Verlag: Luzifer-Verlag Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2019

DAS EXPERIMENT (ein Whitney Steel Roman) E-Book

Kim Cresswell  

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E-Book-Beschreibung DAS EXPERIMENT (ein Whitney Steel Roman) - Kim Cresswell

"DAS EXPERIMENT ist ein zutiefst emotionaler Romantik-Thriller, der kühn beginnt und seine Leser bis zur allerletzten Seite in seinem Bann hält." [NY-Times-Bestseller-Autorin Dianna Love] Whitney Steel, Enthüllungsreporterin aus Florida, hat lange genug im Schatten ihres legendären Vaters gelebt. Um sich zu beweisen, muss sie die nächste große Story finden. Und sie hat sie gefunden. Doch wird sie ihr nun zum Verhängnis? Nachdem sie einen Hinweis bekommen hat, der zum ersten geklonten Menschen der Welt führt – einem Mädchen – schwört sich Whitney, die Wahrheit ans Licht zu bringen. Allerdings hat das Durchstöbern der Fakten gefährliche Folgen; darunter Todesdrohungen und Mord. Als sie beinahe getötet und im letzten Moment von Blake Neely gerettet wird, einem verdeckt arbeitendem FBI-Special-Agent, lässt dieser sie um keinen Preis zwischen sich und sein Ziel kommen – zumindest nicht am Anfang. Beide sind gefangen in einem tödlichen Spiel zwischen einem von genetischer Perfektion besessenen Milliardär, seinem nach Vergeltung dürstenden Auftragskiller und einem kolumbianischen Drogenboss, der direkt nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis fest entschlossen ist, sich für den Tod seines Zwillingsbruders vor über einem Jahrzehnt an Blake zu rächen … Können sie ein unschuldiges Kind retten, bevor es zu spät ist? Im Angesicht schwerer Entscheidungen mit tödlichen Konsequenzen, realisiert Whitney schon bald, dass eine Story manchmal mehr ist als bloß eine Story.

Meinungen über das E-Book DAS EXPERIMENT (ein Whitney Steel Roman) - Kim Cresswell

E-Book-Leseprobe DAS EXPERIMENT (ein Whitney Steel Roman) - Kim Cresswell

DAS EXPERIMENT

ein Whitney Steel Roman

Kim Cresswell

REFLECTION © 2014 von Kim Cresswell

Alle Rechte vorbehalten. Ohne schriftliche Genehmigung der Autorin, darf kein Teil dieses Buches für Zwecke jeglicher Art vervielfältigt oder übertragen werden, unabhängig davon auf welche Art und Weise oder mit welchen Mitteln dies geschieht. Dies beinhaltet elektronische oder mechanische Mittel, so auch Fotokopien, Aufnahmen oder Geräte zum Abruf und der Speicherung von Informationen.

Impressum

Deutsche Erstausgabe Originaltitel: REFLECTION Copyright Gesamtausgabe © 2019 LUZIFER-Verlag Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Cover: Michael Schubert Übersetzung: Zewdy Tsehaye

Dieses Buch wurde nach Dudenempfehlung (Stand 2019) lektoriert.

ISBN E-Book: 978-3-95835-401-2

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Inhaltsverzeichnis

DAS EXPERIMENT
Impressum
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Epilog
Über die Autorin

Für Justin, Carla, Porter und Peyton

Der Tod hinterlässt einen Schmerz, den niemand heilen kann, die Liebe hinterlässt eine Erinnerung, die niemand rauben kann.– von einem Grabstein in Irland entnommen

Kapitel 1

Mason Bailey kippte seinen dritten Glenlivet herunter. »Ich habe sie nicht getötet.«

Wie viele Male Whitney Steel diese Worte schon gehört hatte? Dutzende. Jedoch noch nie aus dem Mund eines US-Senators. Was sie betraf, könnte sich der Mann bis ins Delirium trinken, aber nicht, bevor sie das hatte, wofür sie gekommen war: einen Exklusivbericht.

Im Schatten der Markise des Pink Flamingo Clubs nahm sie einen Schluck von ihrem Lime Daiquiri und kam nicht umhin zu bemerken, wie die Nachmittagssonne jede Falte auf Masons gebräuntem Gesicht gnadenlos hervorhob.

»Von allen Reportern in Panama City, geschweige denn Florida, wieso ich? Wir haben unsere Beziehung schon vor Jahren beendet.« Dieses endlose Hin und Her, wollte sie sagen, schwieg jedoch.

»Ich weiß, dass ich dir vertrauen kann.« Sein Blick wanderte zur anderen Straßenseite und dann zurück zu ihr. »Außerdem waren wir mal verheiratet. Das sollte doch was zählen.«

Whitney richtete sich auf. Vor Wut drehte sich ihr der Magen um. »Komm mir nicht damit. Anderthalb Jahre lang dachte ich, wir wären verheiratet gewesen. Zu schade nur, dass deine Freundinnen nichts von unserer kleinen Rechtsvereinbarung wussten.«  Vor allem deine zwanzigjährige Assistentin.

»Verdammt, Whitney, ich habe dich nicht hierhergebeten, um die Vergangenheit wieder aufzuwärmen.« Er zog ein Taschentuch mit Monogramm aus seiner Jackentasche und tupfte sich damit den Schweiß von der Stirn. »Ich brauche deine Hilfe. Ich weiß, wieso Carmen Lacey ermordet wurde.«

Ihre Augen weiteten sich. Jetzt kamen sie der Sache schon näher. »Du hast meine volle Aufmerksamkeit. Wird das deine offizielle Aussage?«

Mason schob sein leeres Glas zur Seite. »Ja.«

Ihr Herz pochte vor Aufregung. Diese Story würde monatelang das Trendthema Nummer eins sein. Ihre Einschaltquoten bei WBNN-TV würden in die Höhe schnellen und ihre Kollegen würden sie endlich beachten und mit dem professionellen Respekt behandeln, den sie verdiente.

Seit nunmehr zwölf Jahren behaupteten ihre Kollegen, sie hätte wegen ihres Vaters, eines preisgekrönten Kriegskorrespondenten, und der politischen Beziehungen ihres Exmannes, einen Freifahrtschein gehabt. Jetzt würde sie ihnen das Gegenteil beweisen.

Sie wühlte in  ihrer Ledertasche, platzierte ein digitales Diktiergerät auf dem Tisch und drückte entschlossen auf die Aufnahmetaste. »Fürs Protokoll … haben Sie, Senator Bailey, Carmen Lacey getötet?«

»Nein.« Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück und lockerte seine gestreifte Krawatte. »Es ist wahr. Ich war der Letzte, der sie vor ihrem Tod sah.  Aber  hier geht es um mehr, als du ahnst.«

In den braunen Augen, die einst ihr Herz zum Klopfen brachten, lag nun etwas Kühles, etwas Leeres. War es Schuld? War es Verzweiflung?

Nein. Es war Angst.

Ein unbehaglicher Schauer lief ihr über den Rücken. Sie stoppte die Aufnahme. »Mason, du  machst  mir Angst. Was zur Hölle ist hier los? Wir haben seit über drei Jahren nicht mehr miteinander gesprochen und dann flehst du mich aus heiterem Himmel an, dich heute zu treffen. Ich weiß, dass die Polizei nicht glaubt, du hättest sie umgebracht.«

»Aber glaubst du es, Whitney? Glaubst du, dass ich sie getötet habe? Ich muss  es wissen. Es ist wichtig.«  

Von der Dringlichkeit seines Tonfalls verblüfft, antwortete sie vorsichtig:  »Natürlich nicht. Du bist vieles, aber kein Mörder.«

»Danke. Das bedeutet mir viel.« Er griff nach seinem leeren Glas und  tippte  es mit seinem klobigen Goldring an.  

Whitney startete die Aufnahme wieder.

»Carmen war als Wissenschaftlerin für ein Bio-Tech-Unternehmen in Nevada tätig. ShawBioGen. Schon davon gehört?«

»Wer  hat das  nicht? Es war eines der ersten Unternehmen, die in den Achtzigern Tiere geklont haben. Hat ganz schön für Aufsehen gesorgt. Aber ich verstehe nicht, was das mit Carmens Tod zu tun hat.«

Er öffnete seinen Mund, um zu antworten.

