Das Eula-Vermächtnis - Benjamin Stone - E-Book

Das Eula-Vermächtnis E-Book

Benjamin Stone

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Beschreibung

Somania, das stolze Wüstenreich im Süden von Estahron. Im Herzen des Landes befindet sich die Magierakademie von Karagnis, welche ein Zentrum ist, in der alle vier Magieschulen zusammenfinden und vereint werden. Alaria, eine junge und zugleich begabte Magierin, erzählt ihre Geschichte. Von Beginn ihrer Akademiekarriere, über die Geburt ihres ersten und einzigen Bruders, bis hin zu ihrem Aufstieg in der Magierakademie. Doch so stark und sicher das Reich Somania auch wirken mag, so ist es ebenso gefährdet zu fallen. Und zwar mehr denn je!

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Seitenzahl: 185

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Benjamin Stone

Das Eula-Vermächtnis

Somanias Erwachen

© 2020 Benjamin Stone

Verlag und Druck:tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN

Hardcover:

978-3-347-09697-4

e-Book:

978-3-347-09698-1

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

3. komplett überarbeitete Auflage

Buchcover: Shutterstock

Landkarte: Inkarnate

Korrektorat/Lektorat: Michael Hausheer

Figuren der Erzählung

Angehörige der Magierakademie von Karagnis:

Alaria Elmisari Variantis – Garka der Schutzzauberei

Lordan Variantis – Alarias Bruder, Auserwählter der Magierakademie von Karagnis

Laironus – Meister der Schutzzauberei

Xaomir – Meister der Natur- und Heilmagie

Hardo – Meister der Manipulationsmagie

Vilkurius – Meister der Illusionsmagie

Rarfi Rikras – Esma, Schüler der Natur- und Heilmagie, Lordans Freund

Travus – Mensch, Schüler der Natur- und Heilmagie, Lordans Rivale

Sonstige Figuren:

