9,99 €
Chinesen halten uns für faul. Und im Vergleich zu ihnen sind wir das. Pro Jahr mehr als 1.500 Kilometer neue Gleise für Hochgeschwindigkeitszüge, über ein Dutzend neue Wolkenkratzer allein in Shenzhen und mindestens 1,38 Millionen neue Patente: Chinas Diktatur treibt eine hocheffiziente Wirtschaft an. Sie baut einen digitalen Überwachungsapparat auf, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat, und dehnt im Stil einer neuen Kolonialmacht ihren Einfluss aus – ob in Afrika, bei der neuen Seidenstraße oder durch Investitionen in Griechenland oder Portugal, für die im Gegenzug Linientreue bei EU-Resolutionen gezeigt werden muss. Andere Länder fangen an, das chinesische Modell als Vorbild zu betrachten: für Erfolg braucht es offenbar keine Demokratie. In Hongkong prallen das autoritäre System Chinas und das demokratische System des Westens aufeinander. Thomas Reicharts Buch ist die Bilanz seines fünfjährigen Aufenthalts in Peking und zugleich ein Weckruf an seine zu selbstgefälligen Landsleute. Denn er ist sicher: »Das Feuer des Drachen wird uns einheizen!«
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 329
Veröffentlichungsjahr: 2020
Pro Jahr mehr als 1.500 Kilometer neue Gleise für Hochgeschwindigkeitszüge, ein knappes Dutzend neue Wolkenkratzer allein in Shenzhen und mehr als 1,5 Millionen Patentanmeldungen: Chinas Diktatur treibt eine hocheffiziente Wirtschaft an. Sie baut einen digitalen Überwachungsapparat auf, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat, und dehnt im Stil einer neuen Kolonialmacht ihren Einfluss aus – ob in Afrika, bei der neuen Seidenstraße oder durch Investitionsversprechen in Europa, für die im Gegenzug Linientreue bei unliebsamen EU-Resolutionen gezeigt werden muss. Andere Länder fangen an, das chinesische Modell als Vorbild zu betrachten: für Erfolg braucht es offenbar keine Demokratie. In Hongkong prallen das autoritäre System Chinas und das demokratische System des Westens aufeinander. Thomas Reicharts Buch ist die Bilanz seines fünfjährigen Aufenthalts in Peking und zugleich ein Weckruf an seine zu selbstgefälligen Landsleute. Denn er ist sicher: »Das Feuer der Chinesen wird uns einheizen!«
Eigentlich hätten wir gewarnt sein müssen. Über Wochen konnten wir beobachten, wie sich das Coronavirus in China immer weiter ausbreitete, wie die Zahl der Infizierten in die Zehntausende stieg und Tausende starben. Aber es schien uns als etwas, das weit weg war von Europa, von Deutschland. Als würde diese Epidemie auf einem anderen Planeten wüten. Und als wären die Grenzen Chinas auch die Grenzen für dieses Virus. Die Covid-19-Erkrankungen betrafen andere weit weg in Fernost, nicht uns in Deutschland. Inzwischen wissen wir, dass das ein schwerer Fehler war – und dass er uns nicht zum ersten Mal unterlaufen ist. Mir ist in meiner Zeit als Chinakorrespondent oft aufgefallen, dass wir zu glauben meinen, was in Fernost passiert, gehe uns nichts an. Das Problem ist also noch größer als das Virus. Es betrifft die Art, wie wir auf China schauen, und die Frage, was China mit uns und unserer Zukunft macht.
In der Krise zeigt sich der wahre Charakter, heißt es. Was also sagt uns der Corona-Schock über uns selbst und China? Was zeigt sich darin, das über den Kampf gegen die Pandemie hinaus in der Zukunft für uns alle bedeutsam sein wird?
Chinas Behörden haben das Virus über Wochen verharmlost, seine Ausbreitung und Gefährlichkeit sogar verheimlicht. Sie haben dabei die Chance vertan, das Virus einzudämmen. Denn schon Mitte Dezember 2019 erkrankten in Chinas Elf-Millionen-Metropole Wuhan Menschen an einer rätselhaften Infektionskrankheit, die die Lungen befällt. Kurz darauf warnten Ärzte in Chatgruppen, dass eine Epidemie die Stadt bedrohe. Doch die städtischen Behörden spielten die Gefahr herunter, die Polizei ging sogar gegen Ärzte vor, weil sie Gerüchte verbreitet hätten. Erst nach dem Neujahrsfest, mehr als einen Monat nach dem Auftreten der ersten Fälle, wurden in Wuhan und überall in China einschneidende Schutz- und Quarantänemaßnahmen verhängt. Das Virus aber hatte sich da schon verbreitet. Die Fehler und Vertuschungen von Chinas Staats- und Parteiführung sorgten mit dafür, dass ein Unglück in Wuhan zu einer globalen Katastrophe wurde.
Deutschland hätte die Chance gehabt, zu beobachten und zu lernen, es also von Anfang an besser zu machen als China. Aber auch bei uns haben Regierung und Behörden viel zu langsam reagiert und wertvolle Zeit verstreichen lassen. Noch Anfang März 2020, als längst klar war, dass das Virus auch Europa erreicht hatte, vermittelten sie den Eindruck, als genüge es, die Hände regelmäßig zu waschen und in die Armbeuge zu husten. Unser Gesundheitsminister war über Wochen vor allem damit beschäftigt, die Gefahr des Virus herunterzuspielen und vor Verschwörungstheorien zu warnen, statt dafür zu sorgen, dass Ärzte, Praxen und Krankenhäuser ausreichend mit Schutzanzügen und Atemmasken auf die bevorstehende Pandemie vorbereitet waren. Deutschland erlaubte sich selbst zunächst eine Mischung aus Arroganz und Behäbigkeit, als würde ein hoch ansteckendes Virus, das in China Tausende getötet und ein ganzes Land lahmgelegt hatte, bei uns nur in der Form einer saisonalen Grippe auftreten.
Es wird Zeit, dass wir beides ablegen: die Arroganz und die Behäbigkeit. Denn Corona ist zum Stresstest für jede Gesellschaft geworden, zum Ausweis dafür, wie gut jedes einzelne Land auf existenzielle Krisen vorbereitet ist. Wie gut sein Gesundheitssystem, seine Institutionen, Behörden und Regierungen und am Ende auch seine Bürgerinnen und Bürger funktionieren und in der Lage sind, mit Extremsituationen umzugehen. Erfolg oder Misserfolg entscheiden am Ende auch über das moralische Kapital, mit dem Staaten aus dieser Bewährungsprobe hervorgehen. Die Pandemie ist deshalb auch ein tiefer Einschnitt in unser aller Geschichte. Die Machtverhältnisse in der Welt werden neu sortiert. Es wird eine internationale Ordnung vor und nach der Corona-Pandemie geben.