Die große Fensterscheibe, die hinter ihnen die Terrasse vom Hauptrestaurant trennte, barst in Einzelteile. Eine Flut aus Scherben stürzte auf sie herab und bedeckte den Boden mit Glas.

Es gab keine Vorwarnung. Alles geschah so schnell, und doch in Zeitlupe, wie in einem fürchterlichen Albtraum.

Schreie. Hastige, schwer stampfende Schritte.

Einige Meter weiter ließ ein Kellner zwei Teller mit Essen  darauf  fallen. Er blieb wie angewurzelt stehen.

»Runter!«, schrie Mason.

Whitney fiel zu  Boden. Sie kauerte sich unter dem Tisch zusammen und drückte die Seite ihres Gesichts gegen das steinerne Pflaster. Inmitten des Chaos ertönte ein Schuss. Der Kellner  versuchte, in Deckung zu gehen.

Eine Kugel durchbohrte seine Schulter und traf ihn mit einer solchen Wucht, dass sein Körper gegen die Tür des Restaurants schlug. Er sank auf die Knie und heulte vor Schmerz auf.  

Noch mehr Schüsse fielen. Dinge flogen durch die Luft. Essen, Gläser, Teller. Der ekelerregende Geruch von frittiertem Essen und verbranntem  Kordit  stieß ihr entgegen. Sie  musste würgen.

Etwas Karmesinrotes floss auf ihre Hand zu. Die warme, klebrige Flüssigkeit erreichte ihre Fingerspitzen.

Blut. Jede Menge Blut. Doch nicht ihres.

Sie riss  ihren  Kopf herum und sah nach Mason, der auf dem Rücken lag. Dunkelrotes Blut floss aus einer klaffenden Wunde in seiner Brust und färbte  sein weißes Hemd. Sie hielt den Atem an, um nicht loszuschreien.  

Er hob seinen Arm und streckte ihn in ihre  Richtung.  »Ich schwöre – ich habe sie nicht umgebracht. Ich schwöre es.«

»Ich glaube dir.« Whitney hielt den Kopf unten und rückte näher an ihn heran. Sie ergriff seine Hand. »Ich glaube dir. Oh, Gott.«

Bitte stirb nicht.  Ihr Puls dröhnte so laut in ihren Ohren, dass sie nicht einmal ihre eigenen Worte hörte.  

»Du blutest so stark. Wir brauchen Hilfe!«

Noch eine Kugel zischte durch die Luft und durchbrach das hölzerne Tischbein.  

Gefühlt einhundert Holzsplitter bohrten sich wie Nadeln durch die Hose in ihren Oberschenkel. Der Schmerz trieb allen  Atem  aus ihrer Lunge. Die Welt drehte sich, alles wurde gelb. Dunkelheit überkam sie und drohte sie zu überwältigen.  Werd’ nicht ohnmächtig … hilf Mason.

Er röchelte, drückte einen Schlüssel in ihre blutverschmierte Hand und schloss ihre Hand darum. »Vertraue … niemandem.«  

Sie umklammerte das Stück Metall. Ein Kloß formte sich in ihrem Hals, einer, den sie nicht herunterschlucken konnte.

»Ich hole Hilfe.«

»Nein … bleib.« Blut spritzte aus seinen Mundwinkeln und rann an seinem Kiefer herunter. »Sie haben … es geklont …«

Seine Augen fielen zu.

»Was, Mason? Was haben sie geklont?«

Whitney legte ihren Kopf auf seine Brust. »Mason! Oh nein.«

Kapitel 2

George Raines, der leitende Redakteur bei WBNN-TV, stützte sich auf die Kante von Whitneys Schreibtisch. »Ich kann dir einen Emmy garantieren.«

Whitney saß an ihrem Schreibtisch in ihrem großräumigen Büro im zehnten Stockwerk und streifte sich die rosafarbenen High Heels von den Füßen.

Sie betrachtete die bronzefarbene Peabody-Statue auf der anderen Seite des Raumes; die letzte ehrenvolle Auszeichnung, die ihr für ein Exposé über drei Polizisten in Panama City und das Verschwinden von Kokain im Wert mehrerer Millionen Dollar überreicht wurde.

Ein Emmy. Die einzige Trophäe, die ihr noch fehlte. Diejenige, die sie sich am meisten ersehnte. Im Laufe ihrer Karriere wurde sie schon geschlagen, zensiert und sogar im Auto gekidnappt. Sie verdiente allein fürs Überleben einen Emmy. Sie war nicht auf Masons Tod gefasst gewesen. Der Senator war mehr als nur eine Story. Er war ein Mann, den sie einst geliebt hatte; noch immer liebte.

Mit vor Erschöpfung brennenden Augen versuchte sie ein Gähnen zu unterdrücken. Die vielen schlaflosen Nächte forderten nun zweifellos ihren Tribut. Du warst nicht dort, George. Es sind auch andere gestorben. Der Kellner …

»George, die Beerdigung ist noch keine sechs Tage her. Ich weiß, wie wichtig diese Story ist. Ich kann sie dir nicht liefern.«

Es überraschte sie nicht, als er die Augen zusammenkniff. »Okay. Was ist aus der stahlharten Frau geworden? Weißt du noch, wie diese temperamentvolle Frau in jeden Raum marschierte und jedem Widerspruch trotzte? Wo zum Teufel hast du sie gelassen?«

Whitney lächelte schwach. Wenn sie das nur wüsste.

»Hey, wenn dein Vater noch am Leben wäre …«

Sie hob ihre Hand, um ihn zu unterbrechen. »Daran musst du mich nicht erinnern.« So sehr sie ihren Vater auch liebte, war sie ihre gesamte Karriere über in seinem Schatten gestanden. Robert Steel; Rampenlicht-Reporter, Peabody-Preisträger, vierfacher Gewinner eines Emmys. Hingerichtet im kriegsgebeutelten Kolumbien.

»So hab ich dich noch nie gesehen.« George, dessen pummeliges Gesicht nach einer halbherzigen Rasur ungepflegt aussah, setzte sich wieder auf die Schreibtischkante. »Du machst doch jetzt nicht schlapp, oder?«

Machte sie das? Ja. »Nein, das mache ich nicht.«

»Dann überleg es dir noch mal. Es passiert nicht alle Tage, dass ein Senator erschossen wird.« Er stieß sich vom Tisch ab und strich glättend über sein hoffnungslos zerknittertes Hemd. »Masons Komitee hat an einer Riesensache gearbeitet. Topsecret. Er hat sein Leben dafür gegeben, und die Öffentlichkeit verdient zu wissen, wieso. Du bist die Einzige, die das liefern kann. Du bist die Beste.«

Die Beste? Nein, nicht heute. Nicht in der letzten Woche. Sie schüttelte den Kopf. »Ich bin erschöpft, ausgelaugt, am Ende. Gib die Story jemand anderes. Ich will sie nicht.«

»Komm schon, Steel. Das kannst du doch nicht ernst meinen. Cliff Peterson wird sich auf diese Gelegenheit stürzen. Wir wissen beide, dass er dich das nie vergessen lassen wird. Ich dachte, du wolltest das. Die ganz große Story.«

Der sechzigjährige Mann war überzeugend, aber nicht überzeugend genug.

»George, warum fällt es dir so schwer, zu glauben, dass ich eine Pause brauche?«

»Weil ich jahrelang mit dir zusammengearbeitet hab, Kleines. Whitney Steel braucht keine Pause. Sie nimmt sich keinen Urlaub. Und sie lässt verdammt sicher keine Story fallen.«

Verborgen in seiner rauen Stimme lag nun ein Hauch Ungeduld. Er wollte sehen, ob sie nicht doch noch einknickte. Sie notierte rasch eine Adresse und eine Telefonnummer auf einem Stück Papier und reichte es ihm. »Oregon ist nur einen Anruf weit entfernt. Ehe du dich versiehst, werde ich wieder da sein.«

Er nahm das Papier aus ihrer Hand. »Schwörst du auch, wieder zurückzukommen?«

»Zwei Wochen. Versprochen.« Sie deutete mit ihrem Stift auf seine Schuhe. »Und George – du hast zwei verschiedene Socken an. Rechts grau und links braun.«

Er steckte die Hände in seine Hosentaschen und sah an sich hinunter. Sie konnte über George, mit seinen selbstdiagnostizierten Farbproblemen nur lächeln.

