Falscher Glanz - Margaret Kennedy - E-Book

Falscher Glanz E-Book

Margaret Kennedy

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Beschreibung

Als Norman Crowne, ein erfolgreicher Schriftsteller, des Mordes angeklagt wird, sind seine Kinder noch zu klein, um die Katastrophe zu begreifen: Im England des 19. Jahrhunderts ruiniert ihn ein solcher Verdacht. Die Zwillinge Emily und William haben ihre Mutter früh verloren, bald nach seinem Freispruch stirbt auch Crowne vereinsamt in Südamerika, und die Geschwister bleiben als Waisen zurück. Mit gutmütigem Wesen, Schönheit und einem beachtlichen Vermögen gesegnet, wachsen Emily und William unbekümmert bei ihrer Tante und deren Kindern auf. Doch ihrem Namen haftet etwas Skandalöses an, sie stehen im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses – wie Seifenblasen, deren Zerplatzen man fasziniert erwartet. Und auch zwischen den Cousinen und Cousins kommt es zu Spannungen und Eifersüchteleien. Die Crownes müssen feststellen: Der zweifelhafte Ruhm ihres Vaters begleitet sie bis ins Erwachsenenleben – mit verheerenden Folgen.

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Margaret Kennedy

Falscher Glanz

Roman

Aus dem Englischen von Maria Sander

Schöffling & Co.

Für Virginia Kennedy

Erster Teil

PrologDas Puppentheater

Catherine Frobisher gehörte zu den Frauen, die als Witwen weit erfolgreicher sind denn als Gattinnen. Da sie außerordentlich treu war, duldete sie keine Fehler in einem geliebten Wesen. Ihre Einbildungskraft war stärker als ihr Gedächtnis: Den Verstorbenen gegenüber ließ sie Milde walten und Großmut gegenüber der Vergangenheit, aber den Lebenden begegnete sie mit reizbarer, wenn auch liebevoller Unnachgiebigkeit. Bis zum Ende ihrer Tage war sie Idealistin und Romantikerin.

Ihre glänzende Karriere als Witwe verdankte sie vor allem diesem verklärten Blick auf die Vergangenheit. Ihr Gatte war zu Lebzeiten zwar nicht völlig unbekannt gewesen, aber in Wahrheit hatte er nicht viel getan, um den ungeheuren Nachruhm zu verdienen, zu dem Catherine ihm nach seinem Ableben verhalf. Ihrer Beharrlichkeit war es zu verdanken, dass die Welt sich an seinen Namen erinnerte und dass er fünf Jahre nach seinem Tod in höherem Ansehen stand als jemals zu seinen Lebzeiten.

Charles Frobishers größtes Verdienst hatte in seiner Fähigkeit bestanden, sich mit Männern anzufreunden, die talentierter waren als er selbst. Er verkehrte in bester Gesellschaft, kannte jeden und war überall ein gern gesehener Gast. Er führte eine umfangreiche Korrespondenz. Im Übrigen war er Dichter und Kritiker, aber die meisten seiner Werke waren so gut und so langweilig, dass niemand sie mehr als einmal las. Hätte er keinen »Kreis« gehabt und es irgendwie geschafft, eine sehr interessante Generation zu überleben, wäre er zweifellos der Bedeutungslosigkeit anheimgefallen. Er war eine dieser unvermeidlichen zweitklassigen Berühmtheiten, die für die Nachwelt zum Typus einer ganzen Generation werden, eine Art Stellvertreter für das späte viktorianische Zeitalter, sodass den Leuten, wenn sie an die 1870er Jahre dachten, gleich Frobisher in den Sinn kam anstelle seiner eigentlich viel bedeutenderen Zeitgenossen.

Seine Witwe war sich dessen halb bewusst, als sie begann, Leben und Briefe herauszugeben. Sie bemühte sich sehr, die Korrespondenz mit seinen alten Freunden weiterzuführen und all die Verbindungen zur Vergangenheit zu pflegen, die so wichtig sind, wenn man eine Tradition bewahren möchte. Sie blieb mit ihren beiden Kindern in Water Hythe wohnen, dem elisabethanischen Landsitz in Oxfordshire, wo Frobisher seine berühmten Gäste empfangen hatte. Nach und nach gelang es ihr, das Haus in einen Schrein zu verwandeln. Am Samstagnachmittag war es für Besucher geöffnet, die kamen, um das mit Eibenholz getäfelte Wohnzimmer zu bewundern, wo Meredith seine Pfeife geraucht hatte, die Bibliothek, wo Jowett sich mit Herbert Spencer gestritten hatte, und die Kamine, die laut Ruskin alle nur Staffage waren. Sie veränderte nichts. Die Wände des Wohnzimmers zierten weiterhin die kleinen Landschaftsaquarelle, die von Frobishers erster Frau stammten, der schönen, unglücklichen Adelaide. Denn Charles war, wie zu seiner Zeit üblich, zweimal verheiratet gewesen. Seine erste Frau war ihm nach zwanzig Jahren unverhüllten Elends davongelaufen. Mit sechzig fand er sein Glück mit Catherine, der Tochter seines alten Freundes und Nachbarn Bartley Trevor von Monk’s Hall. Sein erstes Kind wurde geboren, als er dreiundsechzig Jahre alt war.

Die Heirat war eine große Überraschung für alle Nachbarn gewesen. Niemand hätte gedacht, dass die reizlose und ziemlich plumpe Catherine, die sich immer damit begnügt hatte, ihrem Vater den Haushalt zu führen, jemals einen Mann finden würde. Hinzu kam, dass Catherines Makel durch die Schönheit und den Esprit ihrer jüngeren Schwester Pamela nur noch mehr hervorgehoben wurden. Aber am Ende meinte es das Schicksal gut mit Catherine und hielt für Pamela nichts als Kummer und Elend bereit. Auch Pamela hatte einen Dichter geheiratet – einen besseren als Frobisher. Oberflächlich betrachtet war es eine glänzende Partie. Norman Crowne war jung, gut aussehend, reich und von vornehmer Herkunft. Er besaß ein schillerndes, wenn auch launenhaftes Genie und zog in seiner kurzen Glanzzeit viel Aufmerksamkeit auf sich. Frobisher konnte ihn nicht leiden.

»Ich muss dich warnen«, sagte Catherine vor der Heirat zu Pamela. »Charles mag ihn nicht. Er misstraut ihm. Er meint, Norman sei nicht geerdet.«

Als Norman davon hörte, gab er eine Antwort, an die die Leute sich bis auf den heutigen Tag erinnern: »Armer Charles. Bei seinem Gewicht ist er geradezu an den Erdboden gefesselt.«

Aber Charles behielt leider durchaus recht, auch wenn er das schlimme Ende seines Schwagers, das er so oft vorausgesagt hatte, selbst nicht mehr miterlebte. Norman Crownes Niedergang folgte etwa drei Jahre nach Charles’ Tod, gegen Ende des Jahrhunderts, und war ebenso plötzlich und ebenso spektakulär wie sein Aufstieg: Er wurde verhaftet und des Mordes angeklagt.

Er war zu erfolgreich gewesen, das war sein Missgeschick. Vielleicht wäre es besser für ihn gewesen, wenn er von Anfang an weniger Glück gehabt hätte. Ein paar Schwierigkeiten und harte Arbeit hätten seinen Sinn für die realen Verhältnisse sicher geschärft. Er lebte in einer Phantasiewelt, verlor die Orientierung und war nicht mehr imstande, zwischen Möglichem und Unmöglichem, Erlaubtem und Verbotenem zu unterscheiden. Er glaubte, tun zu können, was ihm beliebte, und es beliebte ihm, Dinge zu tun, die er später bereute.

Bei seiner Heirat hatte er den Vorsatz gefasst, gewisse Begebenheiten der Vergangenheit aus seinem Gedächtnis zu löschen, sich von Verbindungen zu befreien, die ihm zuwider geworden waren. Aber er saß in der Falle. Die Realität setzte sich zu spät durch, und die Vergangenheit wollte ihn nicht in Frieden lassen. Fortwährend wurde er von den Schatten einer bösen Welt, von dunklen Erinnerungen und der Bedrohung durch Enthüllung heimgesucht. Er war nie besonders vernünftig gewesen, und er besaß keine besonnenen Freunde, an die er sich mit seinen Sorgen hätte wenden können. Mit der Zeit wurde er Opfer einer verborgenen, zehrenden Verfolgung, die sein ganzes kurzes Eheleben überschattete. Vor dem Tod seiner geliebten Frau begann er noch, verzweifelte Maßnahmen in Erwägung zu ziehen, danach aber verfiel er in einen Geisteszustand, den man mit Fug und Recht als Wahnsinn bezeichnen kann.

Er schottete sich ab, wünschte niemanden mehr zu sehen, bis auf einen einzigen Freund, ein äußerst zweifelhafter Geselle, der böse Geist seines Lebens. Wahrscheinlich empfing er auch ihn nicht aus freien Stücken, sondern weil er keine Wahl hatte. Später stellte sich heraus, dass er sich ganz in die Macht dieses Mannes begeben und somit allen Grund hatte, ihn aus dem Weg räumen zu wollen. Mehr als einmal habe er die dunkle Absicht geäußert, gewaltsame Maßnahmen zu ergreifen. Dann starb der Freund unter verdächtigen Umständen, und Crowne wurde des Mordes angeklagt. Viele glaubten an seine Unschuld, aber über die schmutzigen Laster, die während der Verhandlung enthüllt wurden, konnte niemand hinweggehen. Crowne war ruiniert. Auch ein Freispruch würde ihn nicht von der Schande befreien können, die er über sich gebracht hatte. Seine Kinder würden ihr Leben lang einen befleckten Namen tragen. Glücklicherweise waren sie damals noch zu jung, um ihr Schicksal zu begreifen.

