Benedikt Radlmeier fort, »nach der Beerdigung des Metzgermeisters Maier, als die Trauergäste schon gegangen und die Totengräber noch nit gekommen waren, sind zwei Kinder über das Kreuz aus Isländischem Moos hergefallen, das die Metzgersfrau mit zu den Kränzen gelegt hatte, und haben es aufgegessen.«
Vater, Mutter und das zweieinhalbjährige Schwesterlein wurden von Tag zu Tag weniger, und von nirgendwoher war Hilfe zu erwarten. Am Heiligen Abend war es so schlimm, dass sie nur einen Minzentee gehabt hätten, wäre nicht der Ambros, von der Schule mit etlichen Scheiben Brot und einem halben Zopf beschenkt, wie ein Engel auf Bethlehems Feldern heimgekommen.
Im neuen Jahr 1817 aber setzte der Winter erst so recht ein. Viel Schnee warf der Himmel herab, und Benedikt hatte seine liebe Not, im Englischen Garten wenigstens die Hauptwege freizuschaufeln, weil sich die Herrschaften des Hofes und die Adligen doch manchmal eine Schlittenfahrt vergönnten. Leider spürte er von Tag zu Tag mehr, wie ihm die Kräfte schwanden, wie er nach wenigen Minuten in Schweiß ausbrach und wie er sich dann auf den Schaufelstiel lehnen und verschnaufen musste. Inmitten des Februars, als der Münchner Fasching trotz der Hungersnot auf vollen Touren lief, war Benedikt so erschöpft, dass er sich um die Mittagszeit drunten beim Himmelreich an die 13. Burgfriedenssäule hinkauerte und seinen schon fast kalten Tee trank. Und weil es dabei in dichten Flocken zu schneien begann und ringsum kein Laut zu hören war als nur das leise Rieseln des Schnees in den dürren Bäumen, setzte er sich ganz nieder, neigte den Kopf zur Säule und schlief ein.
Als er um die siebente Abendstunde immer noch nicht daheim war, schickte Frau Martha den Sohn zum Englischen Garten aus. Nach einer guten Stunde kehrte er, von würgenden Tränen geschüttelt, zurück: »Der Vater sitzt an der Säule und ist schon ganz kalt!«
In ihrer Not fiel der armen Frau nichts anderes ein, als hinüberzugehen in die Residenz. Sie weinte dem wachhabenden Oberleutnant ihr Elend vor. Der führte sie in die danebenliegende Waffenkammer und bat sie, bis um sechs Uhr früh zu warten und dann wiederzukommen, denn zu dieser Stunde beginne Seine Majestät bereits mit den Audienzen. Als der Morgen angebrochen war, geleitete ein Kammerherr die zitternde Frau hinauf in den dritten Stock unters Dach, wo Max Joseph seine Dienstzimmer hatte. Noch ehe sie jedoch vorgelassen wurde, erschien der Staatskassierer und überreichte dem König sein tägliches Taschengeld: 1000 Gulden. Max Joseph schenkte davon gleich 100 der Parkwächtersfrau, als er von ihrem Jammer erfahren hatte, und versprach, sich um sie und die Kinder zu kümmern. Martha bat ihn, ihr eine Hilfstätigkeit in der Residenz zu vermitteln; auch dies sagte er zu. Zudem ließ er sie mit in die Liste jener 937 Personen eintragen, die aus seinen eigenen Mitteln wöchentlich eine Portion Brot erhielten.
Martha Radlmeierin wurde als Putzerin der Hofküche zugeteilt und durfte das Kathrinchen bei sich haben. Das liebe Kind war so entkräftet, dass es dort ruhig sitzen blieb, wohin es die Mutter setzte; es ließ nur seine großen Augen verwundert umherschweifen, denn hier begegnete ihm immer wieder Neues. Dem Kinde fehlte nun schon fast ein Jahr jede kräftigende Nahrung, die es als Frühgeburt doppelt nötig gehabt hätte. »Du musst ihm öfter ein Ei in Butter einquirlen!«, hatte der Doktor Glas gesagt. – Der hatte gut reden! Woher sollte sie Eier nehmen?
Mittlerweile kam das Frühjahr. Die Vögel kehrten über die Alpen aus dem Welschland zurück, und wilde Tauben bevölkerten wieder den Englischen Garten.
Da dachte sich der Ambros: Hühnereier kann sich die Mutter nicht leisten; vielleicht tun’s aber Taubeneier auch! Darum strich er jetzt, wenn sein Dienst im Marstall beendet war, oft in dem weitläufigen Garten umher und schaute zu den Wipfeln der Bäume empor. Dort und da erkannte er ein Nest; darinnen mussten um diese Zeit die Vögel beim Eierlegen sein! Er passte also den neuen Parkwächter ab. Sobald der hinter der nächsten Hecke verschwunden war, kletterte er flink wie eine Wildkatze auf den Baum und holte sich die Eier. Der Mutter waren diese Streifzüge zwar nicht recht, aber sie bewunderte doch im Stillen den Familiensinn des Sohnes.
Dann kam jener verhängnisvolle Abend im Mai. Ambros war auf eine Akazie gestiegen und gerade dabei, ein Nest zu leeren, als er den Wächter unvermutet zurückkommen sah. Vor Schreck griff er nach einem zu schwachen Ast; der brach, und der Junge fiel jämmerlich herab. Es war nur ein Glück für ihn, dass ein paar kräftigere Äste den Sturz abgeschwächt hatten.
Der Parkwächter wollte kein weiteres Aufsehen machen, sondern nahm den Buben, der nicht gehen konnte, unterm Arm und brachte ihn heim. Der rasch herbeigeeilte Doktor Glas schiente das gebrochene Bein und winkte beim Weggehen mit dem erhobenen Zeigefinger: »Du sollst keine Vogelnester ausnehmen! So steht’s doch, wenn ich nicht irre, im Katechismus!«
Ebenso hieß es auch bei den Lehrern, als Frau Martha ihnen meldete, was geschehen war. Doch hier blieb es nicht bei dem Zitat, sondern Ambros wurde aus der Schule entlassen. Pflichtgemäß berichteten die Herren den Vorfall dem Herrn Baron Lupini, und der musste den Hof unterrichten. Der Stallmeister sah aber keinen Grund, den Lausbubenstreich – so wie es die anderen taten – als ein Verbrechen anzusehen, und bat den König um Milde. Er stellte zwar fest, dass an eine Überstellung des Buben in die Militärakademie wohl nicht mehr zu denken sei, meinte aber, dass man ihm die ursprünglich geplante Laufbahn des Hofkutschers nicht verbauen sollte. Nur müssten hierfür die Herren an der Schule dazu gebracht werden, ihn noch zwei Jahre zu unterrichten.
