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Sommer 1947. Das an den Klippen Cornwalls malerisch gelegene Hotel Pendizack wird durch einen Felssturz verschüttet, und alle, die sich im Haus befanden, liegen unter den Trümmern begraben. Nur diejenigen, die sich zum Zeitpunkt des Unglücks zu einem Fest am Strand versammelt haben, sind verschont geblieben. Kann das Zufall sein? Eine Woche zuvor ist das heruntergekommene Herrenhaus, das die verarmten Pendizacks zum Hotel umfunktioniert haben, um die Ausbildung ihrer Söhne zu finanzieren, noch fast ohne Gäste. Nach und nach treffen Urlauber ein, unterschiedlichste Menschen, die sich ein einziges Badezimmer teilen müssen: die fünfköpfige Familie Gifford mit ihren besonderen Ansprüchen, die kapriziöse Schriftstellerin Anne Lechene und ihr Chauffeur, der furchteinflößende Geistliche Mr Wraxton mit seiner Tochter Evangeline. Ein jeder von ihnen, wie auch die Pendizacks, das lebenskluge Dienstmädchen Nancibel und die anderen Bediensteten, schlägt sich mit geheimen Sorgen herum und hat etwas zu verbergen. Vor der herrlichen Kulisse des offenen Meers bahnen sich Freundschaften, Romanzen, Fehden, Feindschaften an. Alles gipfelt in der Feier am Strand - und in der Frage, wer daran teilgenommen hat, um wie durch ein Wunder der Tragödie zu entgehen.
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Seitenzahl: 484
Veröffentlichungsjahr: 2023
Inhalt
[Cover]
Titel
Widmung
PROLOG
Die Leichenrede
SAMSTAG
1 Brief von Lady Gifford an Mrs Siddal
2 Nicht beendeter Brief von Miss Dorothy Ellis an Miss Gertrude Hill
3 Aus Mr Paleys Tagebuch
4 Ein Paar Hände
5 Frühstück in der Küche
6 Die Gedanken von Sir Henry Gifford
7 Unerwartete Gäste
8 Die Reise
9 Jemand sein ist alles
SONNTAG
1 Aus Mr Paleys Tagebuch
2 Zum Bettenmachen braucht es zwei Paar Hände
3 Liebe Leute, kommt und betet!
4 Getippte Notizen für eine Predigt von Pfarrer S. Bott Sonntag, den 17. August 1947
5 Der Kanonikus äußert sich
6 Meinst du, dass du mit Recht zürnst?
7 Alte Bekannte
8 Mr Siddal doziert
9 In tiefer Nacht
MONTAG
1 Miss Ellis’ Allwissenheit
2 Das Flaschenschiff
3 Keine Lady
4 Mäusespeck
5 Die Liebe ist eine Galeere
6 Der blutende Zweig
7 Aus Mr Paleys Tagebuch
8 Fremde Betten
DIENSTAG
1 Zigarettenstummel
2 Schwarzer Bernstein
3 Erfahrungen sammeln
4 Die Anderen Klippen
5 Der Totenfelsen
6 Brote und Fische
7 Die Mütter
8 Einsamkeit
9 Stimmen in der Nacht
MITTWOCH
1 Speckstein
2 Die Widerstandsbewegung
3 Recht und Gesetz
4 Der Sündenbock
5 Siddals Stunde
6 Abschied für immer
7 Sich binden oder frei bleiben?
DONNERSTAG
1 Keine Zeit zum Weinen
2 Mr Siddal arbeitet
3 Hindernisse bei näherer Betrachtung
4 Miss Ellis an Miss Hill
5 Das Gelage
6 Der Poltergeist
7 Atalanta
FREITAG
1 Aus Mr Paleys Tagebuch
2 Circe
3 Manchmal schweigend, manchmal schreiend
4 Der Hut des Quangle-Wangle
5 Der vergessene Wein
6 Das Fest
Autor:innenporträt
Übersetzer:innenporträt
Kurzbeschreibung
Impressum
Widmung
Für Margot Street
PROLOG
Die Leichenrede
Im September 1947 verbrachte Pfarrer Gerald Seddon von St Frideswide, Roxton, die Ferien wie jedes Jahr bei Pfarrer Samuel Bott von St Sody, Nord-Cornwall.
Sie sind alte Freunde, und die gemeinsame Zeit bereitet ihnen immer das größte Vergnügen. Mr Bott kann sich Ferien an einem anderen Ort nicht leisten, und so verbringt er sie zu Hause, zusammen mit Mr Seddon. Für diese Tage tauscht er den Talar, in dem man ihn sonst sieht, gegen alte Flanellhosen und Pullover und unternimmt Expeditionen auf die Klippen, wo er die Vögel studiert. Abends spielen sie Schach. Beide sind Junggesellen, Ende fünfzig und anglokatholisch. Sie werden von den Gemeindemitgliedern »Vater« genannt und genießen die Streitereien mit den Protestanten weniger als früher. Vater Bott ist grauhaarig, struppig und untersetzt; er ähnelt einem Scotch-Terrier und ist in der Gemeinde von St Sody nicht sehr beliebt. Vater Seddon hat die triefäugige Melancholie eines Bluthundes; sein Leben ist härter und unerfreulich, aber seine Gemeinde verehrt ihn.
Er trifft rechtzeitig zum Abendbrot ein, und kaum ist die Mahlzeit beendet, wird das Schachbrett hervorgeholt. In London muss Vater Seddon seine Abende in Vereinen und Missionshäusern verbringen und freut sich auf die bevorstehende Erholung.
Deshalb war er nun etwas enttäuscht, als sein Freund ihn am Abend seiner Ankunft aufforderte, das Schachbrett wegzulegen.
»Es tut mir leid«, erklärte Bott, »ich kann heute Abend nicht spielen. Ich habe eine Predigt zu schreiben.«
Seddon zog die Augenbrauen hoch. Sie hatten vor langer Zeit vereinbart, dass Bott alle Predigten im Vorhinein schrieb, damit ihre gemeinsame Zeit frei von dieser Verpflichtung wäre.
»Es ist eine unvorhergesehene Predigt«, entschuldigte sich Bott. »Ich habe heute Nachmittag schon versucht, sie zu schreiben, aber mir ist nichts eingefallen.«
»Wie ungewöhnlich«, spottete Seddon.
»Na ja … es handelt sich um eine Leichenrede.«
Bott ging zu seinem Schreibtisch und nahm den Deckel von der Schreibmaschine.
»Es ist nicht mal ein gewöhnliches Begräbnis«, klagte er. »Überhaupt kein Begräbnis, im Grunde genommen. Wir können die Verstorbenen nicht begraben. Sie sind schon begraben. Unter einer Klippe.«
»Oh! Die Pendizack-Bucht?«
Seddon kam nicht oft dazu, Zeitung zu lesen, aber an dieses Unglück erinnerte er sich, weil es in der Gemeinde seines Freundes geschehen war. Im August war einige Kilometer von dem Dorf St Sody entfernt plötzlich eine Felswand in eine kleine Bucht gestürzt und hatte das Haus, das auf einer Landzunge am Ostufer gestanden hatte, unter sich begraben. Alle Menschen in dem Haus waren dabei umgekommen.
»War nicht eine Mine die Ursache?«, fragte Seddon. »Die Flut hatte sie in die kleine Höhle hinter dem Haus gespült, richtig?«
»Zum Teil, ja. Aber das mit der Mine ist schon Monate her«, erklärte Bott. »Sie ist vergangenen Winter im Innern dieser Höhle explodiert, schien aber keinen Schaden angerichtet zu haben. Wir dachten alle, wie knapp das Haus dem Untergang entgangen ist. Es war ein Hotel, weißt du, und vorher ist es ein Privathaus gewesen. Die Höhle liegt genau unter den Klippen. Die Explosion muss die Felsen im Inneren erschüttert und ein Stück aus der Felswand herausgerissen haben. Später hat man oben auf den Klippen, ungefähr hundert Meter landeinwärts, einige Risse entdeckt. Humphrey Bevin, er ist der Sachverständige und wohnt drüben in der Nähe von Falmouth, hörte davon und kam, um sich die Risse anzusehen. Er war sich nicht sicher. Zuerst hielt er sie für ungefährlich. Dann aber schrieb er an Siddal, den Hotelbesitzer, wenn die Risse breiter würden, dann wäre das Haus gefährdet, und sie sollten lieber ausziehen. Siddal hat auf diesen Brief nie geantwortet. Er hat sich überhaupt nicht darum gekümmert. Und jetzt liegt er unter den Klippen.«
»Willst du damit sagen, die Opfer liegen noch dort begraben?«
»Es gibt keine Möglichkeit, sie dort herauszuholen. Du solltest den Ort jetzt sehen, du würdest ihn nicht wiedererkennen. Die Bucht ist verschwunden. Keiner käme auf die Idee, dass dort jemals ein Haus mit Garten und Ställen stand. Und nun soll dieses unangenehme Begräbnis stattfinden … Zuerst der Gottesdienst in der Kirche und der Rest dann in größtmöglicher Nähe zu den Toten. Das bedeutet Kraxelei in den Felsen. Ich bin nicht besonders begeistert, aber ich kann mich natürlich nicht davor drücken. Wir müssen den Verunglückten ein christliches Begräbnis geben, so anständig es geht. Morgen soll es sein. An deiner Stelle würde ich mich aus dem Staub machen. Die ganze Presse wird erscheinen, nehme ich an, und Wagenladungen voll Schaulustiger … Und ich soll da eine Predigt halten!«
Bott setzte sich an die Schreibmaschine. Er schrieb seine Predigten nie von Hand, denn nicht einmal er selbst konnte seine Schrift entziffern. Allerdings war das mit der Maschine Geschriebene oft voller Fehler, denn das Tippen war nicht seine Stärke.