»Aber eines Tages müssen sie es doch erfahren«, meinte Catherine. »Und was soll ich ihnen dann nur sagen? Wie werde ich ihnen je beibringen können, dass ihr Vater gehängt wurde?«

Das sagte sie zu Philip Luttrell, dem jungen Pfarr- und Gutsherrn von Water Hythe und Ratchet, der gekommen war, um ihr seine Anteilnahme auszusprechen. Und da das Gespräch am ersten Tag der Gerichtsverhandlung stattfand, fühlte Philip sich genötigt darauf hinzuweisen, dass noch Hoffnung bestand.

»Aber lieber Philip, jeder weiß doch, dass er es getan hat!«

»Ich kenne einige Leute, die das anders sehen. Letzte Woche in Oxford bin ich ein paar Männern begegnet, die Crowne von früher kennen, aus der Zeit, als er noch im Oberhaus saß. Keiner von ihnen kann sich vorstellen, dass er es getan hat.«

Catherine schenkte dem keine Beachtung. Sie konnte auf ihrem Standpunkt beharren wie die Entschlossensten oder die Gehörlosen.

»Der Fall ist ein eindrucksvoller Beweis für die prophetische Gabe meines lieben Gatten«, erwiderte sie. »Er war ein großer Menschenkenner. Er hat immer gesagt, dass etwas Derartiges passieren würde. Er konnte Crowne nicht leiden, hat ihm nie über den Weg getraut. Ich weiß noch, wie er einmal sagte: ›Über seinem Werk liegt ein falscher Glanz, der mir nicht behagt.‹ Ich fand das sehr gut gesagt. Ein falscher Glanz! Schon seinen ersten Sonetten merkt man das an. Mein Mann empfand tiefes Misstrauen gegen solchen Dünkel. Für ihn war das nur Aufschneiderei, den ›Glanz der Dekadenz‹ nannte er es einmal. Außerdem hat der Apotheker, bei dem er das Arsen gekauft hat, ihn wiedererkannt.«

Philip erinnerte sie daran, dass das Opfer laut ärztlichem Befund gar nicht an einer Arsenvergiftung gestorben war – die wohl rätselhafteste Tatsache des ganzen Falls.

»Das weiß ich doch alles«, rief sie ungeduldig. »Aber Sie müssen zugeben, dass es ziemlich übel aussieht. Wozu hat er das Arsen denn sonst gebraucht? Er muss einen Mord geplant haben.«

»Wahrscheinlich. Er hat sich wohl eingeredet, dass er recht daran täte, die Welt von einem solchen Schurken zu befreien. Das haben auch seine Freunde gesagt. Sie meinten, er habe in seiner eigenen Welt gelebt, und wenn er sich Schwierigkeiten gegenübersah, sei er in eine unsinnige, kindische Wut geraten. Er konnte ziemlich ungehalten sein. Die Idee, dass man sich der Notwendigkeit beugen muss, war ihm völlig fremd. In aller Öffentlichkeit eine Menge Gift zu kaufen … das sieht ihm ähnlich. Es war eine Geste.«

»Sie meinen, er wollte sich Aufmerksamkeit verschaffen? Aber wenn er vorhatte, es zu tun, ist das genauso schlimm, wie wenn er es wirklich war.«

»Dennoch kann man ihn nicht verurteilen, bis bewiesen ist, dass er der Täter ist. Das Gesetz …«

»Mein guter Philip, Sie brauchen mir nicht das Gesetz zu erklären. Was Sie mir sagen können, wusste ich lange vor Ihrer Geburt.«

Philip schwieg, wie immer, wenn sie von den Jahren sprach, bevor er geboren wurde. Der Altersunterschied gab ihr das Recht dazu, und obwohl er der Pfarrer war, hatte er ein wenig Angst vor ihr. Sie waren ihr Leben lang Nachbarn gewesen, und er erinnerte sich noch an die Zeit, als sie schon eine erwachsene junge Lady und er noch ein kleiner Junge und der Spielkamerad ihres jüngeren Bruders Bobbie gewesen war. Dieser Bruder war Offizier geworden, und Catherine empfand es als großes Unglück, dass er zur Zeit des Crowne-Prozesses in Indien weilte.

»Wenn doch wenigstens Bobbie hier wäre!«, seufzte sie. »Er würde sicher irgendetwas tun, um dieser furchtbaren Geschichte ein Ende zu setzen. Er hatte die arme Pamela so gern und hat ihre Heirat mit diesem Mann nie gutgeheißen. Er würde alles in Ordnung bringen. Er würde Norman beraten, mit den Rechtsanwälten sprechen und so weiter. Er wäre mir eine solche Hilfe. Ich vermisse ihn sehr.«

»Lassen Sie mich Ihnen behilflich sein«, sagte Philip freundlich. »Erlauben Sie mir, Ihnen zu helfen, wie ich nur kann.«

Sie willigte ein. Nicht weil sie großes Vertrauen in sein Urteil setzte, sondern weil sie die traditionelle Ehrfurcht der viktorianischen Witwe vor der Geistlichkeit empfand. In Bobbies Abwesenheit wandte sie sich instinktiv an ihren Pfarrer, und Philip tat in den folgenden sorgenreichen Tagen alles Erdenkliche, um sie zu trösten und zu entlasten. Wegen der Kinder lehnte sie es ab, Water Hythe zu verlassen, und sie wollte auch keine Zeitungen lesen – es war alles zu schmierig –, sodass er ihr die Einzelheiten des Verfahrens täglich berichten musste. Er gab viele Telegramme auf, traf Vorkehrungen für die Zukunft der Crowne’schen Kinder, die, ungeachtet des Urteils, unter die Obhut ihrer Tante gestellt werden sollten, und brachte die Kinder selbst von London nach Water Hythe. Catherine war ihm dankbar, fand aber, dass er nur seine Pflicht erfüllte.

»Sie waren sehr gut zu mir«, sagte sie am letzten Tag, als sie zusammen am Kaminfeuer saßen und auf das Urteil warteten. »Ich werde nie vergessen, wie sehr Sie mir in dieser schrecklichen Zeit geholfen haben.«

»Aber Catherine! Was hätte ich denn anderes tun sollen? Ich bin sehr froh, dass ich Ihnen behilflich sein konnte.«

»Es war ja sonst niemand da«, sagte sie mit der ihr eigenen Freimütigkeit. »Aber wie sehr wünschte ich, es wäre alles vorbei. Warum kommt denn dieses Telegramm nicht?«

Es war ein anstrengender Tag gewesen. Die Kinder, von Sorgen bedrückt, die sie nicht verstehen konnten, hatten sich gegenseitig in Ungezogenheit übertroffen. Es regnete ununterbrochen, sodass niemand hinausgehen konnte. Ein nervenaufpeitschender Sturm war über das wartende Haus hinweggefegt. Die Winterdämmerung hatte es eingehüllt, und noch immer war keine Nachricht aus London eingetroffen.

Philip und Catherine saßen im großen Saal, einem scheunenartigen Raum, in dem es immer nach verbranntem Holz roch und an dessen beiden Enden Kaminfeuer brannten. Der Steinboden und die schweren Dachsparren wiesen ihn als ältesten Teil des Hauses aus, die Wohnstube eines von halb wilden Bauerntölpeln erbauten Gehöfts. Einige Gemälde aus dem neunzehnten Jahrhundert – zwei Leightons, ein Millais und ein von Watts gefertigtes Porträt von Frobisher – nahmen sich merkwürdig und selbstgefällig an seinen Wänden aus. Eine wuchtige Tür führte über eine große Veranda in den Garten, und eine Reihe kleiner, unterschiedlich großer Fenster bot immer denselben Ausblick auf eine quadratische Rasenfläche, die links von einem Taubenschlag und rechts von einer kleinen Kirche flankiert wurde. In der Ferne lagen die nassen Flusswiesen und eine Reihe Kopfweiden. Doch nun verschwammen Rasen, Fluss, Kirche und Taubenschlag in dämmrigem Nebel. Der Wind wehte in die breiten alten Kamine hinein, und der Regen zischte auf den Holzscheiten.

Am anderen Ende des Raums herrschte ohrenbetäubender Lärm. Charlotte und Trevor Frobisher zankten sich über einem Kartenspiel, während William und Emily, Norman Crownes Zwillinge, wild herumtobten. Sie waren zu jung für Spiele mit festen Regeln, konnten sich aber vorstellen, Eisenbahnen zu sein, und es wurde viel gepfiffen. Von Zeit zu Zeit vermeldete ein Tuten, dass sie nun Schiffe waren, oder ein Furcht erregendes Gebrüll verwandelte sie in Löwen und Tiger.

»Vielleicht«, rief Philip durch das Getöse, »kommt es heute Abend gar nicht mehr zu einer Entscheidung. Als ich von Oxford aus anrief, wurde mir gesagt, dass die Richter noch nicht über das Urteil berieten.«

»Herrje, dass es sich bloß nicht noch einen weiteren Tag hinzieht!«, meinte Catherine bestürzt. »Diese Spannung ist unerträglich. Charlotte! Hör auf zu jammern! Du musst Trevor auch mal die Karten austeilen lassen. Und bitte bleibt drüben auf eurer Seite. Kommt nicht immer hier herüber. Fort jetzt! Ich vermute, schlimmstenfalls kann er in Berufung gehen? Könnte er nicht auf Unzurechnungsfähigkeit plädieren? Ich finde ja, er hätte sich gleich schuldig bekennen und dann versuchen sollen, straffrei davonzukommen, wegen des Wahnsinns. Die Crownes sind nämlich alle ein wenig verrückt, wissen Sie? Es gab da eine alte Tante, die …«

Ihre Stimme wurde immer leiser, bis sie ganz im Geschrei und Getute der Zwillinge unterging und Philip gar nichts mehr verstand. Sie bat ihn ins Wohnzimmer, dort sei es ruhiger. Protest und Tränen waren die Folge.