Die Herrscherin – Herrscherin von Somania

Wardem Laotim – König der Satirinsel

Prolog:Der tobende Sturm

Ihre Augen suchten Deckung hinter dem Robenärmel, den sie sich als Schutz vors Gesicht hielt. Der Sandsturm setzte ihr sehr zu und sie war bemüht, nicht die Orientierung zu verlieren. Sandkörner wurden durch den tobenden Sturm immer wieder in ihre Augen getrieben. Diese schmerzten und ihr kullerte sogar eine Träne über die Wange. Verzweifelt versuchte sie sich umzusehen. Sie hoffte inständig, dass sie bald eine Zuflucht finden würde. Eine Höhle oder eine Taverne. Sogar ein Freudenhaus wäre ihr recht gewesen, um vor dem Sturm fliehen zu können. Jeder Schritt ihrerseits fühlte sich an wie eine halbe Ewigkeit. Auch hoffte sie, dass sich der Sturm so bald wie möglich legen würde. Doch ihre Hoffnungen wurden im Keim erstickt. Er ließ nicht nach. Im Gegenteil, er wurde nur noch stärker und setzte ihr noch mehr zu. Während der Schmerz immer stärker und die Schritte nach und nach schwerer wurden, dachte sie mehrmals darüber nach, haltzumachen. Doch jedes Mal, kurz nachdem ihr diese Überlegung durch den Kopf schoss, löste sie sich von dieser mit der Hilfe eines anderen Gedankens. Nein, sie durfte nicht stoppen. Der Tod war ihr auf den Fersen und mit jedem Stillstehen kam dieser umso näher. Sie riss sich zusammen und kämpfte weiter gegen die Kraft des Sturms an. Als sie kurz davor war, ein weiteres Mal die Hoffnung zu verlieren, erspähte sie etwas in der Ferne. Es war nur schwer zu erkennen, da der Sandsturm eine klare Weitsicht beinahe unmöglich machte. Trotzdem gelang es ihr, grobe Umrisse zu erkennen und ehe sie sich versah, stand sie plötzlich vor einem Gebäude. Ein Haus. Ein kleines, unscheinbares und aus Sandstein erbautes Haus. Sie freute sich immens. Auch wenn in ihr Bedenken darüber aufstiegen, wer wohl in dieser Unterkunft wohnen könnte. Nun stapfte sie noch schneller durch den hohen Sand. Mit aller Kraft kämpfte sie sich voran und kam dem Haus immer näher. Ihre Stiefel, die mittlerweile eine Menge Sand aufgeladen hatten, wurden zunehmend schwerer. Doch schneller als sie dachte, kam sie nun am Häuschen an. Ihr Weg führte sie nun an eine Tür, die ebenfalls aus Sandstein erbaut war. Plötzlich kamen in ihr jedoch erneut Zweifel auf. Sie ließ ihren Blick nochmals in die Ferne schweifen, durch die aufgewirbelten Sandkörner. Sollte sie vielleicht doch besser weitermarschieren und die nächste Stadt aufsuchen? Sollte sie dieses Haus besser meiden? Sie befand sich in einer gedanklichen Zwickmühle. Diese Überlegung verschwand aber ruckartig, als ihr das nächste Sandkorn direkt ins Auge getrieben wurde. Sie wandte sich erneut zur Tür und wagte einen Versuch. Sie klopfte dreimal auf das Gestein. Zehn Sekunden verstrichen und weder öffnete jemand die Tür noch hörte sie eine Stimme. Sie versuchte es erneut, dennoch blieb sie erfolglos. Doch dieses Mal kam ihr kein Gedanke ans Umkehren. Sie wollte nicht mehr den weiten Weg bis zur nächsten Stadt auf sich nehmen. Es stand zu befürchten, dass sie ansonsten inmitten dieses Sandsturms ihr Ende finden würde. Sie inspizierte die Tür und versuchte dabei eine Klinke oder etwas Ähnliches zu finden. Als sie schlussendlich keine Möglichkeit fand, diese zu öffnen, lehnte sie sich gegen die Tür und wagte den Versuch, sie aufzustoßen. Die Tür bewegte sich kurz ruckartig. Danach probierte sie diese langsam und mit Bedacht zu öffnen, um keinen großen Lärm zu verursachen. Das markante Quietschen der Scharniere konnte sie trotzdem nicht verhindern. Sie trat ein und schloss rasant die schwere Tür hinter sich. Das monotone Zischen des Sandsturms verstummte und der Knall der schließenden Tür ließ sie kurz zusammenzucken. Doch nun war alles still. Zumindest vorerst. Ihr Blick fiel auf die Inneneinrichtung des Häuschens. Zu ihrer Überraschung bot dieses mehr Platz, als sie zuerst gedacht hatte. An der rechten Wand, in der hinteren Ecke, stand ein Tisch, welcher lediglich zwei hölzerne Stühle besaß. Für sie sahen diese eher rustikal als edel aus. An den Wänden hingen mehrere Teppiche, welche alle, bis auf eine Ausnahme, die Farben Rot und Schwarz trugen. Auf der gegenüberliegenden Seite des Tischs befand sich eine kleine Küche, die jedoch äußerst mickrig ausgestattet war. Ein kleiner Herd und an unterster Stelle ein Fach, um Holz zu verstauen und auch anzünden zu können. Nachdem sie die gesamte Inneneinrichtung in Augenschein genommen hatte, traute sie sich, weitere Schritte zu gehen. Auch wenn nun alles friedlich und fürs Erste harmonisch erschien, blieb sie auf der Hut. Etwas störte sie. Etwas, das ihr Unbehagen bereitete. Zum zweiten Mal inspizierte sie die Einrichtung des kleinen Häuschens und während sie dies tat, kam in ihr das Gefühl auf, dass sie sich umsonst Sorgen machte. Denn eigentlich war alles ganz gewöhnlich und normal. Ein zierliches Tischtuch, ein kleines Buch, welches auf der Tischplatte lag, eine Kerze, deren Docht nach und nach abbrannte. Nun bemerkte sie es und schlagartig lief ihr ein kalter Schauder über den Rücken. Die Kerze, sie musste gerade erst angezündet worden sein. Sie brannte noch nicht lange. Der Docht war kaum abgebrannt und es hatte sich noch kein Wachs auf der Tischplatte angehäuft, der durch die Hitze schmolz und an der Kerze herabrann. Bevor sie lange darüber nachdenken konnte beugte sich ein Schatten über ihren Körper, welcher sich deutlich auf der Wand abzeichnete, die sich vor ihr befand. Sie erkannte, wie der Schatten einen Arm in die Höhe hob und zum Schlag ausholte. Als sie schlussendlich das deutliche Tapsen einer Schuhsohle hörte, drehte sie sich rasant um und erschrak zunächst. Eine weiße Gestalt, die ihresgleichen war, stand kurz davor, der jungen Frau mit einem Holzpfosten auf den Kopf zu schlagen. Doch ihre Reflexe waren schneller als die ihres Gegners. Sie machte mit dem linken Bein einen großen Schritt zurück und hob ihre beiden Hände. Diese richtete sie mit aller Kraft gegen den Unbekannten. Ein weißer, leicht bläulicher Schimmer durchfuhr den Raum. Die Luft schien sich plötzlich zu verdichten, man konnte die Umgebung nur noch verschwommen wahrnehmen und der Fremde spürte einen aufkommenden, stetig weiterwachsenden Druck. Dieser baute sich innerhalb einer einzigen Sekunde so mächtig auf, dass der Angreifer mit einer gewaltigen Wucht an die Wand geschleudert wurde und stöhnend zu Boden sank. Der Knall des Aufpralls zerriss die Stille, jedoch nur für kurze Zeit. Der Fremde rappelte sich klagend vom Boden auf. Er richtete erneut den Pfosten als Waffe gegen die ihm noch Unbekannte und fragte laut:

