Das Flüstern der Insel: Isle of Wight - Teil 2 - Wendy K. Harris - E-Book

Das Flüstern der Insel: Isle of Wight - Teil 2 E-Book

Wendy K. Harris

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Beschreibung

Ein Roman, so fesselnd wie das Spiel von Wellen und Wind: "Das Flüstern der Insel" von Wendy K. Harris jetzt als eBook bei dotbooks. Ein einziger Tag reißt Sophie den Boden unter den Füßen weg: Erst stirbt ihre Mutter, nur wenige Stunden später verlässt ihr Ehemann sie für eine Jüngere. In ihrem bisherigen Leben völlig verloren, bricht sie alle Brücken hinter sich ab und zieht zu ihrer besten Freundin auf die Isle of Wight. Erst als sie einen Job in einem kleinen Café an der malerischen Promenade von Ventnor annimmt, kehren Freude und Hoffnung zurück. Hier trifft sie Nick – einen Mann voller Schmerz und Geheimnisse. Nach und nach öffnet sich Sophie ihm und träumt davon, an seiner Seite endlich wieder nach vorn zu blicken. Doch Nicks Vergangenheit wirft lange Schatten … "Ein bewegendes Buch, eine faszinierende Bildsprache!" Neue Woche Jetzt als eBook kaufen und genießen: "Das Flüstern der Insel" von Wendy K. Harris. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.

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Seitenzahl: 501

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Über dieses Buch:

Ein einziger Tag reißt Sophie den Boden unter den Füßen weg: Erst stirbt ihre Mutter, nur wenige Stunden später verlässt ihr Ehemann sie für eine Jüngere. In ihrem bisherigen Leben völlig verloren, bricht sie alle Brücken hinter sich ab und zieht zu ihrer besten Freundin auf die Isle of Wight. Erst als sie einen Job in einem kleinen Café an der malerischen Promenade von Ventnor annimmt, kehren Freude und Hoffnung zurück. Hier trifft sie Nick – einen Mann voller Schmerz und Geheimnisse. Nach und nach öffnet sich Sophie ihm und träumt davon, an seiner Seite endlich wieder nach vorn zu blicken. Doch Nicks Vergangenheit wirft lange Schatten …

»Ein bewegendes Buch, eine faszinierende Bildsprache!« Neue Woche

Über die Autorin:

Nach verschiedenen beruflichen Stationen, etwa als Bankangestellte in London oder Homöopathin in Herefordshire, lebt Wendy K. Harris mit ihrem Mann und ihren fünf Kindern auf der Isle of Wight, wo sie ihrer großen Leidenschaft nachgeht – dem Schreiben.

Bei dobooks erscheinen auch:

»Das Erbe der Insel«

»Das Lied der Insel«

***

eBook-Neuausgabe Januar 2018

Die englische Originalausgabe erschien erstmals 2007 unter dem Originaltitel »Blue Slipper Bay« bei Transita, Begbroke. Die deutsche Erstausgabe erschien 2007 unter dem Titel »Nur mit deiner Liebe« bei Blanvalet, München.

Copyright © der englischen Originalausgabe 2007 Wendy K. Harris

Copyright © der deutschen Erstausgabe 2007 by Blanvalet Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Copyright © der Neuausgabe 2017 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von shutterstock/Thomas Marchhard, Helen Hotson, sakdum, Life morning

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (sh)

ISBN 978-3-96148-206-1

***

Liebe Leserin, lieber Leser, wir freuen uns, dass Sie sich für dieses eBook entschieden haben. Bitte beachten Sie, dass Sie damit ausschließlich ein Leserecht erworben haben: Sie dürfen dieses eBook – anders als ein gedrucktes Buch – nicht verleihen, verkaufen, in anderer Form weitergeben oder Dritten zugänglich machen. Die unerlaubte Verbreitung von eBooks ist – wie der illegale Download von Musikdateien und Videos – untersagt und kein Freundschaftsdienst oder Bagatelldelikt, sondern Diebstahl geistigen Eigentums, mit dem Sie sich strafbar machen und der Autorin oder dem Autor finanziellen Schaden zufügen. Bei Fragen können Sie sich jederzeit direkt an uns wenden: [email protected]. Mit herzlichem Gruß: das Team des dotbooks-Verlags

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Wendy K. Harris

Das Flüstern der Insel

Roman

Aus dem Englischen von Leon Mengden

dotbooks.

Für Michael, Debbie, Samuel und Lachlan – auf der anderen Seite der Welt, aber hier in meinem Herzen.

Eine Vorbemerkung für meine Leserinnen und Leser

Wenn Sie die Isle of Wight besuchen, können Sie viele Schauplätze dieser Geschichte entdecken. Einige aber entspringen der Fantasie oder wurden von den Wellen hinweggetragen.

Wendy K. Harris

1

»DER FEBRUAR IST immer ein so beschissen feuchter Monat«, bemerkte ich und ließ die Jalousie runter, damit wir nicht auf die nasse, graue Straße hinausblicken mussten.

»Ist er dir nur zu feucht, oder findest du ihn ganz allgemein beschissen?«, fragte Jill.

»Beides.«

Wir saßen vor meinem neuen granitverkleideten Gasofen, in dem spärliche Flämmchen züngelten. Eigentlich war es mehr Peters Ofen. Er hatte ihn ausgesucht.

»Gefällt dir das Ding?« Jill schlürfte ihren Wein.

»Ich hasse es.«

»Aber warum hast du dann ...?« Sie zog die Augenbrauen in die Höhe, sah mich an und schüttelte seufzend den Kopf. »Also ehrlich, Sophie.«

Ich zuckte die Achseln. »Ich hatte keine Lust, mich mit ihm zu streiten.« Ich wickelte ein Schokobonbon aus und warf es ihr zu. »Und rede nicht so mit mir – also ehrlich, Sophie. Das erinnert mich an meine Schwester.«

Jill grinste. »Nein, Audrey hätte Sophia, also wirklich gesagt.«

Ich musste kichern. Sie hatte sie perfekt nachgeahmt. Wir sahen wieder dem Feuer zu.

Jill seufzte noch einmal. »Glaubst du, dass wir gerade unsere Midlife-Krise durchmachen?«

»Wundern würde es mich nicht.«

»Vielleicht ist es ja so? Dann könnten wir sie gemeinsam überstehen.«

»Meinetwegen. Wir haben bis jetzt alles zusammen gemacht. Abgesehen vom Kinderkriegen.«

»Diese Öfen taugen längst nicht so viel, wie immer behauptet wird.« Jill grinste schon wieder, als sie den Korken aus unserer zweiten Flasche Wein zog. »Wo, sagtest du, ist Peter noch mal hin?«

»Vermutlich zu einer IT-Konferenz in den Staaten, und zwar mit seiner persönlichen Assistentin, die zufällig so aussieht wie die Elfenkönigin in Herr der Ringe.«

»Du schlüpfst gerne in die Opferrolle, Sophie«, sagte Jill und füllte unsere Gläser nach.

»Komm mir nicht mit deinen Psychosprüchen. Du bist meine Freundin und nicht meine Therapeutin«, erwiderte ich und brach einen Riegel von der Riesentafel Schokolade ab.

»Ja, und du bist meine Freundin. Freundinnen sollten offen und ehrlich zueinander sein.« Sie streifte ihre Schuhe ab, löste die Spange aus ihrem langen blonden Haar und fläzte sich mit gespreizten Beinen und baumelnden Brüsten auf das Sofa. Mich beschlich das Gefühl, dass uns ein langer Abend bevorstand, an dem ich meine innersten Gefühle hervorkramen sollte.

»Also«, begann Jill. »Wir haben das ganze Wochenende für uns allein. Wie soll es mit deinem Leben nun weitergehen?«

»Ich weiß es nicht«, seufzte ich und war mir bewusst, wie erbärmlich sich das anhörte. »Ich weiß nicht, ob ich Peter direkt darauf ansprechen sollte, ob er eine Affäre mit Arwen Evenstar hat.«

»Mit wem?«

»Na, mit der Elfenkönigen. Liv Tyler oder so. Die aus Herr der Ringe.«

»Ach die. Sonst noch etwas?«

»Und ich bin auch noch zu keinem Entschluss gekommen, ob ich meine Mutter in Vollzeitpflege geben soll. Und ich weiß nicht, ob ich mich geschmeichelt fühlen soll, dass ihr neuer Geriatrist mich dauernd betatscht, oder ob ich ihm eins auf die Finger geben soll. Und ich weiß auch nicht, ob ich mich auf eine Reihe von Vorträgen über psychische Probleme einlassen soll, die ich ...«

»Halt, das genügt.« Jill hielt die Hand in die Höhe. »Vergiss mal einen Moment lang alles andere. Was willst du für dich?«

»Ich weiß es nicht.«

»Das scheint mir auch so. Deswegen bist du ja so aufgelöst. Dich kümmert immer nur, was du im Leben anderer Menschen bedeutest.« Sie fuchtelte mit den Händen und kleckerte Rotwein auf ihren Jeansrock. »Du verhedderst dich in den Zweigen, anstatt einen Schritt zurückzutreten und den Baum als Ganzes zu betrachten.«

»Den Baum?« Ich fragte mich, ob ich irgendwas nicht mitbekommen hatte.

