7,99 €
Noch immer herrscht Karlson Dargamar über das Menschenreich Dorgil. Seit er einst vor vier Jahren seinen Erzfeind Ther Beson eigenhändig getötet und damit den Orden der Blutsritter zerschlagen hat, war er sich seines Sieges stets sicher. Doch dessen Sohn Thal hat den Angriff überlebt und macht sich nun auf, seinen Vater Ther zu rächen. Zeitgleich will Tamasa ihren Freund Samon retten, indem sie dem König dient und den letzten Blutsritter zur Strecke bringt. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich die beiden Kontrahenten gegenüberstehen. Allerdings weiss weder Tamasa noch Thal, welches Schicksal sie beide verbindet.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 175
Veröffentlichungsjahr: 2020
Benjamin Stone
Der letzte Rächer
Wachsender Zorn
© 2020 Benjamin Stone
Verlag und Druck:tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBNHardcover: 978-3-347-19448-9
e-Book: 978-3-347-19449-6
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Originalausgabe
Buchcover: Shutterstock
Landkarte: Inkarnate
Korrektorat/Lektorat: Michael Hausheer
Figuren der Erzählung
Anhänger des Blutsritterordens:
Thal Beson - Der letzte lebende Blutsritter
Ther Beson - Anführer des früheren Blutsritterordens, Thals Vater
Robin - Anführer der Anhängerschaft
Bejuv - Robins Sohn
Joan - Robins Tochter, Sankin
Oran - Der Zielstrebige
Tasd - Der Gerissene
Massra - Der Tödliche
Sortan - Der Albtraum
Natre - Der Schatten
Jobe - Langjähriger Freund von Robin, Aufpasser von Robins Anwesen
König Karlsons Gefolge:
Karlson Dargamar - Neuer König von Dorgil
Himmelsfechter - Anführer des Priesterordens von Bonumar
Zortanas - Priester der Stadt Tamonas, Karlsons rechte Hand
Seroven - Hauptmann der königlichen Garde
Angehörige der Stadt Tamonas:
Tamasa - Frühere Soldatin der königlichen Garde, Töpferin
Samon - Soldat der Stadtgarde von Tamonas
Sonstige Figuren:
Jonarthan - Früherer König von Dorgil
Amilia – Robins Frau, Sankin
Erinnerung: Die umzingelnde Dunkelheit
Ein leichtes Rascheln weckte ihn aus seinem Schlaf. Rasch öffnete er seine Lider und versuchte, etwas in der Finsternis erblicken zu können. Doch erneut missglückte ihm dies. Er hoffte, dass sich seine Augen mit der Zeit an die anhaltende Finsternis gewöhnen würden. Aber dem war nicht so. Tag für Tag schmorte er an diesem dunklen, kühlen und finsteren Ort. Lediglich mit ein wenig Stroh versorgt, welches ihm als Schlafplatz diente. Die Wunde in seinem Rücken pochte jedes Mal, sobald er sich nur wenig regte. Mehrmals erwachte er laut schreiend und schweißüberströmt aus einem Albtraum Nicht einmal, nicht zweimal, beinahe täglich musste er dieses Leid erfahren. Er hoffte, das Ganze hier würde bald ein Ende finden. Die einzigen Lichtscheine, welche er pro Tag für ein paar kümmerliche Sekunden genießen konnte, waren die der Fackeln der Kerkersoldaten, welche die Zellentür öffneten und dem Gefangenen eine unbefriedigende Mahlzeit, bestehend aus ein wenig Brot und Wasser, auftischten. An manchen Tagen besaß er gar nicht die Kraft zu essen, da in ihm jede Hoffnung und jeder Glaube, lebend hier rauszukommen erstorben waren. Würde ihn seine Freundin hier rausholen? Oder wäre er dazu verdammt, an diesem erniedrigenden Ort langsam zu verenden. Wie lange würde diese Tortur noch