Der Tote vom Strand - Håkan Nesser - E-Book

Der Tote vom Strand E-Book

Håkan Nesser

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Beschreibung

Was geschah mit Mikaela Lijphart? Welches Geheimnis umgibt ihren Vater? Das junge Mädchen ist wie vom Erdboden verschluckt – kurz nachdem sie ihren Erzeuger zum ersten Mal seit sechzehn Jahren wieder getroffen hat. Ewa Moreno, Kriminalinspektorin aus Van Veeterens Maardamer Polizeiteam, wird während ihrer Ferien mit einem mysteriösen Fall konfrontiert, dessen Ursprünge bis weit in die Vergangenheit reichen.


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Seitenzahl: 422

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Der Tote vom Strand

Es ist Sommer in Maardam. Ferienzeit. Kriminalinspektorin Ewa Moreno freut sich auf eine mehrwöchige Auszeit von der Arbeit, die sie größtenteils mit dem Psychologen Mikael Bau in dessen Ferienhaus an der Küste verbringen will. Ein Test, ob die Beziehung mehr ist als ein Flirt. Doch ihr Urlaub verläuft nicht ganz so wie geplant. Die Inspektorin wird mit mysteriösen Vorfällen konfrontiert, die ihr keine Ruhe lassen: Ein junges Mädchen, das sie auf der Bahnfahrt nach Lejnice kennengelernt hat, verschwindet spurlos — und der örtliche Polizeichef reagiert seltsam unbeteiligt. Mikaela war auf dem Weg zu ihrem Vater, der seit sechzehn Jahren in einer psychiatrischen Anstalt sitzt und von dessen Existenz sie bis vor kurzem nichts wusste. War dieser Besuch der Auslöser für ihr Verschwinden?

Autor

Håkan Nesser, geboren 1950, ist einer der erfolgreichsten Kriminalautoren Schwedens. Für seine Kommissar-Van-Veeteren-Serie erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, sie ist in mehr als ein Dutzend Sprachen übersetzt und wurde erfolgreich verfilmt.

Inhaltsverzeichnis

Über den AutorInschriftI
Kapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7Kapitel 8Kapitel 9Kapitel 10Kapitel 11Kapitel 12
II
Kapitel 13Kapitel 14Kapitel 15Kapitel 16Kapitel 17Kapitel 18Kapitel 19Kapitel 20Kapitel 21Kapitel 22
III
Kapitel 23Kapitel 24Kapitel 25Kapitel 26Kapitel 27Kapitel 28Kapitel 29Kapitel 30Kapitel 31
IV
Kapitel 32Kapitel 33Kapitel 34Kapitel 35Kapitel 36Kapitel 37
V
Kapitel 38Kapitel 39Kapitel 40Kapitel 41
Copyright

So vergeuden wir unser Leben, in Stunden und Augenblicken, in denen wir unseren Taten nicht ihr wahres Gewicht zubilligen.

Tomas Borgmann, Philosoph

I

1

21. Juli 1983

Winnie Maas musste sterben, weil sie ihre Pläne geändert hatte.

Später meldeten sich auch Stimmen zu Wort, die behaupteten, sie habe sterben müssen, weil sie schön und dumm gewesen sei. Was anerkanntermaßen eine riskante Kombination ist.

Oder weil sie zu gutgläubig war und sich den falschen Menschen anvertraute.

Oder weil ihr Vater ein Mistkerl war, der die Familie bereits im Stich gelassen hatte, als Winnie noch ein Wickelkind war.

Es war auch die Ansicht zu hören, Winnie Maas habe ein wenig zu kurze Kleider und ein wenig zu enge Blusen getragen und sei deshalb im Grunde an allem selber schuld.

Keine dieser Erklärungen ließ sich wohl ganz und gar von der Hand weisen, aber der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, war doch dieser: dass sie ihre Pläne geändert hatte.

In der Sekunde, bevor sie auf den Boden auftraf und die erbarmungslose Stahlschiene ihren Schädel zerteilte, ging ihr das sogar selber auf.

Sie wischte sich ein wenig überflüssigen Lippenstift ab und betrachtete ihr Spiegelbild. Riss die Augen auf und spielte mit dem Gedanken, etwas mehr Kajal aufzutragen. Es war so anstrengend, die ganze Zeit die Augen aufzureißen. Viel einfacher wäre es doch, unten mehr Farbe zu haben. Das hatte den gleichen Effekt. Sie zog mit dem Stift eine dünne Linie, beugte sich zum Spiegel vor und überprüfte das Ergebnis.

Klasse, dachte sie und richtete ihre Aufmerksamkeit dann auf ihren Mund. Zeigte die Zähne. Die waren ebenmäßig und weiß, und das Zahnfleisch saß zum Glück ziemlich hoch — nicht wie bei Lisa Paaske, die mit ihren schräg stehenden grünen Augen und ihren hohen Wangenknochen zwar sehr gut aussah, ansonsten aber immer ein ernstes Gesicht machen musste oder höchstens ganz leicht und rätselhaft lachen durfte. Eben, weil ihr Zahnfleisch so weit nach unten reichte. Igitt, dachte Winnie Maas. Wirklich ungeil.

Sie schaute auf die Uhr. Viertel vor neun. Höchste Zeit, sich auf den Weg zu machen. Sie stand auf, öffnete ihre Kleiderschranktür und musterte sich von oben bis unten. Testete einige Posen aus und schob mal die Brüste und mal den Unterleib vor. Es sah gut aus, oben wie unten. Sie hatte eben erst vier Haare ausgezupft, die sich in gefährlicher Nähe der Bikinizone breit gemacht hatten. Helle Haare zwar, aber trotzdem.

Perfekt, hatte Jürgen gesagt. Verdammt, du besitzt einen perfekten Körper, Winnie.

Umwerfend, das war Janos’ Meinung gewesen. Du bist einfach umwerfend, Winnie, ich krieg schon einen Ständer, wenn ich nur an deinem Haus vorbeigehe.

Sie lächelte, als sie an Janos dachte. Von allen, mit denen sie zusammen gewesen war, war Janos sicher der Beste gewesen. Er hatte alles genau richtig gemacht. Hatte Gefühl und Zärtlichkeit gezeigt, auf diese Weise, von der so oft in »Flash« und »Girl-Zone« die Rede war.

Janos. Ja, eigentlich war es schon ein bisschen traurig, dass sie nicht mit Janos zusammengeblieben war.

Aber egal, dachte sie und schlug sich auf die Hinterbacken. Bringt nichts, über vergossene Milch zu jammern. Sie fischte einen String-Tanga aus der Schublade, konnte aber keinen sauberen BH finden und verzichtete deshalb darauf. Sie brauchte ja auch keinen. Ihre Brüste waren ziemlich klein und straff genug, um sich aus eigener Kraft oben zu halten. Wenn sie an ihrem Körper überhaupt etwas auszusetzen hatte, dann hätte sie sich größere Brüste gewünscht. Nicht viel größer, nur eine Spur. Dick hatte zwar behauptet, sie habe die tollsten Titten der Welt, und er hatte so energisch daran gelutscht und herumgespielt, dass es noch Tage später wehgetan hatte — aber ein paar Gramm mehr hätten eben doch nicht geschadet.

Aber das kommt schon noch, dachte sie. Zog das T-Shirt über den Kopf und zwängte sich in den engen Rock. Ja, bald würden die Gramme gleich dutzendweise angetanzt kommen, das war nur noch eine Frage der Zeit. Falls sie nicht ...

Falls sie nicht.

Verdammt, dachte sie und nahm sich eine Zigarette. Ich bin doch erst sechzehn. Mama war damals siebzehn, und was ist aus der bloß geworden!

Sie warf einen letzten prüfenden Blick in den Spiegel, leckte sich vorsichtig die Lippen und ging los.

