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Wie viel sind sie wert, unsere Schwüre der Vernunft, wenn unser Herz die Oberhand erlangt? Selina hat sich nie etwas anderes ersehnt als ein friedliches Leben. In ihrem Herzen brennt weder Abenteuerlust noch der Wunsch, heldenhafte Taten zu vollbringen. Sie hat ihre Kindheit zusammen mit ihrer Mutter Kathrin in einem Häuschen am Rande eines Bauerndorfes verlebt. Nun ist sie in die Stadt Ametar gezogen, um eine Arbeit als Dienstmagd anzunehmen. Die Stadt – sie ist so gar nicht Selinas Welt. Die junge Halbelfe fühlt sich hier nicht nur fehl am Platz. Einfach alles, was sie tut, scheint schief zu laufen. Und als sie schließlich dem jungen Grafen Liones Emnesthar über den Weg läuft, gerät ihr Leben völlig aus den Fugen. Die komplette Roman-Trilogie zum Lachen und Bangen gleichermaßen - für Romantiker ebenso wie für Freunde packender Fantasy mit vielen Illustrationen im Manga-Stil.
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Veröffentlichungsjahr: 2015
Manuela P. Forst
Impressum
Manuela Petra Forst
Vienna, Austria
all rights reserved
Coverbild und Illustrationen Manuela Petra Forst
Homepage: http://members.chello.at/silverunicorn/
Königreich Ametar
Prolog
Ametar, das war einst ein stolzes Reich. Es erstreckte sich vom Gebirge im Norden bis weit jenseits des Eniräen-Stroms in der südlichen Ebene. Verschiedenste Rassen lebten in Frieden und Wohlstand unter der Herrschaft großer Könige der Menschen. Der Handel mit den Nachbarländern Nordthal und Merolien florierte. Es schien an nichts zu mangeln. Doch all dies ist lange vergangen.
Zehn Jahre sind verstrichen, seit König Inghard, der Letzte seines Geschlechts, ermordet wurde. Der Bürgerkrieg, der daraufhin ausbrach und in dem Fürsten, Generäle und Bandenführer versuchten, den Thron zu erobern, forderte viele Leben. Das zunehmend sinnlos erscheinende Abschlachten endete mit einem Abkommen der großen Adelsfamilien Ametars, in welchem diese das Land unter sich aufteilten. Friede und Ordnung schienen zurückgekehrt, zumindest ließ ein oberflächlicher Blick diesen Schluss zu. In Ametars gleichnamiger Hauptstadt wurde der Palast erneut Regierungssitz. Die zerstörten Gebiete von Goldfurt am Großen Strom wurden nach und nach wieder besiedelt und aufgebaut. Der Handel lebte auf. Man tanzte und sang, zumindest tat dies der Adel. Auf zahllosen Festbanketten floss der Wein in Strömen – dies waren der Ort und die Zeit, wo Politik gemacht wurde, bei vollen Gläsern und gedeckten Tafeln unter kristallenen Kronleuchtern. Das Militär war aufgelöst. Grafschaften und Fürstenhäuser unterhielten ihre Privatarmeen, gebildet aus ehemaligen Soldaten und aus Söldnern. Sie waren es, die nun das Gesetz von Ametar vollstreckten, ein Gesetz, das der Adel nach Gutdünken und nicht selten bei zu viel Alkohol beschloss. Und der Arm des Gesetzes war so lang, wie ihr Interesse reichte, was sich zumeist auf die Stadt Ametar selbst, auf Goldfurt und auf die Anwesen der Adelshäuser beschränkte. Im Land ringsum, in den Bauerndörfern der Ebene und im Gebirge regierte das Recht des Stärkeren. So hatten viele Gemeinden ihre eigenen Gesetze, Miniaturkönigreiche von der Größe einiger Bauernhöfe inmitten dessen, was einst das stolze Reich von Ametar gewesen war.
Tagträumer
Selina sah sich seufzend um. Ihr bot sich das Bild eines regelrechten Schlachtfeldes. Der Boden war mit Pfützen einer undefinierbaren, klebrigen Flüssigkeit bedeckt, Bettlaken waren zerwühlt und um die Waschstelle hatte es den Anschein, als habe sich eine Wildschweinfamilie vergnügt. Das gesamte Zimmer war verwüstet.
Die junge Dienstmagd schlang ihr langes, glattes Haar im Nacken zu einem Knoten, klatschte kurz in die Hände, um sich zu motivieren, und machte sich an die Arbeit. Es versprach, ein weiterer harter Tag zu werden.
Bemüht, ihre Fantasie davon abzuhalten, Erklärungen für die Braunschattierungen auf den einst blütenweißen Laken zu suchen, raffte Selina die verschmutzte Bettwäsche zusammen und stopfte sie in einen großen, geflochtenen Korb. Sie sah auf und ihr Blick glitt hin zum Fenster, wie so oft während der Arbeit. Draußen summten Fliegen und irgendwo zirpte eine Meise ein leises, einsames Lied. Selina starrte abwesend auf die dunkle Holzfassade der Färberei unmittelbar gegenüber dem Gasthaus. Der Staub, den die Fuhrwerke aufwirbelten, hing wie Nebel über der Straße. Doch Selina beachtete es kaum. Ihre Gedanken waren weit fort, wanderten über bewaldete Hügel bis hin zu den schroffen Hängen des Gebirges ihrer Heimat. Auf den Wiesen wiegten Margeriten zwischen Glockenblumen und Kuckuckslichtnelken im Wind und der betörende Duft der Akazien durchzog die frische Luft. Selina hörte die Bussarde schreien und die Schafe blökten auf den Weiden.
Es waren noch keine zwei Wochen vergangen, seit Selina nach Ametar gekommen war, um in dem Gasthof Zur Singenden Maid zu arbeiten. Die Stadt lag fünf Tagesmärsche ab ihrer Heimat, einem Bauerndorf in den Bergen, wo sie seit ihrer Geburt mit ihrer Mutter Kathrin gelebt hatte. Nun hatte diese sie hierher geschickt, um sich mit einer anständigen Arbeit ein eigenes Leben aufzubauen und, so mutmaßte Selina, um sich in der Umgebung einer gutbürgerlichen Stadt den Sitten und Gebräuchen der Menschen anzupassen. Hier sollte sie ihre eigene Familie gründen, in einem Häuschen samt Kräutergärtchen den Alltagsarbeiten nachgehen und Kinder großziehen – all dies, fern vom Ruf der Wildnis und dem Abenteuer. So waren wohl die Pläne und Absichten ihrer Mutter gewesen, als diese sie nach Ametar geschickt hatte. Und Selina war es nicht unrecht gewesen. Sie hielt nicht viel auf abenteuerliche Reisen und großmütige Taten. Ein ruhiges, friedliches Fleckchen Erde war ihr gerade recht.
Doch mittlerweile war sie sich nicht mehr sicher, ob Ametar für jemand mit ihren Vorlieben wirklich der passende Ort war. Denn nun wusste sie, dass es in einer Stadt zu keiner Uhrzeit friedlich war. Und auch, wenn sie nicht gewagt hätte, es ihrer Mutter gegenüber zuzugeben, so spürte sie doch, dass sie hier nicht hergehörte – nicht in ein enges, gemauertes Gemach, nicht zwischen unzählige Reihen dicht gedrängt stehender Häuser. Schon heute vermisste sie das kleine Wäldchen am Rande des Dorfes ihrer Heimat, den kühlen Wind im Gesicht, wenn er von den hohen Gipfeln des Gebirges herab blies, und den Glanz der Sterne über endlosen Weiden.
Nicht zuletzt aufgrund ihrer Abstammung fühlte sich Selina als Teil der Natur.
Sie war eine Halbelfe. Das Blut der Menschen und der Elfen floss zu gleichen Teilen in ihren Adern.
Doch zum Leidwesen ihrer Mutter sah man Selina ihr menschliches Erbe kaum an. Sie war etwas kräftiger gebaut als ihre feenhaften Verwandten. Ihr schwarzes Haar hatte einen rötlichen Schimmer und ihre großen, dunklen Augen verliehen ihr ein leicht exotisches Aussehen, worum sie so mache Elfenmaid beneidete.
Ihr Vater war Sithan, ein Elf aus dem Norden. Er war ein Abenteurer, der während des Krieges vor über zwei Dekaden Anführer einer Rebellion gewesen war. Seine Bestimmung war der Kampf. Und als der Krieg vorbei war, hatte es nichts mehr gegeben, das ihn hielt, selbst seine Frau nicht. So hatte er Kathrin noch vor der Geburt ihrer gemeinsamen Tochter verlassen, um auf seiner ewigen rastlosen Suche nach neuen Herausforderungen durch die Lande zu ziehen.
Kathrin hatte diese Trennung nie ganz überwunden. Umso mehr litt sie daher darunter, dass Selina so sehr nach dem Vater geraten war und sie tagtäglich an ihr verlorenes Glück erinnerte. Sie gab Sithans elfischer Abstammung die Schuld an seiner Untreue und verfluchte seine Rasse für die unbändige Abenteuerlust, die in jedem Elfenherzen zu brennen schien. Doch Selina maß der Abneigung ihrer Mutter gegenüber dem Blut, das in ihren Adern floss, wenig Bedeutung zu. Immerhin hatte Kathrin auch unter den Menschenmännern keinen Anschluss mehr gefunden, was Selinas Meinung nach nicht zuletzt darauf zurückzuführen war, dass Kathrins Herz immer noch für Sithan schlug.
