Die englische Scheidung - Margaret Kennedy - E-Book

Die englische Scheidung E-Book

Margaret Kennedy

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Beschreibung

»Alec und ich gehen getrennte Wege. Wir lassen uns scheiden.« Nicht dass zwischen den Müttern von Betsy und Alec Canning je ein gutes Wort gefallen wäre, doch als Betsys Brief eintrifft, sind sie sich sofort einig: Die Scheidung muss um jeden Preis verhindert werden! Weder Betsys Geständnis, in der Ehe unglücklich zu sein, noch Alecs Seitensprünge ändern daran auch nur das Geringste. Ist das letzte Wort möglicherweise noch nicht gesprochen? Alec hofft, seine Frau umzustimmen, wenn er an sich arbeitet, und vielleicht bedenkt Betsy ja die Folgen einer Trennung für ihre drei Kinder. Doch die Mütter und all die anderen, die auf einmal unbedingt mitreden wollen – Hausangestellte, Nachbarn, Freunde –, machen das letzte bisschen Hoffnung auf eine Versöhnung zwischen den Eheleuten zunichte. Betsy und Alec sind den Rosenkrieg bald leid, aber da ist so mancher Fehler schon nicht mehr rückgängig zu machen … Ein hochkomischer Scheidungsroman und ein Porträt der feinen englischen Gesellschaft.

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Seitenzahl: 486

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Inhalt

[Cover]

Titel

Widmung

Motto

TEIL EINS

TEIL ZWEI

TEIL DREI

TEIL VIER

Autor:innenporträt

Kurzbeschreibung

Impressum

Widmung

Für Rose Macaulay

Motto

Ach! Freunde waren sie in ihrer Jugend,Doch Geflüster vergiftet der Wahrheit Tugend.Im Himmel nur es Beständigkeit gibt!Das Leben ist dornig, junge Männer sind dreist,Und ist man zornig auf den, so man liebt,Nährt dies bitteren Wahn, der im Hirne kreist.***Beide sprachen kränkende Worte daher,Beide schlugen dem Bruder böse Wunden;Sie schieden – und sahen sich nimmermehr.Doch hat keiner je einen anderen gefunden,Zu lindern der leeren Brust die Schmerzen –Sie standen allein, mit den Narben im Herzen,Wie Felsen, welche der Blitz zerspellte,Ein ödes Meer wogt zwischen dem Paar,Doch nicht Hitze, nicht Donner, nicht Kälte,Wird je ganz tilgen, es ist mir wohl klar,Die Spuren dessen, was einmal war.

Samuel Taylor Coleridge, Christabel

TEIL EINS

ZUSAMMEN

Zusammen

Brief von Betsy Canning an ihre Mutter

Pandy Madoc,

Nordwales,

8. August

Liebe Mutter,

es tut mir leid, dass das Engadin ein solcher Reinfall ist, aber das wundert mich nicht. Wie konntest Du es bloß den Gordons überlassen, das Hotel auszusuchen? Du hättest Dir doch denken können, dass das schiefgeht. Was macht denn Vaters Hexenschuss? Ihr solltet keine Nacht länger in klammen Betten schlafen, sonst holt Ihr beide Euch noch eine Lungenentzündung. Sucht Euch doch um Himmels willen etwas Komfortableres. Ihr seid wirklich zu alt, um in modrigen kleinen Gasthöfen abzusteigen.

Hier ist das Wetter wunderbar – sonnig und heiß. Die Kinder verbringen die Ferien mit uns. Kenneths Schulfreund Mark Hannay ist den Sommer über bei uns zu Besuch. Das Haus ist also ziemlich voll. Leider können wir nicht aufs Cottage ausweichen, weil Alec es in einer Anwandlung von Großmut den Blochs zur Verfügung gestellt hat. Du weißt schon, das ist dieser unglaublich begabte Jude, der das Bühnenbild für die deutsche Inszenierung von Caroline entworfen hat. So hat Alec ihn kennengelernt. Und jetzt sind sie aus Deutschland geflohen, mitten in der Nacht, mit nichts weiter als den Kleidern, die sie auf dem Leib trugen. Ohne einen Penny und mit einem Haufen ungezogener Gören. Er versucht hier Arbeit zu finden. Natürlich sollten sie einem leidtun. Aber ich wünschte wirklich, Alec hätte erst mit mir gesprochen, bevor er ihnen das Cottage angeboten hat; das kommt mir alles sehr ungelegen – mitten in den Sommer­ferien.

Und jetzt, liebe Mutter, muss ich Dir etwas erzählen, das Dir überhaupt nicht gefallen wird. Wahrscheinlich wirst du sogar schockiert sein und überhaupt kein Verständnis dafür haben. Aber versuch bitte, Dich an den Gedanken zu gewöhnen, und bring es Vater schonend bei.

Alec und ich werden getrennte Wege gehen. Wir lassen uns scheiden.

Bestimmt bist Du entsetzt, zumal ich – was vielleicht ein Fehler war – in den letzten Jahren alles getan habe, um unsere Misere vor Euch zu verbergen. Ich wollte natürlich nicht, dass irgendjemand davon weiß, solange noch die Chance bestand, sie irgendwie in den Griff zu bekommen. Aber Tat­sache ist, dass wir schon lange ziemlich unglücklich sind, alle beide. Wir passen einfach nicht zusammen, und deshalb kann es so nicht weitergehen. Hast Du eigentlich irgendetwas davon geahnt?

Unser Leben ist ganz anders, als wir es uns bei unserer Heirat vorgestellt haben. Alec hat sich sehr verändert. Er braucht eine andere Art Frau. Ich war nie an dem ganzen Geld und dem Erfolg interessiert. Ich habe einen sehr netten, aber ziemlich durchschnittlichen Beamten geheiratet. Mit seinem Einkommen und meinem Geld hatten wir genug, um ein angenehmes, komfortables Leben zu führen. Wir hatten unseren festen Freundeskreis, Leute wie wir, amüsant und kultiviert, nicht reich, aber gut situiert. Und jetzt sagt Alec, dass sie ihn gelangweilt hätten. Früher hat er das nicht gesagt.

Dass er so lange gebraucht hat, um herauszufinden, was er wirklich will, ist ziemlich bitter. Er meint, seine Mutter wäre schuld daran. Sie hätte ihn so gegängelt, dass er erst mit über dreißig sein wahres Ich entdeckt hätte. Vermutlich hat er recht, aber ich bin diejenige, die es ausbaden muss.

Wenn ich gewusst hätte, dass ich einen zukünftigen Librettisten heiraten würde, hätte ich mich nie auf diese Ehe ein­gelassen. Mir haben die Sachen, die er und Johnnie Graham zusammen geschrieben haben, immer gut gefallen. Ich glaube, Johnnies Musik inspiriert ihn zu seinen wunderbaren Texten. Aber ich hätte nie gedacht, dass die beiden einmal so populär wie Gilbert and Sullivan werden. Als ihre erste Operette aufgeführt wurde, war ich alles andere als begeistert. Mir wäre es viel lieber gewesen, wenn es ein Steckenpferd geblieben wäre und sie sich mit irgendwelchen Laien, ihren Freunden zum Beispiel, zusammengetan hätten. Als die Sache dann so ein großer Erfolg war, habe ich mich natürlich gefreut, auch wenn ich das Ganze damals schon ein wenig abgeschmackt fand. Aber als sie mit der zweiten Operette den Durchbruch schafften und er aus dem Staatsdienst ausschied, war ich entsetzt.

Natürlich hat er eine Menge Geld verdient und ist wohl ziemlich berühmt. Aber ich fand immer, dass Librettist für ­einen gebildeten Mann wie Alec kein angemessener Beruf ist. Es ist ja nicht so, dass er und Johnnie große Kunstwerke schaffen würden. Und das wollen sie auch gar nicht; sie sagen selbst, dass es ihnen nur um Unterhaltung geht. Ich habe nicht mehr dieselbe Achtung vor Alec wie damals, als er im Ministerium eine unauffällige, eintönige, aber sinnvolle Arbeit leistete, indem er zur Erhaltung der Zivilisation beitrug. Und er spürt das natürlich. Könnt Ihr mich verstehen, Du und ­Vater? Ich weiß, Ihr hättet mir gegenüber nie ein Wort darüber verloren, aber ich hatte immer das Gefühl, dass Ihr im Grunde Eures Herzens nicht sehr glücklich über seinen Berufswechsel wart und es bedauert habt, dass er seine Beamtenlaufbahn aufgegeben hat.

Wir haben nicht mehr dieselben Freunde. Er scheint völlig in der Theaterszene aufzugehen. Er ist äußerst beliebt. Alle mögen ihn. In unserem Haus tummeln sich Leute, mit denen ich nichts gemeinsam habe, für die ich nichts weiter als »Alecs Frau« bin, falls sie überhaupt Notiz von mir nehmen, was ­selten genug der Fall ist. Sie haben noch nie etwas von Vater gehört. Beim Wort »Professor« fällt ihnen höchstens eine Witzfigur ein: ein zerstreuter alter Mann mit Bart und Schmetterlingsnetz. Sie sind eben richtige Banausen; aber schließlich sind sie Alecs Freunde, und er kann natürlich verkehren, mit wem er will, obwohl ich nicht verstehe, wie sich ein Mann von seinem Niveau und seiner Sensibilität mit einem Haufen Ignoranten abgeben kann. Wie Du Dir sicher denken kannst, können meine Freunde überhaupt nichts mit ihnen anfangen.