Halb zehn, Frieders Pier, hatte er gesagt. Er kam mit dem Zug um halb neun und wollte zuerst zum Duschen nach Hause. Wogegen sie natürlich nichts hatte, sie mochte Typen, die sich sauber hielten. Saubere Haare und kein Dreck unter den Nägeln, das brachte es einfach. Und sie trafen sich zum ersten Mal seit drei Wochen. Er war oben in Saaren bei einem Onkel gewesen. Hatte gejobbt und Ferien gemacht; sie hatten einige Male miteinander telefoniert, hatten den »Fall« diskutiert, aber sie hatte ihm noch nicht gesagt, dass sie ihre Pläne geändert hatte. Das hatte sie sich für diesen Abend aufgehoben. Besser, wir machen das von Angesicht zu Angesicht, hatte sie gedacht.

Es war ein warmer Abend. Als sie zum Strand kam, war sie schon leicht verschwitzt, obwohl es doch nur ein kurzer Spaziergang gewesen war. Aber hier unten war es kühler. Eine leichte, angenehme Brise wehte vom Meer her, sie streifte ihre Stoffschuhe ab und ging barfuß durch den Sand. Es war ein angenehmes Gefühl, die kleinen Sandkörner zwischen den Zehen zu spüren. Sie kam sich fast wieder vor wie ein Kind. Für den Nagellack war das natürlich gar nicht gut, am Pier würde sie die Schuhe sofort wieder anziehen müssen. Ehe sie IHN traf. Sie dachte an ihn immer in Großbuchstaben. Das war er wert. Aber wenn er danach mit ihr schlafen wollte, wollte er sie sicher barfuß haben. Was aber vielleicht keine Rolle spielte, er war bei solchen Gelegenheiten eher weniger an ihren Zehennägeln interessiert.

Und warum sollte er nicht mit ihr schlafen wollen? Sie hatten sich doch ewig nicht gesehen, zum Henker!

Sie blieb stehen und nahm sich eine neue Zigarette. Ging dann ein wenig näher zum Wasser, wo der Boden fester war, was das Gehen erleichterte. Der Strand war um diese Zeit nicht überlaufen, aber noch lange nicht menschenleer. Ab und zu tauchte ein Jogger oder ein Hundehalter auf, und sie wusste, dass oben zwischen den Dünen Jugendliche auf ihren Decken lagen, das war im Sommer immer so. Sie machte das bisweilen auch, und vielleicht würde sie in einer Stunde ebenfalls dort liegen.

Vielleicht, vielleicht auch nicht.

Es kam sicher auf seine Reaktion an. Sie versuchte, sie sich vorzustellen. Ob er wütend werden würde? Würde er sie packen und schütteln, wie damals in Horsens, als sie high vom Hasch erklärt hatte, wie toll sie Matti Freges Muskeln fand?

Oder würde er sie verstehen und ihr Recht geben?

Vielleicht würde er versuchen, sie zu überreden. Das war natürlich denkbar. Vielleicht würde seine gewaltige Liebe sie dazu bringen, ihre Meinung noch einmal zu ändern. Was das Geld betraf, natürlich. Wäre das denkbar?

Nein, das glaubte sie nicht. Sie fühlte sich stark und sicher in ihrem Entschluss, wo immer der herstammen mochte. Vielleicht lag es einfach daran, dass sie einige Wochen allein und in Ruhe hatte nachdenken können.

Aber sie wusste, dass seine Liebe riesengroß war. Das sagte er oft, ja fast bei jeder Begegnung. Irgendwann würden sie zusammenziehen, das wussten sie schon seit langer Zeit. Zweifel gab es keine mehr. Sie brauchten nichts zu überstürzen.

Was sie dagegen brauchten, war Geld.

Geld für Essen. Für Zigaretten und Klamotten und eine Wohnung. Vor allem in der Zukunft würden sie natürlich Geld brauchen, und deshalb hatten sie doch ursprünglich ihren Entschluss gefasst ...

Ihre Gedanken wanderten in ihrem Kopf hin und her, und sie spürte, dass sie sie nur schwer unter Kontrolle brachte. Oder darin Ordnung schaffen konnte. Sie musste auf so vieles Rücksicht nehmen, und am Ende wusste sie dann nicht mehr ein noch aus. Das war fast immer so. Es wäre schön gewesen, wenn ihr jemand die Entscheidungen abgenommen hätte. Das dachte sie oft. Wenn sich jemand um die wichtigen Angelegenheiten gekümmert hätte, damit sie über das nachdenken konnte, worüber sie gern nachdachte.

Vielleicht ist auch das ein Grund, warum ich mich in ihn verliebt habe, überlegte sie jetzt. In IHN. Er traf gern die Entscheidungen, wenn es sich um Zusammenhänge handelte, die ein bisschen größer und komplizierter waren. Wie in diesem Fall, um den es jetzt ging. Ja, sicher war das auch ein Grund, warum sie ihn liebte und mit ihm zusammen sein wollte. Wirklich. Obwohl der letzte Entschluss wohl doch nicht so gut gewesen war, weshalb sie sich gezwungen gefühlt hatte, ihre Pläne zu ändern. Wie gesagt.

Sie hatte jetzt den Pier erreicht und schaute sich im letzten Abendlicht um. Noch war er nicht gekommen, sie war einige Minuten zu früh. Sie könnte weiter über den Strand gehen, ihm entgegen, er kam von der anderen Seite, wohnte draußen in Klimmerstoft, aber sie tat es dann doch nicht. Sie setzte sich auf einen der niedrigen Steinpfeiler, die zu beiden Seiten des Piers aufragten. Steckte sich noch eine Zigarette an, obwohl sie im Grunde gar keine wollte, und versuchte, an etwas Schönes zu denken.

Er traf eine Viertelstunde später ein. Ein wenig verspätet, aber nicht sehr. Sie sah sein weißes Hemd in der klaren Dunkelheit schon aus der Ferne, blieb aber sitzen, bis er sie erreicht hatte. Dann sprang sie auf. Legte ihm die Arme um den Hals und drückte ihn an sich. Küsste ihn.

Merkte, dass er ein wenig nach Schnaps schmeckte, aber wirklich nur ein wenig.

»Da bist du wieder.«

»Ja.«

»War es schön?«

»Toll.«

Sie schwiegen einen Moment. Er umklammerte ihre beiden Oberarme.

»Ich muss dir etwas sagen«, sagte sie dann.

»Ach?«

Sein Zugriff lockerte sich ein wenig.

»Ich hab es mir anders überlegt.«

»Anders überlegt?«

»Ja.«

»Was, zum Teufel, soll das heißen?«, fragte er. »Sag schon.«

Sie sagte es ihm. Erklärte. Fand nur mit Mühe die richtigen Worte, aber nach und nach schien er zu begreifen. Zunächst schwieg er, und sie konnte sein Gesicht in der Dunkelheit nicht erkennen. Er hatte sie jetzt losgelassen, ganz und gar. Eine halbe Minute verging, vielleicht auch eine ganze, und sie standen nur da. Standen da und atmeten im Takt von Meer und Wellen, so kam es ihr vor, und etwas daran war ein wenig unbehaglich.

»Wir machen einen Spaziergang«, sagte er dann und legte ihr den Arm um die Schultern. »Und reden darüber. Ich habe eine Idee.«

2

Juli 1999

Helmut war von Anfang an dagegen gewesen.

Als sie später daran zurückdachte, musste sie ihm das immerhin zugestehen. »Blödsinn«, hatte er gesagt. »Verdammter Blödsinn.«

Er hatte die Zeitung sinken lassen und sie einige Sekunden lang aus seinen blassen Augen angesehen, während er langsam die Kiefer hin und her rollte und den Kopf schräg legte.

»Keine Ahnung, wozu das gut sein soll. Überflüssig.«

Das war alles. Helmut war keiner, der mit Worten um sich warf. Er war überhaupt eher vom Stein gekommen als vom Staub und zweifellos schon jetzt wieder auf dem Weg dorthin.

Vom Stein bist du gekommen und zum Stein sollst du werden. Das dachte sie nicht zum ersten Mal.

Es hatte natürlich seine Vor- und Nachteile. Sie wusste ja, dass sie nicht Sturm und Feuer gesuchte hatte, als sie sich für ihn entschieden hatte — nicht Liebe und Leidenschaft —, sondern einen Felsen. Graues, festes Urgestein, auf dem sie fest stehen konnte und nicht fürchten musste, wieder im Nebel der Verzweiflung zu versinken.

