Das falsche Urteil - Håkan Nesser - E-Book

Das falsche Urteil E-Book

Håkan Nesser

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9,99 €

Beschreibung

Ein neuer Fall für Kommissar Van Veeteren - die furiose Geschichte eines fast perfekten Mordes.

An einem sonnigen Augustmorgen wird Leopold Verhaven aus dem Gefängnis entlassen, wo er wegen Mordes in zwei Fällen insgesamt 14 Jahre seines Lebens verbrachte. Acht Monate später entdecken spielende Kinder seine übel zugerichtete Leiche. Warum wurde er ermordet? Weil jemand fand, er sei noch nicht genug bestraft worden? Oder hatte jemand Angst vor ihm? Van Veeteren beginnt, sich die Zeugen aus Verhavens Prozessen nochmal genauer unter die Lupe zu nehmen, denn er wird den Verdacht nicht los, dass der Mann unschuldig war ...

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Seitenzahl: 329

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Buch

Ein Mann wird aus dem Gefängnis entlassen, der insgesamt vierundzwanzig Jahre seines Lebens in Haft verbrachte. Acht Monate später entdecken spielende Kinder eine übel zugerichtete Leiche, die offenbar schon sehr lange in einem Graben gelegen hat. Die Obduktion ergibt, dass es sich um einen Mann von etwa sechzig Jahren handelt, der nur einen Hoden hatte – die einzige Möglichkeit, den Toten zu identifizieren, denn der Leiche fehlen Kopf, Hände und Füße. Alles weist schließlich darauf hin, dass es sich um Leopold Verhaven handelt, einen ehemaligen Starsprinter, der zweier Morde für schuldig befunden wurde, obwohl er immer seine Unschuld beteuerte. Warum aber sollte jemand Verhaven umgebracht haben? Weil jemand fand, er sei noch nicht genug bestraft worden? Oder weil jemand Angst vor Verhavens Rache hatte? Auf jeden Fall müssen die Zeugen der früheren Fälle noch einmal vernommen werden. Beide Male hatte Verhaven angeblich seine jeweilige Freundin umgebracht – doch Kommissar van Veeteren wird den Verdacht nicht los, dass Verhaven wirklich unschuldig war ...

Autor

Håkan Nesser, geboren 1950, ist einer der interessantesten und aufregendsten Krimiautoren Schwedens. Für seine Romane um Inspektor von Veeteren erhielt er zahlreiche Preise, sie sind in mehrere Sprachen übersetzt worden. »Das falsche Urteil« wurde als bester schwedischer Kriminalroman des Jahres ausgezeichnet.

Håkan Nesser bei btb-TB

Das grobmaschige Netz. Roman (72380)

Das vierte Opfer. Roman. Hardcover (72719)

Die Frau mit dem Muttermal. Roman (72280)

Der unglückliche Mörder. Roman (72628)

Håkan Nesser bei btb-HC

Münsters Fall. Roman. (75043)

Der Kommissar und das Schweigen. Roman (75075)

Inhaltsverzeichnis

BuchAutorInschriftI - 24. August 1993
Kapitel 1
II - 20. April – 5. Mai 1994
Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7Kapitel 8Kapitel 9Kapitel 10
III - 24. August 1993
Kapitel 11
IV - 5. – 10. Mai 1994
Kapitel 12Kapitel 13Kapitel 14Kapitel 15Kapitel 16Kapitel 17Kapitel 18Kapitel 19Kapitel 20Kapitel 21Kapitel 22
V - 24. August 1993
Kapitel 23
VI - 11. – 15. Mai 1994
Kapitel 24Kapitel 25Kapitel 26
VII - 24. August 1962
Kapitel 27
VIII - 16. – 22. Mai 1994
Kapitel 28Kapitel 29Kapitel 30Kapitel 31Kapitel 32
IX - 11. August 1981
Kapitel 33
X - 23. – 28. Mai 1994
Kapitel 34Kapitel 35Kapitel 36Kapitel 37Kapitel 38Kapitel 39Kapitel 40
XI - 25. November 1981
Kapitel 41
XII - 29. – 31. Mai 1994
Kapitel 42Kapitel 43
XIII - 19. Juni 1994
Kapitel 44
Copyright

Wenn Sie mich fragen, wie lang das Leben ist, dann sage ich Ihnen die Wahrheit: Es ist gerade so lang wie die Entfernung zwischen zwei Jahreszahlen auf einem Grabstein.

W. E. MAHLER

I

24. August 1993

1

Es war der erste und letzte Tag.

Die Stahltür fiel hinter seinem Rücken ins Schloss und das metallische Klicken hing noch einen Moment in der kühlen Morgenluft. Er machte vier Schritte, blieb stehen und stellte seine Tasche hin. Kniff die Augen zusammen und riss sie dann wieder auf.

Ein leichter Morgennebel hing über dem einsamen Parkplatz, die Sonne ging über der Stadt gerade auf, und das einzige Lebenszeichen stammte von den Vögeln über den Feldern, die den Ort umgaben. Der Duft eines frisch gemähten Kornfeldes stahl sich in seine Nasenlöcher. Das Licht blendete ihn und zitterte über dem Asphalt. Aus der Ferne, einige Kilometer weiter, konnte er das sture Summen der Autos auf der Schnellstraße hören, die die offene Landschaft durchschnitt. Die plötzliche Erkenntnis der wahren Dimensionen der Welt sorgte dafür, dass ihm für einen Moment schwindlig wurde. Er hatte seit zwölf Jahren diese Mauern nicht verlassen, seine Zelle hatte zweieinhalb mal drei Meter gemessen, und er wusste, dass dieser Ort vom Bahnhof weit entfernt lag. Ungeheuer weit, vielleicht eine unüberbrückbare Entfernung für einen solchen Tag.

Sie hatten ihm ein Taxi angeboten, das stand allen zu, aber er hatte abgelehnt. Wollte auf dem Rückweg in die Welt nicht mit Abkürzungen anfangen. Wollte an diesem Morgen bei jedem Schritt Bedeutung und Schmerz und Freiheit spüren. Wenn er sein Vorhaben überhaupt durchführen wollte, dann galt es sehr viel zu überwinden, das war ihm klar. Zu überwinden und zu meistern.