Der Fürst ging auf alle Vorschläge seines Stallmeisters ein und forderte ihn auf, sich auch weiterhin des »armen Kerls« tatkräftig anzunehmen, zumal jetzt die schlimmen Flegeljahre erst beginnen würden.
Die Lehrer zogen schiefe Gesichter, als Ambros mit geschientem Beim wieder im Unterricht auftauchte, und konnten es sich nicht verkneifen, ein paar niederträchtige Bemerkungen zu machen. Nur einer war da, der den Buben leicht beim Haarschopf packte und ihm ins Gesicht grinste: »Ich in deiner Lage wär noch ein Stückerl höher hinaufgestiegen; denn weiter droben hättst du den zurückkehrenden Parkwächter nicht gesehen – und der dich auch nicht!«
Das war der alte Mathematikus Franz von Spaun, ein in München halb beliebter, halb gefürchteter, auf alle Fälle sehr bekannter radikaler Demokrat. Er nahm sich kein Blatt vor den Mund und war deshalb auch wiederholt schon abgestraft worden. Erst wenige Wochen zuvor hatte die polizeiliche Zensur seine Kampfschrift »Gegen die übermäßige Kornteuerung« beschlagnahmt, was ihn aber nicht hinderte, vor der Akademie der Wissenschaften eine geharnischte Rede gegen das »erwucherte Eigentum« zu halten.
Am Ende seiner Rede verließ er das Podium, trat mitten unter seine hochgebildeten Zuhörer, unter denen auch Kronprinz Ludwig saß, und rief laut: »Vor vier Monaten ist an der Burgfriedenssäule im Englischen Garten der Parkwächter vor Entkräftigung zusammengebrochen und erfroren. Er hinterließ mit der jungen Frau einen elfjährigen Sohn und eine dreijährige Tochter. Und weil der Sohn nicht mehr mitansehen konnte, dass die Mutter für das Schwesterchen nicht einmal mehr ein Ei zu kaufen bekam, kroch er auf die Bäume und nahm Vogelnester aus. Er fiel herunter, brach sich ein Bein und sollte wegen dieser, wie sie sagen, flagranten Missetat seine Studien nicht mehr fortsetzen dürfen, obwohl er zu den Fleißigsten und Begabtesten zählt. Meine Herren, ich fordere von der Regierung neben Handelssperren und Höchstpreisen ein Staatsmonopol mit der Beschlagnahmung allen verfügbaren Getreides. Dazu die härtesten Strafen, nämlich Tod, Schande und körperliche Züchtigung, für jeden Wucherer, Hamsterer und Gesetzesübertreter, den ich in seiner Galauniform an einem vierzig Ellen hohen Galgen baumeln sehen möchte! Keine, durchaus keine Schonung und Respektierung des Eigentums! Respektiert man denn Freiheit und Leben, wenn der Staat Rekruten braucht?«
Das war nun eine Rede, die manchen der Herren von seinem Sessel hob. Ein bewegtes Raunen ging durch den Saal. Als Erster meldete sich der Kronprinz zu Wort und bat um die Angabe der Wohnung des erwähnten Buben. Sie wurde ihm gegeben. Dann verwahrte sich der Großgrundbesitzer und Königliche Landrichter Xaver Desch gegen die geforderte Verletzung des Eigentumsrechts; andernfalls könne man gleich die Franzosen mit dem Fallbeil kommen lassen – das gehe schneller als das Hängen in luftiger Höhe!
Franz von Spaun erwiderte kaltschnäuzig: »Der auf den Schwanz getretene Kater pfaucht! Hört ihr’s?«
Darauf verließen die meisten entrüstet den Saal.
Herr Doktor Glas
Die Wochen vor der Ernte waren für viele Tausende im Lande fürchterlich. Der große Hunger, die große Hoffnung und die große Angst vor einer möglichen Enttäuschung standen allen ins Gesicht geschrieben. Besonders den alten Leuten fiel das Überleben schwer. Die Mutter des Herrn Doktor Glas, die der Martha Radlmeierin immer wieder einmal aus der äußersten Not geholfen hatte, starb. Das traf den guten Doktor hart, denn er war nie verheiratet gewesen und hatte die 56 Jahre seines bisherigen Lebens sorglos unter ihren Fittichen verbracht.
Frau Martha fühlte sich deshalb verpflichtet, ihm wenigstens ihre Dienste als Wäscherin anzubieten. Sie sagte sich nämlich: Mit der Wäsche fängt’s an! Ein Mann verdreckt unweigerlich, wenn er keine saubere Wäsche mehr hat!
Der Doktor dankte ihr diese liebenswürdige Unterstützung und besuchte sie manchmal am Abend, wenn sie ihren Dienst in der Residenz beendet hatte. Diese Besuche hatten offenbar nicht nur mit der Wäsche zu tun. Wer hätte es ihm verübeln wollen! Stets von der Mutter verhätschelt und von Natur aus unbeholfen, kam er zu Frau Martha mit allen möglichen und auch unmöglichen Fragen. Und sie erkannte sehr bald, dass er das Alleinsein in seinen beiden Häusern nicht mehr ertrug.
Als schließlich der Herbst kam und die allgemeine Hungersnot zu Ende ging, gab Frau Martha ihre Tätigkeit in der Residenz auf, um sich ganz dem Hauswesen des Doktors zu widmen. Sie blieb aber mit den Kindern in ihrer Wohnung, wohl wissend, dass jemand, der einmal in die Mühle der Gassenratscherei gekommen ist, sich von seinem guten Ruf bald verabschieden kann. Und der gute Ruf, so sagte sie sich, ist das Einzige, worauf eine Witwe nicht verzichten darf!
Der alternde Arzt blühte durch die Sorge der jungen Frau auf wie niemals zuvor in seinem Leben. Doch auch in Martha wurden dank der feinen, rücksichtsvollen Art des Medikus alte Träume wieder lebendig, mit denen sie sich einst als Mädchen das Zusammensein mit einem Mann ausgemalt hatte.
Dass ihr der verstorbene Benedikt ein solches Glück nicht hatte geben können, verstand sie, denn er war Soldat gewesen und am Ende ein Krüppel geworden. Aber Zärtlichkeit stand bei den Oberpfälzern auch sonst nicht hoch im Kurs.
Die Ausgeglichenheit der Mutter Martha verfehlte auch die Wirkung auf die Kinder nicht. Das Kathrinchen hatte längst aufgehört zu schreien; Ambros aber entwickelte in der Schule einen fast bedrohlichen Eifer, sodass sich Baron Lupini genötigt sah, ihn täglich noch eine zweite Stunde in der Reitbahn zu beschäftigen. Auch ordnete er an, dass er jeden Samstagvormittag mit den jungen Leuten der städtischen Reitschule kreuz und quer durch den Englischen Garten traben solle, damit sein Hirn etwas »ausgelüftet« würde.
