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Kathrin ist mit ihrem Leben nicht zufrieden. Ihre Eltern befinden sich im Scheidungskrieg. Von ihren Freundinnen fühlt sich die Teenagerin missverstanden. Da bietet sich ihr eine ungewöhnliche Gelegenheit – ein Magier ermöglicht ihr ein Abenteuer in einer fantastischen Welt. Drei Kristalle erhält sie, die sie an jeden vorstellbaren Ort bringen können. Drei Kristalle, von denen sie einen bereits ohne Bedacht verbraucht hat. Doch ihr Gönner entpuppt sich als Anführer einer Armee, die gegen das Königreich Ametar in den Krieg zieht, und Kathrin gerät zwischen die Fronten. Schon bald muss sie am eigenen Leib erfahren, dass Gut und Böse nicht immer eindeutig zu erkennen sind. Für welche Seite wird sie sich letztendlich entscheiden? Und wird sie die verbliebenen zwei Kristalle weise einsetzen?
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Veröffentlichungsjahr: 2017
Impressum
Der Adel von Ametar - Der Rote Fürst
© 2017 Manuela Petra Forst
Wien, Österreich
Coverbild und Illustrationen Manuela Petra Forst
Homepage: www.linktr.ee/manuelapforst
Königreich Ametar
1 – Begegnung
Kathrin lief weg. Nur weg! Weit weg von zu Hause!
Aber nein! Sie war nicht das ungezogene Mädchen, das seine Eltern weinend zurückließ, in Angst um ihr Kind. Ihre Mutter war es gewesen, die Kathrin dazu gedrängt hatte.
»Geh! Lauf weg!«, hatte sie gerufen. Und Kathrin war gerannt, ohne sich ein einziges Mal umzusehen.
Doch wohin sollte sie nun gehen?
»Bring dich in Sicherheit«, hatte ihre Mutter gesagt. Doch wo?
Auf der Straße war es kalt. Kathrin fror. In der Eile hatte sie vergessen, ihre Jacke zu nehmen. Sie hatte nur die Hausschuhe an. Wohin sollte sie nun?
Zum ersten Mal, seit sie aus der Wohnung gelaufen war, blieb Kathrin stehen. Sie war völlig außer Atem. Ihre Lungen schmerzten von der eisigen Winterluft. Keuchend schlang sie die Arme um ihren schlanken Körper und blickte sich um.
Die Sonne war längst untergegangen. Straßen und Gassen lagen gleich dunkler Schluchten zwischen hohen Hausfassaden. Kalt. Teilnahmslos. Abweisend.
Vereinzelt glomm Licht durch beschlagene Fensterscheiben. Doch verhüllt von dicken Vorhängen wirkte es auf Kathrin alles andere als einladend. Ausgesperrt war sie aus gemütlich beheizten Räumen. Hier würde ihr niemand die Tür öffnen.
Ein Auto bog in die Straße ein, seine gelben Scheinwerfer richteten sich auf das Mädchen, tauchten es für einen Wimpernschlag in helles Licht. Und dann war der Wagen auch schon wieder fort, weitergefahren – und ließ Kathrin in Dunkelheit zurück, einsam und frierend.
Verunsichert beobachtete Kathrin die wenigen Leute, die um diese Uhrzeit noch auf der Straße unterwegs waren. Sie gingen voran, in warme Jacken gehüllt, nicht rechts oder links schauend. Sie bemerkten das Mädchen in dem dünnen T-Shirt, den Jeans und den Hauspantoffeln überhaupt nicht.
Für einen Moment spielte Kathrin mit dem Gedanken, jemanden anzusprechen. Vielleicht die Frau dort im Pelzmantel? Oder den alten Mann mit dem Schäferhund?
Nein, Kathrin wagte es nicht. Sie konnte nicht das nötige Vertrauen aufbringen. Nicht jetzt! Sie war soeben vor einem Menschen davongelaufen, von dem sie vor langer Zeit einmal gedacht hatte, sie könnte ihm vertrauen – ihrem eigenen Vater. Doch das war gewesen, bevor er sie verlassen hatte, bevor er sich von ihrer Mutter hatte scheiden lassen und vor allem, bevor er mit dem Trinken angefangen hatte. Seit Jahren lebte Kathrin nun schon allein mit ihrer Mutter in der kleinen Stadtwohnung. Doch es kam immer wieder vor – so wie heute –, dass ihr Vater plötzlich in der Tür stand, stockbetrunken. Kathrin verkroch sich dann immer in ihrem Zimmer. Dort saß sie und hörte ihre Mutter weinen.
Heute war er wieder gekommen. Und ihre Mutter hatte sie weggeschickt.
Eine dicke Träne kullerte Kathrin über die Wange. Sie fühlte sich so verloren. In der ganzen Stadt schien es keinen Ort zu geben, an den sie gehen konnte. Ihre Großeltern lebten hunderte Kilometer entfernt auf dem Land.
Kathrin wischte sich mit dem Handrücken die Tränen aus dem Gesicht und stolperte weiter, vorwärts durch die Nacht. Ziellos.
»Reizende Aufmachung! Allerdings ein wenig luftig für einen Abendspaziergang!«
Kathrin schrak zusammen und starrte den Mann entgeistert an, der plötzlich neben ihr stand. Ein großer dunkler Schatten. Er schien aus dem Nichts gekommen – sie hätte schwören können, dass die nahe Haustüre sich nicht geöffnet hatte.