So ungefähr.

So ungefähr hatte sie vor fünfzehn Jahren gedacht, als er an die Tür geklopft und erklärt hatte, er habe im Urlaub eine Flasche Burgunder gekauft, die er einfach nicht allein austrinken wolle.

Und wenn sie es nicht schon im ersten Moment gedacht hatte, dann doch sehr bald danach. Als sie einander dann häufiger trafen.

In der Waschküche. Auf der Straße. Im Laden.

Oder wenn sie an den warmen Sommerabenden auf dem Balkon saß und versuchte, Mikaela in den Schlaf zu wiegen, und er drei Meter weiter auf dem Nachbarbalkon stand, seine Pfeife paffte und in die letzten Reste des Sonnenuntergangs hineinschaute, der sich auf dem gewaltigen offenen westlichen Himmel über der Polderlandschaft ausbreitete.

Wand an Wand. Das war wie ein Gedanke.

Ein Gott der Sicherheit, der seinen steinernen Finger auf sie richtete, während sie in einem gebrechlichen Fahrzeug über das Meer der Gefühle trieb.

Auf sie und Mikaela. Ja, so war es wirklich gewesen, und im Nachhinein konnte sie manchmal darüber lachen und manchmal nicht.

Fünfzehn Jahre war das jetzt alles her. Mikaela war damals drei gewesen. Jetzt war sie achtzehn. In diesem Sommer würde sie achtzehn werden.

»Wie gesagt«, hatte er hinter seiner Zeitung wiederholt. »Glücklicher wird dieses Wissen sie nicht machen.«

Warum hatte sie nicht auf ihn gehört? Wieder und wieder hatte sie sich später diese Frage gestellt. In den Tagen der Unruhe und der Verzweiflung. Wenn sie versuchte, ihre Kräfte zu sammeln und die einzelnen Glieder der Kette zu betrachten, die Ursache dafür zu finden, dass sie getan hatte, was sie getan hatte... oder einfach ihren Gedanken freien Lauf zu lassen. Sie hatte nicht genug Kraft, um über diese Zeit zu sprechen. Über diese grauenhaften Sommertage.

Sie hatte einfach das Richtige getan, so hatte sie das gesehen. Sie hatte getan, was gut und richtig gewesen war. Hatte nicht gegen den Beschluss verstoßen, auf den all diese Jahre doch gegründet waren. Auch der war in gewisser Hinsicht wie ein Stein gewesen. Ein düsterer Stein, den sie ganz tief versenkt hatte, in den schlammigen Grund ihres Vergessens, doch den sie heraufzuziehen versprochen hatte, wenn die Zeit gekommen wäre.

Behutsam und respektvoll natürlich, aber er musste eben ans Licht. Musste Mikaelas zwingendem Blick vorgelegt werden. Es ging nicht anders. Egal, wie sie es auch drehten und wendeten — es war eine Art Ungleichgewicht, das nun seit vielen Jahren darauf wartete, wieder in Balance gebracht zu werden, und jetzt war es so weit.

Der achtzehnte Geburtstag. Obwohl sie nicht darüber gesprochen hatten, hatte auch Helmut es gewusst. Er war sich die ganze Zeit über die Situation im Klaren gewesen, hatte sie aber nicht wahrhaben wollen... dass ein Tag kommen musste, an dem Mikaela die Wahrheit aufgetischt wurde. Niemand hatte das Recht, einem Kind seinen Ursprung vorzuenthalten. Seine Wurzeln unter Bagatellen und Alltäglichkeiten zu verstecken. Es beim Eintritt ins Leben auf einen falschen Weg zu locken.

Recht? Leben? Wahrheit? Später begriff sie nicht, wie sie mit dermaßen großartigen Worten hatte jonglieren können. War das nicht gerade die Art von Hochmut, die zurückgeschlagen und sich gegen sie gekehrt hatte? War das nicht so?

Wer war sie denn, dass sie von falsch und richtig redete? Wer war sie, dass sie so leichtfertig ihre Entscheidung traf und Helmuts übellaunige Einwände abschüttelte, ohne ihnen mehr als eine Dreiviertelsekunde des Nachdenkens zu widmen? Damals jedenfalls. Damals, als ihr das alles noch übertrieben vorgekommen war.

Dann kamen diese Tage und Nächte, als alles auch den letzten Rest von Bedeutung und Wert zu verlieren schien, als sie zum Roboter wurde und diese früheren Gedanken nicht einmal mehr sah, die wie zerfetzte Wolkenreste am bleigrauen Nachthimmel des Todes an ihr vorüberzogen. Sie ließ sie einfach dahingleiten, auf ihrer trostlosen Reise von Horizont zu Horizont.

Von der Vergessenheit in die Vergessenheit. Von der Nacht zur Nacht, von der Finsternis zur Finsternis.

Vom Stein bist du gekommen.

Aus deiner klaffenden Wunde steigt dein stummer Schrei zu einem toten Himmel empor.

Der Schmerz des Steins. Härter als alles.

Und der Wahnsinn, ja, der Wahnsinn, wartete gleich hinter der nächsten Ecke.

Der achtzehnte Geburtstag. Ein Freitag. Ein Juli, so heiß wie die Hölle.

»Ich mache es, wenn sie vom Training nach Hause kommt«, hatte sie gesagt. »Dann brauchst du nicht dabei zu sein. Danach essen wir dann in aller Ruhe. Sie wird es gelassen aufnehmen, das spüre ich.«

Zuerst nur beleidigtes Schweigen.

»Wenn es unbedingt sein muss«, hatte er dann endlich gesagt. Als er schon am Spülbecken stand und seine Tasse auswusch.

»Du trägst die Verantwortung. Nicht ich.«

»Ich muss es tun«, verteidigte sie sich. »Vergiss nicht, dass ich es ihr an ihrem fünfzehnten Geburtstag versprochen habe. Vergiss nicht, dass ein Leerraum gefüllt werden muss. Sie wartet doch darauf.«

»Sie hat es aber nie erwähnt«, sagte er. Aus dem Mundwinkel. Abgewandt.

Das stimmte. Auch das musste sie zugeben.

»Blödsinn, aber mach, was du willst. Wozu soll das eigentlich gut sein?«

So viele Wörter. Genauso viele. Dann ging er.

Blödsinn?

Tue ich es für sie oder für mich?, fragte sie sich dann.

Ursachen? Beweggründe?

Undurchdringlich wie das Grenzland zwischen Traum und Wirklichkeit. Unergründlich wie der Stein selber.

Floskeln, Wortpflaster. Das wusste sie jetzt.

3

9. Juli 1999

Als Kriminalinspektorin Ewa Moreno vor Hauptkommissar Reinharts Bürotür stehen blieb, war es Viertel nach drei am Nachmittag, und sie sehnte sich nach einem kalten Bier.

Wäre sie in eine andere Gesellschaftsklasse hineingeboren worden oder mit etwas mehr Fantasie begabt gewesen, dann hätte sie sich möglicherweise nach einem Glas kalten Champagner gesehnt (oder warum nicht gleich nach vier oder fünf?), aber an diesem Tag waren alle Gedankenflüge und alle Sehnsuchtsbilder bereits in den frühen Morgenstunden verdampft. Es war gute dreißig Grad über Null, und das schon den ganzen Tag. Und zwar in der Stadt wie auf der Wache. Der Hochdruck strahlte wie ein vergessenes, durchgedrehtes Bügeleisen, und genau genommen gab es wohl, abgesehen von kalten Getränken, nur zwei Überlebensmöglichkeiten: am Strand und im Schatten.

Auf der Wache von Maardam glänzte Ersterer durch Abwesenheit.

Aber es gab Rollos. Und garantiert sonnenlose Gänge. Sie blieb mit der Hand auf der Klinke stehen und unterdrückte einen Impuls (auch der war so träge wie eine mit Coca Cola betäubte Schmeißfliege, weshalb es ein ziemlich ausgewogener Kampf wurde), nicht darauf zu drücken. Sondern die Flucht zu ergreifen.

