Das Pfand des Herzogs - Carl Oskar Renner - E-Book

Das Pfand des Herzogs E-Book

Carl Oskar Renner

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Beschreibung

Bayern im 15. Jahrhundert: Der junge Herzog Christoph ist voller Tatendrang. Er träumt von der großen Liebe und der Herrschaft über das Reich seiner Väter. Zusammen mit seinem treuen Freund, dem Edelknaben und späteren Ritter Ekbert von Kirnstein, erlebt er viele Abenteuer. Auf der Landshuter Hochzeit macht Christoph als Gewinner des Turniers auf sich aufmerksam. Er tritt in die Dienste des ungarischen Königs und erhält die Ehre, dessen Braut heimzuführen. Auf den Hochzeitsfeierlichkeiten verliebt er sich in die Tochter des Kaisers, und in ihm entbrennt eine Sehnsucht, die sein weiteres Leben bestimmen wird …

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Veröffentlichungsjahr: 2015

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Vollständige E-Book-Ausgabe der im Rosenheimer Verlagshaus erschienenen Originalausgabe 2014

© 2014 Rosenheimer Verlagshaus GmbH & Co. KG, Rosenheimwww.rosenheimer.com

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel:»Der Herzog und die Steinbrecher«

Titelbild: Franz von DefreggerLektorat und Satz: Bernhard Edlmann Verlagsdienstleistungen,Raubling

eISBN 978-3-475-54365-4 (epub)

Worum geht es im Buch?

Carl Oskar RennerDas Pfand des Herzogs

Bayern im 15. Jahrhundert: Der junge Herzog Christoph ist voller Tatendrang. Er träumt von der großen Liebe und der Herrschaft über das Reich seiner Väter. Zusammen mit seinem treuen Freund, dem Edelknaben und späteren Ritter Ekbert von Kirnstein, erlebt er viele Abenteuer. Aber auch von den Schicksalsschlägen des Lebens bleiben sie nicht verschont. Auf der Landshuter Hochzeit macht Christoph als Gewinner des Turniers auf sich aufmerksam. Er tritt in die Dienste des ungarischen Königs und erhält die Ehre, dessen Braut heimzuführen. Auf den Hochzeitsfeierlichkeiten verliebt er sich in die Tochter des Kaisers, und in ihm entbrennt eine Sehnsucht, die sein weiteres Leben bestimmen wird …

Inhalt

Der Leichenzug

Die Südlandfahrt

Der Krach von Pavia

Beim Heiligen Vater

Die Heimfahrt und der Bär

Saustall auf der Biberburg

Herzogin Barbara

Das »Fräuleinlaufen«

Herzog Christophs schlimme Streiche

Überwältigung und Festungshaft

In Freiheit

Die Sollederin

Der Straßburger Mägdleinhändler

Die Landshuter Hochzeit

Die Brautfahrt

Das geistliche Gericht

Hinter der Brombeerhecke

Die Rache der Geschlagenen

Dreizehn arme Seelen

Die schöne Urschl

Das Verhör

Die Sitzengebliebene

Schicksalsschläge

Der Feldzug und die Pilgerfahrt

Das Pfand des Herzogs

Die Heimkehr

Der Landrichter

Die Wende

Im Köschinger Forst

Das letzte Kapitel

Glossar

Der Leichenzug

In der Zeit, als im Heiligen Römischen Reich der Habsburgerkaiser Friedrich III. regierte und in Rom der vielseitige schriftstellernde Papst Pius  II. auf dem Thron saß – am 1. März des Jahres 1460 –, da kam der Todesengel in den Alten Hof nach München. Er kam zum Bayernherzog Albrecht III., dessen Herz an diesem Tag den letzten Schlag tat.

Nun hatte der Herzog den Hofräten bereits schriftlich seinen letzten Willen kundgemacht, sodass diese gleich im verschneiten Morgengrauen des anderen Tages durch Herolde im ganzen Herzogtum zwei Manifeste verkünden lassen konnten.

Das eine lautete: »Ihr sollt meinen sündigen Leib, sobald er ganz ausgekühlt ist, bei den Söhnen des heiligen Benediktus auf dem Berg Andechs begraben!«

Das zweite regelte die Nachfolge in der Regierung des Herzogtums Bayern-München und bestimmte: »Weil ich die Staatskunst im einstigen Weltreich der Römer stets bewundert habe, sollen die jeweils zwei ältesten meiner Söhne – gleich wie Konsuln – unser Bayernland regieren! Stets zwei, damit weder der eine noch der andere zum Schaden des Volkes ungebührlich in die Halme schieße!«

So kamen durch die letztwillige Anordnung des toten Vaters dessen Söhne Johann und Sigmund an das Ruder des Landes, während die drei nachgeborenen Herren Albrecht, Christoph und Wolfgang darauf rechnen konnten, irgendeinen Fürstbischofsstuhl im Lande zu besetzen  – höchstens vielleicht einen Kardinalshut zu tragen, sofern er nicht zu teuer wäre. Denn Sparsamkeit sei eine große, unabdingbare Herrschertugend …

Nun war also Herzog Johann zusammen mit seinem Bruder Sigmund Herr im Münchner Herzogtum. Sie schickten gleich anderentags Sendschreiben in die Residenz ihrer Vettern zu Landshut, auch in die reichsfreien Städte Augsburg und Regensburg. An den Hof nach Wien wollten sie keines schicken, weil der damalige Herr Kaiser ihrem Vater in der leidigen Geschichte mit der schönen Bademaid Agnes Bernauerin übel mitgespielt hatte; aber ihre Frau Mutter, die Herzogin-Wittib Anna, die Braunschweigerin, bestand darauf. Ebenso verfügte sie, dass der Leichnam des Gemahls in der Sankt-Lorenz-Kapelle der Alten Hofburg sofort in eine steinerne Truhe eingesargt werden solle, damit man ihn baldigst auf den Heiligen Berg nach Andechs überführen könne. Damit wollte sie den Münchner Bürgern, die sie gar nicht liebte, eins auswischen.

Dem Wunsch des toten Herzogs gemäß sollte die Überführung durch je zwei Koppeln junger Ochsen geschehen. Dieser allerhöchste Wunsch war insofern leicht auszuführen, als das Bayernland gerade im Schnee schier zu ersticken drohte. Der Wagner musste nur den großen Kastenschlitten herrichten und die Deichsel verstärken, denn der Sarkophag, den die Degerndorfer Steinbrecher aus der Nagelfluh auf der Biber gehauen hatten, war sehr schwer – und junge Ochsen haben nicht selten ein störrisches Gemüt.

In der Nacht, die der Überführung vorausging, hielten die fünf Söhne des Herzogs und vier Edelknaben bei Sankt Lorenz die Totenwache. Es war so grimmig kalt, dass das gesegnete Wasser im Weihbrunn ganz und gar einfror. Nur einer der Edelknaben, Ekbert vom Kirnstein, hielt diese Nacht durch; die drei anderen mussten vom Mesner weggebracht werden, weil sie sonst umgefallen wären.

Als es dann auf den Morgen zuging, fuhr der Kastenschlitten in den Herzogshof herein. Zehn kernige Stallknechte packten die steinerne Totentruhe und setzten sie auf das Gefährt. Und noch ehe die Morgenglocke über die Dächer der Stadt schallte, schritten die Ochsen schon durch das Sendlinger Tor hinaus, hinterdrein auf schweren Rössern die fünf herzoglichen Söhne und der Kirnsteiner Edelknabe.

Der elfjährige Herzog Christoph sagte zu dem gleichaltrigen Ekbert: »Wirst du das schaffen bis Andechs?«

»Ihr wollt es ja auch, Herr!«, entgegnete der.

»Du willst dich aber nicht mit Uns vergleichen!«, erwiderte der junge Herzog mit leicht gereiztem Tonfall.

»Vergleichen nicht! Nur Euch nacheifern!«

»Nacheifern ist gut! Ekbert, Wir mögen dich!«

Der Kirnsteiner wusste nicht, was er darauf antworten sollte.

»Du darfst ›Danke!‹ sagen, wenn ein bayerischer Herzog dich mag!«

»Danke, Herr!«

Der Zug mit der Leiche, dem man aber seinen besonderen Anlass und Zweck nicht ansah, bewegte sich zügig dahin.

Freilich kam es manchem Sendlinger Bauern seltsam vor, dass die Söhne des Herzogs hinter einem Ochsengespann herritten; doch man war von den Hofleuten manches gewöhnt, besonders vom alten Herzog Albrecht.

Der hatte sich aber gar nicht unter die Berittenen eingereiht, fiel den geschäftigen Leuten auf. Sie waren nicht im Bilde, und sie fragten sich, warum wohl nicht. Wird wieder einmal außigegrast haben die ganze Nacht, der alte Lümmel! – so hatten sie sich schnell eine sinnvoll erscheinende Erklärung zurechtgestrickt. Die Sollederin, das saubere Weiberts vom Kürschnermeister, war ja die letzte Zeit so scharf auf ihn, dass sich die gesamte Bürgerschaft von München wunderte, wie der sonst gesundheitlich so anfällige Herr dies überhaupt schadlos verkraftete. Dazu die Schwierigkeiten mit seiner herzoglichen Gemahlin, die ihn mit der reschen Gesellin in flagranti erwischt hatte! Sie soll ihm seitdem das Besteigen ihres Alkovens verwehrt haben. – Nun, sei’s, wie’s will! Gewiss ist jedenfalls, dass er mit dem Engel von Augsburg, der lieblichen Bernauerin, besser gefahren wär als mit dieser Braunschweigerin Anna. Die hat ihm freilich zehn Kinder geboren  – wenn auch zwei von ihnen schon nicht mehr am Leben sind. Schaut sie doch an, diese fünf Herren, wie sie im Sattel sitzen! Wie wenn sie angewachsen wären! Besonders dort der elfjährige Christoph, von dem man sich die wildesten Dinge erzählt! Wie wird das erst werden, wenn er in die Mannesjahre kommt! Den kann doch niemand bändigen! O liebes Bayernland, was wird auf dich noch zukommen! Der Himmel sei uns gnädig!