»Ja...a«, war alles, was sie stammelnd hervorbrachte. Was wollte der Kerl von ihr? Ihre Fantasie lieferte ihr ein paar Antworten, die eine äußerst beunruhigende Wirkung hatten. Hastig blickte sie die Straße rauf und runter, auf der Suche nach Leuten, die ihr im Ernstfall helfen könnten. Doch da war niemand. Die Frau im Pelzmantel war fort und auch der Mann mit dem Hund. Sie war alleine. Nur sie und dieser Kerl.
»Wovor läufst du weg?«
»N...nichts!« Kathrin trat vorsichtshalber einen Schritt zurück. Sie war keine schlechte Läuferin. Wenn sie jetzt los sprintete ... Dann würde sie spätestens nach zehn Metern mit ihren Hausschuhen stolpern und den Asphalt küssen. Nein, das war kein guter Plan.
»Du läufst also nicht weg, gut. Du bist absichtlich mit Leibchen und Pantoffeln im Winter kurz vor Mitternacht unterwegs, weil du so ein hartes Mädchen bist, dem das Wetter nichts ausmacht. Und du bist hier ganz allein die Straße runtergelaufen, weil du dir nur schnell ein Eis kaufen wolltest.«
»J...ja.« Was sollte sie jetzt nur machen?
»Es mag sein, dass du härter im Nehmen bist als ich. Aber das Eisgeschäft hat leider schon geschlossen. Also, ich mach mir jetzt heiße Schokolade. Willst du auch eine Tasse?« Er streckte ihr einladend die Hand entgegen.
Kathrin warf hastige Blicke nach links und rechts. Verdammt! Wenn man die Schule schwänzen wollte, lief man immer einem Lehrer über den Weg. Wenn man bei Rot über die Kreuzung ging, war immer ein Polizist in der Nähe. Warum war die Straße ausgerechnet jetzt wie leer gefegt?
»Würdest du dich in meiner Gegenwart wohler fühlen, wenn du eine Waffe hättest?«
»W...wie bitte?« Kathrin riss verständnislos die Augen auf.
Verschreckt beobachtete sie, wie der Mann unter seinen Mantel in die Nähe der Taille griff und etwas hervorzog. Im nächsten Moment hielt er ihr ein langes, zweischneidiges Messer entgegen, den goldenen Griff voran. Kathrin hob hilflos die Hände und trat noch einen Schritt zurück.
»Das kann ich doch nicht!«
»Wieso nicht?«
»Aber ... aber ich kann doch nicht mit einem Messer ...«
»Es ist ein Dolch. Und doch, du kannst. Ich vertraue dir. Du vertraust mir nicht, aber das ist schon in Ordnung. Und wenn es hilft, dass du die Einladung zur heißen Schokolade annimmst, bevor du dir eine Lungenentzündung holst, so ist mir das den Einsatz wert.«
Kathrin nahm zögernd den Dolch und schüttelte ungläubig den Kopf. War das ein verrückter Kauz! Verrückt! Aber irgendwie cool.
Jetzt stand sie tatsächlich da, mit einer Waffe in der Hand, und der Kerl drehte ihr unbekümmert den Rücken zu und ging zur Haustür. Kathrin schüttelte erneut den Kopf. Möglicherweise war er ja wirklich ein perverser Mädchenentführer, der eine Vorliebe für ganz abartige Spielchen hatte. Er könnte die Tür hinter ihr versperren und sie zwingen, die makabersten Dinge mit dem Dolch anzustellen. Doch das glaubte sie nicht so recht.
Der Kerl trat vor ihr in ein Geschäft ein. Kathrin sah sich stutzig auf der Straße um. Ihr war noch nie zuvor aufgefallen, dass es hier einen derartigen Laden gab. Mystik und Magie stand auf einem Holzschild direkt oberhalb des Eingangs. Das Schild war alt – gerade so, als hinge es schon ewig da. Vielleicht hatte Kathrin den Laden zuvor einfach nie bemerkt.
Ihre Knie zitterten nicht nur von der Kälte, als sie über die Schwelle trat.
Das Innere war vom wohlig warmen Licht mehrerer Kerzen erhellt. Es roch würzig, nach Räucherwerk. Regale verliefen ringsum die Wände entlang. Auf ihnen waren allerlei esoterische Sachen ausgestellt: Kristallkugeln, Traumfänger, Pendel ... und Dinge, die Kathrin noch nie zuvor gesehen hatte. Sie mochten exotischen Kulturen zur Beschwörung von Geistern dienen oder womöglich dunkle Flüche abwenden. Verschlungene Runen zierten so manche Gegenstände. Kathrin blieb mit vor Staunen offenem Mund stehen. Sie trieb sich gerne in Esoterikläden herum. Sie mochte die Vorstellung, mystische Kräfte zu kontrollieren. Doch solch eine Vielfalt rätselhafter Artefakte hatte sie noch nie zuvor gesehen.
»Gefällt es dir?«
Kathrin fuhr zu dem Mann herum, der sie mit einem wissenden Nicken bedachte. Er hatte sich seines Mantels entledigt. Und in der bestickten, roten Tunika und der dünnen Stoffhose wirkte er nicht halb so furchteinflößend wie zuvor. Seine schulterlangen, dunklen Haare standen in Dreadlocks von seinem Kopf ab. Nein, er mochte wohl ein Freak sein aber kein Verbrecher.
