11,99 €
Martin Heidegger gilt als einer der bedeutendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts. Thomas Steininger wirft im Gespräch mit Jens Heisterkamp einen neuen Blick auf Heideggers Impulse. Er will dessen Philosophie für ein gegenwärtiges, dialogisches Bewusstsein fruchtbar machen, das uns aus dem Zustand der Getrenntheit zu neuer Ursprünglichkeit führen kann. Dazu zeigt er bei Heidegger Parallelen zur Philosophie des Zen, zur Mystik eines Meister Eckhart und zum Daoismus auf, immer verbunden in dem Ansatz, unser dualistisches Subjekt-Objekt-Denken zu überwinden. Der Autor bringt dabei die Dringlichkeit eines Bewusstseinswandels zur Sprache, dessen Notwendigkeit sich angesichts der Krisen unserer Zeit deutlich zeigt. /// Zitat: „Heidegger denkt einen Denkweg und kein Denksystem. Er fragt das Frag-würdige, wie er sagt, und will sehen, was sich beim Fragen ergibt.“
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 62
Veröffentlichungsjahr: 2025
Thomas Steininger
Das Ereignis des Seins
Martin Heideggers Philosophie als Potenzial einer neuen Bewusstseinskultur
ISBN E-Book 978-3-95779-226-6
ISBN gedruckte Version 978-3-95779-225-9
Diesem E-Book liegt die erste Auflage 2025 der gedruckten Ausgabe zugrunde.
E-Book-Erstellung: CPI books GmbH, Leck
Erste Auflage 2025
© Info3 Verlagsgesellschaft Brüll & Heisterkamp KG
Frankfurt am Main, 2025
Lektorat: Jens Heisterkamp, Frankfurt am Main
Satz: Ulrich Schmid, de∙te∙pe, Aalen
Cover: Frank Schubert
Info3 Verlag
Kirchgartenstraße 1, 60439 Frankfurt am Main
Tel. 069 58 46 47, E-Mail: [email protected]
www.info3.de
Martin Heidegger gilt als einer der bedeutendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts. Thomas Steininger wirft im Gespräch mit Jens Heisterkamp einen neuen Blick auf Heideggers Impulse. Er will dessen Philosophie für ein gegenwärtiges, dialogisches Bewusstsein fruchtbar machen, das uns aus dem Zustand der Getrenntheit zu neuer Ursprünglichkeit führen kann. Dazu zeigt er bei Heidegger Parallelen zur Philosophie des Zen, zur Mystik eines Meister Eckhart und zum Daoismus auf, immer verbunden in dem Ansatz, unser dualistisches Subjekt-Objekt-Denken zu überwinden. Der Autor bringt dabei die Dringlichkeit eines Bewusstseinswandels zur Sprache, dessen Notwendigkeit sich angesichts der Krisen unserer Zeit deutlich zeigt.
Dr. Thomas Steininger wurde in Linz geboren und studierte Philosophie an der Universität Wien mit den Schwerpunkten Bewusstseinsentwicklung und soziale Evolution. Er lebt heute in Frankfurt am Main und ist Herausgeber der Zeitschrift evolve sowie Gründer und Moderator des Webradios Radio evolve. Er ist außerdem Mitinitiator von One World in Dialogue, einer globalen Initiative für den Dialog der Kulturen. Gemeinsam mit Elizabeth Debold entwickelte er die emergent dialogues, eine auf Wir-Felder orientierte Dialogform. Er ist Fakultätsmitglied an der Meridian University in Connecticut. Gemeinsam mit Sonja Student und Jens Heisterkamp gründete er 2006 die Herbstakademie Frankfurt.
„Heidegger denkt einen Denkweg und kein Denksystem. Er fragt das Frag-würdige, wie er sagt, und will sehen, was sich beim Fragen ergibt.“
Thomas Steininger
Vorbemerkung
I. Ausgerechnet Heidegger
II. Zwischen Nietzsche und den Göttern
III. Das Ereignis als Schlüssel
IV. Im Kraftfeld des Gevierts
V. Technik und Gelassenheit
Hinweise auf die Arbeit von Thomas Steininger
Dieser Text geht auf eine Reihe von Gesprächen zurück, in denen Thomas Steininger Einblicke in seine langjährige Auseinandersetzung mit der Philosophie Martin Heideggers gegeben hat. Dabei kommt neben vielfältigen geistesgeschichtlichen Bezügen immer wieder die Dringlichkeit eines Bewusstseinswandels zur Sprache, dessen Notwendigkeit sich angesichts der Krisen unserer Zeit deutlich zeigt. Im Zusammenhang dieses Wandels verbindet Thomas Steininger Heideggers Grundgedanken auch mit seiner eigenen Praxis des „Emergent Interbeing“, einer auf Gegenwärtigkeit bedachten Dialog-Kultur, in der es um eine Überwindung der gewöhnlichen, subjektiv abgegrenzten Erfahrungsform in einem gemeinsamen, höheren Bewusstsein geht. Zentrale Begriffe der Philosophie Heideggers zeigen so auf dynamische Weise ihre Relevanz für unsere Gegenwart.
Jens Heisterkamp hat diese Gespräche auf eine Anregung von Anna-Katharina Dehmelt hin durch Fragen angestoßen und anschließend in schriftliche Form gebracht. Dabei wurde der Charakter des Gesprächs nach Möglichkeit beibehalten.
Der Text wird hier nun einer interessierten Öffentlichkeit in der Hoffnung vorgelegt, dass im Werk Heideggers Impulse für eine neue Bewusstseinskultur fruchtbar gemacht werden können – ganz im Sinne seiner Aufforderung, dass andere das von ihm Angestoßene auf eigene Weise weiterdenken.