Statt hineinzugehen und sich anzuhören, was er ihr zu sagen hatte. Und sie hatte ihre guten Gründe. Oder zumindest einen:

In weniger als zwei Stunden fing ihr Urlaub an. Zwei Stunden. Einhundertzwanzig widerliche Minuten. Wenn nichts Unvorhergesehenes dazwischenkam.

Morenos Intuition sagte ihr, dass er sie wahrscheinlich nicht herbestellt hatte, um ihr schöne Ferien zu wünschen. Es hatte sich nicht so angehört und hätte auch nicht zu Reinhart gepasst.

Wenn nichts Unvorhergesehenes ... ? Auf eine seltsame Weise kam das Unvorhergesehene ihr überhaupt nicht unvorhergesehen vor. Wenn sie darauf gewettet hätte, hätte sie immerhin gute Gewinnchancen gehabt. Das war nun einmal so im glanzlosen Bullenmetier, und es wäre nicht das erste Mal.

Flucht oder nicht Flucht, was jetzt? Sie könnte später immer noch behaupten, etwas sei dazwischengekommen. Sie habe einfach nicht die Zeit gehabt, wie gewünscht bei ihm vorbeizuschauen. Vorbeizuschauen? Das klang doch ganz harmlos?

Schau doch nach dem Mittagessen mal bei mir vorbei. Es dauert nicht lange ...

O verdammt, dachte sie. Die Lage kam ihr so tückisch vor wie eine hungrige Kobra.

Nach einem kurzen inneren Kampf war das Kind in den Brunnen gefallen, und ihre lutherisch-kalvinistische Bullenmoral trug den Sieg davon. Sie seufzte, drückte die Klinke herunter und trat ein. Ließ sich in den Besuchersessel sinken, während ihre Befürchtungen wie wütende Schmetterlinge hinter ihrer Schläfe herumschwirrten. Und in ihrem Bauch.

»Was kann ich für dich tun?«, fragte sie.

Reinhart stand am Fenster, rauchte und sah ganz allgemein Unheil verheißend aus. Sie registrierte, dass er Badeschlappen an den Füßen trug. Hellblaue.

»Salve«, sagte er. »Möchtest du etwas trinken?«

»Was hast du denn auf Lager?«, fragte Moreno, und wieder tauchte das kalte Bier vor ihrem inneren Auge auf.

»Wasser. Mit oder ohne heiligem Geist.«

»Ich glaube, ich verzichte«, sagte Moreno. »Wenn du das nicht falsch verstehst. Also?«

Reinhart kratzte sich zwischen den Bartstoppeln und legte die Pfeife neben den Blumentopf auf die Fensterbank.

»Wir haben Lampe-Leermann erwischt«, sagte er.

»Lampe-Leermann?«, fragte Moreno.

»Ja«, sagte Reinhart.

»Wir?«, fragte Moreno.

»Einige Kollegen. Draußen in Lejnice. Ja, eigentlich Behrensee, aber sie haben ihn nach Lejnice gebracht. Das war näher.«

»Hervorragend. Wurde auch Zeit. Gibt’s Probleme?«

»Eins«, sagte Reinhart.

»Wirklich?«, fragte Moreno.

Er ließ sich ihr gegenüber in seinen Schreibtischsessel sinken und musterte sie mit einem Blick, der vermutlich unschuldig wirken sollte. Moreno kannte diesen Blick und sandte ein vages Stoßgebet zum Fenster hinüber. Nicht schon wieder!

»Ein Problem«, wiederholte Reinhart.

»Lass hören«, sagte Moreno.

»Er ist nicht ganz so kooperativ.«

Moreno gab keine Antwort. Reinhart machte sich an den Papieren auf seinem Schreibtisch zu schaffen und schien nicht so recht zu wissen, wie es weitergehen sollte.

»Oder genauer gesagt, er ist sehr kooperativ. Unter der Voraussetzung, dass er mit dir sprechen darf.«

»Was?«, fragte Moreno.

»Unter der Voraussetzung, dass er mit dir ...«

»Ich habe schon verstanden«, fiel Moreno ihm ins Wort. »Aber warum um alles in der Welt will er mit mir sprechen?«

»God knows«, sagte Reinhart. »So ist es nun einmal, mach mir da keine Vorwürfe. Lampe-Leermann ist bereit, ein vollständiges Geständnis abzuliefern, unter der Voraussetzung, dass er es dir zu Füßen legen darf. Sonst nicht. Er kann männliche Bullen nicht leiden, behauptet er, ist das nicht seltsam?«

Moreno betrachtete eine Weile das Bild, das über Reinharts Kopf hing. Es zeigte ein kostümiertes Schwein, das auf einer Kanzel stand und eine ekstatische Gemeinde aus Schafsköpfen mit Fernsehapparaten bewarf. Vielleicht handelte es sich auch um Richter mit Perücken, sie war sich da nicht sicher. Sie wusste, dass der Polizeipräsident mehrmals versucht hatte, Reinhart dazu zu bewegen, das Bild abzuhängen, doch vergebens. Rooth hatte es als Symbol der Gedankenfreiheit und allgemeinen Bewusstseinslage bei der Truppe bezeichnet, und Moreno hatte die vage Ahnung, dass diese Analyse gar nicht so dumm war. Obwohl sie Reinhart nie danach gefragt hatte. Und den Polizeipräsidenten auch nicht.

»Mein Urlaub fängt in zwei Stunden an«, sagte sie und versuchte ein mildes Lächeln.

»Er sitzt draußen in Lejnice«, sagte Reinhart gelassen. »Wirklich hübsch dort. Ein Tag reicht sicher. Höchstens zwei. Hrrm.«

Moreno erhob sich und ging zum Fenster. »Aber wenn du ihn lieber hier empfangen willst, dann ist das auch kein Problem«, schlug Reinhart hinter ihrem Rücken vor.

Sie schaute auf die Stadt und das Hochdruckgebiet hinaus. Es war nur einige Tage alt und schien sich zu halten. Das hatte Frau Bachman aus dem ersten Stock gesagt, und die Meteorologen im Fernsehen hatten es wiederholt. Sie beschloss, keine Antwort zu geben. Nicht ohne einen guten Anwalt oder ein erklärendes Angebot. Zehn Sekunden vergingen, und sie hörte nur das Verkehrsrauschen aus der Stadt und das leise Klappern von Reinharts Badeschlappen, als er die Füße übereinander schlug.

Badeschlappen?, dachte sie. Der könnte sich ja wohl mindestens ein Paar Sandalen zulegen. Ein Kriminalkommissar in blauen Plastikschuhen?

Vielleicht war er in der Mittagspause schwimmen gewesen und hatte vergessen, die Schuhe zu wechseln? Oder er hatte eine Besprechung mit dem Polizeipräsidenten gehabt und betrachtete die Badeschlappen als eine Art irrsinnigen Protest? Bei Reinhart wusste man nie, er liebte solche symbolischen Handlungen.

Am Ende gab er auf.

»Verdammt«, sagte er. »Reiß dich zusammen, Frau Inspektor. Wir suchen seit Monaten nach diesem verdammten Blödmann. Und jetzt hat Vrommel ihn sich gekrallt...«

»Vrommel? Wer ist Vrommel?«

»Der Polizeichef in Lejnice.«

Widerwillig dachte Moreno nach. Sie hatte Reinhart noch immer den Rücken zugekehrt, während das Bild Lampe-Leermanns vor ihrem inneren Auge auftauchte... kein großer Name in der Unterwelt, das nicht, aber er war wirklich seit geraumer Zeit gesucht worden. Er hatte vermutlich im März und April an bewaffneten Raubüberfällen mitgewirkt, aber darum ging es jetzt nicht. Jedenfalls nicht in erster Linie.

In erster Linie ging es um seine Kontakte zu gewissen anderen Herren, die von beträchtlich gröberem Kaliber waren als er selber. Spitzen des so genannten organisierten Verbrechens, um einen abgegriffenen Ausdruck zu verwenden. Die Verbindung stand zweifelsfrei fest, und Lampe-Leermann war dafür bekannt, dass er gern plauderte. Bekannt dafür, dass er — in bestimmten Notsituationen zumindest — lieber an seine eigene Haut dachte und deshalb seine illegalen Kenntnisse gern mit der Polizei teilte. Falls es seinen Zwecken diente und mit der nötigen Diskretion behandelt wurde.

