Die Frau mit dem Muttermal - Håkan Nesser - E-Book

Die Frau mit dem Muttermal E-Book

Håkan Nesser

3,8
9,99 €

Beschreibung

Zwei tote Männer – eine gemeinsame Vergangenheit? Van Veeteren ermittelt

Zwei Männer sind tot. Auf ganz ähnliche, brutale Weise ums Leben gekommen. Mit vier Schüssen niedergestreckt, zwei in die Brust und zwei in den Unterleib. Zweifellos handelt es sich um denselben Täter, aber erstmal tappen Inspektor Van Veeteren und seine Leute im Dunkeln. Dann stellt sich heraus, dass die beiden Toten vor dreißig Jahren gemeinsam ihre Offiziersprüfung beim Militär ablegten. Schon bald erkennt Van Veeteren, dass auch die ehemaligen Kameraden in Gefahr sind. Kann er die nächsten Morde verhindern?

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Seitenzahl: 328

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Die schwedische Originalausgabe erschien 1996 unter dem Titel »Kvinna med födelsmärke« bei Albert Bonniers, Stockholm.
Copyright © der Originalausgabe 1996 by Håkan Nesser Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 1998 by btb Verlag in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,Neumarkter Str. 28, 81673 München Satz: IBV Satz- und Datentechnik GmbH, Berlin
SL · Herstellung: BB
ISBN 978-3-641-09047-0V002
www.btb-verlag.dewww.randomhouse.de

Die zehnbändige VAN-VEETEREN-SERIE bei BTB:

Das grobmaschige Netz. Roman

Das vierte Opfer. Roman

Das falsche Urteil. Roman

Die Frau mit dem Muttermal. Roman

Der Kommissar und das Schweigen. Roman

Münsters Fall. Roman

Der unglückliche Mörder. Roman

Der Tote vom Strand. Roman

Die Schwalbe, die Katze, die Rose und der Tod. Roman

Sein letzter Fall. Roman

Inhaltsverzeichnis

Die zehnbändige VAN-VEETEREN-SERIE bei BTB:WidmungInschriftI - 23. Dezember – 14. Januar
123
II - 18. – 19. Januar
456
III - 20. – 29. Januar
78910
IV - 30. Januar – 1. Februar
1112
V - 1. – 7. Februar
131415161718
VI - 8. – 14. Februar
192021222324
VII - 15. – 23. Februar
2526272829303132
VIII - 16. Februar – 9. März
33343536373839404142434445
Copyright

FÜR SANNA UND JOHANNES

Manche Handlungen können wir nie ganz vergessen oder uns von ihnen freikaufen. Möglicherweise können wir nicht einmal dafür um Verzeihung bitten.

W. Klimke Therapeut

I

23. Dezember – 14. Januar

1

Sie fror.

Der Tag hatte zwar ganz vielversprechend mit sanftem Schneefall begonnen, aber seit der Mittagszeit hatte der starke Wind vom Meer den Niederschlag in einen peitschenden Regen verwandelt. Er ging durch Mark und Bein, ließ die Ladenbesitzer unten im Hafen eine Stunde früher als üblich schließen, und in Zimmermanns Kneipe wurden dreimal so viele Grogs serviert wie an einem normalen Dezembertag.

Der Friedhof lag obendrein nach Südwesten hin. An einem leicht hügeligen, baumlosen Abhang, Wind und Wetter vollkommen ausgeliefert. Als die kleine Gruppe endlich das frisch ausgehobene, lehmige Grab erreichte, gingen der Frau sonderbare Gedanken durch den Kopf.

Dort unten war es jedenfalls windgeschützt. Zumindest konnten einem im Grab der Wind und der verfluchte Regen nichts mehr anhaben. Alles hatte seine guten Seiten.

Der Pfarrer näselte, und der Totengräber – oder wie sollte sie ihn sonst nennen – kämpfte mit dem Regenschirm. Er versuchte, damit den Schwarzrock und sich selbst zu schützen, aber die Böen waren launisch und wechselten die Richtung von einer Sekunde zur anderen. Die Träger drückten ihre Absätze in den weichen Lehm und setzten den Sarg ab. Ihr Blumenstrauß auf dem Deckel sah schon jetzt demoliert aus. Wie ein Bund Suppengrün, das zu lange gekocht worden war. Einer der Männer schwankte, fand die Balance aber wieder. Der Pfarrer putzte sich die Nase und sang ein Kirchenlied. Der Totengräber fummelte mit der Schaufel. Der Regen wurde stärker.

Das war typisch. Sie konnte nicht anders, sie musste immerzu daran denken, während sie die Hände in den Manteltaschen ballte und versuchte, etwas Wärme in die Füße zu trampeln.

Es war ja so typisch. Diese Zeremonie war genauso missglückt und unwürdig wie das ganze Leben ihrer Mutter. Nicht einmal eine anständige Beerdigung war ihr also vergönnt. Am Tag vor Heiligabend. Ein bisschen blauer Himmel oder leichter Schneefall? War das zu viel verlangt?

Natürlich war es das. Das Leben ihrer Mutter war gesäumt von Niederlagen und hinterhältigen Unglücken; genau genommen war das hier passend und gleichzeitig zu erwarten gewesen, und sie merkte plötzlich, wie sie sich auf die Lippen beißen musste, um nicht loszuheulen.

Sie durfte nicht weinen. Jedenfalls noch nicht. Aus irgendeinem merkwürdigen, unerklärbaren Grund hatte ihre Mutter gerade das von ihr gefordert. Weine nicht! Mach, was du willst, aber steh bei meiner Beerdigung nicht heulend am Grab. Tränen haben noch nie geholfen, glaube mir, ich habe Sintfluten im Laufe meines Lebens vergossen. Nein, handle, meine Tochter! Tu etwas richtig Großartiges, so dass ich von da oben im Himmel applaudieren kann.

Während sie das sagte, hatte ihre Mutter ihre Hand zwischen ihren beiden rissigen und kraftlosen Händen gehalten. Sie hatte ihre gebrochenen Augen in die der Tochter gebohrt, und dadurch hatte diese begriffen, dass es der Mutter dieses Mal wirklich ernst war. Dieses eine Mal hatte die Mutter wirklich etwas von ihr gefordert. Sie war natürlich sehr spät damit herausgerückt, und es war unklar formuliert, aber worum es ging, daran bestand kein Zweifel. Oder doch?