»Aber Tante Catherine …«, rief William. »Du … du … du musst …«

»Beruhig dich, und sprich deinen Satz zu Ende, William! Es ist eine schlechte Angewohnheit, so zu reden.«

Er nahm sich mit sichtlicher Anstrengung zusammen und sagte: »Du musst auf dem Teppich bleiben. Sonst ertrinkst du. Der Teppich ist das Schiff. «

»Es tut mir leid, aber ich kann jetzt nicht spielen. Wenn ich zurückkomme, spiele ich vielleicht Schiff mit dir.«

»In Ordnung«, sagte er zufrieden. Dann flüsterte er seiner Schwester vertraulich zu: »Ich weiß was. Ich mache aus dem ganzen Haus ein Schiff. Sie sind bloß in einen anderen … einen anderen Teil vom Schiff gegangen. Das habe ich ihnen nämlich befohlen. Ich bin der Kapitän.«

Philip folgte Catherine einige Steinstufen hinauf in den holzgetäfelten Wohnraum aus der Tudorzeit. Dabei machte er eine Bemerkung darüber, wie sehr William seinem Vater ähnele.

»Seinem Vater? Norman Crowne?« Catherine wirkte empört. »Wie können Sie nur so etwas sagen? Sie sind sich überhaupt nicht ähnlich. Kein bisschen! William ist ein lieber Junge.«

»Das ist Crowne früher wohl auch gewesen. Und in gewissem Sinne ist er es bis heute. Das ist ja das Problem. Crowne ist nie ganz erwachsen geworden. Er dachte noch, er könnte Häuser zu Schiffen machen, als er es längst besser hätte wissen müssen.«

»Er war verrückt«, sagte Catherine überzeugt. »Ganz bestimmt. Das Ding da, das heute Morgen kam, ist der Beweis. Ich weiß gar nicht, was ich damit machen soll. Es war an die Zwillinge adressiert, aber …«

Sie zeigte auf eine große Kiste, die in einer Ecke des Zimmers stand. Philip hob den Deckel an und erblickte eine Reihe kleiner Puppen. Er fragte, ob das Spielzeug sei.

»So würde man es wohl nennen.«

»Für William und Emily?«

»Ihr Vater hat es geschickt!«, flüsterte sie ihm entsetzt zu.

»Sie haben es den Kindern noch nicht gegeben?«

»Nein. Es ist völlig ungeeignet. Sie sind viel zu jung dafür. Es ist ein kleines Theater. Sehr hübsch gemacht, aber vollkommen ungeeignet.«

Es war wirklich ein sehr schönes Spielzeug. Philip war erstaunt über die Perfektion der Details, als er und Catherine es aus der Kiste nahmen und aufstellten. Es gab verschiedene Bühnenbilder, einen Vorhang, Rampenlichter und eine Menge ausgeschnittener Puppen, die an Drähten hingen.

»Ich glaube, er hat es selbst gemacht«, flüsterte Catherine. »Er war in solchen Dingen sehr geschickt.«

Er hatte es selbst gemacht. Anstatt ins Ausland zu fliehen, hatte er sich in der letzten halb verrückten Woche vor seiner Verhaftung damit beschäftigt. Manche Leute sahen es als Beweis seiner Unschuld, dass er jeden Fluchtversuch unterlassen hatte, andere als Beweis seiner Schuld. Sechs Tage lang hatte er das Haus nicht verlassen, kaum gegessen und kein Auge zugetan. Als die Polizei eintraf, fand sie ihn auf dem Dachboden vor, wo er inmitten eines großen Durcheinanders von Leim, Wasserfarben, Pappe und leeren Champagnerflaschen an diesem Puppentheater arbeitete. Und anscheinend hatte er noch veranlasst, dass es seinem Sohn und seiner Tochter geschickt wurde. Philip hatte sofort den Wunsch, damit zu spielen, aber Catherine betrachtete es missbilligend. Sie wiederholte: »Das ist überhaupt nichts für Kinder. Diese fürchterlichen Puppen …«

Er sah sie sich genauer an und musste ihr recht geben. Diese Pappfiguren waren wunderbar lebensähnlich, aber dennoch kein erfreulicher Anblick.

Nachdem er sie alle betrachtet hatte, bemerkte er: »Das Stück muss ausschließlich von Schurken handeln.«

»Hier ist es. Er hat es selbst geschrieben, in Blankversen.«

Catherine fischte ein Notizbuch aus der Kiste und hielt es Philip vorsichtig hin, als könnte es sie beißen oder explodieren. Ihm war bewusst, dass dies höchstwahrscheinlich das letzte Werk von Norman Crowne sein würde, und ihn überlief ein leichter Schauer, als er zu lesen begann. Das Geschriebene war nicht schwer zu entziffern: Die Handschrift war deutlich, und nur wenige Stellen waren nachträglich korrigiert worden. Es gab genaue Anweisungen zu Szenenwechseln und Handhabung der Puppen. Philip las eine Weile, gefesselt vom wohlbekannten Charme des Crowne’schen Stils. Dann warf er das Buch zurück in die Kiste und rief: »Der Mann war vollkommen verrückt!«

»Das sage ich ja. Alle Crownes sind verrückt. Man hätte auf Unzurechnungsfähigkeit plädieren sollen. Die arme Pamela hat mir so einiges erzählt … Es ist wirklich ein Segen, dass sie das nicht mehr miterleben muss. Denn sie liebte ihn wirklich, wissen Sie? Trotz allem. Aber einmal hat selbst sie gesagt, sie glaube, alle Crownes seien … Was ist los, Trevor? Ich habe doch gesagt, ihr sollt drüben bleiben.«

Trevor hatte den Kopf neugierig zur Tür hereingestreckt. Er schenkte seiner Mutter keine Beachtung, trat zu ihnen an den Tisch und betrachtete das Puppentheater mit großem Interesse.

»Was ist das?«, fragte er.

»Das tut nichts zur Sache. Jetzt geh bitte wieder.«

»Das ist ein Theater!«, verkündete er. »Ein kleines Theater. Für mich?«

»Trevor! Wenn du mir nicht auf der Stelle gehorchst …«

»Ein Theater, ein Theater! Ich habe ein Theater bekommen!«

Er begann zu jubeln und auf und ab zu hüpfen. Charlotte, die hinter ihm ins Zimmer geschlüpft war, stimmte mit ein. Und die Zwillinge, die dem Lärm gefolgt waren, kamen die Treppe heraufgestapft und forderten mit heiseren Stimmen, das kleine Theater auch sehen zu dürfen.

»Was bleibt uns übrig?«, seufzte Catherine hilflos.

Sie war nicht ganz sie selbst. Die Sorgen des Tages waren zu viel für sie gewesen. An jedem anderen Tag hätte sie kurzen Prozess mit ihrem ungezogenen Sohn gemacht.

»Ein Theater! Ein Theater!«

»Darf ich es auch sehen? Bitte, Tante Catherine, darf ich es auch sehen?«

»Fass es ja nicht an, das ist mein Theater!«

»Stimmt nicht! Es gehört uns allen.«

»Es ist meins!«

»Wer hat das gesagt?«

»Bitte, bitte, darf ich Trevors schönes kleines Theater sehen?«

»Ich hab das gesagt, ihr Nervensägen!«

»Mutter! Es ist doch nicht seins, oder?«

»Es gehört keinem von euch. Lasst die Finger davon und geht jetzt, alle vier! Ich bin sehr verärgert!«

»Aber wem gehört es denn?«

»Den Zwillingen.«

»Den Zwillingen!«

Trevor und Charlotte murrten.

»Aber die Zwillinge sind noch zu klein dafür. Sie machen es nur kaputt. Sie wissen doch gar nicht, wie man damit spielt. Wer hat es ihnen geschenkt?«

»Es wird weggeräumt, bis sie größer sind. Und nun geht!«

»Aber warum dürfen wir bis dahin nicht damit spielen? Wir sind auch ganz vorsichtig. Sie könnten uns beim Spielen zuschauen.«

»Nein.«

Alle vier Kinder brachen in lautes Geheul aus. Es war der Tiefpunkt eines schrecklichen Tages. Philip, der alle Puppen eingesammelt und mitsamt dem Notizbuch auf ein hohes Regalbrett gelegt hatte, gab zu bedenken, dass das Puppentheater selbst möglicherweise harmlos sei. Und wenn man den Kindern erlaube, damit zu spielen, könne man sie vielleicht für den Rest des Abends ruhigstellen. Catherine willigte ein. Sie war froh um den Kompromiss, denn sie war sehr müde. Also wurde das Puppentheater im großen Saal auf einem niedrigen Tisch aufgestellt, und die Frobisher-Kinder spielten eifrig damit, während die Crowne-Kinder zuschauten. Die Zwillinge waren wirklich noch zu klein, um sich besonders dafür zu begeistern. Eine Weile sahen sie freudig zu, während Trevor den Vorhang hob und senkte, dann wandten sie sich wieder dem Zug-Spielen zu.

