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Die erste Auflage dieses Werks ist im Verlag Die Blaue Eule als Kleine Arbeit zur Philosophie erschienen. "Das Feuer der Weisen" führt den geneigten Leser zu Beginn ein in die Gedankenwelt der Antike, der die ganze Welt beseelt war, wie sich in der reichen Mythologie zeigt. In weiterer Folge kommen große Meister der römisch-griechischen und hebräischen Philosophie zu Wort. Hier sind vor allem Marcus Aurelius und Salomon zu nennen, aber auch der freigelassene Sklave Epiktet, der eine "Schule für gequälte Seelen" leitete. Diese bot den Schülern eine Therapie in Form der Stoa an. Die Liebe zur Weisheit war für die alten Griechen nichts Lebensfremdes, sondern die gewonnenen Erkenntnisse sollten helfen, das Leben in Seelenruhe zu meistern. Auch Sokrates ist hier zu finden, der für seine Lehre zum Tod verurteilt wurde, wenige Jahrzehnte vor Beginn des Hellenismus im Jahr 336 v. Chr. Salomon ergänzt die Lehren der Griechen und Römer auf dem Weg der Gelassenheit: "Der Kluge ist geduldig und achtet auf seinen Weg."
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Seitenzahl: 165
Veröffentlichungsjahr: 2020
Die Blüte der Europa
Der Feigenbaum im Garten
Der Sturz der Titanen
Gefangen im Netz
Der jammernde Gladiator
Die flammende Göttin
Der Tyrannenmord
Der Stein der Weisen
Die Ekpyrosis
Die Wabe im Honig
Verachtung des Schicksals
Denken mit dem Herzen
Der Untergang des Phönix
Die Waage des Guten
Die Göttin der Weisheit
Das Urteil des Paris
Leben ohne Angst
Lasst ab vom Kriege!
Die Lust des Epikur
Das silberne Ei der Nacht
Die Bande der Freundschaft
… die Finsternis zu verscheuchen
Ein königlicher Traumgeber
Vom Feuer der Weisen
Die Königstochter Myrrha
Das Prinzip der Ethik
… und ein Wirbelwind die Seele
Stirb und werde!
Ein unerschöpflicher Schatz
Das göttliche Prinzip
Nichts Neues unter der Sonne
Finster wird der Mond
Epilog – Lied der Lieder
Seit Zeus den Thron einst der Macht des Kronos
mit den Göttern entriss, sind wir
frei von furchtbarer Gewalt alter Titanenmacht.
Zeus bewahrt uns vor Gefahren,
der den Lauf der Zeiten
erwäget am Berg Olymp.
Halte uns Menschen alle.
Titanen, besiegt und gefesselt,
erhoffen die Wiederkunft auf der Erde. Apollon,
Gott der Weisheit, schütze des Menschen Herz.
Damals, vor tausenden von Jahren, lebten die Menschen in Hochkulturen im warmen Süden, und nur zur Strafe wurde der eine oder andere in den Norden verbannt, um weit entfernt vom Heimatland in der Kälte sein Leben zu fristen. Während der Blütezeit des Hellenismus regierten die den Menschen ähnlichen Götter mit List und fast schon einer Art Freundschaft die Geschicke der Sterblichen. Zeus war bis über beide Ohren verliebt, als er eine Jungfrau von außerordentlicher Anmut und Schönheit in der Gestalt eines Stiers entführte. Ihr Vater riet ihr hierauf, sich im Sturmwind von den Klippen zu stürzen oder den Gürtel um ihren Hals zu einem tödlichen Knoten zu schlingen, damit sie nicht fortan wegen dieser Schande das Leben einer Sklavin führen müsse. Dann aber erfuhr sie, dass mit ihr der Göttervater selbst ein Kind gezeugt hatte; dass ein ganzer Kontinent ihren Namen tragen sollte: Europa.