Ich merke gerade, wie wehleidig dieser Brief klingt, als ob ich die Einzige wäre, die unter der ganzen Situation leidet. Aber tatsächlich ist Alec genauso unglücklich wie ich. Ich bin nicht mehr die richtige Frau für ihn, deshalb kann er mit mir nicht glücklich werden. Und damit Du mir glaubst, werde ich Dir zwei Dinge erzählen, die ich Dir nie verraten würde, wenn wir nicht beschlossen hätten, uns zu trennen. Zum ­einen trinkt er zu viel. Nicht, dass er jemals betrunken wäre, aber wenn wir in London sind, trinkt er ständig – er schwebt auf einer weichen, alkoholgeschwängerten Wolke, ist nie ganz er selbst. Deshalb bin ich jedes Mal heilfroh, wenn ich ihn dazu bringen kann, mit mir aufs Land zu fahren. Dort läuft es viel besser. Und zum anderen hat er seit einigen Jahren eine Affäre. Er hat sich nicht mal die Mühe gemacht, es vor mir zu verbergen. Sind Dir irgendwelche Gerüchte zu Ohren gekommen? Solange wir noch ein Bett teilten, habe ich natürlich mit niemandem darüber gesprochen. Ich habe es einfach ignoriert. Ich mache ihm auch gar keinen Vorwurf. Aber du verstehst jetzt sicher, dass ich nicht die Richtige für ihn bin.

Warum ich dann nicht schon früher an eine Trennung gedacht habe? Wegen der Kinder natürlich. Ich wollte, dass sie ein richtiges Zuhause haben, dass wir alle zusammenbleiben, solange Alec und ich es schaffen, wenigstens einen Anschein von Harmonie zu wahren. Aber jetzt habe ich es mir anders überlegt, gerade der Kinder wegen. Jetzt glaube ich, dass sie glücklicher wären, wenn Alec und ich diese jämmerliche Farce beenden würden. Sie sind inzwischen alt genug, um die Spannungen zwischen uns zu spüren, vor allem Kenneth, der sehr wohl merkt, dass Alec nicht immer sehr respektvoll mit mir umgeht, und ihm das ziemlich übel nimmt. Vater und Sohn können einander so viel bedeuten; es wäre schrecklich, wenn sie sich für immer entfremden würden. Ich möchte nicht, dass unsere Kinder, die täglich ihre unglücklichen Eltern vor Augen haben, mit einer falschen Vorstellung von der Ehe aufwachsen. Ich glaube, es ist an der Zeit, ganz offen mit ihnen darüber zu sprechen.

Folgendes werde ich ihnen sagen:

»Euer Vater und ich haben einen Fehler gemacht. Das ist bedauerlich, aber Menschen machen manchmal Fehler, und wenn sie aufrichtig und vernünftig sind, können sie sie korrigieren. Niemand ist schuld. Wir passen einfach nicht zueinander. Wir haben uns nicht gestritten, und keiner von uns ist wütend oder verbittert. Wir werden uns auf freundliche und zivilisierte Weise trennen. Ihr werdet eure Mutter und euren Vater genauso oft sehen wie bisher. Es wird für alle das Beste sein.«

Liebe Mutter, versuch bitte, die Sache ganz nüchtern zu betrachten. Denk nicht gleich, dass eine Scheidung eine Schande für die Familie wäre, dass bei uns so etwas noch nie vor­gekommen ist. Wer würde denn darunter leiden? Wäre das Leben nicht für uns alle leichter? Klingt das nicht vernünftig? Alec kann die Frau heiraten, die wirklich zu ihm passt, ich kann mein eigenes Leben leben, mit meinen eigenen Freunden, und die Kinder werden ohne Kummer und Groll aufwachsen. Natürlich ist es sehr traurig, dass meine Ehe gescheitert ist. Aber was nützt es, so zu tun, als ob es anders wäre? Wir haben beide versucht, eine gute, gelingende Ehe zu führen, aber es hat nicht geklappt.

Ich schreibe Dir, weil wir beschlossen haben, die Sache so schnell wie möglich hinter uns zu bringen. Alec geht am Mittwoch mit den Hamiltons auf einen Segeltörn, so wie jeden Sommer. Danach kommt er nicht mehr zurück. Er wird mir das schriftlich mitteilen und mir die nötigen Beweise schicken, damit ich mich von ihm scheiden lassen kann. (Natürlich würde ich nicht im Traum daran denken, die andere Frau da mit hineinzuziehen. Es wird eine reine Form­sache sein.) Vielleicht solltest Du diesen Brief lieber verbrennen. Jedenfalls darf Vater ihn auf keinen Fall lesen. Erzähl ihm einfach, was ich Dir geschrieben habe, und versuch, ihm meine Entscheidung begreiflich zu machen. Aber sag ihm nicht, dass wir alles schon geregelt haben. Er ist ja so korrekt, wenn es um Dinge wie Einkommenssteuer usw. geht, dass er auf keinen Fall erfahren darf, dass wir uns abgesprochen haben.

Es gäbe noch so viel zu sagen, aber ich muss Schluss ­machen, denn die Post geht gleich raus.

Bitte versuch mich zu verstehen. Und gib Alec nicht die Schuld. Ich habe genauso versagt wie er.

Deine Dich liebende

Betsy.

PS: Alecs Mutter weiß noch nichts davon. Wir werden sie erst einweihen, wenn sie keine Gelegenheit mehr hat, uns einen Strich durch die Rechnung zu machen.

Telegramm von Mrs Hewitt an ihre Tochter

ENGADINENTSETZTUEBERBRIEFKOMMESOFORTBISDAHINNICHTSUNTERNEHMENANKOMMEWALESMITTWOCHABENDVATERWEISSNOCHNICHTSMUTTER.

Die Großmütter

Emily Canning, Alecs Mutter, war Witwe und lebte zusammen mit ihrer alten Haushälterin in Camden Hill. Doch war ihr Leben weder einsam noch untätig. Sie hatte einen großen Freundeskreis, vielseitige Interessen und einen ausgeprägten Machthunger. All das bewahrte sie vor der Lethargie des ­Alters.

Es war ihr schon immer ein Bedürfnis gewesen, andere zu beeinflussen, über sie zu bestimmen und in ihrem Leben die Hauptrolle zu spielen. Zum Glück erlaubten ihre Talente es ihr, dieser Leidenschaft nach Belieben zu frönen. Sie sah ­immer noch gut aus, hatte Charme, Witz und einen scharfen Verstand. Sie vermochte es, Dramatik zu erzeugen, die Gemüter zu erhitzen, jede Beziehung mit starken persönlichen Gefühlen aufzuladen. Für sie war eine Freundin zugleich auch eine Verbündete. Eine abweichende Meinung empfand sie als illoyal. Menschen beiderlei Geschlechts und unterschiedlichen Alters lagen ihr zu Füßen. Bei manchen allerdings rief sie eine heftige, irrationale Abneigung hervor. Und nur wenigen gelang es, ihr gegenüber vollkommen gleichgültig zu bleiben und ihren Seelenfrieden zu bewahren, nachdem sie in ihren Dunstkreis eingetaucht waren.

Sie besaß eine Fähigkeit, die man nicht selten bei Menschen ihres Typs antrifft – die Gabe des zweiten Gesichts. Ihre hellseherische Begabung war verbürgt; sogar ihre Feinde gestanden sie ihr zu, während sie für ihre Freunde ein Quell des Stolzes waren. Sie hatte schon mehrere echte Geister gesehen. Manchmal, wenn das Telefon klingelte, wusste sie bereits, bevor sie den Hörer abnahm, wer sie sprechen wollte. Sie hatte Vorahnungen unerwarteter Briefe oder Besuche, und ihre Träume waren ganz ohne Zweifel prophetischer Natur.

Dienstagnacht oder vielmehr am frühen Mittwochmorgen hatte sie einen höchst bemerkenswerten Traum. Es war offenbar morgens, und jemand brachte ihr das Frühstückstablett ans Bett. Aber es war nicht die alte Maggie, ihre Haushälterin, sondern Henrietta Hewitt, die Mutter von Alecs Frau, einst ihre Freundin und jetzt schon seit vielen Jahren ihre Feindin.

Mrs Canning war erbost über diesen Eindringling, gab aber vor, ihn nicht zu bemerken, und verzehrte seelenruhig ihr Frühstück. Kurz darauf war sie jedoch gezwungen, den Blick zu heben. Henriettas Gesicht schwebte über dem Fußende des Betts. Ihr Körper schien verschwunden zu sein; dieses dümmliche Pferdegesicht hing wie eine Maske in der Luft. Es sah verhärmt und grau aus. Augen und Nase waren rot, und die blassen Lippen bewegten sich lautlos. Ein Schwall un­verständlicher Worte kam aus Henriettas Mund, während Tränen über ihre eingefallenen Wangen liefen. Mrs Canning starrte sie an und bemerkte kühl:

»Das wirst du noch bereuen.«

Das hatte sie auch damals nach ihrem heftigen Streit gesagt. Jetzt hörte sie undeutliche Wortfetzen:

»… So krank … mein Fieber steigt … steigt immer weiter … so krank … kalter Wind … Ich kann nicht … kann einfach nicht …«

»Das wird dir noch leidtun. Dafür werde ich sorgen!«, rief Mrs Canning wütend.