»Oh, Mann. Ich muss mir echt eine Frau suchen, die mich morgens anzieht.« Er gab ihr einen Kuss auf die Wange. »Da ich dich nicht umstimmen kann, bis bald. Genieß deinen Urlaub.«

Es roch noch lange nach English Leather Parfum, nachdem er das Büro verlassen hatte, als hätten der Teppich und die Wände den waldigen Moosgeruch in sich aufgesogen. George war in einer Zeitschleife gefangen. Sie würde den alten Trottel vermissen. In weniger als zwei Stunden würde sie in einem Flugzeug nach Florence, Oregon an einem Glas Wein nippen.

Als sie ihre Schreibtischschublade öffnete, verschlug es ihr den Atem. Das zusammengeknüllte, weiße Taschentuch starrte sie daraus wie ein Geschenk an, das nur darauf wartete, ausgepackt zu werden. Darin, ein mit Blut beschmierter Schlüssel – Blut von Mason. Ein Schauer kroch über ihren Rücken, während Masons letzte Worte in ihrem Kopf widerhallten.

»Sie haben … es geklont …«

***

Blake Neely blickte dem sicheren Tod ins Auge. »Ich will dich nicht erschießen, aber wenn es sein muss, werde ich es tun.« Die Bestie starrte ihn zornig mit messerscharfen Zähnen aus ihren dunklen, marmornen Augen an und machte keinerlei Andeutungen, nachzugeben. Nichts außer einer kühlen Brise und dem Licht des Mondes stand zwischen ihnen.

Der Anblick des Monsters und wie es ihn mit gespitzten Ohren und gesträubtem Haar anstierte, schnürten ihm die Kehle zu. Als würde sie auf seinen nächsten Schachzug warten, verzog die Kreatur das Gesicht und fauchte.

Blake gefror das Blut in den Adern. Ja, er würde sterben.

Er griff gerade nach der Neun-Millimeter-Pistole im Bund seiner Jeans, als sein Handy klingelte. Das wildgewordene Monster gab ein kreischendes Heulen von sich und huschte in die entgegengesetzte Richtung davon.

Danke. Es gibt wirklich einen Gott.

Erleichtert zwang er seinen Körper aus der Starre und ging an sein Handy. »Ja, Blake hier.«

»Konnten Sie den Sicherheitsverstoß bestimmen?«,  fragte Nathan Shaw.

»Ja – eine Katze – ein gottverdammter Luchs. Er hat ein Loch gegraben, das gerade weit genug unter dem Zaun lag, um den Alarm auszulösen.«

»Was? War es ein Rotluchs? Haben Sie ihn erschossen?«

Blake hob eine Augenbraue. Er könnte genauso gut lügen. Dazu war er ausgebildet worden.

»Nein. Hab ihn aber zu Tode erschreckt. Er war schon weg, bevor ich die Gelegenheit hatte.«

Sein Vorgesetzter lachte. »Dann war er wohl nicht hungrig.«

»Anscheinend nicht. Ich mach’ das hier noch fertig und bin in zehn Minuten wieder da.«

»Halten Sie die Augen offen. Vielleicht kommt die Katze ja zurück.«

Blake wirbelte herum, sein Handy fest in der Hand. »Ja … okay.« Er klappte das Handy zu und steckte es in seine Jackentasche.

Er schnappte sich eine Schaufel aus seinem Truck und füllte das Loch mit der lockeren, rotbraunen Erde unter dem Zaun. Als er fertig war, stieg er in seinen Ford F-150, kramte ein Stück alten Donuts heraus und warf es aus dem Fenster. Für den Fall, dass die Katze doch hungrig war.

Nordöstlich von Vegas, zwischen Alamo und Mesquite, hing der Vollmond wie ein schwebender Scheinwerfer über der schmalen Wüstenstraße. In der Ferne umgab ein zehn Meter hoher Sicherheitszaun den ShawBioGen-Gebäudekomplex;  eine Million Quadratmeter aus Stahl und Beton. Von oben sah der Ort wie ein Hochsicherheitsgefängnis mitten im Nirgendwo aus.

Hinter diesen Wänden hatte Nathan Shaw erfolgreich einen Menschen geklont. Blake hatte sich Nathans Vertrauen teilweise verdient, jedoch noch nicht soweit, um von seinem Vorgesetzten Zutritt zum Labor zu bekommen oder gar eine persönliche Einladung, das Kleinkind zu treffen.

Blake stellte seinen Truck vor den Haupttoren des Komplexes ab. Er spähte durch die kleine Öffnung für den Retina-Scan und hielt seine Augen auf das winzige grüne Licht gerichtet. Zehn Sekunden später piepte der Scanner und die Tore öffneten sich.

Die letzte Woche über hatte er so verdeckt ermittelt, dass niemand im Präsidium von ihm gehört hatte. Das allein hatte ihn in eine missliche Lage gebracht. Wenn er nicht innerhalb der nächsten achtundvierzig Stunden vorbeischaute, würde eine Schar bewaffneter Schutzpolizisten auftauchen und er würde auffliegen. Dazu würde er es aber nicht kommen lassen. Er hatte bereits zweihundertsiebzig Tage so getan, als wäre er ein Sicherheitsspezialist für den Besitzer, einen skrupellosen Multimilliardär. Er hatte sogar sein dunkelblondes Haar gefärbt. Mit seinem mittlerweile einige Zentimeter längeren, dunkelbraunen Haar gefiel ihm sein ruppiger, neuer Look – vielleicht würde er ihn ja eine Weile behalten.

Ihm war ein Auftrag zugeteilt worden. Ein nahezu unmöglicher Auftrag. Er sollte das Labor infiltrieren und die nötigen Beweise sammeln, um Nathan zu ruinieren. Und das schnell. Er hatte bereits zu viel Zeit und Kraft investiert, um das Präsidium jetzt die Mission abbrechen zu lassen.

Nathan Shaw war eine Nummer für sich. Philanthrop. Zum sechsten Mal in Folge zum Las Vegas Man of the Year gekrönt. Der größte Arbeitgeber in ganz Nevada und, bis vor kurzem, der Vorgesetzte von Blakes Schwester. Wie endet eine Frau, die so panische Angst vor Wasser hat, tot auf einem Boot?

Sie konnte nicht schwimmen und ein Boot war der letzte Ort, an den sie sich begeben würde. Sein Instinkt verriet ihm, dass jemand sie aus dem Weg räumen ließ. Aber wieso?

Kürzlich wurde eine weitere Mitarbeiterin erstochen in ihrem Apartment in Las Vegas aufgefunden. Reiner Zufall? Unwahrscheinlich. Dafür gab es zu viele Leichen, die alle auf die eine oder andere Art zu ShawBioGen führten.

Er parkte am hinteren Ende des Sicherheitsgebäudes und schaltete den Motor aus. Sein Handy klingelte erneut. »Ja?«

»Kommen Sie auf der Stelle wieder her.«

Die Stimme seines Chefs klang angespannt. »Was gibt’s?«

»Sofort«, knurrte Nathan.

Die Verbindung brach ab.

***

Auf der zweiten Etage in ShawBioGen lehnte Blake an einer makellos polierten Stahlwand und ließ seine Knöchel knacksen. Dieses exzentrische Arschloch hatte ihn schon über eine halbe Stunde warten lassen.

Hoffentlich würde sich die miese Laune seines Vorgesetzten nur als einer seiner täglichen Anfälle entpuppen.