Und das war in diesem Fall möglich. Es gab jedenfalls Grund zu dieser Annahme. Reinhart ging offensichtlich davon aus, und Moreno neigte dazu, ihm zuzustimmen. Zumindest im Prinzip. Und deshalb hatten sie ein wenig intensiver nach Lampe-Leermann gefahndet, als das sonst der Fall war. Und deshalb hatten sie ihn gefunden. Ausgerechnet heute.

Doch dass er ausgerechnet Inspektorin Moreno sein Herz ausschütten wollte, kam ja doch recht unerwartet. Diesen Aspekt hatten sie nicht bedacht. Sie nicht und die anderen auch nicht. Das tat nur irgendein böswilliger Machthaber aus dem Jenseits... ja, zum Teufel, dass sie aber auch nie...

»Er mag dich«, riss Reinhart sie aus ihren Gedanken. »Das braucht dir nicht peinlich zu sein. Ich glaube, er weiß noch, dass wir vor ein paar Jahren mit ihm böser Bulle/lieber Bulle gespielt haben... na ja, so ist es nun einmal. Er will mit dir und mit keinem anderen sprechen. Aber du hast ja nun Urlaub, klar.«

»Genau«, sagte Moreno und kehrte zu ihrem Sessel zurück.

»Es ist nicht so weit nach Lejnice, glaube ich«, sagte Reinhart, »zwölf, dreizehn Kilometer, nehme ich an ...«

Moreno gab keine Antwort. Sie kniff die Augen zusammen und riss die Gazette vom Vortag an sich, nachdem sie sie aus dem Zeitungschaos auf dem Tisch gefischt hatte.

»... und dann fiel mir dieses Haus ein, zu dem du fahren willst. Liegt das nicht in Port Hagen?«

O verdammt, dachte Moreno. Das hat er sich gemerkt. Er hat sich wirklich Mühe gegeben.

»Ja«, sagte sie. »In Port Hagen, das stimmt.«

Reinhart versuchte, wieder ein unschuldiges Gesicht zu machen. Wie der böse Wolf in Rotkäppchen, dachte Moreno.

»Wenn ich mich nicht irre, dann liegt das in Reichweite«, sagte er. »Kaum mehr als zehn Kilometer oberhalb von Lejnice. Ich war als Kind einige Male dort. Du könntest ganz einfach...«

Moreno ließ mit müder Geste die Zeitung sinken.

»Na gut«, sagte sie. »Es reicht. Ich mach’s. Ach, verdammt, du weißt so gut wie ich, dass Lampe-Leermann so ungefähr das Widerlichste ist, was je in handgenähten Schuhen und mit Siegelring unterwegs war... Abgesehen davon stinkt er auch noch die ganze Zeit nach altem Knoblauch... merk dir, dass ich von altem Knoblauch rede, gegen frischen habe ich nichts. Aber ich mach’s, du brauchst dich nicht noch mehr anzustrengen. Verdammt und zugenäht. Wann?«

Reinhart ging zum Fenster und kratzte über dem Blumentopf seine Pfeife aus.

»Ich habe Vrommel gesagt, dass du wahrscheinlich morgen auftauchst.«

Moreno starrte ihn an.

»Hast du einen Termin gemacht, ohne mich zu fragen?«

»Wahrscheinlich habe ich gesagt«, beschwichtigte sie Reinhart. »Ich habe gesagt, dass du wahrscheinlich morgen kommst. Was, zum Teufel, ist denn los mit dir? Spielen wir nicht mehr auf derselben Seite, oder was ist?«

Moreno seufzte.

»Na gut«, sagte sie. »Verzeihung. Ich wollte ohnehin morgen früh fahren, so große Umstände macht es also nicht. Wirklich nicht.«

»Gut«, sagte Reinhart. »Ich rufe Vrommel an und sage Bescheid. Um welche Uhrzeit?«

Sie dachte nach.

»Um eins. Sag, dass ich um ein Uhr komme und dass sie Lampe-Leermann zum Mittagessen nichts mit Knoblauch geben dürfen.«

»Auch nichts mit frischem?«, fragte Reinhart.

Sie gab keine Antwort. Als sie schon in der Tür stand, erinnerte er sie an den Ernst der Lage.

»Und sorg dafür, dass dieser Arsch jeden verdammten Namen ausspuckt, den er in der Birne hat. Ihr kriegt beide einen Bonus für jeden Scheißverbrecher, den wir einsperren können.«

»Ist doch klar«, sagte Moreno. »Der Herr Kommissar fluchen zu viel. Aber eine hübsche Farbe haben deine Schuhe... macht einen einwandfrei jugendlichen Eindruck.«

Noch ehe Reinhart etwas dazu sagen konnte, war sie schon verschwunden.

4

Als sie zu Hause unter der Dusche stand, ging ihr auf, dass es sich um ein Omen handelte.

Was denn sonst? Wie hätte sie die Sache sonst deuten sollen? Franz Lampe-Leermann tauchte einfach auf und vermasselte ihren Urlaub, zwei Stunden, bevor der losging. Das war doch absolut unwahrscheinlich. Oder völlig klar, das kam auf den Standpunkt an. Seit Mitte April hatte er sich der Polizei entziehen können — nach einem reichlich blödsinnigen Banküberfall, der am Gründonnerstag in Linzhuizen passiert war, hatten sie die Fahndung intensiviert —, und dann ging dieser Vollidiot ausgerechnet jetzt in die Falle. Und dann auch noch in Lejnice!

Lejnice! Einer kleinen unscheinbaren Hafenstadt mit vielleicht zwanzig- bis fünfundzwanzigtausend Einwohnern. Und einigen zusätzlichen tausend im Sommer. Und nicht mehr als zehn Kilometer von ihrem eigenen geplanten Aufenthaltsort während der beiden nächsten Wochen gelegen.

Port Hagen. Ein noch kleineres Kaff, aber Käffer hatten auch ihr Gutes, und in diesem lag Mikael Baus Sommerhaus.

Mikael Bau, dachte sie. Mein Nachbar und zufälliger Partner.

Zufällig?, dachte sie dann. Partner? Das klang doch bescheuert. Aber alles andere klang noch schlimmer. Oder jedenfalls falsch.

Verlobter? Liebhaber? Freund!

Konnte eine mit zweiunddreißig denn noch einen Freund haben?

Vielleicht ganz einfach mein Typ, überlegte sie. Sie kniff die Augen zusammen und rieb sich Jojoba-Shampoo in die Haare. Sie hatte über zwei Jahre ohne Typen gelebt — seit sie sich von Claus Badher getrennt hatte. Und besonders toll waren diese Jahre nicht gewesen. Nicht für sie selber und nicht für ihre Umgebung. Sie war die Letzte, die das bestritten hätte.

Es waren keine Jahre, die sie zurückhaben wollte, auch wenn sie in dieser Zeit einiges gelernt hatte. Vielleicht war das der richtige Standpunkt. Und sie wollte auch die Jahre mit Claus nicht zurückhaben. Das noch weniger, nie im Leben.

Insgesamt sieben vergeudete Jahre, summierte sie. Fünf mit Claus, zwei allein. Sammelte sie hier langsam genug für ein vergeudetes Leben an? Lief das hier gerade vor ihren Augen ab?

Who knows?, dachte sie. Life is what happens when we’re busy making other plans. Sie massierte sich noch eine Weile die Kopfhaut und spülte dann aus.

Was aus ihrer Beziehung zu Mikael Bau werden sollte, ließ sich jedenfalls noch nicht sagen. Sie hatte zumindest keine Lust dazu, im Moment nicht. Im Winter hatte sie so nach und nach seine Bekanntschaft gemacht. Er hatte sie zum Essen eingeladen, nachdem seine Freundin ihn verlassen hatte — Mitte Dezember war das gewesen, während dieser entsetzlichen Wochen, in denen sie nach Erich Van Veeterens Mörder gesucht hatten —, aber sie hatte sich erst einen Monat darauf für die Einladung revanchiert. Und dann hatte es noch einmal anderthalb Monate gedauert, bis sie den entscheidenden Schritt getan hatte und mit ihm ins Bett gegangen war. Oder bis sie beide den entscheidenden Schritt getan hatten. Anfang März war das gewesen, um genau zu sein. Am vierten, wie ihr nun einfiel, denn es war am Geburtstag ihrer Schwester gewesen.