anhalten? Fragen über Fragen, die er sich Tag für Tag stellte, ohne auch nur eine Antwort zu erhalten. Wie auch, wenn niemand anwesend war, um diese zu beantworten? Doch egal welche Uhrzeit, welcher Tag, oder welches Wetter gerade draußen herrschte, der Schmerz seiner Wunde war stets präsent. In jeder einzelnen Sekunde spürte er ihn und verfluchte seine damalige Unachtsamkeit immer wieder aufs Neue. Dennoch, hatte er nicht schon genug gelitten? Musste er nicht schon genug über sich ergehen lassen? Verdammt nochmal, das kann doch nicht sein, dachte er sich. Eingesperrt, keine Aussichten auf ein zukünftiges, friedvolles Leben. Er lehnte sich an die Wand und spürte die kühlen Ziegel des Burggesteins. Dies beruhigte ihn auf eine gewisse Art und Weise und linderte zudem den Schmerz seiner Wunde, welche für ihn geradezu unerreichbar war. Da lag er nun erneut. Das Zeitgefühl erstarb in diesen vier Wänden ebenso wie der Glaube an ein zukünftiges Leben in Freiheit und nun verbrachte Samon wieder Stunden damit, sich auf seine Atmung zu konzentrieren, damit die Zeit schneller verging.
Kapitel 1
„Einfach unglaublich, welche Wirkung so ein kleiner Stein haben kann!“
Seroven staunte nicht schlecht, als er den nun freien Weg der Kanalisation erblickte, der gerade eben noch von Steinbrocken komplett zugeschüttet gewesen war. Tamasa klopfte sich immer noch den Staub von den Schultern, welcher in Nebelschwaden auftrat, dank der Explosion.
„Du musst nur mit genug Kraft agieren. Dann geschieht dieses kleine Wunder schon.“
Während sie diese Worte sprach, untersuchte sie die restlichen Gesteinsbrocken nach Spuren, welche möglicherweise bei dem Aufprall verschont geblieben waren. Jedoch hatte sie keinen Erfolg. Mehrere Splitter sammelte sie auf aus der Asche des Gesteins. Doch kein einziger wies einen wertvollen Hinweis auf. Ihre Stoffhandschuhe wurden durch den Dreck von einem hellen Weiß in ein leichtes Grau umgefärbt. Seroven versuchte zu deuten, was Tamasa genau zu erspähen versuchte.
„Hast du was gefunden?“, fragte der treue Kommandant des Königs und schaute dabei der jungen Kriegerin leicht über die rechte Schulter.
Tamasa zerdrückte den letzten Dreck in ihren Händen, welcher gespickt war von kleinen Steinsplittern und sagte:
„Keine Spur! Wir müssen dem Weg folgen und uns weiter auf Hinweise achten.“
Nach diesem Satz erhob sie sich aus der Hocke und nahm ihre Fackel vom Boden auf, die sie kurz vor der Sprengung zur Seite geworfen hatte. Erstaunlicherweise brannte sie immer noch. Der Gang wurde nun erleuchtet in einem harmonischen, gelben Licht und ließ die Umgebung um einiges friedlicher erscheinen. Dieser führte lange gerade aus, ohne Seitengänge, in welche man hätte abzweigen können. Am Ende des Weges war ein schwacher Lichtschein zu sehen, welcher jedoch nur ganz schlecht zu erkennen war. Der Schein kam von oben und musste wohl, wie Tamasa vermutete, von einer weiteren Abwasserkanalplatte stammen. Als sie dem Tunnel weiter folgten, schauten sie immer wieder nach links und rechts auf die Wände, um irgendwelche Zeichen oder sonstige Details ausfindig zu machen. Auch Boden und Decke entgingen ihren wachsamen Blicken nicht.
„Siehst du das auch?“, fragte Seroven gespannt. Seine Stimme hallte in den Tunneln, welche sich unter der Stadt befanden.