Nicht ein Tag verging, ohne dass Nathan aus irgendeinem Grund ausflippte. Wie zum Beispiel, als das Reinigungspersonal seinen Mülleimer nicht geleert hatte, oder als die Sekretärin den Aschenbecher auf seinem Schreibtisch von der linken auf die rechte Seite umgestellt hatte. Der Mann konnte ausgesprochen pingelig sein. Wenn man Milliarden schwer ist, kann man sich benehmen, wie man will. Wen interessierte es, was die anderen dachten?

Die stählernen Türen zum Büro sprangen auf und enthüllten eine würzige Geruchswelle aus Paprika und waldigem Tabak.

Blake grunzte. Verdammt noch mal höchste Zeit. Er atmete tief ein und schlenderte in das gewaltige Büro.

In der Mitte des Raumes saß Nathan hinter seinem goldverzierten Schreibtisch aus massivem Kirschholz und rauchte eine Zigarre von einer Marke, die Blake höchstwahrscheinlich nicht mal aussprechen, geschweige denn sich jemals leisten könnte. Durch den wogenden Rauch hob der Mann eine Hand und zeigte auf einen der braunen Rindsledersessel vor dem Schreibtisch.

Blake setzte sich, wie angeordnet.

Nathan paffte seine Zigarre und lief zum deckenhohen Fenster am östlichen Ende des Büros. »Wir haben ein Problem. Ein Angestellter bei ShawBioGen hat nur vorgegeben, auf meiner Seite zu sein. Sie wissen ja, wie sehr ich Lügner hasse.«

Blakes Herz sprang beinahe aus seiner Brust. Bleib ruhig. Deine Tarnung ist nicht in Gefahr. Das kann nicht sein.

Nathan drehte sich um und drückte seine Zigarre in einem der zahlreich im Raum verstreuten Aschenbecher aus. »Sie verstehen doch, was ich meine, oder?«

Cool bleiben. Lass ihn nicht an dich ran. »Natürlich. Keiner mag Lügner.«

»Genau. Das Problem ist folgendes: Eine meiner engsten Vertrauten im Mitarbeiterkreis hat eine Kamera in mein Forschungslabor geschmuggelt. Solche Verstöße sind inakzeptabel.«

Blake fiel ein Stein vom Herzen. Er konnte wieder atmen. Sein Geheimnis war sicher – fürs Erste. »Wirklich? Wer?«

»Ihr Name ist unwichtig. Sie war eine brillante Wissenschaftlerin.« Nathan lief gemächlich zur voll ausgestatteten Bar. »Scotch?«

»Gern.« Blake sah zu, wie Nathan das Getränk aus einer der vielen kristallenen Karaffen in zwei Gläser füllte.

»Das klingt ja, als würde diese Frau nicht länger unter uns weilen.«

»Leider ist dem so. Sie war schon ein wichtiger Bestandteil meines Teams, seit ich vor Jahrzehnten meine Forschungsarbeit begonnen habe. Ich habe gehört, dass sie kürzlich ermordet wurde. Wirklich tragisch.«

Carmen Lacey. Ja, du hörst dich so an, als hätte ihr Tod dir wirklich was ausgemacht. Hatte Nathan ihren Tod angeordnet und bezahlt?

Sein Vorgesetzter reichte ihm ein Glas Scotch.

»Danke.« Blake nahm einen Schluck und genoss den lieblichen, kräftigen Geschmack.

Nathan stellte sich wieder vor das Fenster. Er fuhr mit der Hand durch sein schütteres, graues Haar.

Entweder mochte der Typ es, sein Spiegelbild anzustarren, oder er liebte es, auf das bis in die letzte Ecke beleuchtete Vegas bei Nacht zu schauen. Wahrscheinlich traf Letzteres zu. Er wusste, dass Nathan auf Glücksspiele stand und ein illegales Klonprojekt war nichts anderes. Ein enormes Risiko.

»Aufgrund dieses Verstoßes müssen Sie die Sicherheitsmaßnahmen im Labor optimieren. Installieren Sie so schnell wie möglich einen Retina-Scanner. Meine Forschungsarbeiten sind zu wichtig.«

Blake schluckte den Rest seines Drinks herunter. »Alles klar. Es könnte ein paar Tage dauern, bis die Anlage richtig läuft. In der Zwischenzeit werde ich zwei Männer am Labor postieren.«

»Dann sind wir hier fertig.«

Die Türen hinter Blake öffneten sich. Anscheinend war er entlassen. Bevor er den Raum verließ, stellte er sein leeres Glas an der Bar ab. Sobald seine Stiefel den Flurboden berührten, schwangen die Türen mit einem dumpfen, gefängnisartigen Schlag zu.

Lock down. Genau wie im Gefängnis. Gewöhn' dich dran, Nathan. Denn genau da wirst du landen.

Kapitel 3

Wellen brachen an der kühlen Nachtluft und durchdrangen sie. In den Tiefen der Schatten ertönten Schüsse. Eine Leiche schwemmte ans Ufer und verwandelte den Sand in einen Strudel aus Blut.

Mason – oh Gott, es war Mason.

Ein leichter Windhauch flüsterte. »Sie haben … es geklont …«

Whitney schreckte keuchend auf und war erleichtert, festzustellen, dass sie nicht am Strand lag, sondern auf dem Deck im Rattan-Schaukelstuhl eingenickt war. Noch ein Albtraum. Sie kamen jetzt immer öfter, jeder noch lebendiger als der vorherige. Wann würde das ein Ende haben?

Nach den Anschlussflügen und Zwischenlandungen am späten Nachmittag des Vortags, war der kurze Flug von Florida nach Florence, Oregon zu einem siebenstündigen Abenteuer geworden. Gegen vier Uhr morgens war sie endlich eingeschlafen. Müde und etwas mürrisch entschied sie, dass sie sich ihren ersten Urlaub seit Jahren durch nichts vermiesen lassen würde.

Auf dem geräumigen Deck brannte die heiße Sonne auf ihrer hellen Haut. In weißen Shorts und einem lockeren, rosaroten T-Shirt stand sie da und dehnte sich, während sie das türkisfarbene Meer bestaunte.

Ihr langjähriger Freund, Marcus Wheeler, hatte ihr für die Zeit seines Auftrags in Europa sein Strandhaus zur Verfügung gestellt. Es war mit offenem Kamin, Whirlpool und Sauna wahrlich ein abgelegenes Paradies, aber die Rückkehr nach Florence schmeckte bittersüß. Das letzte Mal war sie hier gewesen, um ihren Vater zu beerdigen.

Whitney schloss ihre Augen und positionierte ihre Füße schulterbreit voneinander entfernt, um ihre täglichen Tai-Chi-Übungen zu machen.

Sie entspannte ihren Körper, atmete lang und tief ein und fand ihre Mitte. Sie beugte leicht ihre Knie, richtete ihre Handflächen gegen ihre Oberschenkel und atmete noch langsamer aus. Mit bewussten, fließenden Bewegungen hob sie ihre Arme auf Schulterhöhe, die Handflächen in Richtung Himmel, und machte mit ihrem rechten Fuß einen großen Schritt nach vorn.

Sie wiederholte die Bewegungen, bis ein ungeduldiges Dreifachklingeln an der Haustür ihre Konzentration unterbrach. Whitney stürmte durch das Haus und riss die Tür auf, schon bereit, einem armen Hausierer für die Unterbrechung ihres Urlaubs gehörig den Marsch zu blasen.

»FedEx. Sind Sie Whitney Steel?«

»Ja.«

»Unterschreiben Sie hier.« Der Mann reichte ihr das elektronische Unterschriftenpad.

Sie unterzeichnete.

Er gab ihr ein Päckchen in der Größe eines Taschenbuchs. »Hier, bitte.«

Ihr Magen verknotete sich. Sie starrte verwirrt auf das Päckchen. Niemand weiß, dass ich hier bin … bis auf George.

Nachdem der Zusteller gegangen war, schob Whitney die Tür mit ihrem Fuß zu und bemerkte den Namen Trossen and Meyers in einer Ecke der Verpackung. Irgendwo hatte sie den Namen schon mal gehört. Dann erinnerte sie sich. Masons Scheidungsanwalt. Wieso sollte ihr sein Anwalt etwas schicken? Auf dem Weg zum offenen Wohnraum schlüpfte sie aus ihren Flipflops und riss das Päckchen auf.