Eine halbe Stunde später war sie tot.

Tu etwas, meine Tochter! Handle!

Der Pfarrer verstummte. Er schaute sie unter dem tropfenden Regenschirm an, und sie begriff, dass sie irgendetwas tun sollte. Aber was? Sie hatte keine Ahnung. Schließlich war es erst das zweite Mal in ihrem Leben, dass sie auf einer Beerdigung war; und beim letzten Mal war sie acht oder neun Jahre alt gewesen, und ihre Mutter hatte sie dorthin mitgenommen. Vorsichtig trat sie ein paar Schritte vor. Blieb in sicherem Abstand stehen, um der Gefahr aus dem Weg zu gehen, auch noch ins Grab zu rutschen. Sie senkte den Kopf und schloss die Augen. Faltete die Hände vor sich.

Zum Teufel, jetzt denken die sicher, dass ich bete, dachte sie. Oder dass ich jedenfalls so tue als ob. Hallo, Mama! Du kannst dich auf mich verlassen. Ich weiß, was ich zu tun habe. Dir werden die Handflächen da oben bei den Engeln noch heiß werden.

Und dann war es vorbei. Der Pfarrer und der Totengräber gaben ihr beide ihre kalte, weiche Hand, und zehn Minuten später stand sie unter dem undichten Dach der Bushaltestelle und sehnte sich nach einem heißen Bad und einem großen Glas Rotwein. Oder Cognac. Oder beides.

Eine Trauernde, dachte sie. Zur Beerdigung meiner Mutter ist nur ein einziger Mensch gekommen. Das war ich.

Aber es werden hoffentlich bald noch mehr Menschen trauern.

Das war keine schlechte Formulierung, und während sie dort stand und mit Kälte, Nässe und dem unterdrückten Weinen kämpfte, erschien es ihr, als entflammten diese Worte in ihr ein kleines Feuer. Das schließlich Nahrung durch etwas Brennbares bekam, etwas, das langsam alles alte Eingefrorene auftaute und das Durcheinander in der Seele ordnete.

Ein Feuer, das bald weitere Nahrung bekommen und andere zum Glühen bringen sollte, auf dass sie in den Flammen verzehrt werden … es gab viele, die dieses Meer der Wut zu fürchten hatten, das sie, wenn die Zeit gekommen war, umspülen und sie alle vernichten würde!

Auch dieser Gedanke ließ sie auflachen. Vielleicht hatte sie so etwas einmal gelesen, oder es stimmte, was einer ihrer allerersten Liebhaber behauptet hatte: dass sie dafür eine Ader hatte. Ein Gefühl für Poesie und Wortbilder.

Für die Wahrheit und die Leidenschaft. Oder eher die Leiden; ja, das erschien treffender, zweifellos. Denn gelitten hatte sie. Zwar nicht so viel wie ihre Mutter, doch sie hatte auch ihren bescheidenen Teil abbekommen. Im Übermaß.

Ich friere, dachte sie. Nun komm doch, du Scheißbus!

Aber der Bus ließ auf sich warten. Alles schien auf sich warten zu lassen, und während sie dort in der einsetzenden Dunkelheit in diesem ungenügenden Windschutz von einem Fuß auf den anderen trat, da wurde ihr plötzlich klar, dass ihr Leben genau so ausgesehen hatte. Das hier war das wahre Sinnbild, wenn es darum ging, wie alles gekommen war.

Dastehen und warten auf das, was nie kam. Ein Bus. Ein guter Mann. Ein vernünftiger Job.

Eine Chance. Eine einzige verfluchte Chance, etwas aus dem eigenen Leben zu machen.

Dastehen und in Dunkelheit, Wind und Regen warten. Und jetzt war es zu spät.

Sie war neunundzwanzig Jahre alt, und es war bereits zu spät. Meine Mutter und ich, dachte sie. Eine Trauernde oben am Grab. Eine unten drin. Wir hätten ebenso gut die Plätze tauschen können. Oder uns nebeneinanderlegen können. Niemand hätte etwas dagegen gehabt. Wenn nicht …

Und sie spürte erneut, wie das Feuer aufflackerte, und mit einem Mal wuchs es in ihr und erfüllte sie mit Wärme. Eine kräftige, fast sinnliche Hitze, die sie trotz ihrer Betrübnis lachen und die Hände tief in den Manteltaschen fester zu Fäusten ballen ließ.

Sie warf einen letzten Blick auf die lange Kurve, in der nicht die geringste Andeutung eines Scheinwerfers zu erkennen war. Dann drehte sie sich um und ging auf die Siedlung zu.

2

Weihnachten kam und ging.

Silvester kam und ging. Ein Regenschauer löste den nächsten ab, und die bleigrauen Tage verflossen in monotoner Gleichförmigkeit. Ihre Krankschreibung lief aus, das Arbeitsamt zahlte weiter. Der Unterschied war unmerklich. Krankgeschrieben seit wann? Arbeitslos seit wann?

Das Telefon war abgeschaltet. Als sie den Bescheid im Oktober bekommen hatte, hatte sie bewusst die Rechnung liegen lassen, und jetzt hatte man reagiert. Die Mühlen der Bürokratie mahlten langsam, aber trefflich klein.

Das war gut so. So musste sie mit keiner Menschenseele sprechen. Wenn denn überhaupt jemand angerufen hätte. Denn es gab keinen Zweifel, mit der Zeit waren ihre Freunde immer weniger geworden. In den vierzehn Tagen direkt nach der Beerdigung hatte sie mit summa summarum zwei Bekannten gesprochen. Heinzi und Gergils traf sie zufällig auf dem Markt, und beide versuchten im Laufe von nur dreißig Sekunden, etwas bei ihr zu schnorren. Heroin oder ein bisschen Hasch oder jedenfalls Schnaps verdammt, irgendwas hatte sie doch sicher für gute, alte Freunde. Wenigstens eine Dusche und einen kleinen Fick?

Nur Gergils war so weit gegangen, und einen Moment lang hatte sie mit dem Gedanken gespielt, ihm eine halbe Stunde zu gewähren. Nur so zum Vergnügen und weil die Möglichkeit bestand, ihn mit hineinzuziehen.