„Der kleine Lichtschimmer? In der Tat“, stimmte Tamasa ihrem Weggefährten zu.
„Dieser muss wohl von einem weiteren Gullideckel kommen. Weiß du, ob sich da vorne ein Ausgang befindet?“
Seroven schüttelte verneinend den Kopf.
„Laut den Aufzeichnungen der Stadtpläne: Nein!“
Tamasa fragte zur Sicherheit nochmal nach.
„Bist du dir dessen sicher, Seroven?“
„Zugegeben, ich habe nicht exakt die Stadtpläne der jonarthanischen Stadt studiert. Jedoch wäre mir kein Eingang im Westen der Stadt bekannt.“
Tamasa hätte es nicht gewundert, wenn sich dort tatsächlich ein geheimer Ausgang befunden hätte, welcher aus der Stadt herausführte. Die Blutsritter, oder zumindest ihre letzten Anhänger waren gewiefte Gesellen. Sie hätten Thal nicht so glimpflich aus der Stadt herausbekommen, ohne einen geheimen Ausgang in Aussicht zu haben, welcher aus der Königsstadt führte.
Der Weg im Tunnel bis zum entfernten Lichtschimmer schien schier endlos. Beinahe so endlos wie ihre Reise zur jonarthanischen Stadt. Mehrere Minuten des stillen Marschierens folgten, begleitet von immer wieder umherschwirrenden Blicken der beiden Gefährten. Nach einiger Zeit kamen sie an dem kleinen Lichtschimmer an, welcher wie geahnt von einem Gullideckel stammte.
„Tatsächlich! Ein unbekannter Ausgang!“, sagte Seroven mit großer Überraschung und starrte auf die Deckenöffnung.
Tamasa warf ihre Fackel zur Seite und wandte sich Seroven zu.
„Räuberleiter?“
Das war das einzige Wort, welches aus ihrem Mund kam. Seroven nickte zustimmend. Er ging in die Knie, faltete seine Hände zu einer einheitlichen geraden Fläche und hob sie vor Tamasas Beine. Sie stützte sich mit beiden Händen auf seinen Schultern ab und trat mit dem rechten Fuß auf seine Handfläche. Sie nahm genug Kraft in Anspruch aus den Beinen und mit den Armen hob sie dabei den Deckel in die Luft und griff mit beiden Händen die steinerne Fassung. Sie blickte knapp über den Rand hinaus und erspähte eine blühende, grüne Wiese. Sie war übersäht mit strahlenden Blumen und in naher Ferne war ein großer Wald zu sehen mit hohen, stolzen Bäumen.
„Gibt es was zu sehen?“, fragte ihre Stütze von unten.
Tamasa versuchte währenddessen ihm kurz und knapp das Erblickte zu beschreiben.
„Eine große Wiese mit vielen Blumen. In der Weite ist ein Wald zusehen. Vielleicht die ideale Fluchtmöglichkeit für unseren Thal.“
Diese Möglichkeit, in einem Wald Zuflucht zu suchen, hätte sie als Flüchtende vor dem Gesetz genauso ergriffen. Auch Seroven hielt diese Möglichkeit nicht für unwahrscheinlich. Sie zog sich kraftvoll mithilfe beider Arme aus der Öffnung des Abwasserkanals und reichte Seroven die Hand. Er ergriff diese dankbar und zog sich aus den Kanälen heraus. Prüfend blickte sich der Offizier um. Diesem stach als erstes die große, weite Wiese ins Auge, welche sich nun unter seinen Füssen erstreckte. Auch der Wald fiel bald in sein Blickfeld, den Tamasa bereits zuvor angekündigt hatte. Hohe, starke Bäume, die hauptsächlich zu den Laubbäumen gehörten. Wieder kehrte Stille ein, während sich Tamasa und Seroven die gleiche Frage stellten.
Was würde ich an Thals Stelle tun? Was würde ich als gesuchter Verbrecher tun, wäre ich gerade aus diesem Loch gekrochen?