So vergingen den vier Leutchen in der Schwabinger Gasse die Jahre 1818 und 1819 harmonisch und sorglos, denn Doktor Glas galt bei der mittelständischen Bürgerschaft Münchens als ein guter, erfahrener Arzt und wurde gern konsultiert. Das schlug sich natürlich auch in barer Münze nieder.
Dann kam das Frühjahr 1820. Ende Juni sollte Ambros seine Schule mit einem Generalexamen abschließen. Alle, die ihn kannten, setzten die größten Hoffnungen auf ihn. In der ganzen Stadt hatte sich’s herumgesprochen, dass ihn, als den Primus seines Jahrganges, sicherlich eine Auszeichnung erwarten werde.
Dieses Gerücht war auch in den Kolonialwarenladen des Herrn Carl von Hagn gedrungen, der im Tal auf Hausnummer vier lag. Kolonialwarenläden zählten zu den informationsträchtigsten Punkten der Stadt und boten mehr Neuigkeiten als die zwölf in München kursierenden Zeitungen. So erfuhr denn auch das reizende elfjährige Töchterlein des adligen Kaufmanns, Charlotte, von dem allseits bewunderten Ambros Radlmeier. Das Mädchen musste im Laden fleißig mithelfen, denn die Familie war groß und das Leben teuer. So hörte Charlotte, was sich die Leute über den begabten Sohn des erfrorenen Parkwächters erzählten, auch dass er Hofkutscher werden wolle und offenbar in der Gunst des Königs stehe. Denn Seine Majestät habe persönlich eingegriffen, als die Lehrerschaft des Kollegs bei Sankt Michael den Buben wegen einer disziplinarischen Verfehlung habe relegieren wollen.
Ambros wurde für Charlotte interessant.
Tage später wusste sie mehr über ihn und bat den Vater, die städtische Reitschule besuchen zu dürfen.
Ende Juni wurden die Prüfungen abgenommen, und Ambros ging gemäß der allgemeinen Erwartung als Primus in allen Disziplinen daraus hervor. Vom Kronprinzen Ludwig bekam er eine Uhr geschenkt, vom König die Zusicherung, dass er sein Firmpate sein wolle, sobald der Weihbischof von Freising nach München käme.
Für Ambros setzte der Ernst des Lebens sofort nach der Schule ein. Er übersiedelte mit den paar Habseligkeiten, die er sein Eigen nannte, in den Marstall, wo ihm eine Stube zugewiesen wurde. Baron Lupini erklärte ihm die Tagesordnung und übergab ihn dem Oberhofkutscher Franz Breitenbacher zur weiteren Ausbildung. Auch deutete er ihm an, er solle den Reitunterricht sehr ernst nehmen. Der gute Baron, der für den Buben ein Faible hatte, hoffte nämlich immer noch, Ambros eines Tages in die Kadettenakademie zu bringen.
Breitenbacher war, wie das bei den Stallmenschen so zu sein pflegt, ein rüder Geselle, doch klar in seinen Anordnungen und ehrlich in allem, was er sagte. Er mochte den Parkwächtersbuben gleich von allem Anfang an, nicht so sehr, weil der Grütze im Hirn hatte, sondern weil er aus einem bescheidenen Elternhaus kam; vielleicht auch ein bisschen deshalb, weil Ambros ein lieber Kerl war und sich stets freundlich und nett gab. Darum nahm er ihn auch gern mit, wenn er die Majestäten oder andere hohe Herrschaften über Land zu kutschieren hatte. Er machte ihn aufmerksam auf Gefahren des Weges und erklärte ihm, aus welchen Ursachen Pferde erschraken und scheuten. Beim Dahinfahren durch die Felder konnte es ein hüpfender Hase sein, auf Waldwegen ein plötzlich aus dem Niederholz herausbrechendes Reh. Ein verantwortungsvoller Kutscher müsse stets seine fünf Sinne beisammen haben und dürfe an nichts anderes denken als an das Wohl derer, die er fahre. Er sei ein Steuermann zu Lande! Sein Tun sei nicht bloß ein Beruf wie der eines Schusters oder Metzgers, durch den man Geld verdiene und dabei die Leut bescheiße, sondern eine Berufung, die das Gewissen belaste. Beim Jüngsten Gericht werde der Kutscher wahrscheinlich auf der Stufe der Schutzengel stehen, weil sich ihre beiderseitigen Aufgaben aufs Haar glichen!
Das waren fromme Reden, und Ambros nahm sie sich zu Herzen. Auch schloss er sich jeden Samstag den Herren und Damen der städtischen Reitschule an, die auf ihren Rösser quer durch den Englischen Garten bis hinunter zum Aumeister trabten.
Einmal – es war schon tief im Herbst – gesellte sich in der Nähe des Chinesischen Turmes das Edelfräulein Charlotte von Hagn zu ihm, denn er ritt meistens allein. Und ganz unvermittelt fragte sie: »Wie kommt es, dass du ein so gescheiter Junge bist, wo doch dein Vater nur ein armseliger Parkwächter war?«
Ambros stutzte ein paar Augenblicke, dann erwiderte er: »Wie kommt es, dass du so hübsch bist, wo doch dein Vater ein so gräuslicher Uhu ist?«
»Was geht dich mein Vater an!«, antwortete sie gereizt und blitzte ihn mit ihren großen Augen giftig an.