Er hob seine Tasche hoch und ging los. Die Tasche wog nicht viel. Sie enthielt ein wenig Unterwäsche. Ein paar Schuhe, ein Hemd, eine Hose und ein Nageletui. Vier oder fünf Bücher und einen Brief. Die Kleidung, die er jetzt trug, hatte er am Vortag in der Kleiderkammer anprobiert, danach hatte er ihren Empfang quittiert. Es war die typische Anstaltsgarderobe. Schwarze Kunstlederschuhe. Blaue Hose. Blassgraues Flanellhemd und eine dünne Windjacke. Für die Leute in der Stadt würde er so leicht zu identifizieren sein wie ein katholischer Priester oder ein Schornsteinfeger. Einer der Leute, die mit der braunen Reisetasche aus Pappe zum Bahnhof wanderten und wegfahren wollten. Die ihre Zeit in der Großen Grauen zwischen Stadtwald und Schnellstraße abgesessen hatten. Die ganz in der Nähe wohnten und doch endlos weit fort zu sein schienen. Einer von den anderen. Die leicht Erkennbaren.

Die Große Graue. So hieß das Haus im Volksmund; für ihn selber war es eher namenlos, war nur ein Stück Zeit, aber fast kein Raum. Und die Blicke der Menschen berührten ihn schon längst nicht mehr: schon längst war er gezwungen worden, ihre oberflächliche und sinnlose Gesellschaft zu verlassen. Das hatte er ohne Zögern getan, unter Zwang, weil ihm nichts anderes übrig geblieben war, und er hatte sich niemals zurückgesehnt. Niemals.

Und die Frage war da noch, ob er jemals dazugehört hatte.

Die Sonne stieg höher. Nach einigen hundert Metern musste er abermals eine Pause einlegen. Er streifte die Jacke ab und legte sie sich über die Schulter. Zwei Autos kamen an ihm vorbei. Wärter, vermutlich, oder andere Beamte. Anstaltsleute jedenfalls. Hier in dieser Gegend gab es sonst doch nichts. Nur die Große Graue.

Er setzte sich wieder in Bewegung. Wollte vor sich hinpfeifen, kam aber auf keine Melodie. Das Morgenlicht war einfach zu stark. Er überlegte sich, dass eine dunkle Sonnenbrille eine Hilfe sein könnte, vielleicht könnte er sich in der Stadt eine kaufen. Er legte sich die Hand an die Stirn, kniff die Augen zusammen und betrachtete die Silhouetten im scharfen Licht. In diesem Moment fingen irgendwelche Kirchenglocken zu läuten an.

Er schaute auf seine Armbanduhr. Acht. Den ersten Zug würde er nicht mehr erreichen. Das wollte er aber auch eigentlich gar nicht, lieber wollte er ein paar Stunden bei einem ordentlichen Frühstück und einer aktuellen Tageszeitung im Bahnhofscafe sitzen. Er hatte es nicht eilig. An diesem ersten Tag jedenfalls nicht. Natürlich wollte er seinen Plan durchführen, aber der Zeitpunkt hing von Umständen ab, über die er noch keinerlei Überblick hatte.

Am nächsten Tag, vielleicht. Oder am übernächsten. Wenn diese vielen Jahre ihm etwas, überhaupt irgendetwas beigebracht hatten, dann sicher dieses: Geduld zu haben.

Geduld.

Zielbewusst betrat er den Ort. Nahm die menschenleeren sonnenbeschienenen Straßen in Besitz. Die schattigen Gassen, die zum Marktplatz führten. Das abgenutzte Kopfsteinpflaster. Wanderte langsam am braunen, morastigen Fluss entlang, auf dem träge Enten in zeitloser Leichtigkeit umherschwammen. Das allein, einfach zu gehen, ohne an einer Mauer oder einem Gitter zu enden, war schon seltsam. Er blieb auf einer Brücke stehen und betrachtete eine Schwanenfamilie, die auf einem Inselchen im Schatten der am Ufer wachsenden Kastanienbäume Rast machte. Betrachtete auch diese gewaltigen Bäume, deren Zweige ebenso nach oben zu streben schienen wie nach unten. Zum Wasser wie zum Licht.

Die Welt, dachte er. Das Leben.

Ein pickliger Jüngling stempelte mit sichtlichem Widerwillen seine Fahrkarte. Einfache Fahrt, ja, das war doch klar. Er schaute den Knaben kurz an und ging dann weiter zum Kiosk. Kaufte zwei Tageszeitungen und eine Zeitschrift mit großen nackten Brüsten, was ihm aber gar nicht peinlich war. Dann eine Kanne Kaffee im Cafe, frische Brötchen mit Käse und Marmelade. Ein oder zwei Zigaretten. Der Zug ging in einer Stunde, und es war noch immer Morgen.

Der erste Morgen seiner zweiten Rückkehr und die ganze Welt war voller Zeit. Voller Unschuld und Zeit.

Stunden später näherte er sich seinem Ziel. Einige Dutzend Kilometer saß er nun schon allein im Abteil. Schaute aus dem zerkratzten und verdreckten Fenster, sah Felder, Wälder, Orte und Menschen an sich vorbeiziehen, und plötzlich wurde alles deutlich. Zeigte seinen eigenen, ganz besonderen Inhalt. Häuser, Straßen, der innere Zusammenhang der Landschaft. Der alte Wasserturm. Der Fußballplatz. Die Fabrikschlote und die Villengärten. Gahns Möbelfabriken. Der Marktplatz. Das Gymnasium. Die Straßenüberführung und die Häuser in der Einkaufsstraße. Und dann fuhr der Zug langsamer.

Der Bahnsteig war mit einem neuen Dach aus blassgelbem Kunststoff versehen worden, das registrierte er gleich beim Aussteigen. Die Bahnhofsfassade war renoviert. Und es gab neue Schilder.

Ansonsten sah alles aus wie früher.

Er nahm ein Taxi. Verließ den Ort. Fünfzehn Minuten übellaunige Fahrt in Richtung See, der manchmal verschwand und manchmal zwischen Äckern und Laubbäumen glitzerte, dann war er da.

»Halten Sie bei der Kirche. Ich gehe den letzten Rest zu Fuß.«

Er bezahlte und stieg aus. Die Art, wie der Fahrer ihm zum Abschied winkte, kam ihm bekannt vor. Er wartete, bis das Auto gedreht und hinter der Molkerei verschwunden war. Dann packte er seine Tasche und die Plastiktüte mit den Waren, die er für die nächsten Tage brauchte, und machte sich an die letzte Etappe.

Die Sonne stand jetzt hoch am Himmel. Bald strömte ihm der Schweiß über das Gesicht und die Schulterblätter. Es war weiter als in seiner Erinnerung, außerdem ging es steiler bergauf.