Jeder Staat gewinnt Gefolgschaft und Legitimität, indem er zentrale Aufgaben für seine Bürgerinnen und Bürger erfüllt. Dazu gehören Gesundheit, Sicherheit nach innen und nach außen und Mobilität oder die Möglichkeit aufzusteigen, vielleicht sogar reich zu werden. Was mir auffällt, ist, dass Bekannte hier in Deutschland den Eindruck haben, dass unser Land in all diesen Bereichen nicht vorankommt, dass Politik und Unternehmen bei wichtigen Aufgaben und zentralen Zukunftsfragen versagen. Umgekehrt räumen Bekannte in China, selbst die, die für die staatliche Parteipropaganda nur Hohn übrig haben, ein, dass sich in diesen Bereichen in ihrem Land viel verbessert habe. Diese Diskrepanz ist gefährlich, denn so wächst in Deutschland wie in China ein Misstrauen gegenüber der Demokratie. Wenn Demokratie es nicht schafft, zentrale Lebensfragen zu lösen, dann verliert sie ihre Stärke und ihren Reiz. Dann wächst der fatale Eindruck, dass die Diktatur möglicherweise die überlegene Staatsform sei.
Ich bin ein paar Monate vor Ausbruch der Corona-Pandemie mit meiner Familie aus Peking zurückgekehrt. Fünf Jahre habe ich in China das ZDF-Studio geleitet und fast jede Provinz dieses riesigen und rätselhaften Landes bereist. In dieser Zeit habe ich das irre Tempo und die rücksichtslose Wucht von Abriss und Aufbau erlebt. Habe gestaunt, wie hart die Menschen für ihren Aufstieg arbeiten, wie viel sie ihren Kindern abverlangen, welche enormen technologischen Fortschritte China gemacht hat und uns, dem Land der Ingenieure, in vielem inzwischen weit voraus ist. Ich musste auch erleben, welcher Machtapparat dahintersteckt. Die Diktatur der Partei, die eiskalt jeden verfolgt, der ihr verdächtig erscheint. Ich habe in China den Aufstieg einer neuen Weltmacht erlebt, die unsere Zukunft im Guten wie im Schlechten prägen wird.
China schärft den Blick auch auf mein Zuhause, auf das, was mir, zurück in Deutschland, wichtig und wertvoll ist. Saubere Luft, sichere Lebensmittel, Wasser, das man aus dem Wasserhahn trinken kann, darüber habe ich früher nicht viel nachgedacht, aber ich weiß es nun zu schätzen, weil es mir in China lange gefehlt hat. Genauso ist es mit unseren Freiheiten. Niemand zensiert das Internet, blockiert Inhalte, hört meine Wohnung und mein Büro ab, liest Mails und Chatnachrichten mit. Meine Kinder staunten über die vielen Wahlplakate und dass man für das Klima demonstrieren kann, ohne verhaftet zu werden. Das kannten sie aus China nicht.
Aber mich treibt auch eine Sorge um, die größer wird, je länger ich wieder zurück bin. Mir fällt bei uns in Deutschland eine aufreizende Selbstgefälligkeit auf, verbunden mit dem selbstverständlichen Glauben, dass es genau richtig ist, wie wir die Dinge so machen. Wir ruhen uns aus auf den Erfolgen der letzten Jahrzehnte und nehmen nicht wahr, dass sich die Welt um uns herum grundlegend verändert hat.
China scheint im Moment auf der Überholspur der Nationen vorne zu liegen, geradewegs dabei, ehemalige Spitzenreiter abzuhängen. Aber ist das wirklich so? Ist Chinas Diktatur unserer Demokratie überlegen? Ist es effizienter, von oben herab durchzuregieren als in manchmal endlosen Debatten und Verhandlungen um die bessere Lösung zu ringen? Oder bedeutet das Fehlen von Gewaltenteilung und von Korrektiven, dass nicht nur Entscheidungen schneller passieren, sondern damit auch folgenschwere Fehler?
Als Covid-19 kam, witzelten viele: »Endlich etwas aus China, das länger als zehn Tage hält.« Deutschland schwankt hin und her zwischen einer vorurteilsbeladenen Arroganz gegenüber China und einer diffusen Angststarre. Beides hilft uns nicht weiter. Vor allem sollten wir unterscheiden zwischen den Menschen und dem Regime, das sie beherrscht. Das ist ein großer Unterschied. Über Chinesen habe ich mich gewundert und sie bewundert. Die Herrschaft der allmächtigen Partei ist etwas ganz anderes: Es ist ein eiskalter Unterdrückungsapparat, der uns herausfordert und auf den wir nicht vorbereitet sind.
Wenn bei uns in Deutschland etwas als besonders nebensächlich erscheint, sagen wir: Das ist so interessant, wie wenn in China ein Sack Reis umfällt. Hinter diesem Sprichwort steckt die Haltung, dass China möglicherweise wichtig, aber eigentlich doch sehr weit weg ist. So weit, dass es uns nicht betrifft. Und tatsächlich war es ja auch so, dass die umwälzenden Veränderungen, die China in den vergangenen 40 Jahren erlebte, Prozesse und Ereignisse waren, die vor allem in China passierten und auf China beschränkt waren. China war noch keine globale Macht, die das Schicksal der ganzen Welt hätte mitbestimmen können. Das ist nun anders. China ist mittlerweile eine Weltmacht, und was dort geschieht, das betrifft uns in Europa und in Deutschland unmittelbar. China überschreitet seine Grenzen, es greift aus in die Welt und kommt mit all seiner Macht auch zu uns nach Deutschland.
Es ist eben nicht nur ein Virus, das aus Wuhan die ganze Welt befällt. Das Virus ist nur die Krise, die uns zwingt, die viel größeren Veränderungen wahrzunehmen, die in den letzten Jahren schleichend, aber eigentlich rasend schnell vonstatten gegangen sind. Denn China steht nicht vor unserer Haustür, es ist schon längst da. Und es wird höchste Zeit, zu verstehen, was das für uns bedeutet. Wie wir damit umgehen, wovon wir profitieren und wovor wir uns hüten sollten. Umgekehrt ist es ja auch längst so, dass Chinesen sich für uns interessieren. Und dass sie uns viel besser kennen als wir sie.