»Beeindruckend.« Kathrin bemühte sich um einen sachlichen Ton, da sie nicht zugeben wollte, wie fasziniert sie tatsächlich war.
»Ja, es ist eine hübsche Sammlung.« Der Mann trat an eines der Regale heran, auf dem mehrere Amulette lagen, und fuhr mit den Fingern die Kante des dunklen Holzes entlang. »Ich bin weit gereist, um sie zusammenzutragen.« Ein versonnenes Lächeln erschien auf seinen Lippen, als er seinen Gedanken erlaubte, in die Erinnerungen an ferne Länder fortzugleiten. »Wahrlich weit bin ich gereist ...« Er schlenderte die Reihe der Relikte entlang, bis er vor einem kleinen, runden Tisch stehenblieb, auf dem einzig eine unscheinbare Holzschatulle stand. Langsam, wie ein Tagträumer, griff er danach, klappte den Deckel hoch und entnahm ihr einen Gegenstand. Gedankenverloren hob er ihn vor die Augen und drehte ihn hin und her.
Kathrin wagte sich verstohlen näher, um das kleine Ding besser sehen zu können. Es schimmerte silbrigweiß. Und als sie sich auf die Zehenspitzen reckte, konnte sie erkennen, dass in dem Kästchen noch Weitere lagen.
Der Mann riss sich mit einem Seufzer von dem Anblick und seinen Träumereien von vergangenen sowie zukünftigen Abenteuern los und wandte sich seinem jungen Gast zu. Das Mädchen war mittlerweile dicht an ihn herangeschlichen. Nun machte es einen erschrockenen Satz rückwärts. Der Dolch rutschte ihm aus der Hand und fiel klappernd zu Boden.
Kathrin fühlte, wie sie vor Verlegenheit rot wurde, als sie die Waffe auflas und die Hände schutzsuchend um den kalten Metallgriff legte. Doch der Mann lachte nicht über ihr Missgeschick, sondern hielt ihr stumm den glitzernden Gegenstand hin. Da erkannte sie, dass es lediglich ein Quarzkristall war, wie man ihn zu Hunderten auf Schotterstraßen fand. Enttäuscht verzog sie das Gesicht.
»Nimm ihn«, forderte der Mann sie auf.
»Wozu? Es ist doch nur ein Stein.«
»Sieh genauer hin. Die Dinge sind nicht immer nur das, was der flüchtige Blick dich glauben lassen will. Die Facetten eines Quarzes erlauben Raum für zahllose Geheimnisse.«
Kathrin runzelte die Stirn, wagte jedoch nicht zu widersprechen und nahm den Kristall.
»Und? Was siehst du?«
»Was soll ich schon sehen?«, murrte sie. Es gab in diesem Raum so viele rätselhafte Gegenstände, deren Bedeutung sie nur zu gern erfahren hätte. Bestimmt kannte der Mann unzählige Geschichten über versunkene Kulturen, verbannte Dämonen und mächtige Zauberkräfte – Geheimnisse, die versprachen, faszinierend zu sein. Diese wollte sie ergründen, anstatt einen Kieselstein anzustarren. Trotzdem senkte sie den Blick auf den Quarz.
Da wurden ihre Augen groß vor Staunen. Die Reflexionen der Kerzenflammen begannen in den milchigen Facetten zu tanzen. Die weißliche Oberfläche klärte sich auf wie eine beschlagene Scheibe in der Wärme. Dahinter wurden Konturen sichtbar, die sich zu einem langsam schärfer werdenden Bild zusammensetzten. Kathrin war wie gebannt.
»Ist das ... Türme? Ein Schloss? Eine Burg? ...«
Der Stein wurde ihr aus der Hand gerissen, bevor sie sich entscheiden konnte, was es wirklich war. Sie sah den Mann erstaunt an, der den Kristall hastig zurück in das Kästchen legte und den Deckel geräuschvoll zuschlug.
»Was habe ich da gesehen?«
»Nichts!« Sein Blick wich ihren fragenden Augen aus.
»Das glaube ich Ihnen nicht«, erklärte Kathrin unverblümt. Nicht gewillt, in dieser Sache nachzugeben, verschränkte sie die Arme vor der Brust. Sie wusste, dass sie etwas in dem Stein gesehen hatte, und glaubte, einem großen Geheimnis auf der Spur zu sein.
Der Mann betrachtete das schlaksige Mädchen mit den kastanienbraunen Locken abschätzend. Er hatte ihr den verzauberten Stein gegeben, um zu sehen, was geschehen würde. Doch er hatte nicht damit gerechnet, dass sich die Wirkung bei einem Kind von der Erde, das noch nie in Berührung mit echter Magie gekommen war, derart schnell und klar zeigen würde. Nun musste er Worte finden, welche diese großen, dunklen Augen zufriedenstellen konnten. Es war gefährlich, ihre Neugierde für die Welt der Magie zu sehr zu wecken. Dieses Mädchen war den Abenteuern nicht gewachsen, welche es erwarteten, wenn es seine Nase zu tief in die Geheimnisse von Kräften steckte, die es nicht begriff und gewiss auch nie würde beherrschen können.
