Das Feenstaub-Fiasko - Manuela P. Forst - E-Book

Das Feenstaub-Fiasko E-Book

Manuela P. Forst

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Beschreibung

Leonhard der Glitzer-Vampir! Diesen Spitznamen sollte er für Jahrhunderte nicht mehr loswerden, nicht, seit diesem Tag, an dem er in den Topf voll Feenstaub gefallen war. Nun, genau genommen war der Topf auf ihn gefallen, auf seinen hübschen Kopf. Die Nymphen und die Nixen tuschelten noch immer hinter vorgehaltener Hand über den attraktiven Goldjungen und schickten sich gegenseitig Selfies mit aufgemalten Bissspuren, die angeblich von einem Vampir stammten.Die Vampir-Clans wie auch die Werwölfe hätten das Feenstaub-Fiasko lieber heute als morgen vergessen. Der Hype um Leonhard, der Untote zum Sexsymbol erhoben hatte, schadete ihrem Ruf, wenn er auch die Nahrungsbeschaffung erleichterte.Doch es gab einen, der nicht müde wurde, die aberwitzige Geschichte zu erzählen. Navio der Wicht hatte einen Vampir auf dessen peinlichstem Abenteuer begleitet und dies sogar überlebt.Eine illustrierte Vampir-Satire voll mit schwarzem Humor.

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Veröffentlichungsjahr: 2019

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Manuela P. Forst

Das Feenstaub-Fiasko

 

 

 

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- gekürzte Vorschau -

Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1 – Ein Topf voll Staub

Kapitel 2 – Ein Friedhof und viele Kuscheltiere

Kapitel 3 – Der Alchempie-Port

Kapitel 4 – Das tollwütige Pferdemädchen und ein gestohlener Polizeiwagen

Kapitel 5 – Pizza mit Knoblauch und Cocktails für den Hund

Kapitel 6 – Hund über Bord!

Kapitel 7 – Pläne und Gegenpläne

Kapitel 8 – Der Untergang der Titanic2000

Epilog

Impressum tolino

Kapitel 1 – Ein Topf voll Staub

Das Feenstaub-Fiasko

Manuela P. Forst

Das Feenstaub-Fiasko

© 2018 Manuela Petra Forst

Coverbild und Illustrationen Manuela Petra Forst

Homepage: http://members.chello.at/silverunicorn/

Inhalt

Leonhard duckte sich unter der heransausenden Klinge weg und tänzelte zur Seite. Seine auf Hochglanz polierten Stiefletten schienen kaum den Boden zu berühren und der Lotuseffekt des exquisiten Hydra-Leders vereitelte jeden Versuch feuchter Walderde, ihm anzuhaften. In einer Drehung, deren Eleganz selbst Wassernymphen erblassen ließe, führte er einen tief angesetzten Hieb gegen die Hüfte seines Widersachers. Doch dessen Rapier war augenblicklich zur Stelle und parierte mit Leichtigkeit.

Nichts anderes hatte Leonhard erwartet. Die widernatürlichen Sinne und Reflexe seines Kontrahenten erlaubten es diesem, auf jeden Angriff zu reagieren, ehe eine Klinge ihr Ziel fand. Ihm selbst war diese Gabe ebenso zueigen. Und es war gewiss nicht das Einzige, was ihn mit seinem Gegenüber verband. Wahrscheinlich wiesen sie sogar mehr Gemeinsamkeiten auf als Unterschiede.

Trotzdem oder gerade deshalb fochten sie dieses Duell immer wieder aufs Neue.

Noch nie hatte einer von ihnen einen nennenswerten Vorteil erringen oder sich gar zum Sieger küren können. Und vielleicht würde dies niemals geschehen. Aber das war auch gar nicht so wichtig. Was zählte, war einzig der Kampf in all seiner grausamen Schönheit und unerreichbaren Perfektion. Er hatte Tradition. Die Mitglieder ihrer beider Clans fochten dieses Duell seit Zeitaltern. Nicht nur der Ehre wegen würden sie es fortführen über die Jahre und Jahrhunderte.