Dieses Buch ist eigentlich eine Anmaßung. Ich habe in meiner Zeit als Korrespondent in Peking gelernt: Nicht nur der Unterricht in chinesischer Sprache ist zuallererst eine Übung in Demut, das gilt auch für die Berichterstattung über dieses Land. Wann immer ich glaubte, etwas über China verstanden zu haben, kamen mir kurz darauf Zweifel, ob ich damit wirklich richtig lag. Es war ein ständiger Kreislauf. Bei den vielen Recherchen, Reisen, Interviews gewann ich tiefe Einblicke, nur um kurz darauf wieder den Eindruck zu haben, dass das nur ein Ausschnitt war. Dass China noch viel größer und unberechenbarer ist. Das lag auch daran, dass hier Dinge nebeneinander existieren, die sich eigentlich widersprechen: Kommunismus und Kapitalismus, Diktatur und Anarchie, Effizienz und Chaos, Hypermodernität und Rückständigkeit. Wie bei einem Kamerabild entscheidet der Fokus, was scharf hervortritt und was in der Unschärfe des Hintergrunds bleibt. Dieses Buch ist deshalb auch keines, das den Anspruch erhebt, China oder die Chinesen zu erklären. Es ist mein Blick auf China und auf Deutschland. Aber weil ich versuche, immer wieder den Fokus zu verändern, hoffe ich, am Ende doch ein möglichst breites und tiefes Bild von dem zu zeichnen, was wichtig und bedeutsam ist für China und damit am Ende auch für uns in Deutschland.
Das chinesische Wort für Krise ist wēijī. Es besteht aus zwei Schriftzeichen, das eine, wēi, steht für Gefahr. Das andere, jī, steht für Chance. Chinas Partei und Regierung behaupten, dass das Land in der existenziellen Gefahr, die durch das Virus entstanden ist, seine Chance genutzt habe. China habe damit eine Erfolgsgeschichte geschrieben. Stimmt die Propaganda? Oder versucht Peking mit aller Macht, der Welt seine Version dieser Jahrhundertseuche aufzudrücken?
Schon jetzt ist es so, dass China seine Art, das Virus zu bekämpfen, als Ausweis dafür sieht, dass die Herrschaft der Kommunistischen Partei ein den westlichen Demokratien überlegenes System sei. Ein System, das Vorbild sein soll für die Welt. Corona wirkt hier wie ein Brandbeschleuniger für eine Auseinandersetzung, die sich lange vorher schon angekündigt hat. Die aber im Angesicht dieser lebensbedrohlichen Herausforderung eine neue, dramatische Brisanz bekommen hat. Beide Systeme, das diktatorische und das demokratische, treten in Konkurrenz zueinander, und es ist längst nicht ausgemacht, wer dabei obsiegen wird. Sicher ist nur, dass es für uns dabei um viel mehr geht als um unseren Wohlstand, um das Überleben von Säulen der deutschen Wirtschaft. Es geht um den Kern unseres Zusammenlebens, die Grundlagen unserer Demokratie, um das, was uns ausmacht und uns wichtig ist.
Sunzi, der große chinesische Philosoph und Militärstratege, schrieb vor rund 2500 Jahren: »Wer den Gegner kennt und sich selbst, wird in hundert Schlachten nicht in Not geraten.« Wie wäre es also, wenn wir einmal den Spieß umdrehten. Wenn wir selbst die Krise als Chance begriffen und diesmal von China lernten und abkupferten. Der Anfang dafür wäre eigentlich ganz leicht. Wir müssten nur versuchen, China besser zu verstehen.
Dieses Buch ist ein Systemvergleich, geschrieben aus der Perspektive eines Heimkehrers, der nach Jahren in Peking zwischen beiden Welten steht. Vertrautes in Deutschland erscheint mir als fremd, während mir umgekehrt viel Fremdes in China vertraut ist. Ich will in diesem Buch von diesen Unterschieden erzählen. In den ersten Kapiteln wird es dabei vor allem um Alltägliches gehen, um Werte, die Chinesen wichtig sind, Fähigkeiten, die sie stark machen, um das, was mich an ihnen beeindruckt, fasziniert und manchmal auch verstört hat. In anderen Kapiteln treten Staat und Partei nach vorne, Chinas innere Verfasstheit, der Systemwettstreit zwischen Demokratie und Diktatur sowie die Frage, wer technologisch die Nase vorn haben wird, und ob wir uns bald an Chefs aus China gewöhnen müssen. Ich denke, dass das Stadium des »Dazwischenseins« kein schlechter Ausgangspunkt ist, um beide Welten zu vergleichen. Und um zu erklären, welche Herausforderung uns in Deutschland bevorsteht. Warum das Feuer des Drachen uns einheizen wird.
Im Sommer 2019 kehrte ich aus China nach Deutschland zurück. Mein Flugzeug startete in Peking an einem der größten und betriebsamsten Flughäfen der Welt und landete in Berlin an einer Art Containerterminal. Aus den Gesichtern meiner chinesischen Mitreisenden las ich eine Mischung aus ungläubigem Staunen und Spott. Hatte die Maschine sich verirrt oder waren wir tatsächlich in Deutschland gelandet?
Das chinesische Ehepaar, das vor mir im engen Flugzeuggang wartete, lehnte sich vor, um aus den kleinen Fenstern zu lugen. Beide waren Anfang 60, er im Designer-T-Shirt, sie mit Prada-Handtasche. Was sie sahen, schien sie nicht zu beeindrucken. Jede viertklassige chinesische Provinzhauptstadt hat inzwischen große, moderne Terminals. Der alte Westberliner Flughafen dagegen wirkte wie eine jener Messehallen, die sie in China innerhalb von einer Woche auf- und wieder abbauen. Für die Chinesen musste Berlin-Tegel ein Schock sein.
Ich konnte das nachvollziehen. Mir ging es bei meiner Rückkehr nicht anders. Die Ankunft in Tegel war nicht nur ein krasser Gegensatz zu meinem Leben in Peking, sie war wie ein Symbol für das, was mich nach unserer Rückkehr nach Deutschland begleiten und immer mehr verwundern würde. Natürlich, der neue Hauptstadtflughafen hätte schon vor Ewigkeiten fertig sein sollen. Dafür hatten sie in Peking kurz vor unserer Abreise einen zweiten Großflughafen fertiggestellt – in Rekordzeit und pünktlich. Als wir nach draußen auf die Flugzeugtreppe traten und die Stimmung bei dem chinesischen Paar vor mir schon im bedrohlichen Sturzflug schien, atmete die Frau tief ein. »Aber die Luft ist gut hier«, sagte sie besänftigend zu ihrem Mann. Es klang so, als begänne für sie nun eine Art Landpartie in einem etwas rückständigen Land.