Sie nahm das Etui mit den Visitenkarten vom Nachttisch und warf sie nach dem Gesicht, das daraufhin mit einem lauten, zwitschernden Geräusch verschwand. Plötzlich hellwach, setzte sie sich auf und starrte aufs Fußende des Betts. Aber da war nichts. Die Morgensonne schien ins Zimmer, und in der Platane vor dem Fenster schimpften die Londoner Spatzen, machten einen Höllenlärm.

Nach wenigen Sekunden hatte sie ihre Verwirrung abgeschüttelt und begriff, dass sie geträumt hatte. Die Uhr auf ­ihrer Frisierkommode zeigte Viertel vor sechs.

Sie lehnte sich in die Kissen zurück und dachte, was für ein seltsamer Traum das doch gewesen war. Und wünschte, wie alle Träumenden, sie könnte sofort jemandem davon erzählen. Allmählich machte sich die Gewissheit in ihr breit, dass dies einer ihrer prophetischen Träume war. Sie würde heute bestimmt Besuch von Henrietta bekommen, und die Tatsache, dass das höchst unwahrscheinlich war, machte sie umso sicherer. Voller Vorfreude malte sie sich aus, wie sie diese Geschichte ihren Freundinnen erzählte:

»Ich hatte nicht die geringste Veranlassung anzunehmen, dass sie kommen würde. Ich wusste ja, dass die Hewitts in der Schweiz waren. Und wie ihr wisst, sind wir nicht gerade Busenfreundinnen … ganz und gar nicht … Es ist eine alte Geschichte, die man lieber begraben sollte, aber Henrietta ist schrecklich nachtragend … Sie hat sich ganz abscheulich benommen …«

Vor zwölf Jahren hatte sich Henrietta, ihre Freundin und Verbündete, plötzlich gegen sie gewandt. Sie war bei ihr gewesen und hatte fürchterliche Dinge gesagt, hatte sogar ihre Visitenkarten mitgebracht – der Gipfel der Absurdität zwischen zwei Großmüttern und engen Vertrauten. Dieses Spatzenhirn wollte sich wohl mit ihrem förmlichen Auftritt Mut machen. Sie drehte das Etui mit den Karten nervös zwischen den Händen, eine willkommene Gelegenheit für ihre Widersacherin, sich über sie zu mokieren.

»Wie ich sehe, hältst du alle Karten in der Hand«, hatte Mrs Canning bemerkt.

Woraufhin die arme Henrietta rot geworden war und erschrocken ihr Etui auf den Boden fallen ließ. Sie war so leicht zu verunsichern. Nur leider ging der Schuss nach hinten los. Sie hielt tatsächlich alle Karten in der Hand. Während sich ein Schwall schlecht gewählter, unzusammenhängender Wörter über Mrs Canning ergoss, ging ihr allmählich ein Licht auf.

»Junge Leute mögen es nicht, wenn man sich einmischt. Man muss sie ihre eigenen Fehler machen lassen, allerdings war Betsy schon immer praktisch veranlagt. Trotzdem hätte ich mir manchmal gewünscht, dass sie meinen Rat angenommen hätte. Dieses Kindermädchen zum Beispiel, das hätte ich ihr gleich sagen können. Ich meine, schließlich habe ich genug Erfahrungen mit Mädchen aus dem Waisenhaus. Aber das ist nicht weiter schlimm, und im Ernst, liebe Emily, du musst nicht glauben, dass ich kein Verständnis für sie habe. Wir Mütter sind alle gleich, und wir leiden, weil wir doch nur helfen wollen. Aber siehst du, in Wales kann man sehr gut im Meer baden.«

»Meine Liebe. Das glaube ich gern. Aber was hat das alles mit Wales zu tun?«

»Deshalb bin ich ja hier. Verstehst du, diese alte Mühle ist ein echtes Schnäppchen … direkt an der Küste, das ideale ­Ferienhaus. Betsy kennt sie, sie war schon ein paarmal dort. Sie gehört unseren Freunden, den Aylmers. Vielleicht bist du ihnen ja mal begegnet? Dr. Aylmer, vom Corpus-College …«

»Sie wollen die Mühle kaufen?«, unterbrach Mrs Canning sie scharf.

»Sie … haben sie schon gekauft.«

Und hatten die beschränkte Henrietta, bewaffnet mit ihrem Visitenkarten-Etui, zu ihr geschickt, um es ihr brühwarm zu erzählen. Offenbar schämten sie sich so sehr, dass sie nicht den Mut aufbrachten, es ihr selbst zu sagen.

Mrs Cannings Freundinnen trauten ihren Ohren nicht, als sie es erfuhren. Denn alle Welt wusste ja, dass sie ihnen ein perfektes Ferienhaus schenken wollte, ein reizendes altes Haus in Gloucestershire. Offiziell würde es ihr gehören, sie würde zwei Zimmer darin bewohnen und es für sie in Ordnung halten. Aber sie könnten kommen, wann immer sie Lust hätten, und die Kinderschar zu ihr schicken, wenn sie Luftveränderung brauchte. Sie hätten keinerlei Kosten, und Betsy müsste sich nicht um den Haushalt kümmern. Es wäre die ideale Lösung für sie alle.

Und jetzt erfuhr sie von Henrietta, dass sie andere Vorstellungen hatten. Sie wollten ein eigenes Ferienhaus. Natürlich hatte sie so etwas geahnt, aber das kam schlicht nicht infrage, und es war ihr gelungen, ihre zaghaften Einwände zu igno­rieren. Deshalb hatte sie die Verhandlungen für den Kauf von Marstock Hall vorangetrieben, ohne sie einzubeziehen, hatte gehofft, dass die ganze Sache erledigt wäre, bevor sie protestieren könnten.

In ihrer Enttäuschung beging sie einen schweren Fehler. Sie sagte:

»Das können sie nicht machen. Das geht nicht. Ich habe Marstock Hall doch schon gekauft.«

Das stimmte leider nicht. Sie hatte weder Kosten noch Mühen gescheut, war mehrmals nach Gloucestershire gefahren, hatte einen Gutachter bezahlt und das Haus in Bedford Gardens einem Makler übergeben. Alle ihre Freundinnen waren über ihren geplanten Wegzug aus London informiert worden und hatten Alecs Glück, eine so großzügige Mutter zu haben, gebührend gewürdigt. Doch sie hatte keinen Vertrag unterzeichnet, und es war immer noch möglich, vom Kauf zurückzutreten. Offenbar blieb ihr auch nichts anderes übrig. Sie ­ärgerte sich maßlos darüber, dass man sie dermaßen brüskiert hatte.

»Warum haben sie dich hergeschickt?«, fragte sie.

Henrietta erklärte, dass man sie nicht geschickt habe. Sie sei aus freien Stücken gekommen, weil sich die arme Betsy vor der Auseinandersetzung mit ihrer Schwiegermutter gefürchtet hatte, und es war nicht gut für sie, sich so aufzuregen, weil sie die süße kleine Daphne noch stillte.

»Du bist so bestimmend, liebe Emily. Das warst du schon als kleines Kind. Das muss ich dir doch einmal sagen, weil Alec und Betsy darunter leiden. Ich weiß ja, dass du es gut meinst, weil sie dir am Herzen liegen, aber du bist immer so kritisch, so dominant. Betsy ist sehr selbstständig, und du kannst nicht erwarten, dass Alec, der immerhin ein verheirateter Mann ist, immer noch nach deiner Pfeife tanzt. Du zerstörst ihr Glück.«

Zorn muss sich Luft machen. Notfalls bohrt sich der Dolch in die eigene Brust. Leichten Herzens marschierte Mrs Canning an den gestrengen Wächtern ihres Gewissens vorbei. Sie war frei. Nichts, keinerlei Skrupel hielten sie zurück, und sie konnte sagen, was sie wollte.

»Vielleicht«, begann sie fast heiter, »möchtest du dir etwas Kritik an Betsy anhören.«

»Nein, nein, das möchte ich nicht«, protestierte Betsys Mutter.

»Ich rede nicht von mir. Es mag dich überraschen, aber ich bin nicht die Einzige, die deine Tochter für selbstgefällig und egoistisch hält. Tatsächlich denken die meisten unserer Freunde so … glaub nur nicht, dass alle Alec für einen Glückspilz halten. Deine Tochter ist furchtbar verwöhnt. Du hast sie darin bestärkt, sich für einzigartig zu halten. Zweifellos ist sie sehr hübsch, keine Frage, und als Tochter eines angesehenen Vaters war sie ja schon immer was Besonderes. Aber …«

»Oje, oje«, jammerte Henrietta angesichts des Gewitters, das sich über ihr entlud. »Ich habe befürchtet, dass du wütend sein würdest, Emily. Das überrascht mich gar nicht. Das alles muss sehr enttäuschend für dich sein. Sie hätten wirklich …«

»Ich bin nicht wütend«, erklärte Emily. »Ich finde nur, dass du Bescheid wissen solltest.«

Und als hätte sie der Teufel geritten, wiederholte sie jede böse Bemerkung, die sie je über ihre Schwiegertochter gehört hatte.

»… und was May Cameron betrifft, die ja nichts auf dich und Arthur kommen lässt, so kann ich dir versichern, dass sie entsetzt war, als sie von der Verlobung erfuhr. Sie nahm kein Blatt vor den Mund: ›Alec ist viel zu gut für sie. Er zerstört sein ganzes Leben.‹ Und als ich erwiderte, dass sie sich gewiss noch ändern wird, meinte May: ›Nein. Dafür ist sie viel zu eingebildet. Sie haben dem Mädchen beigebracht, sich für was Besseres zu halten. Für sie wird er immer nur der Prinzgemahl sein.‹«

»May Cameron hat das gesagt?« Henrietta rang nach Luft.