Hier leben wir also, mitten in Europa. Vor den Kaiserhäusern erblühten auf diesem Kontinent die griechische und die römische Hochkultur als Fundament des Abendlands. Schon vor sechstausend Jahren begannen die Minoer auf Kreta, ihre Tempel zu Ehren der Götter zu errichten, in den Anfängen der griechischen Kultur. Von Kreta ist es nur ein Schwalbenflug bis in den Nahen Osten; mit dem Schiff erreichte man in kurzer Zeit die Küsten des ehemaligen Reiches des Königs Salomon vor etwa dreitausend Jahren. Weiter im Landesinneren, zwischen Euphrat und Tigris, lag das Reich von Babylon, das mit dem Königreich Salomons eifrige Handelsbeziehungen pflegte. Zu dieser Zeit stand auch das alte Ägypten in Blüte. Nur Rom war noch nicht erwacht, es sollte noch ein paar Jahrhunderte verschlafen, bis Romulus und Remus, die als Kinder von einer Wölfin gesäugt wurden, stark genug waren, um die Stadt mit den sieben Hügeln zu gründen.
Die heutige Zeit ist eine ganz andere als die vor dreitausend Jahren. Der Übergang vom naturverbundenen Denken, für das die ganze Welt beseelt war, zum wissenschaftlichen Denken, das jeder Wirkung eine messbare Ursache zuordnet und nichts glaubt, was nicht objektiv bewiesen werden kann, vollzog sich erst in den letzten paar Jahrhunderten. Noch in der frühen Neuzeit war ein Stein etwa so groß wie ein Spatz, den man in der Hand hält. Heute wird er gewogen und vermessen, und die Neigung zur Allegorie ist verschwunden, weil sie einer wissenschaftlichen Betrachtung nicht standhält. Noch die Alchemie des Mittelalters anerkennt das Weltall und alle Wesen als beseelt, nicht nur Tiere und Menschen, sondern auch Pflanzen und sogar Steine. Damals hieß es, alles sei im Fluss.
Cuncta fluunt, wie auch die Römer lehrten. Alles verändert sich, alles ist in Wandlung. Die Welt der Antike war im Mittelalter bis auf die Überreste der prächtigen Bauwerke ausgelöscht, scheinbar für immer vergessen. Auch das Mittelalter war eine Zeit, die sich grundlegend von unserer Moderne mit ihrer noch so jungen Demokratie unterscheidet, die nach dem Zweiten Weltkrieg erst ein paar Jahrzehnte dauert. Zuerst also lebte der homo sapiens in den Hochkulturen der Antike, dann verschwand das Altertum und begann das abergläubische Mittelalter, das den Zugang zum Wissen des Altertums zumeist verloren hatte. Zwar wurden die Zeugnisse des klaren griechischen und römischen Denkens in Klöstern aufbewahrt, doch hatte das größtenteils völlig ungebildete Volk, das nicht einmal des Lesens und Schreibens kundig war, dazu keinen Zugang. Die Schriften wurden in Bibliotheken verwahrt und die Einsicht in diese verwehrt.
Es war also die Antike eine ganz andere Welt als das Mittelalter und dieses wiederum ganz anders als die Moderne. In unserer Zeit spielt die Technik die Hauptrolle, alles muss exakt vermessen, gewogen und berechnet werden. Maschinen bahnen sich den Weg und zerstören die Natur, wenn sie im Weg steht. In der antiken Welt fügte sich das Leben der Menschen unter göttlicher Weisung harmonisch in die Natur, die ja beseelt war: In den Bäumen wohnten Nymphen, im Meer Poseidon mit seinen Töchtern, der Himmel hieß Uranos, ein Titan, der gemeinsam mit Gaia, der Erde ein Geschlecht gezeugt hatte, und jeden Morgen bestieg Helios, der Sonnengott, den Wagen mit seinen Feuerpferden, die er auf der schwierigen Bahn über den Himmel lenkte, um über die Geschicke der Menschen zu wachen.
Die Götter kannten die Menschen und wussten um ihr Tun und Treiben. Sie wurden angefleht zu helfen, konnten aber auch strafen, wenn ein Mensch etwa durch Hochmut ihren Ärger erregte. So verwandelte Athene eine Weberin namens Arachne, die so eingebildet war, dass sie glaubte, besser weben zu können als die Göttin, in eine Spinne. Die Götter wollten verehrt werden und duldeten keine menschliche Überstiegenheit. Sie wachten über die Lebensweise der Sterblichen und bemerkten jeden Frevel. Die Griechen huldigten den Göttern und brachten ihnen Opfer dar, um sie zu besänftigen. Die Olympier urteilten manchmal ungerecht, nach Sympathie. Sie waren jedoch ungeheuer mächtig in ihrer Unsterblichkeit. Es gab nicht allzu viele, die die Götter herausforderten. Unter ihnen war Prometheus, der ihnen das Feuer stahl, um es zu den Menschen zu tragen. Dafür wurde er in der Unterwelt an einen Felsen geschmiedet und musste Tag für Tag leiden, weil ein Geier ihm die Leber aus dem Leib hackte, die über Nacht wieder nachwuchs.