»Selina!« Brunas Stimme durchdrang donnernd die Mauern des Gemachs und ließ die Halbelfe hochschrecken. Nicht zum ersten Mal fragte sich die junge Dienstmagd, ob es etwas gab, das dem Ruf der dickleibigen Wirtin widerstand.
»Selina! Bei den Göttern! Träumst du schon wieder?« Die Wände schienen zu erzittern.
Selina beeilte sich, den schweren Wäschekorb aufzunehmen, stieß mit dem Ellbogen die Türe des Zimmers auf, eilte auf den Flur hinaus und zwängte sich mit ihrer Last die schmale, gewundene Treppe hinunter in die Wirtsstube.
Am unteren Absatz stand Bruna, die Arme in die breiten Hüften gestemmt, und sah ihr tadelnd entgegen. »Das muss schneller gehen, Kind! Unsere Gäste warten nicht ewig!«, wetterte sie.
Selina senkte betroffen den Kopf. »Ich werde mir Mühe geben«, erklärte sie kleinlaut. Die Wirtin hatte ja nicht unrecht. Sie hatte wieder einmal geträumt. Sie war einfach nie mit den Gedanken bei der Arbeit.
»Nun mach schon!« Bruna wedelte ungeduldig mit den Armen in der Luft herum. »Und wenn du mit den Zimmern fertig bist, gehst du auf den Markt und erledigst die Einkäufe.«
Selina sah die überaus wohlgenährte Frau ungläubig über den Turm zerwühlter Laken hinweg an. Bruna trug einen ausgewaschenen Kittel und eine ehemals weiße Schürze. Die Halbelfe zwang sich, nicht auf die unzähligen Fettflecken und Brandlöcher zu starren, welche die Kleidung der Wirtin sprenkelten.
»Aber ...«, begann Selina. »Aber Adorata ist mit dem Einkauf dran!«
»Ich kann heute nicht«, klang Adoratas Stimme von der Theke herüber.
Selina wandte sich um und sah das Schankmädchen zwischen Schwaden erkalteten Tabakrauches am Tresen lehnen. Adorata hatte ihr bestes Sonntagskleid an, wie die Halbelfe bemerkte, und betrachtete versonnen ihre Fingernägel.
»Adorata hat heute frei«, erklärte die Wirtin knapp.
»Um sich von ihrem Freier ausführen zu lassen«, ergänzte Ria, die soeben aus der Küche kam, und gab sich keine Mühe, die Verachtung zu unterdrücken, welche in ihrer Stimme mitschwang. Als jüngste der drei Dienstmägde, die für Bruna arbeiteten, ließ sie selten eine Gelegenheit ungenutzt verstreichen, um Adorata zu hänseln.
Das Schankmädchen warf stolz den Kopf in den Nacken. »Irving wird mir ein neues Kleid für das Tanzbankett am Wochenende kaufen.«
»Was hat eine Magd wie du auf einem Bankett verloren? Sollst du das Buffet auftischen oder doch eher den Boden schrubben, wenn man den letzten betrunkenen Adligen hinausgetragen hat?«, höhnte Ria.
»Pah!«, machte Adorata. »Wenn mich Irving erst zur Frau genommen hat, wird man mir die Speisen auftischen.«
»Wenn er dich zur Frau nimmt, wirst du seine Hosen nähen dürfen«, konterte Ria.
»Ria! Adorata! Hört auf, euch zu zanken!«, grollte Bruna. »Selina, du bist ja immer noch hier! Hast du nichts zu tun? Los, los! Du weißt ja, wo der Beutel mit den Münzen für den Einkauf ist.«
»Aber es ist schon Mittag«, hob die Halbelfe zu einem letzten Protestversuch an. »Und ich habe noch drei Zimmer zu ...«
»Dann wäre es besser, wenn du dich beeilst!«, schnitt ihr die Wirtin scharf das Wort ab.
Selina nickte stumm und eilte mit dem Wäschekorb bepackt zur Hintertür des Gasthofs. Deutlich konnte sie Adoratas triumphierenden Blick in ihrem Nacken spüren. Selina hasste es, wenn Bruna das Schankmädchen ihr gegenüber bevorzugte.
Ria kam hinter ihr hergelaufen. »Warte, ich helfe dir.«
Selina nickte dem Mädchen dankend zu, das unter dem Wäschekorb hindurch schlüpfte und den Riegel der Tür zur Seite schob. Gemeinsam traten sie ins Freie.
Durch den Hinterhof des Gasthauses floss ein kleiner Kanal. Und obwohl Selina ernsthaft an der Sauberkeit des Wassers zweifelte, das sich in seinem schmalen Bett quer durch die Stadt schlängelte, hatte sie die strikte Anweisung, die Bettlaken hier zu waschen. Das Schmutzwasser des Geschirrs fand ebenfalls seinen Weg in das kleine Bächlein und die Halbelfe wagte gar nicht daran zu denken, was sich flussauf- und abwärts alles dazugesellen mochte.
»Wenn du willst, kann ich in der Zwischenzeit die Zimmer für dich fegen«, bot Ria an. »Ich bin mit der Küche fertig.«
Selina lächelte ihr dankend zu. Sie hatte aufgehört, sich zu fragen, wie die quirlige, junge Magd es immer schaffte, auch mit der schwersten Arbeit im Handumdrehen fertig zu werden.
Ria und sie hatten sich von dem Tag, da sie nach Ametar gekommen war, ausgezeichnet verstanden. Ohne ihre neue Freundin würde sich Selina in dieser Stadt wohl unendlich einsam fühlen.
Schlachtgänse, Diebesgesindel und Edelmänner
Selina und Ria schlenderten über den belebten Marktplatz.
Der Frühsommer zeigte sich von seiner besten Seite. Ein leichter Ostwind hatte die letzten Wolken vom Himmel gefegt, der wie ein azurfarbenes Seidentuch das Firmament überspannte. Die Sonne sandte unermüdlich ihre Strahlen herab. Ihre Wärme hinterließ ein angenehmes Prickeln auf der Haut.
Die beiden jungen Mägde spazierten angeregt schwatzend zwischen den Marktständen umher, deren Tische sich unter dem Angebot der Waren bogen. Hier gab es von saftigem Obst über Gemüse bis hin zu Fisch und Fleisch alles, was den Gaumen zu erfreuen vermochte. Und so manche Rübe, Kartoffeln und auch eine frisch geschlachtete Gans hatten den Weg in die Körbe der Mädchen gefunden.
Selina warf forschend einen Blick zum Himmel und schätzte anhand des Sonnenstandes die Uhrzeit ab. »Wir sollten uns beeilen«, meinte sie. »Wenn wir nicht rechtzeitig zurück sind und Bruna merkt, dass du mich begleitet hast, reißt sie dir den Kopf ab.«
Ria kicherte ob der Wortwahl ihrer Freundin. Doch Selina fand an der Vorstellung überhaupt nichts Komisches. Sie hatte noch nicht gelernt, mit den Launen der Wirtin umzugehen, wie das Menschenmädchen es tat. Sie respektierte Bruna. Nein, respektieren war das falsche Wort. Sie fürchtete Bruna und die Konsequenzen, die ihr Zorn nach sich zog. Selina konnte es sich nicht leisten, bei der Wirtin in Ungnade zu fallen. Wenn sie ihre Arbeit als Dienstmagd verlor, würde sie zugleich auch Unterkunft und Verpflegung verlieren. Und wo sollte sie dann hingehen? Abgesehen von Ria, die wie sie im Gasthof wohnte, hatte sie niemanden, an den sie sich hätte wenden können. Nein, sie musste versuchen, Bruna in Zukunft besser zufriedenzustellen. Jetzt gleich würde sie damit anfangen! Deshalb würden sie sich auch sofort auf den Weg zurück zum Gasthof machen.
Entschlossen wandte sie sich an ihre Freundin. Da versetzte ihr etwas einen harten Schlag in die Seite. Selina schrie erschrocken auf und kämpfte um ihr Gleichgewicht. Kartoffeln kollerten zu Boden.
Ein in staubige Gewänder gekleideter Mann war ungebremst in sie hineingerannt und hätte sie beinahe von den Füßen gerissen. Verzweifelt nach Halt suchend, klammerte sich der Kerl an ihrem Kleid fest. Selina riss sich panisch los. Der Mann murmelte etwas Unverständliches – es mochte eine Entschuldigung gewesen sein – und rannte weiter, durch die Menge davon.
»So ein verlauster Rüpel!«, entrüstete sich Ria, die Faust wütend geballt. Doch ihr Zorn verrauchte ebenso schnell, wie er aufgewallt war, und sie wandte sich der Halbelfe zu. »Ist alles in Ordnung?«
Selina nickte verunsichert und strich ihre Kleidung glatt. Plötzlich hielt sie inne und sah ihre Freundin mit vor Schrecken geweiteten Augen an. »Er hat den Geldbeutel gestohlen!«, rief sie aus.
»Was? ... Hinterher!« Ria zeigte aufgeregt auf den Flüchtenden, der mittlerweile den Marktplatz verlassen hatte und in der Seilergasse verschwand, und rannte los. Selina hechtete hinterdrein.
Um diese Zeit war der Markt gut besucht und sie kamen leidlich voran. Selina drängte sich hinter ihrer Freundin durch den Auflauf. Panik stieg in ihr hoch. Der Dieb drohte ihnen zu entwischen, wenn sie nicht schleunigst etwas unternahm! Sie durfte nicht zulassen, dass er mit dem Wirtschaftsgeld des Gasthauses türmte. Was würde Bruna sagen!?