Derlei Erwägungen rumorten in den Köpfen der Sendlinger Bauern herum, aber nur so nebenbei. Denn im Großen und Ganzen verehrten sie ihren alten Herzog sehr. Besonders deswegen, weil er es verstanden hatte, den räuberischen Niederadel zu zähmen, dieses Rittergesindel, das dem Bauersmann am liebsten auch noch die Haut heruntergeschunden hätte …

Die vier jungen Ochsen hatten keine Mühe mit der Leiche des toten Herzogs und erreichten am Abend Germering. Ein Vorreiter hatte den dortigen Armeleutepriester von der Ankunft des hohen Toten verständigt. Weil aber das kleine Kircherl gerade ausgeweißelt wurde, geleitete der Geistliche den Schlitten mitsamt dem Sarkophag in die Scheune seines Widums. Darauf ließ er die Totenglocke läuten, sodass die Bauern und etliche alte Weiber zum nächtlichen Gebet für den gottselig im Herrn entschlafenen Fürsten herbeieilten. Die Fürstensöhne und ihr Anhang kamen in der Tafern unter.

Es war eine miserable Tafern, und die herzoglichen Brüder taten fast die ganze Nacht kein Auge zu, weil fortwährend neue Fuhrleut Einlass begehrten und ihretwegen abgewiesen wurden. Dabei gab es stets harte Auseinandersetzungen, bevor es den Wirtsleuten gelang, die Fahrenden von der Würde ihrer, wie sie meinten, bereits schlafenden Gäste zu überzeugen. Besonders hartköpfig gebärdete sich der Physikus Doktor Johannes Hartlieb aus München. Der hatte den sterbenden Herzog fast bis zuletzt betreut, war aber ausgerechnet bei dessen Tod nicht zugegen gewesen  – weil die Frau Herzogin Anna ihm den Zutritt ans Krankenlager verweigert hatte.

Und warum?

O, eifersüchtige Frauen wittern Gefahren fast überall! Der Doktor war nämlich verheiratet mit Sibilla, die der verstorbene Herzog Albrecht damals mit der schönen Baderstochter Agnes, der Bernauerin, gezeugt hatte. Und da war der Braunschweigerin Anna der Gedanke gekommen, der Gemahl könnte noch am Sterbebett Entscheidungen zugunsten dieser Arztfrau treffen – zum Nachteil ihrer eigenen Kinder.

Als nun der Physikus in der Morgenfrühe dieses Tages vom Tod seines Schwiegervaters erfahren hatte, nahm er unverzüglich den Rennschlitten und fuhr dem Leichenzug hinterher, zusammen mit seiner Sibilla. Und jetzt standen sie vor dem Tor der Tafern, und der Doktor tobte: »Es ist ungeheuerlich, dass sich junge Ritter in den warmen Betten herumsielen und ein frierend Weib in der nächtlichen Kälte auf offener Gasse stehen lassen! Habt ihr denn nicht bei eurer Schwertleite geschworen, demütig, wohlerzogen, gütig zu sein und die Frauen zu ehren? O dass doch der Himmel …!«

Da stand plötzlich der junge Herzog Christoph vor ihm: »Was brüllt Ihr denn, Doktor! Mit Eurem Geschrei erreicht Ihr bloß, dass alle anderen auch noch aufgeweckt werden und dann schon aus Ärger Eurem Weib kein Bett anbieten! Geht hinauf in die Kammer! Ich habe meinen Alkoven geräumt! Und seid nicht hässlich wie ein zahnlos Waschweib!«

Johannes Hartlieb verneigte sich vor dem edlen Knaben, nahm seine Frau an der Hand und führte sie die knarzende Treppe hinauf.

Christoph aber verzog sich in die Kuchl und legte sich zur Katze ins Ofenloch.

Auch der junge Ekbert vom Kirnstein hatte eine warme Bleibe gefunden. Als er nämlich sein Ross versorgt hatte und sich daneben ins Stroh legen wollte, kam vom Ende des Stalles eine Kuhmagd  – fast noch ein Mägdelein  – dahergeschlichen und lud ihn zu sich in die Liegestatt ein. Das war zwar bloß eine Kiste, mit Buchenlaub gefüllt, roch aber nach Wärme. Er folgte ihr gern, auch wenn das, was sie sich vielleicht erhofft hatte, nicht eintrat – war er doch erst elf Jahre alt und im Augenblick ganz und gar durchgefroren.

Am anderen Morgen trug der Tafernwirt seinen Gästen eine mächtige Schüssel Biersuppe auf. Die verfehlte ihre belebende Wirkung nicht. Der Missmut, der wegen der Kälte ihre Gemüter befallen hatte, verschwand und machte einer breiten Freundlichkeit Platz. Selbst Doktor Hartlieb, der Physikus, der eine Stinkwut im Leib hatte, wurde gesprächig und tröstete die herzoglichen Söhne mit dem Hinweis, dass die Lebenskraft des Vaters erschöpft gewesen sei und er das Frühjahr kaum überlebt hätte. Sie sollten froh sein, dass er die 59 Jahre erreicht habe. Denn angesichts seiner ungezügelten und nicht gerade frommen Lebensführung sei schon das ein halbes Wunder. Aber auch die Frau Herzogin habe nicht unwesentlich dazu beigetragen, dass ihm die letzte Zeit vergällt gewesen sei – was man wiederum verstehen müsse. Denn wenn ein Weib zehn Kindern das Leben geschenkt und auch sonst ihre fürstlichen Pflichten untadelig erfüllt habe, dürfe sie in den späteren Jahren von ihrem Eheherrn mit Fug und Recht Achtung und Verständnis erwarten. Daran habe es der gute Herzog Albrecht, so fand der Doktor, fehlen lassen. Nun möge er das letzte Stück seines irdischen Weges zu Ende gehen und dann in Frieden ruhen! »Ihr aber, meine lieben Herren, nehmet daraus ein abschreckendes Beispiel! Doch haltet Euren selig im Herrn entschlafenen Vater trotzdem in hohen Ehren!«

Die jungen Herzoge hörten diese Worte aus dem Mund des befreundeten Arztes gern. Sie luden ihn ein, sie zu begleiten, und setzten dann, dem Willen des Vaters gemäß, den Leichenzug mit dem Ochsengespann fort.

Am Abend sah man sie in Weßling, wo die Bauernburschen den steinernen Sarg in eine Feldkapelle trugen. Dieses Gotteshäuschen war so klein, dass von den herbeigeeilten Leuten neben dem Toten niemand mehr Platz fand. Der Augustinerpater, der das nächtliche Gebet leiten sollte, bat sie daher, betend mit ein paar Öllampen hinter ihm um die Kapelle herumzugehen; so würden sie weniger frieren. Wer jedoch die Kälte gar nicht mehr aushalte, solle ruhig nach Hause gehen; der Herzog und der Herrgott würden sicher nichts dagegen haben.

Und wirklich! Als die Hähne im Dorf den Morgen ankündigten, stand der brave geistliche Herr neben dem Sarkophag allein in der Kapelle …

Von Weßling wurde der tote Herzog nach Alting gefahren und am Tag darauf nach Herrsching am Ammersee. Hier schliefen alle seine Begleiter bis weit in den Vormittag hinein; denn am Nachmittag wollten sie über Erling das Kloster Andechs auf dem Heiligen Berg erreichen.

Und so geschah’s.

Beim letzten steilen Aufstieg zur Klosterkirche mussten etliche handfeste Brauknechte herbeigerufen werden, weil der Weg glatt war und die Ochsen bereits viel an Kräften verloren hatten.

Da kam ihnen auch der hochwürdigste Benediktinerabt Eberhard Stöckl, ausgerüstet mit Mitra und Krummstab, mit seinem kleinen Konvent entgegen und führte das Geleit in die Kirche, bis an die Gruft, deren Verschlussstein mit den zwei Eisenringen schon abgehoben war und an der Wand lehnte. Die Knechte setzten den steinernen Sarg im Presbyterium auf einen Katafalk, und die Totenmesse begann mit tieftraurigen Chorälen, die gar nicht enden wollten. Die herzoglichen Söhne und einige Männer und Frauen, die sich ihnen unterwegs angeschlossen hatten, saßen in den Bänken und froren zum Erbarmen. Sie rieben sich verstohlen die starren Hände, bliesen den warmen Atem in sie hinein und sehnten das Ende des Requiems herbei.

Dann war es da, dieses ersehnte Ende! Der Abt stimmte den Abgesang der Totenmesse an und intonierte den langen und schaurigen Hymnus »Dies irae, dies illa«. Dabei packten die Knechte den Sarkophag und ließen ihn behutsam in die Gruft hinab; die Mönche aber sangen weiter und wollten gar nicht aufhören.

Da erhob sich der junge Herzog Christoph in seiner Bank, ging zur Wand hin, ergriff den Stein an den Eisenringen und rief laut, dass es durch die Kirche hallte: »Einmal muss es ja doch sein!« Darauf stemmte er den Stein in die Höhe, drängte den Abt und seinen Anhang weg und verschloss die Gruft. Die Trauerzeremonie hatte ein vorzeitiges Ende gefunden, die Mönche zogen sich in ihre Sakristei zurück.