»Es war der Ort deines Herzens. Eine Illusion ... nichts weiter ... Die Orte können sich wandeln, wie der Wunsch deines Herzens ... Es ist gefährlich, sich an solch einen Ort zu begeben, wenn man nicht weiß, was man wirklich will ... so wie du.« Er nahm die Schatulle und stellte sie auf das oberste Regal, außerhalb von Kathrins Reichweite. Scheinbar fürchtete er, sie könne auf die Idee kommen, die Wahrheit seiner Worte zu testen.
»Ich versprach dir heiße Schokolade! Bitte! Setz dich!« Er wies auf eine zerschlissene Couch. »Ich bin sofort wieder da!«
Kathrin ließ sich zögernd nieder, während der Mann im Nebenraum verschwand. Verwirrt sah sie hinauf zu dem Regal, zu der kleinen Schatulle. Der Ort ihres Herzens? Was sollte das heißen? Bedeutete es überhaupt etwas, oder waren es nur die konfusen Worte eines Kerls, dessen Verstand nicht ganz klar arbeitete? Kathrins Blick glitt hin zur Eingangstür. Sie war sich sicher, dass der Mann nicht abgeschlossen hatte. Und er ließ sie unbeobachtet. Sie konnte jetzt einfach in die Dunkelheit der Nacht verschwinden. Sie konnte ungesehen entkommen, weg von diesem Freak. Um wohin zu gehen?
So blieb sie sitzen und drehte den Dolch in den Händen hin und her. Vorsichtig prüfte sie die Schneide und zuckte empfindlich zusammen. Ein Blutstropfen bildete sich auf ihrem Daumen. Leise fluchend steckte sie den Finger in den Mund.
In dem Moment kam der Mann zurück. Er trug zwei große Tassen. Kathrin ließ den Dolch auf die Bank fallen und vergrub ihre Hand im Schoß. Er sollte nicht glauben, dass sie zu unbeholfen war, um die Waffe zu handhaben.
»Wie ist dein Name?« Der Kerl reichte ihr eine der Tassen.
»Kathrin.«
»Freut mich, dich kennenzulernen! Ich heiße Harold.« Er setzte sich neben sie auf die Bank.
Kathrin führte die Tasse an die Lippen. Kurz besann sie sich, ob es klug war, von dem sonderbaren Fremden etwas anzunehmen. Doch der Duft des Kakaos ließ sie ihre Bedenken im selben Moment wieder vergessen. Ja, es war ganz sicher völlig normaler Kakao und kein Hexengebräu. Langsam schlurfte sie das heiße Getränk.
»Nun?« Harold sah sie erwartungsvoll an.
»Lecker!« Kathrin nahm einen weiteren Schluck und schloss ihre Hände fest um die Tasse. Angenehm durchströmte die Wärme ihre klammen Finger.
»Willst du mir nicht erzählen, was du wirklich da draußen getrieben hast?«
Kathrin versenkte ihren Blick in der Tasse. Nein, sie wollte nicht darüber reden.
Doch Harold ließ nicht locker. »Ich wäre gerne dein Freund. Doch, um dir helfen zu können, muss ich dein Problem kennen.«
»Ich habe meine Freunde«, behauptete Kathrin abweisend. Ihre Probleme waren privat und gingen diesen Kerl überhaupt nichts an. Sie war dankbar für den Kakao, doch das war kein Grund, gleich vertraulich zu werden.
»Und wo sind diese Freunde, wenn du sie brauchst?« Harold nahm einen tiefen Schluck. »So wie heute.«
Kathrin kniff misstrauisch die Augen zusammen. »Was soll das heißen?«
»Ich will damit nur sagen, dass diese Freunde nicht an deiner Seite sind, wenn du sie ganz offensichtlich brauchst.«
»Ach! Und Sie wären immer für mich da?«, fuhr sie ihn etwas schärfer an, als sie es eigentlich wagen wollte.
Harold zuckte die Achseln und machte eine Geste zu der Schale Kakao in ihren Händen, als würde sich die Frage allein dadurch erübrigen.
»Niemand kann mir helfen!« Kathrin verzog schmollend das Gesicht.
»Hat es einer deiner sogenannten Freunde versucht?«
»Haben Sie jemals versucht, gegen die Polizei anzukommen?«, gab sie eingeschnappt zurück. Der Kerl hatte ja keine Ahnung, wovon er da redete.
»Haben deine Freunde versucht, dir zu helfen?«
Kathrin umklammerte krampfhaft die Tasse. »Wissen Sie eigentlich, was passiert, wenn man es wagt, einen Polizisten anzuzeigen?« Langsam drohte ihr Trotz in Zorn umzuschlagen. Das Thema berührte sie an einer ihrer empfindlichsten Stellen. Was glaubte dieser Kerl, wie erfolgreich ein kleines Mädchen gegen ihren eigenen Vater war, zumal dieser ein Gesetzeshüter war! Ihre Mutter hatte einmal gewagt, ihn anzuzeigen, und er hatte sie bitter dafür büßen lassen. Nein, niemand konnte ihr helfen!
Indes bohrte Harold weiter. »Sie haben dir also nicht geholfen, indem sie dir in kalten Nächten einen Zufluchtsort angeboten haben. Sie haben dir keine heiße Schokolade eingeschenkt und deinen Problemen gelauscht.«
Kathrin öffnete den Mund zu einer hitzigen Erwiderung, hielt jedoch verdutzt inne. Von dieser Perspektive hatte sie das Wort Hilfe noch nicht betrachtet. Ihrer Ansicht nach war nur derjenige hilfreich, der es schaffte, dass ihr Vater für alle Zeiten einen Bogen um sie und ihre Mutter machte – etwas, das schier unmöglich schien.