Kurz entschlossen schlug Selina einen Haken und schwang sich mit einem Satz über den ihr am nächsten stehenden Obststand. Eine Bäuerin schrie empört, als der Berg sorgfältig auf dem Tisch gestapelter Marillen erzitterte und sich ein Schwall von Früchten auf den Boden ergoss. Doch die Halbelfe war längst weitergelaufen und setzte leichtfüßig über die Markttische hinweg. Zornige Rufe begleiteten ihren Weg.
Als Selina in die Seilergasse einbog, hatte sie endlich freie Bahn. Ihre elfische Abstammung räumte ihr gegenüber dem Dieb einen nicht zu verachtenden Vorteil ein und der Abstand zu dem Mann verringerte sich. Der Flüchtige versuchte sie abzuhängen, indem er oft die Richtung wechselte und immer wieder in Seitengassen abbog. Doch Selina blieb ihm auf den Fersen.
Und dann schien der Weg abrupt zu Ende. Vor dem Dieb erhob sich eine mannshohe Holzwand quer zur Straße. Es gab keinen Weg daran vorbei.
Selinas Herz machte einen Freudensprung, als sie den Mann auf die Barriere zu rennen sah. Sie ging davon aus, dass er nicht in der Lage sein würde, schnell genug drüber zu klettern, um ihr zu entwischen. Er saß in der Falle.
Doch der Mann kannte Ametar wie seine Westentasche und wusste um jeden Fluchtweg Bescheid. Er wusste, dass dies nur auf den ersten Blick wie eine Sackgasse aussah.
Ein Schrei der Enttäuschung kam über Selinas Lippen, als der Dieb plötzlich eine zuvor nicht erkennbar gewesene Tür in der Holzwand aufstieß und hindurch schlüpfte.
Der Mann glaubte sich siegesgewiss und lehnte sich schwer atmend gegen die Tür. Die junge Frau würde hier nicht durchkommen und einen großen Umweg um den Häuserblock machen müssen. In der Zwischenzeit wäre er längst in der Sicherheit seines Diebesversteckes.
In einem hatte er recht: Selina kam nicht durch die Tür. Doch während er noch überlegte, eine schwere Holzkiste vor den Durchgang zu zerren, um diesen zu verbarrikadieren, stürzte die Halbelfe von oben auf ihn herab und riss ihn zu Boden.
Selina war wie ein Pfeil an der Wand hochgeschossen und hatte sich über die Barriere geschwungen – ein Akt der Körperbeherrschung, der den meisten Menschen verwehrt geblieben wäre.
Doch war ihr das geringe Gewicht ihres Körpers eben noch zugutegekommen, so wurde es ihr nun zum Verhängnis. Denn in dem unweigerlich folgenden Gerangel gelang es dem Mann schnell, die Oberhand zu erlangen, und er schlug die Halbelfe nieder.
Selina blieb einen Augenblick völlig benommen liegen.
Als sie sich wieder aufrappelte, war der Dieb verschwunden. Sie rannte die Gasse entlang, die nach wenigen Metern in eine belebte Geschäftsstraße mündete. Verzweifelt blickte sie sich um. Nichts.
»Er ist weg!«, rief sie Ria aufgebracht entgegen, die keuchend durch die Tür in der Holzwand stolperte und zu ihr aufschloss. »Bruna wird außer sich sein, wenn sie davon erfährt!«
Ria hob die Gans hoch, die sie während der gesamten Verfolgungsjagd mit der Rechten am Kragen umklammert gehalten hatte, um sie nicht zu verlieren. Die andere Hand hielt sie an die stechende Seite gepresst. »Na, wenigstens haben wir die noch«, brachte sie unter Schnaufen hervor. »Das Abendessen für die Gäste ist gerettet.«
»Ria! Das Geld ist weg! Was sollen wir jetzt nur tun?«
»Ich übernehme die Verantwortung vor Bruna«, bot Ria an.
»Du hättest überhaupt nicht hier sein dürfen!«, jammerte Selina.
»Eben! Sie wird ohnehin wütend auf mich sein. Da fällt die Sache mit dem Beutel nicht so ins Gewicht.«
Selina schüttelte verzweifelt den Kopf. Sie rechnete Ria ihr Angebot hoch an, doch der Verlust des Geldes war nichts, was sie auf die leichte Schulter nehmen konnte, auch wenn ihre Freundin ihr das vorzumachen versuchte.
Ria musterte die Halbelfe besorgt. Selinas Kleidung war voll Staub, ihre Haare zerzaust und feine, blutige Kratzer liefen über ihre Wange. Es war unübersehbar, dass sie mit dem Dieb gekämpft hatte. »Du siehst schlimm aus. Bist du verletzt?«
»Nein, das geht schon«, behauptete Selina, wischte sich mit dem Ärmel über das verschmutzte Gesicht und strich mit einer fahrigen Handbewegung ihr Haar zurück. »Ach, wenn ich ihn nur ordentlicher gepackt hätte, dann säßen wir jetzt nicht so tief in der Tinte!«, klage sie.
»Na klar, wenn du eine große Kriegerin mit einem mächtigen Schwert wärst, hätte er es nicht einmal gewagt, dich zu bestehlen. Komm, Selina! Es hat keinen Sinn! Wir können es nicht ändern. Gehen wir nach Hause.«
Selina nickte niedergeschlagen. Ja, es war besser, sie gingen zurück. Wo waren sie hier eigentlich?
Forschend blickte sie sich um. Sie war in den zwei Wochen, die sie nun schon in Ametar lebte, wenig in der Stadt herumgekommen und in diesem Teil war sie mit Sicherheit noch nicht gewesen.
Es war hier irgendwie ... sauberer. Ja, das traf es wohl am besten. Die Häuser waren allesamt aus Stein oder Lehmziegeln gemauert, die Fassaden weiß getüncht. Geschäft um Geschäft reihte sich die gesamte Straße entlang. Davor standen Händler in bunten Gewändern und priesen ihre Waren an. Doch nicht abgetragene Schuhe und roher Fisch wurden hier angeboten, vielmehr war es ein Ort des Glanzes und des Luxus. Vornehm gekleidete Leute eilten die Straße auf und ab. Stimmengewirr summte in der Luft, untermalt von rhythmischem Klappern. Ein Reiter auf einem stolzen Rappen ritt gemächlich die Straße entlang. Pferde waren etwas Seltenes, da wo Selina herkam. Sie waren zu kostbar, sodass keiner in dem Bauerndorf ihrer Heimat es sich hätte leisten können, eines zu besitzen. Ehrfurchtsvoll betrachtete die Halbelfe das edle Tier und lauschte dem Klang seiner eisenbeschlagenen Hufe. Erst jetzt bemerkte sie, dass sie durch die weichen Sohlen ihrer Schuhe nicht wie gewohnt den festgetretenen Sandboden fühlte, sondern die unregelmäßigen Wölbungen harten Kopfsteinpflasters.
»Wo sind wir hier?«, fragte sie, weiterhin das rege Treiben beobachtend.
»Seidenmeile«, antwortete Ria knapp. »Das Zentrum des Händlerviertels und Lieblingstreffpunkt aller, deren Gold nicht mehr in ihren Sparstrumpf passt.« Ihre Stimme troff vor offenem Abscheu. »Einflussreiche Kaufleute, Kreditgeber, Adlige – hier findest du Hochmut, Lüge und Betrügerei in ihrer konzentrierten Form. Lass uns verschwinden, bevor wir noch Adorata und ihrem ach so großzügigen Gönner über den Weg laufen!«
Selina nickte. Adoratas Spott war mehr, als sie heute noch ertragen könnte. Sie wandte sich um und wollte zurück zu der Gasse eilen, aus der sie gekommen waren.
Da blieb ihr Blick an einem besonders prächtigen Geschäft hängen. Es war eine Schneiderei, wie die meisten Läden in der Straße. Doch verglichen mit dieser hier wirkte die Konkurrenz bestenfalls kümmerlich. Dem einstöckigen Haus war ein hölzernes Gerüst vorgebaut worden, auf dem unzählige Bahnen wallenden Stoffes zur Schau gestellt waren. Scharlachrote Brokatseide hing hier neben golddurchwirktem, zartgrünem Chiffon und bildete zusammen mit endlosen Metern mitternachtsblauen Tuches einen farbenfrohen Baldachin aus kostbarsten Geweben. Unter diesem teuersten Dach, das die Halbelfe jemals gesehen hatte, wuselte ein kleiner, dicklicher Händler geschäftig um einen Kunden herum – einen Elfen, wie Selina unschwer erkennen konnte. Seine spitz zulaufenden Ohren ragten unübersehbar aus seinem dichten, blonden Haar hervor, das ihm sorgfältig gekämmt bis auf die Schultern herabhing. Er mochte kaum älter sein, als sie selbst, überlegte Selina. Der Händler, der dem Elfenmann gerade bis zur Brust reichte, schickte sich soeben an, eine Stoffbahn fliederfarbenen Seidensatins umständlich um seinen Kunden zu drapieren, wobei er ununterbrochen auf ihn einredete.
Selina beobachtete das Schauspiel amüsiert. Der Elf, in den pastellfarbenen Stoff gewickelt, und der Händler in einem bodenlangen Seidengewand in schreienden Farben – beide gaben ein nur zu albernes Gespann ab und die junge Magd konnte nicht anders, als herzlich aufzulachen.
»Selina«, zischte Ria in ihrem Rücken.
»Der sieht doch aus, als sei er in eine Torte mit Zuckerguss gefallen«, gluckste die Halbelfe vergnügt.
»Selina! Lass uns hier verschwinden.« Ria zupfte aufgeregt an der Schürze ihrer Freundin.