Mrs Cannings Zorn ließ sich durch Henriettas schmerz­erfüllten, herzzerreißenden Blick besänftigen. Die Wunde war geschlagen, und die Euphorie verebbte. Sie hatte sie verletzen wollen, und es war ihr gelungen. Mit eingezogenem Kopf schlich Henrietta zur Tür.

Aber so konnten sie nicht auseinandergehen. Es musste noch etwas gesagt werden – etwas, was sie aus den zeitlosen Regionen der aufgewühlten Emotionen ins Hier und Jetzt zurückholte. Das Gespräch sollte mit einer ruhigen, sachlichen Äußerung enden. Und so sagte sie zum Abschied:

»Das wirst du noch bereuen.«

Henrietta ging nach Hause, zutiefst verletzt, aber mit einem reinen Gewissen. Sie hatte sich nichts vorzuwerfen. Sie hatte offen und ehrlich ihre Meinung gesagt. Bosheit oder Arglist lagen ihr fern; sie wollte nur ihre Pflicht erfüllen. Es war ihr unmöglich, May Cameron je zu verzeihen, und das hatte sie ihrem Mann auch voller Entrüstung gesagt. Aber er hatte sie davon überzeugt, dass sie ungerecht war. Betsy sei wirklich sehr eingebildet, meinte er. Eine Charakterschwäche, die für ihre Eltern offensichtlich war, würde ihren Freunden wohl kaum verborgen bleiben. Hatte Henrietta sich denn nie über die Cameron-Mädchen mokiert? Hatte sie nicht des Öfteren Bemerkungen über deren dicke Fesseln und deren Akne gemacht? Würde May Cameron ihr das nicht auch übel nehmen, wenn sie es wüsste? Das überzeugte sie. Sie verzieh ihrer Freundin und fühlte sich gleich viel wohler. Die arme Emily tat ihr mehr denn je leid, und bald hatte sie den ganzen Vorfall vergessen.

Ganz anders als Emily Canning, deren Gewissen sie jetzt plagte. Sie, die in Bezug auf Marstock Hall gelogen, die leichtfertig das Vertrauen vieler Menschen missbraucht hatte, konnte das Ganze nicht so leicht vergessen. Außerdem hatte sie niemanden, der ihr den Kopf zurechtrückte. Ihre Freundinnen waren voller Empörung und ergriffen Partei für sie. Doch das war ihr kein Trost. Niemand ahnte, wie leid es ihr tat, dass sie solche grausamen Dinge zu Henrietta gesagt hatte.

Jetzt, da ihr Verhältnis völlig zerrüttet war, hoffte sie auf eine Wende des Schicksals, eine Art ausgleichende Gerechtigkeit, die ihr zu ihrem Recht verhelfen und die Dinge wieder ins Lot bringen würde. Wenn Henrietta je Anzeichen von Reue zeigen sollte oder wenn sie gezwungen wäre, sie um Hilfe oder Rat zu bitten, wäre das ausgleichende Gerechtigkeit.

Ich wollte den Kindern doch mein ganzes Leben widmen, dachte sie. Aber sie sind so undankbar. Sie lassen nicht zu, dass ich … Ich bin so einsam. Daran denken sie überhaupt nicht.

Schwere Schritte gingen an ihrer Tür vorbei und dann die Treppe hinunter.

Maggie, dachte sie und warf wieder einen Blick auf die Uhr.

Es war schon nach sieben.

Faule Trine! Sie denkt wohl, ich merke nicht, dass sie spät dran ist. Ich werde runtergehen und ihr Beine machen.

Haushälterin und Herrin waren ein Herz und eine Seele, was sie dadurch bewiesen, dass sie sich ständig kleinere Gefechte lieferten. Maggie wienerte die Eingangshalle. Als sie hörte, dass sich Mrs Cannings Tür öffnete, schob sie die Unterlippe vor und beschloss augenblicklich, sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. Ein kleines Scharmützel vor dem Frühstück war nichts Ungewöhnliches, denn Emily Canning schlief schlecht, wachte früh auf und langweilte sich, wenn sie nicht aufstand und aktiv wurde.

»Guten Morgen, Maggie!«, erklang ihre Stimme vom oberen Treppenabsatz.

»Guten Morgen, Ma’am.«

Die beiden alten Frauen beäugten einander misstrauisch. Maggie war fünfundsechzig, dick, hatte rote Wangen und Asthma. Ihre Herrin, wenngleich drei Jahre älter, hatte sich ihre schlanke Figur und eine mädchenhafte Anmut bewahrt. Im schummrigen Licht des Treppenhauses hätte man sie fast für eine junge Frau halten können. Ihr weißer Morgenmantel umhüllte sie sanft, und ihr Gesicht war nur ein blasses Dreieck, in dem ihre grünen Augen feurig loderten. Ein schwarzes Chenille-Netz verbarg das verräterische Grau ihrer Haare.

Sie eröffnete das Feuer:

»Ich vermute, du ruinierst meinen schönen Boden, weil du spät dran bist. Sieh dir mal die Kratzer an!«

»Das liegt am Bohner«, sagte Maggie. »Die werden so, wenn se abgenutzt sind.«

»Den habe ich doch erst im Frühjahr gekauft. Der war ganz neu.«

»Nein, Ma’am. Tschuldigung. Aber der war nich neu. Sie hab’n ihn auf’m Flohmarkt von St. Mary Abbott gekauft.«

»Du hast zu viel Politur genommen.«

»Das muss ich. Der ist so abgenutzt, da brauch ich halt viel Politur.«

Während Mrs Canning noch überlegte, ob das sein konnte, nutzte Maggie die Gelegenheit und bot ihr versöhnlich eine Tasse Tee an.

»Ich bin schon ewig wach«, sagte Mrs Canning. »Ich …«

Sie erinnerte sich an ihren Traum und beschloss, ihrer Haushälterin sofort davon zu erzählen. Die grässliche alte Maggie hatte nämlich gelegentlich Anzeichen von Ungläubigkeit gezeigt, wenn sie mit ihren übernatürlichen Kräften geprahlt hatte. Aber wenn sie ihr diesen Traum erzählte und er sich bewahrheitete, wovon sie felsenfest überzeugt war, würde Maggie Abbitte leisten müssen. Der Bohner konnte warten.

»Mrs Hewitt kommt möglicherweise heute zu Besuch«, sagte sie munter. »Vielleicht schon zum Frühstück. Haben wir Speck da?«

Maggie, die ebenfalls wusste, dass die Hewitts in der Schweiz waren, verzog keine Miene.

»Ja, Ma’am«, sagte sie. »Vier Scheiben.«

»Ich hatte so einen lebhaften Traum, dass ich sicher bin, dass da was dran ist. Sie ist schon auf dem Weg zu mir.«

»Ja, Ma’am.«

»Ach, Maggie! Du bist wirklich furchtbar. Ich dachte eigentlich, du wärst wenigstens ein bisschen überrascht.«

»Mich überrascht gar nix.«

»Ich weiß, dass du nicht an meine Träume glaubst. Aber du musst zugeben, dass es wirklich seltsam wäre, wenn sie heute Morgen käme.«

»Wirklich sehr seltsam, Ma’am.«

»Gibst du zu, dass da etwas dran ist?«

»Ich hab nie behauptet, es wär nix dran«, erklärte Maggie. »Aber Sie setzen nachher immer noch einen drauf.«

In dem Moment klingelte es an der Eingangstür, und sie durchquerte die Vorhalle, um zu öffnen. Mrs Canning huschte die Treppe hinauf und lauschte.

Sie hörte, wie Maggie die Kette entfernte, die nachts immer vorgelegt wurde. Jetzt war die Tür offen. Man hörte Gemurmel. Jemand wurde ins Haus geführt.

»Sie erwartet Sie, Ma’am«, sagte Maggie.

Mrs Canning machte einen kleinen aufgeregten Hüpfer. Sie konnte hellsehen! Das war der Beweis. Das würde eine wunderbare Geschichte ergeben.

Sie linste übers Geländer und sah Henriettas dümmliches Gesicht in der Eingangshalle, genauso wie sie es geträumt hatte, nur dass es jetzt von einem albernen Hut gekrönt wurde. Jegliche Verbitterung war vergessen, sämtliche Erinnerungen an frühere Verletzungen wie weggewischt. Beschwingt und selbstzufrieden eilte sie die Treppe hinunter, überglücklich, dass sie ihrem Instinkt vertraut und Maggie von ihrer Vorahnung erzählt hatte. Jetzt hatte sie eine Zeugin, und Maggie würde zu Kreuze kriechen müssen. Oh, was war sie zufrieden mit sich. Arme Henrietta! Sie sah ja ganz elend aus.