„Wer seid Ihr? Was habt Ihr in meinen Räumlichkeiten zu suchen?“

Die junge Frau versuchte ihr Eindringen zu erläutern.

„Ich bin nicht hier, um Ärger zu machen! Ich suche nur Schutz vor dem Sturm und noch vor einer weiteren… Sache!“

Der Fremde lachte.

„Pah, keinen Ärger? Erklärt das mal meinem Rückgrat. Bei Pamans Kralle, was für eine Kraft!“

„Mein Herr, ich bitte Euch! Legt…“

Die junge Frau konnte ihren Satz nicht zu Ende sprechen, da der Ältere sie plötzlich mit scharfer Stimme unterbrach.

„Schweigt! Zeigt mir Euer Gesicht!“

Dem Mann war es gar unmöglich, unter der Kapuze ein Gesicht zu erkennen. Als die junge Frau zu Beginn noch zögerte, wurde der Mann zunehmend lauter.

„Nehmt die Kapuze vom Kopf! Ich will Eure Augen sehen!“

Als sie die Bedrohlichkeit in der Stimme des Alten vernahm, ließ sie keine Sekunde mehr verstreichen. Sie hob ihre beiden behaarten Hände und streifte sich die Stoffbedeckung vom Kopf. Zum Vorschein kam genau das, was der Alte bereits erwartet hatte. Das mit einem eleganten schwarzen Fell bedeckte Gesicht. Die tückischen Gesichtszüge wie bei einem Raubtier und die langgezogenen Pupillen einer Katze. Es war eine Frau des somanischen Volkes. Eine weibliche Panthma. Ihr gesamter Körper war mit schwarzem Fell bedeckt.