Darin fand sie einen weißen Umschlag, auf dem in blauer Tinte ihr Name stand, eine handgemalte Karte und etwas, das aussah wie eine Videokassette. Mit gewecktem Interesse öffnete sie zuerst den Umschlag.

Trotz der Hitze der Sonne, die durch die deckenhohen Fenster schien, lief es ihr eiskalt den Rücken herunter. Ein Brief von Mason.

Whitney,

vor etwa 18 Monaten empfing das FBI in einem anonymen Tipp von einem Nutzer ihrer Website Informationen über illegale Experimente, die bei ShawBioGen durchgeführt wurden und im erfolgreichen Klonen eines Kindes resultierten. Zur Ermittlung wurde unter der Leitung des Justizministeriums eine verdeckte Sondereinheit gegründet. Aufgrund meines früheren Engagements im Justizministerium wurde ich als Hauptkontaktstelle berufen.

Das FBI hat die Nutzerin, Carmen Lacey, die zu der Zeit für Nathan Shaw gearbeitet hat, rückverfolgt. Während der folgenden vier Monate standen wir uns nahe.

Obwohl ihr die Gefahren vollkommen bewusst waren, sammelte sie die beigelegten Unterlagen, da sie fürchtete, Nathan würde diese Technologie verwenden, um seine eigene Super-Rasse zu kreieren, die Technologie zu verkaufen, oder, noch schlimmer, um das Kind umzubringen und seine teuflischen Taten zu verbergen.

Nathan hält das geklonte Kind, ein dreijähriges Mädchen namens Angel024, irgendwo in seinem Gebäudekomplex gefangen.

Whitney, du musst dich in dieses Labor einschleusen.

Vertraue niemandem.

Ihr klappte die Kinnlade runter. »Um Gottes willen, Mason, ich bin eine Reporterin und kein verflixtes Einsatzkommando. Was hast du dir nur gedacht?« Ihre Beine zitterten. Sie sank auf das Sofa und las weiter.

Ich weiß, was du jetzt denkst, Whitney. Du bist doch nur eine Reporterin, richtig? Du schaffst das. Du hast den Verstand und das Geschick, um in dieses Labor reinzukommen. Ohne eine Dokumentation oder greifbare Beweismittel kann die Staatsanwaltschaft nichts tun. Sie brauchen Beweise, und bisher waren alle anderen Bemühungen vergeblich. Im Gegenzug bekommst du einen unvergesslichen Exklusivbericht.

Sie lief vor dem Couchtisch hin und her. »Wieso denkst du bloß, dass ich das schaffe? Wieso? Weil ich den schwarzen Gürtel in Karate habe? Was soll mir das bringen, Mason? Soll ich die Tür zum Labor mit meiner Hand durchschlagen?«

Kontaktiere Ned Ford im Justizministerium, sobald du die Beweismittel hast.Bedenke, dass Shaw über endlose Einsatzmittel und gewaltige Macht verfügt.Vertraue niemandem … Mason

Tränen sammelten sich in ihren Augenwinkeln. Verdammt, Mason!

Sie schob das Band in den VHS-Player und drückte auf Play. Der gigantische Plasmabildschirm zeigte erst nur Unmengen an knisternden weißen Punkten, bevor ein unscharfes Schwarz-Weiß-Bild erschien. Whitney kniff die Augen zusammen, um etwas sehen zu können. Irgendetwas. Die Kamera wackelte und schwenkte nach rechts. Es war offensichtlich, dass das Video mit einer versteckten Kamera aufgenommen worden war.

Ein Kind mit langem, hellem Haar saß umgeben von Spielzeugen und Kuscheltieren auf dem Boden. Jemand in einem weißen Kittel bückte sich und hob das Kind hoch.

»Zeit für ein paar Tests, Angel. Und danach gibt es Schokoladeneis.«

Das Kind kreischte gequält und schlug mit seinen kleinen Fäusten auf das Gesicht des Mannes ein.

Whitney schnappte schockiert nach Luft und wünschte, sie könnte durch den Bildschirm gehen und das Kind trösten. Sie fühlte sich so machtlos.

Sie fühlte dasselbe hoffnungslose Elend, das sie während der Fehlgeburt in ihrer Ehe erlitten hatte.

Das Kind schlug und schrie weiter. Die Kamera bewegte sich.

»Carmen, hilf mir mit ihr, sonst werde ich sie wieder betäuben müssen«, sagte der Mann.

Die Kamera zoomte näher heran, bis der Bildschirm schwarz wurde. Whitney grübelte über die ganze Angelegenheit, während sie auf die Brandung starrte und beobachtete, wie das Wasser über den Sand rollte. Anmutige Möwen drängten sich auf der Suche nach Abfällen auf dem Privatstrand. Ihr Urlaub hatte geendet, bevor er überhaupt begonnen hatte.

Das Glück war keinesfalls auf ihrer Seite. Was wäre, wenn sie es nicht mal versuchte? Was würde mit dem kleinen Mädchen passieren? Noch ein Schauer lief über ihren Rücken. Es waren schon zwei Menschen wegen Nathan Shaws geheimer Welt gestorben und Whitney könnte als Nächstes dran sein.

Mason, der Mann, der immer zu viel getrunken hatte, glaubte, dass sie es schaffen könnte. Könnte sie das? Trotz seiner Fehler hatte er immer an sie geglaubt, und an ihr leidenschaftliches Bedürfnis, das Richtige zu tun.

Ihre Nase in Angelegenheiten zu stecken, die sie nichts angingen, war, was sie zu einer der besten Enthüllungsreporterinnen im ganzen Land machte. Doch hinter verschlossenen Türen musste sich Whitney noch immer täglich gegenüber den Männern beweisen, mit denen sie arbeitete. Gegenüber denen, die glaubten, dass sie nicht gut genug sei und es auch niemals sein würde. Insbesondere ihrem Kollegen Cliff Peterson.

Verflucht noch mal. Ich schaffe das. Es war nicht das erste Mal, dass sie sich in eine gefährliche Situation begab, und es würde ganz sicher nicht das letzte Mal sein. Nachdem sie einen Stift und einen Notizblock gefunden hatte, schrieb sie kurzerhand eine Liste.

Eine Kopie des Bands machen George anrufen – Kurier, Schüssel Quellen in Florida anrufen Einen Termin mit Nathan Shaw machen

Kapitel 4

Noch am selben Tag stand Whitney vor den massiven Stahltoren, die ShawBioGen umringten. Sie konnte das unheimliche Gefühl nicht abschütteln, beobachtet zu werden. Nach der Landung am McCarran Flughafen in Vegas traf sie auf einen Fahrer, der sie fast zwei Stunden lang in Richtung Nordosten fuhr und dort rauswarf. Seine einzigen Worte: »Ich befolge bloß Anweisungen.«

Allein in der sengenden Wüstensonne stehend setzte sie eine Sonnenbrille auf ihre Nase und betätigte die Sprechanlage.

Der Kasten begann lebendig zu knistern. »Name?«, fragte eine Männerstimme.

Sie drückte auf den Knopf. »Whitney Steel.«

Ein hohes Surren hinter ihr erschreckte sie. Sie wirbelte herum und sah vier Kameras, die in einem lückenlosen Überwachungskreis auf sie zeigten. Sie hätte schwören können, dass sie eben noch nicht da waren. Die Tore öffneten sich und offenbarten einen athletischen Mann mit einem markanten Gesicht, der von Kopf bis Fuß in braunen und cremefarbenen Camouflage eingekleidet war. »Hier entlang.« Der Army-Mann verzog nicht einen Moment lang seine strenge Miene und schickte sie zu einem gelben Golfwagen im Stil eines Militärgeländewagens. Das Gelände war von lauter Kakteen, Felsen, Ziergräsern und Steppenläufern mit Leben erfüllt. In der Ferne warf ein riesiges S einen Schatten über den Haupteingang von ShawBioGen. Der Fahrer parkte den Golfwagen und führte Whitney dann durch eine Drehtür mit getöntem Glas.