Aber es war natürlich nicht sicher, dass es klappte. Ganz im Gegenteil. Die Chancen waren gering. Eine schwerübertragbare Krankheit, trotz allem, was man so hörte, das hatten sogar die Ärzte betont. Aber dieses eine Mal war es ihr jedenfalls gelungen, sich vorzudrängeln. Denn gewiss gab es viele, die ein viel höheres Risikoverhalten hatten und trotzdem nicht infiziert wurden.

Risikoverhalten? Was für ein schreckliches Wort. War denn nicht ihr ganzes Leben ein ewiges, verfluchtes Risikounternehmen gewesen? Aber es stimmte wohl, was Lennie vor vielen Jahren gesagt hatte: wenn man am Rand eines Scheißhaufens geboren wurde, dann muss man sich damit abfinden, ab und zu hineinzutreten. Das war nur normal. Hauptsache, man kam irgendwie aus dem Dreck heraus.

Und das geschah nie. Dass man es schaffte. Man blieb in der Scheiße liegen, und alles andere war nur noch eine Frage der Zeit.

Aber das war jetzt Schnee von gestern. Zertreten, grau und geschmolzen. Der Oktober hatte einiges verändert. Der Tod ihrer Mutter gab den Rest.

Genauergenommen der Bericht ihrer Mutter. Ganz plötzlich war vieles einfacher geworden. Deutlich und klar zum ersten Mal in ihrem trüben Leben. Sie fühlte sich stärker und nahm weniger Drogen. Keinen harten Stoff mehr. Ein bisschen Hasch hier und da, sonst nichts. Und sie machte Schluss mit diesen verfluchten, trostlosen Beziehungen zu all den anderen Scheißhausbewohnern. Es war einfacher gewesen, sie loszuwerden, als sie geahnt hatte, genauso einfach wie mit den Drogen, und natürlich hatte das eine das andere beeinflusst. Vielleicht stimmte es ja doch, was all die Quacksalber und Fürsorger die ganzen Jahre über predigten: Es kommt auf die eigene Stärke an. Auf sie und sonst auf nichts.

Mut und Entschlossenheit also.

Und der Auftrag, fügte sie hinzu.

Der Auftrag? Anfangs war sie sich nicht darüber im Klaren gewesen, erst nach und nach wurde es ihr bewusst. Welche Motive eine Rolle gespielt hatten oder wer gar den Anstoß dazu gegeben hatte, ließ sich hinterher nur schwerlich sagen. War es der Beschluss ihrer Mutter oder ihr eigener? Nicht, dass das eine größere Bedeutung hatte, aber auf jeden Fall konnte es interessant sein, darüber nachzudenken.

Über den Ursprung, die Verantwortung und so. Über Rache und die Wichtigkeit, Dinge zurechtzurücken. Dass ihre Mutter 10 000 Gulden versteckt hatte, war natürlich gleichzeitig eine Überraschung und eine große Hilfe. Das war eine stattliche Summe, die zweifellos gelegen kam.

Am 12. Januar hatte sie 2000 ausgegeben, aber das war kein herausgeworfenes Geld. In ihrer Nachttischschublade lag eine Liste mit Namen, Adressen und einigen anderen Angaben. Sie hatte eine Waffe, und sie hatte ein möbliertes Zimmer, das in Maardam auf sie wartete. Was konnte man sich mehr wünschen?

Den Mut nicht zu verlieren? Die Entschlossenheit? Ein bisschen Glück?

Am Abend, bevor sie abfuhr, betete sie zu einem ziemlich unspezifizierten Gott, dass er ihr doch beistehen möge und ihr Erfolg gönnen solle, und als sie die Nachttischlampe löschte, hatte sie das deutliche Gefühl, dass es in dieser Welt eigentlich nicht mehr viel gab, was ihr Knüppel zwischen die Beine werfen konnte.

Wahrscheinlich gar nichts. Sie schlief in dieser Nacht in einer warmen, lächelnden Fötushaltung in der sicheren Überzeugung, dass sie sich in ihrem ganzen Leben noch nie so unverwundbar gefühlt hatte.

3

Die Wohnungsfrage gehörte zu den Dingen, mit denen sie sich nicht länger herumquälte. Sie hatte einfach auf eine der Anzeigen im Neuwe Blatt geantwortet – doch als sie das Ergebnis sah, wurde ihr klar, dass sie es kaum besser hätte treffen können.

Frau Klausner war schon früh Witwe geworden und hatte die alte, reizvolle Zweiparteienvilla im Deijkstraaviertel nach dem Tod ihres Mannes umbauen lassen. Sie blieb mit zwei Katzen und viertausend Büchern im Erdgeschoss wohnen. Der erste Stock, die alten Kinderzimmer und das Gästezimmer, wurden vermietet. Insgesamt vier Zimmer, jedes mit Waschbecken und Kochgelegenheit. Sowie gemeinsame Dusch- und Waschräume auf dem Flur. Die Treppe nach oben bekam einen separaten Eingang, der in sicherem Abstand von Frau Klausners eigenem Schlafzimmer hinter einem Giebel verlief. Und obwohl ihr anfangs natürlich nicht ganz wohl bei der ganzen Sache war, konnte sie sich bald zu dem ausgezeichneten Arrangement beglückwünschen. Sie vermietete nur an alleinstehende Damen und nie länger als ein halbes Jahr. Meistens Studentinnen, die sich aufs Examen der juristischen oder medizinischen Fakultät vorbereiteten und Ruhe und Abgeschiedenheit brauchten. Oder Krankenschwestern, die für ein paar Monate an irgendeiner Fortbildung am Gemejnte teilnahmen. Im Sommer standen oft ein oder mehrere Zimmer leer, doch die Einkünfte, die sie im Winterhalbjahr hatte, reichten aus. Major Klausner hätte gegen diese Neuerungen nichts einzuwenden gehabt, das wusste sie, und während sie bei der Sparkasse in der Schlange stand, um die Mieten auf ihr Konto einzuzahlen, hatte sie das Gefühl, als könnte sie ihn dort oben auf dem endgültigen Schlachtfeld ihr aufmunternd zunicken sehen.