Im Gegensatz zu ihrem Gegenüber, welcher eine weiße Behaarung besass. Doch das Entscheidende für den Hausbesitzer war die Augenfarbe der jungen Frau. Sie zeigte welche Magie der jeweilige Panthma praktizierte. Doch die Anspannung, welche er zu Beginn verspürt hatte, wich nun sogleich großer Erleichterung, als er die Augenfarbe der Frau erblickte. Das sanfte Blau der Schutzzauberei. Der Alte atmete auf und senkte kurz darauf seine rustikale Waffe.

„Ihr seid keine Nekromantin? Warum dringt Ihr dann in mein Haus ein?“

Die junge Panthma seufzte und sagte:

„Das habe ich Euch doch bereits erklärt, mein Herr! Ich bin auf der Flucht vor dem Sturm. Er tobt da draussen, wie schon seit Jahren nicht mehr!“

Der alte Mann musterte die weibliche Panthma aufmerksam.

„Ist das wirklich alles?“

Die Frau enthielt sich vorerst einer Antwort und blickte zu Boden.

„Lasst mich raten: Ihr seid vor den… Gezeichneten auf der Flucht! Ihr seid eine Gesuchte!“

Ungläubig schaute sie den Hausherrn an.

„Ihr meint die Nekromanten? Unsinn!“

„Ich weiß, warum Ihr direkt ins Innere des Sandsturms gewandert seid! Damit diese Eure Spur verlieren!“

Die Panthma musste sich eingestehen, dass der alte Volksgenosse sie durchschaut hatte.

„Ich sehe, Ihr seid nicht naiv!“

Der Alte schmunzelte leicht und gab gelassen zur Antwort:

„Nun, wenn man viele Jahre allein lebt, kommt man nicht daran vorbei, dies zu lernen. In unserem Somania ist nichts mehr so, wie es einst war. Meine Angst und Vorsicht sind so groß, dass ich Euch erschlagen hätte, wenn Eure Augen rot gewesen wären! Jeder Nekromant ist für mich ein Todfeind!“

Für wenige Sekunden herrschte Stille im Raum. Lediglich das sanfte Knistern des Kerzendochts war zu hören, der immer weiter abbrannte. Die Ruhe wurde durchbrochen, als der alte Panthma der jungen Frau eine Frage stellte, welche ihm schon lange auf der Zunge lag.

„Wie ist Euer Name, junge Frau?“

Die Unbekannte rümpfte zunächst leicht die Nase und sie war im Zwist mit sich selbst darüber, ob sie ihren Namen dem Fremden einfach so mitteilen sollte. Doch der weiße Panthma war seit langem die erste freundlich aussehende Person, die sie antraf. Sie überwand ihr Misstrauen.

„Alaria! Mein Name ist Alaria!“

Der Hausbesitzer lächelte erneut und erwiderte liebenswürdig:

„Alaria! Ein bezaubernder Name!“

Diese Worte klangen beinahe begeistert.

„Na gut, Alaria! Wie kommt Ihr hier her? Weshalb seid Ihr auf der Flucht?“

Während der Alte diese Worte sprach, legte er seinen Holzknüppel in einer Ecke seines Hauses ab.

„Das ist eine lange Geschichte, mein Herr!“

Der alte Panthma hob seine Hand und zeigte auf den hölzernen Tisch.

„Ich bin ein alter Mann, der Geschichten von jungen Leuten liebt. Außerdem sitze ich ebenso hier drinnen fest, da der Sandsturm unermüdlich weitertobt.“

Mit gleichmäßigen Schritten begab sich der Alte zum Tisch und setzte sich auf einen der beiden Holzstühle.

„Ich habe Zeit! Bitte nehmt Platz!“

Alaria nahm das Angebot zwar an, jedoch sehr zögerlich. Mit großer Vorsicht setzte sie sich auf den anderen hölzernen Stuhl, der sich auf der gegenüberliegenden Seite des Gastgebers befand. Die Sitzgelegenheit knarzte fürchterlich.