»Genau. Du musst dich mit dem Stamm identifizieren – der ist stark und ruht in sich. Du musst deine Lebenskräfte in neue Bahnen lenken, es darauf anlegen, dein eigenes Potenzial auszuschöpfen.«

»Großer Gott, Jill, ich glaube, du hast deinen Beruf verfehlt.« Ich konnte sie richtig vor mir sehen, wie sie von einem Rednerpult aus die Massen aufpeitscht.

»Es ist an der Zeit, den Spieß umzudrehen, Sophie. Gib deinem Peter Pan den Laufpass, bevor er es tut. Machen wir uns doch nichts vor, der wird nie erwachsen. Deswegen hängt er immer seinen Wunschvorstellungen von ätherischen Elfenwesen nach. Und um deine Mutter kann deine Schwester sich kümmern. Du hast alle Möglichkeiten, die ganze Welt steht dir offen. Und du hast auch keine Kinder, die dich ans Haus fesseln.«

»Ja, aber ich habe mein Haus und auch meinen Beruf«, wandte ich ein. »Und ich möchte nicht allein sein. Es ist alles viel zu spät, Jill. Ich werde bald fünfundvierzig. Ich hätte Peter schon vor Jahren verlassen und mir einen Mann suchen sollen, der Kinder mit mir haben will.«

»Na, dann sieh doch zu, dass du schwanger wirst.«

»Wie soll das denn gehen?«

»Das alte Rein-und-raus-Spiel. Du bist fit und gesund. Ich wette, dass du mindestens ein Kind auf die Reihe kriegst, bevor deine Eierstöcke aufgeben. Aber nicht mit Peter oder diesem durchgeknallten Altenheilkundler. Schnapp dir einen anständigen Kerl – falls du überhaupt einen brauchst. Es gibt heutzutage so etwas wie künstliche Befruchtung.« Sie leerte ihr Glas und griff nach der Flasche. »Du musst dir einfach mal eine Auszeit gönnen. Wann hast du eigentlich zuletzt richtig Ferien gemacht? Warum kommst du nicht mit auf die Insel und wohnst bei uns? Ash und die Kinder würden sich wahnsinnig freuen, dich zu sehen. Du wirst von Cormorants begeistert sein; es ist ein wunderschönes altes Haus.« Während ich mit offenem Mund dasaß und das alles zu verdauen versuchte, musterte sie mich eingehend. »Pass auf«, fuhr sie fort, »ich weiß, dass ich schon eine ganze Menge Wein intus habe und dass ich auch Fehler gemacht habe. Aber ich sorge mich wirklich um dich. Wenn du nicht einfach mal einen Schnitt machst und über dein Leben nachdenkst, brennst du aus.« Ihr breites Gesicht, das oft einen so dramatischen Ausdruck annehmen konnte, wirkte mit einem Male ganz ernst. »Du bist nicht unentbehrlich, Sophie, oder?«, sagte sie leise.

Ich hatte das Gefühl, dass mein sorgfältig ausbalanciertes Leben ins Wanken geriet. Und ich vor aller Welt nackt dastand. Eines schaffte Jill immer: Wenn ich das Gefühl hatte, in einer Sackgasse zu stecken, trieb sie mich zu neuen Herausforderungen an und wies mir Wege aus meiner Misere.

»Ich soll mit Peter Schluss machen? Mum allein lassen?«, stammelte ich. »Aber ... das kann ich den beiden doch nicht antun.«

Am 1. April starb meine Mutter und Peter verließ mich. Ich hatte das Gefühl, die ganze Welt hätte sich gegen mich verschworen. Mit der einen Hand hielt ich die neue Zahnprothese meiner Mutter umklammert und mit der anderen Peters eilig hingekritzelte Nachricht und starrte durch die Schlitze der Jalousie vor dem Mansardenfenster. Jeden Augenblick musste einfach einer von den beiden voller Reue über den bösen Scherz, den sie mit mir getrieben hatten, im Zimmer erscheinen. Aber um die Mittagszeit war noch niemand aufgetaucht. Zitternd stand ich draußen auf dem feuchten Pflaster und schaute angestrengt die Straße hinauf und hinunter. Aber es war keine einzige Seele unterwegs, weder eine tote noch eine lebende.

Ich ging zurück ins Haus und schaute in den Garderobenspiegel. Das geisterhafte Spiegelbild einer Frau mit zerzausten Haaren und in tiefen Höhlen liegenden Augen starrte mir entgegen. Ich erkannte mich nicht wieder. Ich fasste meine Haare zusammen und bändigte die struppigen Strähnen mit einem Gummiband. Mechanisch schlüpfte ich in meinen Mantel; dann nahm ich meine Handtasche und begab mich zu meiner Arbeitsstelle. Immerhin dachte ich noch daran, die Haustür hinter mir zu verschließen. Ich war schon halb die Straße hinunter, als ich noch einmal innehielt, um mich zu vergewissern, dass ich nicht den mit Winnie-Poo-Bären bedruckten Pyjama und die dazu passenden Hausschuhe trug, die meine Schwester mir zu Weihnachten geschenkt hatte. Ich hatte so viele Nächte im Krankenhaus verbracht und den röchelnden Atemzügen meiner Mutter gelauscht, dass meine innere Uhr ganz durcheinandergeraten war.

In den Bäumen saßen Vögel, immer paarweise; auf der Straße zankten sich ein paar Krähen um eine plattgefahrene Ratte. Zwei Amseln beäugten missbilligend eine Katze, deren einziges Vorhaben es war, sich in jemandes Blumenbeet zu erleichtern, und die vor Nervosität bereits mit dem Schwanz zuckte. Beschnittene Platanen ließen kalte Tropfen auf meinen Kopf fallen, als ich unter ihnen vorbeiging. Ich spürte, wie sie mir ins struppige Haar liefen und seine Wurzeln benetzten. Mein Körper kam mir vor wie ein Elternteil, der es aufgegeben hat, seinem widerborstigen Sprössling Paroli zu bieten. Aber es steckte auch eine gewisse Entschlossenheit darin; die Frage nach dem Was-ist-wenn? stellte sich nicht mehr.

In der psychiatrischen Klinik warfen mir meine Kollegen hinter ihren Stapeln von Papieren Blicke zu und murmelten die üblichen Worte zur Begrüßung. Ich fragte mich, wieso sie sich so normal verhielten, aber dann fiel mir ein, dass sie ja nicht wissen konnten, dass mein Leben einer großen Leere gewichen war. Ich trug noch meinen Mantel, als ich an die Tür meiner Vorgesetzten klopfte, um ihr meine Kündigung auszusprechen. Meine Worte machten im Büro schneller die Runde als ein Eintrag im Internet. Alles schien sehr betroffen; man riet mir, mir doch erst einmal eine Zeitlang freizunehmen, bis ich mich wieder gesammelt hatte. Als ich zur Tür hinausging, summte mir ihr besorgtes Gemurmel noch um den Kopf wie ein Schwarm Mücken. Wie würden sie ohne mich zurechtkommen? Wer würde die im Dämmerzustand befindlichen Patienten übernehmen, auf die ich spezialisiert war? War ich auch zu einem von ihnen geworden?

Mein Körper betrat die Geschäftsräume des erstbesten Maklers an der Hauptgeschäftsstraße, um unser Haus zum Verkauf aufzugeben. Als ich zu Hause ankam, trat vor der Tür bereits die erste Interessentin mit ihren Stöckelabsätzen neben dem Terrakottatopf voller verblühter Osterglocken ungeduldig von einem Fuß auf den anderen. Sie war eine Karrierefrau von etwa dreißig Jahren, die weder eine Minute Zeit noch ein Gramm Fett zu viel hatte. Sie unternahm einen raschen Rundgang, tippte hektisch auf ihrem Handy herum, und schon hatte ich ein Angebot für mein Haus.