Er tippte die Überschrift:
HöherEgEwalt.
Dann legte er eine zwanzigminütige Pause ein. Seddon brütete unterdessen über einem Schachproblem, das er sich selbst gestellt hatte. Auf dem Kaminsims tickte der billige Wecker.
Bott zeichnete nun Figuren auf ein Löschpapier. Zuerst einen Delfin. Dann geschwungene Säulenkapitelle. Danach die Pendizack-Spitze, die in das Meer hinausragte. Sie war immer noch dort. Es gab sie schon Hunderte, vielleicht Tausende von Jahren. Aber das Chaos von abgestürzten Felsblöcken und Geröll, das kahle Gesicht der Klippen auf der östlichen Seite der Bucht war erst einen Monat alt. Das konnte Bott nicht zeichnen. Er wollte diesem Chaos keine Form geben.
Seit Wochen schon versperrte ihm dieses steinerne Durcheinander die Bahn seiner Gedanken, so wie es ihm in der Nacht, als er zur Unglücksstelle geeilt war, den Weg versperrt hatte. Wie alle anderen im Dorf hatte er das Brüllen und Tosen der stürzenden Klippe gehört. Als er über die Wiesen rannte, begegnete er Leuten, die schrien, mit dem Pendizack-Hotel sei es vorbei. Er erwartete, Trümmer, Lärm, Verwirrung, Schreie, Leichen zu sehen – aber nicht diesen furchtbaren Anblick.
Eine Staubwolke wälzte sich ihnen entgegen, als sie den Hügel hinunter zu den Klippen liefen, man konnte kaum die Hand vor Augen erkennen. Der Pfad zum Hotel wand sich am Rand einer Schlucht zwischen Bäumen und Sträuchern in steilem Zickzack hinunter. Die Stille aus der Tiefe legte sich bereits wie eine eiskalte Hand um Botts Herz. Nach der zweiten Wegbiegung stand er plötzlich vor einem Hügel aus Geröll. Den Weg nach unten gab es nicht mehr.
Zunächst hielt er den Hügel für eine Aufhäufung loser Steine und Erde und versuchte hinüberzuklettern. Doch die lockeren und rutschenden Steine unter den Füßen ließen es nicht zu, und er kehrte zurück auf den Weg. Von dort aus stieg er durch einen tunnelartigen Seitenpfad zwischen Rhododendren auf das Plateau. Und hier, im staubigen Mondlicht, sah er, was geschehen war. Die Klippe war abgebrochen und in die Bucht gestürzt und hatte sie vollkommen zugeschüttet. Es war keine Spur mehr von irgendetwas zu sehen, weder von dem Haus noch von der Landzunge, auf der es gestanden hatte.
Die Flut leckte bereits an den neuen Felsstücken, als hätten sie schon immer dort gelegen. Die Küstenlinie hatte ihre Form verändert, und die Anderen Klippen waren ruhig und starr wie eh und je.
Bott seufzte, xte die Überschrift aus und tippte eine neue.
Seid ruhig undwisseT ichbin Gott.
»Du kommst nicht grade schnell voran«, bemerkte Seddon.
»Ich hatte solche Angst«, sagte Bott.
Er schrieb: Plötzlicher Tod, und sagte:
»Ich fürchte mich immer noch.«
»Nichts im Vergleich zu London 1941, würde ich denken«, entgegnete Seddon.
»Ich weiß.«
Bott erhob sich und trat ans Fenster. Es war eine schöne Nacht, ein leichter Wind wehte. Die Blätter der Bäume um die Kirche zitterten, eine dunkle, bewegte Masse vor dem sternenlosen Himmel. Bald würden die Blätter fallen und verstreut auf den Gräbern liegen, dann verwelken und sich wieder in Erde verwandeln. In den Winterstürmen würden die nackten Äste gegen die Kirchmauern peitschen und auf die neuen Blätter warten. Mit jeder Woche und jedem Monat würde die Erinnerung an diese Sommernacht tiefer in die Vergangenheit zurücksinken. Bott fühlte sich sicherer im Gedanken an die Zukunft. Nichts ist gewiss, dachte er, nur der Frühling.
»Die Überlebenden«, sagte er, »kamen her. Sie baten mich um Unterschlupf in der ersten Nacht.«
»Es gab Überlebende?«
»O ja. Sie kamen und erzählten. Sie saßen hier und redeten die ganze Nacht. Du weißt, wie Menschen unter Schock sprechen. Sie sagen Dinge, die sie sonst nie über die Lippen brächten. Die erstaunlichsten Dinge. Sie erzählten mir, wie sie entkommen waren … Es war viel zu viel. Ich wünschte, sie hätten das nicht getan.«
»Wie konnten sie denn entkommen?«
»Ich weiß nicht, was ich darüber sagen soll«, meinte Bott und drehte sich vom Fenster weg. »Ich weiß nicht, was ich denken soll. Sie haben sehr viel erzählt, aber doch nicht alles. Die ganze Wahrheit wird nie jemand erfahren. Aber was sie mir erzählten …«
Er setzte sich Seddon gegenüber in einen Sessel vor das Kaminfeuer.
»Also, hör zu«, sagte er. »Und mach dir selbst ein Bild.«
SAMSTAG
1
Brief von Lady Gifford an Mrs Siddal
The Old House
Queen’s Walk
Chelsea
13. August 1947
Liebe Mrs Siddal,
ich hätte Ihnen schon früher schreiben sollen, um Ihnen zu sagen, wie sehr wir uns alle auf unsere Ferien in Pendizack freuen. Aber es ging mir in diesem Frühling, als mein Mann bei Ihnen die Zimmer reservierte, nicht besonders gut, und Briefe zu schreiben war mir verboten. Es geht jetzt viel besser. Die Ärzte wetzen ihre Messer und versprechen, mich zum Herbst wieder vollkommen gesund zu machen.
Wir werden Samstag, den 16., ankommen. Die Kinder reisen mit dem Zug, sie müssten mit einem Auto an der Station abgeholt werden – die Sekretärin meines Mannes teilt Ihnen noch schriftlich mit, welcher Zug, welche Station usw. Ich werde mit meinem Mann im Auto fahren, wir treffen hoffentlich zwischen Tee und Abendessen ein. Sollten wir uns aber verspäten, hätten Sie die Freundlichkeit, die Kinder früh zu Bett zu schicken? Sie werden nach der Reise müde und aufgekratzt sein.
Unsere gemeinsame Freundin, Sibyl Avery, hat mir viel von Pendizack erzählt. Es muss wundervoll sein, viel netter als in einem gewöhnlichen Hotel, besonders für die Kinder. Sie sagte, Sie hätten einige Söhne, wusste jedoch deren Alter nicht. Wenn einige von ihnen noch klein sind, könnten Michael und Luke mit ihnen zusammen essen, denn sie wären im Speisesaal vielleicht allzu laut. Ich werde die meisten Mahlzeiten leider auf meinem Zimmer einnehmen müssen, sodass ich nicht auf die Jungen aufpassen kann. Ist das eine große Unannehmlichkeit für Sie? Mein Mann kann mir das Essen natürlich heraufbringen. Es tut mir leid, Ihnen solche Mühe zu bereiten. Aber mein Arzt besteht auf Ruhe während meiner Mahlzeiten. Ich leide an schrecklichen Verdauungsstörungen, und er sagt, mein Geist sei zu rege – ich denke und spreche zu viel beim Essen; also ist es wirklich besser, ich esse allein.
Sibyl berichtete mir, Sie besäßen einen eigenen Bauernhof, was Ihnen die Zubereitung meiner Diät sicher erleichtern wird. In einem großen Hotel ist so etwas schwierig, man würde für eine Kranke dort keinen Aufwand betreiben. Es ist keine komplizierte Diät. Ich schreibe Ihnen hier auf, was ich
a) essen darf und was ich
b) nicht essen darf.
a) Geflügel, Wild, frisches Fleisch, Leber, Nieren, Speck, Zunge, Schinken, frisches Gemüse, Salate, frische Eier, Milch, Butter usw.
Sie sehen, eine große Auswahl.
b) Wurst, aufgewärmtes Fleisch, Margarine, Trockeneier, Trockenmilch, Sachen aus Konserven, Corned Beef usw.
Ich will Sie nicht mit Einzelheiten langweilen. Nur so viel: Mein Stoffwechsel hat sich seit Carolines Geburt nie mehr erholt, und die ganze Ärzteschaft der Harley Street scheint ratlos zu sein. Ich hasse es, jemandem Mühe zu bereiten. Aber ich weiß, Sie werden mich verstehen. Sibyl erzählte mir, dass Sie ein wundervoller Mensch sind und ausgezeichnet für Ihre Gäste sorgen. Nach einer Woche Pendizack werde ich ein neuer Mensch sein, behauptet sie. Und noch etwas zu meinen Mahlzeiten: Sie können in diesen harten Zeiten selbstverständlich ganz unmöglich allen das Gleiche vorsetzen wie mir. Deshalb ist es für Sie sicher angenehm, wenn ich auf meinem Zimmer esse, damit die anderen Gäste nicht sehen, was ich bekomme. Die Leute sind oft so selbstsüchtig und rücksichtslos.
Ich bewundere so sehr, dass Sie auf diese Idee kamen, um Ihr hübsches altes Haus behalten zu können. Wir mussten unseren Landsitz in Suffolk aufgeben. Keine Dienstboten! Alles Schöne und Angenehme scheint aus unserem Leben verschwunden zu sein, nicht wahr?