Harold genügte ihr Zögern als Antwort. »Es ist nicht immer notwendig, mit dem Flammenschwert vorzustürmen, um Freundschaft unter Beweis zu stellen. Allein die Bereitschaft zu Opfern reicht meist aus. Doch wenn jemand nicht einmal bereit ist, dir die Tür zu seinem Heim zu öffnen, welchen Wert hat die Freundschaft dann?« Er beobachtete das Mienenspiel des Mädchens aufmerksam. »Freunde sollten nicht nur da sein, wenn es darum geht, Spaß zu haben«, ergänzte er, um seinen Standpunkt zu verdeutlichen. Er trank den Kakao und stellte die Tasse auf dem kleinen Tisch ab. Dann wartete er geduldig, bis Kathrin zu erzählen begann.
Sie berichtete von ihren Eltern und von deren Scheidung. Sie erzählte von den unerwünschten Besuchen ihres betrunkenen Vaters, von dem Versuch ihrer Mutter, eine gerichtliche Verfügung gegen ihn zu erwirken, und von ihrem Scheitern. Und sie schilderte die Vorfälle in dieser Nacht und ihre Flucht.
Harold betrachtete das Mädchen schweigend, das sichtlich mit den Tränen kämpfte. Schließlich sagte er: »Angenommen, du hättest die Kraft. Würdest du es mit deinem Vater aufnehmen, um ihm alles heimzuzahlen?«
Kathrin schniefte. »Ich würde meine Mutter verteidigen und ihn verjagen, wenn ich nur könnte. Aber ich bin doch nur ein Kind. Und gegen meinen Vater werde ich nie ankommen.«
Harold nickte anerkennend. »Du bist heute schon weit stärker, als du glaubst, Kathrin!«
2 – Berater des Königs
Eine dicke Rauchwolke quoll über der Ebene in den Himmel, schwarz und drohend. Darunter stießen gewaltige Flammen empor. Gierig verschlangen sie Stroh und Gebälk. Gebäude stürzten ein. Aus der Ferne betrachtet, schienen sie nichts weiter als Kartenhäuschen zu sein, von einem zornigen Kind zerschlagen. Menschen und Tiere stoben in wilder Panik fliehend über die Felder auseinander.
König Inghard stand am Turmfenster seines Palastes und starrte auf das brennende Dorf. Es war zu weit entfernt, sodass er keine Details erkennen konnte. Doch Inghard wusste, was vor sich ging. Wenn Qualm über der Ebene aufstieg, so hatte dies seit Monaten immer nur einen Grund. Gesetzlose Krieger überfielen Gutshöfe und Siedlungen, mordeten und brandschatzten. Waren die Häuser zerstört und die Ernte stand in Flammen, verschwanden sie, wie sie aufgetaucht waren. Niemand kannte ihre Namen, niemand kannte ihre Gesichter. Sie hinterließen keine brauchbare Spur, nur Tod und Verwüstung.
Und nun hatten sie ein weiteres Mal zugeschlagen.
Inghard betrachtete mit Bestürzung das Ausmaß ihrer Zerstörungswut. Er glaubte, das Weinen der Frauen und die Schreie der Kinder zu hören, welche der Brutalität dieser Kriegerbande zum Opfer fielen. Er wusste, dass erneut viele Männer, zu Verzweiflungstaten getrieben, in diesem Moment ihr Leben ließen, während er, König Inghard, am Fenster seiner Prunkgemächer in sicherer Entfernung stand und nur zusehen konnte.
All seine Bemühungen, den Plünderern das Handwerk zu legen, waren bislang gescheitert. Sie waren nicht zu fassen und schienen den Soldaten, welche er auf die Jagd nach ihnen schickte, stets einen Schritt voraus zu sein. Doch als Herrscher über dieses Land musste er einen Weg finden, sie aufzuhalten. Und er musste es schnell tun! Die feindlichen Krieger hatten es in erster Linie darauf abgesehen, die Existenz der Bürger und Bauern zu zerstören. Sie trieben das Volk unausweichlicher Armut entgegen. Da ein Großteil der Ernte bereits den Flammen zum Opfer gefallen war, schien eine Hungersnot kaum noch abwendbar. Das einst so stolze Königreich von Ametar drohte in Chaos und Anarchie zu versinken.
Inghard riss sich von dem Schreckensszenario los, das sich außerhalb der schützenden Mauern seines Palastes abspielte. Noch an diesem Tag wollte er erneut seine Ratgeber versammeln, um mit ihnen Vorgehensweisen zu besprechen. Er musste diese Bande Gesetzloser aufhalten, wenn er seine Regentschaft gesichert sehen wollte.
Harold lauschte aufmerksam den Worten des Königs und den Berichten der Generäle über die Verbrechen der Plünderer, die seit Monaten das gesamte Reich in Atem hielten. Und im Stillen erwog er bereits mögliche Strategien. Doch nicht die Zerschlagung der Kriegerbande und die Rettung des Landes beschäftigten ihn. Harold hatte seine eigenen Pläne.