»Das war sehr ungezogen von Trevor«, murmelte Catherine. »Er gehorcht immer weniger, und ich gebe viel zu oft nach. Wäre es nicht so ein anstrengender Tag gewesen, hätte ich ihn bestrafen müssen. Er braucht einen Mann im Haus. Ich wünschte, Bobbie würde zurückkommen und sich hier niederlassen. Es ist seine Pflicht.«

Sie erwartete nicht von ihrem Bruder, dass er eine vielversprechende Karriere aufgab und zurück nach Hause kam, nur um seinem Neffen eine Tracht Prügel zu verpassen. Mit Bobbies Pflicht meinte sie Monk’s Hall, das Haus ihres Vaters, das eine halbe Meile flussaufwärts, zwischen Bäumen verborgen, verlassen dalag. Seit Bobbie nach Indien gegangen war, stand es leer, und sie wollte, dass er zurückkam und dort lebte.

»Ich wünschte, er würde heiraten«, sagte sie. »Aber natürlich nicht dort. Diese Anglo-Inderinnen sind unmöglich. Fast immer schlecht erzogen. So eine könnte ich im Haus meiner Mutter nicht ertragen. Was ist das? Ist da jemand an der Gartentür?«

Der Bote aus Ratchet hatte in der Dunkelheit den Haupteingang nicht gefunden, der sich zwischen den Wirtschaftsgebäuden an der Rückseite des Hauses befand. Er irrte im strömenden Regen unter dem Ächzen unsichtbarer Bäume umher, bis er die Veranda fand. Mit beiden Händen griff er nach dem riesigen alten Türklopfer und donnerte damit so heftig gegen die Tür, dass es sogar das Tosen des Windes übertönte. Philip und Catherine kämpften mit Riegeln und Schlössern. Regen und nasses Laub wehten aus der Dunkelheit in den Raum. Catherine ging mit dem Telegramm zurück ins Licht, während Philip beim Versuch, die Tür wieder zu schließen, gegen den Wind ankämpfte. Die Kinder, von dieser Aufregung, die plötzlich in ihre sichere Welt eindrang, in Unruhe versetzt, sahen von ihrem Spiel auf.

»Gott sei Dank! Gott sei Dank!«, rief Catherine.

»Freispruch?«

Philip nahm das Telegramm an sich und las das beruhigende Wort.

»Um der Kinder willen … Gott sei Dank!«

Sie bemerkten, dass Trevor und Charlotte mit offenem Mund lauschten. Trevor, ein aufgeweckter Junge, fragte, ob von seinem Onkel Norman die Rede sei. Er hatte die Dienstboten darüber tuscheln hören.

Catherine dachte kurz nach, dann sagte sie: »Ja, Liebes. Es sind gute Nachrichten. Wir haben allen Grund, uns zu freuen, vor allem für die Zwillinge. Dein Onkel war wegen eines schrecklichen Verbrechens angeklagt, aber nun wurde seine Unschuld bewiesen.«

»Was für ein Verbrechen?«, fragten Trevor und Charlotte wie aus einem Mund.

»Das werdet ihr erfahren, wenn ihr älter seid. Es hätte jedenfalls sehr schlimm ausgehen können. Uns allen ist großes Leid erspart geblieben.«

»Wie konnten sie seine Unschuld beweisen?«

»Er hatte einen sehr guten Anwalt«, sagte Catherine nach kurzem Nachdenken.

»Aber ist er wirklich unschuldig? Hat der Richter das gesagt?«

»Die Geschworenen, Charlotte. Weißt du nicht mehr, das Geschichtsbuch, aus dem ich dir vorgelesen habe? Da stand, dass die Geschworenen …«

»Ja, ich weiß. Aber gehen die Zwillinge jetzt zurück zu sich nach Hause?«

»Nein, Liebes. Sie bleiben bei uns.«

»Aber warum? Wenn Onkel Norman doch nicht ins Gefängnis kommt …«

»Sei still, Trevor. Er wird für eine Weile ins Ausland gehen.«

Sie sagte das mit großer Bestimmtheit und sprach dabei für ganz England. Denn am nächsten Morgen, beim Lesen der Zeitung, waren sich alle einig, dass Crowne noch einmal Glück gehabt habe und von nun an besser im Ausland leben solle. Er habe es sich selbst zuzuschreiben, dass der Boden seiner Heimat nun zu heiß für ihn sei.

»Aber Mutter, können die Zwillinge nicht auch ins Ausland gehen?«

»Warum muss er denn weggehen? Hat er es wirklich nicht getan?«

Trevor wirkte misstrauisch. Aber seine Mutter sagte, er solle nicht so viele Fragen stellen, und ermahnte die Kinder erneut, sich für William und Emily zu freuen.

»Die hören nicht mal zu«, sagte Trevor verächtlich.

Das stimmte. Die Zwillinge hatten von der großen Krise in ihrem Leben gar keine Notiz genommen. Sie waren wieder ganz in ihre entzückenden, geheimen Spielchen vertieft, unantastbar im zarten Glanz ihrer Kindheit. Nur als die Tür aufschwang und ein starker Wind hereinblies, hatten sie einen Moment verwundert aufgeblickt. In Emilys silbrig glänzenden Locken hing noch immer ein vertrocknetes Blatt. Aber sobald die Tür geschlossen wurde, hatten sie die Nacht und das Laub und den Boten, der die Nachricht überbrachte, bereits wieder vergessen. William, mit seinem wilden blonden Haar und dem strahlenden Gesicht, schlängelte sich kreischend unter allen Sofas hindurch und tat dabei so, als würde er durch Tunnel fahren. Emily hatte es endlich geschafft, sich ihrem Puppentheater zu nähern, und spielte damit. Sie hatte das Bild eines kleinen Schlosses auf einem steilen Felsen gefunden, von Tannenwäldern umgeben – ein kleines weißes Schloss mit roten Türmen. Sie kannte es. Sie hatte es schon einmal gesehen, früher, viel früher, als sie noch ein Kleinkind war. Ihr Vater hatte es ihr vom Fenster eines Zuges aus gezeigt, in einem fast vergessenen Gebirgsland. Als sie es jetzt wiedersah, musste sie an die Berge denken. Es war wie eine geheime Botschaft, die sonst niemand verstehen konnte. Sie berührte es sanft mit dem Finger und fand sich in dieses Land zurückversetzt. Das kleine Schloss bezauberte sie. Weil es so klein war, kam es ihr echt vor, denn es passte zu ihrer eigenen Größe. Philip hörte, wie sie vor sich hin murmelte, während ihr Finger von einem Ding zum nächsten wanderte.

»Das ist ein Baum …«, sagte sie. »Und da ist noch einer … und da noch einer …« Und dann, etwas unsicher, sagte sie das Wort in der Sprache jenes Landes: »Baum.«

Es war wirklich ein Segen, dass sie noch so klein war.

Kapitel IDie beiden Häuser

1

Norman Crowne und sein Unglück waren bald vergessen. Gleich nach seinem Freispruch war er aus der Welt, die sich gegen ihn gewandt hatte, geflohen. Den Rest seines Lebens, dieses zerbrochenen, zerschmetterten Stück Lebens, das man ihm vor die Füße geworfen hatte, verbrachte er in Schande und Dunkelheit. Niemand wusste genau, wohin er gegangen war, und als er zwei Jahre später in Südamerika starb, hatten sich seine Freunde bereits daran gewöhnt, in der Vergangenheitsform von ihm zu sprechen.

Doch obwohl Norman Crowne selbst vergessen war, erinnerte man sich an seinen Fall. Der Crowne-Skandal lebte fort, erregte weiterhin großes Interesse und setzte mit der Zeit eine außergewöhnliche romantische Patina an. Eine neue Generation, die weniger leicht zu schockieren war als die vorige, diskutierte ihn mit wiedererwachender Begeisterung. Crownes Gedichte wurden mehr gelesen als je zuvor. Vor allem in Europa wurde ihnen eine ungeheure Anerkennung zuteil, denn dort gilt ein englischer Dichter im Allgemeinen nur dann als lesenswert, wenn er von seinen Landsleuten verbannt wurde.

Das Nachbeben der Affäre war in weiten Teilen der Welt zu spüren, aber am wenigsten vermutlich in Water Hythe. Denn dort wurde Norman Crowne nie erwähnt. Die Frobishers sprachen weder von ihm noch lasen sie irgendwelche der von Zeit zu Zeit erscheinenden Bände Erinnerungen und Memoiren, in denen der Fall Crowne für gewöhnlich ein ganzes Kapitel einnahm. Die Kinder, die unter Catherines Obhut aufwuchsen, merkten kaum, dass etwas nicht stimmte. Sie hatten irgendwann vom Prozess erfahren und ihn daraufhin als selbstverständlich hingenommen, wie Kinder das eben tun. Aber Trevor und Charlotte waren sich deutlicher als die kleinen Crownes eines verborgenen Geheimnisses bewusst.

Ungefähr sechs Jahre nach der Verhandlung sagte Trevor zu seiner Schwester: »Ich glaube … ich bin mir ziemlich sicher, dass Onkel Norman doch der Mörder war. Warum hat er damals sofort das Land verlassen? Warum dürfen wir nicht über ihn sprechen? Wenn er den Mord nicht begangen hat, hat er wahrscheinlich etwas noch viel Schlimmeres getan.«

Charlotte wies ihn darauf hin, dass es nichts Schlimmeres gab als Mord.