»Du hättest solche Entscheidungen nicht in einem so angeschlagenen Zustand treffen dürfen, Sophia«, hielt mir meine Schwester – wieder einmal – ihren Vortrag. Nach dem Tod unserer Eltern war Audrey der einzige Mensch, der mich noch Sophia nannte; für alle anderen war ich Sophie. Wir gingen gerade am Krematorium vorbei zum Garten des Erinnerns. Ich hoffte, dass es Audrey nicht auffallen würde, dass ich nicht mehr so ganz genau wusste, wo die Rose für meinen Vater gepflanzt war, also hielt ich mich einen Schritt hinter ihr, damit ich stehen bleiben konnte, wenn sie es tat. Dann standen wir die eine Gedenkminute lang, die der Anstand gebietet, vor der Messingplatte. Audrey schniefte durch die Nase und holte die Plastikurne aus ihrer Einkaufstasche vom Kaufhaus Liberty. Sie schraubte den Deckel ab, und wir beide verteilten die zarte Asche unserer Mutter über der unseres Vaters. An der Stelle, an der der Rosenstock aus der Erde entsprang, schien die Asche einen Augenblick lang zu verharren, als wolle sie sich vergewissern, dass er es auch wirklich war, um sich dann mit einem Seufzer niederzulassen, als wäre es ihr endlich gelungen, die Glut seiner Leidenschaft zu löschen.

Danach fuhren wir zum Tee in Audreys Wohnung. Sie trommelte mit den Fingern auf ihrer antiseptischen Arbeitsplatte, während sie darauf wartete, dass das Wasser im Kessel kochte. In Audreys Küche habe ich mich schon immer ausgesprochen unwohl gefühlt. Alles war stets so glattpoliert, dass es quietschte. Nirgendwo auch nur die geringste Fettschicht. Ich stellte mir vor, wie sie den Kindern die Fingerspitzen mit Bimsstein abrieb, damit sie keine Abdrücke hinterließen.

»Hast du wirklich gedacht, du könntest vernünftige Entscheidungen treffen, während du seelisch so angeschlagen bist?«, wiederholte sie sich. »Und deprimiert«, fügte sie noch hinzu, damit ich es auch richtig begriff. Ich sah zu, wie sie Darjeelingtee in eine weiße Porzellankanne tat. Nicht die geringste Spur von Tanninflecken. Tauchte sie denn alles in Bleichmittel ein, bevor sie zu Bett ging?

»Ich war seelisch angeschlagen«, sagte ich, »aber keineswegs deprimiert.«

»Wie kannst du das behaupten, wo doch unsere Mutter gerade eben gestorben war? Und du dich gerade eben von Peter getrennt hattest?«

»Ich habe mich nicht von Peter getrennt. Er hat mich verlassen – auf seine übliche, sensible Art an eben dem Vormittag nach Mutters Tod, falls du dich erinnerst.«

»Das sage ich ja gerade«, erwiderte sie und sah mich verständnislos an. »Also wirklich, Sophia! Ich habe dich nicht ein einziges Mal weinen sehen.«

»Ich habe jahrelang geweint, solange ich mit ihm zusammen war. Ich habe keine Tränen mehr übrig.«

»Wenn doch du und er nur miteinander reden würdet.« Sie senkte die Stimme. »Ich bin mir sicher, dass er es sich dann noch einmal anders überlegen würde, was Kinder betrifft. Heutzutage bekommen Frauen noch mit weit über vierzig Babys. Wenn du dich beeilst, kannst auch du noch eins haben.«

»Audrey, gerade jetzt würde ich bestimmt kein Kind von ihm wollen. Auch nicht, wenn er das letzte funktionierende Paar Hoden auf der Welt besäße.« An ihrem verkniffenen Mund konnte ich ablesen, dass ich zu weit gegangen war.

»Also wirklich, Sophia!« Sie warf einen Blick in Richtung auf das Wohnzimmer, wo William und Joanna still über ihre Hausaufgaben gebeugt saßen. Ich war fünf Jahre älter als Audrey, aber nachdem sie, ganz ihrem Lebenswunsch gemäß, den Status der Ehefrau und Mutter erreicht hatte, behandelte sie mich manchmal, als wäre ich ihre Tochter. »Ich kann immer noch nicht begreifen, warum du dein schönes Zuhause und deine Stellung aufgeben musst – alles, wofür du so hart gearbeitet hast.« Sie setzte sich an den Küchentisch und schenkte Tee ein. Sie würde es nie begreifen.

»Weil ich, zumindest für eine Weile, für nichts verantwortlich sein möchte und mich um niemanden kümmern will.« Meine Worte verhallten und lösten vollkommenes Unverständnis bei Audrey aus. Sie schüttelte ihren Elfenkopf und sah mich aus großen, dunklen Augen ungläubig an. Es gelang ihr tatsächlich, wie Audrey Hepburn auszusehen, was wenigstens ein kleiner Ausgleich für unseren Vater, den Filmfetischisten, gewesen sein muss, nachdem es mir freundlicherweise gelungen war, Sophia Loren so unähnlich zu sehen, wie dies nur menschlich möglich war.

»Aber du hast doch jetzt gar keinen mehr, um den du dich kümmern müsstest.« Sie biss sich auf die Lippe und sah aus, als würde ihr unser Gespräch nicht recht behagen.

»Audrey, du und ich haben uns immer um jemanden gekümmert. Wir haben nach Mum gesehen, während sie wegen Dads Weibergeschichten todunglücklich war. Ich habe mein ganzes Arbeitsleben darauf verwendet, für die Kranken zu sorgen und gequälten Seelen Ratschläge zu geben. Und ich habe mit einem Ehemann zusammengelebt, der sich gefragt hätte, was er denn nun essen sollte, falls er im Herd meinen Kopf statt seines Abendessens vorgefunden hätte.« Ich sah, wie ihre Augen feucht wurden, und ergriff ihre zarten Hände, die sie unter dicken Gummihandschuhen vor Bleichmitteln schützte. »Und wie steht es mit dir, Audrey? Jetzt versuchst du, dich außer um John und die Kinder auch noch um mich zu kümmern.«

»Das würde ich ja gerne tun. Darum geht es doch im Leben, oder? Dass man für andere da ist.«

»Aber manchmal ist das eine Einbahnstraße«, sagte ich. Ihre Augen wurden ausdruckslos, als versuchte sie, sich auf eine innere Predigt über Geben und Nehmen zu konzentrieren. Ich drückte ihre Hände. »Ich kann einfach nicht so weiterleben.«

»Aber du kannst doch nicht dein ganzes Leben auf den Kopf stellen.«

»Doch. Symbolisch sozusagen. Und das Haus musste ich sowieso verkaufen. Es hat zur Hälfte Peter gehört.«

»Du könntest dir eine kleine Wohnung kaufen. Behalte deine Stellung oder werde wieder eine ganz normale Krankenschwester. Wir sind doch eine Familie. Du wirst den Kindern fehlen, wenn du fortgehst.« Sie war den Tränen nahe. Ich fragte mich, wie lange es dauern würde, bis sie sie nicht mehr zurückhalten könnte.

»Ich weiß noch nicht, was ich jetzt mache. Bevor ich eine Entscheidung treffe, will ich erst einmal ein paar Tage bei Jill ausspannen.«

Audrey entzog mir ihre Hände. »Jill! Die wird dich bloß überreden, noch mehr unüberlegte Dinge zu tun.«

»Du tust, als wären wir kleine Kinder.«

»Wenn sie nicht gewesen wäre, wärest du heute noch Stationsschwester, anstatt diesen ganzen Beratungskram am Hals zu haben.«

»Sie ist eine hochqualifizierte Psychotherapeutin. Und ich wollte den Schwesternberuf sowieso an den Nagel hängen. Ich habe immer mehr Zeit damit verbracht, im Schwesternzimmer Krankenblätter auszufüllen. Ich habe kaum noch einen Patienten zu Gesicht bekommen.«

Audrey tupfte ihre kleine Nase mit einem Papiertaschentuch ab. »Sophia, versprich mir, dass du nichts überstürzt.« Ihre Stimme zitterte vor Pathos. Ich sah sie mit einer silbernen Zigarettenspitze in der Hand vor mir, wie sie Cary Grant um den kleinen Finger wickelte.

Überstürzt, dachte ich. Gab es etwas, das ich überstürzen konnte?