Die Klinge des Rapiers blitzte im Licht des Mondes auf. Leonhard ließ sein Schwert hochschnellen, ohne einen bewussten Gedanken an diese Parade verschwenden zu müssen. Für einen Moment verharrten die gekreuzten Klingen unmittelbar vor seinem Gesicht. Die Waffe seines Gegners war eine außergewöhnliche Sonderanfertigung. In das Klingenblatt waren feine Intarsien aus Mahagoni eingearbeitet. Der brachiale Holzpflock war längst aus der Mode gekommen. Trotzdem war das elegante Rapier nur zu dem einen Zweck gefertigt worden, um das Herz eines Vampires zu durchbohren – sein Herz. Leonhards Waffe stand dem in keinem Punkt nach, auch wenn er sich für ein robusteres Langschwert entschieden hatte, dessen gefaltete Stahlklinge um einen leichten Kern aus Balsaholz geschmiedet war. Die Schneide war mit einer Silberlegierung überzogen, sodass sie auch gegen Werwölfe gute Dienste tat.

»Gefällt es dir? Ich lasse deinen Namen in den Griff gravieren, sobald ich dich getötet habe!«

Leonhard löste den Blick von dem Rapier und sah seinem Kontrahenten ins Gesicht.

Karl war der Name, unter dem er derzeit bei den Sterblichen bekannt war. Seinen Geburtsnamen hatte er wohl selbst längst vergessen. Unverändert über die Jahrhunderte war hingegen sein makelloser Teint geblieben, der seinen kantigen Zügen eine jugendliche, wenn auch etwas kränklich blasse Erscheinung verlieh. Karl gehörte zu jenen, die sich freiwillig einem Vampirclan angeschlossen hatten, um größere Macht zu erlangen. Leonhard verachtete ihn dafür, sein kostbares Leben weggeworfen zu haben im Tausch gegen dieses Schattendasein.

»Du vergisst, dass ich längst tot bin«, erwiderte er.

»Du bist vielleicht tot.« Karl grinste und entblößte seine ausgeprägten Eckzähne. »Ich jedoch bin unsterblich!«

Er ließ sich einen Schritt zurückfallen, nur um gleich darauf mit einer schnellen Folge hoch angesetzter Schläge anzugreifen. Leonhard begegnete dem Vorstoß nicht minder heftig.

Funken stoben auf und erhellten wie ein Blitzgewitter die kleine Waldlichtung, auf welcher die Duellanten ihre Klingen kreuzten, seit die Sonne blutrot die Baumwipfel geküsst hatte. Alle Tiere waren geflohen, da der Tod selbst zum Klingentanz angetreten war. Stunden waren verstrichen. Der Mond schwamm träge in einem Meer aus Sternen. Die anfängliche Furcht der Waldbewohner hatte sich allmählich in Neugierde gewandelt. Als diese sich irgendwann befriedigt sah, war sie letztendlich der Gleichgültigkeit gewichen. Der helle Schein des annähernd vollen Mondes verführte selbst die scheue Haselmaus dazu, auf der Lichtung nach Futter zu suchen. Damit verfolgte sie den gleichen Gedanken wie die Schleiereule, welche im Sturzflug aus dem Sternenmeer niederstieß, um den kleinen Nager als Mitternachtshappen zu verzehren. Währenddessen schob ein Marder in leichtsinniger Gier seine Schnauze unter das Federkleid eines vermeintlich schlafenden Perlhuhns, in der Absicht, dem Nest ein Ei zu entwenden. Der Räuber bezahlte diese Frechheit mit einem Auge, in das die fürsorgliche Mutter ihren Schnabel stieß. Hoch über seinem zunehmend blutigen Haupte umkreisten Glühwürmchen und Blütenfeen einander in Walzerdrehungen zum Gesang einer Nachtigall. Und nahebei schleppten zwei Wichte einen Topf voll golden schimmernden Feenstaub, wohl in dem Bestreben, sich damit zu bestreuen, um das Manko fehlender Flügel zu kaschieren und sich Einlass zu dem fröhlichen Bankett der leuchtenden Tänzer zu erschleichen.