Die neue Mieterin traf wie abgesprochen am Sonntag, dem 14. Januar ein, am Abend bevor sie eine dreimonatige Fortbildung für Führungskräfte der Finanzabteilung am Elizabethinstitut beginnen sollte. Sie bezahlte sechs Wochen im Voraus, und nach den notwendigen Instruktionen, die in aller Herzlichkeit und im Laufe von weniger als einer Minute erteilt wurden, nahm sie das rote Zimmer in ihren Besitz. Frau Klausner wusste, wie wichtig es war, die Privatsphäre ihrer Mieterinnen zu respektieren; solange ihre Nachtruhe nicht gestört wurde, gab es für sie nicht den geringsten Grund, ihre Nase in deren Angelegenheiten zu stecken. Die Menschen sind gut, pflegte sie zu denken. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.

Über dem kleinen Waschbecken in der Kochnische hing ein Spiegel, und nachdem sie die Taschen ausgepackt hatte, blieb sie eine Weile davor stehen und betrachtete ihr neues Gesicht. Die Veränderungen waren nur gering; das Ergebnis dagegen erstaunlich. Mit kurzgeschnittenem, braungefärbtem Haar, ungeschminkt und mit einer runden Brille mit Metallgestell sah sie plötzlich aus wie eine Bibliothekarin oder eine gelangweilte Handarbeitslehrerin. Niemand würde sie wiedererkennen, und für einen Augenblick – während sie dastand, das Gesicht verzog und sich von allen Seiten betrachtete – hatte sie selbst das Gefühl, eine andere zu sein.

Neues Aussehen und neuer Name. Neue Stadt und ein Vorhaben, das sie vor einem halben Jahr als die Geschichte eines Wahnsinnigen oder einen schlechten Scherz aufgefasst hätte.

Aber jetzt stand sie hier. Versuchte noch einmal – das letzte Mal? – nachzuspüren, ob sie irgendeine Form von Zweifel oder Unschlüssigkeit in sich spürte. Aber wie sehr sie auch ihre Seele durchforstete, überall stieß sie nur auf reines Urgestein. Den festen und unerschütterlichen Entschluss, und sie begriff, dass es an der Zeit war loszulegen

Ernsthaft die Sache in Angriff zu nehmen. Ihre Liste war in jeder Hinsicht komplett. Drei Monate hatte sie gebraucht, um alles gewissenhaft zu planen. Jeder Name war festgehalten, jeder Schritt genau überlegt. Wenn sie einmal angefangen hatte, wenn man erkannt hatte, worum es ging, musste sie darauf gefasst sein, Probleme zu bekommen. Große Aufmerksamkeit von allen Seiten – der Allgemeinheit, der Polizei, den Gegnern.

Es gab kein Zurück mehr. Die Dinge waren nun einmal, wie sie waren.

Aber bereits jetzt war ihr klar, dass auch das ihr keine Sorgen machte. Zumindest keine unüberwindlichen, und während sie am ersten Abend auf dem Bett lag und ihre Waffe betrachtete, wusste sie, dass die bevorstehende Herausforderung die Verlockung nur noch vergrößern würde.

Sie ein bisschen spannender und schöner machen würde.

Ich bin wahnsinnig, dachte sie. Total und unheilbar wahnsinnig. Aber das war ein verwegener, unwiderstehlicher Wahnsinn. Und wer sollte sie eigentlich rügen?

Sie betrachtete die Namen. Studierte einen nach dem anderen. Sie hatte bereits entschieden, wer der Erste sein sollte, überdachte es aber noch einmal.

Dann gab sie einen Seufzer der Zufriedenheit von sich und umringelte ihn mit einem doppelten roten Kreis. Zündete sich eine Zigarette an und begann das Szenario durchzugehen.

II

18. – 19. Januar

4

Es gehörte kaum zu Ryszard Maliks Gewohnheiten, zwei große Whiskys vor dem Essen zu trinken, aber an diesem Tag gab es allen Grund dazu.

Sogar zwei Gründe. Der Vertrag mit Winklers war trotz zwei Stunden intensiver Telefonverhandlungen am Nachmittag schließlich doch geplatzt, und als er endlich aus seinem Büro loskam, hatte ein plötzlicher Kälteeinbruch die regennassen Straßen in reine Schlittschuhbahnen verwandelt. Wenn es nur ihn betroffen hätte, wäre das natürlich kein Problem gewesen – nicht umsonst hatte er mehr als dreißig Jahre unfallfreies Fahren hinter sich, und Straßenglätte hatte er schon früher erlebt –, aber er war ja nicht allein auf der Straße.

Kurz vor dem Rondell auf der Hagmaar Allee passierte es. Ein weißer Mercedes mit Schweizer Nummernschild rutschte mit viel zu hoher Geschwindigkeit hinten auf seinen Renault. Er fluchte leise, löste seinen Sicherheitsgurt und stieg aus dem Wagen, um den Schaden zu besehen und die Formalitäten zu erledigen. Das rechte Rücklicht war kaputt, eine ziemlich dicke Delle an der Stoßstange und zwei deutliche Kratzer im Lack. Diverse knappe Entschuldigungen, diverse schlaffe Höflichkeiten, Austausch von Visitenkarten und Versicherungsgesellschaften, alles dauerte geraume Zeit, und erst nach gut vierzig Minuten konnte er seine unterbrochene Heimfahrt wieder aufnehmen.

Malik mochte nicht zu spät nach Hause kommen. Zwar hatte seine Frau das Essen selten vor sieben Uhr fertig, aber eine Stunde, lieber noch anderthalb, mit der Zeitung und einem schwachen Whisky im Arbeitszimmer zu sitzen, das ließ er sich nur ungern entgehen.

Mit den Jahren war das eine Gewohnheit und fast ein Muss geworden. Eine Art Schleuse zwischen Arbeit und Ehefrau mit einem sich immer steigernden Eigenwert.

An diesem Tag war nicht mehr als eine Viertelstunde drin. Und um in gewissem Grad den Verlust zu kompensieren – sowohl den der geliebten Minuten als auch des Rücklichts –, ließ er die Zeitung liegen und widmete stattdessen seine gesamte Aufmerksamkeit dem Whisky.

Nun ja, nicht die gesamte. Da war auch noch dieses Telefongespräch. Was konnte das nur bedeuten? The Rise and Fall of Flingel Bunt. Was, zum Teufel, konnte es für einen Sinn haben, anzurufen und einen alten Hit aus den Sechzigern spielen zu lassen? Immer und immer wieder.