Warum kriegt China Dinge so viel schneller hin als wir? Ist es effektiver und besser? Was macht China stark und uns schwach? Für Chinas allmächtige Partei sind diese Fragen schnell beantwortet: China ist zielstrebiger, effizienter – und das liegt in den Augen der Partei in erster Linie an der Überlegenheit des politischen Systems, an der allumfassenden Diktatur eben dieser Partei. Während wir demokratisch sind, aber uns gegenseitig blockieren und in Planfeststellungsverfahren verheddern, wird dort gemacht. Das ist der Eindruck, den die KP Chinas vermitteln will. Und dieser Eindruck verfängt bei vielen – nicht nur in China.
2014, zu Beginn meiner Zeit in China, versuchten chinesische Offizielle aus dem Außenministerium mir entschuldigend zu erklären, warum China zum Beispiel noch kein Rechtstaat sei, warum Strafverfahren bis heute allen Standards Hohn sprechen. China sei eben noch nicht so weit, sagten sie, China brauche noch Zeit, sei letztlich noch ein Entwicklungsland. In den letzten zwei, drei Jahren nahmen solche Gespräche eine ganz andere Wendung. China habe 850 Millionen Menschen aus der Armut herausgeholt und die Armutsrate von früher mal über 80 Prozent auf 1,7 Prozent gesenkt. Was fragst du uns da nach Rechtsstaatlichkeit?
Chinas Macht beruht auf seinem Wirtschaftserfolg, dem enormen Aufstieg, den das Land erfahren hat. Mehr noch: Die Herrschaft der Kommunistischen Partei in China gründet auf den Wachstumszahlen der Wirtschaft und der Aussicht der Bürger, reich zu werden. Daraus ergibt sich ein typisch chinesisches Paradox: Der Fortbestand des Kommunismus in China hängt vom Erfolg des Kapitalismus im eigenen Land ab. Wie kam es dazu?
Chinas Aufstieg zur Weltmacht begann in einem Fischerdorf am Perlflussdelta direkt gegenüber von Hongkong. Vor gerade mal 40 Jahren. Kaum einer im Westen kennt Shenzhen, aber jeder sollte es kennen. Denn Shenzhen ist China unterm Brennglas. Wer verstehen will, warum China so schnell so mächtig wurde, muss sich diese Stadt anschauen. Das ehemalige Fischerdorf hat heute über 20 Millionen Einwohner, es ist Chinas Silicon Valley. Die großen Tech-Konzerne wie Alibaba, Tencent, ZTE oder Huawei haben dort ihren Sitz. Ein knappes Dutzend Wolkenkratzer, mehr als irgendwo sonst in der Welt, entstanden allein 2016 in Shenzhen. Umsatz, Profit, Einwohnerzahlen – hier scheint alles in den Himmel zu wachsen.
Shenzhen war ein Experiment, das eigentlich nicht klappen konnte. Ende der 1970er-Jahre erlaubte Chinas starker Mann Deng Xiaoping Sonderwirtschaftszonen im Süden Chinas. Shenzhen war eine davon. Es waren kapitalistische Inseln innerhalb des Kommunismus. Freies Wirtschaften unter der Herrschaft der Partei widersprach der reinen Lehre, aber es funktionierte. Stück für Stück wurde das Experiment, das den unscheinbaren Titel Reform und Öffnung trug, im ganzen Land eingeführt.
Teil davon war auch eine Landwirtschaftsreform, die es Bauern erlaubte, alleine zu entscheiden, was sie anbauen wollten, und ihnen gestattete, Überschüsse selbst zu verkaufen. Die Versorgung mit Lebensmitteln verbesserte sich dadurch grundlegend. Katastrophale Hungersnöte wie noch Ende der 1950er- und Anfang der 1960er-Jahre, als bei Maos sogenanntem »Großen Sprung« nach unterschiedlichen Schätzungen zwischen 15 und 45 Millionen Chinesen starben, waren vorbei. Die durchschnittliche Lebenserwartung stieg von 66,6 auf heute 76,5 Jahre. Chinesen sind heute auch deutlich größer. Eine Studie des Imperial College in London zeigt, dass Chinesen dank besserer Ernährung und Gesundheitsversorgung sogar ihre Position in der weltweiten Größenrangliste deutlich verbessern konnten. Über einen Zeitraum von hundert Jahren betrachtet, wuchsen Chinas Frauen im Länderranking bis 2014 von Position 134 auf 87, die Männer von 130 auf 93.
Reform und Öffnung bedeutete auch, dass China vorsichtig seine Tore öffnete. Ausländische Unternehmen konnten sich in China niederlassen. Ohne ihre Investitionen wäre das chinesische Wirtschaftswunder kaum möglich gewesen. Nach Angaben der Weltbank war Chinas Bruttoinlandsprodukt (BIP) 2018 mehr als 76-mal so hoch wie zu Beginn der Reformen 1979. Es stieg von 178,3 Milliarden US-Dollar (1979) auf 13 608 Milliarden (2018). Das Pro-Kopf-Einkommen kletterte von lediglich 210 auf 9460 US-Dollar. Die Kindersterblichkeit sank bis 2018 um fast 90 Prozent. Nur damit man eine Vorstellung davon bekommt, wie gewaltig die Veränderungen waren: Deutschlands BIP wuchs im gleichen Zeitraum um etwa das 4,5-Fache, das Pro-Kopf-Einkommen von 11 050 auf 47 110 US-Dollar, also um gut das Vierfache.
Chinas prägende Erfahrung der letzten 40 Jahre ist also ein enormer Wohlstandsschub. Ganz entgegen der reinen Lehre wolle die Kommunistische Partei »ein paar Leuten erlauben, zuerst reich zu werden«, so Deng Xiaoping. Sein Experiment war der Beginn von Chinas atemberaubendem Wirtschaftswunder, dem chinesischen Kapitalismus unter dem Primat der Kommunistischen Partei und damit auch der Beginn von Chinas Aufstieg zur neuen Weltmacht.