Die Untoten aber hatten für die Lebenden keinen Blick übrig und fochten unerbittlich ihr Ehrenduell.

Soeben stieß Karl in einem Ausfall gegen Leonhard vor und zwang diesen mehrere Schritte zurück.

»He! Pass doch auf!« Die Wichte rissen ihren Topf zur Seite, als plötzlich der Absatz einer polierten Stieflette auf sie niederfuhr.

Zu spät!

Das teure Schuhwerk schrammte über den Rand des halbkugelförmigen Gefäßes und versetzte es in Rotation. Die Wichte wurden durch die Luft geschleudert, ebenso wie ihre kostbare Last. Ein goldener Schwall stob aus dem Behältnis und ergoss sich über das Gras und die beiden ungeladenen Bankettgäste wie auch über den Urheber der ganzen Misere. Leonhard landete ausgesprochen unelegant auf seinem Gesäß und der Topf auf seinem Kopf. Feenstaub rieselte an ihm herab und bedeckte seinen gesamten Körper mit einem glänzenden Überzug.

»Oh nein! Was hast du getan, du seelenloser Blutsauger!«

Die Wichte sprangen hektisch umher, in dem verzweifelten Versuch, ihren Topf und einen Teil des Inhalts zu retten. Die aufgrund des Feenglanzes erlangte Flugfähigkeit sorgte dafür, dass sie unerwartet schnell die Bodenhaftung verloren.

Als Leonhard den Topf abnahm und sich den Staub aus den Augen wischte, sah er zwei kleine, zeternde Kreaturen, die wie Gummibälle über die Lichtung sprangen, von Baumstämmen abprallten und johlend durch die Blätterkronen sausten, um schließlich in weitem Bogen in den Nachthimmel fortzufliegen. Dabei zogen sie je einen schimmernd goldenen Schweif hinter sich her. Jahrhunderte später erzählten Anhänger einer Sekte noch vom prophetischen Erscheinen zweier Kometen, die einem großen Unglück vorausgingen, das unzählige Todesopfer forderte.

In einigem Abstand zu Leonhard stand Karl und schürzte spöttisch die Lippen. »Ich duelliere mich nicht mit einem Goldelfen!« Mit diesen Worten ließ er das Rapier in die Scheide gleiten, wandte sich ab und schritt über die Lichtung davon. Dabei wedelte er unwirsch mit den Händen, um einen Schwarm von Blütenfeen und Glühwürmchen zu teilen, die allesamt wie paralysiert in der Luft hingen. Die Nachtigall hatte sich vor Schreck verschluckt. Es war still geworden. Einzig der Marder winselte unbeeindruckt.

Leonhard stand auf und klopfte seine Kleidung ab. Eine Feenstaubwolke stob in die Luft und verteilte glänzende Partikel gleichmäßig auf den Vampir und dessen Umgebung. Hatte es zuvor noch Stellen gegeben, an welchen die blasse Haut oder der schwarze Stoff seines Hemdes durchgeschimmert hatte, so war nun der gesamte Untote mit einer goldenen Schicht überzogen. Sogar der Lotuseffekt der Stiefletten kapitulierte angesichts der Haftbarkeit des Feenzaubers. Leonhard fand, dass er aussah wie eine der vergoldeten Bildnisse in asiatischen Tempeln – die Wächterstatue eines schwerttragenden Dämons. Noch einmal klopfte er auf seine Kleidung, was an dem Resultat nichts zu ändern vermochte. Verärgert rubbelte er über seine Handrücken, doch er hatte den Eindruck, als massiere er die Glanzpartikel nur fest in die Haut ein. Es schien unmöglich, sie abzuwischen. Ihm blieb nur eine Lösung! Seufzend steckte er sein Schwert weg und verließ ebenfalls die Lichtung.

Indessen hatte die Nachtigall ihre Stimme wiedergefunden und die Blütenfeen wie auch die Glühwürmchen drehten sich erneut im Tanz.