»Aber warum die ganze Geheimnistuerei? Warum ist es eine dieser ›Wartet-bis-ihr-älter-seid‹-Sachen?«

»Ich habe einmal in der Zeitung gelesen, dass sein Fall eine der größten Tragödien unserer Zeit ist«, sagte Charlotte.

»Da hast du’s!«

Beide fanden, dass ein solcher Vater eigentlich zu schade für die Zwillinge war, die nie aus einem persönlichen Vorteil Kapital schlugen.

»Ich wünschte, mein Vater wäre ein Mörder gewesen«, sagte Trevor bitter.

»Trevor!«

»Tu ich wirklich! Dann hätten wir vielleicht weniger Ahnenkult in diesem Haus. Ich glaube, unser Vater war ein schrecklicher alter Langweiler.«

Charlotte glaubte das eigentlich auch, hielt es aber für angebracht, ein bisschen empört zu tun.

»Die Zwillinge sollten uns leidtun«, sagte sie altklug.

»Warum? Sie sind solche Dummköpfe. Die wissen es gar nicht zu schätzen. Außerdem habe ich es allmählich satt, dass wir uns alle immer so furchtbar liebhaben sollen. Das ist doch Blödsinn. Mutter erzählt allen, dass wir uns lieben wie Brüder und Schwestern. Selbst wenn dem so wäre, würde es nicht viel heißen. Die meisten Brüder und Schwestern können einander nicht ausstehen. Es ist einfach Humbug, so zu tun, als wäre das bei uns anders.«

»Aber wir haben William und Emily doch wirklich gern, auf gewisse Weise.«

»Ja, auf gewisse Weise. Wir hauen sie nicht und ziehen sie nicht an den Haaren.«

»Und uns ist immer langweilig, wenn sie nicht da sind. In den letzten Wochen haben wir ständig gesagt, wie öde es ohne sie ist.«

Die Zwillinge hatten den Großteil der Sommerferien bei einer Crowne-Großtante verbracht, die sich verpflichtet fühlte, ab und an Notiz von den Kindern zu nehmen, und Trevor musste zugeben, dass in dieser Zeit nicht viel los gewesen war.

»Das ist bloß, weil zu viert alles mehr Spaß macht als zu zweit, und nicht, weil sie so unheimlich unterhaltsam sind. Das Beste an ihnen ist noch, dass sie umgänglich sind und alles tun, was wir ihnen sagen.«

»Aber manchmal haben sie auch gute Einfälle. Sie haben ein paar unserer schönsten Spiele erfunden.«

»Ja, das können sie. Sie können Sachen erfinden, Pläne schmieden. Aber sie bringen nie etwas zu Ende. Sie sind so unvernünftig. Immer sind wir es, die ihre Einfälle in die Tat umsetzen.«

»Trotzdem, ich bin froh, dass sie heute zurückkommen.«

»Ich auch. Aber ich sag dir eins, Car: Diesmal komme ich nicht mit zum Bahnhof, um sie abzuholen. Ich habe es satt, immer so zu tun, als könnte ich es kaum erwarten, den werten Mister William wiederzusehen. Ich sehe ihn oft genug. Und wenn er im nächsten Trimester auch noch in meinen Schlafsaal kommt, dann reicht es wirklich.«

»Er macht doch sicher keinen Ärger.«

»Er sagt sein Gebet zu schnell auf«, beschwerte sich Trevor. »Es ist wirklich unmöglich. Kaum ist er auf den Knien, steht er schon wieder auf. Ich habe ihm gesagt, dass er verflixt noch mal unten bleiben soll, bis ich sage, dass er wieder aufstehen darf. Jeder in meinem Schlafsaal muss zwei Minuten und siebzehn Sekunden unten bleiben.«

»Aber nur, weil du deine Stoppuhr benutzen willst.«

»Wofür hat man denn eine Stoppuhr?«

»Wenn Mutter sagt, du sollst zum Bahnhof mitkommen, kommst du mit.«

»Ich werde Mutter sagen, dass es schon nett genug ist, seine Cousins überhaupt zu mögen, aber sie vom Bahnhof abzuholen ist ein supererogatorischer Akt.«

»Und Mutter wird sagen, du sollst nicht angeben.«

»Die neununddreißig Artikel zu lesen hat nichts mit Angeben zu tun. Ich mache das immer während der Predigt. Das ist viel interessanter, als dem alten Philip zuzuhören.«

»Aber Begriffe daraus zu verwenden ist angeberisch.«

»Wenn man es zu etwas bringen will«, erklärte er, »muss man taktvoll angeben. Du und ich, Car, wir geben beide an, aber du machst es schlecht und schämst dich dafür, und ich mache es gut und bin stolz darauf. In der Schule nennen sie mich ›clever Trevor‹. William und Emily geben nie an, und sie werden es nie zu etwas bringen. Niemand schenkt ihnen die geringste Beachtung.«

Beim Mittagessen war er ziemlich kratzbürstig und versuchte absichtlich, seine Mutter auf die Palme zu bringen. Aber es schien sie sogar zu amüsieren, und so gab er schließlich auf. Sie hatte eine einfache Methode, mit seinen Launen umzugehen, die sich nur eine Person mit sehr großem oder ohne jeden Sinn für Humor ausgedacht haben konnte. Völlig unbeabsichtigt nahm sie ihm allen Wind aus den Segeln, bis er sich schließlich selbst albern vorkam. Das letzte bisschen Mut hatte ihn bereits verlassen, als sie in einem drohenden Tonfall fragte: »Wer von euch beiden begleitet mich nach Ratchet?«

Er murmelte nur vor sich hin, seine Schwester sei an der Reihe, aber die niederträchtige Charlotte ließ ihn nicht so einfach davonkommen.

»Trevor will nicht«, sagte sie.

»Ich bin kein Freund von großen Familienszenen am Bahnhof«, erklärte er vorsichtig.

»Red doch keinen Blödsinn!«, entgegnete Catherine. »Du kannst jedenfalls nicht mitkommen. Mir fällt gerade ein, dass ich Mr Stryde gebeten habe, dir heute Nachmittag Lateinunterricht zu geben.«

Das war das Ende für Trevor und ein sehr bedauerliches noch dazu. Er hasste diese Nachhilfestunden mit Mr Stryde, einem pensionierten Lehrer aus Ratchet. Trevor und seine Mutter waren sich einig, dass er ein Stipendium für die Schule bekommen sollte, die sein Vater einst besucht hatte. Aber er war der Meinung, dass er das auch ohne Nachhilfeunterricht schaffen würde. Die Septembersonne lachte verführerisch, und er wollte nicht den ganzen Nachmittag im Haus verbringen.

Er blickte mürrisch drein, als er vom Esszimmerfenster aus beobachtete, wie Charlotte und seine Mutter im Einspänner davonfuhren. Kurz bevor sie aus seinem Sichtfeld verschwanden, wandte Charlotte sich noch einmal um und streckte ihm die Zunge raus. Aber gleich darauf schämte sie sich, dass sie sich zu einer so kindischen und vulgären Geste hatte hinreißen lassen. Sie setzte sich kerzengerade auf und versuchte, so erwachsen wie möglich zu wirken, während sie die staubige Straße Richtung Ratchet entlangfuhren.

Zusammen sahen Mutter und Tochter in ihrem schäbigen Einspänner unendlich viel bedeutender aus als die Reisenden, die in ihren teuren Automobilen an ihnen vorbeirauschten. Man hätte meinen können, ihnen gehörte ganz England. Tatsächlich war etwas an Catherine, was dem Land, auf dem ihre Vorfahren schon seit Jahrhunderten lebten, in gewisser Weise ähnelte. Vieles in der Landschaft erinnerte an sie. Die Hennen, die sich bei einer Hecke in Sicherheit flüchteten, die großen, unordentlichen Heuhaufen, die sich vertraulich einander zuneigten.

Die Jahre hatten sie zu einer korpulenten, farblosen Frau gemacht, plump in ihren Bewegungen, kurzsichtig und mit stets verhedderter Brillenkette. Ihre Kleider waren schwarz und unförmig, und sie hatte in ihrem ganzen Leben noch keine Stöckelschuhe getragen. Zu besonderen Anlässen trug sie runde Hüte, an deren Krone kleine schwarze Straußenfedern steckten, oder, am Abend, eine besonders große Menge kostbarer Spitze, die büschelweise auf ihren samtenen Kleidern festgenäht war. Ihre Hände waren rau von der Gartenarbeit und knorrig vom Rheuma. Aber sie trug stets einige schöne Ringe, die, zusammen mit der ihr angeborenen leisen Würde, verhinderten, dass Besucher sie mit der Haushälterin verwechselten.

Charlotte war wie ihre Mutter. Auch sie würde eines Tages schlicht und korpulent sein. Außerdem war ihr Mund entstellt durch das Kennzeichen von Mädchen ihrer Klasse und ihres Alters: eine Art Drahtgerüst, das ihre Zähne gerade machen sollte. Dieses glänzende Grauen quälte das arme Mädchen sehr, und oft verkniff sie sich ein Lächeln, damit niemand es bemerkte.

Wie jemand, der sich sein Eigentum genau besieht, ließ Catherine den Blick über die Landschaft schweifen, und meinte, dass sie spät dran seien mit der Ernte. Hier und da verteilte sie eine unwirsche, herablassende Begrüßung an die Menschen, denen sie auf der Straße begegneten, und als sie an Philip Luttrell vorbeifuhren, rief sie ihm hinterher, er solle sie zum Tee auf Water Hythe treffen.

»Warten Sie auf mich! Gehen Sie nicht, ehe ich zurück bin!«

Er erwiderte etwas Unverständliches, aber Charlotte wedelte nur mit ihrer Peitsche und fuhr weiter.