Und seither war es so weitergegangen. Obwohl sie Kriminalinspektorin war und er Sozialarbeiter, waren sie doch nur Menschen.

Genauso drückte er sich immer aus. Scheiß doch drauf, Ewa! Egal wie, wir sind auch nur Menschen!

Ihr gefiel das. Es war schlicht und gesund. Erinnerte kein bisschen an Claus Badher, und je weniger Mikael Bau an Claus erinnerte, umso besser. Das war ein schlichter, aber zuverlässiger Maßstab. Ab und zu musste man zu einfachen Größen greifen, wenn es um das vermeintliche Seelenleben ging, sie war alt genug, um das zu wissen. Vielleicht sollte man das immer tun, überlegte sie bisweilen. Die Psychologie auf Distanz halten und nach dem Instinkt leben. Und es tat gut, begehrt zu werden, das konnte sie nicht leugnen. Carpe diem, war es das vielleicht?

Leichter gesagt als getan, dachte sie und stieg aus der Dusche. Das ist, wie von einem zum anderen Moment mit dem Denken aufzuhören. Auf jeden Fall hatte Mikael Bau also dieses alte Haus in Port Hagen. Er teilte es mit seinen vier Geschwistern, wenn sie das richtig verstanden hatte. Es galt als eine Art Familienerbe, und in diesem Jahr war er im Juli an der Reihe.

Groß und verfallen, hatte er versprochen. Aber bezaubernd und vor fremden Blicken geschützt. Fließend Wasser, ab und zu zumindest. Hundert Meter zum Strand.

Das klang fast zu schön, um wahr zu sein für eine schlecht bezahlte Inspektorin wie sie, und sie hatte ohne langes Zögern sein Angebot angenommen, dort zwei Wochen zu verbringen. Wenn sie ehrlich sein sollte, hatte sie überhaupt nicht gezögert. Es war an einem Sonntagmorgen im Mai gewesen, sie hatten sich geliebt und im Bett gefrühstückt. Eines nach dem anderen. Manche Tage haben wir besser im Griff als andere, das ist kaum eine Überraschung.

Zwei Wochen Mitte Juli also. Mit ihrem Typen am Meer.

Und dann Franz Lampe-Leermann!

Ein selten blödes Omen und ein ungeheuer schlechtes Timing. Sie fragte sich, was das bedeuten mochte. Oder musste man sich erst auf die Suche nach dem größeren Zusammenhang begeben?

Wie der Kommissar ab und zu zu sagen pflegte?

Nach dem Duschen packte sie, und nach dem Packen rief sie Mikael Bau an. Ohne sich mit Details aufzuhalten, erklärte sie ihm, dass sie nicht schon mittags, wie geplant, sondern erst am späteren Nachmittag eintreffen würde, da etwas dazwischengekommen sei.

»Arbeit?«, fragte er.

»Arbeit«, gab sie zu.

Er lachte und sagte: »Ich liebe dich.« Das sagte er seit neuestem, und es war seltsam, wie gespalten ihre Reaktion darauf ausfiel.

Ich liebe dich.

Sie selber hatte diese Worte noch nicht in den Mund genommen. Und sie würde das auch erst tun, wenn sie sich ganz sicher wäre. Sie hatten darüber gesprochen. Er hatte ihr natürlich Recht gegeben, aber was hätte er denn sonst tun sollen? Hatte gesagt, ihm gehe es genauso. Der Unterschied war nur, dass er sicher war. Jetzt schon.

Aber wie konnte er das sein?, hatte sie wissen wollen.

»Bin wohl weniger gebranntes Kind als du«, hatte er geantwortet. »Traue mich etwas früher, den Schritt ins Unbekannte zu machen.«

Weiß der Teufel, dachte Ewa Moreno. Wir haben alle unsere private Beziehung zu Sprache und Worten, vor allem zur Sprache der Liebe. Mit schlechten Erfahrungen braucht das nichts zu tun zu haben.

Aber sie fragte sich — hatte sich schon oft gefragt —, was eigentlich mit Leila passiert war, seiner früheren Freundin. Sie waren über drei Jahre zusammen gewesen, das hatte er ihr erzählt, und noch an dem Abend, an dem sie ihn verlassen hatte, war er eine Treppe hochgerannt und hatte an Ewas Tür geklingelt. Um sie zum Essen einzuladen, dem Essen, das er für Leila gekocht hatte. Einfach so, war das nicht doch ein wenig seltsam?

Als sie ihn danach gefragt hatte, hatte er das Essen angeführt. Er hatte doch für zwei gekocht. Man stand nicht zweieinhalb Stunden in der Küche, um dann die ganze Pracht innerhalb von zehn Minuten ganz allein hinunterzuwürgen. Wirklich nicht.

Auch jetzt wurde das Thema Essen angeschnitten.

»Wenn du einen guten Wein mitbringst, dann versuche ich, für dich einen essbaren Fisch aufzutreiben. Auf dem Markt gibt’s einen Alten, der jeden Morgen frischen Fisch anbietet. Er hat sogar ein Holzbein, die Touristen knipsen jeden Sommer zweitausend Bilder von ihm... na ja, ich werd’s jedenfalls versuchen.«

»Abgemacht«, sagte Moreno. »Ich verlasse mich darauf, dass du Glück hast. Ich hab dir ja gerade drei Stunden Frist gegeben. Übrigens...«

»Ja?«

»Nein, schon vergessen.«

»Gelogen.«

»Na gut. Welche Farbe haben deine Badeschlappen?«

»Meine Badeschlappen?«

»Ja.«

»Warum willst du wissen, welche Farbe meine Badeschlappen haben? Im Haus liegen sicher zehn Paar herum... oder jedenfalls zwanzig Stück, aber die Besitzverhältnisse sind ziemlich unklar.«

»Gut«, sagte Moreno. »Das betrachte ich als gutes Omen.«

Mikael Bau behauptete, gar nichts mehr zu begreifen, und riet ihr, sich einen Sonnenhut zuzulegen. Sie versprach, sich die Sache zu überlegen, danach beendeten sie ihr Gespräch. Er sagte nie zweimal, dass er sie liebte, und sie war dankbar dafür.

Wenn auch ein wenig gespalten.

Später an diesem Abend rief Reinhart an und diskutierte eine halbe Stunde lang mit ihr, wie sie das Verhör mit Lampe-Leermann führen sollte. An und für sich kam ihr das nicht weiter kompliziert vor, aber andererseits war es natürlich wichtig, so bald wie möglich so viel wie möglich aus ihm herauszuholen. Viele und wichtige Namen.

Wichtig war es außerdem, an die Beweise zu denken, damit man gegen die verdienstvollen Herren wirklich Anklage erheben konnte. Die Frage, was Lampe-Leermann dafür in Aussicht gestellt werden durfte, musste ebenfalls erörtert werden, aber Reinhart und Moreno machten so etwas ja nicht zum ersten Mal, und am Ende war der Hauptkommissar mit der Planung zufrieden.

Wenn dieser Arsch nur gegenüber Inspektor Ewa Moreno ein Geständnis ablegen wollte, dann würde er es wohl auch tun, meinte er.

Und dafür sorgen, dass er etwas zu gestehen hatte.

»Zwei Faustregeln«, betonte Reinhart schließlich. »Zum einen ein Tonbandgerät. Zum anderen keine ausformulierten Versprechungen. Nicht in der einleitenden Phase, das müsste auch Lampe-Leermann klar sein.«

»Weiß ich«, sagte Moreno. »Bin auch nicht von gestern. Was ist eigentlich Vrommel für einer?«

»Keine Ahnung«, sagte Reinhart. »Hört sich am Telefon wie ein Feldwebel an. Hat, glaube ich, rote Haare. Kann sich aber auch um einen anderen Vrommel handeln.«

»Wie alt?«

»Zu alt für dich. Könnte dein Großvater sein oder so.«

»Danke, Herr Kommissar.«

Reinhart wünschte Waidmannsheil und erklärte, er freue sich darauf, in zwei oder höchstens drei Tagen ihren Bericht zu lesen.