Die Versammlung verlief wie jede andere zuvor. Der Kriegsberater des Königs versicherte diesem, dass er die besten Männer aussandte, um die Gesetzesbrecher zu fassen. Der Schatzmeister jammerte über zu hohe Ausgaben für das Militär, während der Volksvertreter finanzielle Unterstützung für die geschädigten Gemeinden forderte. Die Sitzung wurde aufgelöst, ohne dass Hoffnung auf eine baldige Besserung der Lage bestand.
Harold wollte soeben den übrigen Beratern folgen und den Audienzsaal verlassen, als König Inghard ihn zu sich rief.
»Eure Hoheit!« Harold verbeugte sich tief – eine überflüssige Geste der Höflichkeit, da die Begrüßungszeremonie längst hinter ihnen lag.
Inghard betrachtete seinen Untergebenen nachdenklich. Der Mann war groß gewachsen. Er pflegte stets eine scharlachrote Robe zu tragen, die auf das niedere Volk eine Respekt einflößende Wirkung ausübte. Seine schulterlangen Haare, die er ordentlich gekämmt trug, fielen ihm bei seiner demütigen Verbeugung in die Stirn. Inghard schätzte Harolds Ratschläge und achtete den Mann hoch.
»Als mein Berater in magischen und spirituellen Angelegenheiten«, begann der König, während Harold sich wieder aufrichtete, »möchte ich gerne Eure persönliche Meinung zu dieser Verbrecherbande hören. Wie glaubt Ihr, ist es ihnen möglich, sich meinem Militär in dieser Form zu entziehen. Ist es denkbar, dass sie Magie für ihre Zwecke einsetzen?«
Harold erlaubte sich einen Moment des Schweigens, um seine Antwort sorgfältig abzuwägen. Dann sagte er: »Es ist wohl nicht auszuschließen, dass diese Bande einem magisch begabten Führer folgt. Doch nach meiner Einschätzung sind dies Männer, die sich lieber auf die Kraft ihrer Arme und die Schärfe ihrer Klingen verlassen. Der Grund, warum sie dem Militär immer einen Schritt voraus zu sein scheinen, könnte weit banalerer Natur sein.«
Der König blickte ihn interessiert an. »Woran denkt Ihr dabei?«
»Spionage.«
»Hier im Palast?« Inghard sah sich beunruhigt um. Die Berater waren mittlerweile gegangen. Er und Harold waren alleine. Es war unmöglich, dass sie in diesem Moment belauscht wurden, es sei denn durch Einsatz von Magie.
»Oder innerhalb der Führungsreihen der Militärs«, warf Harold ein.
Inghard überdachte die Auswirkungen eines derartigen Verrates. Er hatte die Mitglieder seines Generalstabs selbst ausgewählt. Er war von der Loyalität jedes einzelnen Mannes überzeugt. Wenn es stimmte, was sein Berater vermutete, wem konnte er dann noch vertrauen?
Inghard glaubte nicht, dass auch nur einer seiner Männer ihn hintergehen würde. Doch genau darin lag das Problem! Er hatte niemand im Verdacht, weshalb es schlicht jeder sein konnte. Welche Möglichkeiten hatte er, einem Spion in gehobener Position auf die Schliche zu kommen?
Er brauchte Hilfe von außerhalb. Jemand, der absolut loyal und rechtschaffen war, nicht in Kontakt zum Militär stand und unbestechlich war. Verzweifelt schüttelte Inghard den Kopf. Ein Mann mit diesen Eigenschaften musste erst geboren werden. Es gab keinen Schwur, der nicht durch Gold, Macht oder einen anderen Preis aufgehoben werden konnte. Selbst die Ehrenhaftesten gerieten letztendlich ins Straucheln. Es gab immer ein Druckmittel, sei es das Leben eines Kameraden oder der Familie oder schlicht das eigene. Inghard war überzeugt, dass der Gegner, mit dem er es zu tun hatte, vor nichts zurückschreckte. Wen immer er gegen diese Verschwörung anzusetzen gedachte, musste unnahbar sein, zurückgezogen von der Gesellschaft leben und keinen erkennbaren wunden Punkt vorweisen. Wieder schüttelte Inghard den Kopf. Seine Liste infrage kommender Personen war soeben auf Einsiedler und Verstorbene geschrumpft.
Einsiedler ... Vielleicht war der Gedanke gar nicht so abwegig, überlegte der König, nachdem er erfolgreich die Vorstellung eines alten Mannes in einer Höhle aus seinem Geist verscheucht hatte und sich stattdessen das Bild einer kleinen Siedlung inmitten eines Waldes festsetzte. Schlanke Gestalten huschten über die Lichtung. Elfen.
Möglicherweise waren sie die Lösung seines Problems. Die Elfen kümmerten sich selten um Reichtümer oder Macht der Menschen. Sie hatten das Erblühen und den Fall vieler Königreiche überlebt, während sie ihrer eigenen Ordnung folgten. Ihre Gastfreundschaft war sprichwörtlich, doch gewährten sie lediglich sehr wenigen Menschen mehr als nur einen flüchtigen Blick in ihre Geheimnisse. Sie waren so schwer zu fassen wie Schmetterlinge. Wer jedoch einem Elfen den Kampf ansagte, bezahlte fast immer mit dem Leben.
Niemand schien besser geeignet, die Wirren um diese feindliche Kriegerbande zu lösen.