Oder auch anders gefragt:
Was würden seine Befreier tun, wenn sie Thal bis hierhergebracht hätten?
Sie waren beide derselben Meinung und wandten sich dem Wald zu. Nach einigen Metern des Marschierens, kamen sie zum Waldrand. Das Gezwitscher der Vögel verstummte und zu hören war nur das sanfte Echo eines Spechts, der seinen Schnabel immer wieder in die Rinde eines Baumes hämmerte. Am Himmel kreisten weiße, prächtige Adler, um abseits des Waldes potenzielle Beute ausfindig zu machen. Erneut kniete Tamasa nieder und studierte die herumliegenden Äste des Waldrandes.
„Sieh mal, Seroven!“, rief sie ihrem Weggefährten zu.
Dieser kniete ebenfalls nieder. An Tamasas Seite ging er in die Hocke und beobachtete nun auch den Ballast der Bäume. Einen davon hob Tamasa vom Boden auf und hielt ihn Seroven vors Gesicht.
„Siehst du diesen Ast?“, fragte Tamasa, wartend auf eine Antwort.
„Was soll mit dem sein?“
„Dieser hier ist geknickt!“
Seroven konnte nichts Ungewöhnliches daran erkennen, doch Tamasa wies mit ausgestrecktem Zeigefinger auf den weiteren Waldweg. Äste, Blätter und sonstiges Gestrüpp hatten eines gemeinsam.
Sie waren allesamt zerdrückt und geknickt. Tamasa deutete dies so, als hätten sie unter dem Druck von irgendwelchen Schuhsolen nachgegeben. Und nicht nur von einem Paar.
„Was ist das überhaupt für ein Wald?“, fragte die junge Kriegerin.
„Der besitzt keinen Namen. Auch wenn er groß und weit ist, blieb er dennoch bis heute unwichtig. Gelegentlich gehen Patrouillen am Rand des Waldes entlang. Doch dies ist auch schon alles.“
„Ist dem König oder der jonarthanischen Stadt selbst nie in den Sinn gekommen, dass Thal vielleicht in diesem Wald Zuflucht suchte?“
Seroven antwortete darauf: „Es wurde extra ein Suchtrupp losgeschickt, welcher den Wald absuchen sollte. Doch sie fanden keinerlei Hinweise oder Spuren. Zudem sind alle unbeschadet wieder zurückgekehrt. Der König entsandte lieber Suchtrupps in die anderen Städte und in die Grenzlanden, als an einem Ort Zeit zu verschwenden.“
Tamasa verstand die Überlegung des Königs.
„Nun denn, wir sollten weitergehen. Irgendwo in der Nähe sollten sich Hinweise finden.“
Seroven war kein großer Zweifler. Trotzdem war er nicht voll und ganz davon überzeugt, dass es sich bei dem zertretenen Gestrüpp um eine Spur des flüchtenden Thals handelte. Doch er vertraute ihren Instinkten. Schließlich war sie in den Hallen des Königs eine wahre Legende. Geschichten rankten sich um ihre Fähigkeiten im Kampf und um ihren Scharfsinn. Kein Wunder hatte Karlson sie nie aus seinen Gedanken gelassen. Eine solcher Geheimwaffe in den eigenen Diensten würde sich kaum ein König entgehen lassen.
„Am besten folgen wir der Spur!“, schlug Seroven vor.
Tamasa schaute auf den Pfad, welcher sich vor ihnen befand und hob danach ihren Blick zu Seroven.