„Wieso wollt Ihr die Vergangenheit einer unbekannten Panthma hören? Ihr, in Eurem hohen Alter, habt doch bestimmt mehr zu erzählen!“

Der Alte schüttelte nur leicht den Kopf.

„Zum einen, weil die Geschichten der Unbekannten meistens die besten sind und zum anderen, weil Ihr hier festsitzt, Alaria! Wenn Ihr mein Gast bleiben wollt, habt Ihr keine andere Wahl!“, sagte der alte weiße Panthma und trug dabei ein beinahe heimtückisches Lächeln auf seinem Antlitz.

Alaria wusste, dass sie keine Wahl hatte. Sie holte also tief Luft, richtete sich auf dem Stuhl auf und begann ihre Geschichte zu erzählen.

Kapitel 1

Mein vollständiger Name ist Alaria Elmisari Variantis. Mein Vater, ein kleiner Schneider des früheren Somanias, hatte ein Geschäft mit einem erbärmlichen Abwurf. Es blieb kaum Geld übrig allein für meine beiden Eltern. Meine Mutter, die lange Zeit ihrem Vater auf dem Hof zur Hand ging und danach, als mein Vater sie zur Frau nahm, zu ihm in die Stadt zog, war eine einfache Bäuerin. Auch wenn sie das Landleben vermisste, sie liebte meinen Vater mit Leib und Seele. Ihr machte es nichts aus, anstatt auf dem Hof ihres Vaters auszuhelfen, Pergamente zu verteilen und andere kleine Jobs zu erledigen. Solange sie mit ihm zusammen sein konnte, war alles im Lot. Doch ihre leidenschaftliche Liebe trug bald schon unvorhergesehene Früchte. Ein ungewolltes Kind erblickte das Licht der Welt. Am 15. Tag des Raupenmonats bin ich zur Welt gekommen. Als meine Mutter erfuhr, dass sie schwanger war, war sie natürlich schockiert. Aber nicht etwa, weil sie sich nicht über ein Kind gefreut hätte, sondern weil ihre finanzielle Lage das Aufziehen eines Kindes eigentlich unmöglich machte. Mein Vater, ebenso wie meine Mutter, war verzweifelt und er suchte ununterbrochen eine Lösung. Er überlegte sogar, zum rücksichtslosen Dieb zu werden und andere somanische Bürger skrupellos auszurauben. So erzählte es mir zumindest meine Mutter. Ich kann mich noch genau an die Momente erinnern, als ich tagelang in der Schneiderei meines Vaters die Zeit totschlug. Erinnerungen, die wohl nie verblassen werden.

Wenn ich jemanden aus meiner Familie stets bewundert hatte, dann war es mein Vater. Ich bewunderte ständig seine feine Handarbeit an den Kleidern. Wie er die Nadel schwang, als wäre sie ein Teil von ihm. Während er an dem Holztresen Stoffe zusammennähte, beobachtete ich ihn von der gegenüberliegenden Seite.

„Papa?“, sprach ich ihn schließlich an.

„Ja, mein Schatz?“

Mein Vater erwiderte zwar etwas auf meine Frage, trotzdem ließ er sich nicht von seiner Arbeit ablenken. Mit höchster Konzentration fokussierte er sich auf Nadel und Löcher, in die er einen Faden einführte.

„Warum hast du eigentlich nur Schneider gelernt?“

Auf dem Gesicht meines Vaters zeichneten sich auf einmal tiefe Stirnrunzeln ab.

„Was meinst du mit „nur“, Alaria?“

Besorgt fragte ich mich, ob ich vielleicht einen wunden Punkt angesprochen hatte. Dennoch hielt ich mich nicht zurück und stellte weiter meine Fragen.

„Ich meine damit, dass ich dich nie etwas anderes habe tun sehen, als zu schneidern! Wird es dir auf Dauer nicht irgendwann langweilig, wenn du immer das Gleiche tust?“

Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, fällt mir auf, wie naiv ich in jungen Jahren war. Ich war der festen Überzeugung, dass jeder das machen konnte, was er wollte, ohne dass Geld oder sonstige Einflüsse eine Rolle dabei spielten.