Im Herbst 2018 war ich in Shenzhen, als die Stadt das 40-jährige Jubiläum dieses Experiments feierte. Auf dem langgestreckten Platz an der Fuzhong-Straße im Zentrum der Stadt, der gesäumt ist von Wolkenkratzern, staunten Hunderte über eine Lichtershow, die Chinas Aufstieg huldigte. Die Glasfassaden leuchteten im Rot der Nationalflagge, und aus den Lautsprechern dröhnte ein süßlicher Chor, der von der Liebe zu China sang. Die Zuschauer sangen mit. Ich musste in diesem Moment an jene denken, die diesen Aufstieg erarbeitet hatten und die ich in den Jahren zuvor in Shenzhen getroffen hatte. Die Arbeiter in der Schuhfabrik von Zhang Huarong, die morgens zum Appell strammstanden und danach im strengen Akkord schufteten. Die verzweifelten Arbeiter aus der Golfschlägerfabrik, die schutzlos mit gefährlichen Chemikalien hantieren mussten, an Leukämie erkrankten und dann entlassen wurden. Ich fühlte mich zurückversetzt in die engen, vergitterten Zimmer der Wanderarbeiter, in denen wir spätnachts nach ihrer Schicht bei Interviews saßen, schweißgebadet, weil die Ventilatoren nicht gegen die klebrige Schwüle der Stadt ankamen. Und ich erinnerte mich an das, was mich am meisten beeindruckt hatte: den unglaublichen Fleiß der Arbeiter und ihre hartnäckige Hoffnung, selbst den Aufstieg zu schaffen.
Shenzhen war in diesen 40 Jahren Chinas Werkbank und damit die Werkbank der Welt. Shenzhens Fließbänder, seine Arbeiter und der kühle Pragmatismus der KP hatten China reich und stark gemacht. Indem die allmächtige KP bereit war, zumindest einen Teil der Wirtschaft nicht zu kontrollieren, entfesselte sie das ganze Potenzial von Chinas Bevölkerung – ihren Enthusiasmus und Arbeitseifer, ihren Einfallsreichtum und Hunger nach Aufstieg.
Und die Zukunft war schon da. Die Laser der Lichtershow zeigten an jenem Abend 2018 nun Großrechner, Glasfaserkabel, weltumspannende Netze. Chinas Hoffnung, dass der Aufstieg weitergeht, dass aus der Werkbank der Welt ein Hightech-Land wird, ruht auch auf Shenzhen und auf Konzernen wie Huawei. Das Hightech-Unternehmen, das bei uns in der Diskussion steht, ob man ihm den Ausbau des ultraschnellen 5G-Mobilfunknetzes anvertrauen kann, hat bei Shenzhen einen riesigen, neuen Firmencampus für bis zu 25 000 Mitarbeiter errichtet. Die Gebäude muss man gesehen haben. Es sind detailgetreue Kopien aus Old Europe, zum Beispiel vom Heidelberger Schloss. Huaweis Mitarbeiter flanieren durch Nachbauten von Freiburg, Paris oder Verona, ihre Büros und Konferenzräume verbergen sich hinter deutschen Altstadtfassaden. Und ihr Firmengründer erläutert ausländischen Journalisten gerne in einem italienischen Palazzo mit viel Marmor, welche Pläne Huawei in Deutschland und Europa verfolgt.
Im Westen galt lange der Glaubenssatz, dass China mit seiner Marktöffnung und Liberalisierung letztlich zwangsläufig auch eine politische Öffnung vollziehen werde. Dass mit dem freien Wirtschaften der Kräfte auch eine Befreiung der Ideen und der Meinungen einhergehen müsse. Das war ein Irrtum. China ist zwar aufgestiegen zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt und wird in ein paar Jahren die größte sein. Doch es ist weit davon entfernt, sich politisch zu öffnen und zu liberalisieren. Im Gegenteil: Das Zentrum der Macht ist und bleibt auf absehbare Zeit die allmächtige Partei.
Es ist von Deutschland aus betrachtet schwer vorstellbar, wie groß und umfassend die Rolle und der Einfluss dieser kommunistischen Partei Chinas sind. Die KP durchdringt jeden einzelnen Bereich des Lebens in China. Sie hat ihre Zellen in Firmen, sie redet mit bei der Unternehmensführung – und zwar nicht nur in den mächtigen Staatsbetrieben, sondern auch bei internationalen Betrieben und Konzernen. Sie ist in Schulen, auf jeder Ebene in der Verwaltung des Landes. Die Partei steht über dem Gesetz und über der Regierung. Denn Regierung und Ministerien gelten in China eher als die ausführenden Organe dessen, was die höchsten Parteigremien ausgedacht und beschlossen haben.
Nichts zeigt die Macht der Partei besser als die chinesische Flagge. Auf dem roten Untergrund prangt links oben ein großer gelber Stern, um den herum vier kleinere gruppiert sind. Der große Stern ist Chinas Kommunistische Partei, die vier kleinen stehen für die vier Klassen: Arbeiter, Bauern, Kleinbürger und Bourgeoisie. Die Partei also überragt alles, nach ihr richtet sich das ganze Land aus.
In diesem chinesischen System schaut alles auf Xi Jinping, Staatspräsident auf Lebenszeit, Parteichef und als Chef der machtvollen Militärkommission der Oberbefehlshaber der Volksbefreiungsarmee. Wie er in den letzten Jahren diese riesige Partei auf sich ausgerichtet und unterworfen hat, das war ein faszinierender Prozess. Nichts daran war glitzernd modern, wie wir uns das neue China gern vorstellen. Es war alte Parteischule, es waren stundenlange Belehrungen unter Hammer und Sichel, eine unablässige Propaganda, die Xi jeden Tag aufs Neue in den Olymp des Kommunismus erhob. Das Xi-System ist zwar in seinen (Überwachungs-)Mitteln Hightech, im Denken aber ist es sehr alt.
Was aus Xis Sicht zentral ist für die Partei, das hat er kurz nach seiner Wahl zum Generalsekretär von Chinas KP in einer Rede vor dem Zentralkomitee Anfang 2013 dargelegt. Xi verlangte von den Parteimitgliedern einen quasi-religiösen Glauben an den bevorstehenden Sieg des Sozialismus über den Kapitalismus. Die Mitglieder müssten bereit sein, sich für die revolutionären Ideale sogar selbst zu opfern. Aufgabe von Chinas KP sei es, so Xi, einen Sozialismus aufzubauen, der dem westlichen Kapitalismus überlegen sei und mit seiner wirtschaftlichen und technologischen Stärke eine dominierende Stellung in der Welt einnehme.