»Und was dich der meine! Außerdem ist der meine gestorben, und ich habe den lateinischen Spruch gelernt: ›De mortuis nil nisi bene!‹ Das heißt, über Tote soll man nur Gutes sagen. Mir scheint aber, dass es bei dir mit der Bildung, besonders der Herzensbildung, nicht weit her ist!«
Da griff sie ihr Pferd hart und stand: »Du bist ein Grobian, aber reiten kannst du! Wie eine Eins sitzt du im Sattel.«
»Komplimenten von Kindern, heißt es, darf man glauben. Ich glaube jedoch, dass du schon kein Kind mehr bist! Wie alt bist du überhaupt?«
»Da sieht man’s wieder, dass du keinen Anstand hast. Seit wann fragt ein Mann eine Dame nach ihrem Alter!«
»Öha!«, entgegnete Ambros und lächelte. »Damen habe ich mir bisher anders vorgestellt; aber ich lerne gern etwas dazu, wenn sich mir die Gelegenheit bietet. Nur muss ich gestehen, dass sich meine Vorstellung von Damen eben ein bisschen zu verdüstern beginnt.«
Charlotte von Hagn schluckte: »Mir scheint, ich bin dir nicht gewachsen. Wie machst du das, dass ich dir nicht gewachsen bin?«
»Wie ich das mache? Ganz einfach! Ich mache mir aus eurem Adel nichts! Wenn man nämlich bei euch hinter die Kulissen schaut – so wie ich es jetzt tun konnte –, dann liegt mitunter eine ganze Fuhre Stallmist dahinter. Und Mist hat mir noch nie Respekt eingeflößt, es sei denn der Mist im Marstall, weil er mir verrät, dass unsere Pferde eine gute Verdauung haben!«
»Du bist gemein!«
Nach einer Weile fuhr sie fort: »Übrigens hat uns der König soeben das Adelsprädikat aberkannt.«
Ambros war überrascht: »Wieso? Hat dein Vater was verbrochen?«
»Weil der Vater im Tal ein Ladengeschäft betreibt und am Firmenschild das ›von‹ seines ererbten Namens stehen hat, ist das Hohe Haus gegen uns Sturm gelaufen.«
»Und ich dachte«, meinte Ambros, »eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus. Ist das nun sehr schlimm für euere Familie, wenn das ›von‹ fehlt?«
»Was heißt schlimm! Vater macht sich deswegen nicht viel Kummer, aber mir schadet’s! Ich will Schauspielerin werden und hätte als Adlige natürlich ganz andere Chancen als ein Fräulein Maier oder Huber. Meine Lehrerin ist derselben Meinung. Wir können’s aber nicht ändern.«
»Du hast eine Schauspiellehrerin?«
»Die berühmte Marianne Lang! Hast du nie von ihr gehört?«
»Wie sollte ich? Mein Beruf bewegt sich doch auf einer ganz anderen Ebene; und wann käme ich je ins Theater!«
»Ich werde dir in den nächsten Tagen eine Eintrittskarte schenken. Da kannst du mich dann auf der Bühne sehen.«
»Spielst du denn schon?«
»Freilich spiele ich! Aber nur in kleinen Rollen! So kannst du mich nächste Woche als Isaak in ›Abrahams Opfer‹ sehen. Ich habe auch mitgespielt im ›Donauweibchen‹, in der ›Wallfahrt nach der Königsgruft‹ und im ›Wald bei Hermannstadt‹. Gegenwärtig proben wir den ›Bayerischen Grenadier‹ und ›Die Zimmerherren in Wien‹.«
»Und wo spielst du da?«
»Im Theater vor dem Isartor, gleich in der Nähe unseres Hauses.«
»Wenn ich dich richtig verstanden habe, dann spielst du den Isaak. Wie kann man als Mädl den Isaak spielen?«
Sie lächelte: »Du bist lustig! Ich ziehe mich doch nicht aus auf der Bühne!«
Er wandte sich zur Seite: »Immerhin, aber das sieht man doch!«
»Nichts sieht man, es sei denn, man ist unbedingt darauf aus, etwas zu sehen!«
Da drückte er sein Pferd mit den Schenkeln, und sie ritten den anderen nach, die schon weit voraus waren.
Als Ambros an diesem Abend nach Hause kam, saß der Doktor Glas da. Er erschien in der letzten Zeit sehr häufig. Das passte dem jungen Mann nicht. Und ganz und gar nicht passte ihm, dass er so viel mit dem sechsjährigen Kathrinchen herumtat. Er schaukelte es auf den Knien und betätschelte es hinten und vorne, und die Mutter lachte dazu. Wie konnte man dazu lachen? Und was wollte er überhaupt, der alte Kracher? Gewiss, er war noch sehr rüstig beisammen und hatte sogar am 27. August die Erstbesteigung der Zugspitze mitgemacht – aber trotzdem!
Ambros grüßte nur ganz kurz und zog sich dann ins Schlafzimmer zurück. Hier bemerkte er, dass Mutters Bett unordentlich dalag. Zeitlebens hatte er so was nicht gesehen! Er machte sich seinen Reim darauf, zog die Stiefel, die er sich schon abgestreift hatte, wieder an und begab sich in seine Stube im Marstall.
Der Oberhofkutscher Franz Breitenbacher, der hier seine Wohnung besaß, wunderte sich und fragte nach Grund und Ursache. Ambros sagte es ihm. Der kräftige Mann hörte ruhig zu. Darauf legte er seinem Schutzbefohlenen den Arm um die Schultern und ging mit ihm hinunter in die wohlige Wärme zu den Rössern. Im Mittelgang zwischen den Boxen auf und ab schreitend, machte er ihm klar, dass er von seiner Mutter in ihren jungen Jahren nicht verlangen könne, für den Rest ihres Lebens trauernde Witwe zu bleiben. Ambros müsse sogar froh sein, dass sie sich nicht irgendeinen Springinsfeld, sondern einen ernsten, reifen und angesehenen Mann zum Freund gewählt habe. Denn dieser Doktor genieße auch bei Hofe große Achtung und könne der ganzen Familie Radlmeier vielleicht noch von hohem Nutzen sein. Und der Breitenbacher fuhr fort: »Natürlich wurmt dich das, und du bist eifersüchtig, weil jeder anständige Bub seine Mutter für sich allein haben möcht. Doch schlag dir solche Gedanken aus dem Kopf! In zwei, drei Jahren bist du selber hinter den Mädeln her und lässt deine Mutter links liegen. Dann ist es dir wurscht, was die tut und wie sie sich für die Jahre ihres Alters absichert – ganz abgesehen davon, dass sie ja auch noch ein kleines Kind hat, das sie großziehen muss. Sei also vernünftig, Ambros, und vergiss nit aufs vierte Gottesgebot! Und jetzt leg dich droben nieder und schlaf bis in den Sonntagmorgen hinein! Dann gehen mir miteinand in die Heilig-Geist-Kirch und beten für dich um eine handfeste Erleuchtung!«
»Abrahams Opfer«
Am 6. Januar 1821, dem Dreikönigstag, betrat Ambros Radlmeier das Königliche Theater am Isartor in München und wurde Zeuge, wie Seine Majestät Max Joseph, der »gute Vater Max«, wie ihn die Münchner nannten, durch den fein verzierten Salon des Amphitheaters in die große Hofloge einzog, begleitet vom Kronprinzen Ludwig und dessen Gemahlin Therese. Der Königin Karoline waren diese »bäuerlichen Spiele von Evakathel und Schnudi, vom Tiroler Wastl und den Milchschwestern« zuwider, und nicht selten lag sie mit diesen und ähnlichen giftigen Worten ihrem königlichen Gatten in den Ohren. Er aber freute sich, wenn er sich inmitten seiner Untertanen, Leuten aus dem einfachen Volk, aufhalten durfte. Darum grüßte er jetzt vom Logenrand herunter und nahm ihr Jubelgeschrei huldreich entgegen.