»Ich muss mit ihm über Trevors Nachhilfeunterricht sprechen«, sagte sie zu Charlotte. »Ich fürchte, mit dem guten alten Mr Stryde kommt er nicht annähernd schnell genug voran. Vielleicht kann Philip für ein Weilchen übernehmen.«

»Das würde Trevor nicht gefallen«, erwiderte Charlotte.

Sie wusste, dass sie ihren Bruder hinterging, aber es gefiel ihr zu gut, wie die Älteste behandelt zu werden und mit ihrer Mutter über die anderen Kinder zu sprechen.

»Nicht gefallen? Warum denn nicht?«

»Er kann Mr Luttrell nicht leiden. Er nennt ihn Pastor Bauerntölpel.«

»Trevor redet eine Menge Unsinn. Ich weiß, er hält sich für clever, aber in Wahrheit ist er nur albern und eingebildet.«

»Aber Mutter, findest du nicht auch, dass man nur Pfarrer werden sollte, wenn man wirklich gläubig ist?«

»Natürlich finde ich das. Aber an Philip Luttrell ist als Pfarrer überhaupt nichts auszusetzen.«

»Seine Predigten sind sterbenslangweilig.«

»Dazu fehlt ihm das Talent. Aber da ist er nicht der Einzige. Ich wusste nicht, dass Trevor sich überhaupt um die Predigten schert.«

»Er meint, man solle nur Pfarrer werden, wenn man … sich dazu berufen fühlt.«

»Unsinn!«, rief Catherine energisch. »Pfarrer ist ein Beruf wie jeder andere. Philips Vater konnte die Pfarrstelle besetzen, und natürlich wollte er seinen jüngeren Sohn versorgt wissen. Du musst bedenken, dass das noch vor dem Tod seines älteren Bruders war. Und auch als Philip dann das Erbe zufiel, hätte er es sich nicht leisten können, auf das Pfarramt zu verzichten. Er musste die ganzen Schulden seines Bruders abbezahlen. Ich finde, er hat sehr klug gehandelt.«

»Ich weiß. Das habe ich Trevor auch gesagt. Aber er meint, er wäre Sozialist und dass es nicht richtig sei, wenn Leute einfach so Ämter an ihre Söhne vergeben. Der Landadel müsse abgeschafft werden, sagt er. Ist das nicht fürchterlich?«

»Er wird schon wieder zur Vernunft kommen, Liebes. Er redet solches Zeug nur, um Eindruck zu schinden. Das hat er bestimmt aus der Zeitung.«

»Nein. Er meinte, das traurige Beispiel von Onkel Bobbie hätte ihn zu diesem Schluss gebracht.«

»Was soll das heißen, Charlotte?«

Der eisige Ton, der in ihren Worten lag, verriet Charlotte, dass sie zu weit gegangen war. Sie wand sich in ihrem Sitz und sagte schließlich, halb herausfordernd: »Vermutlich weil Onkel Bobbie nur in Monk’s Hall herumsitzt. Ich meine … Wäre er in der Armee geblieben …«

Charlotte verstummte. Eine unstillbare Neugier hatte ihr den Mut eingeflößt, das Thema anzusprechen, aber nun, da sie zur Sache kamen, verließ er sie wieder. Denn über Onkel Bobbie, wie auch über Onkel Norman, wurde auf Water Hythe nicht gesprochen. Was umso unangenehmer war, als Onkel Bobbie in Monk’s Hall lebte, keine Meile von ihnen entfernt. Er hatte die Armee vor fünf Jahren verlassen, aber er kam sie nie besuchen, und auch sie besuchten ihn nie. Immer wies Catherine die Kinder mit ihren Fragen ab.

In der Kirche hatten sie jedoch den Grund für den Unfrieden gesehen: eine gelbhaarige Dame namens Mrs Grainger, die auch in Monk’s Hall lebte und die ihren Onkel überallhin begleitete. Sie wussten, dass diese Dame eine Frevlerin war, bevor sie überhaupt erfuhren, worin ihre Sünde lag. Aber eines Tages, nachdem er seinen Katechismus gelernt hatte, teilte Trevor seiner Schwester unter vier Augen seine Schlussfolgerungen mit. Er sei sich sicher, dass Mrs Grainger gegen das sechste Gebot verstoßen habe und dass man es vor den Zwillingen verheimliche, weil sie noch zu jung waren, um davon zu erfahren. Alles schien auf die Richtigkeit seiner Theorie hinzudeuten, insbesondere die aufgeregte Strenge, mit der ihre Mutter auf ihre Fragen reagierte – ein eindeutiges Indiz dafür, dass die Sache etwas mit Sex zu tun hatte. Genauso verhielt sie sich, wenn sie sie nach der Bedeutung komischer Wörter aus Shakespeare fragten oder wenn einer der Hunde weggesperrt werden musste. Denn für Catherine fielen all diese Dinge unter dieselbe Kategorie.

Erst viel später wurde Trevor klar, dass sein Onkel zwangsläufig in die Sache verwickelt war. Bis dahin hatten die Kinder Mrs Grainger für die einzige Übeltäterin gehalten, aber schließlich gelangten sie zu der Annahme, dass auch Onkel Bobbie Ehebruch begangen haben musste. Diese Vorstellung erschien ihnen geradezu phantastisch, und so wünschte sich Charlotte, eine direkte Bestätigung zu erhalten. Aber sie fürchtete, zu vorlaut gewesen zu sein. Ängstlich schielte sie zu ihrer Mutter hinüber.

Catherine wirkte eher nachdenklich als verärgert. Tatsächlich hatte sie sich in letzter Zeit öfter gefragt, ob Charlotte nicht alt genug sei, es zu erfahren. Nun bot sich eine Gelegenheit. Sie hielt einen Moment inne und setzte dann mit sehr ernster Miene an: »Du hast recht, Charlotte. Dein Onkel hat ein sehr trauriges Leben. Und du ahnst sicherlich, warum.«

Charlotte setzte vorsichtshalber einen möglichst ahnungslosen Blick auf und murmelte: »Ich weiß, dass wir nicht nach Monk’s Hall gehen.«

»Richtig.« Catherine wirkte streng und traurig zugleich. »Ich war ganze fünf Jahre nicht dort, und es ist mein früheres Zuhause.«

Sie seufzte. Charlotte fürchtete, ihre Mutter würde doch nicht zum Punkt kommen, und beschloss, ein wenig nachzuhelfen.

»Ist es«, fragte sie errötend, »wegen dieser Mrs Grainger?«

»Ja, Liebes. Ich kann nicht nach Monk’s Hall, solange diese Frau dort ist. Und ich glaube, Charlotte, dass es an der Zeit ist, dass du nun alt genug bist, um zu erfahren, wie wir alle über diese Sache denken. Dein … dein Onkel hat sich in Indien mit dieser Frau eingelassen. Das war das Ende seiner Karriere. Sie war die Frau seines Colonels, er musste die Armee verlassen. Es hat sein Leben ruiniert, ihn die Stellung gekostet, die er hier haben sollte. Denn natürlich meiden die Leute ihre Gesellschaft. Und ich habe gehört, dass er nirgendwohin geht, wo sie nicht auch empfangen wird. Er gibt für die Leute im Dorf ein schlechtes Beispiel ab. Denn er kann sie nicht heiraten, soweit ich weiß. Ihr Ehemann lehnt eine Scheidung ab.«

Bei diesen Worten senkte Catherine die Stimme, als könnten die Hecken sie belauschen und Anstoß nehmen. Trotz ihrer beinahe schmerzlichen Verlegenheit war Charlotte in großer Erregung. Sie fühlte sich wichtig. Diese Vertraulichkeiten waren ein Zeichen ihrer Reife, wie die neuen Korsetts, die sie seit Kurzem trug – sie hatten einen Blankscheit und wurden mit Ösen befestigt, während Emily ihre immer noch knöpfen musste.

»Hat er deswegen die Schweine?«, fragte sie.

»Nicht unbedingt«, antwortete Catherine ein wenig ärgerlich. »Aber irgendein Hobby braucht er ja, der Arme. Niemand kommt ihn besuchen.«

»Manche schon«, entgegnete das taktlose Kind. »Millys Schwester war dort in Stellung. Sie hat erzählt, dass sie gelegentlich ziemlich große Dinnerpartys ausrichten.«

»Männer kommen ihn besuchen, glaube ich.«

Catherines Stimme war schneidend wie ein kalter Ostwind. Was sie erzählte, klang furchtbar. Charlotte schauderte beim Gedanken an die schreckliche Unsittlichkeit. Dann entsann sie sich eines weiteren Gerüchts.

»Mr Luttrell geht aber hin.«

»Das muss er«, erwiderte Catherine. »Er ist ihr Pfarrer.«

Aber jeder wusste, dass er viel zu oft dort war. Selbst seine langjährige Freundschaft mit Bobbie konnte das nicht annähernd rechtfertigen. Tatsächlich hatte es eine Zeit lang eine Menge Gerede über Philip und diese Mrs Grainger gegeben. Catherine war sogar zu Ohren gekommen, dass er sie beim Vornamen nannte, auch wenn sie hoffte, dass das nicht stimme. Denn im Großen und Ganzen war sie zufrieden mit Philip.