Inghard entsann sich einer Elfensippe tief in den nordwestlichen Wäldern, die einst ihre Freundschaft zur Königsfamilie bekundet hatte. Nun war es an der Zeit, diese Freundschaft auf die Probe zu stellen.
Entschlossen ging Inghard zu dem Tisch des Schreibers, verfasste einige Zeilen und versiegelte den Brief. Er läutete nach einem Bediensteten und übergab ihm die Nachricht mit der Anweisung, sie schnellstmöglich zu überbringen.
»Vielleicht haben wir doch noch ungeahnte Freunde«, sagte er zu Harold und der Anflug eines Lächelns huschte über seine Lippen. »Ich danke Euch für Euren wertvollen Rat.«
Harold verstand, dass er sich nun entfernen sollte. Er verbeugte sich theatralisch und verließ den Audienzsaal.
Auf dem Flur beeilte er sich, den Botenjungen einzuholen. »Erlaubt mir, Euch zu sagen, dass ich Euren Fleiß hoch achte. Ihr hättet wahrlich einmal eine kleine Anerkennung für Eure Mühen verdient.«
Der Bedienstete blieb stehen und sah irritiert zu dem Berater auf.
»Nun, wie es der Zufall gerade will ...« Harolds Hand schoss vor und schnappte dem Mann den Brief weg. Ein flüchtiger Blick auf das Schreiben verriet ihm, wer der Empfänger war. »Wie der Zufall will, habe ich ein paar dringende Angelegenheiten nahe der nordwestlichen Waldgrenze zu erledigen. Was haltet Ihr davon, wenn ich die Überbringung dieses Briefes für Euch erledige und Ihr Euch einen angenehmen Nachmittag macht? Habt Ihr ein Mädchen, mein Junge?«
Der Bote schüttelte verunsichert den Kopf.
»Dann geht und sucht Euch eines!« Harold klopfte dem Mann aufmunternd auf die Schulter, ließ den Brief in den Falten seiner Robe verschwinden und eilte den Gang entlang davon.
»Wir wollen endlich Bezahlung sehen!« Eberwolf, der Anführer der Kriegerschar, trat herausfordernd einen Schritt auf den Mann zu. Seine große, zweischneidige Axt drehte er beiläufig in den Händen.
»Ihr werdet euch noch ein wenig gedulden müssen. Ich versprach dir und deinen Männern Macht, Eberwolf. Und die werdet ihr erhalten! Mehr, als ihr euch zu erträumen wagt! Das Land wird beim Klang eurer Namen erzittern und die Frauen werden sich euch zu Füßen werfen. Dies alles«, der Mann machte eine ausladende Handbewegung über die Ebene, eine Geste, die wohl nicht zufällig die Hauptstadt des Landes mit dem Königspalast einschloss, »wird euch gehören!«
»Pah!«, schnaubte der Krieger. »Diese armseligen Wichte zittern schon heute und die Frauen pflegen wir auf die Knie zu zwingen. Und ich pfeife auf deine Baracken! Mit den Erträgen aus den Plünderungen können wir kaum unsere Unkosten abdecken. In diesen stinkenden Schweineställen gibt es doch nur Stroh und Dreck! Du hast uns Ruhm und Reichtum versprochen. Nun will ich endlich Gold sehen, oder du findest deinen hohlen Kopf aufgespießt auf einem Speer wieder!«
Eberwolf beobachtete den Mann misstrauisch, der angesichts seiner durchaus ernst gemeinten Drohung ergeben nickte. Der Krieger wusste, dass er es nur tat, um ihn zu beschwichtigen. Dieser Mann zollte ihm nicht einmal halb soviel Respekt, wie er vorgab. Mittlerweile fragte sich Eberwolf, ob er selbst wirklich der Gewinnträger in diesem Geschäft sein würde oder lediglich als Spielball diente. Seine Finger schlossen sich fest um den Axtgriff.
»Hoheit, das Volk wird zunehmend nervös. In den Dörfern brechen Unruhen aus.« Die Stimme des Generals klang beinahe flehend. »Ich habe zu wenig Mann, um diese Bande zu jagen und gleichzeitig die Aufständischen zurückzuschlagen!«
Inghard beugte sich seufzend auf seinem Thron vor. Nachdenklich faltete er die Hände und stützte sein Kinn darauf. »Ich werde den Forderungen der Volkssprecher nachgeben und den Betroffenen Entschädigung zahlen. Das sollte sie vorerst besänftigen«, sagte er schließlich. »Ist die Auflistung der Ressourcen der Schatzkammer vervollständigt? Ich muss wissen, welche Mittel ich entbehren kann.« Der König sah seinen Schatzmeister direkt an, einen kleinen, dicklichen Mann, der jetzt unruhig von einem Fuß auf den anderen trat.
»Nun, Eure Majestät.«
»Seid Ihr mit der Zählung fertig?«, wiederholte Inghard scharf.
»Ja, schon. Jedoch ...«
Der König sog hörbar die Luft ein. »Wie viel Überschuss steht uns zur Verfügung?«, fragte er gefasst.