Aber er war schließlich seit zwölf Jahren nicht mehr hier gewesen.

Auch das Haus war zwölf Jahre älter, aber immerhin stand es noch. Sie hatte wie versprochen den Weg zur Vortreppe freigelegt, aber das war auch alles. Die Grenze zwischen Garten und Wald schien verwischt zu sein, kleine Birken waren schon weit vorgerückt, Gras und Schlingpflanzen und Gestrüpp wuchsen an den Wänden meterhoch. Das Dach des Schuppens war eingesunken, die Dachziegel sahen angegriffen aus, ein Fenster im Obergeschoss war zerbrochen, aber das interessierte ihn nicht weiter. Sofern er sich überhaupt etwas vorgestellt hatte, sah alles ungefähr so aus wie erwartet.

Der Schlüssel hing am abgemachten Ort unter der Regenrinne. Er schloss auf. Stemmte die Schulter gegen die Tür und drückte zu, damit sie sich öffnete. Sie hatte sich offenbar ein wenig verkeilt.

Es roch muffig, aber nicht übermäßig. Nichts war verfault, und Ratten gab es offenbar auch nicht. Auf dem Küchentisch lag ein Zettel.

Sie wünsche ihm alles Gute, stand dort. Mehr nicht.

Er stellte Tasche und Tüte aufs Sofa unter der Uhr und schaute sich um. Lief umher und öffnete die Fenster. Im Schlafzimmer blieb er vor dem Spiegel stehen und betrachtete sich.

Ihm fiel auf, dass er alt geworden war. Sein Gesicht war grau und eingefallen. Die Wangen dünner und verkniffener. Die Haut am Hals hing schlaff und faltig herab. Seine Schultern waren krumm und sahen auf irgendeine Weise bedrückt aus.

Siebenundfünfzig Jahre, dachte er. Vierundzwanzig hinter Gittern. Kein Wunder.

Er drehte sich um und suchte nach einer Waffe. Eine Waffe brauchte er ja auf jeden Fall, und je schneller er die Sache erledigte, desto besser. Falls ihn nicht wieder Zweifel überkommen sollten.

Gegen Abend saß er mit dem Brief in der Küche. Las ihn noch einmal, bei einer Tasse Kaffee, die auf dem geblümten Wachstuch stand.

Lang war der Brief nicht. Knappe anderthalb Seiten. Er schloss die Augen und versuchte ihr Bild vor sich zu sehen.

Ihre schwarzen, vom Tode gezeichneten Augen auf der anderen Seite des Gitters. Ihre verkrampften Hände.

Und ihre Mitteilung.

Nein, es konnte keinen Zweifel geben.

II

20. April – 5. Mai 1994

2

Es war einer von diesen Ausflügen.

Natürlich hätten vier Erwachsene dabei sein müssen. Oder zumindest drei. Das war auch so geplant gewesen, aber eine halbe Stunde vor Aufbruch hatte Henriette angerufen und wegen einer ihrer vagen Unpässlichkeiten abgesagt. Gleich darauf war ihnen aufgegangen, dass Hertl zur Unterstützung der Krankenschwester zurückbleiben musste. Die wurde nämlich an diesem Nachmittag erwartet und sollte die Zweijährigen impfen.

Also blieben noch Elisabeth und Moira. Dass Moira früher oder später von Migräne gequält werden würde, war ohnehin selbstverständlich. Weshalb sie eigentlich für die ganze Bande allein verantwortlich war. Aber egal, es war ja nicht das erste Mal.

Vierzehn Kinder. Im Alter zwischen drei und sechs. Eunice, 6, eröffnete das Fest damit, dass sie schon nach vierhundert Metern im Bus loskotzte. Paul, 3, pisste sich derweil die Stiefel voll. Ellen und Judith, 4 und 5, versuchten einander im Streit um ein grünes Halstuch mit rosa Kaninchen die Augen auszukratzen. Emile, 3½, schrie so laut nach seiner Mama, dass der ganze Bus dröhnte, und Christophe, 6, hatte Zahnschmerzen.

Immerhin erreichten sie lebend die Haltestelle auf der Lichtung im Wald. Rasch zählte sie ihre Lieben durch. Es stimmte. Vierzehn Stück, mit Moira fünfzehn. Sie holte tief Atem. Drei Stunden mit Waldspaziergängen, Würstchengrillen, Schatzsuche und allerlei botanischen Untersuchungen lagen vor ihnen. Durch die Baumkronen konnte sie den dunkel werdenden Himmel ahnen und sie fragte sich, wie bald wohl der Regen über sie hereinbrechen würde. Das sollte knapp fünfunddreißig Minuten dauern, wie sich herausstellte, und inzwischen waren sie schon ziemlich tief in den Wald hineingegangen. Moira spürte den Druck auf der Stirn und lief fünfzig Meter vor den anderen her, um den Druck nicht schlimmer werden zu lassen. Erich und Wally pöbelten Eunice an, weshalb dieses dicke Kind nicht mehr bei den anderen sein wollte, sie lief allein und maulend zwischen den Bäumen, statt auf dem Weg zu bleiben, aber Elisabeth rief sie ab und zu und blieb auf diese Weise mit ihr in Kontakt. Einer der Jömpers-Zwillinge war gestolpert, mit dem Kopf gegen eine Wurzel geschlagen und musste deshalb getragen werden. Sein Bruder hüpfte hinter ihr her und zog mit verdreckten Fingern an ihrem Gürtel.

»Jetzt regnet’s«, schrie Bartje, 4.

»Ich will nach Hause«, rief Heinrich, 5.

»Pissgören«, erklärten Erich und Wally. »Geht nach Hause und fickt eure Mutter.«

»Fickt«, piepste ein anonymer Dreijähriger.

»Haltet die Fresse, Wally und Erich«, fauchte Elisabeth. »Sonst schneid ich euch die Ohren ab!«

Moira stand vor der Wanderhütte, in der sie zu Mittag essen wollten.

»Was für ein Glück«, flüsterte sie, als die anderen sie eingeholt hatten. Sie musste flüstern, um ihre Migräne in Schach zu halten. »Jetzt los, damit wir ins Trockene kommen!«

Noch ehe Wally an der Tür angelangt war, wusste Elisabeth, dass diese abgeschlossen war, und dass der Schlüssel in Hertls Handtasche im Personalzimmer des Kindergartens steckte.