Den herzoglichen Brüdern und allen anderen frommen Betern hatte es die Sprache verschlagen: Sie saßen da und starrten den Knaben an. Und der dreizehnjährige Herzog Albrecht sagte: »Musste das sein?«

Christoph schaute den Bruder an; in seinem Blick lag eher Zorn als Geschwisterliebe. Die beiden älteren Herzoge Johann und Sigmund befürchteten eine Szene an heiliger Stätte, erhoben sich ebenfalls in ihrer Bank und traten hinzu. Christoph aber blitzte auch sie an und sagte im Befehlston zu seinem Edelknaben: »Ekbert, wir reiten!«

Der junge Kirnsteiner stand auf und verließ mit dem wütenden Herzogssohn das Gotteshaus. Sie zogen aus dem klösterlichen Marstall zwei Rösser heraus und jagten davon. Weil es schon auf den Abend zuging, kehrten sie zu Herrsching in der Fischertafern nahe am Seeufer ein. Christoph verlangte für die Nacht die beste Kammer. Als der Gastgeber und einige alte Fischer die beiden Knaben ein wenig schief ansahen, warf Christoph drei Gulden auf den Schanktisch und rief: »Hinaus mit euch! Ein bayerischer Herzog braucht keine Gaffer, wenn er essen will!«

Da schlichen sie still und wortlos davon.

Die Nacht zog auf. Die Kälte war gebrochen. Über den Ammersee sauste und tobte ein warmer Sturmwind, der über die Berge kam und das Wasser zu haushohen Wellen auftürmte. Die schlugen manchmal sogar bis an den Giebel der Tafern. Aber die jungen Herren merkten es nicht; sie schliefen tief und fest.

Die Südlandfahrt

Nach der gestörten Totenfeier lud Abt Eberhard die jungen Herzöge an die klösterliche Tafel; mit ihnen auch Frau Herzogin Anna, die in der Zwischenzeit angekommen war. Sie hatte es sich lange überlegt, ob sie dem treulosen Eheherrn noch in die Gruft nachschauen sollte, war aber doch zur Überzeugung gelangt, schon wegen der Kinder ihren Hass nicht so offen zeigen zu dürfen.

Bei Tisch besprach man natürlich auch den einprägsamen Auftritt des Herzogs Christoph und seinen theatralischen Abgang.

»Was sollen wir tun, Vater Eberhard«, fragte Frau Anna besorgt, »wenn dieser ungeratene Sohn immer noch trotziger und feindseliger gegen uns wird? Er ist imstande, in einem unbeherrschten Augenblick uns alle zu erschlagen!«

»Hohe Frau«, entgegnete der Abt, »der Überschwall seiner körperlichen Kräfte müsste bald durch eine harte geistige Betätigung gebändigt werden, sehr bald gebändigt werden! Und weil der junge Herr auch dem Verstande nach außerordentlich begabt ist, solltet Ihr ihn an eine Hohe Schule schicken, und zwar ins Welschland. Da wäre er weit entfernt von der Familie und könnte sich in der Fremde, im Umgang mit Leuten anderer Herkunft, einige Hörner abstoßen.«

»Dann gehe ich mit Christoph!«, sagte Wolfgang, der jüngste der herzoglichen Söhne.

Jetzt entstand an der langen Tafel, an der sie alle gemeinsam saßen, für eine längere Weile nachdenkliche Stille. Dann wandte sich Herzog Johann, der Älteste, an Anna: »Frau Mutter, wir sollten diesen Gedanken unseres Brüderleins nicht von der Hand weisen. Schicken wir doch gleich alle drei Jungen, also die beiden und dazu noch Albrecht, ins Welschland! Geben wir ihnen einige Edelknaben mit und richten wir ihnen eine kleine Hofhaltung. Unser ehrwürdigster Vater Abt, der sicher ins Welsche hinab Verbindungen hat, könnte uns eine Hohe Schule nennen und ihnen ein würdiges domicilium besorgen!«

Der Abt nickte: »Wir haben in unserem Kloster zu Pavia ein großes Gästehaus, nicht weit ab von der Alma Mater. Stellt mir etliche reitende Boten, dann schicke ich einen Schreibebrief an unseren Vater Generalabt und bitte, er möge das Haus für die drei jungen Herzoge und ihren Hofstaat bereitstellen.«

Frau Anna fragte: »Wird der Hochwürdigste Uns dieses Ansinnen nicht verargen?«

Darauf Eberhard: »Nicht Ihr stellt doch dieses Ansinnen, sondern der Abt von Andechs; und der ist dem Hause Bayern sehr verpflichtet!«

»Wir danken Euch«, erwiderte Herzog Johann und fuhr fort: »Wann könnte – nach Eurer Meinung – dieser Alpenübergang unserer Brüder sich vollziehen?«

»Etwa mit dem Abflug der Schwalben …«

Wie nicht anders zu erwarten gewesen war, betrachtete der Generalabt der Benediktiner zu Rom die Aufnahme der bayerischen Fürstensöhne als eine hohe Ehre. Er wies seine Ordensniederlassung in Pavia unverzüglich an, alle nötigen Vorbereitungen zu treffen.

Vorbereitungen in Pavia  – Vorbereitungen auch in München! Freilich ganz verschiedener Art! Während die Mönche ihr Gästehaus in eine kleine Residenz verwandelten und dem Herbst voller Freude entgegensahen, tobte in München der Bruderzwist. Der junge Herr Christoph lehnte den Plan der Familie, die Hohe Schule betreffend, rundweg ab; spürte er doch genau, dass sie ihn nur weghaben wollten.

Eines Abends sagte er an der Tafel: »Mir soll – wenn ich recht sehe – ein welsches Zaumzeug angelegt werden …! So einfach macht Ihr mich nicht gefügig! Behandelt mich wie Euresgleichen und nicht wie einen, dem noch die Eierschalen hinter den Ohren kleben! Unseren Herrn Vater – hochseligen Angedenkens!  – konntet ihr hinters Licht führen, weil er die Frau Mutter ebenfalls hinters Licht geführt hat! Mit mir versucht ihr’s vergebens!«

Sie schluckten ihren Unmut hinunter und hielten Ausschau nach einem Vermittler  – und fanden einen: den Physikus Doktor Johannes Hartlieb. Er hatte die schöne Sibilla zur Frau; die war die echte, wenn auch nicht legitime Halbschwester der Herzogssöhne, und Christoph verehrte sie. Da hätte es doch mit allen neun Teufeln zugehen müssen, wenn der 25-Jährigen die Überredung des Widerspenstigen nicht geglückt wäre!

Und wahrhaftig, es glückte! Sie hatte ihm allerdings versprechen müssen, jährlich viermal über die wichtigsten Ereignisse in München nach Pavia zu schreiben, und zwar an ihn allein – nicht an die beiden anderen.

Die Schwalben versammelten sich auf den Zinnen der Neuen Veste, der Herbstwind strich von Schwabing herüber, und im Alten Hof wurden sieben schwere Kastenwagen mit Wäsche und Wämsern und Schuhzeug beladen. Auf diesen Wagen sollten auch drei Waschweiber sitzen, ein Kuchlmeister, ein Pastetenkoch und zwei Kuchljungen. Ein Oberhofmeister, drei Hofherren, die drei jungen Herzöge und ein Waffenmeister mit drei Waffenknechten sollten vor den Kastenwagen, zwölf Knechte hinterdrein reiten; denn in den Bergen lauerte allerhand räuberisches Gesindel: diebische Bauern, entsprungene Mönche, abgehalfterte Landsknechte und Gott weiß, was noch alles.

Ekbert vom Kirnstein durfte als einziger Edelknabe neben Herrn Christoph mitreiten; die anderen hatten es vorgezogen, in München zu bleiben.

Als alles bereitet war, segnete Frau Herzogin Anna ihre drei jungen Söhne und begleitete sie bis ans Isartor.

Dort sagte ihnen auch noch Frau Sibilla mit ihrem Ehemann, dem Physikus, ein freundliches Lebewohl. Dabei wurden dem Herzog Christoph die Augen ein klein wenig feucht, sodass sie ihm ihr Riechtüchlein ans Wams heftete, was ihn augenblicklich tröstete.

Frau Anna hatte diese Szene nicht gern gesehen. Und wenn sie auch der schönen Stieftochter wegen deren Vermittlertätigkeit dankbar war, so wollte ihr doch dieses süße Getue mit dem Sohn nicht gefallen. Sie bedauerte jetzt sogar, der Wahl dieser Vermittlerin zugestimmt zu haben, und nahm sich vor, den Doktor Hartlieb vom Hof möglichst fernzuhalten, was nach dem Tode des Herrn Albrecht leicht geschehen konnte.

Die ritterliche Reisegesellschaft kam in dieser lieblichen Herbstzeit gut voran. Sie nächtigten auf Hohenaibling, machten sich aber sehr früh wieder auf den Weg, um noch vor dem Abend auf der Veste Kirnstein am Inn zu sein. Denn es gehörte sich, dass man dem Edelknaben die Gelegenheit gab, sich vor einem mehrjährigen Aufenthalt in der Fremde von seinen Eltern zu verabschieden.

Es war noch nicht allzu lange her, da hatte man die Kirnsteiner für üble Raubritter gehalten, und das nicht zu Unrecht, hatten sie doch zwischen ihrem Burgstall und dem gegenüberliegenden Katzenstein eine Kette durch den Inn gezogen. So konnte kein Boot und keine Plätte den Fluss befahren, ohne ihnen einen Mautschilling in willkürlich angesetzter Höhe entrichten zu müssen. Seit den Zeiten Kaiser Ludwigs des Bayern war das freilich anders geworden; jetzt zählte Burkhard, der Kirnsteiner, gar zu den treuesten Vasallen des Bayernherzogs. Die Berufung des Sohnes als Edelknaben an den Münchner Hof bewies es.

Groß war die Freude auf dem Kirnstein über den raren Besuch; alles, was Kuchl und Keller hergaben, wurde den Gästen aufgetischt, und im Bergfried mussten die Mägde sehr schöne Nachtlager richten. Die jungen Herren sollten angesichts der bevorstehenden harten Wochen noch einmal selig schlafen.