»Abrahams Opfer«, so stand es auf dem Programm. Als im geschmackvoll eingerichteten Saalrund Ruhe eingetreten und die Wandleuchten von den livrierten Dienern zurückgedreht worden waren, erschien vor dem Vorhang der alte, ehrwürdige Intendant Joseph Marius von Babo. Jede Handbewegung, das Fingerspiel, jeder Augenniederschlag dieses noblen Herrn und jedes akzentuierte Wort verrieten den Meister der schauspielenden Zunft.
Zunächst deklamierte er den alttestamentlichen Text: wie der Stammvater Abraham auszog in die Berge, um getreu dem göttlichen Willen den Sohn zu töten und zur Ehre Gottes auf einem Scheiterhaufen zu verbrennen. Dann erläuterte er das gewaltige Ausmaß des Selbstverzichts und der Unterordnung unter die lenkende Kraft der Welt, das in den Gestalten von Vater und Sohn, von Opferpriester und Opferlamm, hervortrete. Am Ende wünschte er, man möchte das Spiel mit den Augen eines betenden Menschen betrachten. Dann hob sich der schwere Bühnenvorhang, und das Rampenlicht fiel in sich zusammen.
Vater Abraham und Mutter Sara sitzen zwischen dem Säulenpaar eines Palastbaues und schauen mit Wohlgefallen auf den Sohn Isaak, der einen Bogen umhängen hat und sich eben einen Pfeil schnitzt. Dieser Isaak – Brust und Scham mit einem Tigerfell verdeckt – ist an den entblößten Körperteilen unschwer als Mädchen zu erkennen. Das merken auch die zuschauenden Mannsbilder sogleich, und jeder sehnt den Augenblick herbei, wo sich dieser weißhäutige Isaak umdreht – denn dann wird man’s gewiss wissen!
Nach vielem frommen Wortwechsel zwischen Eltern und Sohn befiehlt Vater Abraham, Sara solle sich mit dem Kind zur Ruhe begeben; er selbst wolle den Tag noch mit Psalmen und Lobeshymnen beschließen. In biblischem Gehorsam verlassen die beiden unverzüglich den Schauplatz der Handlung, wobei die Späher unter den Zuschauern tatsächlich auf ihre Rechnung kommen. Denn dieser Isaak zeigt ihnen im Abgehen die halbe Hüfte.
Ein Engel erscheint und verlangt in himmlischem Auftrag die Opferung des Sohnes, sofern Abraham nicht der Berufung zum Stammvater eines großen Volkes verlustig gehen wolle. Der alte Mann wägt nun ab zwischen Ruhm und Vaterliebe. Dabei kommt er im Spiel nicht gut weg, weil Ehrgeiz und die Sucht nach einem großen Namen die natürlichen Gefühle für den Sohn ersticken. Der Engel, ein recht fadenscheiniges Frauenzimmer, rauscht ab, ohne dass sich auch nur ein einziges applaudierendes Händepaar geregt hätte. Als dann der Vorhang des ersten Aktes fällt, erntet auch der Erzvater nur einen So-lala-Beifall, von der alten, runzeligen Patriarchin gar nicht zu reden.
Der zweite Akt zeigt dasselbe Bild wie der erste, was von den Zuschauern mit einem ärgerlichen Murmeln quittiert wird. Dann aber tritt ein echter Esel auf, vom Knecht Hardl an einem Halfterriemen unter wüstem Fluchen hereingezerrt. Der Hardl stammt dem Anschein nach aus Brunnthal und spricht in sehr breiter Mundart. Das gefällt allenthalben. Als er gar dem Esel hinten noch eine Schaufel hinhalten muss, werden beide Akteure gleichermaßen bejubelt. Dann hält der Knecht dem Grauen einen längeren Vortrag über Anstand und feines Benehmen in Gegenwart von Majestäten und königlichen Hoheiten. Jetzt tobt das Haus, und der Herr Intendant reibt sich hinter den Kulissen die Hände: Nichts geht über einen gut verdauenden Esel!
Jetzt beginnt der Hardl seinen Gefährten mit Reisigbündeln zu beladen. Er hängt ihm so viele auf, dass der Eselskopf nur noch wie aus einem Kanal herausschaut. Die Bühnenwarte drehen ganz langsam die zurückgeschraubten Rampenlichter wieder auf, denn die Nacht muss dem Morgen weichen. Zugleich ahmt hinter den Kulissen einer das Lied einer Lerche nach. Das klingt gut, und man beruhigt sich.
Nun erscheint auf der Palasttreppe – von einem freudigen »Ah!« begrüßt – der Knabe Isaak. Er ist über dem Diskurs, den der Hardl mit dem Esel geführt hat, aufgewacht und macht darum dem Knecht ernste Vorhaltungen, die mit der Drohung enden, er werde sich bei seinem heiligen Vater beschweren. Der Knecht, eine Auspeitschung befürchtend, ist bestürzt, macht unterhalb der Treppe vor dem Patriarchensohn einen linkischen Kniefall und gelobt als Buße eine Fußwallfahrt nach Altötting.
Da schreit einer aus der Zuschauermenge: »Geh, Isaak, drah di hoit um!« – Das Mädchen lächelt, zeigt ihnen mit einem kurzen Knicks den Rücken und läuft in den Palast zurück. Abermals bricht ein Sturm der Begeisterung los. Jetzt schreitet Abraham langsam die Treppe herab. Er betrachtet den Esel, prüft die Menge des geladenen Holzes und lobt den Hardl. Der fasst wieder Mut und verpetzt nun seinerseits den Isaak, dass er sich in unanständiger Weise vor dem Volk gezeigt habe. Der Patriarch hebt beschwörend die Hände zum Himmel auf und beklagt die Verdorbenheit der heutigen Jugend. Darauf zieht er ein Stück Zeitung aus seinem weiten Gewand und spricht: »Vernimm, o guter Hardl, über diesen Punkt noch eine Stimme aus einer anderen Gegend! Da lese ich in der ›Bayerischen Landbötin‹, Numero 140, folgenden Aufsatz:
Es ist kaum ein Haus, kaum eine Familie im Lande, die nicht bittere und begründete Klagen über die Ausschweifungen, Sittenlosigkeit und Untreue ihrer Dienstboten und die standeswidrige, kostspielige Kleiderpracht der weiblichen Dienerschaft führt. Diese Klage betrifft gerade das Landgericht Erding am meisten. In besagter Gegend ist die Sittlichkeit so tief gesunken, dass die ledigen Weibspersonen auf den öffentlichen Tanzböden nach Belieben erscheinen und sich daselbst in Reihen aufstellen. Da oft vierzig, fünfzig und mehr solcher Individuen anwesend sind, so hat der Tänzer die Auswahl, welchem Objekt er durch Wink oder Pfiff sein Begehren äußern will.
O guter Hardl, sprich, was werden dieses für Mütter, und was von diesen für Kinder werden?«
Der schlurft ein wenig zur Seite, klopft sich wie ein Affe mit den Händen auf den Bauch und meint dümmlich: »Ja mei, lieber Erzvater, die Jungen müssen’s ja doch einmal lernen!« Wieder brüllt der Saal, und der Vorhang fällt.