Ewige Strafen in der Unterwelt verhängten die Götter jedoch nur bei den schwersten Verbrechen. Es waren nur einzelne Sterbliche davon betroffen, die die Götter mit allzu großem Hochmut herausgefordert hatten. So auch Sisyphos, der den Tod gefesselt hatte, damit kein Mensch mehr sterben konnte. Er wurde im Hades zur ewigen Strafe verurteilt, einen Stein auf einen Berg zu rollen, der jedes Mal entwich, bevor er den Gipfel erreichte. Das Jenseits war das Reich der Schatten, in dem die Toten weiterlebten. Das Leben setzte sich also nach dem Tode fort, darin waren sich fast alle Denker der Antike einig. Schon Sokrates sinnierte, wie er einst den Kontakt mit den Denkern und Dichtern suchen würde, wenn er im Jenseits lebte, lässt aber einen kleinen Raum für Zweifel offen, dass auch die Möglichkeit bestehe, dass mit dem Tode alles vorbei wäre. Platon schrieb in seinen Aufzeichnungen die Lehren des Sokrates nieder, der für Gottlosigkeit und Verderben der Jugend zum Tode verurteilt wurde. Bei Platon findet sich auch der Wunsch, dass die Menschen fliegen lernen wie die Vögel. In unserer Welt gibt es zahllose Flugzeuge, mit denen die Menschen fliegen können, aber kaum mehr Platz für die gedanklichen Wanderungen der Weisen der Antike, die die Bürger auf den Marktplätzen belehrten und dort ihre Schüler um sich versammelten.
Myrrhe ist der Duft der Könige. Von Salomon wird berichtet, wie seine Sänfte in einer Wolke aus Weihrauch und Myrrhe in der Ferne erscheint, umgeben von berittenen, kampferfahrenen Kriegern. Myrrhe wird aus einem gewissen Baumharz gewonnen und ist nicht in Europa heimisch. Im Königreich des Salomon war Myrrhe teuer und für den König und seine Frauen gedacht. Salomon beschreibt selbst in seinem canticum canticorum, dass er nach Myrrhe duftete bei seiner Hochzeit mit einer dunkelhäutigen Libanesin, seiner 71. Königin. Er führte seine Braut in seine Weingärten, um ihr dort seine Liebkosungen zu schenken.
Zu Beginn seiner Herrschaft brach eine Götterdämmerung für die primitiven Stämme aus, die noch wie Steinzeitmenschen einfältig und dumm Lehmstatuen anbeteten und diesen sogar ihre Kinder opferten. Da kamen Tiere, die Rauchschwaden ausstießen, zu diesen grausamen Stämmen, die trotz Warnungen ihr Tun fortsetzten und nicht davon abließen. Wilde Löwen fielen über sie her und zerrissen sie, wenn sie nicht zuvor dem Feuer der Drachen zum Opfer gefallen oder in Fluten ertrunken waren. Wie Salomon schreibt, zögerte der Zorn Gottes jedoch einen Augenblick, um keinen Gerechten zu treffen. So schnell, wie er gekommen war, war der Zorn allerdings wieder vorbei, und es erstrahlte die Krone des Königs Salomon. Es begann eine goldene Zeit.
Jährlich verdiente Salomon 666 Goldtalente, er heiratete 700 Frauen und hatte 300 Kebsweiber. Nicht durch Kriege, sondern durch Eheschließungen vergrößerte er sein Reich, in dem jeder Untertan seinen eigenen Weingarten und seinen eigenen Feigenbaum hatte. Er ließ den prächtigsten Tempel erbauen, den die Antike je gesehen hatte, und herrschte über 40 Jahre hinweg in relativem Frieden. Er hinterließ seinen Söhnen mehrere Bücher, in denen er sie belehrte, auf seine Weisungen zu hören und den Wunsch nach Weisheit zu nähren, damit sie in Gerechtigkeit lebten und ein hohes Alter erreichten.