Oh, und haben Sie etwas gegen eine Katze? Hebe möchte ihre Katze unbedingt mitbringen, und ich habe nicht das Herz, es ihr zu verbieten. Ich fürchte, ich verwöhne meine Familie, aber Sie werden mich verstehen, denn Sibyl hat Ihnen gewiss meine komische, traurige kleine Geschichte erzählt! Keine Kinder mehr nach Caroline, ich, die ich ein Dutzend Kinder haben wollte! Ich konnte es nicht ertragen, Caroline als Einzelkind aufwachsen zu sehen, deshalb suchte ich mir ihre kleine Schwester und die zwei kleinen Brüder unter den armen ungewollten Babys der Welt aus. Ich fühle die Verantwortung, ihnen mehr als nur eine Mutter zu sein, um sie für ihr früheres unglückliches Schicksal zu entschädigen. Hebe ist zehn Jahre alt, die Jungen (Zwillinge) sind acht.
Ich bemerke soeben, dass ich nichts von Fisch gesagt habe. Ich darf alle Sorten essen, nur keinen Bückling. Aber auch Schellfisch bekommt mir nicht gut, oder nur mit sehr viel frischer Butter übergossen. Krebse und Hummer sind nicht verboten, was angenehm ist, denn ich denke, Sie bekommen immer eine Menge, sodass viele Menschen davon essen können.
Ich freue mich sehr, Sie kennenzulernen. Ich werde darauf bestehen, dass Sie nicht Ihre ganze Zeit nur als wundervolle Hausfrau verbringen, sondern hin und wieder ein bisschen davon erübrigen, um mit mir zu plaudern, denn ich glaube, wir haben viele gemeinsame Freunde.
Sie kennen die Grackenthorpes gewiss auch. Ich mag Veronica so gern und vermisse sie sehr, jetzt, wo sie nach Guernsey gezogen sind. Aber dort werden wir wohl alle bald leben müssen, wenn die Einkommenssteuer nicht herabgesetzt wird.
Mit herzlichen Grüßen
Ihre Eirene Gifford
P. S. Ob mein Mann irgendwo Gelegenheit haben wird, Golf zu spielen?
2
Nicht beendeter Brief von Miss Dorothy Ellis an Miss Gertrude Hill
Hotel Pendizack
Porthmerryn
Samstag, den 16. August 1947
Liebe Gertie,
ich habe deine Karte gestern Abend erhalten. Ja, auch deinen Brief. Bitte sei mir nicht böse, dass ich ihn nicht beantwortet habe. Seit ich hier bin, komme ich buchstäblich nicht dazu, mich hinzusetzen. Was die Frage in deinem Brief betrifft: Nein, ich rate dir nicht, hierherzukommen, wenn du eine andere Stelle finden kannst – eine Köchin findet immer eine Stelle, anders als ich Bedauernswerte. Wenn ich die Hitze in einer Küche ertragen könnte, wäre ich nicht, wo ich jetzt bin – in diesem vermaledeiten Loch, dem schlimmsten, das ich je gesehen habe – ich werde kündigen, sobald ich etwas Neues gefunden habe – ich habe mich auf mehrere Inserate beworben – aber natürlich sind die besten Stellen für diese Saison schon vergeben. Das habe ich davon, dass ich die Stelle angenommen habe – sie hat mich mit falschen Versprechungen hergelockt: Sie braucht nämlich nicht eine Hausdame, sondern ein Mädchen für alles – wenn ich nicht sehr aufpassen würde, müsste ich jeden Handschlag selbst tun.
Es ist nicht einmal ein richtiges Hotel, sondern bloß ein heruntergekommenes Gästehaus mit Löchern im Dach; man sieht, dass seit Jahren nichts daran gemacht worden ist. Und es gibt nur ein einziges Badezimmer. Sie haben ihr ganzes Geld verloren, und da kam sie auf die großartige Idee, das Haus in ein Hotel umzuwandeln, denn ihre süßen Jungen müssen natürlich weiter auf die stinknoblen Schulen gehen. Sie hat keinen blassen Schimmer davon, wie man ein Hotel führt. Ich werde verrückt, wenn ich sie mit diesem riesigen Haus sehe – ich hätte aus meiner Teestube Gewinn schlagen können, wenn ich die Chancen anderer Leute gehabt hätte.
Er hat, soviel ich weiß, nie irgendetwas zu seinem Leben beigetragen, außer geboren zu werden – er muss in einer lochartigen Kammer schlafen und zählt hier nicht mehr als ein lästiger Kopfschmerz. Letzte Woche war eine Familie Bergman hier, keine erstklassigen Leute – eigentlich ganz gewöhnliche –, und Mr Bergman beklagte sich, das Wasser würde nie heiß – es ist sowieso nie heiß –, und die Siddal rauschte herbei und sagte, Gerry, ihr ältester Sohn, würde den Heizkessel reparieren, wenn er heimkommt. »O nein«, sagte Mr Bergman da, »das werden Sie schön selbst tun, Mrs Siddal, und zwar jetzt. Mir ist es egal, wer den Heizkessel repariert. Ich zahle sechs Guineen in der Woche, damit ich mal Ruhe habe und nicht Sie!« Du hättest ihr Gesicht sehen sollen! Ich lache nicht oft – es gibt ja nicht viel zu lachen –, aber da hab ich mich totgelacht, ich stand gerade günstig auf dem Flur. Unsere sozialistische Regierung hilft zwar den Armen nicht, wie sie es versprochen hat, aber immerhin bringt sie die Reichen zu Fall, das ist auch schon was.
Das Hotel liegt meilenweit von Porthmerryn und den Geschäften entfernt, deshalb kriegt sie natürlich keine Bediensteten. Sie hat nur ein Mädchen für tagsüber und einen unterbelichteten Jungen, der den Kellner spielt. Sie muss selbst kochen, bis sie eine Köchin findet. Zurzeit sind keine Gäste da, außer einem langweiligen alten Ehepaar namens Paley – heute Abend sollen aber noch zwei Familien ankommen.
Also, Gertie, ich muss den Brief ein anderes Mal zu Ende schreiben, denn es ist fast acht Uhr morgens, und ich sehe von meinem Fenster aus Nancibel, besagtes Dienstmädchen, über den Strand kommen; ich muss ihr ständig auf die Finger sehen, sonst tut sie überhaupt nichts. Keine Ruhe für die Bösen!
3
Aus Mr Paleys Tagebuch
Pendizack
Samstag, den 16. August
Ich habe seit fünf Uhr morgens an meinem Fenster gesessen und der einsetzenden Ebbe zugeschaut. Nun sehe ich das hübsche Dienstmädchen … ich habe ihren Namen vergessen … den Felsenweg vom Pendizack-Plateau herunterkommen. Sie geht jeden Morgen da unten über den Strand. Es muss später sein, als ich dachte.
Christina schläft. Sie wacht immer erst auf, wenn das Mädchen den Tee bringt. Dann beginnt ein neuer Tag. Die Schonfrist ist bald vorüber; wenn Christina aufwacht, bin ich nicht mehr allein.
Sie wird nicht fragen, weshalb ich die halbe Nacht hier gesessen habe. Sie stellt mir keine Fragen: Sie kümmert sich nicht mehr darum, wie es um mich steht. Sie verbringt ihr Leben still und schweigend an meiner Seite. Es ist zweifellos ein elendes Leben, aber ich kann ihr nicht helfen. Wenigstens kann sie schlafen. Ich nicht.
Das Mädchen hat den Strand erreicht, aber sie geht sehr langsam. Ein anmutiges junges Geschöpf. Sie hat einen schönen Gang. Ich glaube, Christina mag sie sehr. Aber meine Frau neigt dazu, jungen Mädchen gegenüber sentimental zu sein: Sie erinnern sie an unsere verlorene Tochter. Der Mutterinstinkt ist eine ganz animalische Angelegenheit. Eine Katze, die ihre Jungen verloren hat, wird an deren Stelle auch Hundewelpen säugen, habe ich gehört.
Gestern habe ich mit Siddal gesprochen, dem Hotelbesitzer. Er erzählte, dass die Pendizack-Bucht früher die Höllenküche genannt wurde und dass seine Söhne das Hotel nun »Höllenhotel« nennen. Da er das witzig zu finden schien, versuchte ich zu lachen, obwohl mir auf der Zunge lag, mit Mephisto zu sagen: »Dies ist die Höll’, entrinnen kann ich nicht.« Diese Zeile verfolgt mich, wo immer ich bin. Ich kann ihr nicht entrinnen.
Ich will versuchen, an etwas anderes zu denken. Woran soll ich denken? Kann ich überhaupt denken? Oft kommt es mir vor, als könnte ich es gar nicht mehr. Gedanken reisen. Und ich bleibe … wo ich war.
Ich will an Siddal denken. Er ist ein komischer Kauz. Könnte ich für ein anderes Wesen noch Gefühle aufbringen, hätte ich tiefes Mitleid mit ihm. Er war wohl nie imstande, sich selbst zu erhalten. Und nun, da er all sein Geld verloren hat, muss er von der Arbeit seiner Frau leben – aus ihrer Hand das Brot annehmen. Er hat hier kein Ansehen. Niemand bringt ihm Respekt entgegen. Er lebt, so sagte man mir, in einer kleinen Kammer hinter der Küche, in der früher der Hausdiener schlief. Die besten Zimmer im Haus sind natürlich den Gästen vorbehalten. Mrs Siddal schläft irgendwo auf dem Dachboden, und die Jungen schlafen in einem Raum über den Stallungen.