Wie bist du als junger Mensch in den 1980er Jahren auf das Thema Heidegger gekommen?
Da kann ich am besten mit meiner Dissertation beginnen, bei der es mir um eine Kritik der marxistischen Entfremdungstheorie ging. Weil ich selbst damals aus der marxistischen Ecke kam, war das für mich auch eine Phase der Selbstkritik. Ich wollte den Begriff der „Entfremdung“, der für mich damals ein wichtiges Kriterium darstellte, tiefer denken als es im Marxismus angelegt war, wo es nur um die Marktverhältnisse und den Verkauf der Arbeits kraft ging. Biografisch gesehen hatten bei mir auch schon einige Jahr Psychotherapie mit hineingespielt, die mich die Dinge anders als nur ökonomisch-politisch sehen ließen. Bei meinem Versuch, den Begriff der Entfremdung dann mehr tiefenpsychologisch zu fassen, spielte zunächst Maslow eine Rolle mit seiner Bedürfnis-Pyramide, dann Freud und schließlich auch C.G. Jung mit seiner ganz eigenen Betrachtung des Unterbewussten.
Während für Freud das Unterbewusste nur eine Region der Verdrängung aus dem Libido-Prozess darstellte, sah C.G. Jung hier eine eigene, über-subjektive Welt die ihre eigene archaische Wirklichkeit hat, die auch an die Welt der Mythologie grenzt. Damit öffneten sich für mich ganz neue Dimensionen.
In diesem Zusammenhang kam ich dann für mich ganz überraschend mit einem Buch von Hans Peter Hempel über Heidegger und Zen in Kontakt. Der Autor versuchte, die Erfahrung des Zen mit Heideggers Begriff des Seins zu verbinden. Die Bedeutung des Loslassens und der Nicht-Getrenntheit in der Meditationserfahrung sprach mich sehr an. Auch die Verbindung mit der Philosophie Heideggers fand ich hoch interessant und im Nachhinein muss ich sagen: In dem Thema steckte viel mehr Spannendes, als ich es zu Beginn erfassen konnte.
Diese Dimension einer Befragung, wo unsere abendländische innere Verfassung einer getrennten Identität verstanden werden will, erfährt bei Heidegger eine grundlegende bewusstseinsgeschichtliche – oder wie er selbst sagt: seinsgeschichtliche – Aufarbeitung. Die setzt ein mit der Darstellung einer indigenen, vor-subjekthaften Welterfahrung in der geschichtlichen Frühzeit, geht dann über zu der mit Platon einsetzenden dualistischen Erfahrung einer Ideenwelt auf der einen und der Welt der Abbilder auf der anderen Seite; sie geht dann weiter in die Erfahrung der modernen, vor allem mit Descartes verbundenen Trennung in Subjekt und Objekt und schließlich in das Bewusstsein des technischen Zeitalters. Das hat Heidegger dann eindrücklich kritisch behandelt.
Du hast also relativ früh bemerkt, dass Heideggers das von uns normalerweise vorausgesetzte Weltbild einer Trennung von Ich und Welt nicht als das allein gültige ansieht, dass es vielmehr zuvor – artikuliert von den vor-sokratischen Philosophen – ein anderes Weltverhältnis gab und dass es womöglich auch wieder ein anderes Weltverhältnis geben könnte. Das hat dich fasziniert – und es hat vermutlich manche Vorbehalte, die man auch schon damals gegen Heidegger haben konnte, zunächst in den Hintergrund treten lassen. Heidegger ist ja wegen seiner zwischenzeitlichen Verstrickung mit dem Nationalsozialismus bis heute umstritten. Warum also dieses Einlassen auf einen so deutschen Denker?
Ich bin nicht mehr ganz sicher, ob ich das von Beginn an so gesehen habe oder ob es sich erst langsam entwickelt hat, aber entscheidend wurde für meine Beschäftigung mit Heidegger, dass ich ihn in seiner Beziehung zum Nationalsozialismus als Symptom von etwas verstanden habe – nämlich als ein Symptom der Tragik der deutschen Geistesgeschichte in ihrem Verhältnis zur europäischen Aufklärung. Diese europäische Aufklärung ist ja zunächst primär eine Veranstaltung des englisch-französischen Rationalismus gewesen. Die Deutschen sind dann aufgrund ihrer historischen Verspätung in eine Situation geraten, wo sie ihre eigene Identität in einer Kritik an der Aufklärung gebildet haben. Deswegen hat dann auch die Romantik eine solche Prominenz in der deutschen Philosophie erlangt, die dem damals schon heraufziehenden naturwissenschaftlich dominierten Denken skeptisch gegenüberstand. In dieser Tradition stand auch Heidegger und diese Tradition ist leider auch anfällig für das, was Ken Wilber als die Prä-Trans-Verwechslung bezeichnet hat.
Womit gemeint ist, dass man in der Kritik von Aufklärung und Wissenschaft nicht in der Beibehaltung dieser Qualitäten über sie hinausgeht, sondern wieder hinter sie zurückfällt.
In diesem Spannungsfeld sehe ich persönlich Martin Heidegger – das ist jetzt sehr zugespitzt formuliert – als einen tragischen Helden. Ein Held, der sich biografisch der Versuchung der Macht nicht entziehen konnte. Er sah zu Beginn des Nationalsozialismus seine Chance, sich einzumischen, und wollte sie nutzen.
Seine Stunde schien gekommen, weil er mit dem Nationalsozialismus die Kritik an allem nur Intellektuellen teilte?