»Emily! Komm mir bitte nicht zu nahe. Ich habe mir eine Grippe eingefangen.«

»Ach, du Arme!«

»Das Fieber ist die ganze Nacht gestiegen. Ich kann nicht lang bleiben … Ich gehe ins Spital. Das wird das Beste sein. Erinnerst du dich an das in der Devonshire Street, wo Arthur operiert wurde? Zum Glück gab’s in meinem Zimmer im ­Hotel ein Telefon, sodass ich dort anrufen konnte, aber ich musste dich sehen, ich konnte es dir nicht am Telefon erzählen, das ist irgendwie zu unpersönlich. Ich konnte nicht einfach zu ihnen fahren. Ich kann nicht nach Wales fahren. Ich war im Paddington Hotel, bin direkt dorthin, als ich gestern Abend in London ankam, weil ich heute Morgen den Zug um 11.50 Uhr nehmen wollte. Komm mir bitte nicht zu nah. Du könntest dir ein Taschentuch mit Desinfektionsmittel vors Gesicht halten. Vielleicht bin ich auch gar nicht ansteckend und es ist nur eine Erkältung. Die Betten in der Schweiz ­waren ziemlich klamm.«

Henrietta war auf einen Stuhl in der Halle gesunken. Sie wedelte mit der Hand, um die beiden anderen Frauen auf ­Abstand zu halten, weigerte sich, nach oben in den Salon zu gehen.

»Ich sollte mich nicht zu sehr anstrengen«, erklärte sie.

Das Fieber hatte sie etwas benommen gemacht. Doch schließlich halfen sie ihr die Treppe hinauf, und Henrietta ließ sich schwer aufs Sofa im Salon fallen. Maggie verschwand, um eine Tasse Tee zu kochen. Henrietta bestand darauf, dass Mrs Canning ein paar Spritzer Lysol auf ein großes Taschentuch gab und es sich wie eine Art Maske aufs Gesicht legte. Äußerst lästig!

Was geben wir doch für ein ulkiges Paar ab, dachte Emily. Man könnte eine lustige Geschichte draus machen. Und in meinem Traum hatte Henrietta ja tatsächlich Fieber. Aber ich habe vergessen, es Maggie zu erzählen, dämlich wie ich bin. Jetzt behauptet sie bestimmt wieder, ich hätte im Nachhinein noch einen draufgesetzt.

Als Henrietta dann von ihrer geplanten Reise nach Wales plapperte, packte sie die Angst.

»So was Furchtbares … ich bin sofort mit dem nächsten Zug zurückgefahren …«

»Henrietta! Sind sie verletzt? Sind sie krank? Ist irgend­jemand …«

»Nein, nein, nicht so furchtbar.«

Der Unterschied war Mrs Canning sonnenklar. Sie war erleichtert und stellte sich auf eine amüsante Anekdote ein. Aber als Maggie gerade in diesem Moment mit dem Tee hereinkam, überlegte sie es sich anders. Sie würde Henrietta von ihrem Traum erzählen und ihrem Ruf als Prophetin gerecht werden.

»Ich wusste, dass du kommen würdest. Du bist mir letzte Nacht im Traum erschienen. Ich hab’s Maggie erzählt. Stimmt’s, Maggie?«

»Was?«, fragte Henrietta mit Leidensmiene. »Ich versteh dich nicht, wenn du das Taschentuch vors Gesicht hältst.«

»Ich habe geträumt, dass du kommst.«

»Wie seltsam! Halt bitte das Taschentuch vor den Mund. Ich versteh dich schon, wenn du deutlich redest.«

Sobald Maggie den Raum verlassen hatte, kam Henrietta zum Punkt.

»Sie wollen sich scheiden lassen.«

»Wie? Was? Das ist nicht wahr!«

»Doch! Ganz sicher! Betsy hat es mir geschrieben.«

»Aber warum? Wieso? Ist es wegen dieser Mrs Dingsda? Das kann sie doch nicht machen! Nicht nach all den Jahren. Sie muss es doch gewusst haben. Sie muss es gebilligt haben.«

»Mrs Dingsda?«

»Mrs Adams.«

»Wer ist … oh, verstehe. Ich kannte ihren Namen nicht. Betsy hat ihn nie erwähnt.«

»Dann ist es ihretwegen?«

»Nein. Überhaupt nicht. Es war ein großer Schock für mich. Ich wusste nichts davon, hatte absolut keine Ahnung.«

»Wirklich nicht, Henrietta? Aber alle Welt wusste es. Das geht schon seit Jahren.«

»Es muss schrecklich für Betsy sein. Du willst doch nicht …«

»Natürlich nicht. Alec ist eindeutig schuld. Aber man darf sich ja nicht einmischen, oder?«

Diese kleine Spitze entging Henrietta, die lediglich sagte:

»Vermutlich nicht. Mrs Adams … was für eine Person …?«

»Ich habe sie nur einmal gesehen«, sagte Mrs Canning. »Man hat sie mir im Theater gezeigt. Sehr jung, sehr blond und eiskalt. Es heißt, dass sie ziemlich schamlos ist. Es gab außer Alec noch zahlreiche andere. Aber sie hatte es nun mal auf ihn abgesehen. Es ging mehr von ihr aus als von ihm. Er hätte bestimmt die Finger von ihr gelassen, wenn Betsy nicht …«

»Aber er will sie heiraten!«

»Großer Gott! Das kann er nicht machen. Wie schrecklich. Henrietta! Das muss verhindert werden. Wir dürfen nicht ­zulassen, dass er so was Unbedachtes tut. Hat Betsy … Was genau hat sie gesagt?«

Mrs Hewitt drehte sich der Kopf. Ihr tat der Hals so weh, dass sie kaum einen Ton hervorbrachte. Sie erinnerte sich nur noch vage daran, was Betsy gesagt hatte. Sie kramte in ihrer Handtasche und fand den Brief. Und während sie noch ihre Brille suchte, schnappte Emily ihn sich. Ein diffuses Unbe­hagen überkam sie, denn sie erinnerte sich dunkel daran, dass sich Betsy nicht besonders freundlich über Alecs Mutter geäußert hatte. Aber es ging ihr zu schlecht, um zu protestieren. Es war wahrscheinlich besser, wenn Emily den Brief las. Dann müsste sie weder reden noch denken noch sonst irgendetwas tun. Sie könnte sich einfach zurücklehnen und vor sich hin leiden.

Ihr Zustand schien sich schubweise zu verschlechtern, wie ein Auto, bei dem man die Gänge hochschaltete. Letzte Nacht, als sie sich hin- und hergewälzt hatte und ihr der Kopf schwirrte, war ihr unerträglich heiß gewesen. Jetzt war ihr kalt. Noch nie im Leben war ihr so kalt gewesen.

Ein Schnauben drang an ihr Ohr. Sie öffnete die Augen und sah Emilys Wuschelkopf direkt vor sich. Ihre wütende, ungeduldige Stimme wurde von dem Taschentuch nur unwesentlich gedämpft.

»Das ist ein ausgemachter Blödsinn. Es ist doch klar wie Kloßbrühe. Er will keine Scheidung. Sie … hat ihn dazu überredet.«

»Meinst du?«

»Das meine ich tatsächlich. Da steckt was dahinter. Irgendwas, was sie nicht zugeben will. Sie behauptet, dass sie frei sein will, um ihr eigenes Leben zu führen … aber das ist bestimmt nicht alles. Sie hat ihn überredet. Er ist ja so schwach, der arme Alec.«

»Aber das muss verhindert werden«, jammerte Mrs Hewitt, die jetzt am ganzen Leib zitterte.

»Natürlich muss es das. Wissen sie, dass du kommst?«

»Ja, ich habe ihnen telegrafiert. Aber ich kann unmöglich hinfahren. Ich … du … musst ihnen telegrafieren …«

»Schon gut. Mach dir keine Sorgen, Henrietta. Überlass nur alles mir.«

Der Triumph in Mrs Cannings Stimme war trotz des Taschentuchs nicht zu überhören. Sie konnte nicht umhin, in alldem die Hand des Schicksals zu sehen. Die arme Henrietta wäre von dieser Situation eindeutig überfordert gewesen. Sie hätte zweifellos alles vermasselt. Sie hätte mit Alec und Betsy diskutiert, ihnen Vorwürfe gemacht und damit beide gegen sich aufgebracht, wenn die offensichtliche Taktik doch darin bestand, einen Keil zwischen sie zu treiben. Die Scheidung war das Ergebnis einer freundschaftlichen Übereinkunft … Deshalb musste man dafür sorgen, dass sich die beiden zerstritten. Man musste Alecs Groll anstacheln, damit er sich weigerte, seine Frau freizugeben. Wahrscheinlich hatte er sich wider besseres Wissen von ihr dazu überreden lassen. Sobald man wüsste, was dahintersteckte, was Betsy tatsächlich im Schilde führte, könnte man ihm das Ganze ausreden. Wusste Alec es? War sie ihm gegenüber ehrlich gewesen? Falls nicht und er dahinterkäme …

Was auch immer es ist, dachte Mrs Canning, ich finde es heraus. Ich werde ihr schon auf die Schliche kommen.

Sie betrachtete ihre leidende Gefährtin, die jetzt starr und reglos dasaß. Das wirst du noch bereuen, hatte sie gesagt, und sie hatte recht behalten. Sie hatten Betsy zu sehr verwöhnt, und das rächte sich jetzt. Das ist ausgleichende Gerechtigkeit, dachte sie.

Die Ehefrau

Betsy stand in der Vorhalle und starrte fassungslos auf das Tele­gramm ihrer Mutter. Es hätte unmöglich so lange brauchen dürfen, selbst wenn es aus der Schweiz kam. Ankomme Wales Mittwochabend. Jetzt war es Mittwochmorgen. In nicht mal acht Stunden würde die Schlacht beginnen.