Und sie schliefen auch selig bis weit in den Tag hinein, sodass der Oberhofmeister, ein Freiherr von Preysing, das ganze Gewicht seines Amtes in die Waagschale werfen musste, damit die Reise innaufwärts gleich nach dem Mahl fortgesetzt werden konnte.

Sie gelangten am dritten Tag an das Klostertor der Mönche von Wilten vor dem Berg Isel bei Innsbruck. Das war ein hochvermögendes Monasterium des Prämonstratenserordens, reich an Wäldern und Ländereien. Der noch sehr jugendliche Vater Abt Anselmus war gerade auf Jagd im Hochgebirge, sodass der greise Prior die illustren Gäste empfing. Während der Nacht kehrte dann die Jagdgesellschaft frohgelaunt in das herrliche Stift zurück.

Um die Mittagszeit des anderen Tages begrüßte Anselmus die drei jungen herzoglichen Söhne. Und am Nachmittag wollte er ihnen ein Schauspiel bieten, zu dem auch die Großen des Tiroler Landes geladen waren – ein seltsames Schauspiel, das aber in jenen Gegenden gebräuchlich war.

Als sich alle im geräumigen Stiftshof versammelt und ihre Plätze dem Rang nach eingenommen hatten  – die bayerischen Fürstensöhne saßen ganz vorne  –, zerrten die Jagdknechte einen Bauern herein, der beim Wildern im Bannwald aufgegriffen worden war. Sie warfen ihn in der Mitte der gaffenden Menge auf die Pflastersteine des Stiftshofes, banden ihn und wälzten ihn auf den Bauch. Dann legten sie ihm das Fangnetz, das ihm bei seiner Hirschjagd gedient hatte, auf den Rücken und zündeten es an. Der Gequälte schrie gotterbärmlich. Der junge Abt aber rief in die Menge: »So geschieht es jedem, der Mein und Dein nicht unterscheidet!« Und die Gäste pflichteten ihm begeistert bei.

Da erhob sich Herzog Christoph und sprach zu Ekbert dem Kirnsteiner: »Geh in die Kuchl und bring einen Krug Öl!«

Der eilte fort, und der junge Fürst stakste in langen Schritten zu dem gemarterten Bauern hin und schleuderte mit seinem Dolch das brennende Netz auf die Seite. Dabei sagte er, dass es nur die Vordersten hören konnten: »Bei den Seldschuken und Mameluken sollen dergleichen Gepflogenheiten gang und gäbe sein! Wenig christlich, meine Herren! Oder irren Wir da?«

Jetzt griff im Innenhof eine große, peinliche Stille um sich. Der Kirnsteiner schüttete das ganze Krüglein Öl über den rotbraunen, verbrannten Rücken des armen Mannes, der inzwischen das Bewusstsein verloren hatte.

Am Abend begab sich der Hofmeister der bayerischen Herren zum hochwürdigsten Vater Abt, bat um Entschuldigung für den peinlichen Auftritt, den der junge Herzog verursacht habe, bat auch für den nächsten Morgen um Urlaub für die ganze bayerische Reisegesellschaft. Der Abt schämte sich und bat seinerseits um Vergebung, während der Herr von Preysing in ritterlicher Art die Jugend seiner fürstlichen Herren als Entschuldigungsgrund anbot.

So hätte sich der Vorfall in Wohlgefallen aufgelöst, wenn nicht Herzog Albrecht hinterher dem Bruder noch heftige Vorwürfe gemacht und ihn einen ungezogenen Bauernlümmel genannt hätte. Das war ungeschickt, denn der mit großen Kräften begabte Jungherr versetzte dem Bruder einen Stoß vor die Brust, dass er im steingefliesten Kreuzgang des Klosters etliche Ellen dahinkollerte. Bis schließlich der von Preysing beschwichtigend dazwischentrat.

Die Weiterreise nach Pavia gestaltete sich wieder freundlich, weil auch Herr Christoph einsah, dass er gegen die guten gastlichen Sitten verstoßen hatte. Mit der Bitte um Vergebung stellte er den brüderlichen Gleichklang der Gemüter wieder her.

Sie zogen durch die Sillschlucht und kamen auf die alte Römerstraße. Auf ihr hatten tausend Jahre zuvor die Legionssoldaten ächzend und schwitzend alle ihre Hauptleute und Götter verflucht, bis sie die warmen Thermen am Brennerpaß erreicht hatten. Da badeten sie dann in dem frohen Bewusstsein, dass die Schinderei bald ein Ende haben würde. Hier warfen sich auch Herzog Christoph und der Kirnsteiner in das sprudelnde Becken aus Stein, was dem Herrn Baron von Preysing gar nicht recht gefallen wollte: »Wie kann sich denn bloß ein Herzog mit verdreckten Lanzenreitern und stinkenden Rossknechten in ein und demselben Wasser tummeln!« Auch Herzog Albrecht schüttelte den Kopf und raunte dem Hofmeister zu: »Es ist schon ein Kreuz, wenn man kein Empfinden für Kultur hat!« Der Preysing aber zuckte bloß mit den Achseln.

Spät kamen die Bayern in Brixen an und wurden im Neuen Stift von den Augustinern herzlich aufgenommen. Hier war es der Herr Gundekar, der sich ihrer besonders annahm. Einst, in jungen Jahren, allem ritterlichen Treiben von Herzen zugetan, verstand er es jetzt, die bayerischen Fürstensöhne durch seine Rede und sein Gehabe hellauf zu begeistern. Er versäumte dabei auch nicht, sie mit deutlichen Worten an ihre bevorstehenden Pflichten zu erinnern und sie zu ermahnen, die kämpferischen Tugenden des Hauen und Stechens ja nicht dem geistigen Streit in den Hörsälen der Wissenschaft überzuordnen. Das eine wie das andere sei von höchster Bedeutung für den jungen Mann, der berufen sei, dereinst ein Volk zu regieren.

Von diesen Worten Gundekars schienen die Herren Wolfgang und Albrecht stark beeindruckt zu sein – Herr Christoph dagegen nicht. Er erwiderte: »Ehrwürdiger Herr Gundekar, was Ihr da sagt, hat sicher sein Bewenden für einen, der einmal regiert. Wir, Herzog Christoph, sind der vorletzte unter uns fünf Brüdern und werden nie den Herrscherstab in die Hände kriegen; im Gegenteil, Wir werden Uns gegen diese Brüder behaupten müssen, möglicherweise sogar mit dem Streitkolben, damit sie Uns nicht einsacken wie eine lästige Katze, die man in die Isar wirft. Darum erachten Wir es für wichtig, Spieß und Stange auf unsere Standarte zu setzen, damit jedermann gleich weiß, wessen er sich zu versichern hat, wenn er mit Uns Händel beginnen will.«

Der Mönch Gundekar lächelte: »Ihr habt  – was in Euren Jahren schon fast einem Wunder gleicht  – einen erstaunlich festen Standpunkt. Doch wenn es stimmt, dass man Euch in die Laufbahn der hohen Geistlichkeiten einschleusen will, dann bedenkt zumindest dies: Lernt Latein in Pavia! Denn ohne Latein seid Ihr bei den Römern ein armer Hund. Dann sacken Euch nämlich die Römlinge ein und speisen Euch höchstens mit der Pfründe eines Hungerleiders ab. Und lernt ein klassisches Latein! Die römischen Purpur tragenden Blasbalgtreter wissen das sehr zu schätzen – wenn sie’s auch selber nicht sprechen können!«

Durch solche und ähnliche Reden bereichert, gelangte der bayerische Südlandszug über Trient auf der viel befahrenen Fuhrmannsstraße schließlich nach Pavia, dem Ziel der weiten Reise. Man sah es den ehrwürdigen Benediktinermönchen vor ihrem herausgeputzten Gästehaus an, welche Ehre sie sich daraus machten, die jungen Fürsten beherbergen zu dürfen. Und wenn auch die alte, im Glanz ihres Ruhmes ergraute Stadt mit zu den bedeutendsten im Welschland zählte, so sprach es sich doch bald herum, was für eine Auszeichnung den Benediktinern widerfahren war – und was in der Stadt Rang und Namen hatte, kam, den Deutschen die Reverenz zu erweisen. Man hatte in Pavia nicht vergessen, dass man Karl IV., dem Kaiser von jenseits der Alpen, die Existenz der Hohen Schule verdankte.

Mit einem kleinen Gefolge zu Pferd ritt der Vizedom Enrico Visconti daher; in zwei Kutschen erschienen die Herren vom Magistrat. Beritten waren wiederum Seine Magnifizenz der Rektor und einige weitere Würdenträger von der Hohen Schule. Dann kamen noch viele andere aus der Reihe der Noblen in der Stadt  – und ganz am Schluss näherte sich auf einem Esel der liebenswürdige Kartäusermönch Benedetto aus dem etwa sechs Meilen entfernten Kloster. Er sprach Deutsch, denn er stammte aus Uhldingen. In seinen jungen Jahren, als er noch ein Heißsporn gewesen war, hatte er eine Sühnefahrt ins Heilige Land unternehmen müssen und war danach von den Kartäuserbrüdern so liebevoll traktiert worden, dass er auf die Heimreise einfach vergessen hatte. Er freute sich wie ein kleiner Junge und umarmte die Fürstensöhne, wie wenn sie seine Schüler wären.