Der Elfenmann sah auf und betrachtete die beiden jungen Frauen mit gerunzelter Stirn. Die Elfe mit dem zerzausten Haar in den staubigen Kleidern einer Dienstmagd und ihre menschliche Freundin, die immer noch die Gans am Hals umklammert hielt, als wolle sie diese erwürgen und so ein zweites Mal töten, waren für ihn kein minder sonderbarer Anblick. Doch er hielt seine Heiterkeit gekonnt zurück. Die Elfe grinste indes immer noch breit und gab sich keine Mühe, ihre Belustigung zu verbergen. Der Händler tanzte um ihn herum und redete ohne Unterlass, doch der Elf beachtete ihn kaum und fuhr fort, die Magd eingehend zu mustern. Da traf ihr Blick den seinen ... doch sie wandte die Augen nicht ab, sondern hielt ihm stand. Selbst, wenn er ihr unsittliches Benehmen außer Acht ließ, war dies keine Reaktion, die sich für eine Frau ihres Standes ziemte. Die Falten auf seiner Stirn vertieften sich noch ein wenig.
»Selina, komm jetzt! Du weißt ja nicht, wer das ist! Wir haben schon genug Ärger für einen Tag«, flüsterte Ria vorwurfsvoll.
Selina riss sich von dem Blick des Elfen los – von seinen meerblauen Augen, die sie zu durchdringen und ihr Innerstes zu ergründen versuchten – und wandte sich ihrer Freundin zu. Unschuldig hob sie die Schultern. »Wieso, was hab ich denn getan?«
Aus den Schatten unter dem Baldachin trat ein dunkel gekleideter Menschenmann auf den Elfen zu. Selina war er zuvor nicht aufgefallen, doch er musste die ganze Zeit über offenbar regungslos dort gestanden haben. Nun schwand ihr Selbstvertrauen doch zusehends. Denn unter einem weiten, schwarzen Mantel trug der Mann eine mit Metallbeschlägen verzierte Lederrüstung und an seinem Gürtel hing ein langes Schwert.
Selina schluckte. »Weißt du etwa, wer das ist?«, fragte sie verunsichert.
»Natürlich«, zischelte Ria ihr ins Ohr. »Das ist einer der Söhne des Grafen Leothan Emnesthar, eines der einflussreichsten Männer in Ametar. Den Emnesthars gehören riesige Ländereien im Süden der Stadt. Doch meistens benehmen sie sich, als gehöre ihnen die halbe Welt. Die Söhne Leothans sind in ganz Ametar als Draufgänger und Weiberhelden bekannt, da kannst du fragen, wen du willst. Der andere ist sicher ein Krieger der persönlichen Leibgarde. Selina, wir sollten abhauen!«
Der Mann in der Rüstung blickte zweifelnd auf die beiden Mägde und fragte an den Elfen gewandt: »Willst du, dass ich sie verscheuche?« Seine Hand lag lässig auf dem Knauf des Schwertes.
Der Elf schüttelte seine blonde Mähne. »Nein.« Er hielt seinen Blick weiter auf die junge Elfe fixiert, während er so laut, dass die Mädchen ihn zweifelsohne verstehen konnten, erklärte: »Sie hat recht. Die Farbe ist schrecklich! Händler! Hinfort damit! Bringt mir etwas, womit ich mich nicht zum Gespött des Volkes mache. Vielleicht etwas in dunklem Rot? Was meint Ihr?«
Selina verstand, dass er die Frage direkt an sie gerichtet hatte. Immerhin hatte er sie keine Sekunde aus den Augen gelassen. Zögernd trat sie näher. Sie war sich jetzt gar nicht mehr so sicher, ob es klug gewesen war, sich in seine Angelegenheiten einzumischen, in die Angelegenheiten eines Adligen. Doch zum Kneifen war es zu spät.
»Nun, mein Herr«, stammelte sie. Verflucht, wo war ihr ungebrochener Stolz geblieben? Mutig – nein, eher trotzig – schob sie das Kinn vor, straffte die Schultern und erklärte mit gezwungen fester Stimme: »Das Lila macht Euch ein wenig blass, wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf. Ich persönlich wäre für etwas Dunkleres ... vielleicht ein kräftiges Mitternachtsblau ... das würde die Farbe Eurer Augen unterstreichen ... oder ... ich weiß nicht ...«
Ein schwaches Lächeln huschte über das Gesicht des Elfen. »Sagt mir, welche Farbe würde Euch, als Frau, bei einem Mann gefallen? Was würdet Ihr als reizvoll empfinden?«
Selina legte einen Finger an den Mund und dachte kurz über die Frage nach. Sie dachte nicht über einen möglichen Hintergedanken nach, den der Elf damit verfolgen könnte. Nein. Sie dachte ernsthaft über die Frage und ihre Antwort nach.
»Schwarz«, meinte sie schließlich. »Das ist elegant, leichter zu reinigen als Pastelltöne und es wäre bei einem Mann mit blonden Haaren und blauen Augen sicher ... reizvoll ...«
»Selina!« Aus Rias Gesicht war jegliche Farbe gewichen. Ihre Finger umfassten derart krampfhaft den Hals der Gans, dass sie das Blut aus dem toten Tier herausquetschte, welches ihr bereits über die Hand zu laufen begann.
Der Elfenmann nickte der jungen Magd zu.
Ria verlor die Beherrschung, packte ihre Freundin am Ärmel und zerrte sie zur Seite. »Verdammt, was tust du da?«, fragte sie vorwurfsvoll, während sie die Halbelfe hinter sich her schleifte.
»Wieso? Er hat mich doch gefragt!«
»Trotzdem!« Ria zog sie in die nächste Gasse, wo sie außer Sicht waren. »Du kannst nicht den erstbesten Adligen auslachen und ihm dann auf offener Straße Ankleidetipps geben.«
Selina wand sich aus Rias Umklammerung und rieb sich demonstrativ den Arm. »Woher hätte ich wissen sollen, dass er ein Blaublut ist?«
Ria schlug sich mit der flachen Hand auf die Stirn. »Sag, weißt du eigentlich, was auch nur ein Meter des Stoffes, mit dem der so schmissig hantiert, kostet? Natürlich nicht! Weil keiner von uns es sich jemals leisten könnte!«
»Ich wusste ja gar nicht, dass in dieser Stadt Adlige leben«, behauptete Selina mit einem Achselzucken und stapfte an ihrer Freundin vorbei die Gasse entlang. Sie hatte jetzt andere Sorgen. Der Elf, ob adelig oder nicht, kannte sie nicht und wusste nicht, wo sie herkam. Sie würde ihn ohnehin niemals wiedersehen. Es spielte daher keine Rolle, ob ihr Verhalten angemessen gewesen war oder nicht.
Doch ihre Freundin war noch nicht fertig mit ihr. »Natürlich tun sie das nicht!«, ereiferte Ria sich und lief hinter der Halbelfe her. Die Gans baumelte in ihrer Hand. »Glaubst du etwa, ein Graf würde in eine der Baracken in der Färbergasse einziehen? Nein, die wohnen auf riesigen Anwesen weit ab der Kloake und dem Staub der Stadt. Doch sie lassen ihr Geld hier, bei den vornehmeren Händlern und Kaufleuten.«
»Wie auch immer! Mir schien der Kerl ziemlich harmlos zu sein.« Hastig verdrängte Selina den Gedanken an das Schwert seines Begleiters.
Ria stemmte die Arme in die Seiten. Die Gans klatschte unsanft gegen ihr Kleid. »Selina, hast du mir eigentlich zugehört? Was glaubst du, warum er dir solche Fragen gestellt hat?«
»Es ist ja nichts passiert«, behauptete Selina knapp. Ihr Ton ließ keine weitere Diskussion zu. Sie hatte das Thema gründlich satt.
Nicht zur Befriedigung der Gäste
Gedankenversunken rieb Selina mit einem zerschlissenen Tuch einen tönernen Bierkrug trocken, stellte ihn zur Seite und nahm den Nächsten zur Hand. Sie versuchte, den Berg schmutzigen Geschirrs zu ignorieren, der sich neben ihr auftürmte. Momentan versuchte sie, überhaupt nicht an ihre Arbeit zu denken und stupide einen Handgriff nach dem anderen auszuführen. Sie achtete kaum darauf, wenn Bruna aufgeregt in der Küche auf und ab lief, und hörte nur halb hin, wenn die Wirtin Ria und Adorata Anweisungen zurief. In den frühen Abendstunden herrschte stets Hochbetrieb in dem Gasthaus Zur Singenden Maid und Bruna war zu dieser Zeit immer ziemlich gereizt. Selina nahm einen weiteren Krug zur Hand und überlegte, wie glücklich sie sich eigentlich schätzen konnte, heute einzig mit dem Abwasch betraut worden zu sein, einer endlos scheinenden Prozedur, die versprach, noch lange in die Nachtstunden hinein anzudauern. So blieb sie zumindest von der allgemeinen Hektik verschont, die um sie her in der Küche herrschte. Mittlerweile war es ihr auch egal, dass sich jedes Mal, wenn sie mit einem Turm von Tellern und Töpfen fertig war, ein neuer zu dem Haufen an schmutzigem Geschirr gesellte. Es spielte für sie keine Rolle, wann sie mit ihrer Arbeit fertig wurde.
Selina tadelte sich im Stillen für die selbstmitleidigen Gedanken, die ihr unentwegt durch den Kopf gingen. Dies war ihre Arbeit und sie würde sie so lange tun, wie es nötig war, um Bruna zufriedenzustellen.