Sie bereute ihren übereilten Brief zutiefst, obwohl sie ihn geschrieben hatte, um genau das zu verhindern: die uner­betene Einmischung aufgebrachter Familienmitglieder. Ihre Eltern hatten eigentlich den ganzen Sommer im Ausland verbringen wollen, und sie hatte darauf gebaut, dass sie unter keinen Umständen von ihren Plänen abrücken würden – so enervierend dies bei anderen Gelegenheiten auch sein mochte. Sie hatte damit gerechnet, dass sie ihr schreiben würden, zahlreiche, mahnende Briefe, aber niemals hätte sie gedacht, dass sie ihr vor dem Herbst, wenn alles längst geregelt wäre, ernsthafte Schwierigkeiten machen würden. Genau aus diesem Grund hatte sie Alec erklärt, dass er sie noch im August verlassen müsse, damit ihnen niemand in die Quere käme.

Doch sie hätte mit ihrem Brief warten müssen, bis Alec fort war. Schlimm genug, dass sich nun alles verzögerte, weil er wegen Johnnie Grahams ungebremstem Schaffensdrang den Segeltörn hatte absagen müssen, sodass er sie frühestens in drei Wochen verlassen könnte. Dass er jetzt noch länger in Pandy Madoc blieb, würde ihre Nerven auf eine harte Probe stellen. Womöglich würde er es sich wieder anders überlegen und doch keine Scheidung wollen. Und das bedeutete noch mehr Auseinandersetzungen, noch mehr Szenen. Die ganze Mühe umsonst, denn sie hatte ihn gerade so weit gehabt, hatte geglaubt, die Sache schnell hinter sich bringen zu können. Er war so träge, so lethargisch. Er ging jeder Anstrengung, jeder Entscheidung aus dem Weg. Irgendwann hatte er eingesehen, dass er sie verlassen musste, dass sie ein Recht auf ihre Freiheit hatte. Aber aus reiner Bequemlichkeit hatte er nicht die notwendigen Schritte unternommen. Und jetzt kam auch noch ihre Mutter, um ihm den Rücken zu stärken und ihm jede Menge Gründe für seine Untätigkeit zu liefern.

Sie hatte keine Ahnung, was sie jetzt tun sollte. Ihr tat der Kopf weh. Es gab tausend Dinge zu erledigen, und sie wusste nicht, wo sie anfangen sollte. Sie stand einfach nur da, faltete das Telegramm immer und immer wieder, bis es wie ein Fächer aussah.

Das Licht, das durch die geöffnete Haustür fiel, zeichnete ein Dreieck auf die schwarz-weißen Fliesen, färbte das Weiß cremegelb. Draußen war der Himmel strahlend blau: Es war einer jener gleichförmigen heißen Tage, an denen es keine Schatten gibt und die Möwen reglos über dem Meer stehen, das Stunde um Stunde zwischen den Gezeiten verharrt. Es war der perfekte Tag, um am Strand zu liegen und dem matten Ruf einer Möwe zu lauschen, dem trägen Plätschern einer Welle, während der Horizont im flirrenden Dunst zu versinken scheint; kein Tag, um zu grübeln, Pläne zu schmieden und herumzuhetzen, sondern um endlos in der Sonne zu liegen und im Meer zu baden, um das kalte Wasser auf der warmen Haut zu spüren, sich wieder in den Sand zu legen, die heiße Sonne auf der kühlen Haut zu spüren – nur daliegen und träumen, bis irgendwann die Zeit zurückkehrt und mit ihr die Schatten. Draußen vor dem Haus wartete genau so ein Tag auf sie. Aber drinnen nicht, drinnen warteten so viele häusliche Pflichten. In jedem Zimmer tickte eine Uhr. Tu dies! Tu das! Beeil dich! Entscheide dich! Und sie wagte es nicht, auch nur einen Augenblick innezuhalten. Es ist einfach nicht fair, dachte sie.

Das war es nie gewesen. Soweit sie zurückdenken konnte, hatte sie unter der Ungerechtigkeit des Lebens gelitten. Schon als Kind hatte sie sich bitter darüber beklagt; sie hatte es ungeheuerlich gefunden, dass es keine unparteiische Instanz, kein Naturgesetz gab, das dafür sorgte, dass Betsy Hewitt zu ihrem Recht kam. Sie fand es immer noch ungeheuerlich, auch wenn sie es nicht mehr in die Welt hinausposaunte. Weder Alec noch seine Mutter noch sonst irgendjemand, sondern das Leben selbst hatte sie betrogen. Sie war jetzt siebenunddreißig und hatte noch nie einen wirklich glücklichen Moment erlebt. Sie war getäuscht worden. Das Leben hatte sie hungrig zurückgelassen, voller Sehnsucht nach etwas, was sie nicht benennen konnte. Ständig verzehrte sie sich nach etwas, was nicht eintrat. Sie freute sich auf bestimmte Ereignisse, und wenn sie hinter ihr lagen, kam es ihr so vor, als hätten sie nie stattgefunden. Echte Erfahrungen entgingen ihr. Nicht ein einziges Mal hatte sie in der unmittelbaren Gegenwart gelebt, den kostbaren Moment zwischen Vergangenheit und Zukunft in seiner ganzen Intensität erfahren.

Das war natürlich ungerecht, das hatte sie einfach nicht verdient. Immer war sie auf der Suche nach dem Glück gewesen. Schon als ganz junges Mädchen hatte sie erkannt, dass erfolglose, unglückliche Menschen nicht sonderlich interessant sind, und deshalb beschlossen, einmal erfolgreich und glücklich zu sein. Sie würde alles richtig machen und eine beliebte, wohlhabende und geachtete Frau werden. Und im Großen und Ganzen war sie das auch. Sie hatte durchaus Glück gehabt. Die Entbindungen waren bei Weitem nicht so schmerzhaft gewesen wie bei den meisten ihrer Freundinnen. Ihre Köchinnen kündigten nicht, ihre Wasserleitungen froren nicht ein, ihre Kinder waren selten krank, und sie konnte immer ihre Rechnungen bezahlen. Die Spannungen zwischen Alec und ihr hätten sich zu einer Tragödie auswachsen können, wenn sie es zugelassen hätte. Aber das hatte sie nicht; sie war fair und besonnen gewesen. Wenn es also irgendjemand verdient hatte, glücklich zu sein, dann sie, die so darauf bedacht war, dem Unglück aus dem Weg zu gehen.

Immer wieder rang sie um innere Gelassenheit. Solange sie beschäftigt war, ging es ihr gut. Aber wenn sie nur einmal ­innehielt, war es mit der Zufriedenheit vorbei, und sie fühlte sich wieder betrogen. Das ersehnte Glück war ihr immer einen Schritt voraus oder hinkte einen Schritt hinterher, wurde nie heimisch in ihrem Herzen. Es war einfach nicht gerecht.

Sie wusste nicht, was sie eigentlich wollte, außer sich draußen in die Sonne zu legen, statt hier im Haus herumzuwirbeln. Niemand außer ihr hatte eine solche Bürde zu tragen. Alec war glücklich, die Kinder waren glücklich und die Dienstmädchen auch. Sie mussten sich nicht über alles Mögliche den Kopf zerbrechen, den Alltag organisieren und einen Wagen bestellen, der ihre Mutter vom Bahnhof abholte. Nur sie, auf die sich alle verließen, rackerte sich pausenlos ab, bis sie – schon siebenunddreißig, im Nu vierzig – bald alt und grau und tot wäre, ohne je zu ihrem Recht gekommen zu sein.

Draußen rannte ein Kind über den Kies, stapfte die Auffahrt herauf. Das konnte nur Eliza sein, die bedauerlicherweise nicht den leichtfüßigen Gang ihrer Geschwister hatte, sondern gerade eine linkische Phase durchmachte, gegen die weder Eurythmiekurse noch Ballettstunden etwas auszurichten vermochten. Jetzt kam sie wie ein Nilpferd ins Haus getrampelt, was Betsys Gereiztheit nur noch steigerte.

»Ich verstehe nicht, wie man mit Strandschuhen so einen Lärm machen kann«, stöhnte sie. »Man könnte meinen, du hättest Bleifüße.«

Eliza blieb abrupt stehen und musterte finster ihre Füße. Sie ärgerten sie genauso wie ihre Mutter. Ihr ganzer Körper ärgerte sie. Sie konnte ihn weder kontrollieren noch ignorieren. Er hatte sich in letzter Zeit auf besorgniserregende Weise verändert. Er schien von Tag zu Tag unförmiger zu werden. Hinten beulte er sich so sehr aus, dass sie keine Shorts mehr tragen konnte. Vorn beulte er sich genauso aus, sodass ihre Pullover plötzlich zu eng waren. Die Erwachsenen waren taktlos genug, um sie auch noch darauf anzusprechen. Sie musterten Eliza stirnrunzelnd und sagten, sie sei ja ganz schön in die Höhe geschossen. Aber eigentlich meinten sie wohl eher »in die Breite gegangen«. Die Tatsache, dass diese ab­stoßenden, beschämenden Veränderungen nur ein Übergangsstadium waren und sie langsam, aber sicher eine weibliche ­Figur bekam, tröstete sie kein bisschen. Sie hatte eher das Gefühl, dass sie nicht weiblicher, sondern immer monströser wurde. Wie konnte jemand, der mit einem solchen Körper geschlagen war, auch nur das geringste Selbstbewusstsein entwickeln? Viele erwachsene Frauen trugen Shorts, ohne darin lächerlich auszusehen. Bei ihrer Mutter beulte sich überhaupt nichts aus, und bei Joy Benson, dem Kindermädchen, auch nicht. Niemand in ganz Wales hatte einen so hässlichen Körper wie sie.