Herzog Christoph war von dem kleinen, rundlichen Mann sehr angetan und ließ sich mit ihm  – ungeachtet der Gegenwart der anderen Herrschaften – sogleich in ein längeres Gespräch ein. Das gefiel weder dem Hofmeister noch den beiden Brüdern, und den übrigen zur Begrüßung erschienenen Nobilitäten schon gar nicht. Ganz besonders indigniert gebärdete sich der Graf Visconti, der mit seinem vierzehnjährigen Sohn Ercole gekommen war und eine Art Verbrüderung der jungen Herren erwartet hatte, weil sie im großen Hörsaal der Hohen Schule gemeinsam auf einer Empore sitzen sollten. Er packte daher seinen Sohn und verließ mit tiefem Bedauern darüber, unaufschiebbare Geschäfte verrichten zu müssen, den Empfangssaal des benediktinischen Gästehauses.

Christoph, der sich mittlerweile mit dem Kartäuser in eine Fensternische zurückgezogen hatte, bemerkte das und sagte zum anderen: »Die scheinen etwas gegen mich zu haben. Ich werde mich in Zukunft bemühen müssen, seinen jungen schwarzen Gesellen etwas auffälliger zu bedienen!«

Der Mönch erwiderte: »Lieber Herr, fangt keinen Streit an! Die Visconti sind allesamt wie die Pflanze Mimosa.«

Darauf der junge Herzog: »Nein, anfangen werde ich nicht! Wenn mir aber einer von diesen lausigen Gesellen dumm kommt, ziehe ich ihm das Wams aus und versohle ihm das Gesäß, dass er acht Tage lang meint, ständig in einem Ameisenhaufen zu sitzen.«

»Darf ich Euch einen Rat geben, lieber Herr? Lasst es nicht so weit kommen! Besucht zunächst ein paar Wochen lang die Euch zugedachte Hohe Schule. Dann werdet Ihr sehen, dass Ihr mit dem Kauderwelsch, das sie dort reden, nicht zurande kommt. Verlasst darauf die Schule – wenigstens auf ein oder zwei Jahre – und besucht mich in der Kartause! Wir zwei werden dann – wie Euch der Augustiner geraten hat – Latein lernen, dass es eine Freude sein wird. Denn Latein ist die Sprache der Engel; nur die Erzengel geben sich etwas vornehmer: Sie reden Griechisch!« …

Der Krach von Pavia

Es kam anders, als sich’s der gute padre Benedetto vorgestellt hatte. Denn gleich am ersten Tag ihrer wissenschaftlichen Laufbahn mussten die drei Bayernprinzen feststellen, dass auf der ihnen zugedachten Empore in den ersten Reihen der junge Visconti und etliche seiner Freunde saßen und keinerlei Anstalten trafen, den weitaus ranghöheren Kameraden von jenseits der Alpen den Vortritt zu lassen.

Diese Ungezogenheit vermerkte sogar der sonst friedliebende Herzog Albrecht mit Befremden. Er sagte jedoch nichts, sondern setzte sich hintenan. Ebenso sein Bruder Wolfgang. Christoph dagegen verließ die Empore und kehrte in die Hofhaltung zurück, wo ihn der Baron Preysing nicht ohne Verwunderung empfing.

»Der fadenscheinige Bua von dem Visconti will uns tratzen!«, erklärte Christoph erregt und berichtete dann, was geschehen war.

Der Hofmeister versuchte den Vorfall herunterzuspielen und bemerkte, die Honoratioren der Stadt seien sich halt noch nicht so recht bewusst geworden, wer sich da bei ihnen einquartiert habe. Außerdem sei es für die älteren Herrschaften nicht ganz leicht zurückzustecken, angesichts des jugendlichen Alters ihrer bayerischen Gäste. Man müsse Geduld haben. Es werde sich gewiss noch alles einspielen.

Darauf zog sich Herr Christoph grollend wie ein mürrischer Hund in seine Gemächer zurück.

Baron Preysing spürte die dicke Luft, die sich da zu bilden begann, und suchte noch am Abend des gleichen Tages den Vizedom in seinem palazzo auf. Ihre Unterredung verlief in einem ruhigen Tonfall, doch der hohe Staatsbeamte erklärte klipp und klar, er sei nicht bereit, sich von einem Knaben  – selbst einem herzoglichen!  – beleidigen zu lassen. Damit scheiterten alle Vermittlungsversuche des Hofmeisters, der mit Bangen den nächsten Tagen entgegensah.

Um jedoch nicht ganz untätig zu sein, schickte er zwei Waffenknechte in die Kartause und bat den Bruder Benedetto zu sich. Der kam, und sie berieten die halbe Nacht.

Am anderen Morgen begaben sich die Herzogssöhne nicht zur Hohen Schule. Dafür ließen sich aber der von Preysing und Benedetto bei Seiner Magnifizenz dem Rektor anmelden. Der ließ sie unverzüglich vor und erfuhr dann mit ungeheucheltem Entsetzen, was sich auf der Empore abgespielt hatte. Und weil der Schulgewaltige sowieso schon ein gestörtes Verhältnis zum Vizedom hatte – der Sohn Ercole war geistig nicht sonderlich begabt  –, erklärte er mit sichtlichem Behagen, er werde den Fall unverzüglich dem herzoglichen Hofgericht in Mailand melden.

Eine Woche später erschien vor dem Gästehaus ein schmucker Herr und bat, bei den jungen Herzögen vorgelassen zu werden. Es war ein neuer Vizedom!

Er entschuldigte sich im Namen seines Herzogs Francesco Sforza und lud sie zu einem divertimento in den palazzo ein  – den sein Vorgänger Visconti bereits geräumt hatte.

Tage danach besuchten die bayerischen Fürstensöhne wieder die Hohe Schule, betraten auch die Empore, die ihnen fortan niemand mehr streitig machte.

Enrico Visconti besaß außerhalb der Stadt ein Landgut von beachtlicher Größe, die Villa Celimontana. Dorthin hatte er sich mit seiner Familie zurückgezogen. Der Sohn Ercole besuchte die Hohe Schule nicht mehr, sondern wurde von Hauslehrern unterrichtet. Diese saßen mit am Futtertrog des Herrn und mussten darum auch seine Ansichten teilen, vor allem die feindseligen.

So kam es, dass auf dem Gutshof des abgesetzten Vizedom in langen Beratungen und geheimen Zusammenkünften mit anderen Unzufriedenen ein Komplott gegen diese bayerischen Eindringlinge geschmiedet wurde – ein geradezu teuflischer Plan, der sogar Mord und Totschlag mit in Betracht zog. Das Vorhaben wurde dadurch begünstigt, dass mit Beginn des Jahres 1461 Herzog Christoph den Besuch der Hohen Schule aufgab und wöchentlich einige Male zum Kartäuserkloster hinausritt …

Und so geschah es eines Abends im März  – Pater Benedetto hatte seinem herzoglichen Schüler nach dem Lateinunterricht noch einige Episoden aus der römischen Geschichte erzählt –, dass in dem Pinienwäldchen gleich hinter der Kartause fünf vermummte Gesellen aus den Büschen auf den Weg herausstürzten und dem Ross des gelassen vorbeireitenden Herzogs Christoph in die Zügel fielen. Einer packte ihn am Bein und versuchte, ihn aus dem Sattel zu reißen. Als dies nicht gelang, stach er mit einem kurzen Messer auf ihn ein. Der junge Fürst ergriff seinen Katzbalger und versetzte dem Bedränger einen Hieb, der dessen Kopf nur streifte, ihn aber in die Flucht schlug. Mit einem zweiten Hieb streckte Christoph einen der Zügelhalter nieder; dabei bäumte sich sein Ross auf und trat mit den Vorderbeinen einen anderen, der mächtig aufschrie und im Gesträuch verschwand. Während sich darauf zwei an den Schwertarm des Herzogs hängten, schwang er sich aus dem Sattel, trat den einen in den Unterleib und fuhr dem anderen mit der Faust derart ins Gesicht, dass beide einige Schritte zurücktaumelten und schließlich am Wegrand liegen blieben.

Das alles war so rasch vor sich gegangen, dass sich der junge Herr selbst wunderte. Er schaute sich deshalb noch ein paarmal um, ob nicht noch einer käme. Doch es blieb ganz ruhig in dem Wäldchen. So saß er denn wieder auf und ritt heim.

Er ließ sich zunächst das blutende Bein verbinden und meldete dann den Überfall seinem Hofmeister. Der rief sogleich die beiden anderen Herzogssöhne herbei. Er schlug ihnen vor, über das ganze Ereignis strengstes Schweigen zu wahren, bis man von irgendeiner höheren Stelle der Stadt auf sie zukäme. Denn die Angelegenheit sei viel zu peinlich und brisant, als dass die Honoratioren sie unter den Teppich kehren würden.

Tatsächlich meldete sich um die Mittagsstunde des anderen Tages der neue Vizedom beim Baron von Preysing und bat untertänigst um eine genaue Darstellung des Sachverhalts. Der Hofmeister seinerseits konnte außer der traurigen Tatsache nichts weiter berichten, ersuchte aber mit eindringlicher Höflichkeit um lückenlose Aufklärung und Ahndung des unerhörten Vorfalls.

So als ob nichts geschehen wäre, ritt Herr Christoph am Nachmittag wieder zu der Kartause hinaus; nur ließ er sich von Ekbert vom Kirnstein begleiten. Eine weitere Begleitung – die allerdings auf Distanz bleiben sollte – hatte der Hofmeister angeordnet: zwei kräftige Waffenknechte.

Als die beiden Jünglinge beim Bruder Benedetto eintraten, wurden sie sogleich mit einer Menge von Fragen überschüttet: Was es denn da gestern zur Nacht im Pinienwald gegeben habe? Ob der junge Herzog etwa in eine Schlägerei verwickelt gewesen sei? Fünf junge Burschen hätten nämlich gegen Mitternacht an der Pforte des Klosters um Hilfe gebeten, weil Fremdlinge aus dem Hinterhalt über sie hergefallen seien und sie mit Schwert und Dolch traktiert hätten. Sogar Herr Ercole, der Sohn des vorigen Herrn Vizedoms, sei von einem mit scharfer Klinge angerannt worden und habe dabei sein linkes Ohr verloren.