Oder zumindest einmal am Tag, Ilse hatte zweimal abgenommen, er selbst einmal. Es hatte vorgestern angefangen. Er hatte ihr nicht erzählt, dass es gestern Abend auch noch einmal geklingelt hatte … es war unnötig, sie zu beunruhigen. Unnötig, ihr zu erzählen, dass er die Melodie wiedererkannte.

Frühe Sechziger, wenn er sich recht erinnerte. The Shadows. Vierundsechzig oder fünfundsechzig wahrscheinlich. Was eigentlich scheißegal war. Die Frage war nur, was das Ganze zu bedeuten hatte, wenn es denn überhaupt etwas bedeutete. Und wer dahintersteckte. Vielleicht war es ja nur ein Verrückter, irgend so ein arbeitsloser Schwachkopf, der nichts anderes zu tun hatte, als anständige Menschen anzurufen und ihnen das Leben schwerzumachen.

Vermutlich war es nichts weiter. Natürlich musste man überlegen, ob man die Polizei einschalten sollte, wenn das so weiterging, aber bis jetzt war es jedenfalls nichts weiter als ein Anlass zur Irritation. Was an einem Tag wie diesem schlimm genug war.

A pain in the ass, wie Wolff die Sache bezeichnet hätte. Ein Kratzer im Lack oder ein kaputtes Rücklicht.

Jetzt rief sie. Das Essen stand auf dem Tisch, kein Zweifel. Er seufzte. Leerte sein Whiskyglas und verließ das Arbeitszimmer.

»Es gibt keinen Grund, sich aufzuregen.«

»Ich rege mich nicht auf.«

»Dann ist es ja gut.«

»Du glaubst immer, ich würde mich aufregen. Das ist deine Vorstellung von Frauen.«

»Allright. Lass uns von was anderem reden. Die Soße ist nicht schlecht. Was hast du da drin?«

»Ein bisschen Madeira. Du hast sie schon fünfzigmal gegessen. Ich habe heute länger zugehört.«

»Ja und?«

»Bestimmt eine Minute lang. Es kam nichts anderes.«

»Was hätte denn kommen sollen?«

»Was hätte kommen sollen? Na, eine Stimme natürlich. Die meisten, die ein Telefon benutzen, pflegen etwas zu sagen.«

»Es gibt sicher eine ganz natürliche Erklärung.«

»Ach ja. Und was für eine bitteschön? Warum ruft jemand an und lässt nur Musik spielen?«

Malik nahm einen großen Schluck Wein und überlegte. »Nun ja«, sagte er. »Ein neuer Radiosender oder so was.«

»Das ist das Dümmste, was ich je gehört habe.«

Er seufzte.

»Bist du dir sicher, dass es beide Male dieselbe Melodie war?«

Sie zögerte. Rieb sich ein wenig mit dem Zeigefinger über die Schläfe, wie immer, wenn ein Migräneanfall im Anmarsch war. »Ich glaube es jedenfalls. Das erste Mal habe ich schon nach ein paar Sekunden aufgelegt. Das habe ich doch gesagt.«

»Kümmer dich nicht weiter drum. Sicher handelt es sich nur um einen Irrtum.«

»Einen Irrtum? Wie kann das ein Irrtum sein?«

Halt die Schnauze, dachte er. Hör auf herumzunerven, sonst schmeiß ich dir das Glas ins Gesicht!

»Ich weiß nicht«, sagte er. »Reden wir nicht mehr drüber. Ich hatte heute einen kleinen Unfall.«

»Einen Unfall?«

»Nichts Ernsthaftes. Mir ist nur hinten einer draufgefahren.«

»Mein Gott. Warum hast du nichts davon gesagt?«

»Es war nur eine Bagatelle. Nichts Erwähnenswertes.«

»Nichts Erwähnenswertes? Das sagst du immer. Worüber sollen wir eigentlich reden, kannst du mir das erzählen? Es gibt mysteriöse Telefonanrufe, die sollen wir einfach ignorieren. Du stößt mit einem anderen Auto zusammen – und du hältst es nicht einmal für nötig, es deiner Frau zu erzählen … das ist typisch. Du meinst wohl, wir sollten am besten schweigend die Abende verbringen. So hättest du es wohl gern. Ruhig und leise. Ich bin es dir nicht einmal mehr wert, dass du mit mir redest.«

»So ein Quatsch. Nun werde nicht lächerlich.«

»Vielleicht gibt es da ja einen Zusammenhang.«

»Einen Zusammenhang? Was, zum Teufel, meinst du damit ?«

»Natürlich zwischen den Telefonanrufen und dem Unfall. Du hast dir doch wohl die Autonummer aufgeschrieben?«

Mein Gott, dachte Malik und kippte den restlichen Wein in sich hinein. Sie ist ja nicht ganz bei Trost. Reine Paranoia. Kein Wunder, dass sie sie im Hotel loswerden wollten.

»Hast du was von Jacob gehört?«, versuchte er abzulenken, begriff aber sofort, dass der Schuss danebenging.

»Seit zwei Wochen nicht mehr. Er ist dir einfach ähnlich, ihm fällt es überhaupt nicht ein, mal anzurufen. Er meldet sich nur, wenn er Geld braucht.«

Glaub es nur, dachte Malik und hoffte, dass ihm sein bitteres inneres Lachen nicht anzumerken war. Er selbst hatte mit seinem Sohn in den letzten Tagen das eine und andere Mal gesprochen – ohne dass er auch nur einen Gulden hätte rausrücken müssen.

»Ja ja«, sagte er und wischte sich den Mund mit einer Serviette ab.

»So ist die Jugend. Hast du nachgeguckt, ob heute Abend was im Fernsehen läuft?«

Als der vierte Anruf kam, konnte er sich zumindest beglückwünschen, dass er ihn selbst entgegennahm. Ilse saß immer noch vor dem ungarischen Spielfilm auf Kanal 4, und im Schlafzimmer konnte er den anonymen Friedensstörer in unverblümten Worten darum bitten, sich zum Teufel zu scheren, ohne Risiko, dass Ilse ihn hören oder ahnen könnte, worum es ging. Aber zunächst stellte er fest, dass es sich tatsächlich um The Rise and Fall of Flingel Bunt handelte, danach lauschte er eine halbe Minute, bis er ein paar Drohungen von sich gab, die kaum misszuverstehen waren. Dann legte er den Hörer auf. Inwieweit es wirklich jemanden gab, der am anderen Ende zuhörte, davon konnte er sich jedoch keine richtige Meinung bilden.