»Die Scheißtür ist zu!«, schrie Wally. »Lass den Schlüssel rüberwachsen!«

Moira blickte sie verständnislos an. Elisabeth seufzte. Kniff die Augen zusammen und zählte bis drei. Der Regen strömte auf sie hernieder und sie spürte, wie ihre Absätze langsam im triefnassen Gras versanken.

»Ich friere«, jammerte der eine Jümperszwilling auf ihrem Arm.

»Ich hab Hunger«, erklärte der andere.

»Habt ihr den Schlüssel vergessen, ihr Blödis?«, schrie Erich und schmiss einen Lehmklumpen an die Hüttenwand.

Elisabeth dachte noch drei weitere Sekunden nach. Dann packte sie ihren am Kopf verwundeten Patienten in Moiras Arme, lief auf die Rückseite des Hauses und schlug ein Fenster ein.

Einige Zeit später hatte der Regen aufgehört. Aller Proviant war verzehrt, sie hatte achtzehn Märchen vorgelesen, die sie schon achtzehnhundertmal vorgetragen hatte, einige Fünf- und Sechsjährige hatten die Umgebung erforscht und sich dermaßen versaut, dass sie bezweifelte, ob der Busfahrer sie wieder mitnehmen würde. Moira hatte eine Weile in einer Kammer im Obergeschoss geschlafen, fühlte sich ein wenig weniger elend, aber eben nur ein wenig. Gerard, ein drei Jahre alter Allergiker, hatte große roten Flecken im Gesicht und in der Armbeuge, da ein bisher nicht identifizierter Übeltäter ihm heimlich ein Nussbonbon zugespielt hatte. Zwei Kinder von drei und vier Jahren hatten sich in die Hosen gepisst.

Ansonsten hatte sie alles unter Kontrolle. Sie beschloss, alle auf die Treppe zu rufen und zum Aufbruch zu blasen.

Dreizehn. Es waren nur dreizehn. Und mit Moira vierzehn.

»Wer fehlt denn noch?«, fragte sie.

Wie sich dann herausstellte, fehlte Eunice.

Eine erste vorläufige Umfrage brachte die Information, dass Eunice vor zwanzig bis fünfunddreißig Minuten zuletzt gesehen worden war, die Sache mit der Zeitrechnung nahm kein Kind so genau, und die Ursache des Verschwindens war auch nicht ganz klar – möglicherweise hatten Wally oder Erich oder auch beide ihr mit einem Brett auf den Rücken geschlagen, vielleicht hatte Marissa sie auch als »Affennutte« bezeichnet. Oder sie hatte Bauchweh gehabt.

Vermutlich lag es an einer Kombination von allem.

Nachdem alle einige Minuten lang gerufen und geschrien hatten, beschloss Elisabeth, die Gegend durchzukämmen.

Moira musste sich im Haus um die Drei- und Vierjährigen kümmern, Elisabeth selber ging mit den etwas Älteren in den Wald.

Älter, dachte sie. Fünf und sechs Jahre. Sieben Kinder.

»Wir gehen im Abstand von zehn Metern los«, erklärte sie. »Wir rufen die ganze Zeit und lassen einander nicht aus den Augen. Ist das klar?«

»Yes boss«, schrie Wally und salutierte.

Und Wally fand die Vermisste dann auch.

»Sie sitzt in einem Scheißgraben und heult«, teilte er mit. »Da hinten. Sie sagt, sie hat einen Toten ohne Kopf gefunden.«

Und Elisabeth wusste sofort, dass das stimmte. Auf so einen Hammer hatte sie an diesem Tag natürlich nur noch gewartet.

In Wirklichkeit fehlte dem Toten nicht nur der Kopf. Sein Körper – oder das, was davon noch übrig war – war in einen schweren Teppich eingewickelt gewesen, und es fand sich einfach nicht die Zeit, um in Erfahrung zu bringen, warum Eunice diesen Teppich so genau untersucht hatte. Möglicherweise hatte ein Beinstumpf hervorgelugt. Auf jeden Fall hatte das kräftige und starke Mädchen den Teppich weit genug aus dem Graben ziehen können, um ihn auseinanderzuwickeln. Er war von der Feuchtigkeit hart angegriffen ... und vom Schimmel, Pilzen und allgemeiner Auflösung, dachte Elisabeth. An einigen Stellen fiel er schon auseinander, und der Leichnam, der sich in seinem Innersten verbarg, befand sich mehr oder weniger im selben betrüblichen Zustand.

Kein Kopf. Keine Hände, keine Füße.

»Zurück zur Hütte«, schrie Elisabeth und drückte die schluchzende Eunice an sich.

Dann überfiel sie plötzlich eine fürchterliche Übelkeit und sie wusste, dass ihr hier ein Anblick zuteil geworden war, der in allen dunklen Nächten ihres weiteren Lebens ihr treuer Begleiter sein würde.

3

»Bericht, danke«, sagte Hiller und faltete die Hände.

Reinhart schaute zur Decke hoch. Münster räusperte sich pflichtschuldigst und Van Veeteren gähnte.

»Na?«, drängte Hiller.

»Also«, sagte Münster und blätterte in seinem Notizblock.

»Das dauert nicht lange, das verspreche ich euch«, sagte der Polizeichef und schaute auf seine Armbanduhr aus Golddouble. »In fünfundzwanzig Minuten habe ich eine Besprechung, es reicht also, wenn ich die Geschichte in groben Zügen bekomme.«

Münster räusperte sich noch einmal.

»Es geht also um eine männliche Leiche«, sagte er dann. »Gefunden gestern in einem Waldgebiet in der Nähe von Behren, an die dreißig Kilometer von hier entfernt, von einer Sechsjährigen ... sie machte zusammen mit ihrem Kindergarten einen Ausflug. Der Tote lag eingewickelt in einen Teppich in einem Graben, ungefähr dreißig Meter vom nächsten befahrenen Weg entfernt, und er lag schon lange dort.«

»Wie lange?«

»Gute Frage«, sagte Reinhart. »Ein Jahr vielleicht. Vielleicht etwas mehr, vielleicht etwas weniger.«

»Lässt sich das nicht feststellen?«, fragte Hiller.

»Noch nicht«, erklärte Van Veeteren. »Meusse ist aber schon voll im Einsatz. Mindestens ein halbes Jahr jedenfalls.«

»Aha«, sagte Hiller. »Und weiter?«

»Weiter«, sagte Münster, »hat sich die Identität bisher nicht feststellen lassen, da der Mörder Kopf, Hände und Füße abgehackt hat ...«

»Wissen Sie überhaupt mit Sicherheit, dass es sich um einen Mord handelt?«, fragte der Polizeichef. Reinhart seufzte.