„Eine gute Idee! Sollte der Pfad des zertretenen Gestrüpps enden, schauen wir uns erneut nach Hinweisen um.“
Das Kreischen eines Adlers, der in der Luft seine Kreise zog, ließ sie kurz zusammenzucken. Nachdenklich starrte sie in den blauen Himmel. Seroven wollte die Initiative ergreifen und tätigte die ersten Schritte in Richtung des Pfades. Doch Tamasa hob rasch ihre Hand vor seine Brust und sprach:
„Seroven, sei trotzdem vorsichtig. Auch wenn die Wahrscheinlichkeit gering ist, dass Thal sich bis heute in diesem Wald zurückgezogen hat. Wir wissen nicht, was zwischen den Bäumen und Sträuchern lauern könnte.“
Seroven wollte zunächst widersprechen, doch schluckte er seine Antwort hinunter und vergegenwärtigte sich die aufsehenerregende Flucht Thals. Jene, die sie verfolgten, waren gut organisiert und mit tödlicher Effizienz vorgegangen. Sie zu unterschätzen wäre leichtsinnig. Seroven nickte dankend in ihre Richtung und setzte seinen Weg fort. Tamasa folgte dicht auf. Der Pfad setzte sich jedoch eher skurril fort. Es war keinerlei System eines Weges zu erkennen. Im Gegenteil. Während sich zu Beginn der Weg einige Meter geradeaus zog, wurde der gerade Verlauf abgebremst und die Fußspuren bogen plötzlich rechts ab. Mitten zwischen die Bäume. Der Boden war gezeichnet von Steinen und kleinen Holzästen. Aber auch das sanfte Moos des Waldes fand seinen Platz, welches sanft die Steine verzierte. Der Weg schien endlos zu sein und nie enden zu wollen. Doch auf einmal ertönte ein Rascheln in unmittelbarer Nähe. Seroven zog das Schwert im Bruchteil einer Sekunde aus seiner Scheide, um sich vor möglichen Angreifern schützen zu können.
„Tamasa…“, flüsterte Seroven und lies die Richtung, aus der das Rascheln kam, nicht mehr aus den Augen.
„Ich habe es auch gehört!“, unterbrach sie ihren Freund ebenfalls in Flüsterton.
Auch Tamasa war bereit zum Kampf. Ihre rechte Hand umklammerte die Scheide ihrer einhändigen Axt, welche sich auf der rechten Seite ihrer Hüftkordel befand. Ihre Hand ging immer weiter nach oben zur scharfen, breiten Klinge der Waffe und sie löste leise den Knopf der Halterung, damit sie im Fall der Fälle die Axt ohne Behinderung aus der Scheide hätte ziehen können. Doch verharrten sie einige Zeit regungslos, ohne dass etwas geschah. Langsam zweifelten Seroven und Tamasa daran, dass es sich bei dem Geräusch um eine ernsthafte Bedrohung handelte. Denn auch wenn es zu Beginn so gewirkt hatte, so konnten sie nun nichts Bedrohliches feststellen. Das strahlende Sonnenlicht, welches durch die Bäume schimmerte. Das nahe Gezirpe der Grillen und das entfernte Gequake von Teichfröschen. Das melodische Gezwitscher der Vögel, welches durch….
„Halt!“, dachte die junge Kriegerin innerlich für sich.
„Was ist mit den verdammten Vögeln?“
In der Tat, es war kein einziger Vogel mehr zu hören. Weder das Pfeifen der Blaumeise noch das Gehämmer eines Spechts. Nicht einmal der stolze Adler, der vorhin noch Ausschau nach Beute gehalten hatte, war nun zu hören, geschweige denn zu sehen. Tamasa wusste, sie waren nicht allein! Jemand befand sich in der Nähe. Nun machte sich ein leichter Schatten im Blickfeld Tamasas bemerkbar. Sie reagierte in Sekundenschnelle.
„Kopf runter!“, forderte sie ihren Weggefährten in forschem Flüsterton auf. Ohne langes Zögern folgte er der Anweisung und verbarg seinen Körper hinter einem kleine Waldhügel, welcher großzügig mit Moos bedeckt war. Tamasa wandte sich ebenfalls dem kleinen Hügel zu und verharrte hinter diesem. Seroven schaute sie zunächst fragend an.