Wie erträgt Siddal ein solches Leben? Wenn er schon in der Knechtekammer schlafen muss, weshalb besteht er dann nicht darauf, dass seine Frau auch dort schläft? Ich würde das jedenfalls verlangen. Aber ich hätte auch in anderer Beziehung nicht so gehandelt wie er. Ich hätte verboten, dass mein Haus für diesen Zweck benutzt wird. Sie tun das nur, um den beiden jüngeren Söhnen das Studium bezahlen zu können. Wenn Bildung zu einem solchen Preis erkauft werden muss, dann, sage ich, wird sie zu teuer erkauft. Zu allem Überfluss scheinen die Jungen ihren Vater zu verachten, sie behandeln ihn wie Luft.
Dabei fehlt es ihm nicht an Klugheit; er war, soviel ich weiß, ein vielversprechender junger Mann. Rechtsanwalt. Warum er in dem Beruf versagte, weiß ich nicht. Er hatte eigenes Kapital, und diese Tatsache, gepaart mit Gleichgültigkeit und völligem Mangel an Ehrgeiz, hat vielleicht seinen Untergang bewirkt.
Ich sollte dankbar sein, dass ich nie einen Penny besessen und nie Hilfe oder Unterstützung angenommen habe. Ich war immer nur von mir selbst abhängig.
Ich erröte, wenn ich ihn treffe; meistens ist er unsichtbar. Manchmal erscheint er auf der Terrasse oder im Salon, immer erpicht darauf, zu jemandem, der bereit ist, ihm zuzuhören, zu sprechen. Immer schlecht rasiert und etwas schmuddelig. Er hat drei Söhne, die ihn verachten. Ich habe kein Kind. Trotzdem möchte ich mit Siddal nicht tauschen …
4
Ein Paar Hände
Nancibel Thomas war ein wenig verspätet; trotzdem ging sie, wie Mr Paley bemerkt hatte, sehr langsam über den Strand. Jeden Morgen war es dasselbe. Sie konnte auf diesem letzten Stück ihres Weges einfach nicht schneller gehen. Sobald sie das Haus erblickte, schwand ihre Fröhlichkeit dahin; mit jedem Schritt trübte sie sich ein, als ginge sie in einen Nebel von Elend und Niedergeschlagenheit hinein. Jeden Tag wurde dieses Gefühl stärker.
Sie konnte sich nicht erklären, weshalb. Die Arbeit im Hotel Pendizack war nicht schwer oder unangenehm, und alle behandelten sie gut. Sie mochte Miss Ellis nicht, aber in der Zeit beim Frauenhilfsdienst im Heer hatte sie gelernt, mit allen möglichen Menschen umzugehen, auch mit solchen, die sie nicht mochte. Miss Ellis konnte kaum für das Unbehagen verantwortlich gemacht werden, das sie überkam, wenn sie sich dem Haus näherte, dieses Gefühl, dass dort etwas unbeschreiblich Trauriges geschah.
Manchmal dachte sie, dass es nur ihre eigene Traurigkeit war beim Anblick des Hauses, wo sie einen Teil ihrer fröhlichen Kindheit verbracht und Botengänge zwischen Pendizack und der Hütte ihres Vaters auf der Klippe erledigt hatte. Sie war mit Liebeskummer nach Hause zurückgekehrt, der vergangene Winter war für sie schwer gewesen. Aber wenn das niederdrückende Gefühl mit mir zusammenhängt, dachte sie, als ihre Schritte immer langsamer wurden, dann müsste es besser werden. Denn ich glaube, nach und nach komme ich darüber hinweg. Ich denke nicht öfter als zwei- oder dreimal in der Woche daran. Aber mein Gefühl diesem Haus gegenüber wird immer stärker.
Und doch bot das Hotel an diesem Morgen einen unschuldigen und hilflosen Anblick. Die Vorhänge waren noch überall zugezogen. Es hingen keine Badeanzüge zum Fenster hinaus, denn nun, da die Bergmans abgereist waren, badete niemand mehr im Meer. Nancibel erinnerte sich, wie sie Mr Bergman eines Morgens, als sie über den Strand kam, bei den Felsen begegnet war. Er war auf dem Weg zum Meer gewesen, um zu baden. Er hatte sie angestarrt und gezögert, als wollte er sie ansprechen. Aber er tat es nicht. Er sagte nur höflich guten Morgen und stieg weiter durch die Felsen hinab. Nun machte niemand mehr den Versuch, sie anzusprechen. Durch ihren Kummer und die Kraft, mit der sie ihn ertragen hatte, war sie ein Jemand geworden. Sogar der plumpe Mr Bergman hatte bemerkt, dass sie nicht irgendein gewöhnliches hübsches, schwarzhaariges Mädchen war. Auch ihre Mutter schien das zu sehen, denn sie hatte aufgehört, ihr gute Ratschläge zu geben, und fragte nun oft ihre Tochter um Rat.
Nicht alle Vorhänge waren zugezogen. Nancibel sah es, als sie vor dem Haus ankam. Der arme Mr Paley saß wie immer an dem großen Fenster im ersten Stock, das auf die Bucht hinausging. Wie eine Statue saß er da und starrte aufs Meer hinaus.
Und oben bewegte sich der Vorhang eines Dachkammerfensters. Miss Ellis hatte wohl Ausschau nach ihr gehalten.
Nancibel beschleunigte ihre Schritte und lief die in die Felsen gehauenen Stufen hinauf. Oben angelangt, ging sie durch die Gartenpforte und folgte dem Pfad ums Haus zum hinteren Eingang. Vor der Küche hing ihre weiße Ärmelschürze, auf dem Boden standen ihre Arbeitsschuhe. Rasch kleidete sie sich an und betrat die Küche. Ein Kessel summte schon auf dem Herd. Das, wusste sie, hatte sie Gerry Siddal zu verdanken, und nicht Fred, dem Kellner. Die Arbeit war immer leichter, wenn Mr Gerry in den Ferien zu Hause war. Er arbeitete nicht nur selbst viel, sondern achtete auch darauf, dass Fred, der ebenfalls über den Stallungen schlief, am Morgen rechtzeitig aufstand.
Sobald Nancibel den Tee und die Krüge mit heißem Wasser hinaufgetragen hätte, würde sie den Salon in Ordnung bringen, während Fred Halle und Treppen reinigte und Mrs Siddal das Frühstück bereitete. Dann wären Geschirrwaschen und das Reinigen von Schlafzimmern und Badezimmer an der Reihe. Irgendwie schafften Fred und Nancibel es immer alles vor dem Mittagessen.
Aber nicht, dachte Nancibel, als sie den Tee für die Paleys hinauftrug, wenn heute wirklich zehn neue Gäste ankommen. Ich kann nicht noch alle diese Schlafzimmer vorbereiten. Einen Teil muss Miss Ellis erledigen.
Vor einem Jahr, als sie noch ein Niemand gewesen war, hätte sie das nicht so ruhig denken können. Sie hätte sich bei Mrs Siddal hitzig über zu viel Arbeit beklagt und wäre vor Aufregung rot geworden. Mittlerweile wusste sie, wie sie für sich selbst sorgen konnte, ohne unangenehm aufzufallen.
Sie klopfte an die Tür der Paleys und wurde hereingerufen. Das Morgenlicht strömte durch das offene Fenster, an dem Mr Paley saß und in ein Heft schrieb. Mrs Paley lag im Bett, das ordentliche graue Haar in ein rosa Netz gehüllt.
Im Zimmer herrschte eine Atmosphäre von Versteinerung. Als wäre etwas Gewaltiges darin vorgefallen und die Bewohner wären mit Nancibels Klopfen erstarrt. Die Paleys strahlten eine nur für den Moment unterbrochene Gewalttätigkeit aus. Sie aßen ihr Frühstück jeden Morgen in düsterem Schweigen, als müssten sie sich für eine ungeheure Anstrengung stählen, die tagsüber zu ertragen war. Wenig später sah man sie über den Strand gehen, beladen mit Büchern, Kissen und einem Picknickkorb. Mr Paley immer vorneweg. So stiegen sie den Weg zu den Klippen hinauf und entschwanden oben den Blicken. Um vier Uhr, nachdem sie, wie Duff Siddal spöttisch sagte, die Leiche losgeworden waren, kehrten sie in der gleichen Reihenfolge zurück, um auf der Terrasse ihren Tee zu trinken. Man konnte wirklich schwer glauben, dass sie den ganzen Tag nur Bücher lasen und Sandwiches aßen und sonst nichts.
Nancibel stellte den Heißwasser-Krug auf den Waschtisch und trug das Tablett ans Bett. Mrs Paley schlief nicht. Sie lag mit geschlossenen Augen steif und reglos da. Auch Mr Paley sprach kein Wort, und sobald Nancibel die Tür geschlossen hatte, brach alles Heftige bestimmt von Neuem los.
Nun kam Miss Ellis an die Reihe. Sie sagte nie »Herein«, wenn geklopft wurde, sondern rief zuerst: »Wer ist da?«
Eines Tages, schwor Nancibel, antworte ich: Der Herzog von Windsor.
»Ihr Tee, Miss Ellis.«
»Oh! Kommen Sie herein.«
Das Zimmer roch muffig, und überall standen Kartonschachteln herum. Es war ein hübsches kleines Zimmer gewesen, bevor Miss Ellis es bezogen hatte, mit fröhlichen Chintzvorhängen und hellen Möbeln. Aber ihr war es gelungen, ihm etwas Ärmliches zu geben. Sie räumte nichts weg; ihre Sachen lagen verstreut umher, damit jeder sehen konnte, wie schäbig, schmutzig und zerbrochen sie waren. Auf dem Toilettentisch grinste schamlos ihr Gebiss neben einer verfilzten Bürste und einem von Staub ergrauten Kamm.