In dieser Rede Xis ist damit schon vieles angelegt, was China seitdem prägt – zuallererst der Systemwettstreit mit dem Westen. Dieser Wettstreit gehört zum Kern der kommunistischen Herrschaft in China unter Xi. So gern Peking seine Außenpolitik als Win-win-Angebot an die ganze Welt zu verkaufen sucht, in Wahrheit steht dahinter die Vorstellung, dass China alles auf ein Ziel auszurichten habe: den angeblich unausweichlichen Sieg des chinesischen Sozialismus über den Westen.
Trotz dieser Überzeugung fürchten Xi und Chinas KP nichts mehr, als das Schicksal der sowjetischen KP zu erleiden. Und mit wenig beschäftigen sie sich ausführlicher als damit, die Ursachen für den Zusammenbruch der Sowjetunion und die Implosion der dortigen KP-Herrschaft zu studieren. Das erste und alles überragende Ziel von Chinas KP ist, diesem Schicksal zu entgehen und an der Macht zu bleiben – um jeden Preis.
Xi glaubt an einen erbitterten Wettstreit der Ideologien und damit der Systeme. In seiner Rede behauptete er, die sowjetische KP sei gestürzt, weil sie ihr ideologisches Erbe aufgegeben habe. Sich von Lenin und Stalin loszusagen, habe die sowjetische Ideologie ins Chaos gestürzt. Xi verlangt von den Kadern das Gegenteil: den unbedingten Glauben an die Partei, ihre Lehren und ihr Erbe. Was auch bedeutet, die Menschheitsverbrechen unter Mao totzuschweigen. Die Folge ist, dass China unter Xi eine Verhärtung des Denkens und eine Verfolgung Andersdenkender erlebt wie seit Jahrzehnten nicht mehr.
Propaganda und Überwachung in China funktionieren – besonders bei den Jüngeren. Die meisten halten sich brav an die Internet-Zensur. Kaum einer nutzt VPN, eine verschlüsselte Internetverbindung, um jenseits der großen chinesischen Firewall nach Inhalten zu suchen, die der Parteilinie widersprechen könnten. Chinas Jugend ist weitgehend apolitisch. Auf Social-Media-Kanälen wie WeChat oder Weibo geht es um Privates und Berufliches, nicht um Politisches. Das war früher ganz anders.
In ihrer unumschränkten Allmacht wurde Chinas Kommunistische Partei einmal fundamental herausgefordert. Das war im Frühjahr und Frühsommer 1989, als Studenten gegen die Partei, ihre Korruptheit und den Machtmissbrauch durch die Kader protestierten. In der Nacht auf den 4. Juni 1989 ließ die Parteiführung die Demonstrationen auf dem Tiananmen-Platz im Herzen Pekings und anderswo im Land blutig und brutal niederschlagen.
Ein paar Monate, bevor sich dieser tiefe Einschnitt in der jüngeren Geschichte Chinas im Juni 2019 zum 30. Mal jähren sollte, machten meine Kollegen im ZDF-Studio in Peking einen sensationellen Fund. Versteckt hinter verstaubten Kassettenhüllen fanden sie das originale Drehmaterial von damals, insgesamt mehrere Dutzend Bänder. Die damalige Korrespondentin Gisela Mahlmann und ihr Kameramann Jochen Wichmann hatten in den Wochen vor dem Tiananmen-Massaker beinahe jeden Tag die Protestierenden begleitet. Ihr Drehmaterial galt als verschollen und tauchte nun wie durch eine glückliche Fügung wieder auf.
Wir ließen die verstaubten Bänder reinigen, und meine Kollegin Stefanie Schoeneborn und Cutter Jan Dottschadis machten daraus für das ZDF eine atemberaubende Dokumentation und Chronik der Ereignisse. Wir alle waren überwältigt von diesen Bildern. Sie erschienen so frisch und unmittelbar, dass ich bei ihrem Anblick für einen Moment glaubte, sie seien erst gestern gedreht worden und nicht schon vor 30 Jahren. Andererseits: Was mir darauf begegnete, war ein ganz anderes China als jenes, das ich jeden Tag sah. Es war eine ganz andere Jugend als die heute. Auf den Straßen Pekings wurde damals ungehindert für Reformen und mehr Demokratie demonstriert. Neben den Studenten standen Arbeiter, Ingenieure, Ärzte, Eltern mit ihren Kindern, sogar Mitarbeiter des chinesischen Staatsfernsehens. Was mich besonders berührte, war die Begeisterung der Menschen damals, wie offen sie vor der Kamera über ihre Hoffnungen und Sorgen sprachen.
Was heute undenkbar wäre, geschah damals täglich auf den Straßen. Zehntausende demonstrierten für Öffnung und Liberalisierung. Genauso wie nur ein paar Monate später bei uns in Leipzig, Berlin und in anderen ostdeutschen Städten. In diesem schicksalhaften Jahr 1989 nahmen Deutschland und China unterschiedliche Wege, die uns bis heute prägen. Während die Revolution in der ehemaligen DDR friedlich blieb, die Volksarmee nicht auf die eigenen Bürger schoss und Deutschland die Wiedervereinigung gelang, tötete Chinas Volksbefreiungsarmee Tausende, und die Parteiführung vollzog die Wendung zu Repression und einem permanenten Misstrauen gegenüber der eigenen Bevölkerung.
So wie uns bis heute Mauerfall und Einheit prägen, so wirkt in China Tiananmen nach, obwohl es offiziell totgeschwiegen wird. Es ist ein Fixpunkt für diejenigen, die in China doch noch auf Demokratisierung hoffen. Und es ist ein Trauma der Partei, die um jeden Preis verhindern will, dass es noch einmal zu solchen Protesten, zu einer solch fundamentalen Herausforderung der Partei und ihrer Herrschaft kommt. Chinas KP braucht keine Wahlen zu fürchten, die sie von der Macht fegen könnten. Aber auch eine Diktatur wie die von Chinas KP kann nicht allein mit Druck und Repression funktionieren. Auch sie braucht eine Art von Legitimität, also eine Rechtfertigung ihrer allumfassenden Herrschaft. Diese Rechtfertigung ist der Deal, den es nach dem Massaker vom Tiananmen zwischen Herrschern und Beherrschten gab. Die Partei erklärte dem Volk: Wir sorgen dafür, dass ihr reich werdet, dafür haltet ihr den Mund.