Die Wirtin hatte Selina und Ria wutschnaubend gescholten, als sie von dem Diebstahl des Geldbeutels erfahren hatte. Ihre scharfen Worte klangen noch heute, zwei Tage später, Unheil verkündend in Selinas Ohren nach. Bruna machte in erster Linie die Halbelfe für den Verlust des Geldes verantwortlich. Und auch, wenn der Zorn der Wirtin Ria nicht minder getroffen hatte, so lag es nun allein an Selina, das verlorene Geld abzuarbeiten. Freie Stunden, so wusste sie, würde es bis zur Begleichung ihrer Schuld nicht geben. Und die stand noch in weiter Ferne, schien beinahe unerreichbar hinter einem Berg verschmutzter Teller und Töpfe zu liegen.
Adorata kam in die Küche gestürmt. Sie trug ein Tablett mit unzähligen leeren Bierkrügen, an denen überall Reste von Schaum klebten. »Was ist mit der gebratenen Gans für Tisch Nummer fünf?«, rief sie in den Raum und schob Selina das schmutzige Geschirr zu.
»Noch nicht fertig«, antwortete Ria knapp.
Selina machte sich daran, die Krüge auf dem Tablett gegen saubere auszutauschen.
»Wie lange dauert das denn noch?«, klagte Adorata und warf in einer übertrieben vorwurfsvollen Geste die Arme hoch. »Die Herrschaften werfen mir schon jedes Mal fragende Blicke zu, wenn ich aus der Küche komme.«
»Sag ihnen, der Braten sei in wenigen Minuten fertig«, warf Bruna ein, doch nicht, um Adorata zu beruhigen, sondern, um sie möglichst schnell wieder aus der Küche zu bekommen. Der Raum war für die vier Frauen ein wenig klein und die dickleibige Wirtin brauchte alleine schon mehr Platz, als zur Verfügung stand.
»Roh wird es den Herrschaften auch nicht schmecken«, behauptete Ria bissig. »Herrschaften? Ha! Ich würde nie auf die Idee kommen, diese derben, versoffenen Kerle da draußen als Herrschaften zu bezeichnen.«
»Der Gast ist in diesem Hause immer König«, erklärte Bruna mit mahnender Stimme. »Vergesst das niemals, Mädchen!«
»Natürlich«, beeilte sich Ria einzulenken. »Doch hier können sie uns nicht hören.«
»Hm«, machte Bruna. »Man weiß nie!«
Adorata schüttelte den Kopf. »Nein, ich spreche von richtig feiner Gesellschaft.«
»Die müssen sich verlaufen haben!«, grunzte Ria und stemmte einen großen, für das zierliche Mädchen eigentlich viel zu schweren Kessel von der Feuerstelle, der randvoll mit dampfender Suppe war.
Adorata warf einen forschenden Blick über Selinas Schulter. »Bist du noch nicht fertig?«, ereiferte sie sich. »Ich habe keine Krüge mehr für den Ausschank!«
Nun hatte also auch Selina ihren Teil von der Hektik abbekommen. Hastig fuhren ihre Finger über die Tonkrüge, doch der Fetzen in ihrer Hand war mittlerweile so feucht, dass er die Nässe kaum noch aufnahm.
»Ach ... und Brot ist ausgegangen!« Adorata wirbelte herum, um zum Vorratsschrank zu eilen. In dem Moment kam Ria mit dem Suppentopf an ihr vorbei.
Adorata stieß frontal mit der Magd zusammen.
Ria schrie auf und machte einen Satz zur Seite. Die Suppe im Kessel schwappte über und ergoss sich kochend heiß über Arm und Schürze des Schankmädchens. Nun war es Adorata, die aufschrie, vor quälendem Schmerz. Tränen traten ihr in die Augen und sie sank zu Boden.
Selina hätte vor Schreck beinahe die Krüge umgestoßen.
Ria stellte hastig den großen Kessel ab und kniete sich neben Adorata, die jammernd ihren Arm umklammert hielt. »Lass sehen«, forderte sie, doch selbst, als sie an Adoratas gesunder Hand zog, ließ das Schankmädchen nicht los.
Bruna füllte eine Schüssel mit kaltem Wasser und kam aufgeregt ein Tuch schwenkend, die Schale in der Hand, auf die Mädchen zu.
Endlich konnten sie Adorata überreden, ihren Arm loszulassen. Vorsichtig zog Bruna den Ärmel des Kleides hoch. Die Haut, die darunter zum Vorschein kam, war scharlachrot. Die Wirtin tauchte das Tuch in die Wasserschale und schlang es um Adoratas Arm. Das Schankmädchen presste die Augen fest zusammen und stöhnte auf.
»Das wird schon wieder«, behauptete Ria. »Halb so schlimm!«
Bruna warf ihr einen finsteren Blick zu, und sie wandte sich eilig ab, um nach einem Laken Ausschau zu halten, mit dem sie die verschüttete Suppe aufwischen konnte.
»Das hinterlässt sicher scheußliche Narben«, klagte Adorata. »Was wird Irving sagen, wenn ich so auf das Bankett gehe?«
Ria schnaufte verächtlich und äffte hinter Adoratas Rücken deren Grimassen nach.
»Geh nach oben und mach dir einen Verband drauf«, wies Bruna das Schankmädchen an.
Seufzend stand sie auf. Sie würde diesen Abend wohl ohne Adorata auskommen müssen. Doch Ria brauchte sie hier in der Küche, da das Mädchen die Einzige unter ihren Mägden war, die sich ausreichend auf die Kunst des Kochens verstand. Die Wirtin musterte Selina, die verschreckt dastand, unentwegt einen Krug polierend. Sie fragte sich, ob die Halbelfe bereit war, zur Betreuung der Gäste eingesetzt zu werden, zumindest, solange Ria hier in der Küche benötigt wurde.
»Selina! Du übernimmst einstweilen Adoratas Aufgaben«, erklärte sie schließlich bestimmt. »Ab in den Schankraum mit dir, Mädchen!« Sie gab der Halbelfe, die wie angewurzelt dastand und sie ungläubig anstarrte, einen Schups in Richtung Tür.
Tausend Fragen spiegelten sich auf Selinas Gesicht wider. Sie hatte keine Ahnung, worin Adoratas Arbeit genau bestand. Nervös versuchte sie, sich die Routine des Schankmädchens ins Gedächtnis zu rufen, während sie das Tablett mit den sauberen Krügen aufnahm und zögernd aus der Küche ging. Bilder tauchten in ihren Erinnerungen auf, wie Adorata lachend mit einer Gruppe betrunkener Holzfäller schwatzte oder dem alten Fleischhauer mit dem pockenvernarbten Gesicht neckisch zublinzelte. Nein, das hatte Bruna sicher nicht gemeint!
Unzählige Blicke schienen Selina nur so zuzufliegen, als sie in die Wirtsstube trat. Blutunterlaufene Augen starrten ihr aus geröteten Gesichtern entgegen. Selina hatte das Gefühl, splitternackt vor all den Männern dazustehen. Sie beeilte sich, zur Theke zu gelangen, und stellte mit einem Scheppern das Tablett ab. Hinter dem Tresen fühlte sie sich ein wenig sicherer. Er bildete eine schützende Barriere zwischen ihr und den Gästen.
Ängstlich blickte sie sich um. Selbst die Fuhrwerker, die am Stammtisch gesessen und Karten gespielt hatten, schienen allein nur ihretwegen ihr Spiel unterbrochen zu haben. Zahllose Augenpaare warteten darauf, dass die Neue einen Fehler beging. Selina fühlte sich wie ein zum Abschuss freigegebenes Reh inmitten einer Versammlung der Jägerzunft.
Was sollte sie jetzt nur tun? Sie musste versuchen, die Blicke der Leute zu ignorieren und ihre Arbeit erledigen. Doch worin bestand diese Arbeit eigentlich? Ratlos wanderte ihr Blick über die leeren Krüge auf dem Tablett und dann über die Tische in der Wirtsstube.
»Wer bekommt Bier?«, fragte sie kleinlaut.
Für einen Moment legte sich Stille über die Gaststube. Auch jene, die bis jetzt keine Notiz von der verängstigten Halbelfe genommen hatten, wandten sich ihr nun zu.
Und dann ging ein Raunen durch die Menge. Hände flogen in die Höhe. »Hier, Madl!«, rief man hier, »Mir auch eins, Kleine!«, schrie man dort. »Für mich bitte ’nen doppelten Klaren!« ... »Was is’ mit meiner Suppe?« ... »Noch ’n Wein für meinen Freund da!« ... So tönte es durcheinander.
Selina nickte den einzelnen Tischen zu, obwohl sie schon jetzt ahnte, dass sie sich nie im Leben alle Bestellungen würde merken können.
Nach kurzem Zögern entschied sie, es systematisch anzugehen. Sie griff sich einen Krug und stellte ihn vor das Bierfass, das auf dem Tresen stand. Umständlich machte sie sich an dem Zapfhahn zu schaffen. Weiß schäumend sprudelte das Getränk heraus.
Zufrieden mit sich selbst füllte Selina einen Krug nach dem anderen.
Als alle gefüllt in Reih und Glied bereitstanden, wollte sie das Tablett aufnehmen. Ihre Finger fuhren unter die Holzplatte, drückten und zogen.
Wenige Zentimeter stemmte sie das Tablett in die Höhe. Es schwankte bedenklich, als ihre Hände unter der Anstrengung zu zittern begannen. Krüge rutschten durcheinander, Bier schwappte über. Selina stellte ihre Last wieder ab. Nie hätte sie es für möglich gehalten, dass ein voll beladenes Tablett dermaßen schwer sein konnte. Wie festgenagelt stand es nun wieder auf dem Tresen. Und dort blieb es auch.