»Nein«, sagte er. »Es kann sich durchaus um einen ganz natürlichen Todesfall handeln. Um jemanden, der sich keine richtige Beerdigung leisten konnte. Das ist heutzutage ja nicht billig ... der Kopf und die anderen Teile sind vermutlich in Übereinstimmung mit den letzten Wünschen des Verblichenen von der Witwe der Forschung überlassen worden.«

Van Veeteren räusperte sich.

»Es wird wahrscheinlich noch einige Zeit dauern, bis wir die Todesursache festgestellt haben«, sagte er und klemmte sich einen Zahnstocher zwischen die unteren Vorderzähne. »Offenbar sind keine tödlichen Wunden zu entdecken ... aber meistens sterben die Leute ja, wenn man ihnen den Kopf abhackt.«

»Meusse ist nicht gerade begeistert von dieser Leiche«, schaltete Reinhart sich ein. »Und das kann man ja fast verstehen. Der Tote hat auf jeden Fall während des ganzen Winters in diesem verfaulenden Teppich im Graben gelegen. Ist gefroren und wieder aufgetaut, gefroren und wieder aufgetaut. Tiere haben auch ein wenig daran herumgenagt, aber offenbar hat er ihnen nicht besonders gut geschmeckt ... und leicht zu erreichen war er wohl auch nicht. Teilweise hat er unter Wasser gelegen ... was ihn ein wenig konserviert hat, sonst hätten wir nur noch das Skelett gefunden. Er sieht einfach grauenhaft aus, um das kurz zu sagen.«

Hiller dachte nach.

»Warum sind ... diese Körperteile abgehackt worden, was meinen wir?«

Wir?, dachte Münster. Was meinen wir? Wie geht’s uns denn heute? Ist das hier ein Polizeipräsidium oder ein Krankenhaus? Oder vielleicht ein Tollhaus, wie Reinhart immer behauptet? Ab und zu war das schwer zu sagen.

»Schwer zu sagen«, wiederholte Van Veeteren seinen Gedanken. »Wir haben es ja ab und zu mit Mördern zu tun, die ihre Opfer zerlegen, aber in diesem Fall sollte sicher die Identifikation erschwert werden.«

»Und ihr habt keine Ahnung, wer der Mann sein könnte?«

Van Veeteren schüttelte den Kopf.

»Natürlich kämmen wir die Umgebung durch«, sagte Münster. »Das haben Sie ja selber angeordnet ... zwanzig Kollegen suchen schon seit gestern Nachmittag den Wald ab ... ja, natürlich nicht während der Nacht.«

»Eigentlich unnötig«, erklärte Reinhart und zog die Pfeife aus der Jackentasche.

»Du kannst rauchen, wenn wir fertig sind«, sagte der Polizeichef und schaute auf die Uhr. »Warum ist das unnötig?«

Reinhart steckte die Pfeife wieder ein und faltete die Hände hinter seinem Nacken.

»Weil sie nichts finden werden«, lautete seine Antwort. »Wenn ich jemanden umbringe und mir dann noch die Zeit nehme, um dem Toten Kopf, Hände und Füße abzuhacken, dann bin ich vermutlich nicht so verdammt blöd, dass ich die an derselben Stelle deponiere wie den Leichnam. Im Grunde gibt es auf der ganzen Welt nur eine Stelle, wo wir garantiert nichts finden werden, und zwar die, an der wir suchen. Genial, das muss ich schon sagen.«

»Alles klar«, fiel Hiller ihm ins Wort. »Der Kommissar war doch gestern nicht da, und deshalb dachte ich ...«

»Na ja«, sagte Van Veeteren. »Es schadet ja nichts, den Fundort abzusuchen, aber ich glaube, wir hören heute Abend auf damit. Nicht viele Spuren überleben doch einen ganzen Winter, und wir können außerdem davon ausgehen, dass er nicht lebend dorthin gebracht worden ist.«

Der Polizeichef war nicht überzeugt.

»Wie werden wir die Ermittlungen anlegen?«, fragte er. »Ich habe nicht mehr viel Zeit ...«

Van Veeteren mochte nichts überstürzen.

»Tja«, sagte er. »Das müssen wir uns erst überlegen. Wie viel Mann willst du einsetzen?«

»Da sind ja noch die, die sich mit diesem verdammten Überfall befassen«, sagte Hiller und erhob sich. »Und dieser Erpresser...«

»Und die Rassisten«, sagte Reinhart.

»Dieser Erpresser ...«, sagte Hiller.

»Die Scheißrassisten«, sagte Reinhart.

»O verdammt«, sagte Hiller. »Komm morgen früh als Erstes zu mir, W, dann sehen wir, wie die Lage ist. Ist Heinemann eigentlich noch immer krankgeschrieben?«

»Kommt am Montag wieder«, sagte Münster.

Er verschwieg, dass er eigentlich nach Heinemanns Rückkehr einige Tage Urlaub hatte nehmen wollen. Er ahnte schon, dass solche Wünsche im Moment nicht gern gesehen wären.

»Na ja, dann müssen wir eben wie gehabt weitermachen«, entschied Hiller und fing an, die anderen aus der Tür zu scheuchen. »Je schneller wir diesen Fall klären, desto besser. Es sollte doch nicht unmöglich sein, zumindest festzustellen, wer dieser Kerl war. Oder was?«

»Nichts ist unmöglich«, sagte Reinhart.

»Na, was denkt sich denn der Polizeidirektor?«, fragte Van Veeteren und reichte die Fotos weiter.

Münster betrachtete die Bilder des verstümmelten und braun gefleckten Leichnams und des Tatorts, der sich durchaus als gute Wahl erwies, verwuchertes Unterholz, ein überwachsener Graben ... es war kaum ein Wunder, dass der Tote erst jetzt entdeckt worden war. Im Gegenteil, dass diese arme Sechsjährige darüber gestolpert war, war ganz und gar auf das Konto des Zufalls zu buchen.

»Ich weiß nicht«, sagte er. »Kommt mir jedenfalls ziemlich vorsätzlich vor.«

Der Kommissar brummte:

»Vorsätzlich, ja. Davon können wir wohl ausgehen. Und was hältst du von dieser Verstümmelung?«

Münster dachte nach.

»Soll natürlich die Identifikation verhindern ...«

»Erkennst du die Leute denn an den Füßen?«

Münster schüttelte den Kopf.