»Bericht?«, fragte Moreno. »Du bekommst die Abschrift des Verhörs, wobei ich nebenbei gesagt nicht vorhabe, mich um dieses Detail zu kümmern. Ich bin nicht im Dienst.«

»Hmpf«, knurrte Reinhart. »Kein Idealismus mehr bei der Truppe. Was soll aus der Gesellschaft nur werden?«

»Darüber reden wir im August«, sagte Moreno.

»Wenn es die Gesellschaft dann noch gibt«, sagte Reinhart.

5

10. Juli 1999

Sie begriff erst nach einer ganzen Weile, dass das Mädchen ihr gegenüber wirklich weinte.

Es war kein auffälliges Weinen. Es war ganz still, irgendwie natürlich. Das Gesicht sah nackt und rein aus, die Haut war bleich und die rotbraunen Haare glatt nach hinten gekämmt und mit einem Gummiband zusammengehalten. Sechzehn oder siebzehn, tippte Moreno, aber bei jungen Mädchen wusste man nie so genau. Es konnten auch zwei Jahre mehr oder weniger sein.

Die Augen waren groß und hellbraun, und so weit sie das beurteilen konnte, ganz und gar ungeschminkt. Auch die Wangen, über die die Tränen in regelmäßigem, aber nicht sonderlich reißendem Strom flossen, wiesen keine schwarzen Striche auf. Das Mädchen weinte leise und selbstverständlich. Moreno schaute vorsichtig über den Rand ihres Buches und stellte fest, dass ihr Gegenüber ein zusammengeknülltes Taschentuch in der Hand hielt, die locker auf ihrem Knie lag — dass jedoch kein Versuch unternommen wurde, die Tränenflut zum Stillstand zu bringen. Keinerlei Versuch. Das Mädchen weinte nur. Ließ den Tränen ihren Lauf, so sah es aus, während sie aus dem Fenster auf die flache, sonnige Landschaft schaute, die draußen vorüberhuschte. Das Mädchen saß gegen die Fahrtrichtung, Inspektorin Moreno ihr gegenüber.

Trauer, dachte Ewa Moreno. Es sieht aus wie Trauer.

Sie versuchte, sich daran zu erinnern, an welcher Station die Weinende zugestiegen war. Moorhuijs oder Klampendikk vermutlich. Ein oder zwei Stationen nach Maardam Kolstraat jedenfalls, wo sie selber eingestiegen war. Es war ein Lokalzug, der so ungefähr alle drei Minuten anhielt. Moreno bereute schon, keinen Expresszug genommen zu haben. Der wäre vermutlich doppelt so schnell gewesen, und vermutlich war der schaukelnde Waggon auch deshalb so leer. Abgesehen von einem älteren Paar, das Kaffee aus einer Thermosflasche trank, waren sie und das Mädchen die einzigen Fahrgäste... seltsam, dass die andere sich ihr gegenüber gesetzt hatte, wo doch so viel Platz war. Seltsam.

»Du weinst.«

Das sagte sie, ohne nachzudenken. Es rutschte ihr einfach so heraus, und sie fragte sich für einen Moment, ob Mikael Bau nicht Recht gehabt hatte, als er ihr zu einem Sonnenhut geraten hatte. Zu einem breitkrempigen Sonnenschutz, denn das Hochdruckgebiet war noch immer nicht weitergewandert.

Das Mädchen sah sie für einen Moment an. Dann putzte sie sich die Nase. Ewa Moreno wechselte die Stellung und wartete.

»Ja. Ich weine ein bisschen.«

»Das kann passieren«, sagte Moreno.

Herrgott, dachte sie. Was mach ich da nur? Jetzt kümmere ich mich auch noch um einen flennenden Teenie ... um ein betrogenes Mädel mit gebrochenem Herzen auf der Flucht vor ihrem Freund. Oder ihren Eltern. Auf jeden Fall auf der Flucht... Ich sollte weiterlesen und so tun, als hätte ich nie ein Wort mit ihr gewechselt. Ich werde erst wieder auf sie achten, wenn wir Lejnice erreicht haben, hab ich mit Lampe-Leermann nicht schon genug am Hals? Warum, zum Henker, kann ich bloß meinen Mund nicht halten?

»Ich weine, weil ich Angst habe«, sagte das Mädchen und schaute wieder in den Sonnenschein hinaus. »Ich bin auf dem Weg zu meinem Vater.«

»Ach?«, fragte Moreno neutral und verwarf ihre Fluchttheorie.

»Ich bin ihm noch nie begegnet.«

Moreno ließ ihr Buch sinken.

»Wie meinst du das?«

»Ich kenne ihn nicht.«

»Du bist deinem Vater noch nie begegnet? Wieso denn nicht?«

»Weil meine Mutter das so für richtig hielt.«

Moreno dachte nach. Nahm einen Schluck aus ihrer Mineralwasserflasche. Hielt sie dem Mädchen mit fragendem Blick hin. Das Mädchen schüttelte den Kopf.

»Und warum hielt sie es für richtig, dass du nichts mit ihm zu tun hattest?«

Das Mädchen zuckte die Schultern.

»Ich weiß nicht.«

»Wie heißt du?«

»Mikaela Lijphart.«

»Wie alt bist du? Sechzehn, siebzehn?«

Das ist ja ein Verhör, ging Moreno plötzlich auf, und sie versuchte, ihre Verlegenheit dadurch zu überspielen, dass sie ein Kaugummipäckchen anbot. Mikaela Lijphart nahm sich zwei Stück und lachte kurz.

»Achtzehn«, sagte sie. »Wirklich achtzehn. Gestern war mein Geburtstag.«

»Herzlichen Glückwunsch«, sagte Moreno. »Nachträglich.«

»Verzeihung. Ich störe Sie beim Lesen.«

»Das macht nichts«, sagte Moreno. »In der Bahn kann ich mich ohnehin nicht konzentrieren. Ich lese alles immer mehrere Male. Wenn du von deinem Vater erzählen willst, höre ich gern zu.«

Mikaela Lijphart seufzte tief und schien mit sich zu ringen. Es dauerte drei Sekunden.

»Danke«, sagte sie. »Nein, ich bin ihm also noch nie begegnet. Oder zuletzt als sehr kleines Kind. Bis vorgestern wusste ich nicht, wer er ist. Er heißt Arnold Maager, das hat meine Mutter mir erzählt, weil ich jetzt achtzehn bin. Schönes Geschenk, was? Ein Vater!«

Moreno zog die Augenbrauen hoch, sagte aber nichts. Der Zug bremste hörbar vor der nächsten Station.

»Er sitzt in der Klapse. Als ich zwei Jahre alt war, ist etwas passiert. Und deshalb hat sie ihn bisher geheim gehalten, meine Mutter.«

Großer Gott, dachte Moreno. Was erzählt sie mir da? Für einen Moment glaubte sie, an eine Drogensüchtige geraten zu sein — an einen leicht neurotischen Teenie, der sich vor einer Wildfremden interessant machen wollte. Junge Damen in Not neigten zu solchen Szenen, das wusste sie aus Erfahrung. Das hatten die Jahre bei der Jugendpolizei sie gelehrt. Zweieinhalb Jahre, genau gerechnet, die nicht schlecht gewesen waren, aber die sie auch nicht zurückhaben wollte. So wenig wie alle anderen, die sie vor kurzem erst verworfen hatte...

Aber es fiel ihr schwer zu glauben, dass Mikaela Lijphart ihr Lügen auftischte. Wirklich schwer. Sie kam ihr eher vor wie ein offenes Buch — mit ihren großen klaren Augen und den freimütigen Zügen. Sicher konnte sie sich irren, aber dass sie so sehr danebenlag, bezweifelte sie doch sehr.