Vielleicht war ja jemand da. Vielleicht auch nicht.

Dieses Lied?, dachte er anschließend, aber in seinem leicht überreizten Gehirn tauchte keinerlei Erinnerungsbild auf.

»Wer war das?«, fragte seine Frau, als er wieder in die Sofaecke im Fernsehzimmer sank.

»Jacob«, log er. »Er lässt schön grüßen und will keinen einzigen Nickel leihen.«

5

Am Freitag fuhr er bei Willies Garage vorbei, um sein Auto reparieren zu lassen. Gegen die feste Zusage, dass der Wagen am Abend auf jeden Fall fertig sein würde, ließ er diesen dort zurück und ging zu Fuß ins Büro. Er kam dort eine Viertelstunde zu spät an, und Wolff war bereits gegangen – um einen Vertrag mit einem neu eröffneten Hamburgerrestaurant zu besprechen, wie er erfuhr. Malik ließ sich hinterm Schreibtisch nieder und schaute die eingegangene Tagespost durch, die auf Veranlassung von Frau de Wiijs hereingebracht wurde. Wie meistens handelte es sich um irgendwelche Beschwerden oder um Bestätigungen von Abmachungen, die bereits per Telefon oder Fax getroffen worden waren, und nach zehn Minuten ertappte er sich, dass er diese verfluchte Melodie summte.

Er hielt irritiert inne. Ging lieber hinaus und holte sich bei Frau de Wiijs einen Kaffee, wobei er ein belangloses Gespräch über das Wetter anfing. Doch es dauerte nicht lange, bis sie auf Katzen im Allgemeinen und Frau de Wiijs’ siamesische Katze Melisande de la Croix im Besonderen zu sprechen kamen. Trotz regelmäßiger Einnahme der Antibabypille und obwohl die empfindliche Dame so gut wie nie ihre Nase vor die Tür zu stecken wagte, hatte ihr Frauchen seit ein paar Wochen den starken Verdacht, dass Melisande schwanger war. In dem Viertel, in dem Frau de Wiijs wohnte, gab es eigentlich nur noch eine Katze – einen grauen, mageren alten Herumstreuner, der, soweit sie wusste, von einer kurdischen Einwandererfamilie versorgt wurde, obwohl er am liebsten Tag und Nacht seine wachen Stunden draußen verbrachte. Jedenfalls bei geeignetem Wetter. Wie es ihm gelungen war, die scheue Melisande de la Croix ausfindig zu machen, war, gelinde gesagt, ein Rätsel.

Ein Rätsel und unerhört. Obwohl Frau de Wiijs natürlich noch nicht beim Tierarzt gewesen und ihre Vermutung bestätigt bekommen hatte. Aber alle Anzeichen deuteten zweifellos in die gleiche eindeutige Richtung. Wie mit Bedauern gesagt wurde. Malik mochte Katzen. Früher hatten sie selbst zwei gehabt, aber Ilse konnte sie nicht so recht vertragen, besonders das Weibchen nicht, und als sie feststellten, dass Jacob auch noch allergisch gegen Tiere mit Fell war, hatte man sich ihrer mit zwei garantiert schmerzfreien Spritzen entledigt.

Er mochte Frau de Wiijs. Sie strahlte eine träge weibliche Wärme aus, die er im Laufe der Jahre zu schätzen gelernt hatte. Das Einzige, was ihn immer wieder verwunderte, war die Tatsache, dass die Männer sie unverheiratet und unberührt durchs Leben laufen ließen. Zumindest gab es keinen Hinweis darauf, dass es sich anders verhielt, und jetzt schien es so, als sollte es dabei bleiben, ihr vierzigster Geburtstag stand im kommenden Mai bevor, und Malik und Wolff hatten bereits überlegt, wie er gebührend gefeiert werden sollte. Denn das war natürlich ein Tag, der nicht unbemerkt verstreichen durfte. Frau de Wiijs war seit mehr als zehn Jahren bei ihnen, und Malik und Wolff waren sich beide sehr wohl bewusst, dass sie für die Firma unverzichtbar war.

»Und was wollen Sie tun, wenn es wirklich stimmt?«, fragte er. Frau de Wiijs zuckte mit den Achseln, dass ihr schwerer Busen unter der Bluse hüpfte.

»Tun?«, fragte sie. »Da gibt es wohl nichts anderes zu tun, als der Natur ihren Lauf zu lassen. Und zu hoffen, dass es nicht zu viele werden. Außerdem sind Siamesen leicht loszuwerden, auch wenn sie es nur halb sind.«

Malik nickte und leerte seine Kaffeetasse. Faltete die Hände hinter dem Kopf und dachte über die restlichen Arbeiten des Tages nach.

»Ich fahre zu Schaaltze raus«, beschloss er. »Sagen Sie Wolff, dass ich am Nachmittag wieder zurück bin.«

Erst als er im Aufzug auf dem Weg nach unten war, fiel ihm ein, dass er gar kein Auto hatte. Er fluchte still über seine Gedankenlosigkeit und überlegte ein paar Sekunden lang, ob er nicht lieber wieder hochfahren sollte. Aber dann erinnerte er sich daran, dass man auch mit dem Bus dort hinausfahren konnte. Es gehörte zwar nicht zu seinen Gewohnheiten, die öffentlichen Verkehrsmittel zu benutzen, aber er wusste, dass Nielsen und Vermeer manchmal mit dem 23er von Schaaltze kamen, und wenn man in die eine Richtung fahren konnte, dann doch sicher auch in die andere?

Die Haltestelle lag neben dem Einkaufszentrum und dem Postamt, und ungefähr nach dem halben Weg hatte er das Gefühl, jemand würde ihm folgen.

Oder ihn zumindest beobachten. Er blieb stehen und schaute sich um. Es wimmelte zwar nicht vor Menschen auf den Bürgersteigen, aber es waren immer noch zu viele, als dass er jemanden hätte herausfinden können, der sich sonderbar verhielt. Er überlegte ein paar Sekunden und ging dann weiter zur Haltestelle. Vielleicht war es ja nur Einbildung, jedenfalls wäre es sinnvoll, nicht zu deutlich zu zeigen, dass er etwas ahnte. Er machte sich das hastig klar, während er weiterging, und versuchte, wachsamer zu sein.