»Nach Abzug der Soldkosten für das nächste Quartal? Zweitausendeinhundert Goldstücke, Hoheit!« Der Schatzmeister warf einen verunsicherten Seitenblick auf den Berater für magische Angelegenheiten, der unweit des Königs stand. – Harold nickte ihm kaum merklich zu. – Schweißperlen bildeten sich auf der Stirn des beleibten Mannes. Hastig wischte er sich mit dem Ärmel seines Hemdes über die Schläfen und fuhr fort: »Berücksichtigt man noch die verlorene Ernte, wodurch Zukäufe von Lebensmitteln aus dem Ausland nötig werden, dann bleibt unterm Strich ...«
»Nichts mehr übrig«, vollendete Inghard den Satz.
»Wir müssen militärisch hart durchgreifen«, meldete sich der General unaufgefordert zu Wort. »Ich brauche mehr Männer!«
»Die ich nicht bezahlen kann«, erinnerte der König ihn. »Dennoch werdet Ihr Eure Verstärkung bekommen.«
Die Umstehenden warfen ihm verständnislose Blicke zu.
Inghard lehnte sich auf seinem Thron zurück. »Ich habe mich auf der Suche nach Verbündeten an die Elfen gewandt. Ihre Zahl ist nicht groß, doch sind es fähige Kämpfer. Sie werden meine Bitte nicht ausschlagen.«
»Genügt diese Summe, um den Kampfwillen deiner Männer zu garantieren?«
Die Frage war überflüssig. Eberwolf konnte seinen Blick kaum von der prall gefüllten Kiste abwenden. Seine Augen leuchteten, als er die glänzenden Dukaten betrachtete. Dieses Geschäft begann sich äußerst lukrativ für ihn zu entwickeln. Oh ja, es würde ihn reich machen, unermesslich reich!
»Die Loyalität meiner Männer ist dir gewiss!«, versprach er grinsend. Und nur in Gedanken fügte er hinzu: ›Zumindest, bis ich deiner überdrüssig werde.‹
König Inghard stand an das Fenster des Nordturmes gelehnt und starrte über die Dächer der Stadt Ametar hinweg in die Ferne. Dunst breitete sich wie ein Schleier über die Ebene. Und dahinter, vor seinem Blick verborgen, erstreckte sich das weite Waldland bis zu den Hängen des Gebirges.
»Sie haben nicht auf meine Bitten reagiert. Die Elfen sind nicht gekommen.« Niedergeschlagenheit schwang deutlich in Inghards Stimme mit. Es war nun über eine Woche vergangen, seit er sich mit seinem Hilferuf an die Elfensippe gewandt hatte. Doch er hatte keine Antwort erhalten. Die ersehnte Verstärkung war ausgeblieben. Seine Hoffnung war zerschlagen. Und nicht nur das! Inghard empfand die Zurückweisung der Elfen auch als persönliche Kränkung. Schätzten sie einen Menschenkönig derart gering, dass sie nicht einmal eine Nachricht sandten?
»Manchmal ist man gezwungen, alte Freundschaften zu überdenken und neue Verbündete zu suchen«, sagte Harold und trat hinter den König.
Inghard wandte sich um und sah seinen Berater in einer Mischung aus Verzweiflung und Ratlosigkeit an. »An wen sollte ich mich noch wenden?«
Harold blickte am König vorbei aus dem Fenster. »Vielleicht gibt es da noch jemand«, überlegte er. »Mir ist eine Schar Krieger bekannt – Männer, die bereit sind, für die Erreichung hoher Ziele bis in den Tod zu gehen. Und sie schulden mir einen Gefallen.«
Inghard horchte interessiert auf. »Wie groß ist dieser Gefallen?«
»Erheblich.«
Inghards Hoffnung lebte wieder auf, als Harold bereits am nächsten Tag eine beachtliche Schar bewaffneter Männer um sich sammelte. Aufgrund der Empfehlung des Beraters wurden die Krieger in kleinen Gruppen in den Dörfern stationiert, um im Falle eines Angriffs sofort zur Stelle zu sein.
Tatsächlich ging die Zahl der Überfälle daraufhin merkbar zurück. Auch wenn es trotz allem nicht gelang, die Plünderer zu fassen, glätteten sich die Sorgenfalten auf Inghards Stirn zusehends, und er dachte daran, den Männern und nicht zuletzt Harold eine Auszeichnung für ihre selbstlosen Dienste an dem Land zu verleihen. Sie waren so etwas wie Volkshelden geworden. Die Leute stimmten Lobeshymnen zu ihren Ehren an. Und mit einem Schlag waren Unzufriedenheit und der Unmut gegenüber der Regierung vergessen.
3 – Machtübernahme
»Was geht hier vor?« Zähneknirschend trat Wilfried hinaus auf den Dorfplatz von Wiesgrund, wo sich eine aufgebrachte Menge versammelt hatte. Als Bürgermeister der kleinen Gemeinde oblag es ihm, für Recht und Ordnung zu sorgen. Und jetzt lag Ärger in der Luft, das spürte er genau.
Er schob sich durch den Menschenauflauf bis zu einer Gruppe schwer bewaffneter Männer – Söldner, die das Militär seit einigen Wochen hier einquartiert hielt. Entgegen der allgemeinen Begeisterung, die ihnen entgegengebracht wurde, begrüßte Wilfried die ungebetene Unterstützung nicht. Diese Männer hatten binnen kürzester Zeit eine geachtete Stellung innerhalb der Dorfhierarchie erreicht. Sie benahmen sich, als hätten sie selbst alle Weisungsbefugnisse, und Wilfried fürchtete, dass ihm die Führung aus den Händen glitt.
Misstrauisch beäugte er die Söldner.