»Du musst wissen«, sagte sie, ohne näher auf die Situation einzugehen, »welch großen Kummer mir diese Sache bereitet hat. Bobbie ist mein einziger Bruder, und wir haben keinerlei Kontakt.«

»Aber wäre er nicht bereit, sich zu versöhnen, wenn …?«

»Wenn ich Mrs Grainger meine Aufwartung machen würde? Bestimmt wäre er das. Aber das kann ich nicht. Ich betrachte sie nicht als seine Ehefrau und werde es auch nie. Ich habe nun mal meine Prinzipien.«

Das sagte sie bereits seit fünf Jahren. Aber Prinzipien können sehr lästig sein. Wenn sie von Anfang an gewusst hätte, dass die Situation so lange andauern würde, hätte sie vielleicht einen anderen Standpunkt eingenommen. Natürlich hatte sie, wie alle, erwartet, dass die Grainger bald genug von Bobbie und seinen Schweinen haben würde. Zweifellos zöge sie es vor, sich mit unterhaltsameren Menschen zu umgeben. Denn Bobbie hatte schon immer als unverbesserlicher Langweiler gegolten, selbst in seiner eigenen Familie, und seit dem unbedachten Fehltritt, der seine Karriere zerstört hatte, war er noch langweiliger geworden. Nur hatte die Grainger offensichtlich immer noch nicht genug von ihm, und allmählich sah es so aus, als würde sie für immer in Monk’s Hall bleiben.

»Ich verlasse mich natürlich darauf, dass du den anderen nichts sagst. Ich habe dich ins Vertrauen gezogen, weil du die Älteste bist.«

»Ja, Mutter.«

Charlotte konnte es kaum erwarten, Trevor damit aufzuziehen. Natürlich würde sie ihm nichts erzählen, aber sie würde ihn wissen lassen, dass man sie eingeweiht hatte. Sie fuhren weiter durch Ratchet und hielten vor ein oder zwei Geschäften, um Bestellungen aufzugeben. Die ehrerbietigen Händler standen barhäuptig in der Sonne, während sie Catherines Anweisungen lauschten. Schließlich bog der Einspänner auf den weiß umzäunten Bahnhofsvorplatz ein. Als sie kurz darauf auf den schmalen Bahnsteig traten, fanden sie sich plötzlich Bobbie Trevor gegenüber, der ebenfalls auf den Zug wartete.

So etwas passierte dort ständig. Zu keiner Zeit war man am Bahnhof von Ratchet sicher. Selbst wenn die Herrschaften von Water Hythe nur kamen, um ein Päckchen abzuholen, konnte man sicher sein, dass auch von Monk’s Hall jemand dort war und auf eine Sendung wartete. Es war der Preis, den sie alle für Catherines Prinzipien zahlten. Niemand wusste, was er sagen oder tun sollte. Zum Glück war Mrs Grainger nirgends zu sehen, so konnten Bruder und Schwester ein paar Worte wechseln, um den Schein zu wahren, obgleich auch das nicht nötig gewesen wäre, denn sowohl die zwei Kofferträger als auch der Bahnhofsvorsteher wussten über das Verhältnis zwischen den beiden Häusern Bescheid. Als Catherine die großen Augen sah, mit denen Charlotte ihren sündigen Onkel anstarrte, bereute sie ihre Vertrauensseligkeit während der Fahrt sofort. Sie befahl dem Kind, zurück zum Wagen zu gehen und nach dem Pferd zu sehen.

»Na, so was, Bobbie«, grüßte sie ihn. »Wohin des Weges?«

Bobbie blickte von seinen Stiefeln auf und lächelte traurig. Er war ein stattlicher Mann. Er hatte den Kopf eines Soldaten, die Schultern eines Bauern, ein schmales Gesicht und sehr lange Arme.

»Nirgendwohin«, antwortete er. »Ich bin hier, um Lise abzuholen. Sie war geschäftlich in London.«

»Oh. Wie geht’s den Schweinen?«

Sie ärgerte sich über seine Taktlosigkeit, ihr ungefragt von Lise Grainger zu erzählen. Er hätte diese Frau erst gar nicht erwähnen dürfen. Sie verfielen in Schweigen. Dann merkte Bobbie an, dass der Zug gleich einfahren würde. Unter der Brücke, entlang des glänzenden Bandes der Bahngleise, erkannten sie einen kleinen schwarzen Punkt inmitten einer Rauchwolke, der sich allmählich zu einem Zug auswuchs. Kurz bevor er den Bahnhof erreichte, entfuhr Bobbie eine erschreckende Mitteilung: »Grainger ist tot.«

Er sagte es so beiläufig, dass sie nicht sofort begriff. Erst als der Zug schon in den Bahnhof einrollte, erfasste sie die Tragweite des Gesagten. Grainger war tot, und seine Frau war frei. Es war zu spät, um Fragen zu stellen. Die Fahrgäste, kleine Leute vom Land, strömten auf den Bahnsteig, und Bobbie hatte sich, auf der Suche nach Lise, ins Getümmel gestürzt. Die Zwillinge waren nirgends zu sehen. Bestimmt hatten die beiden Schussel den Umstieg in Oxford verpasst.

Wenn Graingers Frau nun frei war, würde sie vielleicht Bobbie heiraten. Nicht nur vielleicht, sondern sehr wahrscheinlich. Und Catherine konnte sich nicht gleich entscheiden, ob das ein Unglück war oder nicht. Ihr Blick fiel auf eine Frau, die auf fürchterliche Weise aus der Menge hervorstach. Sie stieg gerade aus einem Erste-Klasse-Wagen aus, und hinter ihr kamen die zwei vermissten Zwillinge zum Vorschein.

Lise Grainger war nie zu übersehen, aber auf diesem kleinen Bahnsteig strahlte sie wie die Sonne. Mit ihrer unangenehmen Stimme, fröhlich und dröhnend wie ein Gong und beinahe so tief wie ein Bass, redete sie auf die Träger ein, die sich mit ihrem Gepäck abmühten. Sie hatte immer noch etwas sehr Indisches an sich, stets gelang es ihr, den Eindruck zu erwecken, als reiste sie mit Gefolge. Selbst der Bahnhofsvorsteher war ihr zu Hilfe geeilt. Golfschläger wurden aus dem Wagen getragen – was sonderbar schien, schließlich war sie angeblich geschäftlich in London gewesen –, eine Hutschachtel und ein Reisenecessaire aus grünem Ziegenleder (Was für ein Flitter!, dachte Catherine) und zu guter Letzt die zwei bescheidenen kleinen Koffer von William und Emily.

»Hallo, Bobbie!«, dröhnte die heitere Stimme. »Wie lieb, dass du mich abholst! Schau mal! Die zwei Kleinen hier habe ich gerettet. Sie haben ihre Fahrkarten verloren.«

Sie schob die Zwillinge in Richtung ihres Onkels. Catherine war aschfahl, als sie auf das Grüppchen zusteuerte, um die Kinder in ihre Obhut zu nehmen.

»Kinder!«, rief sie. »Was ist passiert? Warum seid ihr erster Klasse gefahren?«

William und Emily waren recht groß für ihr Alter, schlank und schön, ernst im Auftreten und immer sehr höflich zu allen. Sie glichen einander bis aufs Haar.

»Wie freundlich von Ihnen«, sagte Catherine kühl zu Lise. »Wie viel schulde ich Ihnen?«

»Das lass nur meine Sorge sein«, versetzte Bobbie.

»Nicht doch …«

»Ich bin immerhin ihr Onkel …«

Ihr war bewusst, dass es unschicklich wäre, sich auf eine Diskussion einzulassen, also murmelte sie nur, sie würde ihm das Geld später zurückzahlen. Dann schimpfte sie mit den Zwillingen, weil sie kein eigenes Geld dabeihatten.

»Wir hatten etwas Geld«, meinte William, »aber wir haben es zusammen mit den Fahrkarten verloren. Es war in Emilys Handtasche.«

»So eine schöne Handtasche«, sagte Emily traurig.

Es war die erste Handtasche, die sie je besessen hatte. Erst gestern hatte sie sie geschenkt bekommen und nun schon wieder verloren. Es war ein trauriger Tag.

»Armes Ding!«, rief Lise, die die ganze Geschichte bereits im Zug gehört hatte. »Ist das nicht ein Jammer? Wir müssen ihr eine neue besorgen!«

»Wir haben sie in Oxford verloren«, erklärte William. »Und wenn Mrs Grainger nicht neue Fahrkarten für uns gekauft hätte, hätten wir zu Fuß gehen müssen. Wir hätten wahrscheinlich Tage gebraucht und unterwegs um Brot betteln müssen.«

Emily hätte das gefallen. Sie wären durch die Dörfer gezogen und hätten Lieder gesungen, um sich ein paar Shillings fürs Abendbrot zu verdienen. Bestimmt wäre ein hübsches Sümmchen zusammengekommen. Nachts hätten sie in Heuhaufen geschlafen, bei ihrer Ankunft in Water Hythe nur noch Lumpen angehabt, und Tante Catherine hätte sie gar nicht wiedererkannt. Charlotte hätte gerufen: »Schau, Mutter, da sind zwei Bettelkinder am Tor!«

»Komm schon, Emily, trödel nicht herum! Los, ab in den Wagen!«

Charlotte saß auf der Rückbank und begrüßte die beiden mit einem breiten Lächeln. Emily kletterte in den Wagen und wünschte sich, ihr Rock wäre länger oder ihre Beine kürzer. Immer wenn sie über etwas drüber- oder in etwas hineinkletterte, konnte man ihre Unterhose sehen. William setzte sich neben seine Tante, und sie machten sich auf den Weg nach Hause. Bobbies Wagen folgte ihnen eine Weile, überholte sie dann und fuhr schließlich davon. Lise winkte den Kindern zu, als sie an ihnen vorbeizogen, und Catherine nickte steif zurück. Der Einspänner zuckelte im Staub der High Street voran, als Catherine William ermahnte: »Du sollst keine Hilfe von Fremden annehmen.«