Das Schmutzigste im ganzen Raum war jedoch Miss Ellis selbst in ihrem schlammfarbenen Schlafrock und mit den fettigen Haaren, die ihr in die Augen hingen.
»Haben Sie den Salon schon in Ordnung gebracht?«
»Nein, Miss Ellis.«
(Das würde einen schönen Krach geben, wenn ich ihr den Tee erst nach dem Aufräumen des Salons brächte!)
»Dann erledigen Sie das am besten jetzt sofort, Nancibel.«
»Ja, Miss Ellis.«
»Ist Fred auf?«
»Ja, Miss Ellis.«
»Hat er den Speisesaal sauber gemacht?«
»Er ist dabei.«
»Gut. Wenn Sie den Salon aufgeräumt haben, können Sie in der Küche helfen. Ich komme auch bald hinunter.«
Wie beleidigend war dieses allmorgendliche Gespräch! Es setzte voraus, dass Nancibel sich weder die täglichen Abläufe merken noch sie ohne tägliche Erinnerung erledigen konnte. Man nannte das »dem Mädchen auf die Finger sehen«. Nach Miss Ellis’ Ansicht machte es den größten Teil ihrer Pflichten aus: eine Aufgabe, die mit mindestens vier Pfund entlohnt werden musste.
Fred schob noch den Staubsauger hin und her, als Nancibel herunterkam. Sie nahm ihn dem Jungen aus der Hand und forderte ihn auf, die Treppe zu wischen. Er antwortete schwer atmend:
»Du bist hier unerwünscht, Nancibel.«
Auch das wiederholte sich täglich. Es war der einzige Witz, den Fred zustande brachte, und er war sehr stolz darauf. Aber er war ein gutmütiger Junge und tat alles, was Nancibel ihm auftrug.
Nachdem Nancibel den Salon aufgeräumt hatte, unterbrach sie ihre Arbeit für einige Minuten und ging eine Tasse Tee trinken. In der Küche roch es nach Kaffee, Toast und brutzelndem Speck. Mrs Siddal sagte, man müsse in der großen Dachkammer noch ein viertes Bett aufstellen.
»Mrs Cove, die heute Nachmittag ankommt, will mit all ihren Kindern im Zimmer schlafen. Sie müssen noch ganz klein sein, denn sie schrieb, dass sie kein Abendbrot essen.«
»Das wird schwierig, da noch ein viertes Bett hineinzuzwängen«, meinte Nancibel und nippte an ihrem Tee.
»Ja, und dann müssen wir noch drei andere Zimmer fertig machen. Das Zimmer mit der Aussicht aufs Meer für Lady Gifford und ihren Mann, und die zwei Zimmer darüber für ihre Kinder. Miss Ellis soll Ihnen die Betttücher herauslegen. Und dann …«
Ihre Worte wurden vom Gong übertönt, auf den Fred in der Halle einschlug. Mrs Siddal hob sofort die Porridgepfanne vom Herd auf den Tisch und tat den Paleys auf, die jeden Morgen erschienen, bevor der Gong auch nur verhallt war. Die Pfanne war schwer, und Nancibel dachte bei sich, wie seltsam es war, dass eine Dame sich mit so schwerer Küchenarbeit abgeben musste. Mrs Siddal war keine schlechte Köchin, aber sie hatte sich zu spät der Hausarbeit zugewandt. Ihr fehlten sowohl die Muskeln als auch das Geschick. Sie war unbeholfen und ohne Routine; viele ihrer Bewegungen waren überflüssig. Ihr hübsches Haar fiel ihr ständig in die Augen, und ihre Schürzen waren schon nach einer halben Stunde vollkommen zerknittert. Nancibels Mutter hätte in der gleichen Zeit zweimal so viel geschafft.
Armes Ding!, dachte Nancibel. Hoffen wir, dass sie bald eine gute Köchin findet. Vielleicht ist es das, was mit dem Haus nicht stimmt. Vielleicht wäre ich weniger niedergeschlagen, wenn es hier eine Köchin gäbe.
5
Frühstück in der Küche
Duff und Robin kehrten vom Baden zurück, die nassen Badetücher um die Schultern. Sie wurden wieder hinausgeschickt, damit sie sie zum Trocknen auf die Wäscheleine im Hof hängten. Ihre Mutter tat unterdessen Porridge auf ihre Teller und stellte sie auf einen kleinen Tisch am Fenster. Sie hatte sich bei der Eröffnung des Hotels nicht vorstellt, die Mahlzeiten mit der Familie in der Küche einzunehmen, sondern hatte an einen eigenen Tisch im Speisesaal gedacht, wo Fred ihnen aufwarten sollte. Aber dort konnten sie nicht miteinander reden. Die Gäste störten sie zu sehr.
»Wo ist Gerry?«, fragte Mrs Siddal die Jungen, als sie wieder in die Küche kamen.
»Hat er nicht mit euch gebadet?«
»Nein«, antwortete Duff. »Er bedient die Lichtmaschine.«
»Sein Porridge wird kalt.«
Sie stellte Gerrys Teller in den Ofen. Wer hätte sich wohl um die Elektrizität gekümmert, wenn Gerry nicht hier gewesen wäre? Von ihren drei Söhnen war er der liebevollste, aber am wenigsten geliebte. Denn er hatte nichts von dem Charme seines Vaters geerbt, der sie zu der Heirat verleitet hatte. Nur der Himmel wusste, von welcher plebejischen Seite er die untersetzte Gestalt, die Stupsnase und seinen Jähzorn mitbekommen hatte. Schon als Baby hatte er sie gelangweilt, obwohl er ihr überhaupt keine Mühe machte. Schwerfällig, freundlich und pflichtbewusst war er herangewachsen, ohne ihr irgendeine kostbare Erinnerung zu hinterlassen. Auch seine Briefe während des Krieges (er hatte in Arnheim mitgekämpft) waren fast unlesbar gewesen, weil so uninteressant.
Sie schämte sich für dieses Gefühl und die Tatsache, dass die beiden anderen ihr enttäuschtes Herz bis in den letzten Winkel besetzt hielten. Denn Robin hatte ihre Art – die Art der Trehernes – geerbt. Er war das Ebenbild eines Bruders, den sie 1918 verloren hatte: rothaarig, hübsch und lustig. Und Duff war der Sohn ihrer Träume: Er besaß Dicks Charme, seine Schönheit und seinen sprühenden Geist, noch nicht von Misserfolg verdunkelt wie der seines Vater. Duff konnte sie nichts abschlagen. Nun allerdings widersprach sie schwach, als er Sahne zu seinem Porridge verlangte.
»Von heute an nicht mehr«, sagte sie. »Ich muss die übrige Sahne ab jetzt für Lady Gifford aufheben. Es wird schwierig sein, für sie zu kochen. Aber ich muss mein Bestes tun, denn Sibyl Avery hat sie zu mir geschickt.«
»Was hat die Lady denn?«, fragte Duff. »Ihre Krankheit klingt angenehm. Ich möchte mich von ihr anstecken lassen.«
Vor der Küche waren schlurfende Schritte zu hören. Der Herr des Hauses hatte sich von seinem Lager in der ehemaligen Dienerkammer erhoben. Er blieb einen Augenblick auf der Schwelle stehen und zog seinen alten Schlafrock enger um sich, als wäre er unsicher, ob er eintreten durfte. Duff und Robin rückten mit ihren Stühlen zur Seite, um ihm Platz zu machen, und seine Frau reichte ihm einen Teller Porridge, den er mit übertriebener Unterwürfigkeit annahm, entschuldigte sich bei seinen Söhnen dafür, dass sie sich seinetwegen hatten bewegen müssen. Er war in seiner Arme-Verwandte-Stimmung.
Nach einer kurzen verlegenen Stille zwang sich Duff, das Gespräch wieder aufzunehmen.
»Noch zwei Familien mehr«, sagte er, »bedeuten eine Menge mehr Arbeit.«
»Ja«, stimmte ihm Mrs Siddal zu. »Und Nancibel kann nicht alles allein bewältigen. Miss Ellis muss die Schlafzimmer übernehmen. Ich habe ihr das gestern Abend angekündigt.«
»Mutter!«, rief Robin. »Wie kühn! Was hat sie dazu gesagt?«
»Sie war so entsetzt, dass sie gar nichts gesagt hat. Schließlich brachte sie die Frage heraus, ob ich von ihr erwarte, dass sie die Nachttöpfe leert. Ich sagte, jawohl, das erwarte ich.«
»Sie wird dir kündigen«, prophezeite Duff.
»Das glaube ich nicht«, entgegnete Mrs Siddal. »Sie würde keine andere Stelle finden.«
Ihre Stimme klang scharf bei diesen Worten, und eine harte Linie erschien um ihren Mund. Diese Schärfe und Härte waren nicht ihre eigentliche Natur. Sie scheute weder Arbeit noch den freiwilligen Verlust von Muße, Ruhe und Bequemlichkeit, aber sie hasste es, für sich selbst einstehen zu müssen, wenn man sie schlecht behandelte. Ruppige Rücksichtslosigkeit war die einzige erfolgversprechende Möglichkeit, mit Miss Ellis umzugehen, das hatte sie begriffen. Duffs wegen musste sie lernen, sich zu behaupten; denn Duff würde nur aufs Balliol gehen können, wenn das Hotel für das Studium aufkäme.