»Warten Sie hier«, befahl er, bevor er in einen Bereich verschwand, der als Security gekennzeichnet war.

Ein kreisförmiges Dachfenster erleuchtete das Hauptfoyer, in dessen Zentrum ein Wasserfall rauschte. Hochglanzpolierte Wände aus Edelstahl schafften die Illusion eines nie endenden Spiegels, doch sie gaben dem Raum gleichzeitig eine schrecklich kalte Atmosphäre.

Der Army-Mann kam mit demselben, ernsten Gesichtsausdruck zurück. »Hier entlang.«

Whitney folgte ihm in einen Bereich, der für die Sicherheitsüberwachung zuständig zu sein schien. Um sie herum erblickte sie Dutzende Überwachungssysteme, einige Menschen, die an Computern saßen, und einen riesigen Monitor mit einem Schwarz-Weiß-Bild, welches das Satellitenbild des Gebäudekomplexes zu sein schien.

»Willkommen in ShawBioGen, Miss Steel. Ich bin Blake Neely, firmeneigener Security-Spezialist.«

Whitney sah ihn sich flüchtig von oben bis unten an. Er trug schwarze Jeans, Cowboystiefel, ein offenes Hemd, dessen Ärmel bis über seine Unterarme hochgekrempelt waren, er war gebräunt und durchtrainiert.

»Ist Security-Spezialist nicht nur ein ausgefallener Titel für einen Bodyguard?«

Falten schlichen sich auf seine Stirn. »Sie müssen sich anmelden«, sagte er entschieden und schob ihr ein Klemmbrett und einen Stift entgegen.

Nachdem sie ihren Namen eingetragen hatte, bemerkte sie einen Röntgenapparat am Ende der langen Theke. Wenn die Sicherheitschecks hier so streng waren, hatte sie nicht die geringste Hoffnung, in das Labor zu gelangen, in dem Nathan das Kind aufbewahrte.

Als Nächstes schob Blake einen Kasten vor sie. »Leeren Sie Ihre Handtasche.« »Sie machen doch Witze.« Mit vor seiner Brust verschränkten Armen schüttelte Blake den Kopf. »Und ich dachte, die Security am Flughafen wäre hartnäckig.« Whitney lachte in sich hinein und entleerte den Inhalt ihrer Handtasche in den Kasten. Während er darin herumstocherte, fragte sie sich, was für ein Mann hinter diesen tiefen, braunen Augen lauerte.

»Sorry, keine Kameras. Sie können sie auf dem Weg nach draußen abholen.«

»Na gut, aber …« Sie streckte ihre Hand in seine Richtung, doch es war einen Augenblick zu spät. »Das sind …«

Er öffnete das gold-schwarze Etui. Vier in Folie gewickelte Kondompackungen fielen auf den Tisch. Nicht sicher, ob sie wütend oder beschämt sein sollte, spürte sie, wie sich ihr Gesicht erwärmte. Um es noch schlimmer zu machen, nahm er sich schön viel Zeit bei der Inspektion jeder Packung; offensichtlich, um es ihr für den Kommentar über Bodyguards heimzuzahlen.

Er hob eine Augenbraue. »Feuchtes Vergnügen. Rough Rider. Muss was für Cowboys sein. Und die hier, Aroma …«

Ihre Blicke prallten aufeinander.

Ihr Körper bebte vor intensiver Elektrizität, die ihr Herz zum Rasen brachte und ihre Brüste kribbeln ließ. Hemmungslose Lust.

Wütend über den Effekt, den er auf sie hatte, schnappte sie die Kondome aus seiner Hand. »Entschuldigen Sie mal? Werden Sie nicht ein bisschen persönlich?«

»Persönlich oder nicht, Sie wären überrascht, wofür diese Packungen alles verwendet werden können.« Er griff sie erneut, warf sie auf das Laufband und grinste. »Sicher ist sicher.«

So ein Idiot. Sie blieb ruhig, während sich der Inhalt ihrer Handtasche langsam durch den Röntgenapparat bewegte. Nachdem ein Foto von ihr gemacht wurde, überreichte er ihr einen laminierten Besucherausweis.

Blake begleitete sie zurück zum Hauptfoyer und zeigte auf einen endlosen Flurabschnitt. »Nehmen Sie den Aufzug C2 bis zum zweiten Stock. Und beeilen Sie sich. Mr. Shaw wartet nicht gern.«

***

Im Sicherheitsraum starrte Blake den Hauptmonitor an, während Whitney den Aufzug betrat.

Er war vollkommen fasziniert.

Sie bedeutete Ärger. Reinen Ärger. Gekleidet in diese hautenge rosafarbene Jacke und diesen kurzen Rock, der jede herrliche Kurve zur Schau stellte. Diese langbeinige Blondine brachte ihn soweit, eine LKW-Ladung Kondome plündern zu wollen. Er konnte noch ihr Parfum riechen, blumig, zart.

Sein Körper reagierte. Er spürte die Enge in seinen Jeans.

Verdammt. Es war lange her, dass eine Frau eine solche Wirkung auf ihn gehabt hatte. Zu verdammt lange.

Sie drehte sich um, hob ihre Hand zur Kamera und winkte.

Blake grinste.

Auf keinen Fall konnte er jemandem erlauben, ihm nahezukommen, vor allem einer Frau, und noch dazu einer Reporterin. Gefährlich war das Wort, welches ihm in den Sinn kam. Er musste fokussiert bleiben. Er hatte eine Mission zu erledigen.

Whitney hatte allerdings ganz schön Mumm. Wenn sie auch nur eine Sekunde lang dachte, dass er nicht bemerkt hatte, wie sie den Sicherheitsraum absuchte, alles beobachtete und sich einprägte, musste sie verrückt sein.

Ihr Besuch bei ShawBioGen hatte nichts mit einem Interview mit Nathan zu tun. Was hatte Whitney Steel also vor?

***

Nathan Shaw empfing Whitney, unmittelbar, nachdem sich die Aufzugtüren öffneten.

»Sie sind spät dran, Miss Steel.«

»Entschuldigen Sie bitte, Mr. Shaw.« Sie folgte dem Mann, der ein lässiges, graues Hemd und eine schwarze Anzughose trug, in ein riesiges Büro.

Hinter ihnen schlossen sich die Metalltüren, als wären sie in einer Gruft.

»Ich wurde aufgehalten von Ihrem …«

»Setzen Sie sich.«

Die Fotos, die Whitney von dem Milliardär gesehen hatte, wurden ihm nicht gerecht. In Wirklichkeit sah er noch seltsamer aus, mit schwindendem, teilweise ergrautem Haar, das um seine Ohren herum kurz rasiert war, einem ungewöhnlich langen Hals, und einem merkwürdig geformten, kräftigen Gesicht.

Sie setzte sich ihm gegenüber und bemerkte, dass er auf ihre Brüste gaffte. Von den Infos, die sie über ihn gefunden hatte, wusste sie, dass Nathan es genoss, andere mit seinem unkonventionellen Verhalten zu schockieren. Tja, nicht mit diesem Mädchen.

»Danke, dass Sie sich mit mir treffen konnten.«

»Gern geschehen. Natürlich war ich so frei und habe meine eigene Recherche über Sie betrieben, Miss Steel. Sie sind eine der Besten auf Ihrem Gebiet. Ziemlich beeindruckend für eine Frau, und noch dazu eine so junge Frau. Wieso sind Sie heute hier?«

Sie bemerkte, dass ihre Beine zitterten, und überschlug sie. Außerdem versuchte Nathan nun einen Blick unter ihren Rock zu erhaschen. Was für ein Widerling.

»Das hier ist ein Follow-up – eine Verifizierung der Wirksamkeit von ShawBioGens Forschungsarbeiten und Entwicklungstätigkeiten für Produkte gegen sowohl entzündliche als auch Autoimmunerkrankungen.« Sie öffnete ihre Tasche, fand ihr Aufnahmegerät und platzierte es vorsichtig zwischen ihnen auf dem prunkvollsten Chippendale Tisch, den sie je gesehen hatte. Zumindest hatte der Mann einen ausgezeichneten Geschmack, wenn es um Mobiliar ging. Er hatte mit Sicherheit keinen Geschmack, was alles andere betraf.