Herzog Christoph grinste: »Schade um das Ohr! Da hätte halt der liebe Herr Jesus hergehört, damit er’s dem lügnerischen Ercole wieder angeklebt hätte, so wie er’s seinerzeit im Ölgarten beim Knecht des Hohenpriesters gemacht hat! Auf dessen Ohr war ja der Herr Apostel Petrus scharf gewesen! – Und wo ist er jetzt, der Ercole?«

»Sein Herr Vater hat ihn und die anderen, die auch einiges mitbekommen hatten, heute in der Morgenfrühe bei uns abholen lassen.« Der Bruder sprach’s und war ganz aufgeregt; dann fuhr er fort: »Wir haben bisher so friedlich in unserer Einöde gelebt; jetzt aber scheint dieser Friede in Gefahr zu sein. Der Himmel wolle es verhüten!«

Herr Christoph begab sich darauf mit Bruder Benedetto in eine klösterliche Redestube und berichtete ihm den ganzen Hergang wahrheitsgetreu. Er fügte hinzu, dass es ihm leidtue, die Stille des Monasteriums gestört zu haben. Von nun an aber werde es nicht wieder geschehen, denn er werde künftig von seinem Freund Ekbert und einigen Waffenknechten behütet werden … Bei dieser Bemerkung konnte er ein leises Lächeln nicht unterdrücken.

Der fromme Bruder Benedetto aber war nicht auf den Kopf gefallen und machte sich auf die ganze Geschichte seinen eigenen Reim.

Enrico Graf Visconti, der wegen der bayerischen Herzogssöhne schon seine hohe Stellung verloren hatte, konnte diese zweite Schmach – die Verstümmlung seines Sohnes – nicht mehr verwinden. Er reiste mit dem Sprößling nach Mailand zu Francesco Sforza, dem Herzog. Dessen Frau Bianca Maria, war eine geborene Visconti, eine entfernte Verwandte von ihm. Er war sich bewusst, dass sich der erfolgreiche Kondottiere und Freund des französischen Königs kaum um Familienquerelen kümmern würde. Aber dieser allmächtige Gemahl seiner Schwester hatte ihn schon bei der Vizedom-Affäre abblitzen lassen, und daher hoffte er, wenigstens jetzt, wo bereits Blut geflossen war, von ihm nicht schmählich im Stich gelassen zu werden.

»Und was verlangst du von mir?«, fragte Francesco leicht verstimmt. »Soll ich dem Buben etwa eine Leibgarde stellen? Eine Palastwache vor eurer Villa Celimontana? Oder gar ein Kontingent Landsknechte aus Schwaben? Wenn du sie bezahlst, lasse ich sie jederzeit kommen!«

Zerknirscht und Ergebenheit heuchelnd erwiderte der Graf: »Aber sagt doch, Herr Vetter, wo kommen wir denn hin, wenn es diesen hergelaufenen Bajuwaren freisteht, die adlige und bürgerliche Jugend unseres berühmten Gemeinwesens nächtens ungestraft an Leib und Leben zu schädigen und überhaupt die schöne, gewachsene Ordnung unserer Stadt über den Haufen zu werfen? Wir bitten inständig, dass du den Vizedom beauftragst, die Störenfriede zu bestrafen, wo nicht gar des Landes zu verweisen!«

Diesen letzten Worten merkte man die kochende Wut des Sprechers an, die natürlich auch dem Herzog nicht verborgen blieb. Doch er antwortete voll Überdruss nur: »Lass mich mit dergleichen Lausbübereien in Ruhe! Jedenfalls werde ich Erkundigungen aus Pavia einziehen!«

»Warum erst Erkundigungen, Herr Vetter? Der Zustand meines Sohnes hier beweist doch zur Genüge die Ruchlosigkeit dieser nordischen Eindringlinge! Gib mir einen Strafbescheid mit, und wir werden dich nicht weiter belästigen!«

»Einen Strafbescheid nicht, doch werden wir die jungen Herzöge in unsere Residenz einladen und mit ihnen in aller Ruhe den Fall besprechen, damit Pavia wieder zu seinem gerechten Schlaf kommt! Lass uns deinen Sohn als Zeugen hier!«

»Das wird sich nicht durchführen lassen! Er leidet Schmerzen und ist daheim in ärztlicher Behandlung!«

Diese Antwort des Grafen Visconti kam so blitzartig, dass dem Herzog die ganze Geschichte plötzlich verdächtig schien. Er schaute den mit verbundenem Kopf jämmerlich dastehenden Ercole eine Weile an und sagte dann sehr bestimmt: »Ich will, dass er hierbleibt! Schließlich haben wir in Mailand ebenfalls Physici, die rauflustige Bengel verarzten können!«

Damit war die Unterredung im Herzogshof zu Mailand beendet. Enrico Visconti reiste nach Pavia zurück; sein Sohn Ercole begab sich zu Frau Bianca Maria, seiner entfernten Verwandten, um auf die Ankunft der Bayernprinzen zu warten.

Seiner Ehe mit Bianca Maria aus dem Haus der Visconti verdankte Francesco Sforza seine Herrschaft über Mailand. Die Herzogin war eine stolze und schöne Frau. Ebenso schön  – wenn nicht noch schöner und zugleich wilder – war das Töchterlein Isamiranda. Das edle Fräulein war vierzehn Jahre alt und in allen Verführungskünsten bereits sehr versiert. Sie schien schon jetzt einen nicht geringen Fundus von Erfahrungen im Umgang mit Männern zu besitzen. So lag es schier auf der Hand, dass sich das Mägdlein des in allen Stücken wohlgewachsenen Ercole gern annahm, um ihn in seinen Schmerzen und sich selbst in der höfischen Einsamkeit zu trösten. Dergleichen Tröstungen waren ihr bisher stets vortrefflich gelungen, sodass sie auch jetzt sofort und mit voller Kraft die Eroberung des etwas tölpischen Verwandten in Angriff nahm. Nur eines störte sie: War er denn so schwach, dass diese bayerischen Gesellen ihn derart hatten zurichten können?

»Oder waren diese jungen Herzoge dir so überlegen?« Sie stellte die Frage mit einem listigen Hintergedanken: denn waren sie wirklich so überlegen, dann lohnte es sich, ihre Ankunft in Mailand abzuwarten; ein Spielchen mit Ercole wäre da bloß vergeudete Kraft gewesen.

Ercole erkannte die Waage, erkannte auch die Waagschalen: hie er, hie die Bayern. Darum begann er jetzt ein Heldenlied auf seine eigene Person zu singen: Mit vier Freunden habe er einen Spaziergang zur Kartause gemacht, um sich mit padre Benedetto über den berühmten Klosterkaplan und Maler Filippo Lippi zu unterhalten. Man erzähle sich nämlich, dass dieser Madonnenmaler mit einer Novizin vor drei Jahren einen Sohn gezeugt habe. Und sie hätten wissen wollen, ob dieses Gerücht auf Wahrheit beruhe. Als sie schließlich kurz vor dem Monasterium bei angebrochener Nacht in ein Pinienwäldchen eingebogen seien, habe sie eine Horde wüster Gesellen, mindestens zehn an der Zahl, hinterrücks überfallen. Sie hätten sich zwar wacker geschlagen und gewehrt – er selber habe sogar einen Reitknecht in die Schenkel gestochen. Da sei aber plötzlich einer von einem Baum herabgesprungen und habe einen Streich auf sein Haupt geführt. Das abgehauene Ohr sei das Resultat.

»Und die anderen, deine Freunde?«, fragte Isamiranda. »Sind sie dir nicht beigesprungen?«

»Wie hätten sie mir beispringen können, wo sie selber in Nöten waren!«

»Und du glaubst, es seien diese Bayern gewesen, die mein Herr Vater jetzt nach Mailand bestellen will?«

»Wir haben die anderen in der Düsternis des Wäldchens nicht recht erkannt; doch der eine, den ich gestochen habe, soll ein Herzog gewesen sein  – und soll es auch bereits zugegeben haben.«

»Nun sagtest du aber vorhin, es sei ein Reitknecht gewesen, den du gestochen hast – jetzt war es auf einmal ein Herzog!«

Leicht verlegen erwiderte Ercole: »Es war schon düster, Isamiranda, schon fast finster! Wie hätte man da einen erkennen sollen!«

Das Mädchen schwieg eine Weile. Dann sagte sie: »Und wenn es andere waren? Burschen aus Eurer Gegend?«

Entrüstet antwortete Ercole: »Aber der eine hat’s doch zugegeben!«

Damit war das Gespräch, das eigentlich kein tröstliches gewesen war, zu Ende. Isamiranda ging.

Inzwischen war ein reitender Bote mit der Einladung an die Hofhaltung der bayerischen Prinzen von Mailand nach Pavia abgegangen. Als der Freiherr von Preysing das in wohlwollenden Worten gehaltene Schreiben gelesen hatte, ahnte er wohl, dass es um das Abenteuer des Herzogs Christoph ging, sagte aber den jungen Herren davon nichts. Sie sollten völlig unvoreingenommen und unbeeinflusst dem Herzog Sforza gegenübertreten können; und wenn der ein Menschenkenner war – was man ihm nachrühmte –, dann musste die Wahrheit an den Tag kommen. Und dass die Wahrheit auf der bayerischen Seite lag, war dem Hofmeister klar.

Er stellte also einen kleinen Reiterzug zusammen: Drei Lanzenreiter sollten je einen der jungen Herren begleiten; er selbst wollte mit dem Kirnsteiner den Zug eröffnen; padre Benedetto sollte ihn beschließen. Den Kartäusermönch nahm man vor allem aus Gründen der sprachlichen Verständigung mit. Ein welscher Bote wurde angemietet, um stets einen Tag voraus zu sein und die Bayern in der Mailänder Residenz anzumelden.