»Kannst du denn nicht ein bisschen leiser auftreten?«

»Mach ich doch. Ist unser Lunch fertig?«

»Woher soll ich das wissen? Kümmre dich selbst darum. Wenn du Sandwiches willst, mach dir welche.«

»Wozu haben wir denn Dienstmädchen?«

Ihre Blicke trafen sich, verkeilten sich. Ständig gerieten sie ohne ersichtlichen Grund aneinander. Ungläubig betrachtete Betsy dieses ungelenke, plumpe Mädchen, das ihr kein bisschen ähnelte und dessen Wesen ihr so fremd war. Das konnte doch unmöglich das süße kleine Baby gewesen sein, das sie zur Welt gebracht und aufgezogen hatte. Eliza, die dies vage spürte, fühlte sich erdrückt von den vielen Qualitäten ihrer Mutter – ihrer Selbstsicherheit, ihrem scharfen Verstand, ihrer spitzen Zunge, ihrer schlanken Figur und ihrer Eleganz; all das stand wie eine Mauer zwischen ihnen. Und doch waren sie einander ähnlicher, als sie ahnten. In zwanzig Jahren würde Eliza das genaue Ebenbild ihrer Mutter sein. Auch wenn ihr Mund größer, das Grau ihrer Augen dunkler, ihre Brauen gerade und nicht sanft geschwungen waren, bestand kein Zweifel, dass sie Mutter und Tochter waren.

»Die Mädchen haben genug zu tun«, sagte Betsy. »Sie müssen nicht auch noch euch Kinder bedienen. Ihr macht euch eure Sandwiches gefälligst selbst.«

»Na gut, wie du meinst.«

»Allerdings meine ich das, mein Kind. Schließlich wohnst du unter meinem Dach.«

»Ach ja? Ich dachte, das Haus gehört Vater.«

»Treib es nicht zu weit. Du tust, was ich sage.«

Eliza zog ruckartig die Schultern hoch.

»War das eben ein aufmüpfiges Achselzucken?«

Genau das war es. Aber Eliza zog sofort den Kopf ein. Sie war ihrer Mutter nicht gewachsen.

»Jetzt lauf schon, Schatz. Ihr geht doch alle zum Strand runter, oder? In der Küche findest du Brot und ein Messer.«

Eliza lief nicht, schon gar nicht in die Küche. Sie ging betont langsam die Treppe hinauf und trat dabei trotzig gegen die Stufen.

Betsy blickte ihr nach und ermahnte sich, in Zukunft etwas nachsichtiger mit ihr zu sein. Im Gegensatz zu den meisten anderen Müttern hatte sie noch Glück. Alle Mädchen machten schließlich diese Phase durch, und viele hatten picklige Gesichter, Eliza gottlob nicht.

Dieser schöne, klare, dunkle Teint ist wirklich ein Segen, dachte sie. Das ist das Einzige, was sie von mir geerbt hat, das arme Ding. Egoismus ist in diesem Alter ganz normal. Abgesehen davon bin ich auch ziemlich egoistisch …

Da kam Kenneth herein und erkundigte sich ebenfalls nach den Sandwiches. Ihre Miene wurde sanft und zärtlich; sie bedachte ihn mit einem liebevollen Blick. Jedes Mal, wenn sie ihn ansah oder seine Stimme hörte, durchströmte sie ein warmes Glücksgefühl. Denn Kenneth hatte sich überhaupt nicht verändert oder ihr entfremdet. Er war immer noch ihr kleiner Schatz, ihr Erstgeborener, ihr kluger und lieber Junge.

»Ihr kleinen Faulpelze«, seufzte sie. »Warum könnt ihr euch eure Brote nicht selber schmieren?«

»Weil wir verwöhnt sind, Mrs C. Deshalb. Weil uns immer jemand welche schmiert.«

»Aber heute kümmert ihr euch mal selber darum.«

»Was ist denn los? Warum machst du so ein komisches Gesicht? Von wem ist denn das Telegramm?«

Er klang mitfühlend und interessiert. Doch als sein Freund Mark Hannay aus dem Garten nach ihm rief, stürmte er nach draußen, ohne ihre Antwort abzuwarten.

Er hat gleich gemerkt, wie aufgewühlt ich bin, dachte sie. Wie lieb von ihm! Wie können die eigenen Kinder nur so verschieden sein? Er ist mir wirklich ein großer Trost. Wieso Trost? Ich bin nicht unglücklich. Nur ein bisschen beun­ruhigt. Oh, dieses verdammte Telegramm!

Der Ehemann

Pandy Madoc, die alte Mühle, die die Cannings Dr. Aylmer abgekauft hatten, lieh auch dem neuen Haus seinen Namen. Alec hatte mehrere Hektar Hügelland oberhalb der Mühle dazugekauft und, nachdem er zu Reichtum gekommen war, dort in großem Stil gebaut. In einem verhängnisvollen Anflug von Großzügigkeit hatte er einem befreundeten Architekten, der dringend einen Auftrag brauchte, freie Hand gelassen. Weder ihm noch Betsy gefiel das Ergebnis. Ihr neues Haus war modern und geräumig, aber ziemlich hässlich. Es hatte die Trostlosigkeit einer Lungenheilanstalt; die flachen Dächer, alle auf unterschiedlichen Ebenen, ließen an Liegestätten für Schwindsüchtige denken. Es schien ausschließlich aus Fenstern zu bestehen, die widerwillig durch spärliches Mauerwerk miteinander verbunden worden waren, und war in einem satten Ockerton gestrichen, der mit den Farnen und dem Ginster auf dem Hügel harmonierte. Doch trotz aller Bemühungen fügte sich das Haus leider ganz und gar nicht harmonisch in die Landschaft ein.

Der Garten zog sich in steilen, kahlen Terrassen den Hang hinauf. Nirgends gab es Bäume, außer in der Schlucht, wo das Flüsschen floss, das einst die Mühle angetrieben hatte. Am Fuß des Hanges, unweit des Meeres, verlief die Hauptstraße, von der sich eine Auffahrt zum Haus hinauf schlängelte. Hier unten gab es weitere Gebäude, ebenfalls gelb gestrichen, eine Garage, den Schuppen für den Generator und die alte Mühle. Ganz oben auf dem Hügel, auf der obersten Terrasse, stand das Gartenhaus, Alecs Refugium.

Direkt nach dem Frühstück zog er sich dorthin zurück, begann aber in der Regel erst frühestens eine Stunde später mit der Arbeit. Diese Zeit brauchte er, um »in die Gänge zu kommen«, wie er es bezeichnete. Er konnte sich nur allmählich dazu aufraffen, sich der gewaltigen Herausforderung des krea­tiven Prozesses zu stellen. Zuerst musste er eine Pfeife rauchen, dann ein paar Bleistifte spitzen, die Zeitung lesen und gelegentlich ein Kreuzworträtsel lösen. In dieser Phase war es am wahrscheinlichsten, dass er Briefe beantwortete. Um den Sprung ins kalte Wasser hinauszuzögern, waren ihm selbst die langweiligsten Beschäftigungen recht. Doch irgendwann überwand er sich, und bis zum Nachmittag hatte er mehrere leere Seiten mit Wörtern gefüllt.

Johnnie Grahams neuste Komposition lag im Zimmer verstreut. Bei ihrer gemeinsamen Arbeit gingen sie immer nach demselben Plan vor. Zunächst überlegten sie sich die Handlung und einigten sich auf die Abfolge der Szenen. Dann schrieb Graham die Musik dazu, die er Alec nach und nach schickte, der sich wiederum Texte ausdachte, die so passend waren, so perfekt auf die Melodien abgestimmt, dass die meisten Menschen dachten, der Textdichter hätte den Tondichter inspiriert. Tatsächlich aber war es umgekehrt. Alec brauchte Johnnies Vorlage zur Inspiration. Ohne Johnnie war er ver­loren. Er nahm nur Aufträge an, bei denen er mit Graham ­zusammenarbeiten konnte. Und die Nachfrage nach ihren Gemeinschaftsproduktionen reichte aus, damit sie beide gut beschäftigt waren.

Sie waren schon ihr ganzes Leben lang befreundet. Während des Krieges waren sie zusammen in Palästina gewesen, und danach arbeiteten sie im selben Ministerium. Erst als sie beide über dreißig waren, nutzten sie ihr gemeinsames Talent und machten es zu ihrem Beruf. Alec bewunderte Johnnie maßlos. Jedes Mal, wenn eine neue Partitur eintraf, staunte er über dessen Genialität. Johnnie dagegen bewunderte niemanden, schon gar nicht sich selbst. In der Schule war er ein schüchterner, wortkarger kleiner Junge gewesen. Erfolg und Ruhm hatten daran nicht viel geändert. Niemand konnte sich erklären, woher die Anmut und Heiterkeit kamen, die sein Werk durchdrangen, oder sich vorstellen, in welcher Gemüts­verfassung er sich seine Kompositionen erarbeitete. Sollte sein Schaffen ihn beflügeln, vielleicht sogar beglücken, so war im Alltag nichts davon zu spüren. Er äußerte sich nicht mal zu Alecs Texten, es sei denn, er wollte etwas daran ändern. Schweigen war seine Art des Lobes.

Im Frühling hatten sie über Alecs Idee einer Operette über Byron gesprochen. Johnnie war entgegen seiner sonstigen Art Feuer und Flamme gewesen.