Gleichzeitig war er über sich selbst verblüfft und darüber, wie schnell und fast selbstverständlich er misstrauisch geworden war. Als wäre es für ihn etwas Alltägliches, verfolgt zu werden. Warum, um alles in der Welt, sollte jemand das tun? Ryszard Malik! Wer, zum Teufel, sollte an seiner durchschnittlichen und nichts sagenden Person ein Interesse haben?

Er schüttelte den Kopf und schob die Hände in die Manteltaschen.

Was war das für eine blödsinnige Einbildung? Ilse hatte ihn anscheinend mit ihren albernen Ideen angesteckt, daran gab es keinen Zweifel!

Obwohl … obwohl es dieses Wissen gab. Oder zumindest ein Gefühl. Da war jemand hinter ihm. In seiner Nähe. Jemand, der jeden seiner Schritte bewachte. Vielleicht war es ja jemand, dem er entgegengegangen war, jemand, der kehrtgemacht hatte und ihm jetzt im Abstand von gut zehn Metern folgte. Ein derartiges Manöver bemerkt man sicher in irgendeiner unbewussten, intuitiven Weise … oder hatte jemand schon in der Nähe der Eingangstür auf ihn gewartet? Verdammter Scheiß, da war was.

Er erreichte die Haltestelle und blieb stehen. Offensichtlich war der Bus gerade losgefahren, da niemand dort wartete. Er schob sich in das kleine Wartehäuschen und betrachtete verstohlen die Fußgänger, die vorbeigingen. Einige schnell und zielbewusst, andere langsamer. Ab und zu blieb jemand stehen. Stellte sich neben ihn in den Windschutz, um auf den Bus zu warten. Ein junger Mann mit einem schwarzen, gelbumrandeten Schal, der fast den Boden streifte. Zwei alte Frauen in abgetragenen Mänteln und mit ebensolchen Einkaufstaschen. Eine etwas jüngere Frau mit blauer Baskenmütze und einer schmalen Lederhandtasche. Ein Teenager, der eine Art Zucken im Gesicht hatte und sich die ganze Zeit in der Leiste kratzte, ohne die Hände aus der Tasche zu nehmen.

Niemand Auffälliges, das musste er zugeben, keiner von ihnen. Als der Bus kam, stiegen alle außer einer der alten Frauen ein. Er ließ die anderen vor, bezahlte mit ungeübten Fingern und konnte sich auf einen Platz auf der hintersten Bank drängen.

Um niemanden im Rücken zu haben, wie er sich selbst sagte. Tausend Dinge gingen ihm durch den Kopf, und er konnte das Gefühl nicht loswerden, irgendwie in Gefahr zu sein.

Er schaute durch das schmutzige Fenster hinaus. Sie passierten gerade das Richterstadion mit dem pompösen Glockenturm. Und dann bemerkte er, dass er innerlich wieder diese Melodie summte.

The Rise and Fall of Flingel Bunt. Irgendwas war damit. Irgendetwas Besonderes, eine Erinnerung, die im Brunnen des Vergessens trieb, die unter der dunklen Oberfläche verborgen und für ihn unerreichbar war.

Erst als er aus dem Bus gestiegen war und auf die Fabrik zuging, fiel es ihm plötzlich ein. Und im gleichen Augenblick begriff er, dass es klüger wäre, in nächster Zeit die Ahnungen und Warnungen nicht so leichtfertig in den Wind zu schlagen.

Doch weiter reichten Ryszard Maliks Fantasie und Einfühlungsvermögen nicht. Aber wie sein Sohn später feststellen sollte – wahrscheinlich war es umso besser, je weniger er wusste und ahnte.

Und auch wie es mit Melisande de la Croix’ eventueller Trächtigkeit und mit Frau de Wiijs’ vierzigstem Geburtstag ausgehen würde, war nicht mehr wichtig. Dies waren Fragen, die sich für Ryszard Malik schnell in der dunklen Nichtigkeit der Zukunft verlieren würden.

6

Obwohl bereits anderthalb Jahre vergangen waren, seit Ilse Malik ihre Stellung im Kongers Palatz aufgegeben hatte, war es ihr bisher nicht gelungen, ein weitläufigeres Sozialleben zu entwickeln. Sie spielte einmal in der Woche mit einer alten Freundin Tennis – am Dienstagnachmittag. Sie besuchte ihre Schwester in Linzhuisen – wenn deren Ehemann auf Geschäftsreisen war, was mindestens einmal im Monat vorkam. Sie war Mitglied im Verein »Rettet den Regenwald«, und jedes Frühjahr und jeden Herbst begann sie irgendwelche Kurse, die sie bereits nach der ersten Stunde wieder aufgab.

Mehr war da nicht – abgesehen natürlich von dem Theaterabonnement, das das Hotelpersonal hatte und das sie weiterhin nutzte, obwohl sie eigentlich nicht mehr dazu berechtigt war, wenn man es genau nahm.

Doch das tat man nicht, und an diesem Freitag (man ging immer freitags in der Woche nach der Premiere) war es Zeit für Nora oder Ein Puppenheim. Sie wusste nicht mehr, wie oft sie das Stück schon gesehen hatte, aber es war eines ihrer absoluten Lieblingsstücke, und es hätte schon einiges geschehen müssen, um sie an dem Besuch zu hindern.

Vielleicht würde sie auch noch anschließend mit Bernadette ein Glas Wein trinken. Bernadette war eine frühere Arbeitskollegin, mit der sie immer noch engeren Kontakt hatte.

Aus dem einen Glas wurden zwei, und als Ilse Malik wenige Minuten vor halb zwölf ein Taxi bestieg, fühlte sie sich ungewöhnlich zufrieden mit dem Abend und ihrem Dasein im Großen und Ganzen.

Eine Viertelstunde später bremste das Taxi vor der Malikschen Villa in der Leufwens Allee, Ilse bezahlte und rundete großzügig auf angenehme fünfzehn Gulden auf. Dann stieg sie aus dem Wagen.