Darauf verließen sie Pavia und kamen zu Beginn der Pfingstwoche in Mailand an, wurden auch sofort im herzoglichen Gästehaus untergebracht  – besser untergebracht als bei den Benediktinern in Pavia. Am anderen Morgen ließ Herzog Francesco Sforza anfragen, wann er seine jungen Gäste begrüßen dürfe.

Und dann kam er, begleitet von der herrlichen Gemahlin Bianca Maria und dem lieblichen Töchterlein Isamiranda. Nach ein paar üblichen Floskeln des Willkommenheißens und Dankesagens erklärte die Herzogin, dass sich die Wittelsbacher und die Visconti gar nicht so fremd seien, hätte doch eine ihrer Ahnfrauen, Thaddäa Visconti, nach Ingolstadt geheiratet und sei die Mutter des großartigen Ludwig des Gebarteten sowie der sündhaft schönen Isabeau de Bavière gewesen, der späteren Königin von Frankreich.

»Und nicht nur das, Hohe Frau!«, erwiderte Herzog Christoph. »Unsere Großmutter Elisabeth entstammte ebenfalls dem Hause der Visconti!«

Das Gespräch verbreitete sich eine Weile über diese dynastischen Beziehungen, bis Herzog Francesco die günstige Minute wahrnahm und meinte: »Weil wir gerade bei den Visconti sind, darf ich in aller Freundschaft fragen, was es denn mit Ercole, dem Sohn eures vormaligen Vizedoms von Pavia, gegeben hat; hier am Hofe schwirren die wildesten Gerüchte herum. Und mir ist nichts mehr zuwider als unterschwellige Feindseligkeiten.«

Da erhob sich Herzog Christoph: »Zwar weiß ich nicht, Herr, was bei euch herumschwirrt; wenn es aber darauf hinausläuft, mir einen Strick zu drehen, dann bitte ich um eine hofgerichtliche Untersuchung!«

»Mein lieber junger Vetter«, erwiderte der Kondottiere, »das ist es ja gerade, was ich vermeiden möchte! Außerdem bin ich weit entfernt zu glauben, Ihr hättet das Gastrecht missbraucht. Aber ich will klar sehen!«

Nun berichtete Herr Christoph, unterstützt vom Kartäusermönch Benedetto, die Dinge so, wie sie sich zugetragen hatten. Er beschönigte nichts, hatte ja auch nichts zu beschönigen. Er gestand aber gern, infolge der allzu plötzlichen Überrumpelung in der Abwehr der fünf Angreifer etwas zu weit gegangen zu sein. Dass er dabei dem jungen Grafen Visconti ein Ohr abgehauen habe, bedauere er sehr, könne es aber nicht ungeschehen machen. Zu einer Sühne irgendwelcher Art sei er nicht bereit – es sei denn, der junge Herr fordere ihn zu einem Waffengang. Einem solchen sehe er mit Zuversicht entgegen.

Der Herzog und all die anderen im Saal waren von der klaren Darstellung und Aussage Christophs sehr angetan.

Der Hofmeister von Preysing erlaubte sich noch hinzuzufügen, dass er eine gewisse Abneigung des jungen Visconti den Herzogssöhnen gegenüber feststellen könne. Vielleicht sei sie auf den Streit um den Vorrang auf der Empore der Hohen Schule zurückzuführen.

»Als ob ihnen dieser Vorrang nicht zustünde!«, donnerte da Herr Francesco und befahl mit der gleichen Lautstärke, den jungen Grafen Ercole vorzuführen.

Der wurde blass, als er den Saal betrat und die Augen aller auf sich gerichtet sah. Und was für Augen! Höchstens dass Bianca Maria zu ihm halten würde, vielleicht noch ihre Tochter Isamiranda. Die anderen konnte er vergessen, sogar den padre Benedetto; den hatte er ja am kräftigsten hinters Licht geführt.

Francesco wies Ercole in die Mitte des Raumes und befahl ihm, das Gesicht den ringsum Sitzenden zuzuwenden. Dann fragte er: »Erkennst du unter diesen jungen Männern hier den einen oder anderen derer, die euch im Pinienwald nahe der Kartause überfallen haben?«

»Ja, Herr Francesco, den da! Den mit dem Katzbalger! Damit hat er mir das Ohr abgehauen! Ich habe ihm sogar den Schenkel zerstochen! Er hat’s zugegeben!«

»Wie konntest du ihm den Schenkel zerstechen, wenn er – wie du dieser Tage erzählt hast – auf dem Baum saß? Oder hast du ihm den Schenkel zerstochen, nachdem er herabgesprungen war und dir schon das Ohr abgehauen hatte? Und wenn ja, wie bist du da ausgerechnet an seinen Schenkel hingelangt, wo du doch länger bist und zudem in der Finsternis niemand anderen von den zehn Gesellen, die euch überfallen haben, erkannt hast?«

Das waren ganz ungemütliche Fragen, die da der Herzog seinem entfernten Verwandten stellte und die der nicht beantworten konnte.

»Nun gut!«, fuhr Francesco Sforza fort. »Dann wollen wir deine Mitwisser befragen, die sich um die Sittengeschichte unseres Meisters Filippo Lippi bemüht haben. Auch sie werden gewiss einiges über die Anzahl Eurer Bedränger auszusagen wissen; denn schließlich sind zehn Bedränger mehr als ein einziger! Wir werden also diese jungen Herren kommen lassen.«

Da brach der Jüngling Ercole Visconti in sich zusammen. Er drehte sich um, warf sich vor dem Herzog auf die Knie nieder und sagte in müdem Tonfall: »Herr Francesco, es war ganz anders!«

Während einige Tage später die Bayernprinzen – und auf einem anderen Weg der junge Visconti – nach Pavia zurückkehrten, heulte das Mägdlein Isamiranda in ihrer Kammer und verfluchte  – wieder einmal!  – die Wetterwendigkeit der Männer …

Beim Heiligen Vater

Es ist nicht erwiesen und geht aus keiner welschen Chronik eindeutig hervor, dass Herzog Christoph gemeinsam mit seinem Freund Ekbert vom Kirnstein die Adelssöhne von Pavia wie ein aufgescheuchtes Hühnervolk durch die Gassen der Stadt gejagt haben soll. Viele Zeitgenossen haben es jedoch behauptet.

Für diese Version spricht auch, dass der neue Vizedom etwa zwei Jahre nach den erwähnten Ereignissen den bayerischen Hofmeister von Preysing gebeten hat, mit den beiden jungen Herren eine Reise zum Herrn Papst Pius II. nach Rom zu unternehmen, um vielleicht durch das Oberhaupt der Kirche einen »Gesinnungswandel« bei ihnen herbeizuführen.

Die beiden scheinen sich demnach in der Universitätsstadt nicht so benommen zu haben, wie man es von jungen Leuten ihres Standes erwartete.

Gesinnungswandel!

Allerdings hätte der Hofmeister dieser Bitte sicher nicht entsprochen, wenn er nicht selbst von der Sinnlosigkeit eines Studiums dieser beiden jungen Herren überzeugt gewesen wäre – was ihm übrigens auch Seine Magnifizenz der Rektor versichert hatte: Sie seien faul und nur auf Streit aus!

Er versuchte nun – gemeinsam mit dem Vizedom –, die Wege zum Papst in die Ewige Stadt zu ebnen. Sie wussten, dass Pius vormals jahrelang als kaiserlicher Sekretär in Wien gelebt und stets auch eine große Vorliebe für Bayern gehegt hatte: Gebe Gott, dass es ihm gelingt, den »Gesinnungswandel« zu bewirken!

Mit zehn aufgeputzten Waffenknechten ritten sie im Frühjahr 1463 dahin und kamen gut gelaunt in Rom an.

Papst Pius hatte bereits verkündet, er setze hohe Erwartungen in eine Zusammenkunft, sodass man beiderseits auf eine freundliche Audienz hoffen durfte. Zudem war mit nennenswerten Verständigungsschwierigkeiten nicht zu rechnen, hatte es doch der Herzog inzwischen zu einer sehr beachtlichen Kenntnis der welschen und sogar der lateinischen Sprache gebracht, und auch Pius II. rühmte sich, von seiner Wiener Tätigkeit her noch mit ein paar deutschen Brocken aufwarten zu können.