Vor ungefähr dreitausend Jahren herrschte Salomon in Israel und ließ seine Untertanen am Wohlstand und Reichtum des Königreiches teilhaben. Er pflegte unter anderem Handelsbeziehungen zu Ägypten und Babylonien. Auch verpachtete er einige Weingärten an die Babylonier, die ihm wiederum tausende Schekel einbrachten. Es war ein reiches Land, das in aller Welt berühmt war. Salomons weise Herrschaft wurde für alle Zeiten berühmt, denn nur selten wurde das Schwert erhoben, um das königliche Recht durchzusetzen.
Wenn aber ein Widersacher, dem geboten war, in seinem Dorf zu bleiben und die Umgebung seines Dorfes nicht zu verlassen, sich aufmachte in die Stadt, um dort ein Komplott gegen den König zu schmieden, so fiel er durch das Schwert. Die Ausrede, er wollte einkaufen fahren, half ihm nichts. Die übrigen aber lernten daraus und hielten sich an die Weisungen des Königs.
Die beiden Huren, deren eine sich im Schlafe auf ihr Kind gelegt hatte und es erstickt hatte, standen vor dem König und wollten dasselbe Kind; beide behaupteten, die Mutter zu sein. Sie konnten nicht wissen, ob der König sein Urteil ernstmeinte. Als er befahl, das Kind in zwei Hälften zu teilen, schrie die eine, sie wolle die Hälfte. Die andere aber wollte das Kind nicht mehr. Salomon erkannte sogleich die wahre Mutter, der er das Kind gab, während die Lügnerin eine vorstellbare Strafe möglicherweise ereilte.
Eine ähnlich friedliche Herrschaft ist in der Zeit vor etwa dreitausend Jahren unbekannt. Die Griechen waren in unzählige Stammesfehden verwickelt und führten Kriege, während Salomon durch Heiraten das Reich Israel vergrößerte, ohne zu kämpfen. Leider wurde selbst der Tempel nach dem Tod von Salomon zerstört und ist bis in die Grundfesten niedergebrannt, im Gegensatz zu den Bauwerken der Minoer oder der Griechen oder der Ägypter, die heute noch Zeugnis von den versunkenen Kulturen ablegen und sich majestätisch vor den Augen des Betrachters erheben.
Der Tempelbau des Salomon allerdings wurde zur zentralen Idee der Freimaurerei, die sich zum Ziel gesetzt hat, solch einen Tempel zu errichten. Dieser Tempel soll das Wohl der Menschheit fördern und auf lange Zeit hinaus Bestand haben, auch in der Idee des geeinten Europas, dessen Bürger eine wirtschaftlich florierende und sozial abgesicherte Zukunft im Wohlstand erleben sollen.
Schon immer wurde Salomons Weisheit von der Freimaurerei besonders geschätzt, ebenso wie die zahlreichen goldenen Löwen und Drachen, die seinen Thron zierten, eine symbolische Sprache sprechen, die für Freimaurer eine große Bedeutung hat. Der Freimaurer ist als einzelner Mensch ein Baustein eines Tempels, der die ganze Menschheit umfasst und der ihr dienen soll. Über alle Glaubensunterschiede hinweg vereint die Logen der Glaube an einen Gott und an die Kraft des Menschen, zum Wohl der Menschheit zu wirken. Doch es spielen auch mittelalterliche und antike Vorstellungen in die Freimaurerei hinein, wie etwa von der Heilkraft der Steine, vom Zauber der Meditation, von der Kunst der Steinmetze; ein unbehauener Stein, das ist der Lehrling, muss geschliffen werden, er erhält Belehrungen und Erziehung, damit er in Zukunft in den Tempel passt und andere Steine trägt, die auf ihn aufgesetzt werden. Zu diesem Zweck schreiben die neuen Mitglieder in manchen Logen auch Lehrstücke, die sie dem Meister vortragen, der sie lobt oder tadelt. Man findet auch einiges in der Lehre der Freimaurerei, was aus der Alchemie übernommen wurde. Nicht zuletzt zeichnen sich manche durch die Kenntnis alter Sprachen aus und rühmen sich, den Stolz der Antike zu lehren.