Die Nacht neigte sich dem Ende zu, als Leonhard an einen kleinen See gelangte, der in einer Senke am Rand des Waldes lag. Unverzüglich entledigte er sich seiner Kleidung und sprang in das kalte Wasser. Rings um ihn bildete sich ein goldener Film auf der Oberfläche. Einige Barsche im Umkreis glaubten sich in dem Moment zu Goldfischen mutiert, sprangen vor Freude in die Luft und erkannten ihren Irrtum – offenbar waren sie zu Fliegenden Fischen geworden.

Leonhard seufzte erleichtert auf. Um völlig sicherzugehen, sich vom Scheitel bis zu den Zehen dieser ekelhaften Substanz entledigt zu haben, tauchte er vollständig unter und fuhr sich durch die Haare. Nun brauchte er nur noch seine Kleidung zu waschen und er wäre wieder der blasse Vampir in der Grufti-Gewandung, wie die Mode es jemandem von seiner Art zugestand.

Zufrieden kehrte er zum Ufer zurück. Da sah er einen der Wichte, der im Schneidersitz auf seinen Habseligkeiten hockte.

»Hallo Goldjunge!« Das Grinsen der kleinen Kreatur reichte bis zu den überdimensionierten Ohren.

»Ich werde dich lehren, was es heißt, mich zu verspotten!«

»He, hör mal, ich spotte nicht! Ich sage nur die Wahrheit!«

Leonhard erlag dem Drang, an sich hinabzublicken.

Was er sah, war sein Körper, unverändert jugendlich agil seit dem Tag, an dem er gebissen worden war, und mit einem nahtlos golden schimmernden Teint.

»Bei Jesus, Maria und allen verdammten Heiligen!«, fluchte der Vampir, ließ sich auf die Knie fallen und begann, sich mit Wasser und Sand abzureiben, bis seine Haut brannte.

Es half nichts.

Der Wicht beobachtete die fruchtlosen Bemühungen kichernd. »Ja, das Gute bleibt haften! Auch an dir! Könnte man es einfach abwaschen, würden Feen wie tote Fliegen fallen, sobald sie in einen Regenguss geraten.«

Leonhard gab auf und sank frustriert neben der kleinen Gestalt am Ufer nieder. Schweigend starrten sie auf den See, über dem einige Fische schwebten und zunehmend verzweifelt nach Wasser zu schnappen versuchten.

»Aber es geht doch ab, oder?«, fragte der Vampir schließlich und seine Stimme klang flehentlich. »Ich meine, du hast das verruchte Zeug bei dir gehabt, um es absichtlich zu verwenden. Du hättest das doch nicht getan, wenn es bis an dein Lebensende anhalten würde. Oder? Du bist ein Wicht! Du spielst Streiche! Du gehörst nicht zu den Guten!«

»Der Teufel behüte!«, stieß der Wicht hervor. »Ich bin nicht gut!« Er warf einen abschätzenden Seitenblick auf den Vampir. »Aber so richtig böse bin ich auch nicht. Ich meine, nicht so wie du! Versteh mich nicht falsch, ich meine das als Kompliment! Du bist richtig böse. Vor dir fürchtet sich jeder. Dazu brauchst du keine Streiche zu spielen. Aber ich spiele Streiche und oft tue ich das, ohne über das Danach nachzudenken!«

»Willst du damit sagen, du weißt nicht, ob und wie es abgeht?«

»Nein … Ich meine, ja! Ja, ich weiß es nicht!«

Wieder starrten sie auf die Seeoberfläche.

»Übrigens, ich bin Navio!«

»Leonhard.«

»Schön, dich kennenzulernen!«

»Das meinst du nicht ernst, oder?«

»Nein.«

Eine leichte Windböe kräuselte die Wasseroberfläche. Irgendwo frohlockte ein Vogel. Wahrscheinlich hatte er die fliegenden Fische bemerkt.

»Ich dachte immer, Vampire seinen extrem lichtscheu«, bemerkte Navio im Plauderton.