Selina versuchte eine andere Strategie. Einen Krug in einer Hand, einen weiteren in der anderen, zwängte sie sich zwischen den Tischen hindurch. Kaum hatte das Bier seinen Bestimmungsort erreicht, als Selina sich schon wieder ihren Weg durch die überfüllte Wirtsstube bahnte, um die nächsten beiden Krüge zu holen. Natürlich wurde sie von mehreren der Gäste belächelt, doch sie nahm es mit einem Achselzucken hin. Sie hatte noch nie zu den besonders Kräftigen gezählt. Jemand wie Bruna hätte leicht das volle Tablett mit einer Hand tragen und mit der anderen die Krüge austeilen können, doch Bruna war auch ein Mensch. Selina hatte sich schon als Kind damit abgefunden, dass sie anders war als jene, mit denen sie im Alltag zu tun hatte. Was ihr an Stärke fehlte, machte sie jedoch durch Wendigkeit und Ausdauer wieder wett. So würde sie noch hundert Mal von der Theke zu den einzelnen Tischen und wieder zurück laufen können, bevor sie müde werden würde. Methodisch würde sie einen Tisch nach den anderen abklappern, Bestellungen aufnehmen und Getränke austragen. Ja, so würde es funktionieren!
Selina war soeben wieder auf dem Weg zum Tresen, als hinter ihr ein Mann rief: »He, Mädchen! Wo hast du Bier ausschenken gelernt? Im Armenhaus? Da ist ja nur Schaum im Krug!«
Selina fuhr verschreckt zusammen.
»Genau!«, pflichtete ein anderer dem ersten Rufer bei. »Ich habe für ein ganzes Bier bezahlt! Mein Krug ist nicht einmal halb voll!«
Selina sah verzweifelt auf die letzten beiden Krüge, die noch auf dem Tresen standen und auf die durstigen Gäste warteten. Der Schaum war mittlerweile zusammengesunken und jetzt konnte sie erkennen, dass das Bier darunter gerade bis zur Hälfte des Gefäßes reichte.
Und was nun? Selina dachte an die vielen Krüge, die sie bereits verteilt hatte. Sie konnte sie kaum alle wieder einsammeln und erneut füllen. Kurz spielte sie mit dem Gedanken, in die Küche zu laufen und Bruna um Hilfe zu bitten. Doch die Wirtin war mit der Vorbereitung der Speisen beschäftigt und würde wenig Verständnis zeigen. Sie wäre nur noch mehr verärgert über ihre Magd, die scheinbar nichts richtig machen konnte. Auch wurden einige Gäste bereits unruhig und würden sich nicht gedulden, bis Selina das Ausschenken von Bier erlernt hatte. Nein, Selina musste jetzt sofort handeln.
Entschlossen nahm sie die letzten beiden Krüge und durchquerte abermals den Raum. Sie wusste, dass sämtliche Augen auf ihr ruhten, als sie gezwungen selbstsicher rief: »Alle, die jetzt ein Bier bekommen haben, kriegen nachher eine Runde von mir gratis.« Das würde zwar eine ganze Menge mehr schmutziges Geschirr bedeuten, das letztendlich wieder mehr Arbeit für sie bedeutete, doch sie konnte kaum davon ausgehen, dass sie es schaffen würde, bei der zweiten Runde mehr als nur Schaum in die Krüge zu füllen, und so barg ihre Notlösung zumindest keinen Verlust für den Gasthof in sich. Im Endeffekt hätte schließlich jeder einen vollen Krug Bier erhalten – auf Raten sozusagen. Selina beglückwünschte sich innerlich zu dieser diplomatischen Lösung.
»Eine Runde gratis?«, grölte ein breitschultriger Mann, als die Halbelfe gerade an ihm vorbeiging. Seine Hand schnellte vor und packte einen Zipfel ihrer Schürze. Selina blieb abrupt stehen und warf dem Kerl einen warnenden Blick zu. Sie hasste es, von fremden Leuten angefasst zu werden.
Der Mann stand laut lachend auf. »Du besorgst mir also eine Runde gratis? Na, lass sehen, ob du eine Halbe Bier wert bist, Schätzchen!«
Die Männer, die mit ihm am Tisch saßen, brachen in schallendes Gelächter aus.
Selina zögerte. Sie war sich nicht sicher, ob sie die Worte des Mannes richtig interpretierte. Zwar war er in Wahrheit nicht weniger sittsam, als die Bauern, bei denen Selina ihre Kindheit verbracht hatte, doch hätte kein Mann in ihrem Heimatdorf es jemals gewagt, Hand an sie zu legen, da er den Zorn Kathrins fürchten musste. Selinas Mutter war die Gemahlin eines Elfenkriegers und galt als eine Frau, die in einem Schwert durchaus einen Gebrauchsgegenstand sah, den sie geschickt einzusetzen wusste. Aber ihre Mutter war jetzt nicht hier. Würde Bruna ihr zu Hilfe eilen? Oder würde sich die Wirtin darauf berufen, dass der Gast immer Recht hatte, wie sie es erst zuvor gepredigt hatte?
Selina fragte sich mit Bangen, wie weit dieser betrunkene Kerl gehen würde. Eine Frage, die ihr schneller beantwortet wurde, als ihr lieb war.
Der Mann packte sie hart an der Taille und zog sie eng an sich heran.
Selina schrie auf. Und bevor sie wusste, was sie tat, hatte sie sich blitzschnell umgedreht und den Krug in ihrer Rechten gegen den Kopf des Grobians geschleudert. Bier spritzte auf. Das Gefäß prallte an der Stirn des Mannes ab, fiel zu Boden und zerbarst.
Der Kerl schüttelte benommen den Kopf und funkelte die Halbelfe grimmig an.
Selina hob den zweiten Krug hoch. Sie zielte genau auf die Schläfe des Mannes. Doch dann hielt sie inne. Jede Faser ihres Körpers schrie danach, zuzuschlagen, den Kerl zu Boden zu schmettern, ihn zu treten, bis er von ihr abließ. Doch ein anderes Gefühl hielt sie davon ab: Angst. Selina fürchtete die Konsequenzen, so sie sich gegen diesen Mann zur Wehr setzte, wie ihre Instinkte es ihr rieten. Was würde geschehen, wenn sie einen Gast verprügelte? Bruna würde sie noch in dieser Nacht auf die Straße werfen!
Der breitschultrige Kerl packte mit der freien Hand den linken Arm der Dienstmagd, die nicht wagte, weitere Gegenwehr zu leisten, und drehte ihn gewaltsam nach hinten. Der zweite Krug fiel klappernd zu Boden und Selina sank mit einem gequälten Schrei auf die Knie.
»Ja! Zeig’s ihr, Baldo!«, grölten seine Freunde vor Begeisterung.
Baldo beugte sich weit über die Halbelfe und drückte sie mit seinem enormen Gewicht auf die Holzdielen.
Selina hatte ihm wenig entgegenzusetzen. Vor Verzweiflung zitternd bot sie all ihre Kräfte auf, doch vergebens. Ihre Gegenwehr hatte nur zur Folge, dass der Mann den erbarmungslosen Griff um ihr Handgelenk noch verstärkte. Selina stöhnte auf. Sie glaubte, unter seinem keuchenden Atem, der ihr heiß ins Gesicht blies und einen beträchtlichen Alkoholgehalt aufwies, ersticken zu müssen. Sie drehte den Kopf zur Seite, als sich Baldos gerötetes Gesicht auf sie herabsenkte. Speichel rann ihm aus dem Mundwinkel. Angewidert schloss Selina die Augen.
Sie versuchte, ihre Gedanken zu ordnen, um eine Lösung aus ihrer Notlage zu finden. Sie versuchte, nicht auf den Mann zu achten, der auf ihr lag, nicht seine Hand zu beachten, die suchend ihre Taille hinauf und hinunter fuhr und ihren Körper abtastete. Sie musste sich wehren! Doch die Angst schien sie zu lähmen.
Und die Wirtshausgäste lachten. Würden sie sich auch noch darüber ergötzen, wenn er sie hier, zur Schau vor den Augen aller ... Selina erschauderte. Sie wagte es nicht, den Gedanken zu Ende zu führen. Vermutlich würde der Kerl ihr gleich das Kleid am Leib zerreißen und niemand würde ihr helfen. Sie würden lachen und grölen. Immer weiter lachen ...
Selina hörte sich selbst aufschreien, eine dünne, klägliche Stimme, die verzweifelt versuchte, gegen das Gelächter anzukommen.
Und plötzlich war es still. Alles schien den Atem anzuhalten. Selina stellte verwirrt fest, dass der Kerl auf ihr verschwunden war. Er war einfach weg. Irritiert schlug sie die Augen auf.
Eine dunkle Gestalt ragte über Baldo auf, hatte ihn am Kragen gepackt und zog ihn unsanft hoch.
Baldo fuhr herum und stellte sich wütend seinem neuen Gegner. »Warte gefälligst, bis du an der Reihe bist!«, knurrte er. »Ich verspreche dir, genug von ihr übrig zu lassen, dass du auch noch deinen Spaß mit der Göre hast.«
»Ihr versteht nicht«, sagte die dunkle Gestalt ruhig. »Niemand wird das Mädchen ohne ihr Einverständnis anrühren. Nicht, solange ich es verhindern kann!«
»Für wen hältst du dich?«, schrie Baldo, schwang drohend die Faust und sprang vor.
Selina sah etwas Silbernes aufblitzen.
Plötzlich lag ein langes Schwert in der Hand ihres unbekannten Retters. Ein dumpfer Schlag war zu hören, als er dem Angreifer die Parierstange gegen die Schläfe rammte. Baldo ging ächzend zu Boden.