Wieder kommen die Bühnenwarte, wieder drehen sie die Lampendochte zurück und stellen rote Glaskugeln davor, die mit Wasser gefüllt sind. Als sich dann der Vorhang hebt, sieht man ein großes Gebirge, in einen blutroten Sonnenuntergang getaucht.
Aus der seitlichen Versenkung im Bühnenboden hört man einen Mann ächzen und einen Esel schalmeien; und gleich steigen sie zu viert herauf: Abraham auf eine Krücke gestützt, Isaak mit einer mächtigen Holzlast auf dem Buckel, zum Schluss der Esel mit dem Hardl. Der Erzvater befiehlt seinem Sohn, noch ein Stück höher den Berg hinaufzusteigen und dort aus den umliegenden Steinen einen Opferaltar zu errichten. Isaak gehorcht natürlich, ruft aber plötzlich von der Höhe herab: »Verehrter Herr Vater Abraham, wir haben doch gar kein Lamm, das wir opfern könnten!«
Ihm erwidert der Alte: »Der Herr im Himmel wird schon für ein Opferlamm sorgen! » Und dann weint er. Er weint echte Tränen, sodass die Leute im Saal ehrlich von Mitleid ergriffen werden – auch der Ambros Radlmeier, der im Hintergrund einer Seitenloge sitzt. Auch er kann sich der Tränen nicht erwehren.
Inzwischen hat der Knabe Isaak den Altar errichtet und ruft wieder: »Verehrter Herr Vater, wir können mit der Opferung beginnen!«
Nun lässt sich der alte Mann vom Hardl ein mächtiges Metzgermesser reichen und stakst den Berg hinan. Als er oben ist, wirft er den überhängenden Mantel von sich und krempelt die Ärmel seines Leibrocks hoch. Dann fasst er den Sohn – der leistet unter leisem Wimmern einen mäßigen Widerstand – um die Schultern, beugt ihn über den steinernen Altar und reißt das wuchtige Messer hoch.
Da schreit auf einmal einer im Saal: »Du, pass ja auf, sonst werd i glei pelzi!«
Etliche wollen lachen. Weil aber im gleichen Augenblick an einem Drahtmechanismus ein Engel vom Himmel niederfährt, vergeht es ihnen, und sie reißen nur stumm den Mund auf. Das Engelkleid ist nämlich an den Säumen mit einer Leuchtsalbe eingestrichen, die den Eindruck erweckt, als sprühten Funken aus dem Himmelsboten heraus. Dergleichen hat noch niemand gesehen, auch das Mädchen Charlotte von Hagn nicht. Darum reckt sie sich am Altar aus ihrer knienden, gedrückten Haltung auf. Dabei bleibt sie mit dem Tigerfell an einem Ast hängen und ist plötzlich ganz entblößt. Ein Glück nur, dass alle auf den funkelnden Engel starren. Doch der Ambros hat es gesehen, aber gleich den Kopf gesenkt und weggeschaut. Vater Abraham bemerkt das Missgeschick ebenfalls und hilft jetzt hinter seiner wuchtigen Gestalt dem »Sohn« wieder ins Fell. Er dreht sich dann zu den Zuschauern und lässt mit hoherpriesterlicher Gebärde das Metzgermesser fallen. Und gleich als wollte er die vom Himmel geforderte Opfergabe wenigstens symbolisch darbringen, nimmt er den Sohn auf seine Arme und hebt ihn empor.
Mächtiger Beifall erfüllt das Haus. Der Vorhang senkt sich und wird wieder hochgezogen, und nochmals und nochmals schreit das Volk: »Isaak, Isaak!« Darauf tritt Charlotte mit den anderen Akteuren in das Rampenlicht vor. Sie trägt nicht mehr das Fell, sondern einen feinen pelzverbrämten Überwurf, der ihre mädchenhafte Gestalt zwar erahnen, aber nicht sehen lässt. Sie verneigt sich mit feinem Lächeln nach hierhin und dorthin.
Da naht quer durch den Saal der Aufseher der Königsloge, fasst das Mädchen bei der Hand und geleitet es zum Hohen Haus. Alles Volk schaut hinauf und sieht, wie der »gute Vater Max« das Kind umarmt und wie der Kronprinz ihm ein Kettchen um den Hals hängt.
Im wehrhaften Gevierthof zwischen den Isartortürmen waren während des Theaters die Hofschlitten gestanden. Jetzt fuhren sie heraus und nahmen den König, den Kronprinzen und die sie begleitende Suite auf. Bald hatten sie sich im Tal verloren.
Während nun auch die anderen Zuschauer durch den nasskalten Abend heimwärts strebten, waren zwei handfeste Stiftsbräuburschen aus Erding von hintenher in das Bühnenhaus eingedrungen und schrien jetzt hinter den Kulissen: »Wo is er, der ausg’schamte Bazi, der Abraham? Her mit eahm!«
Alle Schauspieler traten aus ihren Kabinen heraus, auch der Abraham. Als sie ihn erblickten, packten sie ihn: »Jetz habn wir dich, Bürschei! Derfst du dei Mäu aufreißn gegn uns Erdinger? Schmiarn tu i dir oane, dassd’ die zwölf Apostel für a Räuberbandn anschaust, du zahnader Geltsgott, du zahnader!« Und schon schlugen sie auf den armen Mann ein.
Mit einem Mal stand Charlotte von Hagn da, ergriff eine Hellebarde, die an der Wand lehnte, und rief: »Lasst ihn – oder ich stech!« Die beiden Kerle erblickten das Mädchen. Da war es ihnen, als sähen sie Christi Himmelfahrt. Sofort ließen sie vom Abraham ab, schlossen die derben Hände wie zum Beten ineinander und stammelten: »Gell, liabs Madl, dass sich der net schämt! So was derf doch net sein! Meinst net aa, dass der ’s Stiefelwichsn braucht?« Und schon wollten sie erneut auf den alten Schauspieler eindringen. Mittlerweile hatten sich jedoch die Kulissenschieber und die Bühnenwarte versammelt, jeder mit irgendeiner Waffe aus dem Theaterfundus. Das sah für die beiden Erdinger recht bedrohlich aus. Sie erkannten ihre brenzlige Lage und verließen schleunigst das Bühnenhaus auf dem gleichen Wege, den sie gekommen waren.
Ambros Radlmeier hatte eine schreckliche Nacht. Wilde Bilder hetzten durch seine Fantasie, scheinbar zusammenhanglos und doch immer wieder um die eine Mitte kreisend: um das Weibliche.