»Selbstverständlich sind wir das! Wir zerfallen zu Staub, wenn wir direktem Sonnenlicht ausgesetzt werden!«

»Ah! Dachte ich mir doch so was!« Der Wicht griff nach einem abgebrochenen Zweig und begann, Kringel in den Sand zu malen. Einen besonders großen Kreis versah er mit Strahlen und einem lachenden Gesicht.

Geistesabwesend starrte Leonhard auf das Gekrakel. Nur langsam fand die Botschaft den Weg in sein Bewusstsein. Die Sonne!

Er fuhr wie vom Speer des Schicksals gestochen hoch.

Der Himmel hatte seinen schwarzen Sternenmantel abgeworfen. Er trug nun ein buntes Kleid, dessen Farbspiel von Violett und Blassblau bis zu tiefem Orange reichte. Ein verräterischer blutroter Fleck zeigte sich am unteren Saum, dort, wo in wenigen Augenblicken ein glühender Feuerball aufsteigen würde.

Panisch sah sich Leonhard um. Ein Sarg! Er brauchte einen Sarg oder eine Gruft, eine Höhle, eine Scheune, eine Limousine mit getönten Scheiben, einen Sonnenschirm … irgendwas!

Nichts!

Selbst die Bäume des nahen Waldes hatten ihn verraten, da sie ihre Kronen im aufkommenden Wind des jungen Morgens schüttelten, sodass die Sonnenstrahlen nur zu leicht zwischen den Blättern hindurchschlüpfen konnten. Aber wenn er sich in eine Fledermaus verwandelte, dann wäre er kleiner und könnte vielleicht …

Zu spät!

Der erste Strahl stach über den Horizont nach der Böschung oberhalb des Sees und schnitt diesen Fluchtweg ab.

Mit vor Entsetzen geweiteten Augen beobachtete der Vampir, wie sich der helle Streifen auf dem Boden langsam ausdehnte. Wie ein Monster, das die Dunkelheit fraß, kroch das Sonnenlicht über das sandige Ufer heran, bis zu Leonhards Stiefelspitzen und darüber hinweg. Die Oberfläche des Sees spiegelte im Licht des Morgens. Leonhard schloss die Augen.

Er fühlte nichts.

Vielleicht war das auch gar nicht verwunderlich, da er zu nichts als Staub zerfiel – goldenen Staub, wohlgemerkt.

»Das ist mal ein Anblick!«, hörte er Navios erstaunten Ausruf. Vermutlich freute sich der Wicht über den großen Haufen Feenglanz, zu dem er soeben zerfallen war. Aber warum konnte er ihn hören?

Prüfend blinzelte Leonhard. Ja, er hatte immer noch Augen und sie taten ihre Arbeit, wenn auch nicht besonders gut in dem ungewohnt grellen Licht.

»Sieh dich nur an!«

Die Begeisterung in der Stimme des Wichtes veranlasste Leonhard, der Aufforderung nachzukommen.

Sein Körper war noch da. Doch er schien sich in ein glitzerndes Lichtwesen verwandelt zu haben. Seine Haut erstrahlte, wie es eine Sambatänzerin mit einem Kilogramm Glanzpuder nicht besser zuwege bringen könnte.

Prüfend drehte sich der Vampir herum, auf der Suche nach kleinen Rauchfäden oder anderen Anzeichen dafür, dass das UV-Licht ihm schadete.

»Es ist der goldene Staub«, bemerkte Navio. »Er reflektiert die Sonnenstrahlen!«

Leonhard betrachtete seine Arme und bewegte sie im Licht. Vielleicht war dieses Feenzeug doch nicht so schlecht, wie er gedacht hatte. So viele Vampire hatten nach Wegen gesucht, den Fluch der Sonne zu brechen. Selbst Cremes mit Lichtschutzfaktor 50+ boten nur unzuverlässig Schutz. Ein wetzender Hemdkragen genügte meist, um in Rauch aufzugehen.

Welche Möglichkeiten eröffneten sich ihm dadurch? Seine Macht wäre nicht länger auf die Nacht und auf abgedunkelte Räume beschränkt! Er könnte die Limousine mit den getönten Scheiben gegen ein Cabrio tauschen!