„Da ist jemand!“, beantwortete Tamasa den fragenden Blick ihres Freundes.
Nun lauschten beide den Klängen des Waldes und hörten schließlich leichte Schritte, die sich ihnen näherten, dann jedoch unvermittelt nach rechts abbogen. Seroven packte die Neugierde. Er blickte Tamasa in die Augen und hob einen Finger vor die Lippen. Danach stützte er sich mit beiden Händen an der Wand des Hügels ab, um einen sicheren Halt zu bekommen und spähte dabei leicht über die Deckung des Hügels hinaus. Ihm stockte beinahe das Herz, als er Folgendes erblickte: Ein Kapuzenträger, mit einer rotschwarzen Robe und einem Bogen ausgerüstet, stand auf einem der vorderen Hügel, nur wenige Meter von ihrem eigenen Hügel entfernt, und blickte in die Weiten des Waldes hinaus. Beinahe fasziniert ließ Seroven den mysteriösen Kuttenträger nicht aus den Augen und beobachtete seine nächsten Schritte. Er band seinen Bogen wieder auf den Rücken und blieb vor einem dicken Holzstamm stehen. Nun hob er seine flache Hand und legte diese auf die Rinde des Baumes. Im ersten Moment geschah nichts. Doch nach wenigen Sekunden leuchtete der Umriss seiner Hand rot, eine Runde Insignie zeichnete sich auf dem Unterarm ab, welche sich zu drehen begann und das Geräusch von brennendem Holz ertönte. Dieses Schauspiel zog sich nun etwa fünfzehn Sekunden lang hin und immer noch beobachtete Seroven den Kapuzenträger. Seroven war überzeugt, in seinem Versteck fast unsichtbar zu sein. Dennoch blieb sein Herz beinahe stehen, als sich der Kopf des Mannes plötzlich drehte und er in Richtung Seroven und Tamasa blickte. In Sekundenschnelle zog Seroven seinen Kopf ein und versteckte sich erneut hinter dem kleinen Waldhügel. Doch das Glück war heute auf seiner Seite. Der Kapuzenträger hatte ihn nicht gesehen. Zu unscheinbar war er in diesem Moment. Ihm stockte der Atem vor Schreck, als er sich wieder verbarg. Der Blick des Kapuzenträgers schweifte währenddessen noch einige Sekunden umher, bis er sich schließlich wieder seinem ursprünglichen Ziel widmete und zwischen den nächstbesten Bäumen und Sträuchern verschwand. Tamasa horchte den Klängen der Natur und versuchte ein Anzeichen für den Verbleib des Bogenschützen zu erhaschen. Doch sie hörte nur das Gekreische eines Adlers, der über ihre Köpfe hinwegflog und in der Ferne verschwand. Die Blätter der Bäume und Sträucher raschelten leise im Hauch eines leichten Windes. Doch das war auch schon alles. Sie riskierte dennoch einen Blick über die Spitze ihres Hügels hinaus und erkannte, dass der Bogenschütze wohl seinen Weg weiterging. Entweder das oder hatte er sie am Ende doch bemerkt und lauerte nun irgendwo?
„Ist er weg?“, fragte Seroven, dem der Schreck immer noch in den Knochen steckte und sich weiterhin hinter der Hügelspitze bedeckt hielt.
Tamasa nickte ihrem Weggefährten zu.
„So wie es aussieht, ja! Ich sehe ihn zumindest nicht mehr!“
Leicht verdrehte Seroven die Augen.
„Na, davon gehe ich auch aus, Tamasa!“
Tamasa tat es ihm gleich.
„Lass deine dummen Sprüche und folge mir“, wies die junge Kriegerin ihn zurecht und trat hinter dem Hügel hervor. Sie ging mit bedachten Schritten in die Richtung, in der sie den Bogenschützen zuletzt gesehen hatte. Seroven folgte ihr und sah sich ebenfalls vor. Beide hofften, dass ihnen nicht gleich ein Pfeil um die Ohren fliegen würde. Sie trat zu der Stelle und kniete zu Boden. Mit ihrem Zeigefinger wies sie auf eine bestimmte Stelle am Boden und blickte dabei ihren Weggefährten erwartungsvoll an.