„Ah, meine Kleine! Weisst du, mein Vater war schon ein Schneider. Genau wie dessen Vater. Unsere Schneiderkünste gehen auf eine alte Tradition zurück. Sie war auch der Grundstein für mein Schneiderhandwerk. Dieses lernte ich früh und vollziehe es bis heute. Schließlich will ich meine Vorfahren auch ehren!“

Ich kicherte und schüttelte nur den Kopf.

„Nein Papa, das habe ich nicht gemeint. Nur weil Großvater und Urgroßvater ihre Leben auch der Schneiderei verschrieben, heißt das doch noch lange nicht, dass du dasselbe tun musst. Vor allem nicht dein ganzes Leben lang! Hat dich nie etwas anderes interessiert, Papa?“

Mein Vater musste leicht schmunzeln.

„In der Tat, meine Kleine! Du hast ja recht. Doch leider ist das Leben nicht so, dass ich nur das tun kann, was mir Spaß macht. Es muss auch Geld in die Kasse kommen. Ansonsten kann ich weder dir noch deiner Mutter Essen kaufen. Ich will, dass es euch gut geht und ihr nicht Hunger leiden müsst. Und es fällt mir ohnehin schon schwer genug, uns mit den Schneidergeschäften über Wasser zu halten. Doch wir werden es schaffen und solange bin ich wohl gezwungen, dieser Arbeit nachzugehen. Doch es ist eine schöne und lohnenswerte Arbeit. Verstehst du das, Alaria?“

Zunächst fiel es mir schwer, die Worte meines Vaters zu verstehen. Doch nach einigen Sekunden des fleißigen Nachdenkens verstand ich und nahm mir vor, nicht mehr in seiner Gegenwart dieses Thema anzusprechen. Denn auch wenn er locker und gelassen über dieses sprach, kam es mir immer noch wie ein wunder Punkt vor, den man besser nicht noch mehr aufreißen sollte.

Als ich schließlich zwölf Jahre alt wurde und meine Eltern es bis hierher geschafft hatten, mich und sich selbst mit knappem Geldverdienst über Wasser zu halten, hielt das Schicksal eine weitere Überraschung für uns bereit‘. Ich bekam einen Bruder. Einen zwölf Jahre jüngeren Bruder. Ich liebte Lordan mehr als mein eigenes Leben. Doch meine Eltern waren ein weiteres Mal mit ihren finanziellen Sorgen beschäftigt. Noch ein weiteres Kind? Wie sollten sie dies bewältigen, wo doch schon das erste gerade nur knapp ernährt werden konnte. Die Probleme häuften sich und die Streitereien zwischen meinen Eltern nahmen abrupt zu und mein Vater musste sich eingestehen, dass er nicht länger in der Schneiderei tätig sein konnte. Der Gewinn war für eine Familie mit zwei Kindern schlicht und einfach zu wenig. Er suchte vergeblich nach neuer Arbeit. In der Jagd, auf dem Hof, sogar als Diener in den Häusern adliger Panthmas. Doch alles brachte zu wenig Geld ins Haus. Unsere Familie stand kurz davor, auseinanderzubrechen, als plötzlich ein entscheidender Moment alles veränderte.

Es war ein kühler Sommerabend in der Mitte des Jahres. Ein halbes Jahr zuvor war mein Bruder geboren und mein Vater suchte, wie ich bereits erwähnt habe, vergeblich nach neuer Arbeit, die ihm genug Geld einbringen würde, um seine Familie ernähren zu können.