Gerade in den Logen werden nach wie vor die Errungenschaften des Altertums und des Mittelalters tradiert, auf welche ein Denken fußt, das der Umwelt nicht so fremd gegenübersteht wie die Wissenschaft, sondern sich als Teil eines Ganzen versteht, aus dem unsere Welt sich zusammensetzt. Und das Leben als Weg zum Ziel, zur Sonne, zum inneren Gold oder dem Stein der Weisen.
Der Mensch ist der Mikrokosmos, in dem sich der Makrokosmos spiegelt. Wenn man nach innen schaut, herrscht hier Ordnung: in den Organen, den Gefäßen, den Herzschlägen. Auch die Gedanken ordnen sich und kreisen um die Lebensnotwendigkeiten, die eigenen Wünsche und Sehnsüchte. Alles funktioniert im Einklang mit dem Universum, das auch in sich eine Ordnung gefunden hat, in der die Sterne und Planeten die ihnen bestimmte Bahn nicht verlassen.
Wie unten, so oben. Wenn der Mensch den Menschen erforscht, dann sammelt er Wissen über die gesamte Welt und steigt eine Ahnung von der Gottheit in ihm auf, die dieses Universum vor unendlicher Zeit geschaffen hat. Der homo sapiens sapiens ist erst seit etwa 120.000 Jahren auf diesem blauen Planeten. In Jahrmillionen war die Erde abgekühlt und hatte sich eine Atmosphäre entwickelt, in der Leben im Wasser und auf dem Land möglich wurde. Nur ganz langsam entwickelte sich das menschliche Gehirn, lernte, Gefahren zu erkennen und zu bewältigen, wilde Tiere zu jagen, sich vor extremer Hitze und Kälte zu schützen und erste Hütten zu bauen. Der Mensch lernte gerade so viel, wie er zum Überleben brauchte. Es dauerte nach seiner Ansiedelung in Europa immerhin mindestens 35.000 Jahre, bis der Grundstein für die ersten Hochkulturen gelegt war.
In den Erzählungen der alten Griechen findet sich die Zeit, bevor die Götter Einzug in den Olymp hielten, die Zeit der Titanen. Der Titan Kronos etwa verschlang fünf Mal seine Kinder, die eben erst geboren waren, bis ihm seine Gattin beim sechsten Mal einen Stein vorwarf, nachdem sie das Kind in Sicherheit gebracht hatte. Die Titanen waren gewalttätig und wild, mit Riesenkräften, denen sich Menschen nicht entgegenstellen konnten. Sie lebten auf Erden und richteten viel Unheil an. Zeus war der jüngste Sohn des Kronos, und gemeinsam mit seinen Geschwistern, die er aus dessen Bauch befreit hatte, kämpfte er gegen die mächtigen Titanen. Als die Titanen endlich gefesselt waren, warfen die Götter sie in den Tartaros. Ein Amboss fällt neun Tage und neun Nächte vom Himmel bis zur Erde, und neun Tage und neun Nächte fällt er von der Erde bis zum Tartaros. Dort unten leben die gefesselten Titanen, seit die Götter den Olymp besiedelt haben. Nur manche schlafen noch, wie etwa der Drache Typhos, Sohn der Gaia und des Tartaros, unter dem Ätna, und wühlen im Halbschlaf die Erde auf, dass Lavaströme sich aus dem Vulkan ins Tal ergießen.
Das junge Geschlecht der Menschen in Griechenland wusste sich also beschützt von den Olympiern, den unsterblichen Göttern, für die sie Tempel errichteten und denen sie Opfer darbrachten, teure Räucherdüfte und erlesene Speisen und Getränke oder auch Schafe und andere Tiere, um die Götter gnädig zu stimmen. Unter der Herrschaft der Götter schlugen sie aus Stein die kunstvollsten Figuren, wie etwa die Löwen des Tors von Mykene, deren Augen den Betrachter bedrohlich anblicken und die heute noch die Erinnerung an die vergangene Größe wecken. Nicht nur die Bildhauerei, auch die Dichtkunst und der Gesang erreichten ihren ersten Höhepunkt.