„Siehst du die Fußspuren? Sie führen in nördliche Richtung.“
Seroven kniete nun ebenfalls nieder und strich mit seiner Hand sanft über den Fußabdruck. Er schaute auf und blickte in die genannte Himmelsrichtung. Büsche und Zweige versperrten ihm vorerst noch die Sicht.
„Nun, dann wissen wir ja, in welche Richtung wir gehen müssen“, erwiderte Seroven voller Euphorie und wollte die Verfolgung aufnehmen, als ihn Tamasa plötzlich zurückhielt.
„Halt!“, sagte sie knapp, in einer leicht flüsternden Stimmlage.
„Irgendwas ist hier faul.“
Seroven schaute seine Gefährtin mit fragendem Blick an.
„Wie kommst du darauf? Meinst du, der Bogenschütze hat uns doch gesehen und lauert hier noch irgendwo?“
Nervös blickte er sich um.
„Es ist schwierig zu beschreiben, weshalb ich dies ahne.“
Tamasa versuchte die passenden Worte zu finden, um ihrem Freund beschreiben zu können, weshalb sie dieses mulmige Gefühl besass und dies hatte zur Folge, dass sie vor sich hin brummelte und nachdenklich auf ihrer Unterlippe herumkaute.
„Ist das Ganze hier nicht irgendwie zu leicht und auch ein Stück weit zu offensichtlich?“
Seroven rieb sich sein Kinn und dachte ebenfalls über diese Möglichkeit nach. Ein Gefühl der Vorsicht wallte nun auch in ihm auf. Tamasa und Seroven erhoben sich aus ihren knienden Positionen und die junge Kriegerin entschloss sich dazu, sich durch die Büsche und Zweige zu kämpfen, die vor ihnen lagen. Sie ging voraus und zog dabei ihre einhändige Axt aus der Lederhalterung. Die Klinge blitzte im Schein der Sonne kurz auf und mit genügend Kraft schlug sie auf das Gestrüpp ein, welches vor ihnen lag. Seroven blieb dicht hinter ihr und hielt aufmerksam Ausschau, während sie sich ihren Weg durch die Bäume und Sträucher bahnten. Seroven spürte das immer wiederkehrende Peitschen der Äste an seinen Oberschenkeln, die aufgrund der Schläge von Tamasas Axt wieder und wieder zurückschlugen. Das Licht der Sonne drang immer mehr durch die Bäume hindurch und die beiden Gefährten, die sich weiterhin durch die Büsche und Äste des Waldes kämpften, konnten nach und nach die warmen Strahlen auf ihrer Haut spüren. Bereits nach wenigen Metern musste sich Seroven einen Arm vor die Augen halten, um sie vor dem blendenden Licht der Sonne zu schützen.
„Die Sonne scheint heute, wie schon lange nicht mehr!“, sagte Seroven und dabei glaubte Tamasa, in der Stimmlage ihres Gefährten eine gewisse Gereiztheit vernehmen zu können.
„Freu dich doch! Ansonsten verschwindet die Sonne wieder schneller, als dir lieb ist.“
„So meinte ich das nicht! Natürlich bin ich froh, endlich wieder die Sonne…“
Seroven wurde mitten im Satz unterbrochen, als er plötzlich Tamasas Hand auf seiner Brustplatte spürte.
„Stopp!“, befahl sie ihrem Gefährten mit forscher Stimme.
„Weshalb denn? Was ist los?“, fragte Seroven verwundert, während ihm beinahe der Atem stockte und seine Sicht immer noch durch die strahlende Sonne eingeschränkt wurde.
„Noch einen Schritt weiter und du fällst hinunter!“