»Ich würde es ja selbst machen«, sagte sie. »Aber es passt nicht in meinen Ablauf, wenn ich morgens oben bin.«
Mr Siddal aß seinen Porridge und warf schüchterne Blicke von einem zum anderen. Er nutzte seine stillen Möglichkeiten, um eine unbehagliche Stimmung zu schaffen. Es gelang ihm aufs Feinste, sich im Gespräch übergehen zu lassen. Dabei wussten alle, dass er, sollten sie versuchen ihn mit einzuziehen, Unverständnis heucheln würde. Die Angelegenheiten des Hotels seien für ihn, mit dem Kopf eines Wurms, zu hohe Mathematik.
Duff wagte es trotzdem, ihn anzusprechen:
»Ich halte es nicht für besonders klug, dass Ellis die Nachttöpfe leeren soll, findest du nicht auch? Sie könnte sich dabei versehentlich selbst ausleeren. Sie ist dem Inhalt eines Nachttopfs sehr ähnlich.«
Siddal übermittelte seine grandiose Unkenntnis in allen Fragen der Nachtgeschirre und deren Platz in der Ordnung der Dinge. Aber nach einer Weile schien ihm ein Licht aufzugehen.
»Ich beginne den Sinn zu erfassen«, sagte er zu Duff. »Es ist das Grundproblem des Sozialismus, nicht wahr? So wie es ein Franzose definiert hat, dem die Vorzüge einer gleichgestellten Gesellschaft erklärt wurden: ›Aber wer leert dann die Pisspötte aus?‹«
»Das«, warf Mrs Siddal errötend ein, »sollte jeder zivilisierte Mensch selbst tun. Aber ich wünschte, wir hätten mehr Badezimmer.«
»Oh, ich weiß«, sagte Siddal. »Das wünschte ich auch. Ebenso empfand Tolstoi diesen Wunsch. Wenigstens glaube ich mich zu erinnern, dass er leidenschaftlich über dieses Thema schrieb. Nicht wahr, Duff?«
»Weiß ich nicht«, brummte Duff.
»Oh … ich vergaß. Deine Generation liest Tolstoi nicht. Verzeih. Ein so altmodischer Herr wie ich sollte keine Bücher erwähnen, die vergriffen sind. Und überhaupt, unsere Gäste scheinen keine zivilisierten Menschen zu sein. Sie besitzen Kapitalistenseelen und überlassen alles Unangenehme Nancibel, wie wir es übrigens auch getan haben, bevor wir zu Proletariern wurden. Sie ist schön, sie ist gut, sie ist außerordentlich klug, und sie ist so viel wert wie wir alle zusammen, aber sie ist die einzige Person im Hause, der wir diese Arbeit anvertrauen dürfen, ohne eine soziale Auflehnung ihrerseits erwarten zu müssen, da sie die Tochter eines Farmarbeiters ist.«
»Ich habe Tolstoi gelesen«, entgegnete nun Duff. »Aber …«
»Hier, dein Speck«, unterbrach ihn seine Mutter und hielt seinem Vater den Teller unter die Nasef.
»Danke. Das ist wirklich für mich? Das alles? Kannst du es denn entbehren? – Nun, in einer wahrhaft gerechten Gesellschaft«, fuhr Siddal zu Duff gewandt fort, »und das ist es doch, was wir verwirklichen möchten, nicht wahr, Duff? – in einer solchen Gemeinschaft also würde diese Arbeit dem geringsten, dem unbrauchbarsten, dem unproduktivsten Bürger übergeben. Ein bewundernswerter Grundsatz! Ich bin ganz dafür. Wir müssten nur darüber nachdenken, wer in unserem Haushalt dafür geeignet ist. Wer ist der Geringste? Wen kann man am leichtesten bei wichtigeren Arbeiten entbehren?«
Er blickte sich um und wartete auf Vorschläge.
»Miss Ellis«, meinte Robin.
»Meinst du? Sie wäre sicher nicht deiner Ansicht. Ich zum Beispiel bin ein viel nutzloseres Subjekt. Denn gegenwärtig verdiene ich meinen Lebensunterhalt nicht selbst. Das besorgt mich durchaus, auch wenn eure Mutter es nicht glauben will. Aber es gibt so wenig, wozu ich geeignet bin. Diese Arbeit scheint meiner nicht unwürdig, und ich bin völlig bereit …«
»Red keinen Unsinn, mein Lieber«, unterbrach ihn Mrs Siddal.
»Unsinn? Rede ich Unsinn? Tut mir sehr leid. Es war keine Absicht. Ich dachte, ich könnte wenigstens einmal nützlich sein.«
»Aber du könntest unmöglich …«
»Weshalb denn nicht? Ist es so schwer?«
»Die Gäste wären empört.«
»Ihr glaubt also, Mesdames Paley, Gifford und Cove würden es nicht gerne sehen, dass ich in ihre Zimmer eindringe und unter ihren Betten …«
Robin brüllte vor Lachen, aber Mrs Siddal rief aus:
»Dick! Wirklich! Es reicht!«
Augenblicklich versank Mr Siddal in ein niedergeschlagenes Schweigen. Robin wechselte das Thema und fragte, wie lange sie sich Nancibel wohl leisten könnten.
»Nur für diese Saison, befürchte ich«, antwortete seine Mutter. »Sie könnte natürlich eine viel bessere Stelle haben, aber sie wollte einige Zeit zu Hause sein, nachdem sie aus dem Hilfsdienst beim Heer zurückgekehrt war. Und, das sagt ihre Mutter … ist Fred eigentlich in der Spülküche?«
»Noch nicht«, antwortete Robin, nachdem er sich auf dem Stuhl zurückgelehnt und durch die offene Tür in den Nebenraum gespäht hatte.
»Sie hatte wohl eine unglückliche Liebe und hat lange gebraucht, um darüber hinwegzukommen. Sie war verlobt, ihre Aussteuer und alles war fix fertig, und im letzten Augenblick gab er ihr den Laufpass. Offenbar hielt er sich für zu gut für sie. Sein Vater ist Auktionator in Mittelengland. Seinen Eltern passte das Mädchen nicht, und so brachten sie ihren Sohn dazu, die Verlobung aufzulösen. Er kann nicht viel wert gewesen sein, aber sie hat ihn geliebt, das arme Kind! Was für ein Unsinn! Wie kann es sein, dass Leute Nancibel nicht gut genug für ihren Sohn finden!«
»Du, zum Beispiel«, warf Siddal ein, »wärst bestimmt nicht erfreut, wenn Gerry sie zu heiraten gedächte.«
Mrs Siddal blickte so entsetzt drein, dass alle drei in schallendes Gelächter ausbrachen.
»Keine Angst«, beruhigte er sie. »Das wird er nicht tun. Es sei denn natürlich, du befiehlst es ihm.«
»Nun, es gäbe Schlimmeres«, meinte Mrs Siddal, die sich von ihrem Schrecken erholt hatte. »Ich kenne weit und breit kein netteres Mädchen.«
»Warum hast du dann so entgeistert ausgesehen?«, fragte Duff.
»Es war nicht der Gedanke an Nancibel, der sie erschreckt hat«, erklärte sein Vater, »sondern ganz allgemein der Gedanke, dass Gerry einmal heiraten könnte. Er kann es sich nicht leisten. Wir brauchen sein Geld, um dich, mein Lieber, nach Oxford zu schicken. Gerry darf für die nächsten sieben Jahre kein Mädchen anschauen, nicht, bis du Rechtsanwalt bist und dir vor Gericht einen Lorbeerkranz geholt hast. Deshalb wird seine Mutter auch nichts gegen seine Pickel unternehmen. Sie hofft, die Pickel halten die Mädchen von ihm fern.«
Diese Worte trafen so nahe auf die Wahrheit, dass niemand etwas darauf zu erwidern vermochte.