Aber mein früheres Leben war unrettbar dahin. Ich glaubte nicht daran, dass ich im klinischen Sinne ausgebrannt oder dem Zusammenbruch nahe war, obwohl so das offizielle Urteil derjenigen lautete, die mich kannten und meinten, mich in eine Schublade stecken und mit einem Aufkleber versehen zu müssen. Ich wollte einfach die Notbremse ziehen. Also nahm ich tatsächlich zwei Pappkartons, stopfte meine Vergangenheit hinein, lud sie bei Audrey ab und machte mich auf den Weg zur Isle of Wight, um Ferien bei meiner verruchten Freundin Jill und ihrer Familie zu machen.

2

NICK ERWACHTE MIT einem heftigen Lustgefühl. Er hatte von Keri geträumt. Er glaubte, ihre weiche Haut unter seinen Händen zu spüren, wovon seine Handflächen kribbelten. Er sehnte sich danach, zu ihr zurückkehren zu können, sich mit Leib und Seele in das vollkommene Bild versenken zu können, das er in seinem Geiste erschaffen hatte.

Ich muss damit aufhören, dachte er. Meine Fantasie spielt mir einen Streich. Er warf den Schlafsack beiseite und hoffte, dass die kalte Nachtluft seine Lust abkühlen würde. Dann rollte er sich aus dem Bett und trat nackt ans Fenster. Das jungfräuliche Rosa der Morgendämmerung lag über dem Horizont. Er knipste die Lampe an, damit sie ihm als Leuchtfeuer in der Finsternis diente, lief die hölzernen Stufen hinunter, öffnete die Tür und trat auf den schmalen, leicht erhöht angelegten betonierten Weg hinaus, hinter dem der Strand begann. Dann stand er da und lauschte dem Gurgeln und Klatschen der Wellen, während er seine leidenschaftliche Lust schwinden spürte, als den winzigen Hexenmeister, der in seinem Gehirn nistete, seine halluzinativen Kräfte verließen. Er hüpfte hinunter auf den feuchten Sand, der sich an seinen Füßen festsog, während er dem Meer entgegenschritt.

Er japste, als das eiskalte Wasser ihm über die Füße spülte, aber er stapfte weiter. Als die erste Welle gegen seine zusammenschrumpfenden Genitalien klatschte, stockte ihm vor Schreck einen Augenblick lang der Atem, aber dann tauchte er ins Wasser und begann zu schwimmen. Vor Kälte waren ihm die Arme schwer wie Blei; er wusste, dass er sich nicht zu weit hinauswagen durfte. Er hielt inne, blickte zurück und betrachtete den Uferstreifen. Hinter seinem Zimmerfenster konnte er den Lichtschein der Lampe sehen, der sich hell vor dem dunklen Hintergrund des Kliffs abhob. Er war gar nicht so weit hinausgeschwommen, wie er gedacht hatte. Über ihm verklärte sich der Himmel; in seine Perlmuttfarbe mischte sich ein leichter Grünschimmer.

Mit einem Male musste er an den Lake Tekapo in Neuseeland denken – den Ort, von dem Keri gesagt hatte, dass er ihr der liebste auf der ganzen Welt wäre, als er mit ihr bis zu den Hüften in pastellfarbenen Lupinen am Rande des türkisfarbenen Wassers entlanggewandert war. Er wusste noch, dass er gehofft hatte, auch er würde diesen Ort mehr als jeden anderen ins Herz schließen, es würde ihr gemeinsamer Lieblingsplatz auf Erden werden, ein Ort, an den sie immer würden zurückkehren können, wenn es etwas zu feiern gab. Vor seinen Augen erschien eine Vision von Jahrestagen und Geburtstagsfesten – vielleicht die eines Kindes – und er sah Keri und sich, wie sie sich immer noch bei den Händen hielten.

Nick schüttelte den Kopf. Der Hexenmeister machte sich wieder bemerkbar. Er tauchte unter, lauschte dem gedämpften Trommeln, dem sonderbar pulsierenden Druck der Welt unter Wasser. Er fühlte nach dem aus Seide geflochtenen Armband, das Keri für ihn angefertigt und das sie ihm an dem Tag, an dem sie in der winzigen Kirche zum Guten Hirten am Ufer des Sees heirateten, ums Handgelenk gebunden hatte. »Hätte nie gedacht, dass ich mich mal mit einem waschechten Briten verbinden würde«, hatte sie gescherzt.

Er fragte sich, ob ihre Asche, einem Schwarm Zugvögel gleich, die nie ihren Weg verfehlen, wohl durch warme und kalte unterseeische Strömungen und der Drift der Ozeane angepasst ihren Weg aus dem hellgrünen Wasser des Lake Tekapo bis in die dunklen Wellen des Ärmelkanals, die ans Ufer der Blue Slipper Bay spülten, zu ihm gefunden haben mochte.

3

ICH STAND AUF dem Balkon von Cormorants, Jills und Ashs prachtvoller viktorianischer Villa, und blickte über die Ventnor Bay hinweg. Für Mai war es angenehm warm. Am Strand saßen Menschen in kleinen Grüppchen und waren in Taschenbücher, ihre Digitalkameras oder den Anblick ihrer Körper vertieft. Ein paar Hartgesottene oder Angeber rannten in die schaumigen Wellen, die sich an dem halbmondförmigen Sandstrand brachen.

Ich konnte mich nicht daran erinnern, jemals mehr als einige Stunden am Meer verbracht zu haben; hauptsächlich in Brighton, als Audrey und ich noch Kinder waren. Die Ferien mussten wir meistens in der Stadt überdauern, damit unser Vater sich seinen Leidenschaften, der Bühne und der Leinwand, widmen konnte. Andere Kinder kamen am Ende des Sommers mit einer gesunden Sonnenbräune zurück in die Schule. Audreys und meine olivfarbene Haut wurde zusehends blasser, und vom ständigen Aufenthalt im Dunkeln bekamen wir Augen wie Katzenmakis. Wir wohnten über einem kleinen Theaterrundbau im Süden Londons, den Dad managte, als sei er das Nationaltheater. Merkwürdigerweise hat er nie seine beiden Töchter ermuntert, eine Schauspielerlaufbahn anzustreben. Vermutlich war er sich bewusst, dass es in dem Gewerbe zu viele Beutegeier wie ihn gab.

»Ich hatte geglaubt, es würde unserer Ehe den Todesstoß versetzen, hierher zu ziehen«, sagte Jill, während sie ein Tablett mit Erfrischungen durch die Balkontür manövrierte. »Ash war ebenso versessen darauf, hier zu leben, wie ich unbedingt in London bleiben wollte.« Sie stellte das Tablett auf die mit Mosaiksteinchen verzierte Tischplatte und ließ sich in einen Klappstuhl aus Segeltuch fallen.

»Aber dann hast du nachgegeben«, bemerkte ich, während ich Orangensaft und klappernde Eiswürfel aus dem Glaskrug in Gläser füllte.

»Ja«, seufzte sie. »Ich habe dem Ganzen ein, vielleicht zwei Jahre gegeben. Und ein Jahr ist bereits um.«

»Und?«

Sie kicherte heiser – ein Überbleibsel aus ihrer Zeit als starke Raucherin. »Ich hätte es nie zu hoffen gewagt, aber ich genieße es wirklich, hier zu leben.« Sie beugte sich vor, um einen Blick durch das etwas überladen ornamentierte schmiedeeiserne Geländer der Balustrade zu werfen. »Sieh sie dir doch nur an.« Ash, Tilly und Hal spielten am Strand mit nackten Füßen Kricket und kreischten vor Begeisterung. »Mir ist aufgegangen, dass sowohl Kinder als auch Ehen viel Freiraum brauchen, um sich gut zu entwickeln.«

»Genau das habe ich gerade gedacht, als du kamst – Freiraum. Dieser kleine Strand und die Häuser drum herum, und dann die Weite des Himmels und der See.« Ich streckte mich und sog die nach Seetang riechende Luft ein. »Mir ist noch nie aufgefallen, was es bedeutet, sich nach allen Seiten frei bewegen zu können. In London kommt man sich so eingeengt vor.« Ich setzte mich und nahm einen Schluck aus meinem Glas. »Also wollt ihr hierbleiben?«