»Nur dann, wenn es besondere Kennzeichen gibt. Tätowierungen oder so ... wie alt war er?«

»Zwischen fünfzig und sechzig, meint Meusse, aber wir müssen bis heute Abend warten. Wie gesagt, es ist keine schöne Leiche. Ich nehme an, sie wird dir und Rooth vermacht werden.«

Münster schaute auf.

»Wieso das? Was hat der Kommissar ...«

Van Veeteren hob einen mahnenden Finger.

»Hat alle Hände voll zu tun mit diesem verdammten Bankräuber. Und Reinhart wird sicher bald seine Terroristen hochnehmen. Ja, und mich wollen sie ins Krankenhaus stecken und mir den Bauch aufschlitzen ... in der ersten Maiwoche. Also ist es besser, du übernimmst den Fall von Anfang an.«

Münster spürte, dass er errötete.

»Ich stehe natürlich zur Verfügung, wenn du stecken bleibst«, sagte Van Veeteren.

»Erst muss ich irgendwas finden, worin ich stecken bleiben kann«, sagte er. »Hat Rooth sich schon die Vermissten angesehen?«

Der Kommissar drückte auf das Haustelefon, und fünf Minuten später erschien Kriminalinspektor Rooth mit einem Stapel Computerausdrucken. Er ließ sich auf den freien Stuhl sinken und kratzte sich am Bart. Der Bart war noch dünn und frisch und ließ ihn ein wenig aussehen wie einen Penner, fand Münster. Aber es schadete natürlich gar nichts, dass nicht alle Kollegen schon auf hundert Meter Entfernung als Bullen auszumachen waren.

»Zweiunddreißig Vermisstenanzeigen aus diesem Bezirk während der vergangenen zwei Jahren«, teilte er mit, »von Leuten, natürlich, die nicht wieder aufgetaucht sind. Sechzehn hier aus der Stadt. Ich habe die Liste durchgesehen ... wenn wir davon ausgehen, dass er zwischen sechs Monaten und einem Jahr dort gelegen hat, dann müsste er zwischen April und Dezember des vergangenen Jahres vermisst gemeldet worden sein. Aber das sehen wir uns noch genauer an, wenn Meusse fertig ist ...«

»Wie können so viele Menschen verschwinden?«, fragte Münster. »Kann das denn wirklich stimmen?«

Rooth zuckte mit den Schultern.

»Die meisten setzen sich ins Ausland ab. Jugendliche vor allem. Ich glaube nicht, dass in mehr als fünfzehn bis zwanzig Prozent dieser Fälle ein Verbrechen vorliegt ... ja, Stauff behauptet das immerhin, und der kennt sich damit doch aus. Kleinigkeiten zählt er wohl nicht mit. Schließlich verschwinden immer wieder Junkies. Nach Thailand und Indien und da so rum.«

Van Veeteren nickte.

»Wie viele Kandidaten bleiben dann noch?«

Rooth blätterte in seinen Listen. Münster sah, dass er einige Namen eingekringelt hatte, hinter anderen hatte er ein Fragezeichen gemalt, weitere Namen waren durchgestrichen, und offenbar fehlte es an heißen Tipps.

»Nicht viele«, sagte Rooth. »Wenn es wirklich um einen Mann von fünfzig bis sechzig Jahren geht ... ungefähr einsfünfundsiebzig groß, inklusive Kopf und Füße ... ja, dann bleiben uns eigentlich nur zwei oder vielleicht drei.«

Der Kommissar betrachtete seinen Zahnstocher.

»Einer reicht«, sagte er. »Wenn es der Richtige ist.«

»Er braucht ja auch nicht aus diesem Bezirk zu sein«, sagte Münster. »Schließlich weist nichts darauf hin, dass er in der Nähe von Behren umgebracht worden ist ... das kann doch überall passiert sein, nehme ich an.«

Rooth nickte.

»Wenn wir landesweit suchen, dann haben wir die Wahl zwischen sieben oder acht. Aber wir müssen wohl das Obduktionsergebnis abwarten, ehe wir uns auf die Suche nach potenziellen Witwen machen?«

»Zweifellos«, sagte Van Veeteren. »Je weniger ihn ansehen müssen, desto besser.«

»Und was machen wir so lange?«

Van Veeteren ließ sich in seinem Schreibtischsessel zurücksinken, dass er nur so knackte.

»Ich schlage vor, ihr geht irgendwohin und denkt euch was Schlaues aus. Ich sage Hiller, dass ihr euch um die Sache kümmert ... aber wie gesagt, ich stehe zur Verfügung.«

»Alsdann«, sagte Rooth, als sie in der Kantine beim Kaffee saßen. »Sagen wir, wir schaffen das in einer Woche?«

»Von mir aus gern«, erwiderte Münster. »Wann wollte Meusse fertig sein?«

Rooth schaute auf die Uhr.

»In einer Stunde, glaube ich. Besser, wir fahren beide hin, oder was meinst du?«

Münster nickte.

»Wie halten wir’s mit der Detektivin Öffentlichkeit?«, fragte er. »In den Zeitungen hat ja einiges gestanden.«

Rooth schüttelte abwehrend den Kopf und spülte einen halben Bienenstich hinunter.

»Bisher noch nichts Gescheites eingelaufen. Krause notiert alle Hinweise. Heute Abend bringen die Nachrichten einen Aufruf ... im Fernsehen und im Radio, aber es müsste doch eigentlich einer von denen hier sein.«

Er tippte mit dem Löffel auf die Listen. Münster zog sie an sich und betrachtete Rooths Notizen. Drei Namen waren doppelt umkringelt, offenbar handelte es sich dabei um die heißesten Kandidaten.

Kandidaten dafür, ermordet, verstümmelt und notdürftig in einem überwucherten Garten in der Nähe von Behren begraben worden zu sein. Eilig las er weiter:

Claus Menhevern Droutens Vej 4 Blochberg geboren 1937 vermisst gemeldet 1. 6. 1993

Pierre Kohler Armastenstraat 42 Maardam geboren 1936 vermisst gemeldet am 27. 8. 1993

Piit Choulenz Hagmerlaan 11 1 Maardam geboren 1945 vermisst gemeldet am 16. 10. 1993

»Ja«, sagte er und schob die Listen zurück über den Tisch. »Es muss ja wohl einer von denen sein.«

»Sicher«, sagte Rooth. »Und dann knacken wir die Sache in einer Woche. Ich hab das gewissermaßen im Gespür ...«

4

Er verließ die Wache eine Stunde früher als sonst und fuhr direkt nach Hause. Der Brief lag da, wo er ihn hingelegt hatte, im Bücherregal in der Diele. Er öffnete ihn und las ihn noch einmal. Der Inhalt hatte sich nicht verändert.