6
Die Gedanken von Sir Henry Gifford
Ein Polizeibeamter wünscht Lady Gifford zu sprechen. Ich ertrage es nicht mehr. Wenn ich weiter darüber nachdenke, fahre ich gegen einen Baum. Ich kann in dieser Sache nichts unternehmen. Nur warten. Es hat keinen Sinn, sie auszufragen. Ich darf mich nicht aufregen, Harry. Mein Herzarzt nahm mir das Versprechen ab, dass ich mich nicht aufrege. Und ganz ruhig verlässt sie das Zimmer. Wenn wir heute noch in Pendizack ankommen wollen, müssen wir uns beeilen. Wir haben keine Zeit für einen Umweg von fünfzig Kilometern, nur weil sie von irgendeiner kleinen Gastwirtschaft gehört hat, wo man Hummer und Schlagrahm kriegen kann. Himmlischer kleiner Ort! Nie stimmt das. Sie liest diese albernen Inserate. Ein Polizeibeamter … Ich will nicht auf Guernsey leben. Wenn wir die Kreuzung erreichen, fahre ich daran vorbei. Tut mir leid, Eirene, aber ich habe sie wohl verpasst. Zu spät, umzukehren. Wenn wir heute Abend noch in Pendizack ankommen wollen, müssen wir uns beeilen. Sie raschelt mit der Landkarte, hinter mir im Auto. Entschlossen, die Kreuzung nicht zu verpassen. Aber sie kann keine Karten lesen. Zu blöd dazu. Aber nicht zu blöd, um zu kriegen, was sie sich in den Kopf gesetzt hat. Wenn sie wirklich zu diesem Gasthof will, dann schafft sie es, die Karte zu lesen. Wenn sie etwas wirklich will … aber nicht Guernsey. Ich will nicht auf Guernsey leben. Sie versteht nur, was sie verstehen will. Wenn wir heute Abend noch ankommen wollen, müssen wir mittags in Okehampton essen. Grässliches Mittagessen, wahrscheinlich. Kann’s nicht ändern. Wir müssen uns beeilen. Sollten möglichst bald nach den Kindern ankommen. Ich will nicht, dass sie … Ging ja alles glatt bei der Abreise. Ein Polizeibeamter … Herrgott! Hab heute Morgen angerufen zu Hause. Sind die Kinder in Paddington gut abgefahren? O ja, Sir Henry. Und ein Polizeibeamter wollte mit Mylady sprechen. Nein, er hat nicht gesagt, weshalb. Ich sagte, dass sie verreist ist und gab ihm die Adresse. Liebling … ein Polizeibeamter wollte dich sprechen … Ein Polizeibeamter? Warum denn das, wie seltsam! Nein, Liebling. Ich habe nicht die geringste Ahnung. Was will denn ein Polizeibeamter von einem? Sie hätte mich doch ängstlich angeblickt, wenn … Nein. Sie hat nie Angst. Sie hat versprochen, sich nicht aufzuregen, also regt sie sich nicht auf. Außerdem kann sie sich gar nicht vorstellen, dass ihr irgendetwas Unangenehmes widerfahren könnte. Vielleicht ist es ja nichts … Fünfundsiebzig Pfund. Hat sie sich daran gehalten? Aber ich habe es schon hundertmal ausgerechnet. Wenn sie wirklich bei den Varens gewohnt hat … Ich weiß nicht, wie du dazukommst, sie Kollaborateure zu nennen, Harry. Louise sagte: Die Wüstlinge waren im Land, und wir mussten uns zivilisiertbetragen. Aber sie scheinen nicht besonders gelitten zu haben. Saßen hübsch still während des ganzen Krieges; sitzen auch jetzt noch hübsch still. Typisch französisch … Und was haben wir erlitten? Eirene und ich? Saßen Eirene und die Kinder nicht auch hübsch still in Massachusetts? Und nun will sie hübsch still sitzen auf Guernsey, und niemand hindert sie daran außer mir. Dieser Krieg wurde von den Armen gekämpft, und nun wird er auch von den Armen bezahlt … Wenn sie wirklich bei den Varens wohnte und keine Hotelausgaben hatte, konnte sie mit fünfundsiebzig Pfund auskommen. Sie hat es mir versprochen. Ich nahm ihr das Versprechen ab, bevor sie abreiste. Ich habe ihr die Devisenbestimmungen erklärt. Ich habe sie gewarnt, dass ich mein Amt als Richter niederlegen muss, wenn sie gegen die Bestimmungen verstößt. Ein Richter kann unmöglich … Das versteht doch sogar Eirene? Aber sie versteht ja nur, was sie verstehen will.
O Gott! Schafe! Wenn ich in diesem Tempo kilometerweit hinter dieser Schafherde herkriechen muss, verlieren wir viel Zeit. Und ihr verschafft es Zeit, um … o nein! Ah, sie gehen durch das Tor. Das gefällt mir schon besser. Kann nichts dafür, dass sie ein Haus auf Guernsey gekauft hat. Konnte es nicht verhindern. Sie darf ihr Geld nach eigenem Gutdünken verwenden. Aber ich werde nicht dort wohnen, und dann wird sie der Einkommensteuer auch nicht entgehen. Was soll mit meiner Arbeit geschehen? Aber Harry, warum solltest du arbeiten? Wenn du auf Guernsey leben würdest und keine Steuern bezahlen müsstest, wärst du ein reicher Mann. Sie begreift es nicht. Sie war in Amerika. Sie hat den Blitz nicht erlebt. Ich schon. All das Leiden, diese Opfer, das Heldentum … Ich habe es miterlebt. Ich werde nicht nach Guernsey ziehen. Wenn sie nur nicht so krank wäre! Wenn man bloß herausfinden würde, was ihr fehlt. Man muss Zugeständnisse an sie machen. Das arme Ding. Sehr ruhig, da hinten. Eingeschlafen? Sie hatte eine schlechte Nacht. Jetzt sind wir vorbei an der Kreuzung. Ja, sie hatte diesen Nervenzusammenbruch. Ich darf nicht so ungeduldig sein mit ihr. Sie muss mit einigem fertig werden. Aber ich muss auf meinem Standpunkt beharren, was Guernsey angeht. Wenn wir noch heute Abend in Pendizack ankommen wollen, müssen wir uns beeilen. Mittagessen in Okehampton. Ein Polizeibeamter …
7
Unerwartete Gäste
Gerry Siddals Wutausbrüche waren zu Hause immer schlimmer. Sie packten ihn wie einst Hiob; es war der Ausgleich zu einer Geduld, die bis zum Äußersten auf die Probe gestellt wurde.
Gerry war eine freundliche Natur. Er liebte seine Mutter und hatte erst vor Kurzem aufgehört, seinen Vater zu lieben. Er liebte seine Brüder. Aber das Leben in Pendizack hatte nun einen Punkt erreicht, wo er alles tun, jede Beschäftigung erfinden würde, um die Begegnung mit seiner Familie während der Mahlzeiten zu vermeiden. Mit jedem Einzelnen von ihnen kam er gut aus, aber als Gruppe konnte er sie nicht mehr ertragen.
So vertrödelte er die Zeit an der Lichtmaschine, bis er sicher sein konnte, dass das Frühstück beendet war und der Vater sich in seine Kammer zurückgezogen hatte. Dann ging er endlich in die Küche und aß seinen kalten Porridge, während seine Mutter Sandwiches für die Paleys machte. Zu seinem Erstaunen gab sie ihm alle Sahne, die sie für Lady Gifford aufgehoben hatte. Offenbar hatte sie einen ihrer Anfälle von schlechtem Gewissen.
»Du brauchst mehr Fett«, erklärte sie. »Deshalb bekommst du sicher immer diese Pickel. Ich bin entschlossen, etwas dagegen zu tun. Liebling … gehst du heute Morgen nach Porthmerryn?«
»Wenn du etwas von dort brauchst …«
»Ich habe eine Einkaufsliste zusammengestellt, aber … ich weiß nicht, ob ich selbst die Zeit habe. Kannst du, bevor du gehst, bitte Nancibel helfen, das vierte Bett in Mrs Coves Zimmer aufzustellen?«
»Ich hoffe wirklich, du bleibst dieser Mrs Cove gegenüber fest«, sagte Gerry. »Aus ihrem Brief geht klar hervor, dass sie einen Preisnachlass erwartet, weil sie alle in einem Zimmer schlafen.«
»Na ja … wenn die Kinder noch klein sind …«
»Ach, du gibst ihnen sowieso eine Ermäßigung. Du musst es gar nicht weiter erklären.«
»Sie scheint schrecklich arm zu sein. Sie wollte keinen Wagen bestellen, sondern sagte, sie würden am Bahnhof den Autobus nehmen.«
»Auch wir sind schrecklich arm. Sie braucht ja nicht hierherzukommen, wenn sie es sich nicht leisten kann.«
»Ich bin froh, dass sie kommt. Wir haben sonst keine Anmeldungen.«
»Ich weiß. Aber es gibt immer die Möglichkeit einer unverhofften Anmeldung, jetzt, wo die Hotels in Porthmerryn überfüllt sind. Leute, die dort keinen Platz mehr finden …«
»Das ist nicht die Art Leute, die ich will. Wie diese schrecklichen Bergmans. Ich möchte nette, ruhige Leute, über die ich etwas weiß.«
Sie begann die Sandwiches einzupacken, und Gerry trug sein Geschirr in die Spülküche, um Nancibel diese Mühe zu ersparen. Sie war beim Spülen und dankte ihm mit ihrem warmen, lieben Lächeln. Er lechzte nach Wärme und Liebe, aber ihm wäre nie eingefallen, diese in der Spülküche seiner Mutter zu suchen, also bahnte er sich seinen qualvollen Weg durch eine Welt, die ihm weder Wärme noch Liebe bot. Er stellte das zusätzliche Bett in die Dachkammer, nahm die Liste der Einkäufe und stieg dann den steilen Pfad vor dem Haus hinauf.
Bei der zweiten Wegbiegung begegnete er einem großen, hageren Mädchen, das ihn schüchtern fragte, ob dies der Weg zum Hotel sei.
»Zum Hotel Pendizack? Ja. Kann ich Ihnen behilflich sein? Die Besitzerin ist meine Mutter.«
Sie zögerte und murmelte:
»Oh, dann … Vielleicht sollte ich lieber … Ich wollte nur … Ich war nicht sicher … Man sagte mir, es gebe vielleicht noch freie Zimmer …«
»Wünschen Sie Zimmer?«
»Oh, ja, das heißt … Ich nehme nicht an, dass … Ich dachte, ich versuche es einmal … Aber natürlich verstehe ich …«
»Wie viele Zimmer?«
Sie schien die Frage nicht beantworten zu können. Überhaupt wirkte es, als versetzten alle Fragen sie in Schrecken. Er begann sich zu fragen, ob sie vielleicht nicht ganz richtig im Kopf war, denn sie zitterte, während sie sprach, und vermied ängstlich seinen Blick. Sie hielt die Augen gesenkt und den Kopf ein wenig zur Seite geneigt, wie er es schon an Geisteskranken bemerkt hatte.
»Ich zeige Ihnen den Weg«, schlug er vor. Nun sah sie ihn rasch an. Ihre Augen waren sehr schön, hatten jedoch einen leicht irren Ausdruck.
»Oh …«, sagte sie. »Danke.«
Sie gingen den Weg hinunter, und Gerry versuchte unauffällig, ihr Fragen zu stellen.