Und die Partei versuchte zu liefern. Aufstieg, Wachstum und Wohlstand – das ist seitdem der Legitimationscode von Chinas KP. Umgekehrt gilt natürlich auch, dass ein Einbruch des Wachstums, alles, was Leben und Wohlstand in China gefährdet, zu einer grundsätzlichen Krise für die Herrschaft der Partei werden kann. Ich erinnere mich noch lebhaft, wie Chinas Ministerpräsident Li Keqiang 2018 vor dem Volkskongress niedrigere Wachstumszahlen verkünden musste. Das war keine Nebensächlichkeit. Durch das Fernglas von der Empore konnte ich erkennen, wie Li ins Schwitzen geriet. Er wusste vermutlich genau, dass es um viel mehr ging als die Prozentzahl hinterm Komma. In China sind Krisen und Katastrophen immer mehr als ein Sachproblem, es ist schnell eine Legitimationskrise der Partei insgesamt.
Bei der Frage, wie die Partei liefert, denkt man vielleicht zuallererst an gewaltige Infrastrukturprojekte: an die 216 neuen Flughäfen, die China bis 2035 im eigenen Land bauen will, und an die 234, die es jetzt schon gibt und die zum großen Teil ebenfalls erst in den letzten 15 Jahren gebaut oder modernisiert wurden. Man denkt an Chinas Schnellbahnnetz, mit Abstand das größte der Welt, das Jahr für Jahr um mehrere tausend Kilometer wächst. An riesige Trabantenstädte wie Xiong’an, das seit 2017 zur Entlastung der Hauptstadt Peking aus dem Boden gestampft wird. Nicht alles davon funktioniert. Überall im Land gibt es Investitionsruinen, Geisterstädte, Brücken, die ins Nichts führen.
Noch bedeutsamer und potenziell bedrohlicher ist aber der rasante Anstieg der Verschuldung Chinas in den letzten zehn Jahren – nicht zuletzt durch die massiven Infrastrukturprojekte und den Versuch, über Kredite das rückläufige Wirtschaftswachstum zu stützen. Nach Angaben des Institute of International Finance in Washington lag die Verschuldung von Staat, Unternehmen und Haushalten 2019 bei über 300 Prozent des Bruttosozialprodukts. Chinas Verschuldung liegt damit fast auf dem Niveau der USA. Gefährlich ist aus Sicht des Internationalen Währungsfonds (IMF) dabei vor allem die schnelle Zunahme der Schulden. In einem Arbeitspapier aus dem Jahr 2018 befürchtet der IMF für China deshalb sogar eine Finanzkrise.
Chinas Parteikader scheint das nicht zu irritieren. Sie können bis zum letzten Kubikmeter Beton die Zahlen vorbeten, die belegen sollen, mit welch riesigem Aufwand Chinas KP nicht nur das Land ausbaut, sondern damit auch seine eigene Macht zementiert.
Anspruch und Fähigkeit der Partei, zu liefern, zeigen sich dabei oft gerade nicht an Megaprojekten. Ich erinnere mich an einen Wintermorgen in Peking, an dem es schien, als hätten sich vor meinem Fenster plötzlich die Höllentore geöffnet. Dichte Rauchschwaden kamen von der Straße, aus einem Loch, das von Minute zu Minute größer wurde und zu einem bedrohlichen Krater im Asphalt anwuchs.
Ich musste zuerst an die Explosionen in einem Containerlager am Hafen von Tianjin denken, bei denen im Sommer 2015 über 170 Menschen starben. War etwas Ähnliches nun hier vor meiner Nase passiert? Würde wie in Tianjin gleich eine weitere, viel stärkere Explosion die Nachbarschaft erschüttern? Das war immer möglich in China, wo der Schutz der Bevölkerung regelmäßig überrollt wurde von einem irrsinnigen Aufbautempo und der Profitgier von Kadern und Unternehmen. Wo die Partei zur Sicherung ihrer Macht oft wie im Reflex unangenehme Wahrheiten wie zum Beispiel gravierende Sicherheitsmängel unterdrückte.
Wir hatten Glück. Wie sich herausstellte, war nur ein Rohr der Fernheizung gebrochen. Der Schlund aber war immerhin gut zehn Meter lang und fünf Meter breit, mitten auf einer Hauptverkehrsstraße im Zentrum Pekings. Wir stellten uns darauf ein, dass wir für die nächsten eineinhalb Jahre eine Dauerbaustelle vor unserem Fenster haben würden. Mindestens. Doch nach einer Woche, in der tagsüber der Verkehr auf Stahlplatten über das Loch hinwegrollte und nachts gearbeitet wurde, war nicht nur das Leck gedichtet, sondern die Rohre auf einer Länge von gut hundert Metern ausgetauscht.
Solange es gut ausgeht, wie in diesem Fall, sind das Geschichten, die nach einem China-Wunderland klingen. Ihre Kraft bekommen diese Geschichten aber erst durch unseren Alltag in Deutschland, durch unser Schneckentempo. Ich muss jedenfalls immer an den Pekinger Höllenschlund denken und wie schnell sie ihn gestopft haben, wenn ich in Berlin lese, dass eine U-Bahnstation ein gutes Jahr lang gesperrt ist, weil ein Aufzug erneuert wird. Ein Jahr. Wegen eines Aufzugs. Das chinesische Ehepaar vor mir bei der Rückkehr nach Berlin wird noch sehr gestaunt haben bei seinem Deutschlandbesuch.
Im Berliner Regierungsviertel komme ich jetzt wieder an den Orten vorbei, die ich noch aus der Zeit vor unserem China-Abenteuer kenne. Dazwischen liegen also nun fünf Jahre. Viele Orte, die Baustellen waren, als wir die Koffer packten, sind heute immer noch Baustellen. Da ist zum Beispiel der Erweiterungsbau des Marie-Elisabeth-Lüders-Hauses. Er steht an der Spree direkt gegenüber vom Reichstag und soll einmal Büros für Abgeordnete und Sitzungsräume beherbergen. Die Bauarbeiten an der Erweiterung begannen 2010 und sollten zwei Jahre dauern. Man ahnte damals schon, dass da etwas Gewaltiges entstehen sollte. Für eine riesige Freitreppe hin zur Spree fuhren Tag für Tag Kolonnen von Betonlastern auf. Die Größe der Kräne, der Betonwände und -vorsprünge, die da gen Himmel wuchsen, war furchteinflößend. Einen fast 40 Meter hohen Turm aus Glas und Beton konnte man irgendwann erahnen, umrahmt von Betonkonstruktionen, die aussahen, als hätte jemand mit Bierdeckeln experimentiert.