Da sah er das aufgewühlte Bett in der Schlafkammer seiner Mutter, sah den dürren Engel im funkensprühenden Trikot, sah die kleine Charlotte von Hagn und ihre zauberhafte Gestalt. Wie hatte sich ein so feines Mädchen im Theater auf die Palasttreppe hinstellen und lächelnd ihre Blöße zeigen können!
Nun, Schauspieler tragen in sich den ganzen Menschen, den guten und den bösen; sie müssen Schuld und Sühne, Verderbtheit und Reinheit gleich vollendet darstellen können. Dabei dürfen sie nicht ihre persönlichen Empfindungen geltend machen. Sie müssen mit ihrem Geist und ihrem Leib die Gefühlsskala und die Erlebniswelt der gesamten Menschheit umfassen. Und am Ende sind sie so arm, dass sie sich nicht einmal mehr selbst gehören, und doch so reich, dass sie allen alles werden können!
Was für ein Beruf! Oder ist es, wie der Breitenbacher von den Kutschern gesagt hat, vielleicht sogar eine Berufung? Wenn das so ist, dann müsste man das Mädchen zur Ehre der Altäre erheben!
Ambros träumte weiter: Da kniet sie auf dem Altar, niedergebeugt vom mörderischen Vater. Und dann richtet sie sich noch einmal auf, um einen Augenblick vor dem Ende auf ihr Leben zurückzuschauen, und steht plötzlich in unberührter Nacktheit da. Einer Märtyrerin gleich, setzt sie sich den stechenden Blicken eines in Unzucht schäumenden Pöbels aus, hilflos der Gemeinheit preisgegeben.
So stand der heilige Sebastian vor den Pfeilschützen, so auch unser lieber Herr Jesus vor den Folterknechten, als sie ihm die Kleider vom Leibe gerissen hatten.
Vielleicht liegt sogar etwas Heiliges in der Schauspielerei! Vielleicht wird von den Akteuren sogar Bekennermut gefordert! …
Mit diesen Gedanken erwachte Ambros Radlmeier. Es war noch nicht Zeit zum Aufstehen. Weil er jedoch nicht mehr einschlafen konnte, dachte er an Charlotte und beschloss, beim gemeinsamen Ausreiten nie mehr mit ihr allein zu sein.
Die Firmung
Die Stadtbäche schlängelten sich in frühlinghafter Geschwätzigkeit dem Isarkanal im Englischen Garten zu. An ihren Ufern blühten Himmelschlüssel und Sumpfdotterblumen. Lang gezogene Beete von Vergissmeinnicht wetteiferten mit dem Himmelblau über der Münchner Stadt.
Herr Doktor Glas und Frau Martha Radlmeier spazierten auf die Burgfriedenssäule zu, das hübsche Kathrinchen in ihrer Mitte. Als sie vor der Säule standen, die von Eichenbüschen umwuchert war, sagte Frau Martha: »Hier, Kind, ist unser Vater erfroren!«
»Hat er denn keinen Pelz gehabt?«, fragte das Mädchen.
»Ach Gott, wir waren doch arm wie die Kirchenmäuse!«, erwiderte die junge Frau.
»Jetzt sind wir aber nicht mehr arm!«, begann das Kind nach einer Weile von Neuem.
Mit tiefer Stimme meinte der Medikus: »So verständlich es ist, dass ihr an euren Vater denkt, so unnütz ist es. Ihr macht euch nur ein schweres Herz. Das Leben muss weitergehen – und das Kathrinchen wird ab Mai die Zentralsingschule besuchen. Ich habe bereits mit dem Herrn Tenor Löhle gesprochen und alles geregelt.«
»Wird’s nicht ein teurer Spaß werden?«, wandte Frau Martha ein.
Darauf der Doktor: »Umsonst kriegt man heutzutage nichts, und die Künstler wollen auch leben. Doch solange wir noch ein Geld haben und solange noch eins hereinkommt, werden wir’s ausgeben. Denn wenn wir die Kinder in ihrer Jugend nicht fördern – im Alter brauchen sie uns nicht mehr! Im Gegenteil, dann streiten sie sich nur um das, was wir ihnen als Erbteil hinterlassen haben, und verfluchen uns eher, als dass sie uns segnen.«
»Setzen wir denn dem Kind mit dieser Singschule nicht einen Floh ins Ohr? Da werden doch gegebenenfalls Hoffnungen geweckt, die später nicht zu verwirklichen sind.«
»Hoffnungen, Martha, sind das Brot des Lebens!«, erwiderte der Arzt. »Nimm sie uns weg, und wir verarmen und versumpfen! Gewiss, es ist traurig, unerfüllte Hoffnungen zu Grabe zu tragen; doch es ist barbarisch, ohne Hoffnungen dahinzuvegetieren!«
Meinte Frau Martha: »Die Hofoper soll, wie man hört, von ausländischen Künstlern überschwemmt sein; ein Münchner Kindl hat da sicher keine Chancen.«
Der Arzt lächelte: »Ich bewundere deine kühnen Gedanken, denn bis zur Hofoper habe ich weiß Gott noch nicht gedacht!«
»Entschuldige!«, erwiderte Frau Martha, schlug die Augen nieder und legte ihre Hand auf seinen Arm.
»Nein, nein, du hast recht!«, sagte er darauf. »Wenn mir aber der Herrgott noch etliche Jährlein schenkt, dann krieg ich das Kind schon noch dahin, wo ich’s gerne sehen möcht. Gell, Kathrinchen, wir zwei, wir machen das!«
Da nahm das Kind seine herunterhängende Hand und schmiegte die Wange daran.
Der Herr Kompositeur Leopold Lenz, ein gestrenger Mann, stand der Zentralsingschule in der Hundskugelgasse vor. Tenor Löhle, der bei ihm angestellt war, wirkte als zweite oder dritte Kraft in der Hofoper, vermittelte aber nach außen den Eindruck, als wäre er der leibhaftige Orlando di Lasso, nur noch etwas bedeutender.
Als der Doktor das Kathrinchen dorthin brachte, tat Leopold Lenz sehr gnädig. Erst als Glas bemerkte, dass ihm der Herr Kompositeur noch zwei Rezepte schuldig war, schlug die Stimmung rasch um, und das Kind wurde sofort wie die besseren Bürgerstöchter behandelt. Dabei war die Schule sowieso nur von Privilegierten besucht, mehr aber noch von solchen, die den Mangel an Begabung durch finanzielle Zuschläge wettmachen konnten.
Was das Kathrinchen betraf, so galt hier das Gleiche. Der Doktor war in das Kind vernarrt und glaubte, ihm alle gesellschaftlichen Vorteile angedeihen lassen zu müssen; und dazu gehörte in München eben auch der Besuch der Zentralsingschule.