»Es gibt nichts, was dagegen spräche, obwohl ich auch nichts dagegen hätte, ihn ein wenig öfter zu sehen – er ist vollkommen besessen von seinem Therapiezentrum. Aber ich schätze, das wird sich nach der Anlaufphase geben, und für ihn ist es ja die Erfüllung seines Traumes.« Sie zog sich ihr T-Shirt  über den Kopf, wobei ihre Sonnenbrille verrutschte und ihre Frisur durcheinandergeriet. Dann stellte sie ihren Stuhl so hin, dass ein Flecken Sonne auf ihre nackten Brüste fiel. Jill war ständig damit beschäftigt, sich Kleidungsstücke auszuziehen, Gürtel aufzuschnallen und Knöpfe aufzumachen – so, als wolle sie sich von etwas befreien. Wir scherzten darüber, dass sie sich den Anhängern der Freikörperkultur anschließen sollte. »Jedenfalls haben die Kinder es hier gut«, fuhr sie fort. »Das Therapiezentrum läuft gut an, und wir alle lieben diese baufällige alte Bude.« Sie stampfte mit einem ihrer ziemlich großen Füße fest auf den Balkonboden. »Gutes altes Cormorants. Jetzt kann ich verstehen, warum Ash seine Eltern überredet hat, es nicht zu verkaufen – obwohl man eigentlich ein Vermögen investieren müsste.«

Ich lächelte. »Ich weiß noch, wie ihr früher, als deine Schwiegereltern noch lebten, immer in den Ferien hergefahren seid. Du hast dich ständig darüber beklagt, auf die Isle of Wight zu müssen, obwohl du doch lieber nach Frankreich wolltest.«

»Nun, ich habe mich schon darüber geärgert, dass Ash von mir erwartet hat, dass es mir hier ebenso gut gefällt wie ihm. Für ihn ist es sein Zuhause, er ist hier geboren. Du weißt, wie giftig ich werden kann, wenn mir jemand etwas aufzwingen will.«

Ich nickte. »Du bist mir in der Schule zum ersten Mal aufgefallen, als du die junge Kunstlehrerin zur Schnecke gemacht hast, weil sie es gewagt hat, dir zu sagen, dass du besser arbeiten könntest, wenn du deine Haare zu einem Pferdeschwanz zusammenbinden würdest.«

Jill gluckste vor Lachen. »Daran erinnere ich mich gar nicht mehr. Aber ich weiß noch, wie ich dich zum ersten Mal gesehen habe. Du hast unter einem Baum gesessen, ganz verträumt mit deinen dunklen Augen, wie Julia, die sich nach Romeo verzehrt. Ich war so von deiner Lockenpracht und deiner Hautfarbe angetan, dass ich mich spontan neben dich gesetzt habe.«

»Du sprichst von meinem blassen Teint und meinem krausen Haar.«

»Nein, du sahst irgendwie exotisch aus, so, als würdest du in dir ruhen. Das habe ich von mir nie behaupten können.«

»Wahrscheinlich war ich vor Schreck wie gelähmt, als du dich neben mich gesetzt hast«, sagte ich lachend. Aber ich wusste, worauf sie hinauswollte. Als ich noch jung war, konnte ich einfach dasitzen und beobachten – gar nicht einmal entrückt, sondern mit einem Gefühl innerer Freude daran, am Leben zu sein. Wo war dieses Gefühl geblieben? Wann hatte es mich verlassen? Vielleicht war sein Verschwinden ein unvermeidlicher Bestandteil des Erwachsenwerdens und der Notwendigkeit, sich mit den Realitäten des Lebens auseinandersetzen zu müssen. Ich streckte die Hand aus, um ihren Arm zu drücken. »Und nun sind wir hier«, sagte ich, tief bewegt von den Erinnerungen, in denen wir schwelgten.

»Nun sind wir hier«, wiederholte sie.

»Nur dass du einen Ehemann, Kinder, ein Heim und einen Beruf hast. Ich armes Schwein dagegen habe keinen Mann, keine Kinder und auch kein Haus und keinen Job mehr.«

»Sieh es als eine Übergangsphase in deinem Leben an – eine Pause zwischen zwei Abschnitten.«

»Meine Sorge ist nur, dass diese Pause nie endet.« Ich stellte mir vor, wie ich bei meinem CD-Player mitten in einem Stück einen Knopf drücke, damit die Musik abbricht, und dann darauf warte, dass jemand mich anstupst, damit es weitergeht.

»Du bist doch erst seit ein paar Tagen hier. Denk doch jetzt schon nicht darüber nach, wieder zurückzugehen.«

»Ich habe ja auch so gut wie nichts, wohin ich zurückkehren kann. Bloß ein paar Kartons mit Habseligkeiten bei Audrey. Ich habe Peter gesagt, er könne alles aus dem Haus mitnehmen, was er will, und das hat er sich nicht zweimal sagen lassen. Der Ehemann der Elfenkönigin schien sein gemachtes Nest nicht so leicht aufgeben zu wollen.«

»Dann bleib doch hier – so lange, bis dir etwas Besseres einfällt.«

»Ich habe ein schlechtes Gewissen wegen Audrey. Ihr fehlt Mum – und Peter und ich fehlen ihr auch.«

»Sie kommt schon klar. Sie hat doch ihre Familie.«

»Und dann ist da noch das Geld. Ich darf nicht zu viel von meinem Gesparten verbrauchen. Sonst kann ich mir nie wieder eigene vier Wände leisten.«

»Du könntest doch in dem Therapiezentrum arbeiten. Deine Berufserfahrung wäre uns sehr willkommen. Du solltest mal vorbeischauen und dich mit den Mitarbeitern bekannt machen.« Sie grinste. »Es gibt da eine Teilzeitpraktikantin namens Solveig. Vor der habe ich richtig Angst. Ich nenne sie ›die Walküre‹. Sie ist ausgebildete Krankengymnastin, aber seit einem Autounfall ist sie berufsunfähig. Ash lässt sie kostenlos osteopathisch behandeln; im Gegenzug hilft sie uns bei unserer Arbeit.«

»Inwiefern?«

»Sie sitzt am Empfang und kümmert sich um die Medizinstudenten, die bei uns ihr Praktikum ableisten. Ein paar davon hat sie als Untermieter in ihrem Haus aufgenommen.«

»Das ist natürlich praktisch. Und wer ist noch da außer dir und Ash?«

»Ein Akupunkteur, eine Homöopathin, eine Herbalistin und eine Aromatherapeutin, die auch Massagen verabreicht.«

»Klingt nach einer kompletten Besetzung. Mich werdet ihr da kaum brauchen können.«

»Oh, ganz bestimmt. Du weißt, wie hilflos ich der Grauzone hier gegenüberstehe – dem Paranormalen, falls es so etwas gibt. Auf der Insel wimmelt es nur so von Geistergeschichten und Schauermärchen. Ash findet das alles äußerst spannend. Aber ich habe mit Parapsychologie nichts am Hut.« Sie kicherte. »Ich würde die allesamt wegsperren.«

Ich stimmte in ihr Lachen mit ein. »Deine Fähigkeiten liegen auf einem anderen Gebiet.«

»Ja, in allem, was eine Wirkung zeigt. Abgesehen davon haben wir seit jüngstem auch eine Heilerin in unserem Team – Marguerite, eine wirkliche Erscheinung.« Jill zog die Stirn in Falten. »Ash und die anderen halten sie für ein Gottesgeschenk, aber mir ist sie nicht ganz geheuer. Sie scheint nicht taub zu sein – es sei denn, sie kann perfekt von den Lippen ablesen. Aber sie spricht nie ein Wort. Ash sagt, sie hätte einen Röntgenblick, was natürlich Humbug ist. Aber sie scheint eine tiefe innere Verbindung mit den Patienten eingehen, geradewegs in ihr Unterbewusstsein eindringen zu können, und damit ist sie ein bisschen wie du.«

Ich musste an Menschen in verwirrten, dunklen Geisteszuständen denken, mit denen ich gearbeitet hatte, um ihnen zu helfen, imaginäre Grenzen zwischen den verschiedenen Realitätsebenen zu ziehen, damit sie im Alltagsleben bestehen konnten. Auf eine gewisse Weise gelang mir dies intuitiv, und das will ich gar nicht in Abrede stellen. Aber mir stand kein Lehrbuch zur Verfügung, an das ich mich halten konnte. Gewiss, ich hatte Heilerfolge, aber ich hatte mich einfach damit übernommen, immer für alles und jeden da zu sein. Ich kam mir isoliert, ausgezehrt vor. Plötzlich bekam ich eine Gänsehaut. Jill musterte mich eindringlich.

»Ich bin noch nicht wieder so weit«, sagte ich.