Der Fremde führte die Spitze der Klinge an die Kehle des Betrunkenen. Als sich dieser nicht bewegte, ließ er seine Waffe seelenruhig zurück in die Scheide gleiten, stieg über Baldo hinweg und beugte sich zu Selina hinab. Er war groß und kräftig gebaut und gekleidet wie ein Krieger. Selina kam sein Anblick irgendwie vertraut vor, doch sie war in diesem Moment viel zu verstört, um sich darüber Gedanken zu machen.
Tisch Nummer 5
Immer noch völlig verängstigt auf dem Boden liegend, nahm sie die Hand, die ihr der Mann hilfreich entgegen streckte. Der Fremde zog sie auf die Füße und legte ihr beruhigend den Arm um die Schultern. Selina blickte verunsichert auf Baldo nieder, der bewusstlos auf dem Boden lag. Der Schreck saß ihr noch in allen Gliedern und sie zitterte wie Espenlaub.
»Keine Sorge! Der wird schon wieder zu sich kommen und abgesehen von enormen Kopfschmerzen wird er keinen Schaden davontragen, den er nicht zuvor schon gehabt hätte«, erklärte ihr Retter. »Seid Ihr verletzt?«
Selina schüttelte teilnahmslos den Kopf. »Ich muss in die Küche«, murmelte sie. »Der Gänsebraten wird schon fertig sein.«
Der Mann warf ihr einen forschenden Blick zu. Sie war blass und schlotterte am ganzen Körper. »Ihr werdet Euch erst einmal in Ruhe hinsetzen und Euch von dem Schrecken erholen.«
»Aber die Gäste ...«
»... können warten«, erklärte er bestimmt und zog sie mit sich. Selina fühlte sich nicht in der Lage, Widerstand zu leisten, und wusste auch nicht, ob sie es wollte.
»Mein Herr wünscht, dass Ihr Euch an unseren Tisch setzt«, erklärte der Mann beiläufig, während er sie durch die Wirtsstube zu einer Nische führte, wo ein einzelner Tisch etwas abseits des allgemeinen Trubels stand.
Selina blickte verwirrt zu ihm auf. Die Erwähnung seines Herrn hatte tief in ihr eine kleine Alarmglocke erschallen lassen. Sie betrachtete das Gesicht des Mannes, das von dichtem schwarzen Haar umrahmt war. Er war nicht alt aber auch nicht mehr ganz jung. Seine dunklen Augen blickten freundlich zu ihr herab. Seine große, kraftvolle Gestalt war von einem weiten Mantel verhüllt. Und als ihr nun das Langschwert einfiel, mit dem er ihren Angreifer niedergeschlagen hatte, da wusste sie, wo sie ihn schon einmal gesehen hatte.
Abrupt blieb sie stehen. »Euer Herr?!«
Nein, sie wollte nicht zu ihm gebracht werden! Nein, sie würde sich nicht an ihren Tisch setzen! Nicht, da sie nun wusste, wer ihr Retter war! Er war der unheimliche Mann, den sie mit diesem adeligen Elfen zusammen auf der Seidenmeile getroffen hatte. Ria hatte recht gehabt! Sie hatte sich unangemessen verhalten und nun hatten die Männer sie aufgespürt, um sie zur Rede zu stellen. Nein, nie im Leben würde sie sich an ihren Tisch setzen! Selina entzog sich dem Griff des Mannes und wollte in die Küche flüchten.
»Ich grüße Euch!«
Selina erstarrte, als sie die Stimme erkannte.
»Welch eine Freude, Euch wiederzusehen, auch wenn die Umstände weniger angenehm sind. Ich hoffe, Ihr seid nicht verletzt!«
Regungslos stand sie da und starrte den Elfenmann an, der sich erhob und zum Gruß vor ihr verneigte.
»Tisch Nummer fünf ...«, keuchte sie. Die edlen Herrschaften, von denen Adorata gesprochen hatte, waren niemand anderer als der sonderbare Elf und sein Krieger!
»Die Gans ... gleich fertig«, stammelte Selina, wollte sich umdrehen und fortlaufen.
»Vergesst die Gans! Bitte! Setzt Euch!« Der Elf bot ihr mit einer höflichen Geste einen Stuhl an seiner Seite an. Sein offenherziges Lächeln hatte eine entwaffnende Wirkung. Selina fehlte die Kraft, sich gegen seinen Willen aufzulehnen, und sie sank hilflos auf den Sessel. Der Krieger nahm rechts von ihr Platz. Selina fühlte sich zwischen den beiden Männern in die Enge getrieben. Die meerblauen Augen des Elfen schienen sie zu durchbohren.
Doch anstatt die erwartete Anklage auszusprechen, sagte der Elfenmann mit freundlicher Stimme: »Mein Name ist Liones Emnesthar und das«, er machte eine flüchtige Handbewegung zu dem Krieger, »ist Harras. Er ist ein treuer Diener meiner Familie und ein guter Freund.«
Selina erwiderte trotzig seinen Blick. »Habt Ihr mich verfolgt?«, fragte sie direkt, doch ihre Stimme klang immer noch kraftlos.
Liones Emnesthar neigte fragend den Kopf, als verstünde er nicht, worauf sie hinauswollte.
»Habt Ihr mir nachspioniert?«, wollte Selina etwas nachdrücklicher wissen.
Der Elf legte beschwichtigend eine Hand auf die ihre, doch sie zog sie hastig vor ihm zurück. »Nein, ich spioniere Frauen niemals nach.« Er musterte sie einen Augenblick und erklärte dann: »Doch jetzt sehe ich, was mir durch meine Prinzipien beinahe verwehrt geblieben wäre, und ich muss dem Schicksal danken, mich heute hierher geführt zu haben.«
Selina rutschte unruhig auf ihrem Stuhl hin und her.
»Wie ist Euer Name?«, wollte Liones wissen.
»Selina«, antwortete sie zögernd und rieb sich das linke Handgelenk, das vom brutalen Griff des Betrunkenen immer noch schmerzte. Sie war sich nicht sicher, ob sie durch die Rettung dieses Harras lediglich vom Regen in die Traufe gekommen war.
»Ist alles in Ordnung, Selina?«, fragte der Elf. »Seid Ihr verletzt?« Langsam, um sie nicht erneut zu verschrecken, streckte er die Hand nach ihr aus und forderte sie mit einer Geste auf, ihm das verletzte Gelenk begutachten zu lassen. Doch Selina vergrub hastig die Hände in ihrem Schoß. Liones nickte ergeben.
Es kostete Selina einiges an Kraft, doch endlich hatte sie soweit die Kontrolle über sich zurückerlangt, um aufstehen zu können. »Ich danke Euch für Eure Rettung«, sagte sie an den Krieger gewandt und mit einem Seitenblick auf den Elfen fügte sie hinzu: »Doch jetzt muss ich wieder zurück ... arbeiten.«
»Schade«, meinte Liones, als sie sich abwandte. »Ich hätte mich sehr über Eure Gesellschaft gefreut.«
Selina blieb stehen. »Ich kann nicht«, erklärte sie, ohne ihn anzusehen. Nein, sie konnte wirklich nicht, selbst wenn sie gewollt hätte. Die Pflicht rief. Zweifelnd sah sie hinüber zur Theke, wo sich einige Männer um Baldo scharten, der eben wieder zu Bewusstsein gekommen war. Plötzlich erschien ihr Tisch Nummer fünf wie eine schützende Festung inmitten der Brandung rachsüchtiger Betrunkener. Egal, was Liones Emnesthar und Harras von ihr wollten, sie würden auf jeden Fall zivilisierter mit ihr umgehen, als diese Horde an der Theke. Langsam sank sie wieder auf den Stuhl nieder.
Liones verbarg ein Lächeln.
»Selina! Was soll das?«, dröhnte es plötzlich über das Stimmengewirr in der Wirtsstube hinweg. Selina erstarrte zur Salzsäule. Wenn sie geglaubt hatte, dass es ihr in Baldos gewaltsamer Umarmung schlecht ergangen war, so wurde ihr jetzt klar, dass das in keinem Vergleich zu dem stand, was ihr nun drohte. Sie wagte es nicht, sich umzudrehen, doch sie konnte förmlich fühlen, wie Bruna sich wutschnaubend hinter ihr aufbaute.
»Überlasst das mir«, flüsterte Liones ihr zu. Die Worte drangen nicht wirklich in das Gedankenchaos vor, das in diesem Moment in Selinas Kopf herrschte, doch sie war ohnehin unfähig, der Wirtin zu antworten.
›Sie wird mich feuern!‹, raste es immerwährend durch ihren Kopf. ›Sie wird mich ganz sicher feuern!‹
»Stimmt es, dass du dem armen Baldo eins übergezogen hast?«, grollte Bruna. »Und warum bist du nicht vorn an der Theke und betreust die Gäste?«
»Verzeiht, gnädige Frau«, meldete sich Liones zu Wort. »Es ist meine Schuld! Ich habe Selina gebeten, sich an meinen Tisch zu setzen, um sich von den derben Handgreiflichkeiten dieses Baldo zu erholen. Es war mein Vertrauter hier, der den Mann niedergeschlagen hat. Doch Ihr werdet gewiss verstehen, dass wir nicht tatenlos mit ansehen konnten, wie er sich an einem wehrlosen Mädchen vergeht.«
Bruna beäugte den Elfen missmutig. »Gut, gut«, murrte sie. »Aber jetzt brauch ich sie wieder für den Ausschank!«
Liones registrierte, wie Selina dazu ansetzte, aufzustehen. Er musste schnell handeln.