»Unangenehmer Bursche, dieser Byron!«, sagte er und fügte feixend hinzu: »Der ideale Stoff.«

»Man könnte ihn als romantische Figur darstellen«, schlug Alec vor.

»Was? Ich wär eher für seine Zeit in Venedig. Als er nach Venedig kam, war er schon ziemlich dick. Macht die Auswahl an Sängern größer.«

»Ich dachte, wir könnten Lady Caroline reinbringen …«

»Nein. Auf gar keinen Fall. Zu viel Handlung. Das langweilt die Leute. Wie wär’s mit einem Maskenball und einem Mädchen, das sich als Junge verkleidet hat – du weißt schon. Ein törichtes Ding … eine Jungfrau …«

»Warum muss sie als Junge verkleidet sein?«

»Das mögen die Leute. Und dann brauchen wir noch eine andere Frau, älter, grell geschminkt, eine Dirne. Verwicklungen. Missverständnisse. Aber alle wissen, was sich gehört. Sie vergeben einander, verzichten großmütig usw. Das Mädchen behält seine Ehre – würg! Heiratet einen anstän­digen Gondoliere … Byron macht sich auf den Weg nach Griechenland, mit oder ohne Dirne. Das klären wir später. Würg!«

»Das kommt mir irgendwie bekannt vor«, warf Alec ein.

»Oh, nein! Nein, überhaupt nicht.«

Johnnie meinte damit die Komposition, also seinen eigenen Part, Alecs interessierte ihn nicht die Bohne.

Sie hatten sich darauf geeinigt, dass Alec im Herbst den Text schreiben sollte, aber Johnnie wurde überraschend von der Muse geküsst, sodass der erste Akt schon Anfang August in Pandy Madoc eintraf, mit der Aufforderung, Alec möge sich sofort an die Arbeit machen. Diese Planänderung kam ihm ungelegen, aber Johnnie, der von Anfang an über ihre Zusammenarbeit bestimmt hatte, hasste es, seinen Schaffensprozess zu unterbrechen. Alec las die Partitur durch und stellte fest, dass sich Johnnie wieder einmal selbst übertroffen hatte. Die idiotische Handlung nahm eine ganz neue Form an. Damit konnte er arbeiten. Seinen Segeltörn musste er leider absagen.

Er mochte seine Arbeit, doch er hasste es, sich anzustrengen. Für ihn waren das zwei unterschiedliche Dinge. Ihm gefiel die Vorstellung, etwas zu schaffen, solange er nicht aktiv damit beschäftigt war. Aber den Prozess an sich empfand er als unwürdig. Irgendwo in seinem Unterbewusstsein, in irgendeinem trüben Tümpel lagen die Wörter, die Ideen, die er brauchte. Er ließ eine Leine hinunter, um sie hochzuziehen – ein Vorgang, der ihn anwiderte. Stunde um Stunde. Meist war der Haken leer. Manchmal brachte er Müll mit oder verhedderte sich im Schilf. Der Müll war trügerisch; oft glich er ­einem echten Fang. Aber wenn er beharrlich blieb, tauchte am Ende doch das richtige Objekt auf. Er wusste, dass es das richtige war, auch wenn er es noch nie zuvor gesehen hatte.

Sobald er seinen Schatz ans Ufer gezogen hatte, konnte er ihn formen und polieren und ihm seinen korrekten Platz zuweisen. Es gab Tage, an denen er überhaupt nicht angelte, sondern seine Zeit damit verbrachte, den Fang des Vortags wieder zu beseitigen. Und es gab andere Tage, an denen ihm das Angeln zu mühsam war und er auf den Müll zurückgriff, ihn herausputzte, wie er es gelernt hatte, und Teile davon verwertete. Das tat er ohne Reue, denn sonst würde er nie fertig werden, und außerdem schien sowieso niemand den Unterschied zu bemerken. Nur wenn er zu viel herausgeputzten Müll in sein Libretto einbaute, bestand die Gefahr, dass Johnnie ein großes NEIN darüberkritzelte und es ihm zurückschickte.

Heute würde ein Angeltag werden. Die Vorstellung war ihm so zuwider, dass er sogar in Erwägung zog, einen netten langen Brief an seine Mutter zu schreiben. Er würde ihr sowieso bald schreiben und mitteilen müssen, dass er sich scheiden ließ. Eine Scheidung ähnelte in vielerlei Hinsicht einer Hochzeit; Verwandte waren pikiert, wenn man sie nicht rechtzeitig informierte. Doch eigentlich war es dafür noch zu früh, und ihm fiel nichts ein, was er ihr sonst erzählen könnte. Also verwarf er die Idee und schrieb stattdessen ein oder zwei Leuten, die ihn um ein Autogramm gebeten hatten. Dann trat er auf die Terrasse, um noch eine letzte Pfeife zu rauchen.

Schon jetzt hatte die Sonne eine enorme Kraft. Über dem Meer lag ein Dunstschleier, der die endlose Küstenlinie der Cardigan Bay verdeckte. Eine leichte Brise schien die Luft zu bewegen, denn die Kiefern hinter dem Gartenhaus seufzten, aber auf der Terrasse war es vollkommen windstill. Er setzte sich auf die heiße Steinmauer, glücklich und zufrieden wie eine sonnenhungrige Eidechse.

Der Generator unten im Schuppen bei der Mühle rackerte sich ab, schnaufte wie eine Dampflock: Paff-Tschaff! Paff-Tschaff! Paff-Tschaff! Paff-Tschaff! Er musste an einen bestimmten Typ Frau denken. Betsy war so und seine Mutter auch. Beneidenswerte Wesen! Glücklich, solange sie herumwuseln konnten. Sie hetzten ständig durch die Gegend, was er früher ziemlich nervig fand. Aber inzwischen hatte er gelernt, damit umzugehen, ihr Gewusel einfach auszublenden und sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen.

Gerade kam Betsy aus dem Haus gerannt, als ginge es um Leben und Tod. Sie lief auf die Terrassenstufen zu. Offenbar wollte sie zu ihm. Es musste dringend sein, denn sie störte ihn nie, wenn er angeblich arbeitete. Wahrscheinlich sollte er irgendwas erledigen oder, was noch schlimmer war, seine Meinung zu irgendwas abgeben. Ihm wurde ganz beklommen zumute.

Doch Mrs Lloyd, die Frau des Pastors, die gerade die Auffahrt heraufkam, versprach einen willkommenen Aufschub. Betsy war gezwungen umzukehren. Er hoffte, dass die beiden Frauen ins Haus gehen und so schnell nicht wieder herauskommen würden. Sie blieben jedoch in der Auffahrt stehen. Wie es aussah, bat Mrs Lloyd um irgendwas, und Betsy schien ihrem Wunsch entsprechen zu wollen. Keine hörte der anderen zu; sie waren anscheinend zu sehr damit beschäftigt, ein und dasselbe mit immer neuen Worten zu sagen.

Jetzt stürmten die Kinder, mit Badetüchern und Picknickkörben beladen, aus dem Haus. Sie scharten sich um Betsy und bedrängten sie mit ihren Wünschen. Bestimmt rief Mrs Lloyd entzückt, wie groß sie doch geworden seien. Und wahrscheinlich waren sie genervt, denn sie starrten peinlich berührt auf den Boden und kickten gegen die Kieselsteine. Mark Hannay, ihr junger Gast, stand etwas abseits, spielte an den Knospen der Fuchsien herum und tat so, als ginge ihn das alles nichts an. Schließlich zogen sie ab. Offenbar hatte Betsy ihre Wünsche erfüllt, denn sie stürzten freudig den steilen Pfad durch den Garten hinunter. Aber jetzt mussten die beiden Frauen natürlich noch mal von vorn anfangen. Alec war es unbegreiflich, dass sich Frauen x-mal wiederholen mussten, um sich ihrer guten Absichten zu versichern. Es war ihm klar, dass es sich um eine Höflichkeitsgeste handelte, die Untergebene allerdings ausschloss.

Jetzt waren die Kinder unten angelangt. Sie flitzten über die Straße, stiegen über einen Zauntritt und rannten über die Felder auf die Dünen und das Meer zu. Die übliche Reihenfolge war wieder hergestellt, vorn die beiden Mädchen, dahinter die beiden Jungen.

Betsy und Mrs Lloyd näherten sich dem Ende ihrer Unterhaltung. Eine gewisse Unruhe wurde spürbar. Betsy machte einen halben Schritt zurück, wie um ihre Gefährtin zu er­mutigen, ihrem Beispiel zu folgen. Keiner von beiden machte es Spaß, dort zu stehen. Die Angelegenheit war schon längst geklärt, und beide hatten tausend andere Dinge zu erledigen. Aber es fiel ihnen offenbar ungeheuer schwer, sich zu trennen. Zentimeter um Zentimeter vergrößerten sie den Abstand zwischen sich, ohne ihr Gespräch zu unterbrechen. Bestimmt glaubte Betsy, jeden Augenblick erlöst zu sein.

Doch sie irrte sich. Der nächste Störenfried war bereits im Anmarsch. Eine vierschrötige Person war hinter den Fuch­siensträuchern aufgetaucht – Frau Bloch aus dem Cottage am Fuß des Hügels. Sie wartete mit kleinlauter Leidensmiene da­rauf, dass Betsy sie bemerkte. Trotz der Hitze trug sie einen Pelzmantel. Niemand hatte sie bisher ohne dieses Kleidungsstück gesehen, und die Cannings vermuteten, dass es der Mantel war, in dem sie mit ihrer Familie vor Hitler geflohen war.