Jill legte ihre Hand auf die meine. »Nimm dir so viel Zeit, wie du brauchst. Du darfst mit deinen Kräften nicht gleich wieder Raubbau treiben. Die letzten paar Wochen haben dir enorme Entscheidungen abverlangt.«

»Die meisten Entscheidungen wurden mir abgenommen, Mum ist gestorben, Peter hat mich verlassen.«

»Du hast deine Stellung gekündigt und das Haus verkauft, um dich von allem zu lösen. Deine eigenen Leistungen erkennst du wohl nie an?«

»Nein, wohl nicht, was?« Ich musste lächeln. »Aus mir wird nie eine Sophia Loren.«

Jill hob ihre grandiosen Brüste und ließ sie wieder sinken. »Große Titten sind nicht alles, was zählt. Und Frau Loren hat ihre besten Tage ohnehin schon hinter sich. Du aber fängst gerade erst an.«

4

NICK BETRACHTETE DEN lästigen Steinbrocken auf dem Pfad, der früher einmal zum Hotel geführt hatte. Es half nichts; er musste ihn beiseite räumen. Seine blanke Oberfläche glitzerte in der Sonne, als wolle er ihn herausfordern. Nick nahm seine ganze Kraft zusammen, stellte sich breitbeinig hin, ging mit gestrecktem Rücken in die Knie und schob die Arme unter das Trumm. Dann holte er tief Luft und wuchtete den Stein zu den übrigen Brocken, die darauf warteten, dass eines Tages wieder eine Mauer aus ihnen entstand. Nick atmete grunzend aus und wischte sich mit der Hand über die Stirn. Er war zufrieden mit sich. Vor ein paar Jahren noch hätte er gar nicht den Versuch unternommen, damals, als er Keri noch nicht kennen gelernt und sie ihn noch nicht in die Freuden des Fitnesstrainings und der stundenlangen Aufenthalte in freier Natur eingeführt hatte.

Er setzte sich ins Gras und schüttete sich eine halbe Flasche Wasser in die Kehle. Der stechende Geruch des Ökosystems, das er gerade gestört hatte, drang ihm in die Nase. Er sah zu, wie sich Asseln und Maden hektisch in alle Richtungen verstreuten, und hoffte, nicht allzu viele der winzigen Kreaturen getötet zu haben. Vielleicht sollte er ein Dschain werden, sich eine Maske vors Gesicht binden und mit einem Besen vor sich kehrend einherschreiten, damit er keinem Lebewesen etwas zuleide tat. Ahimsa – das war das Wort. Das Prinzip der absoluten Gewaltlosigkeit.

Die Sonne brannte ihm heiß auf den Kopf. Er musste sich ein Sonnenschutzmittel besorgen. Damit hatte ihm schon Keri immer in den Ohren gelegen. Er hatte ihr gesagt, es wäre nur ihre natürliche Angst der Menschen von Down Under vor Hautkrebs und dass sie sich hier, in der nördlichen Hemisphäre, keine Sorgen deswegen zu machen brauchte. Sie aber hatte darauf bestanden, dass sie beide die schmierige Creme dick auftrugen, bevor sie zu ihren Bergwanderungen, Kanufahrten oder Fahrradtouren über ehemalige Eisenbahntrassen aufbrachen. Und er hatte es genossen, die Lotion in ihre kräftigen Schultern einzumassieren, während sie sich ihr blondes Haar hochhielt.

Er rieb sich die Augen, stand auf und streckte sich; seine Muskeln taten ihm weh. Er ging den Hügel hinauf und schaute sich das verbliebene Fundament des alten Wraith Cove Hotel an, anhand dessen er sich genau vorstellen konnte, wo früher eine Treppe und eine Terrasse, die Eingangshalle und der Speisesaal gewesen waren – alles schon vor langer Zeit vom Abbruchunternehmen davongeschafft.

Nick war froh, dass Jane Newcombe die Erbin dieses Stück Landes war. Sie hatte ihm gesagt, dass sie gar nichts von seiner Existenz gewusst hatte, bis es im vergangenen Jahr in ihren Besitz übergegangen war. Um ein Haar hätte sie das Grundstück und das Haus verkauft; dann wäre die ganze Historie dieses Ortes verloren gewesen. Doch dann hatte sie festgestellt, dass sie damit auch Marguerite und Neptun, den alten Fischer, mit übernommen hatte, und da war an einen Verkauf ohnehin nicht mehr zu denken gewesen.

Mit Jane und ihrem Mann Chas hatte Nick stundenlang über Archivfotos und alten Karten gesessen, und mit Unterstützung von Marguerite und Neptun hatte die Vergangenheit wieder Gestalt für sie angenommen. Janes Traum war es, den verlorenen Garten wieder zum Leben zu erwecken und das Hotel so weit als möglich dem Original entsprechend wieder aufzubauen. Aus dem Unkraut begann sich der Grundriss zu entwickeln. Nick wandte sich um und warf einen Blick über das Grundstück, das sich bis zu der Stelle erstreckte, an der das Kliff ins silbrig schimmernde Meer abfiel.

Und da war auch Jane in dem langen roten Kaftan, den sie immer trug, wenn sie schrieb. Sie schlenderte an der Klippe entlang durch den Garten von Wraith Cottage, wie sie es stets gerne tat, nachdem sie ihre morgendliche Arbeit erledigt hatte. Neptuns gelbes Fischerboot kam gerade, eine schaumige Heckwelle hinter sich herziehend, aufs Ufer zu und brachte Marguerite zum Mittagessen nach Hause. Jane hielt die Hand schützend über ihre Augen, sah ihnen entgegen und wandte sich dann um, als suche sie nach Nick. Er nahm sein Hemd, winkte damit und begann dann den Abstieg zu dem Cottage, wo ihn ein Platz am Tisch erwartete.

5

ASH FÜHRTE MICH durch das neu eingerichtete Therapiezentrum im Erdgeschoss der Villa. Ich hatte eigentlich keine Lust, mich schon wieder in Räumlichkeiten aufzuhalten, in die Menschen mit der Erwartung kamen, geheilt zu werden. Aber Ash wollte unbedingt, dass ich mir alles ansah, und sein Enthusiasmus wirkte ansteckend.

»Für mich wird damit ein Traum Wirklichkeit, Sophie«, sagte er, stieß Türen auf und zeigte mir elfenbeinfarben getünchte Wände und helle Ledersofas. »Im Haus ist reichlich Platz, und da wir im Obergeschoss wohnen, haben wir den besten Seeblick.«

»Wird sich das Ganze denn auch rechnen?«, fragte ich. »Ich meine, so groß ist Ventnor ja nun auch wieder nicht.«

»Es läuft an.« Er ließ die Jalousie in seinem Beratungsraum hochschnellen und legte ein neues Papierlaken auf die Therapiecouch. »Mein Terminkalender ist prall gefüllt – aber das ist bei Rheumatologen eigentlich die Regel. Aber auch meine Kollegen bekommen von Woche zu Woche mehr zu tun.« Er nahm einen frisch gebügelten weißen Kittel aus einem Regal und schlug seinen Terminkalender auf. »Ich sollte sie dir alle mal vorstellen.«

»Jill hat mir schon von Solveig erzählt – der Walküre. Und von Marguerite, der Heilerin mit den Röntgenaugen.«

Ash warf mir mit ernster Miene einen scharfen Blick zu. Ich fragte mich, ob ich zu flapsig geklungen hatte.

»Sie sind beide außergewöhnliche Menschen. Solveig verfügt über ein enormes Wissen und Marguerite ist eine begabte Heilerin.« Er wirkte gekränkt. »Ihre Schwester hat sie zur Behandlung hergebracht, und dabei hat Marguerite uns mit ihren Fähigkeiten beeindruckt.«

»Worin bestehen die denn?«

»Das ist schwer zu sagen. Sie schweigt, sie ist stumm. Sie bedient sich einer ganz eigenen Zeichensprache und weist uns auf Brennpunkte hin, an denen wir bei den Patienten arbeiten müssen. Man könnte es als intuitive Diagnose bezeichnen. Sie geht in den Behandlungszimmern ein und aus.«

»Wirkt das nicht störend?« Ich mochte mir nicht vorstellen, dass eine fremde Frau mit fuchtelnden Händen ständig in meine Therapiesitzungen hineinplatzte. Manche meiner gestörten Patienten würden dadurch vollends den Verstand verlieren.

»Warte, bis du sie gesehen hast – ich kann es wirklich nicht erklären.«

»Wird sie heute hier sein?«

»Schon möglich. Sie kommt, wenn sie sich gerufen fühlt. Manchmal bringt ihre Schwester Jane sie her.« Er lächelte. »Manchmal kommt sie auch mit einem Boot. Ein alter Fischer namens Neptun fährt sie dann rüber.«

»Hört sich nach einer schillernden Persönlichkeit an.«

Ash wirkte nachdenklich. Er schien mir gesünder, tatkräftiger, als ich ihn von London in Erinnerung hatte. Sein Gesicht war sonnengebräunt und über der Stirn trug er sein Haar modisch mit Gel hochgestylt.