Er starrte sie aus seinen großen, runden Glupschaugen an. »Miss Steel, Sie sind ja wirklich ganz niedlich und Sie faszinieren mich auch, aber was Sie da erwähnen, ist nichts Neues.« Seine Augen verengten sich. »Wieso sind Sie wirklich hier?«

Ihr Atem stockte und für einen Moment war sie sprachlos.

»Kommen Sie auf den Punkt. Ich bin ein vielbeschäftigter Mann.«

»Nun gut.« Sie drückte auf die Play-Taste des Aufnahmegeräts und betete, dass er nicht bemerkt hatte, wie ihre Finger zitterten.

»In der Politik gab es kürzlich heftige Debatten über die Gewissensfrage zum Thema Klonen von Menschen. Da Ihre Firma in der Vergangenheit bereits Hunde, Kühe und andere Lebewesen geklont hat, würden Sie es nun auch in Erwägung ziehen, Menschen zu klonen?«

Nathan stand auf und ließ seine Hände lässig in seine Hosentaschen gleiten.

»Ja, natürlich, wenn es legal wäre. Mein Fokus liegt beim reproduzierenden Klonen, um es zeugungsunfähigen Paaren, die sich auf keinem anderen Weg fortpflanzen können, zu ermöglichen, ein genetisch verwandtes Kind zu bekommen.«

»Es sind ein paar Gerüchte im Umlauf, daher muss ich Sie eines fragen; klont Ihre Firma Menschen?«

Er zeigte keine Reaktion auf die Frage, sondern schlenderte stattdessen über den Hochflorteppich und blieb hinter ihr stehen. So nah, dass sie seinen feuchten Atem in ihrem Nacken spürte. Ekelhaft. Sie wollte aus ihrem Sitz springen und ihm einen gehörigen Tritt verpassen. Das nicht zu tun, rang ihr jedes Bisschen ihrer Willenskraft ab.

»Als langjährige Reporterin und Frau mit Verstand im Kopf, überrascht es mich, dass Sie sich von solchem Gerede beirren lassen.« Er ging um den Stuhl herum und stellte sich vor ihr hin.

Lass ihn nicht an dich ran. Das ist seine Masche. Er dringt in deinen persönlichen Freiraum ein und hofft, dich damit abzuschrecken.

»Also, fürs Protokoll, dies sind bloß Gerüchte?«

Er warf ihr einen vernichtenden Blick zu und brach dann in hohes, nasales Gelächter aus. »Zuerst einmal bin ich mir sicher, Sie sind sich darüber im Klaren, dass es in diesem Land illegal ist, Menschen zu klonen. Zweitens würde ich die anderen Länder der Welt an dieser unglaublichen Technologie teilhaben lassen, wenn es denn legal wäre. Können Sie sich vorstellen, was ein Mensch mit einer derartigen Technologie anstellen könnte?«

Ja, das konnte sie, und sie hatte das Ergebnis davon bereits auf einer Videokassette gesehen. Ein hilfloses Kleinkind, gefangen in einer grausamen Umgebung. Fest entschlossen, nicht zusammenzubrechen, biss Whitney die Zähne zusammen.

Als er sich vorbeugte und sie ansah, hätte sie für den Bruchteil einer Sekunde schwören können, dem Teufel in seine pechschwarzen Augen zu sehen.

»Glauben Sie, dass ich Menschen klone, Miss Steel?«

Eine eisige Kälte durchfuhr ihren Körper bis auf die Knochen. »Natürlich nicht, Mr. Shaw. Aber als Reporterin ist es meine Pflicht, solchen Gerüchten nachzugehen.«

»Ich verstehe.« Er setzte sich auf den Stuhl ihr gegenüber. »Ich bedaure, unsere Zeit ist abgelaufen. Ihnen wird auf dem Weg nach draußen eine Pressemappe mitgegeben.«

Mit dem schwächsten falschen Lächeln, das sie aufbringen konnte, drückte Whitney auf die Stopptaste und legte das Aufnahmegerät in ihre Handtasche. In diesem Moment schwangen die Türen der Gruft auf. Sie hatte bei Nathan einen Nerv getroffen. Ihre Strafe: wie ein Kind nach Hause geschickt zu werden.

»Ich hoffe inständig, dass Sie eine sehr sichere Reise zurück nach Oregon haben werden, Miss Steel.«

Kapitel 5

Whitneys Hände zitterten.

Nathans unterschwellige Drohung ließ sie erschaudern. Dieser Widerling. Sie atmete tief ein und befahl sich, ruhig zu bleiben.

Als sich die Türen des Aufzugs im Erdgeschoss öffneten, betrat sie den Gang und hörte, wie jemand seine Knöchel knacksen ließ.

Sie wusste genau, dass Blake sie im Aufzug beobachtet hatte. Überall waren elektronische Augen. Nachdem Nathan sie im Anschluss an das kurze Interview aus dem Büro verbannt hatte, war dieser wahrscheinlich sofort in Gelächter ausgebrochen.

Er schlenderte auf sie zu, ihre Kamera in der Hand. Sie hatte vorher nicht bemerkt, dass er gute zehn Zentimeter größer als sie war.

Whitney blieb stehen. »Sie schon wieder.«

»Ich dachte mir, Sie würden die wiederhaben wollen.« Er reichte ihr die Kamera.

»Danke.«

Da war etwas Finsteres, etwas Gefährliches, das ihr Herz zum Klopfen brachte, als seine Hand gegen ihre streifte.

»Sorgen wir dafür, dass Sie zum Flughafen kommen.«

»Sie bringen mich hin?«

Wieso? Entweder wollte Nathan sie genau im Auge behalten oder noch schlimmer. Er wollte sie aus dem Weg haben. Sie hatte kaum den Kloß in ihrem Hals heruntergeschluckt, als sie Blake schon durch die Eingangstüren und aus dem Gebäudekomplex hinaus folgte.

Der heiße Wüstenwind peitschte ihr das Haar ins Gesicht. Ihr Blick fiel auf den dunkelblauen Pick-up, der in der Einfahrt geparkt stand.

Blake öffnete die Beifahrertür. »Haben Sie auch vor, einzusteigen?«

Hatte sie denn eine Wahl? Östlich von ihr, Wüste. Westlich, Wüste. Und nördlich von ihr, wüstes Ödland und schlachtschiffgraue Gewitterwolken, die über den Ruby Mountains hingen.

Dann machen wir das auf deine Art. Fürs Erste. Sie nickte und stieg in den Truck. Blake sprang rein und ihre zweistündige Fahrt zurück nach Vegas begann. Vielleicht könnte dieses Arrangement für sie zum Vorteil werden. Wen gab es besseres, mit dem sie über Nathans Geheimnisse reden könnte, als seine rechte Hand? Plötzlich lächelte Blake sie an, als hätte er ihre Gedanken gelesen.

Sie hielt ihren Blick gesenkt und fummelte an ihrem Rock. Wieso brachte er sie so sehr aus der Fassung?

»Wie lief das Interview mit Nathan?«

Als wüsste er das nicht. »Ganz okay.« Lüge. »Er ist ein Charmeur, finden Sie nicht auch?« Ihre eigenen Worte ekelten sie so sehr an, dass sie beinahe würgte.

Blake lehnte seinen Arm an die Tür. »Nathan kann etwas unvorhersehbar sein. Exzentrisch.«

Unvorhersehbar? Exzentrisch? Der Typ ist gruselig.

Etwas fiel Whitney ins Auge. »Hey, was ist das da drüben?« Sie zeigte nach rechts, auf die andere Seite des Sicherheitszauns. »Diese Gebäude?«

Von ihrem kurzen Blick auf das Satellitenbild im Sicherheitsraum wusste sie, dass ShawBioGen die Form eines neunseitigen Vielecks hatte. Diese achteckigen Gebäude hatte sie nicht gesehen.