Das Haus lag dunkel und ohne jedes Licht da, was sie etwas verwunderte. Malik ging selten vor zwölf Uhr ins Bett, vor allem nicht an einem Freitagabend, wenn das Haus ihm allein gehörte. Nicht einmal im Arbeitszimmer brannte eine Lampe, aber es bestand natürlich die Möglichkeit, dass er im Dunkeln im Fernsehzimmer saß, das zum Garten hinausging. Dass er jedoch das Licht im Flur ausgemacht hatte, obwohl er wusste, dass sie noch nach Hause kommen würde, war zweifellos sehr dumm. Sie nahm sich vor, ihn daran zu erinnern, während sie in ihrer Handtasche nach den Schlüsseln suchte. Normalerweise schloss er auch die Haustür nicht ab, wenn sie weg war, aber irgendetwas sagte ihr, dass er das heute Abend getan hatte.

Jedenfalls hatte sie das geglaubt, wie sie sagte. Später. Hinterher. Als sie versuchte, den Abend zu rekonstruieren, und als alles nur Chaos und ein schwarzes Loch war.

Sie schob den Schlüssel ins Schloss. Drehte ihn herum und stellte etwas verwundert fest, dass doch nicht abgeschlossen war. Sie öffnete die Tür. Streckte die Hand aus und knipste die Deckenlampe im Flur an.

Er lag direkt vor der Tür. Auf dem Rücken, die Füße fast auf der Fußmatte. Seine weiße Hemdbrust war zum überwiegenden Teil dunkelrot, wie auch der normalerweise helle Kiefernboden unter ihm. Sein Mund war weit aufgerissen, und die Augen schienen auf einen Punkt irgendwo an der Decke zu starren. Der linke Unterarm lehnte gegen die kleine bauchige Mahagonikommode für Handschuhe und Schals, so als würde er die Hand ausstrecken, um auf eine Frage in der Schule zu antworten. Das eine Hosenbein, das rechte, seiner grauen Gabardinhose war fast bis zum Knie hochgerutscht und gab den Blick frei auf das hässliche Muttermal, das einem kleinen Krokodil ähnelte und von dem sie so entzückt war, als sie verlobt waren. Ausgestreckt in der rechten, halb geschlossenen Hand, neben dem Schuhregal, lag die Zeitung. Die Seite mit dem halbgelösten Kreuzworträtsel war aufgeschlagen.

Eine Fliege summte um seinen Kopf, offensichtlich unwissend, dass es Januar war und sie eigentlich in einem dunklen Winkel hocken und mindestens noch drei Monate schlafen sollte. All das registrierte sie, während sie noch mit den Schlüsseln zwischen Daumen und Zeigefinger schaukelnd dastand. Dann zog sie die Tür zu. Spürte plötzlich ein starkes Schwindelgefühl und öffnete reflexartig den Mund, um mehr Sauerstoff zu bekommen, aber das reichte nicht. Es war zu spät. Lautlos fiel sie nach vornüber, schräg über ihren Ehemann, und schlug sich die Augenbraue an der scharfen Kante des Schuhregals auf. Ihr eigenes helles, warmes Blut begann langsam zu laufen und vermischte sich mit seinem kalten, eingetrockneten.

Eine Weile später erwachte sie. Vergebens versuchte sie, ihren Mann wachzurütteln, und schließlich kroch sie fünf Meter weiter ins Haus, beschmutzte Boden, Teppiche und Wände mit Blut und rief einen Krankenwagen.

Erst als der gekommen war und man festgestellt hatte, was geschehen war, wurde die Polizei benachrichtigt. Um sechs Minuten nach eins. Die eigentliche Polizeiarbeit kam aber erst eine halbe Stunde später in Gang, als Kriminalkommissar Reinhart und Inspektor Jung mit dem Spurendienst und dem Arzt eintrafen. Inzwischen hatte Ilse Malik erneut das Bewusstsein verloren, dieses Mal, nachdem ihr der ältere, erfahrenere der beiden Sanitäter mit sanfter Gewalt eine Beruhigungsspritze gegeben hatte.

Was Ryszard Malik betraf, so war er zu diesem Zeitpunkt bereits seit mehr als fünf Stunden tot, und als Kriminalkommissar Reinhart etwas irritiert von sich gab, »diese Scheiße hier lösen wir nicht vor dem Morgengrauen, meine Herren«, gab es niemanden, der auch nur eine Augenbraue aus Protest hob.

III

20. – 29. Januar

7

Er hätte schwören können, dass er den Stecker gezogen hatte, bevor er ins Bett ging, aber was half das? Das Telefon – dieses Blendwerk des Teufels – stand auf dem Nachttisch und schüttete seine grausamen Lärmwellen ihm ins Gehirn.

Oder wie man es nun ausdrücken wollte.

Er öffnete eines seiner verklebten Augen und starrte den Apparat in dem vergeblichen Versuch an, ihn zum Schweigen zu bringen. Er lärmte unverdrossen weiter. Das schrille Geräusch durchschnitt das morgengraue Schlafzimmer.

Er öffnete noch ein Auge. Die Uhr auf dem besagten Tisch zeigte 07.55. Wer, um alles in der Welt, hatte die Frechheit, ihn an einem freien Samstag aus dem Bett zu klingeln?, überlegte er. Wer nur? Im Januar.

Wenn es einen Monat gab, den er verabscheute, dann den Januar, der sich normalerweise eine Ewigkeit hinzog. Es regnete den ganzen Tag über, und die Sonne kam höchstens für eine halbe Stunde zum Vorschein. Das Beste, was man in dieser düsteren Jahreszeit tun konnte, war schlafen. Und sonst nichts.

Er zog seine linke Hand unter der Bettdecke hervor und nahm den Hörer ab. »Van Veeteren.«

»Guten Morgen, Herr Hauptkommissar.«

Das war Reinhart.

»Warum, verdammt, rufst du mich um halb sechs an einem Samstagmorgen an? Bist du vollkommen von Sinnen?« Aber Reinhart klang unbeugsam wie ein Parkverbotsschild.

»Es ist acht Uhr. Und wenn man keine Anrufe haben möchte und sich weigert, einen Anrufbeantworter anzuschaffen, dann muss man halt den Stecker rausziehen. Falls der Herr Hauptkommissar zuhört, kann ich ihm erklären, wie …«