»Hallo, mein Hübscher! Es kommt nicht oft vor, dass sich ein Goldelf an meinen Strand verirrt!«

Leonhard drehte sich nach der Stimme um.

Keine fünf Schritte entfernt lag eine Nixe bäuchlings im seichten Wasser. Sie hatte sich auf den Ellbogen abgestützt und ließ eine Strähne ihres blauschwarzen Haares verspielt durch die Finger gleiten. Perlenschnüre umschlangen ihren Körper und hielten den Stoff der spärlichen Bekleidung.

»Lass uns gemeinsam schwimmen!« Ihre Schwanzflosse schlug auf die Wasseroberfläche.

»Du willst mich hinabziehen in dein dunkles Reich«, behauptete Leonhard.

»Welch eine dreiste Unterstellung!« Die Nixe schürzte schmollend die Lippen.

»Ich muss dich enttäuschen. Du vermagst mich nicht zu ertränken. Ich bin kein Elf! Ich bin ein Vampir!« Um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, zeigte er die Zähne.

Doch die Nixe gab sich unbeeindruckt. »Du böser Bube! Willst du mich denn anknabbern?« Wieder peitschte ihre Flosse das Wasser.

Leonhard stellte sich vor, wie es sein musste, in rohen Fisch zu beißen, und schüttelte sich. »Ich bevorzuge Warmblüter.«

Die Nixe bleckte ihrerseits die Zähne – zwei Reihen spitzer Mordinstrumente. »Ich habe Männer schon für weniger verschlungen! Derartige Beleidigungen verzeihe ich nicht!«

»He, hör mal, wir sollten hier verschwinden!«, riet Navio.

Leonhard entschied, dass es kein Fehler sein konnte, dem nachzukommen. Er hob seine Sachen auf, wodurch der Wicht, der immer noch darauf saß, hinab kullerte. Der Feenstaub verhinderte jedoch, dass Navio auf dem Boden ankam, weshalb er für einen Moment verdutzt in der Luft hing.

»Lass uns in den Wald zurückkehren«, schlug er vor, nachdem er endlich begriffen hatte, dass der blaue Himmel nach oben und der Sand unter seine Füße gehörte. »Dieser See ist ihr Revier. Ich habe gehört, dass Nixen, wenn sie sich abtrocknen, laufen können. Aber sie gehen nie weit von ihren Gewässern weg.«

Leonhard nickte zustimmend. Zwar glaubte er nicht, dass die Fischfrau ein trockenes Handtuch griffbereit hatte, noch, dass sie ihm in einem Kampf gefährlich werden würde, aber er wollte sein Glück an diesem Morgen nicht überstrapazieren. Eine Schürfwunde könnte genügen, ihn doch noch in ein Häufchen Asche zu verwandeln, da dann der lückenlose Sonnenschutz nicht mehr gegeben wäre.

Daher lief er zurück zum Wald. Und da sah er sie.

Sie drückten sich an die Stämme oder schmiegten sich aneinander. Dabei kicherten sie wie Teenager beim Backstagemeeting einer Boygroup. Elfen, Nymphen, Dryaden – junge Frauen aller guten Völker. Sogar eine Zentaurin entdeckte Leonhard.

»Oh, ist der süß! … Sieh ihn dir an!« Sie zeigten mit den Fingern auf ihn. Manche warfen Blumen. »Ich will ein Kind von dir!«

Leonhard blieb perplex stehen. Meinten sie wirklich ihn?

Verunsichert blickte er über die Schulter, wo die Nixe Verstärkung durch ihre Freundinnen erhalten hatte.

»Reagieren sie immer so, wenn sie dich sehen?« In Navios Stimme schwang unüberhörbar Bewunderung mit.

»Zugegeben, manche sexuell unbefriedigten Menschenfrauen finden Vampire erotisch, vor allem, solange es sich um fiktive Charaktere einer Geschichte handelt.

- Ende der Buchvorschau -

Impressum

Texte © Copyright by Manuela P. Forst Wien

Bildmaterialien © Copyright by Manuela P. Forst

Alle Rechte vorbehalten.

ISBN: 978-3-7394-4206-8