»Und jetzt bist du auf dem Weg zu ihm?«, fragte sie vorsichtig. »Zu deinem Vater? Wo wohnt er?«

»In Lejnice«, sagte Mikaela Lijphart. »In einem Pflegeheim am Stadtrand. Ich habe angerufen, sie wissen, dass ich komme. Und sie wollten ihn vorbereiten... ja, so haben sie das gesagt. Vorbereiten. Himmel, das macht mich so nervös, aber ich muss es doch hinter mich bringen.«

Ewa Moreno suchte verzweifelt nach einem tröstlichen Wort.

»Was sein muss, muss sein«, sagte sie. »Hast du wirklich erst vorgestern erfahren, dass du einen Vater hast?«

Mikaela Lijphart zeigte wieder ihr kurzes Lachen.

»Nein. Ich weiß ja, dass jungfräuliche Geburten heutzutage eher selten vorkommen. Ich habe mit drei Jahren einen Stiefvater bekommen, und mit fünfzehn habe ich erfahren, dass er nicht mein richtiger Vater ist. Und dann... ja, dann musste ich drei Jahre warten, ehe meine Mutter mir von meinem richtigen Vater erzählt hat. Arnold Maager ... ich weiß nicht, ob mir der Name gefällt oder nicht.«

»Aber warum?« Diese Frage konnte Moreno sich einfach nicht verkneifen. »Ich meine, es geht mich natürlich nichts an, aber ...«

»Ich weiß nicht«, sagte Mikaela Lijphart.

»Das weißt du nicht?«

»Nein, ich weiß nicht, warum sie mir das nicht sagen konnte. Oder wollte. Sie hat mir eine Menge über Verantwortung und Reife und so erzählt, meine Mutter, aber ... nein, keine Details. Als ich klein war, ist etwas vorgefallen, mehr weiß ich nicht.«

Moreno schaute aus dem Fenster und stellte fest, dass sie schon in Boodendijk waren. Es konnte nicht mehr weit bis Lejnice sein. Ein oder zwei Stationen vermutlich. Hinter den wenigen Häuserzeilen konnte sie die Dünen erkennen. Der Himmel sah fast hysterisch aus, so blau war er.

Was, zum Teufel, soll ich denn sagen, fragte sie sich. Das arme Kind muss sich doch vollkommen verlassen vorkommen.

»Du hast nicht überlegt, jemanden mitzunehmen?«, fragte sie dann. »So nervös, wie du bist. Eine Freundin... oder deine Mutter.«

»Ich möchte allein mit ihm sein«, erklärte Mikaela Lijphart. »Meine Mutter wollte überhaupt nicht, dass ich zu ihm fahre, aber jetzt bin ich ja schließlich achtzehn.«

»Allerdings«, sagte Moreno.

Einige Sekunden verstrichen. Der Zug setzte sich wieder in Bewegung.

»Ich begreife nicht, warum ich das alles einem wildfremden Menschen erzähle«, sagte Mikaela Lijphart und versuchte, ein wenig energischer zu wirken. »Sie müssen mich doch für total verrückt halten ... ganz zu schweigen von meiner Mutter und meinem Vater. Die total verrückte Familie. Und das sind wir vielleicht auch, aber ich habe wirklich noch nie ...«

»Manchmal kann es gut tun, mit Fremden zu reden«, fiel Moreno ihr ins Wort. »Man kann sagen, was man will, ohne Rücksicht nehmen zu müssen. Ich fange auch manchmal auf diese Weise ein Gespräch an.«

Jetzt öffnete das Gesicht des Mädchens sich wirklich zu einem Lächeln, und Moreno konnte feststellen, dass sie noch anziehender aussah, wenn die Sorgen sich für einen Moment verzogen.

»Genau. Das gilt auch für meinen Vater. Über die Begegnung mit ihm, meine ich. Wir sind uns doch auch fremd. Ich will sonst niemanden dabei haben, wenn ich zum ersten Mal mit ihm spreche. Es wäre... es wäre nicht richtig, verstehen Sie? Ihm gegenüber nicht richtig.«

Moreno nickte.

»Du steigst also in Lejnice aus?«, fragte sie.

»Ja. Und Sie?«

»Auch in Lejnice. Es geht sicher gut, du wirst schon sehen. Mit deinem Vater meine ich, das spüre ich.«

»Ich auch«, verkündete Mikaela Lijphart optimistisch und richtete sich ein wenig auf. »Ich glaube übrigens, wir sind bald da, ich sollte vielleicht kurz zur Toilette gehen, um mir die Tränen aus dem Gesicht zu wischen. Es hat gut getan, mit Ihnen zu sprechen.«

Ewa Moreno merkte plötzlich, dass sie selber eine Träne im Augenwinkel hatte. Sie tätschelte Mikaela Lijpharts Oberschenkel und räusperte sich.

»Tu das. Ich warte auf dich. Bis zur Station haben wir ja noch ein Stück.«

Mikaela Lijphart stand auf und verschwand auf der Toilette ganz hinten im Wagen. Moreno holte tief Atem. Steckte ihr Buch in die Tasche und stellte fest, dass durch das Fenster jetzt das Meer zu sehen war.

Auf dem Bahnhofsvorplatz verabschiedete sie sich von Mikaela Lijphart, die in den gelben Bus stieg, der zum Sidonisstift fuhr, einem einige Kilometer nördlich im Binnenland gelegenen Pflegeheim.

Moreno selbst nahm ein Taxi, da sie den Weg zur Wache von Lejnice nicht kannte.

Die Entfernung zum Marktplatz, wo auch die Wache lag, betrug knappe zweihundert Meter, und der junge Fahrer fragte, ob er eine Extrarunde um die Kirche drehen dürfe, um wenigstens das Taxameter einschalten zu können.

Moreno lachte und sagte, sie werde in einigen Stunden einen Wagen nach Port Hagen brauchen, worauf er ihr eine Karte mit seiner Telefonnummer gab.

Die Polizeiwache von Lejnice war ein viereckiger zweistöckiger Bau aus dunklem Klinkerstein mit seltsamen quadratischen Fenstern, die von außen nicht einzusehen waren. Sie war sicher kurz nach dem Zweiten Weltkrieg errichtet worden und lag zwischen einer Metzgerei und einem Bestattungsunternehmen. Über dem wenig imposanten Eingang befand sich ein winziger Balkon mit Eisengeländer und einer noch kleineren Flagge, die am Ende einer Art Besenstiel im schwachen Wind wehte. Moreno hatte eine kurze Assoziation mit einer dekadenten französischen Kolonie des 19. Jahrhunderts — oder mit einem Film über eine solche Kolonie —, und als sie dann Kommissar Vrommel entdeckte, vermutete sie, dass ihm das vergangene Jahrhundert lieber war als das, das gerade vor der Tür stand.

Er selber stand übrigens auch vor der Tür. Lang und schlaksig, in einer Art weicher Khakiuniform, wie Moreno sie nur aus der Welt des Films kannte. Sie schätzte ihn auf vielleicht sechzig oder eher noch fünfundsechzig. Reinharts Vermutung, dass er rothaarig war, mochte nicht falsch liegen, kam aber um einige Jahrzehnte zu spät. Jetzt war Vrommels Haupt nur noch spärlich bewachsen. Um nicht zu sagen gar nicht.

Runde Brille ohne Einfassung, kräftige rotbraune Nase und ein so dünner, fleischfarbener Schnurrbart, dass sie ihn erst entdeckte, als sie dem Mann die Hand reichte.

»Inspektor Moreno, nehme ich an. Angenehm. Reise gut verlaufen?«

Er kann Polizistinnen nicht leiden, dachte sie.

»Hervorragend, danke. Ein bisschen warm.«

Er ging auf die Aufforderung, über das Wetter zu sprechen, nicht ein. Räusperte sich stattdessen und hob den Kopf.

»Willkommen in Lejnice. Ja, hier also ist der Sitz der Macht.« Erstreckte den Arm in einer Geste aus, die möglicherweise—aber nur möglicherweise — als ironisch gedeutet werden konnte. »Gehen wir hinein? Meister Lampe wartet schon.«

Er öffnete die Tür, und Moreno betrat das relativ kühle Innere der Polizeiwache von Lejnice.

Das Verhörzimmer war an die zehn Quadratmeter groß und sah aus, wie es sich für ein Verhörzimmer gehörte.