»Solveig und Marguerite haben mir ganz neue Dimensionen eröffnet. Ich möchte mit dir darüber reden und wünsche mir, dass du deine Erfahrung mit einbringst. Ich habe erste Versuche durchgeführt – es ist wirklich erstaunlich. Manche Menschen schleppen traumatische Erfahrungen aus ihrer Kindheit oder sogar aus einem früheren Leben mit sich herum.«

»Das kommt vor«, sagte ich. Ashs Augen leuchteten vor Enthusiasmus; ich merkte, dass er dabei war, sich in gewisse Ideen zu verrennen. Ich hoffte, dass er regelmäßig an einer Supervision teilnahm. »Du solltest aber vorsichtig sein mit ...«

»Jill hält überhaupt nichts davon«, unterbrach er mich. »Sie begegnet diesen zusätzlichen Therapien mit ebensolchem Misstrauen wie manche Ärzte der Psychotherapie.«

»Ja, so ist Jill. Sie hält sich an das, was sie kennt.«

Ash stellte sich neben mich und legte mir die Hand auf die Schulter. »Ich bin froh, dass du mich verstehst«, sagte er seufzend.

Am liebsten hätte ich ihn gebeten, die Hand wieder fortzunehmen. Ich wollte über diese Dinge nicht reden – weder mit Ash noch mit der wundersamen Marguerite, mit keinem.

Die Tür ging auf und eine hoch gewachsene, breitschultrige Frau kam herein. Ich nahm an, dass das Solveig sein musste. Ihr weißes Haar hatte sie zu einem festen Knoten zusammengesteckt. Sie sah mich vorwurfsvoll an, als wäre ich eine Patientin, die zu früh zu ihrem Termin erschienen war. Ash stellte uns vor; blitzschnell begrüßte Solveig mich mit einem steifen Händedruck. Ich konnte verstehen, wieso sie Jill nicht ganz geheuer war.

»Dann gehe ich jetzt wohl besser und überlasse euch eurer Arbeit«, sagte ich. Draußen war ein Trupp Gartenarbeiter damit beschäftigt, die Terrasse anzulegen. Sie karrten Eisenbahnschwellen und ausgewachsene Palmen heran. Jill war unterwegs, um die Kinder von der Schule abzuholen; danach hatte sie Termine mit Patienten. Ich bog in die steile Seitenstraße ein, die zur Promenade führte. Es waren nur wenige Menschen unterwegs; die Hauptsaison hatte noch längst nicht begonnen, und die Läden mit Strandzubehör richteten ihre Öffnungszeiten nach dem Wetter.

Ich ging die sandigen Stufen zum Strand hinunter. Die Flutmauer war von der Sonne gewärmt. Ich zog meine Fleecejacke aus und setzte mich darauf. Die auf den Strand plätschernden Wellen glätteten den Sand. Auf dem Wasser ließen sich Seemöwen treiben. Männer in gelben Latzhosen brachten Körbe mit Krebsen und Hummern in den kleinen Hafen und verbreiteten Fischgeruch. Es tat mir gut, einen Moment lang allein zu sein. Jills und Ashs Alltag war hektisch; trotzdem hatten sie mit mir Ausflüge zum Osborne House, der Sommerresidenz von Königin Victoria, dem Carisbrooke Castle und zu den Needles genannten beiden Kreidefelsen im Meer unternommen. Ich hatte die Isle of Wight von den schönsten und höchsten Aussichtspunkten besichtigt und konnte verstehen, warum es ihnen hier so gefiel.

Auch mit Tilly und Hal hatte ich viel Spaß. Die Kinder von Jill und Ash waren ein ganz anderer Schlag als die meiner Schwester. Wenn ich Joanna und William Gutenachtgeschichten vorlas, saßen sie, nach Shampoo und Zahncreme duftend, brav an meiner Seite. Wenn ich sie dann fragte, ob ihnen die Geschichte gefallen hätte, nickten sie artig, obwohl ihnen schon die Augen zufielen. Tilly und Hal hingegen rissen mir bisweilen das Buch aus den Händen, schleuderten es in die Ecke und stritten darüber, was sie als Nächstes hören wollten. Irgendwie begriff ich, was Jill und Ash gut und richtig daran fanden, Kinder zu ermutigen, ihren Gefühlen freien Ausdruck zu geben. Andererseits war aber auch etwas Herzerwärmendes daran, zwei unschuldige Lämmchen ins Bett zu bringen und zu wissen, dass sie nicht vorhatten, einander an die Gurgel zu gehen, wenn ich wieder unten im Erdgeschoss war.

Da saß ich nun, ließ Sand durch meine Finger rieseln und überlegte wieder einmal, wie es nun weitergehen sollte. Sowohl Ash als auch Jill wollten, dass ich in dem Therapiezentrum mitarbeitete und bei ihnen wohnen blieb. Audrey hatte geschrieben, dass ich bei ihr und John unterkommen könnte, bis ich meine Angelegenheiten geregelt hatte – nach meiner Rückkehr nach London.

Ich dachte daran, was Jill gesagt hatte, dass ich stark wie ein Baumstamm sein sollte. Was wollte ich? Ich stellte mir vor, wie ich wieder in meinem Therapeutensessel saß, und verspürte gleichzeitig einen heftigen Widerstand. Würde ich bei meiner Schwester leben wollen? Dann müsste ich immer alles blitzsauber hinterlassen. Ich stellte mir die lärmende Kakophonie von London vor, die verschmutzte Luft und das finanziell völlig unzureichend ausgestattete öffentliche Krankenhaus, in dem allenfalls an der Oberfläche der Leiden der Patienten gekratzt wurde. Nein, dahin wollte ich nicht zurück, aber was ich als Nächstes tun wollte, das wusste ich auch noch nicht.

Ich erhob mich, klopfte den Sand von mir ab und schlenderte zurück auf die Promenade. Eine Frau zog vor Rachel's Café gerade die Rollläden hoch. Sie lächelte mir zu.

»Kann nicht schaden, aufzumachen«, sagte sie. »Auch wenn ich nur ein paar Tassen Tee verkaufe. Besser, als oben auf meinem Hintern zu hocken.«

»Na, ich nehme jedenfalls eine«, sagte ich.

»Fein. Der Kocher blubbert schon. Setzen Sie sich doch zu mir. Ich bin übrigens Rachel.«

Ich saß am Fenster des leeren Cafés. Die Wände waren ringsum mit blauen und grünen Wellenlinien bemalt, die auch im Inneren des Ladens ein Gefühl von Weite und Meer erzeugen sollten; von der Decke hingen Fischernetze. Alles wirkte sauber und ordentlich, aber eben nicht so steril wie Audreys Küche. Ich sog den Duft von Kaffee und den der Freesien in mich ein, die in kleinen geschliffenen Glasvasen auf jedem der Tische standen. Rachel sang vor sich hin, während sie Tee machte und Kuchen aufschnitt. Sie trug ihr brünettes Haar an den Seiten nach hinten gekämmt und hielt es mit smaragdgrünen Clips in Schmetterlingsform fest an seinem Platz. Sie hatte ein süßes Lächeln, und ihre Augen wurden ganz groß, wenn sie etwas sagte. Ich fragte mich, ob sie auch so zufrieden war, wie sie wirkte.

»Ich habe Sie mit Jill und Ash gesehen. Wohnen Sie bei denen?«, fragte sie, während sie den Tee in mit Rosenblüten dekorierte Tassen einschenkte.

»Hmm«, sagte ich und biss in das wohlschmeckende Gebäck. »Ich bin Sophie. Jill und ich sind seit der Schule miteinander befreundet.«

»Wie schön, dass manche Freundschaften so lange halten. Bleiben Sie lange hier?«

»Ich weiß es nicht«, sagte ich und verriet damit meine Unentschlossenheit. Ich redete selten mit Fremden über mein Privatleben, aber von Rachel brauchte ich kaum mehr als ein Stichwort, und schon legte ich los. Sie schien für alles offen zu sein. Ich hatte das Gefühl, als würde ich sie schon seit Ewigkeiten kennen. Sie hörte zu, bis ich mir meinen Kummer von der Seele geredet hatte; dann füllte sie noch einmal unsere Tassen und sah mich nachdenklich an. Schließlich streckte sie den Arm aus und berührte mich behutsam mit ihren Fingerspitzen.