»Ihr würdet Eurer Magd unter solch widrigen Umständen doch eine Pause gönnen.« Er bemühte sich, seiner Stimme nur so viel Nachdruck zu verleihen, um der Frau klar zu machen, dass jede Widerrede auf sein Unverständnis stoßen würde, und es doch nicht wie einen Befehl klingen zu lassen.
»Nein«, knurrte die Wirtin.
Der Elf beschloss, seinen letzten Trumpf auszuspielen. »Ich wünsche, dass Selina mir Gesellschaft leistet, solange sie es will. Würdet Ihr Liones Emnesthar, Sohn des Grafen Leothan Emnesthar, diesen Wunsch verwehren?« Liones sprach seinen Namen und seine Abstammung betont laut und deutlich aus und beobachtete aufmerksam die Mimik der Wirtin. Er spielte dieses Spiel nicht zum ersten Mal und wusste bereits, dass er gewonnen hatte, bevor Bruna aufgeregt draufloslos schnatterte: »Natürlich nicht, mein Herr! Verzeiht, mein Herr! Kann ich Euch noch etwas bringen?«
»Ja. Bringt uns eine weitere Karaffe Rotwein und ein Glas für die junge Dame!«
Bruna nickte eifrig und verschwand.
»Erbärmliche Heuchlerin«, zischte Harras und zwinkerte seinem Herrn zu.
Liones kicherte ausgelassen.
Nur Selina konnte sich der allgemeinen Heiterkeit nicht anschließen. Sie wurde aus den beiden Männern nicht recht schlau.
Bruna brachte den Wein und drei frische Gläser. Liones goss zuerst Selina und dann Harras und sich selbst ein.
»Verzeiht, dass ich Eure mutigen Taten so schändlich geschmälert habe«, sagte der Elf an Selina gewandt, sobald die Wirtin sich wieder entfernt hatte. »Es stand mir nicht zu, eine selbstsichere, wehrhafte Dame wie Euch derart hilflos und bemitleidenswert darzustellen.«
Selina war geneigt, ihm vor Augen zu führen, wie schamlos er übertrieb. Immerhin fühlte sie sich auch jetzt noch reichlich hilflos. Doch sie beschloss, bei ihrer kühlen, reservierten Art zu bleiben. »Nun, immerhin habt Ihr erreicht, was Ihr wolltet«, behauptete sie trocken. »Ihr habt mich zur Gesellschaft.«
»Solange Ihr es wollt«, erwiderte der Elf. »Seid mein Gast. Ich wünsche keinen Gefangenen.« Als Selina nicht antwortete, fragte er: »Wovor fürchtet Ihr Euch? Was ist aus der offenherzigen Elfe geworden, die ich vor zwei Tagen getroffen habe? Wenn ich Euch gekränkt oder Euch sonst ein Leid zugefügt habe, so lasst es mich wissen.«
Selina schüttelte leicht den Kopf. »Nein, mein Herr.«
»Vor diesem Baldo braucht Ihr keine Angst mehr zu haben«, meldete sich Harras zu Wort, der glaubte, den Grund für die Verschrecktheit der Halbelfe erkannt zu haben. »Er und seine Saufkumpanen werden es nicht wagen, erneut Hand an Euch zu legen. Sollte die Kunde die Runde machen, dass Euch auch nur ein Kratzer zugefügt worden ist, werden die Männer des Grafen Euch rächen. Nur ein todesmutiger Narr wagt es in Ametar, in Ungunst bei der Familie Emnesthar zu fallen.«
Selina senkte betroffen den Blick.
Und jetzt begriff Liones. »Ihr fürchtet mich? Ihr fürchtet, in Ungunst bei einem Emnesthar gefallen zu sein?«
Selina nickte kaum merkbar. Wie ein kleines, ungezogenes Schulmädchen kam sie sich in diesem Moment vor. »Ja, Herr. Ich habe Euch auf offener Straße verspottet.« Sie würde es nicht leugnen. Nein, sie wollte nicht länger warten. Er sollte hier und jetzt sein Urteil über sie fällen.
Der Elf schüttelte lächelnd seine blonde Mähne. »Ihr habt mich vor einer großen Dummheit errettet! Ihr habt mich davor bewahrt, einem geschwätzigen Händler auf den Leim zu gehen, der keine Ahnung von seinem Handwerk hat. Ich schulde Euch Dank!«
Selina blickte ihn ungläubig an.
Liones Emnesthar lachte auf und griff nach seinem Weinglas. »Auf Euch, Selina!«, rief er und prostete ihr überschwänglich zu.
Artig nahm Selina ihr Glas. »Auf Euch, mein Herr.«
»Bitte, ich bin nicht Euer Herr. Mein Name ist Liones.«
»Ja, Herr.«
Liones warf ihr einen angriffslustigen Blick zu.
Selina schrak zusammen und korrigierte sich hastig. »Entschuldigt! Liones.«
Einen Moment lang saß sie da, mit hochgezogenen Schultern, und beobachtete ihn eingeschüchtert. Doch das offenherzige Lächeln in seinem Gesicht blieb. Schluckweise trank sie von dem Wein.
Nicht zuletzt der Alkohol bewirkte, dass sich ihre Anspannung nach und nach legte. Und langsam gewann sie ihr Selbstvertrauen zurück. Der Elf bemühte sich, sie in ein Gespräch zu verwickeln. Und bald schon unterhielten sie sich über solch banale Dinge wie das Wetter, sprachen über Selinas Arbeit im Gasthof oder über das Bauerndorf, aus dem sie stammte. Und schließlich scherzte und alberte die Halbelfe mit den beiden Männern und hatte ganz vergessen, dass sie es mit einem Adligen und seinem Leibwächter zu tun hatte. Gesellschaftliche Ränge spielten keine Rolle mehr. Bruna brachte den Männern den bestellten Gänsebraten und Liones lud Selina ein, auch tüchtig zuzugreifen.
»Was macht eine hübsche Frau wie Ihr eigentlich in ihrer Freizeit?«, fragte Liones, als nur noch säuberlich abgenagte Knochen auf seinem Teller lagen, und wischte sich mangels einer Serviette mit dem Handrücken über den Mund.
Selina zuckte mit den Schultern. Sie hatte in den letzten beiden Wochen kaum freie Zeit gehabt.
»Mein Vater veranstaltet diesen Sonnabend ein Tanzbankett auf unserem Anwesen. Es werden jede Menge vornehme Leute zugegen sein, die sich über solch uninteressante Dinge wie den Kurswert nordthalscher Seide oder die Wetteinsätze für das nächste Pferderennen unterhalten werden. Kurz gesagt, man erwartet meine Anwesenheit und ich werde mich zu Tode langweilen. Ich würde Euch einladen, liebste Selina, mir Gesellschaft zu leisten, damit der Abend für mich so unterhaltsam wird, wie der heutige, wenn ich nicht fürchten müsste, dass solch eine bezaubernde, junge Elfe wie ihr bereits etwas Besseres zu tun hat, als jemanden wie mich vor der Einöde des Adelsstandes zu erretten. Sicher hat schon ein anderer vor mir die Gelegenheit nicht ungenutzt verstreichen lassen, Euch für Sonnabend einzuladen.«
Selina antwortete nicht sofort. Sie war eine derart geschwollene Ausdrucksweise nicht gewohnt und brauchte eine Weile, um bis zur eigentlichen Kernaussage vorzudringen. Endlich begriff sie, dass er sie nur gefragt hatte, ob jemand sie für Samstagabend eingeladen hatte. Sie schüttelte den Kopf. »Nein, ich fürchte, ich werde den Abend hier im Gasthof verbringen.«
»Erlaubt mir dann, Euch auszuführen. Begleitet mich auf das Bankett, Selina.«
Abermals schüttelte sie den Kopf. »Es tut mir leid, doch ich kann nicht. Ich muss arbeiten.«
»Ihr könnt nicht den ganzen Tag arbeiten! Ihr werdet Euch doch sicherlich einen Abend freinehmen können.«
»Ihr versteht nicht!« Selina senkte den Blick und spielte an den Bändern ihrer Schürze herum. »Bruna gibt mir keine freien Stunden, bis ich meine Schuld nicht abgearbeitet habe.«
Liones musste ihr recht geben. Er verstand wirklich nicht. »Welche Schuld?«
Selina erzählte von dem Diebstahl und davon, dass Bruna ihr das Geld nun so lange vom Lohn abzog, bis sie es abgearbeitet hatte.
»Wie lange müsst Ihr arbeiten, um diese sogenannte Schuld zu begleichen?«, fragte Liones.
»Etwa drei Wochen«, lautete Selinas Antwort.
Der Elf riss erstaunt die Augen auf. »Wie viel Gold war in dem Beutel?«
»Sieben Goldstücke und drei Silberstücke.«
Liones und Harras warfen einander vielsagende Blicke zu. Der Elf nahm seinen Geldbeutel vom Gürtel und zählte einige Münzen in seine Hand. Er legte das Geld vor Selina auf den Tisch, trank sein Glas leer und stand auf. »Das sollte genügen, als Bezahlung für die Gans und den Wein und für Euch, um Eure Schuld zu begleichen. Den Rest könnt Ihr behalten, als Trinkgeld.«
Selina starrte auf die Goldstücke, die im gedämpften Licht schwach glänzten. Vor ihr lagen gut zwei Monatsgehälter.
»Aber ...«, begann sie und sah zu dem Elfen auf.
»Erweist Ihr mir nun die Ehre, Euch am Samstagabend auszuführen?« Liones verbeugte sich elegant.
»Aber ... ich habe doch gar nichts zum Anziehen«, stieß Selina hervor.