Aber nicht nur in Griechenland blühten Kunst und Kultur. Auch in Ägypten, dem Reich der Pharaonen. Die alten Herrscher ließen sich als Grabstätten mächtige Denkmäler erbauen, die bis in den Himmel ragten, die Pyramiden. Unter den Peitschen der Aufseher schleppten die Sklaven unzählige Steine mit tonnenschwerem Gewicht, bis das Bauwerk in seiner Vollkommenheit erstrahlte. In Ägypten waren aber nicht nur die Sonne, die allabendlich im Meer badete, und Götter wie Isis und Osiris heilig, sondern auch viele Tiere, wie der Skarabäus oder die Katze. Eines Tages beobachteten ein paar Ägypter nämlich, wie eine Katze vor ihren Augen eine giftige Viper mit ihren Krallen tötete. Sie wurde fortan verehrt. Wer eine Katze tötete, wurde mit dem Tode bestraft. Noch heute finden sich Mumien von Katzen aus dem alten Ägypten.
Die Pyramiden der Ägypter dienten aber nicht nur als ruhmreiche Grabstatt, sondern auch Zwecken der Astronomie. Auf diesem Gebiet erlangten die alten Ägypter einen hohen Grad an Wissen und wurden zu Lehrern der alten Griechen. Ägyptische Weisheitslehren, wie etwa diejenige von Hermes Trismegistos, wurden in die griechische Kultur aufgenommen und tradiert bis in die Schriften der Alchemisten, die im Mittelalter auf der Suche nach dem Stein der Weisen waren. Die hermetischen Lehren der ägyptisch-griechischen Philosophie fanden großen Anklang, und selbst die deutschen Klassiker fanden darin einen reichen Quell an Weisheit, der sich aus ihrer Dichtung ergoss. Goethe bemerkte, dass es mehr Dinge gebe zwischen Himmel und Erde, als unsere Schulweisheit sich träumen lasse.
Die grundlegende Lehre jedoch war, dass das gesamte Universum beseelt sei. So flüsterten die Blätter der Bäume den Menschen zu oder toste das Meer, weil Neptun verärgert war. Selbst Steine hatten eine Seele und wurden unter den Händen der erfahrenen Steinmetze zu Bildern der Schönheit einer Kultur, die dem Stein Leben einhauchte und etwa einen Lakoon modellierte, der im Todeskampf mit einer Riesenschlange rang, oder auch den gewaltigen Koloss von Rhodos, der wahrscheinlich aufgrund von tektonischen Erschütterungen in den Tiefen des Meeres verschwand. Er zählte zu den Weltwundern der Antike, ein Zeugnis der äußersten Meisterschaft eines Volkes, dessen Künste den Göttern so gefielen, dass sie zum kulturellen Erbe von Europa gehören, das von Generation zu Generation weitergereicht wird.
Die gemeißelte Gestalt eines Jünglings aus Stein ähnelte in solchem Maße der eines lebenden Menschen, dass man glauben hätte können, er wäre auch in der Lage, zu denken und zu sprechen. Als die Römer später von der Kunst der alten Griechen lernten, ließen sie den Stein auf der Rückseite unbehauen und erreichten niemals dieselbe Meisterschaft.
Ebenso wie in der Bildhauerei setzten die Griechen auf Jahrtausende hinaus den Maßstab in der Dichtung, beginnend mit den homerischen Gesängen im Hexameter. Dieses Versmaß wurde zum Grundstein der Ilias und der Odyssee, und auch Publius Vergilius Maro schrieb in dieser Form das Nationalepos der Römer, die Aeneis. In der klassischen Bildung wurde es über die Jahrtausende tradiert, gelehrt in den Klöstern und an öffentlichen Schulen, als Zugang zum reichen Schatz an Wissen, den die ältesten Kulturen der Nachwelt überlassen haben.
Wenn man die Schriften von Cicero und Seneca näher studiert, wird offenkundig, wie anders deren tägliches Leben verlief und aus welch anderem Blickwinkel sie das Leben an sich betrachteten. Sie folgten dem griechischen Leitsatz: „Das Leben ist eine Bühne, die man verlässt, wenn es langweilt oder nicht mehr gefällt.“