Hiermit können wir Ihnen mitteilen, dass wir für die Operation Ihres Kolon Adenocarcinoms am Dienstag, dem 5. Mai, einen OP-Termin anberaumt haben.

Wir bitten Sie, diesen Termin bis 25. April schriftlich oder telefonisch zu bestätigen und sich spätestens am Mittwoch, dem 4. Mai, um 21 Uhr auf der Station einzufinden.

Nach der Operation sind vermutlich zwei bis drei Wochen Krankenhausaufenthalt vonnöten; wir erwähnen das, damit Sie entsprechend ihr Berufs- und Familienleben planen können.

Mit freundlichen Grüßen

Marieke Fischer, Krankenhaussekr.

Gemeindehospital, Maardam

O verdammt, dachte er. Dann schaute er das Adressenfeld unten auf dem Bogen an, wählte die Nummer und wartete.

Eine junge Frauenstimme antwortete. Höchstens fünfundzwanzig Jahre, entschied er. Wie seine eigene Tochter.

»Dann komme ich also«, sagte er.

»Entschuldigung, mit wem spreche ich?«, fragte die junge Frau.

»Mit Kommissar Van Veeteren, natürlich. Ich habe Dickdarmkrebs und den will Dr. Moewenroedhe wegschneiden, und...«

»Einen Moment.«

Er wartete. Sie meldete sich wieder zu Wort.

»Am 5. Mai, ja. Dann ist das notiert. Bitte kommen Sie am Vortag, ich reserviere für Sie ein Bett auf Station 46 B. Haben Sie irgendwelche Fragen?«

Tut es weh, dachte Van Veeteren. Werde ich überleben? Wie groß ist der Prozentsatz der Leute, die aus der Narkose nicht mehr aufwachen?

»Nein«, sagte er. »Ich sage Bescheid, wenn ich mir die Sache anders überlege.«

Er konnte aus ihrem Schweigen ihre Verwunderung heraushören.

»Warum sollten Sie sich die Sache anders überlegen?«

»Vielleicht, weil ich anderweitig zu tun habe. Man weiß doch nie.«

Sie zögerte.

»Machen Sie sich Sorgen wegen der Operation, Herr Van Veeteren?«

»Sorgen? Ich?«

Er versuchte zu lachen, hörte aber selber, dass er sich eher anhörte wie ein sterbender Hund. Er hatte eine gewisse Erfahrung mit sterbenden Hunden.

»Na dann«, sagte sie freundlich. »Ich kann Ihnen zu Ihrer Beruhigung mitteilen, dass Dr. Moewenroedhe zu unseren tüchtigsten Chirurgen gehört, und im Grunde ist Ihr Fall ja auch nicht sonderlich kompliziert.«

Nein, aber es ist mein Bauch, dachte Van Veeteren. Und mein Darm. Den habe ich schon lange und hänge ein wenig daran.

»Sie können jederzeit anrufen und weitere Fragen stellen«, sagte die Frau. »Wir sind doch da, um Ihnen zu helfen.«

»Danke, danke«, er seufzte. »Ja, ich lasse auf jeden Fall vorher noch von mir hören. Erst mal auf Wiederhören.«

»Auf Wiedersehen, Herr Van Veeteren.«

Er blieb noch einige Sekunden mit dem Brief in der Hand stehen. Dann zerriss er ihn in vier Stücke und warf ihn in den Papierkorb.

Eine knappe Stunde später hatte er auf dem Balkon seine zwei Bratwürste mit Kartoffelsalat verzehrt. Hatte dazu Dunkelbier getrunken und mit dem Gedanken gespielt, trotz allem zum Kiosk zu gehen und eine Schachtel Zigaretten zu kaufen. Er hatte keine Zahnstocher mehr, und es war ein schöner Abend.

Sterben muss ich ja doch, dachte er.

Er hörte die Turmuhr der Kejmerkirche sechs Uhr schlagen. Auf seinem Nachttisch lagen zwei halb gelesene Romane, aber ihm war klar, dass die auch noch einige Zeit so liegen bleiben würden. Er hatte einfach nicht genügend innere Ruhe. Im Gegenteil, die Unruhe wetzte schon ihre Krallen, und es war natürlich kein Geheimnis, woran das lag.

Kein Wunder also. Die Luft war mild. Ein versöhnlicher sanfter Wind stahl sich über das Balkongeländer, die Sonne hing rot über dem Brauereidach auf der anderen Seite des Kloisterlaan. In den Fliederbüschen hinter dem Fahrradständer zwitscherten kleine Vögel.

Hier sitze ich, dachte er. Der berühmte Kommissar Van Veeteren. Siebenundfünfzig Jahre alt, achtundachtzig Kilo schwer, Bulle mit Dickdarmkrebs. In zwei Wochen werde ich mich ganz und gar freiwillig auf den Operationstisch legen und einen ganz und gar ungetesteten Schlachterlehrling elf Zentimeter meines Körpers wegschneiden lassen. 0 verdammt.

Ein leichtes Unwohlsein machte sich in seinen unteren Bauchregionen bemerkbar, aber das passierte jetzt immer, wenn er gegessen hatte. Es waren jedoch keine Schmerzen. Sondern nur diese leichte Irritation. Und dafür sollte er natürlich dankbar sein: Bratwurst war nun wirklich nicht auf der Diätliste vertreten gewesen, die ihm bei den ersten Untersuchungen im Februar ausgehändigt worden war, aber na und? Er wollte schließlich vor dem Operationstag nicht noch den Verstand verlieren; wenn alles gut ginge, könnte danach vielleicht von neuen Gewohnheiten die Rede sein. Von Gesundheit und allem, was dazugehörte.

Hat alles seine Zeit.

Er räumte den Tisch ab. Ging in die Küche und stellte das Geschirr ins Spülbecken. Ging dann ins Wohnzimmer und suchte ziellos seine CDs und Kassetten durch.

Elf Zentimeter meines Körpers, dachte er und dann fielen ihm plötzlich die Fotos vom Vormittag ein.

Der kopflose Mann draußen in Behren.

Kopf-, hand- und fußlos.

Es könnte schlimmer sein, dachte er.

Zwischen fünfzig und sechzig, hatte Meusse behauptet.