»Mitarbeiterunterkünfte. Wissenschaftler und Forscher wohnen jeweils sechs Monate am Stück vor Ort. Nach ihrem Aufenthalt gehen sie für einen Monat nach Hause.« Er griff nach einer Mappe auf dem Armaturenbrett und reichte sie ihr. »Steht alles da drin.«

»Ah, die berühmte Pressemappe.« Sie blätterte diese Seite für Seite durch, wobei ihr das farbenfrohe Foto von einem der Wohnhäuser auffiel. Es stand nichts Nützliches in der Mappe, von dem sie nicht bereits wusste. Zweitausendfünfhundert Angestellte – preisgekrönte Wissenschaftler, die aus der ganzen Welt angeworben wurden.

»Sie wohnen also auch vor Ort?«, fragte sie.

»Jap.«

»Scheint nicht gerade, als gäbe das Leben hier draußen, mitten im Nirgendwo, viel her.« Ein Leben, in dem du deinem verrückten Chef in den Arsch kriechst, wollte sie hinzufügen. Wusste Blake, was Nathan vorhatte? Wenn ja, konnte er damit doch unmöglich einverstanden sein, oder?

»Oh, das macht mir nichts aus. Ich genieße die Ruhe und den Frieden.«

»Wie lange arbeiten Sie schon für Nathan?«

»Fast ein Jahr.«

Reporter zu sein hieß, Menschen lesen zu können. Seine Antworten waren zu kurz und vage für ihren Geschmack. Er verheimlichte etwas.

Die Stimme ihres Vaters durchströmte ihre Gedanken. Jeder hat etwas zu verbergen. Du musst nur tief genug danach graben.

Ein Steppenläufer wehte über die Straße. Der Wind heulte. Ein brausender Staubteufel wirbelte um den Truck herum.

Blake kurbelte sein Fenster hoch und warf ihr einen Seitenblick zu. »Schon mal während eines Sturms in der Wüste gewesen?«

»Nein.« Ein Blitz erhellte den Himmel. Schnell schloss sie ihr eigenes Fenster. »Aber so wie’s aussieht, wird sich das gleich ändern.«

»Es regnet nicht oft, aber wenn …«

Gewaltige Regenmassen donnerten so laut zu Boden, dass Whitney dachte, ihre Trommelfelle würden platzen.

Blake stellte den Scheibenwischer auf die höchste Stufe und drosselte das Tempo des Trucks bis auf Schrittgeschwindigkeit. Wie konnte er die Straße erkennen? Alles, was sie sehen konnte, war ein Vorhang aus Wasser.

»Den hier werden wir aussitzen müssen«, rief er und lenkte den Truck in Richtung Seitenstreifen, wo er anhielt.

Nach ein paar Minuten heftigen Regenfalls hellte sich der Himmel wieder auf und der Wind flaute ab. Blake lenkte den Truck wieder auf die Straße.

Sie griff nach der Fensterkurbel und rollte ihr Fenster mühsam wieder herunter. Eine Brise frischer Regenluft durchflutete das Wageninnere. »Etwas Derartiges habe ich noch nie gesehen.«

Dann bemerkte sie etwas Rundes, mindestens einen halben Meter breit, das aus dem Boden hervorkroch. »Was zum Teufel ist das für ein Ding?«

Blake bremste wieder ab. »Schätze, Sie haben auch noch nie eine kalifornische Gopherschildkröte gesehen?«

Sie sah zu, wie sich die Kreatur zentimeterweise der Mitte der Straße näherte und stehen blieb.

»Sie leben in Höhlen in der Erde. Die Männchen haben Hörner, damit sie mit anderen Männchen kämpfen können. Sie nutzen sie auch, um Weibchen in der Paarungszeit zu animieren.«

Er warf ihr ein zögerliches Lächeln zu, das Schmetterlinge in ihrem Bauch tanzen ließ. Sie spürte, wie ihre Nippel hart wurden. Wieso fand sie diesen Mann so verdammt irritierend?

»Ich werde das Tier zur Seite schaffen müssen.« Blake parkte den Truck, stieg aus und ließ die Tür auf der Fahrerseite offen.

Während er die Schildkröte mit einem Stock vertrieb, starrte Whitney auf das Handschuhfach. Nicht sicher, was sie zu finden erwartete, klappte sie es neugierig auf und durchwühlte den Inhalt.

Alle paar Sekunden blickte sie kurz auf, um sicherzustellen, dass Blake noch immer beschäftigt war. Tankstellenkassenzettel. Eine braune Brieftasche aus Wildleder. Die Brieftasche schlüpfte durch ihre Finger und fiel unter den Sitz. Mist. Sie blickte auf. Verdammt, da kommt er. Sie schloss das Handschuhfach. Denk nach. Die Kamera.

»Würde es Ihnen was ausmachen, ein Foto von der Schildkröte zu machen? Bei mir zu Hause wird mir keiner glauben, wie groß die ist.«

»Klar.«

Sie kramte in ihrer Handtasche, gab ihm die Kamera und wartete, bis er weit genug vom Truck entfernt war, bevor sie abtauchte und nach der Brieftasche griff.

Bevor sie diese wieder zurück in das Handschuhfach warf, hatte sie gerade noch Zeit für einen kurzen Blick auf den Führerschein. Der Mann auf dem Foto hatte dunkelblondes Haar. Robert Blake Neely. Er färbte sich also die Haare. Na und? Machte das heutzutage nicht jeder?

»Gefunden, wonach Sie suchen?« Blake warf die Kamera auf den Sitz, sprang ins Auto und knallte die Tür zu.

Whitney zuckte zusammen.

Sein Blick verdunkelte sich. »Nun?«

Sie senkte den Blick auf ihren Schoß. »Ich – habe nach einem Taschentuch gesucht. Ich dachte, Sie hätten vielleicht welche im Handschuhfach.« Das würde er ihr doch unmöglich abkaufen, oder?

»Hören Sie mal, ich weiß nicht, was Sie hier vorhaben, aber wenn Sie weiter so herumschnüffeln, kann das Ihnen eine Menge Ärger einbringen.«

»Ich bin Reporterin. Herumschnüffeln, wie Sie es nennen, ist mein Beruf.« Sie richtete sich in ihrem Sitz auf und faltete ihre Hände im Schoß. »Das nennt man Ermitteln.«

»Sie können es nennen, wie Sie wollen. Wir wissen beide, dass Sie nicht nach einem Taschentuch gesucht haben. Was ist der wahre Grund, weshalb Sie zu ShawBioGen gekommen sind?«

Sie schaute ihm direkt in die Augen. Sollte sie ihm vertrauen? Konnte sie ihm vertrauen? Er arbeitete für Nathan. Vielleicht könnte sie ihm ein bisschen was erzählen, um zu sehen, wie er reagierte. »Es heißt, Nathan arbeite im Gebäudekomplex an einem neuen Klonprojekt. Ich hatte gehofft, ein exklusives Statement zu ergattern.«

Blake schüttelte den Kopf und lachte. »Das ist doch nicht Ihr Ernst.«

Das war nicht die Reaktion, die sie sich erhofft hatte. Nicht mal annähernd.

Blake lachte immer noch. »Ich nehme an, Sie denken auch, dass er dort außerdem Aliens versteckt hält? Gerüchte, nichts weiter. Wenn ich Sie wäre, würde ich mal meine Quellen überprüfen.«

Der Mann war schwer zu lesen und klang überzeugend. Vielleicht wusste er nichts von Nathans Experimenten.

Blake verhielt sich ruhig, bis sie den McCarran Flughafen erreichten. Nachdem er den Truck geparkt hatte, begleitete er sie zum Terminal.

»Lange Schlange. Könnte eine Weile dauern, bis Sie durch den Sicherheitscheck kommen.« Er strich eine einzelne Strähne auf ihrer Stirn zur Seite.

Die Berührung seines Fingers ließ ihr Herz schneller schlagen.

»Also … wenn Sie wirklich klug sind, steigen Sie jetzt in dieses Flugzeug und vergessen ShawBioGen.«