Wenn ich vom ZDF-Studio Unter den Linden zur Bundespressekonferenz in der Nähe der Baustelle ging, musste ich daran vorbei, durch einen zweihundert Meter langen Fußgängerpfad aus Baugerüsten, der mit Holzplanken ausgelegt war. Zwei Schritte waren es immer auf dem Holz, dann kam eine Metallschwelle, dann wieder zwei Schritte Holz.
Als ich 2020 wieder zur Bundespressekonferenz ging, war der Fußgängerpfad noch immer da. Und auch der Rhythmus der Schritte war immer noch der gleiche: zweimal Holz, Metallschwelle, zweimal Holz. Das Marie-Elisabeth-Lüders-Haus ist immer noch nicht fertig. Es gab Streit mit dem Architekten, Baumängel, Wasser, das durch Betonplatten drang. Der Bundestagsvizepräsident und Vorsitzende der Baukommission des Bundestages Wolfgang Kubicki schlug zwischenzeitlich sogar vor, das Riesending abzureißen.
Etwas Vergleichbares habe ich in Peking nur einmal gesehen. Schuld war der gleiche Bauherr wie beim Marie-Elisabeth-Lüders-Haus: das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung. In Peking sollte die Behörde eine Erweiterung der deutschen Botschaft bauen lassen. Kein großes Ding, sollte man meinen. Aber auch das dauerte Jahre, in denen der Botschafter, wann immer man ihn danach fragte, in stiller Verzweiflung die Augen verdrehte. Was sollte er auch sonst machen. Die Baustelle ruhte wie tiefgefroren, egal ob in Peking bissiger Frost oder stechende Hitze herrschten. Die Visastelle blieb über Jahre ein Provisorium, und ich stelle mir vor, dass die Chinesen, die davor warteten, darüber ähnlich staunten wie jene, die mit mir in Berlin ankamen.
Während China im Turbotempo und mit langfristigen Plänen seine Infrastruktur modernisiert, verfallen in Deutschland Schienenstrecken, Autobahnen und Brücken, Bahnhöfe, Schulen und Krankenhäuser. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln kam im Herbst 2019 zu dem Schluss, dass Deutschland in den nächsten zehn Jahren 450 Milliarden Euro investieren müsse, sonst drohe der Standort abgehängt zu werden. Der Deutsche Städte- und Gemeindebund geht allein für 2018 von überfälligen Investitionen über 159 Milliarden Euro aus. Die gewaltigen Summen zeigen, wie enorm der Nachholbedarf bei uns in den Bereichen Digitalisierung, Infrastruktur, Forschung, Bildung und Gesundheit ist. Aber es fehlt nicht allein am Geld. Oft werden Mittel nicht genutzt, weil in Deutschland die Regeln und Vorschriften zu kompliziert und langwierig sind. Nach Angaben des Bundesverbandes der Deutschen Industrie hat sich die Dauer von Genehmigungsverfahren im letzten Jahrzehnt mehr als verdoppelt. Was wichtig und entscheidend wäre für unsere Zukunft, verheddert sich in einer überbordenden Bürokratie und scheitert an einer Politik, der offenbar Mut und Entschlossenheit für die großen Ziele fehlen.
In Deutschland, das ist mein Eindruck nach meiner Rückkehr, herrscht ein weitverbreiteter Frust darüber, dass Staat und Regierung wichtige Anliegen und Projekte eben gerade nicht fertigbekommen. Das zerrüttet zunehmend den Glauben der Bürger an die Fähigkeit des Staates, Probleme zu lösen. Eine Allensbach-Umfrage hat Ende 2019 gezeigt, dass innerhalb von nur vier Jahren die Zustimmung der Deutschen zu unserem politischen System dramatisch zurückgegangen ist. Das Vertrauen in die Stabilität des Systems ist von 81 Prozent (2015) auf 57 Prozent (2019) eingebrochen. Die Überzeugung, dass unser politisches System eine besondere Stärke des Landes ausmacht, ist von 62 auf 51 Prozent gefallen.
Es ist schwer, dem vergleich- und belastbare Zahlen aus China entgegenzustellen. 2014 kam eine Umfrage der Pew Global Research zu dem Ergebnis, dass 92 Prozent der Befragten Vertrauen in Staats- und Parteichef Xi Jinping hatten. Gut möglich, dass die Ergebnisse auch deshalb so hoch ausfielen, weil unter dem Eindruck staatlicher Propaganda und Repression selbst bei einer Umfrage kaum einer sich zuzugeben traute, er habe kein Vertrauen zu Xi. Eine Studie der Chinese Academy of Social Sciences (CASS) jedenfalls kommt 2013, nur ein Jahr vor der PEW-Umfrage, zum gegenteiligen Ergebnis. Das CASS-Blaubuch zu sozialen Mentalitäten konstatierte eine Rekordtief für Vertrauen in der chinesischen Gesellschaft. Insbesondere gegenüber der Regierung sei das Misstrauen groß.
Dieser Befund wird auch dadurch gestützt, dass jede Familie, die es sich leisten kann, versucht, ihre Kinder in den USA oder in Europa studieren zu lassen, dass viele ihr Geld ins Ausland auf internationale Banken bringen und sich einen ausländischen Pass besorgen. Nicht unbedingt, um sofort auszuwandern. Dafür klappt der Deal noch zu gut, dafür lässt es sich zu gut verdienen in China. Aber es ist eine Sicherheit für den Fall der Fälle. Mich hat jedenfalls immer überrascht, dass der Glaube der Chinesen an China trotz Chinas unumstrittener Stärke erstaunlich schwach ist.
Welchen Schluss kann man daraus ziehen? Möglicherweise trifft beides zu, die Bewunderung für Xi Jinping wie auch das weit verbreitete Misstrauen in der chinesischen Gesellschaft, besonders gegen Partei und Staat, die den Einzelnen gängeln und entmündigen. Insgesamt aber scheint es nach wie vor so, als könne sich die allmächtige Partei unter Xi trotz allem auf eine relativ solide Zustimmung stützen, während gleichzeitig die Zweifel im Westen wachsen, dass Demokratien in der Lage sind, auf die zentralen Zukunftsfragen Antworten zu liefern. Das müsste eigentlich für jeden ein alarmierender Befund sein.