Ganze zwei Wochen verschwand er, da er außerhalb der Stadt Kernthis nach Stellen suchte, in der sich auch unser Schneidereigeschäft befand. Gebannt warteten ich und meine Mutter, die meinen kleinen Bruder fest in den Armen hielt, auf meinen Vater, der jeden Moment durch das Tor schreiten sollte. Auch wenn es später wurde, als er vor seiner Abreise mit meiner Mutter vereinbart hatte, erschien er dennoch und trat durch das Tor. Mit großer Erleichterung, als er uns sah, schloss er mich in die Arme, als ich, von Sehnsucht getrieben auf ihn zu rannte und:

„Papa, Papa!“, schrie.

Er drückte mich so fest, dass ich zu Beginn beinahe keine Luft bekam. Doch es war mir gleich. Ich spürte seine Liebe und sie tat gut. Sie erwärmte mein Herz und ich war den Göttern dankbar, dass mein Vater unversehrt zurückgekehrt war. Als er sich von mir löste und meine Mutter umarmte, kullerte ihm eine Träne über die Wange. Denn so sehr er sich freute uns zu sehen, genauso war er enttäuscht von sich selbst. Meine Mutter fragte ihn mit sanfter Stimme:

„Und? Hast du etwas gefunden?“

Er schüttelte nur den Kopf. Er wünschte sich sehr, dass er seiner Familie eine bessere Nachricht hätte bringen können. Aber meine Mutter wusste jederzeit, auf welche Art und Weise sie Vater trösten musste, damit er solche Selbstzweifel schnell vergaß. Er wischte sich die Träne von der Wange und umarmte erneut seine gesamte Familie.

„Ich bin so froh, dass ich euch habe! Ihr seid mein Ein und Alles!“

Auch ich bemühte mich, in solchen Situationen, meinen Vater mit tröstenden Worten abzulenken. Dies hatte ich wohl von meiner Mutter geerbt.

„Es wird alles gut, Papa! Zusammen schaffen wir das!“

Mein Vater schaute mich an und obwohl sein Blick noch immer von Tränen verschleiert war, lächelte er vor Glück.

„Ich weiß, meine Kleine! Ich weiß!“

Er nahm mich und meine Mutter an der Hand und geleitete uns nach Hause. Auch wenn Vater keine guten Nachrichten mitbrachte, so freute ich mich riesig über seine Geschichten und gerade als er anfangen wollte, von seiner Reise zu berichten, hielt er plötzlich inne. Während wir an vielen Zwischengässchen als Familie vorbeischlenderten, vernahm er ein seltsames Geräusch. Plötzlich hielt mir mein Vater seine Hand vor den Mund.

„Seid still! Hört ihr diese Klänge?“

Allesamt schauten wir zu dritt in die Seitengasse, aus welcher das Geräusch erklang. Doch in den Schatten des Spaltes, der sich zwischen hochgebauten Türmen hindurchzwang, war nichts zu erkennen, außer der pechschwarzen Dunkelheit. Der Schattenwurf der hohen Wüstentürme war so enorm, dass dort pure Finsternis herrschte. Mein Vater, der stets in Vorsicht geübt war, tastete nach seinem Schwert, welches er an der rechten Seite seines Gurtes trug und umklammerte dessen Griff. Meine Mutter, die sich ohnehin schon ständig Sorgen machte, wollte Vater bereits davon abhalten, bevor dieser seine ersten drei Schritte Richtung Gasse machen konnte.

„Schatz, bleib bitte hier!“

Doch mein Vater reagierte nicht. Es war, als sei er beinahe wie in Trance und als könnte er sich nicht von der Dunkelheit abwenden, die vor ihm lag. Er gab uns lediglich ein Zeichen, dass wir hier in Sicherheit bleiben sollten, indem er seinen Arm nach hinten in unsere Richtung streckte.

„Rührt euch nicht vom Fleck! Ich bin gleich wieder da!“

Obwohl seine Stimme mich oftmals beruhigen konnte, funktionierte es dieses Mal nicht. Nach etwa zehn Schritten, mit denen sich mein