Der Empfang im päpstlichen palazzo war eines Fürsten würdig. Und als der Heilige Vater, eine kleine, spritzige Gestalt, aus dem Hintergrund des Audienzsaales mit einer Gruppe geistlicher Würdenträger hervortrat, strahlte er übers ganze Gesicht und begann sofort zu reden: »Meinen liebsten Gruß und meinen apostolischen Segen dir, du junger Prinz von Bayern, und allen, die mit dir sind! O ihr Bayern! Ihr bewohnt ein hochkultiviertes Gebiet mit ausgedehnten und ansehnlichen Provinzen und so vornehmen Städten, dass ich durch ganz Europa keine einzige wüsste, die über die euren den Sieg davontrüge! Und euer Regensburg! Der einstige Sitz jenes berühmten Philosophen Albertus Magnus, eine glorreiche Stadt am Ufer der Donau! Dort pflegen doch die deutschen Kaiser bisweilen ihre Reichstage zu halten. Als ich damals – zwanzig Jahre ist’s her – zum Kloster des heiligen Emmeram kam, zeigte mir der daselbst residierende Abt ein Reliquiengrab und behauptete, es läge der heilige Dionysius darin: Ich musste lächeln und erklärte, dass ich doch den Leib dieses Heiligen in Paris gesehen hätte. Da zog aber der Abt ein Schreiben des Papstes Leo hervor. Darin bestätigte dieser Papst, es habe der Kaiser – besinne ich mich recht, so war es einer der Heinriche –, es habe also dieser Kaiser bei einem Besuch am französischen Königshof die Gebeine des heiligen Dionysius so ganz einfach mitgehen lassen. Und der würdige Abt bezeichnete das – sehr heiter! – als einen frommen kaiserlichen Diebstahl. – Siehst du, geliebter Prinz von Bayern, auch solches geschieht in der heiligen Kirche Gottes!«

Da gab es ein würdevolles Grinsen auf allen Gesichtern ringsum, das Pius genüsslich entgegennahm. Dann fuhr er fort: »Und nun zu dir selbst, Herzog Christoph! Ich höre, dass du mit deinem Freund unsere schöne Stadt Pavia unaufhörlich in Aufruhr versetzest. Sag mir, warum! Denn wisse, auch ich war in meiner Jugend kein Heiliger, sondern habe bisweilen die wildesten Dinge gedreht. Rede zu mir, wie du zu deinem gottseligen Vater geredet hast, dem ich übrigens begegnet bin, als er noch mit der schönen Agnes Bernauerin auf der prächtigen Vohburg gelebt hat.«

Herzog Christoph verneigte sich: »Heiliger Vater, du sollst alles wissen! Da ist nämlich gar nicht viel zu sagen. Weil ich der vorletzte unter uns fünf Brüdern bin, wollen sie, dass ich mich dem geistlichen Stand widme, um einmal ein fetter Bischof zu werden. Das schmeckt mir nicht!«

Der Papst nahm die Hand des Prinzen: »Auch mir – in deiner Lage – würde das nicht geschmeckt haben! Und überhaupt: Das Feilschen um kirchliche Pfründen, das bei den Fürsten so beliebt ist, betrachte ich als ein Krebsübel in der Kirche. Gleichwohl, mein lieber Sohn, musst du dich schon fragen lassen – und das gilt auch für dich, junger Ritter!« – so wandte er sich jetzt auch an Ekbert – »ihr müsst euch also fragen lassen, wie ihr euch euer künftiges Leben vorstellt. Gewiss, ihr seid starke Recken vor dem Herrn! Aber wollt ihr eure kommenden Mannesjahre nur im Harnisch mit Schwert und Streitkolben verbringen? Ein Fürst oder ein Ritter von Bayern mit dem Katzbalger in fremder Herren Diensten?«

Herr Christoph erwiderte mit einem leichten Vorwurf in der Stimme: »Du hast gut reden, Heiliger Vater! Rate uns lieber!«

Pius zögerte eine Weile, dann aber streckte er seine zierliche Gestalt und sprach: »Viellieber Herzog Christoph, wäret ihr nicht noch halbe Kinder, ich würde euch für meinen Kreuzzug begeistern!«

»Ins Heilige Land?«, fragte Ekbert hastig.

»Ins Heilige Land! Gegen die Heidenvölker, die die ehrwürdigen Stätten, auf denen unser Herr und Heiland gewandelt ist, schmähen und die christlichen Pilger, die es besuchen, bis aufs Blut quälen, in die Sklaverei verkaufen oder töten. Gegen sie plane ich einen Kreuzzug.«

»An uns läge es nicht, Heiliger Vater! Aber wie du schon selber sagtest: Uns fehlen die Jahre!«

»Du sagst es! Und darum rate ich dazu, dass ihr die diplomatische Laufbahn einschlagt. Ihr sprecht für eure Jahre ein vortreffliches Latein und wärt daher geeignet, in den Audienzsälen aller Herrscher des Abendlandes zu glänzen.«

»Du magst recht haben, Heiliger Vater!«, erwiderte der Herzog. »Nur ziehen wir es halt vor, strittige Dinge mit der Schneide des Schwertes und nicht so sehr mit den Waffen des Wortes zu entscheiden …«

Ekbert unterbrach den Satz des Freundes und sprach: »… zumal mit den Waffen des Wortes manch Falsches zu einer scheinbaren Wahrheit umgemünzt werden kann!«

»Ich verstehe dich, mein bester Sohn! Und darum müssen wir eure Zukunft dem lieben Herrgott und euren weiteren Jahren anheimstellen! Auf jeden Fall werdet ihr Zeit eueres Lebens – und natürlich auch meines Lebens! – in mir einen aufgeschlossenen Freund haben!«

»Gott geb’s!«, sagte der Hofmeister, und alle knieten sich zum Empfang des päpstlichen Segens auf den kühlen Marmor nieder.

Mehr hat der Besuch in Rom nicht gebracht.

Nach einem Gang über das Forum Romanum und durch das Colosseum kehrten sie auf dem gleichen Weg wieder nach Pavia zurück. Die Hitze in Rom und das unaufhörliche Geschrei der Römer auf Gassen und Straßen hatte ihnen nicht behagt.

Aber auch im Gästehaus der Benediktiner litt es die beiden nicht mehr. Denn die Auseinandersetzungen mit der jungen Nobilität von Pavia waren ihnen durch die Begegnung mit dem Papst verleidet, und immer nur in der Kartause Latein zu lernen, das langweilte sie auf die Dauer. So setzte sich dann Herr Christoph eines Tages hin und schrieb an seine regierenden Brüder Johann und Sigmund in München einen Brief:

Vielliebste Gebrüder. Wir seind ad studia profunda nimmer geschaffen, und wo Wir’s angreifen, erfolgt Uns kein Segen darin. Bleiben demnach ein frumm tapferer Fürst und dabei gläubiger Christ. Vonwegen der gelahrten Beweise aber und weiteren Gesetze lassen Wir andere walten und sich die Köpf zerbrechen. –

Hie ist’s Uns zuwider und Unseres Bleibens nimmer. Greift nun wohl in den Säckl – wie’s Gebrüdern ziemt –, dass Wir dann mit Ehren hier davonkommen!

Christophorus dux.

Die regierenden Herren hatten ein Einsehen und schickten ihm das Zehrgeld für die Heimkehr.

Es hat den Anschein, als sei der brave Baron von Preysing recht froh darüber gewesen, die Störenfriede loszuwerden, denn er beeilte sich mit der Bereitstellung des Personals und der nötigen Gerätschaften für die Rückreise: zwei Kastenwagen mit Betten und Gewand; ein Waschweib; ein gereifter Kuchljunge; Jakob von Massenhausen, ein Hofherr, der dem ganzen Zug das fürstliche Gepräge geben sollte; und fünf Waffenknechte. Am Schluss ritten Herzog Christoph und der Edelknabe Ekbert vom Kirnstein.

Die Heimfahrt und der Bär

In den fast drei Jahren ihres gemeinsamen Aufenthaltes im Welschland waren die beiden jungen Herren Christoph und Ekbert nicht nur enge Vertraute, sondern sich auch ähnlich geworden. Jedermann hätte sie als Brüder angesehen. Dazu kam, dass der Herzog eben jetzt eine letzte Trennwand zwischen ihnen beseitigt hatte: Sie redeten sich nunmehr mit einem freundschaftlichen Du an.

An einem noch warmen Herbsttag des Jahres 1463 verließ das Geleit ohne viel Aufhebens die Stadt der Hohen Schule. Herr Christoph hatte sich von niemandem verabschiedet außer von Bruder Benedetto; das sollte der Preysing regeln! Doch als sie in die Fuhrmannsstraße auf Trient zu eingeschwenkt waren, siehe, da kam ihnen Ercole Visconti mit einer Gruppe von allzu modisch gewandeten jungen Herren entgegengeritten.

Da war es, als ob sich zwei Fleischhackerhunde begegneten.

Herr Christoph rief: »Himmel, Herrgott! Da hätt ich doch fast vergessen, mich zu verabschieden!«, zog seinen Katzbalger und rannte geradewegs gegen den jungen Edelmann an, der eine Samtkappe über das fehlende Ohr gestülpt hatte. Und während er ihn heftig mit der flachen Klinge verdrosch, beteuerte er einige Male: »Nein, dein zweites Ohr sollst du ruhig behalten, lausiger Gesell! Ich schenke dir nur noch etliche blaue Flecken dazu! So wird dich die schöne Isamiranda zu Mailand besser aus der Schar ihrer Verehrer herauskennen!«

Nachdem er eine ordentliche Tracht Hiebe bezogen hatte, ergriff der andere die Flucht; seine Freunde folgten ihm, sodass man die peitschenden Schweife ihrer Rösser bald im Staub der Ferne verschwinden sah.

»Das war mir ein Herzensbedürfnis!«, sagte der junge Herr zu Jakob von Massenhausen, dem Hofmann, der immer noch staunend dastand. »Es ist nichts ungezogener, als wenn man beim Auszug aus einer Stadt das Gefühl hat, Schulden hinterlassen zu haben! Fortan werde ich viel ruhiger schlafen!«

»Das gebe Gott!«, erwiderte der Hofherr.

Sie kamen nach Trient und bogen dann bei Bozen in das Eisacktal ein. Das Neue Stift bei Brixen zog den Herzog mächtig an wegen des Herrn Gundekar. Von ihm wollte er sich, ehe er in sein Heimatland käme, noch ein paar kluge Worte über seine mögliche Zukunft sagen lassen.

»Ich bewundere Euch, junger Fürst, dass Ihr Euch von den anderen abgesetzt habt. Denn es ist heilsam, einzusehen, dass man in die falsche Richtung geht; aber ein Meisterstück ist es, sofort umzukehren. Die Selbstachtung ist nämlich der Nährboden der charakterlichen Eleganz. Wie viele sind wohl schon gestorben und haben die edlen Züge ihres Charakters unentdeckt mit ins Grab genommen!  – Und wie sind Euch die paar Jährlein zu Pavia vergangen?«

»Ich habe  – Eurem Rat gehorchend  – Latein gelernt; alles andere hat mich nicht angefochten.«