Charlotte Hagn – das »von« durfte sie nicht mehr führen – und Ambros Radlmeier hatten all die Monate her beim Ausritt einander zwar immer wieder gegrüßt, doch kaum mehr ein persönliches Wort miteinander gewechselt. Er hatte sie bewusst gemieden, und sie hatte das auch bemerkt.
Das änderte sich jedoch, als Mitte Mai in München zu vernehmen war, der neu ernannte Erzbischof Lothar Anselm von Gebsattel wolle persönlich von Freising kommen und im Liebfrauendom die seit vier Jahren ausstehende Firmung zelebrieren. Vier Jahre! Das waren weit über 400 Firmlinge. Zu ihnen gehörten auch Ambros Radlmeier und Charlotte Hagn. Mehrere geistliche Herren hatten sich quer durch die bayerische Landeshauptstadt angeboten, die jungen Leute auf das Sakrament vorzubereiten; so auch der aus der Verbannung zurückgekehrte Pfarrer Josef Klein von Heilig-Geist. Seinem ehrwürdigen Mitbruder von Sankt Peter war das zwar gar nicht recht, denn er wollte auch noch die frommen Gläubigen der Heilig-Geist-Pfarrei für sich haben. Doch der König hatte ihm einen Nasenstüber und eine Mahnung zur Duldsamkeit gegeben. Weil sich nun die Firmlinge frei für einen der empfohlenen Instruktoren entscheiden durften und weil der Pfarrer Klein in großem Ansehen stand, liefen ihm sehr viele zu, so auch Ambros und Charlotte.
Klein war hässlich anzuschauen, strahlte jedoch unendlich viel Güte aus. Dadurch gewann er besonders die jungen Leute. Sooft er seinen mit sprachlicher Meisterschaft vorgetragenen Firmunterricht hielt, war die Heilig-Geist-Kirche gefüllt bis auf den letzten Platz, und feierliche Stille lag über den fein gegliederten, schlanken Barocksäulen:
»Meine lieben jungen Freunde! Der Heilige Geist, den der Bischof auf eure Häupter herabrufen wird, ist nicht bloß der fromme Glaube etlicher Betschwestern, sondern eine machtvolle Wirklichkeit. Wer jahrelang in leidvoller Verbannung saß und Tag und Nacht dem Druck gehässiger Polizeiaufsicht ausgesetzt war, der weiß um die Kraft des göttlichen Geistes. Denn ohne diese Kraft ginge man her, nähme einen Strick und hängte sich auf. Auch über euch, die ihr jetzt voller Kraft und Zuversicht ins Leben drängt, werden solche ›Strickstunden‹ kommen. Wehe dem, der dann nicht ausgerüstet ist mit den sieben Gaben des Heiligen Geistes: mit der Gabe der Weisheit, der Stärke und des Rates, mit der Gabe der Frömmigkeit und der Furcht Gottes, und endlich mit der Gabe der Einsicht und der Erkenntnis!«
Sie nahmen seiner feinen Art den Ernst der religiösen Wahrheit ab und besuchten dankbar die abendlichen Unterrichtsstunden. Als dann nach Wochen der Firmungstag herannahte, konnte Pfarrer Klein die große Schar bei der Zeremonienprobe dem Erzbischof zufrieden und sogar ein bisschen stolz im Liebfrauendom vorstellen.
Ambros Radlmeier fiel wieder ein, was der König einst versprochen hatte, und bat den Baron Lupini, bei Seiner Majestät wegen der Firmpatenschaft anzufragen. Der »gute Vater Max« erinnerte sich und beauftragte den Baron mit seiner allerhöchsten Stellvertretung. Hundert Reichstaler sollte der Junge als Patengeschenk erhalten. Außerdem würde er bei dem hohen Zeremoniell erstmals die prächtige Paradeuniform der Königlich Bayerischen Hofkutscher tragen. Diese Uniform und eine Alltagsmontur hatte sich Ambros in der Auer Kleiderfabrik anmessen lassen. Er sah darin aus, als wäre er ein Feldzeugmeister.
Der 6. Juni 1822 war der erste Firmungstag im Münchner Liebfrauendom seit den wirren Jahren der endlich gestürzten Regierung des allmächtigen Ministers Montgelas. Das würdige Gotteshaus war voll bis auf den letzten Platz, als der Erzbischof seinen Fuß über den »Teufelstritt« setzte, jene Stelle, von der aus man im ganzen Dom kein einziges Fenster sieht. Im Bewusstsein der wiedergewonnenen religiösen Freiheit fühlte sich Lothar Anselm wie Christus beim Einzug in Jerusalem; dies umso mehr, als ein mächtiger Chor auch noch das Lied sang: Benedictus, qui venit in nomine Domini! – »Gesegnet sei, der da kommt in des Herren Namen!«
Der Dompfarrer und die Vertreter der Politik aus Stadt und Land begrüßten ihn. Der Hof war nicht erschienen, denn der König hatte den Sturz seines Lieblings, des Grafen Montgelas, noch nicht verschmerzt; bei diesem Manöver hatte die Kirche kräftig mitgemischt.
Als dann die eigentliche Firmung mit der Handauflegung und Salbung begann und die einzelnen jungen Menschen mit ihren Paten vor den Erzbischof treten mussten, entstand plötzlich eine leichte Unruhe in der Domkirche. Baron Lupini war als Stellvertreter Seiner Majestät, von vier Hartschieren begleitet, beim großen Domportal eingetreten und musste vom Kustos der bayerischen Metropolitankirche unter großer Assistenz aufgeführt werden. Zwei Presbyter und zehn Ministranten schritten zu beiden Seiten, in ihrer Mitte in der Paradeuniform der angehende Hofkutscher Ambrosius Radlmeier.
»Ist dös nit der Bua von dem derfrornen Parkwächter?« – »Der wo die beste Prüfung bei Sankt Michael g’macht hat?« – »Ja, ja, dem hat der gute Vater Max die Firmung versprochen!« – »Ein ganz ein saubers Bürschei!« – »Soll ja auch Hofkutscher werdn!«
So raunten die Leut einander zu, als das eigenartige Geleit zum Priesterchor emporstieg. Der Erzbischof, vom Zeremoniar leise unterrichtet, erhob sich von seinem Thron und ging dem Baron einige Schritte entgegen. Der ließ sich auf ein Knie nieder und küsste andeutungsweise den Ring des Kirchenfürsten, worauf dem Radlmeier sofort das heilige Sakrament erteilt wurde.
Ein sauberer Bursch! – So lautete auch das Urteil, das Charlotte fällte, von niemandem gehört, nur in ihrem eigenen Herzen. Und es sah nicht so aus, als ob in diesem Herzen die Gaben des Heiligen Geistes Furore machen würden; zu sehr war das Mädchen vom äußeren Schein geblendet, als dass sich Einsicht und die Erkenntnis hätten einstellen können.