»Gegenwärtig haben wir ein Doppelzimmer im Erdgeschoss und zwei kleine Einzelzimmer im ersten Stock frei.«
»Zwei Einzelzimmer? Oh, danke.«
»Sie wünschen also zwei Einzelzimmer? Wir können Sie sofort herrichten.«
»Ja? Oh, danke.«
»Der Pauschalpreis für eine Woche beträgt sechs Guineen.«
»O danke.«
Eine Pause trat ein. Wie er sie so anblickte, entdeckte er, dass sie noch sehr jung war, jedoch so mager und verhärmt, dass ihre Jugend nicht gleich zu erkennen war. Sie hatte den Gang, die Stimme und die zittrigen Bewegungen einer alternden Jungfer.
»Sie haben Ihre Freundin in Porthmerryn zurückgelassen«, vermutete er.
Das schien sie ganz aus der Fassung zu bringen. Erschrocken starrte sie ihn an und antwortete:
»Ich … ich habe keine Freundin.«
»Aber Sie sagten, Sie benötigten zwei Zimmer.«
»Ja … auch eines für mich … ich meine, es ist für meinen Vater … er will ein Zimmer … und eines für mich.«
»Oh? Ihr Vater. Sie benötigen zwei Zimmer. Eines für Sie selbst, eines für Ihren Vater.«
»O ja. Danke.«
»Und Ihr Vater ist noch in Porthmerryn?«
»O nein. Er … er ist hier.«
»Hier?«
»Im … oben auf … oben auf … Im Auto.«
»In Ihrem Auto?«
»O ja. Ich meine, in seinem Auto.«
»Dann werden Sie eine Garage benötigen.«
»O ja. Danke.«
Währenddessen waren sie beim Hotel angelangt, und er führte sie ins Büro. Mit seiner Mutter sprach sie viel vernünftiger und gesammelter als mit ihm. Sie heiße Wraxton, erklärte sie; ihr Vater sei ein Kanonikus. Sie hätten im Hotel Bellevue logiert, seien aber heute Morgen dort ausgezogen, weil es ihnen nicht gefallen habe. Sie benötigten zwei Zimmer für eine Woche. Ihr Vater warte oben auf dem Hügel im Auto, während sie sich hier nach Zimmern umsehen sollte.
»Ich werde ihm ausrichten gehen, dass wir die gewünschten Zimmer freihaben«, bot Gerry an. Er fand, das arme Ding sah nicht so aus, als könnte es den Hügel noch einmal erklimmen.
Aber der Vorschlag schien sie zu verwirren, und sie beharrte darauf, selbst zu gehen, und zwar allein, sodass er aufgab.
»Seltsam«, meinte Mrs Siddal, als sie gegangen war, »dass es ihnen im Bellevue nicht gefallen hat; es ist sehr nett dort. Ich frage mich, ob etwas mit ihnen nicht stimmt.«
»Ruf lieber im Bellevue an und erkundige dich, bevor sie kommen«, riet ihr Gerry.
»Ja, das werde ich tun. Ich frage Mrs Parkings selbst im Vertrauen. Einen unerwarteten Glücksfall mag man nicht ausschlagen.«
Kaum hatte sie dann am Telefon den Namen Wraxton genannt, stürzte eine Flut von empörten Ausrufen an ihr Ohr. Mrs Parkings hatte tatsächlich viel zu sagen über die Wraxtons.
»Nun?«, fragte Gerry nach Beendigung des Gesprächs.
»Was das Geld betrifft, sind sie in Ordnung. Sie haben für eine Woche im Voraus gezahlt, obwohl sie nur zwei Nächte geblieben sind. Aber Mrs Parkings sagt, sein Charakter sei schrecklich; er hat sich mit jedem gestritten und Einspruch erhoben gegen Kartenspielen und Tanzen im Salon. Und sich den Angestellten gegenüber höchst rücksichtlos benommen.«
»O Mutter … Lassen wir es bleiben!«
»Wenn er ein Kanonikus ist, muss er ein geachteter Mann sein. Wir können uns leere Zimmer nicht leisten.«
»Aber wenn er so ist …«
»Bei uns werden keine Karten gespielt, noch wird getanzt … auch haben wir nicht so viele Angestellte, die seinen Zorn hervorrufen könnten. Und übrigens bleiben sie nur eine Woche. Das bedeutet immerhin zwölf Guineen.«
Draußen knirschten Räder auf dem Kies. Mrs Siddal und Gerry blickten zum Fenster hinaus und sahen einen großen Wagen, der vorsichtig zwischen den Rhododendronbüschen um die letzte Biegung fuhr. Vor dem Haupteingang hielt er an.
Miss Wraxton saß am Steuer und ihr Vater hinter ihr. Er entsprach so genau dem Bild, das sich Mutter und Sohn von ihm gemacht hatten, dass sie beide verblüfft waren. Sie hatten sich einen Mann mit mächtiger Nase, buschigen Augenbrauen, kleinen roten Augen, rotem Gesicht und kämpferisch vorgeschobener Unterlippe vorgestellt; und hier saß er. Sein Priestergewand ließ ihn noch mächtiger erscheinen, denn es drohte jedem, der Widerworte wagte, mit ewiger Strafe.
»O Gott«, flüsterte Mrs Siddal. »Das kann ich nicht …«
Sie ging zur Tür, begleitet von Gerry. Sie war entschlossen, auf die zwölf Guineen zu verzichten. Aber der Kanonikus, der inzwischen ausgestiegen war, benahm sich so friedlich und leutselig, und sie war so dankbar dafür, dass sie ihm sofort die beiden Zimmer anbot. Nichts schien ihn zu ärgern; er war froh zu hören, dass auch einige Kinder im Hotel wohnten; er erhob keinen Einspruch gegen kleine Zimmer, und er wollte eine Woche im Voraus bezahlen. Der Handel wurde im hellsten Sonnenschein abgeschlossen; die einzige Wolke zog auf, als die linkische Tochter Gerry seine Frage nach dem Gepäck nicht beantworten konnte. Sie verzog den Mund, stotterte und blinzelte, bis es ihr Vater bemerkte. Er warf ihr einen Blick voll Widerwillen zu und sagte:
»Da meine Tochter sich wie eine Halbirre beträgt, muss ich Ihnen selbst antworten, Mr Siddal. Der kleine blaue Koffer ist ihrer. Der Rest des Gepäcks gehört mir.«
Er unterband jeden weiteren Versuch seiner Tochter zu sprechen, indem er sie anfuhr:
»Das genügt, Evangeline. Wenn du nicht vernünftig reden kannst, sei still.«
Sonst jedoch geschah nichts, das ihn ärgerte, bis sie in der Halle auf die Paleys stießen, die eben aufbruchbereit zu ihrem täglichen Ausflug zur Tür kamen. Mrs Siddal stellte sie einander vor, und der Kanonikus streckte in seiner strahlenden Laune Mr Paley die Hand hin. Aber dieser verbeugte sich nur und schritt zur Tür hinaus. Mrs Siddal hatte sich schon so sehr an die kühle, niemals lächelnde Art der beiden gewöhnt, dass sie den Eindruck, den sie auf den Kanonikus machten, nicht vorausahnte. Sprachlos starrte er dem Paar nach.
»Welch unerträgliche Frechheit!«, rief er endlich. »Wer ist Mr Paley?«
»Er ist Architekt. Sie haben gewiss von ihm gehört. Er hat die Wessex-Universität erbaut.«
»Ach? Der? Ja. Von dem habe ich gehört. Benimmt er sich immer so beleidigend?«
»Er … es sind sehr zurückhaltende Leute«, stammelte Mrs Siddal. »Ich glaube nicht, dass sie mit Absicht unhöflich waren.«
»Nein? Aber ich glaube es. So bin ich noch nie in meinem Leben behandelt worden.«
Während Mrs Siddal ihn hinaufführte und ihm die Zimmer zeigte, fuhr er fort, seinem Ärger über die Unhöflichkeit der Paleys Luft zu machen. Als er sie noch dazu vom Fenster aus unten über den Strand gehen sah, trommelte er zornig auf die Scheibe und brummte:
»Ich denke, mit diesem Mr Paley werde ich ein Wörtchen zu reden haben, wenn er sein Benehmen nicht ändert.«
Als Mrs Siddal die Treppe hinunterkam, war Gerry vorwurfsvoll.
»Was hast du getan!«, rief er. »Warum hast du das getan?«
»Oh, ich weiß es selber nicht. Ich hatte Angst vor ihm. Und er war so nett, als er nach den Zimmern fragte. Ich wollte ihn nicht verärgern.«
»Er war nicht so außerordentlich nett«, widersprach Gerry. »Ganz normal höflich. Was hast du denn erwartet? Dass er alle Möbel zertrümmert?«
»Ich bin sicher, dass ich ihn schon mal irgendwo gesehen habe. Wenn ich mich nur erinnern könnte! Auch sein Name kommt mir bekannt vor …«
Gerry schleppte das Gepäck des Kanonikus hinauf, dann trug er den kleinen blauen Koffer in Miss Wraxtons Zimmer. Sie saß auf dem Bett und starrte vor sich hin. Sie rührte sich nicht und dankte ihm auch nicht, als er den Koffer hinstellte. Aber als er hinausging, lächelte sie. Das Lächeln schien jedoch nicht ihm zu gelten, sondern etwas Unsichtbarem hinter ihm. Ein sehr seltsames Lächeln, das ihm einen Schauer über den Rücken jagte.
Dieses Mädchen, dachte er, ist auf dem besten Weg, den Verstand zu verlieren.
8
Die Reise