»Aber Mrs Grainger ist doch keine Fremde«, entgegnete er. »Ich kenne sie sehr gut.«

Er dachte einen Moment nach, kicherte über seine eigene Schalkhaftigkeit und begann zu singen:

»Wenn du in Gefahr bist,

Dann vergesse ja nicht,

Mrs Grainger ist ’ne Fremde,

Fall ihr bloß nicht in die Hände!«

»Sei nicht albern, William!«

»Aber Tante Catherine, wenn ein Mensch unter die Räuber fällt und der barmherzige Samariter …«

»Ihr seid nicht unter die Räuber gefallen.«

»Da war ein Mann im Zug, der aussah wie ein Räuber.«

»Was soll das heißen, er sah aus wie ein Räuber?«

»Na ja, er hatte einen Bart. Ich bin mir sicher, dass er Emmies Handtasche gestohlen hat.«

Auf der Rückbank wimmerte Emily vor sich hin. Es war eine Veloursledertasche gewesen, und darin hatten ein kleiner Spiegel gesteckt, ein Notizblock, auf dem sie Williams Geburtstag (der auch ihrer war) notiert hatte, und eine Puderdose, in der sie Seidenraupen hatte aufbewahren wollen. Sie hatte sich so darauf gefreut, sie Charlotte zu zeigen. Aber die fragte nur in missbilligendem Ton, warum ihre Haare so anders frisiert seien.

»Tante Belle mag es so.«

»Mutter aber nicht. Locken sind so schrecklich middle class. Ich fürchte, wir müssen dir einen Zopf flechten, sobald wir zu Hause sind.«

»Ja«, sagte Emily trübselig.

Ihr war elend zumute. Ihre Handtasche war weg, und noch dazu war sie eine Waise, die wie eine Puppe herumgeschleift wurde und der jede Tante eine andere Frisur machen wollte. Sie könnten sie schlagen oder einsperren oder verhungern lassen – niemand würde ihr helfen. Sie könnten sie sogar umbringen, wenn sie wollten. Endlos dehnte sich die trostlose Kindheit vor ihr aus. Ein langer Weg, bis sie erwachsen wäre und frei sein würde, bis sie nach London fliehen und dort mit William in einem reizenden Häuschen leben konnte. Sie hasste es, ein Kind zu sein. Sie hasste Water Hythe. Die Telegraphenstangen und staubigen Hecken verschwammen hinter einem Schleier aus Tränen.

Sie spürte einen sanften Stups im Rücken. William hatte, ohne sich umzudrehen, eine Hand zwischen den Stangen der Rücklehne hindurchgeschoben. Sie tat dasselbe, und ganz im Geheimen verschränkten sie ihre kleinen Finger ineinander. Das taten sie immer, wenn sie von einer Schar freundlicher Verwandten gegen ihren Willen an einen neuen Ort geschleppt wurden. Es war ihr Zeichen dafür, dass auch die Crownes eine Familie waren, eine feste Einheit inmitten einer Welt, die es aus irgendeinem unerfindlichen Grund immer etwas zu gut mit ihnen meinte.

2

Philip Luttrell hatte auf Catherines Geheiß über eine Stunde in Water Hythe gewartet. Er hatte viel zu erledigen, und es ärgerte ihn, seinen Nachmittag auf diese Weise verbringen zu müssen. Aber entgegenkommend und gutmütig, wie er nun einmal war, verharrte er auf seinem Posten.

Diese melancholische Milde war für Philip Fluch und Segen zugleich. Er wählte immer den Weg des geringsten Widerstands, und zwar nicht aus Faulheit, sondern aus einer Art angeborenem Fatalismus. Er hatte keine Ambitionen. Sein Vater hatte ihm befohlen, Pfarrer zu werden, und er hatte gehorcht, obwohl er lieber Jurist geworden wäre. Wie viele Männer ohne Ehrgeiz war er äußerst liebenswürdig, und zu den besten Dingen in seinem Leben zählten eine Handvoll enger Freundschaften. Die Damen der Nachbarschaft hatten oft versucht, eine Frau für ihn zu finden, aber er hatte sich mit einer für ihn ungewöhnlichen Standhaftigkeit dieser Verkupplungsversuche verwehrt. Und so lebte er, sehr komfortabel, allein in Old Ratchet Manor, einem netten, kleinen frühgeorgianischen Kasten von einem Haus, das nur einen Steinwurf von der größeren der beiden Kirchen in seiner Gemeinde entfernt lag.

Allein seine Loyalität gegenüber seinem Freund Bobbie Trevor hatte in seiner Karriere für einige Aufregung gesorgt. Einige Mitglieder seiner Gemeinde hatten Philips Verhalten missbilligt. Den Bischof erreichte sogar ein Brief, in dem von Philips zahlreichen Besuchen in Monk’s Hall die Rede war. Er bringe Schande über seine Kirche, wenn er mit Leuten verkehre, die in Sünde lebten, hieß es darin. Als er davon erfuhr, war Philip so verärgert, dass er sogar bereit gewesen wäre, Bobbie und Lise die heilige Kommunion zu erteilen, hätten sie ihn darum gebeten, was jedoch sehr unwahrscheinlich war. Aber dann erledigte sich die ganze Sache wie von selbst. Der Kaplan des Bischofs verlegte den Brief, und nachdem viele Monate vergangen waren, ohne dass sich in der Angelegenheit etwas getan hätte, verlor der Absender des Briefes schließlich den Mut. Philip stattete Bobbie und Lise weiterhin Besuche ab, und mit der Zeit gewöhnte sich auch seine Gemeinde daran. Jeder fand eine Entschuldigung dafür, außer Catherine, die sich immer noch ein wenig vor den Kopf gestoßen fühlte, auch wenn sie dagegen gewesen war, den Bischof einzuschalten. Ihr Unmut gegen Philip war persönlicher Natur. Sie hatte entgegen ihrer natürlichen Zuneigung zu Bobbie den Kontakt abgebrochen. Und sie hatte erwartet, dass ihre loyalen Freunde es ihr gleichtun würden. Sie konnte Philip nie wieder ganz so gern haben wie früher, aber sie enthielt sich aller offenen Vorwürfe, und nur ihr ungebrochenes Schweigen deutete auf ihre Missbilligung hin. Das war schicklich und effektiv, und Philip hatte nicht den Mut, sie in dieser Sache herauszufordern. Er sprach nie mit ihr über Bobbie oder Monk’s Hall. Vor sich selbst rechtfertigte er sich damit, dass diese Maßnahme ihn von der Notwendigkeit befreie, Partei zu ergreifen.

Ich bin ein Feigling!, dachte er, als er im großen Saal von Water Hythe wartete. Ich sollte mich öfter mit den Leuten anlegen.

Was würde geschehen, wenn er Catherine erzählte, dass er noch am selben Abend nach Monk’s Hall gehen würde, um zu sehen, ob Lise aus London zurückgekehrt war? Aber es war ein zu warmer Nachmittag für ein so streitlustiges Benehmen. Die Hitze war ermattend. Die Hunde lagen schnarchend auf den sonnengetränkten Steinen der Veranda. Die Tauben, die auf dem Rasen vor dem Haus herumstolzierten, waren sogar zum Gurren zu träge. Ab und an trieb ein Stocherkahn gemächlich stromaufwärts, aber das Wasser stand so niedrig, dass der Fluss kaum zu sehen war, und so hatte es den Anschein, als schwebten die Sommerhüte, Sonnenschirme und Flanellanzüge wie von Geisterhand über die trockene grüne Erde.

Philip versuchte sich irgendwie zu beschäftigen. Er blätterte in einem kleinen Buch, das prominent auf einem der Tische platziert war. Es war ein Privatdruck: Mein Grüner Garten und andere Gedichte von Charlotte Curtis Frobisher. In seiner Ungeduld war er etwas streng mit Charlottes Versen. Auch die unambitionierte Kindlichkeit ihres Stils und der Themen vermochten ihn nicht zu besänftigen. Sie schrieb in einfachen Balladenstanzen über Wolken und Lerchen und all die schönen Dinge, die naturgemäß in den Wahrnehmungshorizont eines feinfühligen Kindes aus einem kultivierten Haushalt fallen. Er bemerkte, dass viel zu viele ihrer Gedichte mit den Worten »Ich sah« und »Ich saß« begannen. Seine kleine Freundin Emily, deren Werke er gelegentlich sehen durfte, machte denselben Fehler. Ihr Sitzen und Sehen war ziemlich eintönig, aber sie saß an seltsamen Orten und sah seltsame Dinge. Er besaß eine Abschrift einiger Zeilen, die begannen:

Ich saß auf dem Kirchhof in weißem Gewand,

Wo in toter Nacht ein Grabstein sich neben dem andern fand,

Und ich sah, wie die Heerschar irdischer Geister

Beim kalten Licht der Sterne aus ihren Gräbern auferstand.

Das Gedicht bestand aus siebzehn Strophen, alle voller Leichentücher und Totenwürmer. Emily hatte ihm versichert, dass sie noch viele mehr schreiben wolle, sobald sie Zeit hätte. Er wünschte, sie und nicht Charlotte würde ein Buch veröffentlichen. Doch im selben Moment besann er sich eines anderen. Sie würde sich damit keinen Gefallen tun. Die Leute würden nie vergessen, wessen Tochter sie war. Niemals würde sie gut genug schreiben, um dem Vergleich standzuhalten.