Das passte. Vielleicht waren sie ja im selben Jahr geboren? Siebenundfünfzig. Warum nicht?

Es könnte sehr viel schlimmer sein.

Zehn Minuten später saß er im Auto, und aus den Lautsprechern dröhnte ein Monteverdichor. Es würde wohl erst in anderthalb Stunden dunkel werden. Er hatte Zeit genug.

Wollte sich einfach nur umschauen. Mehr nicht. Hatte ja doch nichts Besonderes vor.

Hat alles seine Zeit, wie gesagt.

5

»Wie sieht’s denn mit der Liebe aus?«, fragte Münster, als er neben Rooth in dessen altem Citroën saß. Sie brauchten einfach auch ein Gesprächsthema, das nichts mit dem Dienst zu tun hatte.

»Gar nichts zu holen«, sagte Rooth. Manchmal wünschte er sich fast, dass eine Spritze erfunden würde, mit der sich die Triebe ein für allemal abschaffen ließen.

»Ach was«, sagte Münster und bereute, dieses Thema angeschnitten zu haben.

»Das ist schon komisch mit den Frauen«, erklärte Rooth. »Jedenfalls mit denen, die man in meiner Lage kennen lernt. Letzte Woche hatte ich eine Dame eingeladen – eine rothaarige Donna aus Oosterbrügge, die hier in der Stadt eine Art Krankenpflegekurs machte. Wir waren im Kino und dann im Kraus, und als ich dann fragte, ob sie noch auf einen Schluck Portwein und einen Bissen Käse zu mir kommen wollte, ja, weißt du, was sie da geantwortet hat?«

»Keine Ahnung«, sagte Münster.

»Dass sie zu ihrem Freund nach Hause müsste. Der war mit hierher gekommen und wartete im Schwesternheim, behauptete sie.«

»Das gibt’s doch nicht«, sagte Münster.

»Einfach übel«, sagte Rooth. »Nein, ich glaube, ich werde langsam zu alt, um Jagd auf Frauen zu machen. Vielleicht sollte man lieber Zeitungsanzeigen aufgeben. Kurmann von der Fahndung hat auf diese Weise offenbar das große Los gezogen ... aber dazu muss man einfach Riesenschwein haben.«

Er verstummte und konzentrierte sich auf das Überholen eines blauen Möbelwagens, um nicht mit der Straßenbahnlinie 12 zusammenzustoßen. Münster kniff die Augen zusammen und konnte, als er sie wieder zu öffnen wagte, feststellen, dass sie es geschafft hatten.

»Und was ist mit dir?«, fragte Rooth. »Noch immer keine Probleme mit der schönsten Polizistengattin auf der ganzen Welt?«

»Das pure Paradies«, sagte Münster und musste nach kurzem Nachdenken zugeben, dass das wirklich kaum übertrieben war. Synn war eben Synn. Das Einzige, was ihm ab und zu Sorgen machte, war die Frage, was eine solche Frau eigentlich an ihm finden konnte – an einem schlecht bezahlten Bullen, der zehn Jahre älter als sie war und so viel arbeiten musste, dass er kaum je Zeit für sie oder die Kinder hatte. Deshalb konnte er sich leicht einbilden, etwas bekommen zu haben, was er nicht verdient hatte. Und dafür irgendwann teuer bezahlen zu müssen.

Aber warum sich Sorgen machen? Er war glücklich verheiratet, hatte zwei Kinder, vielleicht sollte er einfach ausnahmsweise nur dankbar sein. Auf keinen Fall jedoch hatte er Lust, diese Fragen mit Kriminalinspektor Rooth zu diskutieren.

»Du solltest dir den Bart abnehmen«, sagte er stattdessen. »Ich als Frau würde nie auf so eine Matte anspringen.«

Rooth strich sich mit der Hand über die Wange und schaute nachdenklich in den Rückspiegel.

»Ja, Scheiße«, sagte er. »Sieht nicht schlecht aus, finde ich. Und ich bin nicht sicher, ob du verstehst, was in Frauen so vorgeht.«

»Na gut«, sagte Münster. »Mach, was du willst. Aber was machen wir nun mit Meusse?«

»Müssen ihn wohl zu einem Glas einladen, wie immer«, sagte Rooth und hielt vor der Gerichtsmedizinischen Klinik. »Oder was glaubst du?«

»Ja, das wäre sicher das Einfachste«, sagte Münster.

Meusse, der Gerichtsmediziner, hatte noch nicht letzte Hand an die Leichname dieses Tages gelegt, und statt ihn bei der Arbeit zu stören, wollten Münster und Rooth lieber in seinem Büro auf ihn warten.

Dort tauchte er mit fünfundzwanzig Minuten Verspätung auf, und Münster sah sofort, dass er einen schweren Tag hinter sich hatte. Sein dünner Vogelleib hatte größere Ähnlichkeit mit einem Skelett denn je, sein Gesicht war aschgrau, die Augen hinter den dicken Gläsern schienen tief in ihren Höhlen versunken zu sein – nachdem er sich an Bosheit und Perversität dieser Welt satt und übersatt gesehen hatte, wie man annehmen konnte. Münster hatte es gereicht, den verstümmelten Leib fünf und die Fotos zehn Minuten lang anzusehen. Er tippte, dass der Gerichtsmediziner mindestens zehn bis zwölf Stunden in dem schwammigen Fleisch herumgewühlt hatte.

Meusse grüßte ihn stumm und hängte seinen weißen, fleckigen Kittel an einen Haken neben der Tür. Wusch sich die Hände im Waschbecken und streifte seine Jacke über, die auf dem Schreibtisch gelegen hatte. Fuhr sich zweimal mit der Hand über seinen absolut kahlen Kopf und seufzte.

»Also, meine Herren?«

»Vielleicht können wir uns über einem Glas im Fix besser unterhalten?«, schlug Rooth vor.

Das Fix lag der Gerichtsmedizin schräg gegenüber, wenn man durch die Hintertür ging, und natürlich gab es auch an diesem Tag keinen Grund, einen anderen Weg zu nehmen.

Meusse ging mit den Händen in den Taschen und hochgezogenen Schultern vorweg, und erst nach einem großen Genever und einem halben Glas Bier war er im Stande zu reden. Münster und Rooth hatten das schon häufig erlebt und wussten, dass es keinen Sinn hatte, ihn zur Eile zu mahnen  – oder ihn zu unterbrechen, wenn er dann erst einmal in Gang gekommen war. Eventuelle Fragen wurden beantwortet, wenn sein Bericht beendet war, so einfach war das.