»Mein Ratschlag wäre, dass Sie Ihr ganzes Selbstwertgefühl zusammennehmen und sich an alles erinnern, wobei Ihnen wohl zumute ist. Daran müssen Sie sich festklammern und sich ein neues Leben gestalten, in dem Sie tun, was Ihnen gefällt.« Noch einmal tippte sie mir mit den Fingern auf den Arm. »Den Rest vergessen Sie; er ist es nicht wert, sich deswegen einen Kopf zu machen. Und blicken Sie auch nicht zu fern in die Zukunft. Tun Sie, was jetzt für Sie richtig ist.«

»Klingt, als würden Sie aus Erfahrung sprechen«, sagte ich. »So ist es. Mein Mann hat mich mit zwei unmündigen Knaben sitzen gelassen.«

»Ach, tatsächlich? Das erstaunt mich, Rachel. Sie kommen mir so – wie soll ich es sagen – zuversichtlich und zufrieden vor.«

»Damals sah das ganz anders aus. Es war für mich, als ob die Welt aufgehört hätte zu existieren. Ich fühlte mich weggestoßen und hilflos.«

»Und wie sind Sie da wieder auf die Beine gekommen?«

»Eines Morgens bin ich aufgewacht, und mir war klar, dass ich entweder einen Schritt nach vorn machen müsste oder untergehen würde. Ich beschloss, mein verpfuschtes Leben in die Hand zu nehmen und meine Möglichkeiten zu überdenken. Ich liebte meine Jungs über alles; wir hatten ein Dach über dem Kopf, aber kein Geld. Aber ich konnte gut kochen. Also habe ich in Restaurants gearbeitet, habe mir das nötige Fachwissen angeeignet und bin schließlich als Managerin dieses Cafés hier gelandet. Direkt am Meer – genau, was ich mir vorgestellt hatte. Und irgendwann habe ich es dann gekauft.«

»Und das haben Sie alles ganz alleine geschafft?«

»Es gab schon Freunde in meinem Leben, die mir unter die Arme gegriffen haben. Na ja, ganz ohne Männer geht es vielleicht doch nicht. Allerdings möchte ich mit keinem zusammenleben. Männer sind ganz in Ordnung, solange sie einem nicht auf der Bude hocken. Dann geht es bald mit der alten Erwartungshaltung wieder los – sie wollen ihr Essen auf dem Tisch, ihre Socken gewaschen haben und Sex.«

Wir mussten beide lachen. Sie tätschelte meine Hand.

»Sie sind stark und wissen sich zu helfen. Sie können alles erreichen, Ihnen steht die Welt offen.«

»Genau das hat Jill auch gesagt.«

»Wo genau wären Sie in diesem Augenblick am liebsten?«

»Eigentlich würde ich gerne hierbleiben. Es gefällt mir hier immer besser. Nur in meinen früheren Beruf möchte ich nicht zurück. Jedenfalls noch nicht.«

»Das ist sehr vernünftig.« Sie füllte wieder unsere Tassen auf. »Wie wär's mit einer Stellung hier?«

»Hier?«

»Ich brauche jemanden, der mir den Sommer über zur Hand geht. Große Gehälter bezahlen kann ich nicht, aber es gibt Trinkgeld und Sie können so viel Cremetorte und Apfelkuchen essen, wie Sie wollen. Ich schätze, durch den ganzen Kummer haben Sie abgenommen.«

Ich sah an mir hinunter. Auf meine Figur hatte ich in letzter Zeit kaum geachtet. »Ich bin immer schon ein eher dürrer Typ gewesen«, sagte ich.

»Dürr? Wer hat das zu Ihnen gesagt?«

»Nun, mein Vater. Und mein Ehemann.«

»Bockmist. Viele Frauen würden sonst was tun, um wie Sie auszusehen.«

»Ach, Rachel«, sagte ich. »Mir geht es schon gleich so viel besser.«

Sie erhob sich, als die Tür aufging. »Denk über den Job nach«, sagte sie.

Ein Mann betrat das Café und ging geradewegs zum Tisch in der hintersten Ecke. Sein Kopf war kahlgeschoren, und er trug eine runde Brille mit dunklen Gläsern. Bekleidet war er mit einer weiten, grauen Leinenhose, einem gleichfarbigen Hemd und Ledersandalen. Über seiner Schulter hing eine abgewetzte Segeltuchtasche. Ich schätzte ihn auf Ende vierzig. Mir kam der Gedanke, dass ich mich möglicherweise vor ihm gefürchtet hätte, wenn er ganz in Schwarz gekleidet gewesen wäre – wobei mir auffiel, wie rasch ich zu einem Urteil über ihn gekommen war. Rachel brachte ihm einen Becher Kaffee und blieb dann an seinem Tisch stehen, um sich leise mit ihm zu unterhalten. Er nahm seine Sonnenbrille ab, sah sie an und lächelte, wobei sein entschlossenes Gesicht weichere Züge annahm und er sogleich jünger wirkte. Als sie sich von ihm abwandte, zog er ein Notizbuch aus seiner Tasche und schrieb.

Ich saß da und schaute auf die Promenade hinaus. Sie hatte sich ein wenig belebt – Leute schleckten Eis und stocherten in Pommestüten. Eine Familie kam herein und setzte sich an den Tisch neben mir. Die Eltern neckten einander und die Kinder kicherten. Mich durchströmte ein warmes, versöhnliches Gefühl, als würde eine lang anhaltende Anspannung von mir genommen. Hier war ich nun – in einem gemütlichen Café mit ganz gewöhnlichen Menschen, die nichts von mir erwarteten. Ich konnte mich kaum erinnern, wann ich mich zuletzt so entspannt gefühlt hatte. Ich erinnerte mich daran, wie ich in meiner Jugend empfunden hatte, wenn ich die Welt um mich herum beobachtete und überall Lebensenergie spürte.

Ich erhob mich und ging zum Tresen, um zu bezahlen. »Wann kann ich anfangen?«, fragte ich Rachel.

Sie strahlte über das ganze Gesicht und schob mir mein Geld wieder hin. »Gerade jetzt käme es mir gelegen.« Sie zeigte auf den kahlrasierten Mann, der immer noch schreibend am Tisch saß. »Geh und frag Nick, ob er noch einen Kaffee möchte, und dann zeige ich dir, wie alles funktioniert.«

6

NICK SASS GERNE in Rachels Café. Er mochte Rachel und fühlte sich wohl in ihrer Gegenwart. Einmal hatte sie ihn sogar ermuntert, mit ihr zu schlafen. Er hatte es genossen, ihre Wärme zu spüren und sich von ihr verwöhnen zu lassen, aber sich auch sogleich gesagt, dass er dies nicht mit Liebe verwechseln durfte. Er wusste, wie wahre Liebe sich anfühlte, und wollte weder ihr noch sich wehtun. Also war er ganz aufrichtig zu ihr gewesen und hatte ihr seine mönchhafte Lebensweise und sein Bedürfnis nach Enthaltsamkeit erklärt. Sie hatte gesagt, dass sie gar nicht auf der Suche nach einem Partner war, sondern nur nach jemandem, an den sie sich kuscheln konnte – falls ihm auch mal danach war.

Er überlegte, ob er sich lieber von ihr fernhalten sollte, aber sie hatte gesagt, dass sie es mochte, wenn er ins Café kam; sie interessierten die Themen, über die er sprach. Wenn keine Gäste da waren, die sie bedienen musste, kam sie zu ihm an den Tisch, um zu schwatzen. War er aber mit seinem Schreibblock beschäftigt, ließ sie ihn gewähren. Er hatte ihr erzählt, dass er sich ein wenig als Dichter versuche, doch in Wirklichkeit brachte er nur ein paar hingekritzelte Gedanken zu Papier, die er hinterher fortwarf. Das war seine Methode, einen klaren Kopf zu bekommen, wenn ihm das Vergangene zu sehr zu schaffen machte. Ein buddhistischer Mönch aus Vietnam, mit dem er in Frankreich zusammen ein Seminar besucht hatte, hatte ihn diese Methode gelehrt. »Und danach«, hatte der Mönch gesagt und dabei ehrfurchtsvoll den Kopf gesenkt, »ist es gut, sich auf die Erde zu setzen, bewusst zu atmen und zu lächeln.« Auch damit hatte Nick es versucht. Er blickte von seinem Notizbuch auf, als etwas Leuchtendes ihn ablenkte. Eine Frau, die an einem der Tische am Fenster saß, trug ein aprikosenfarbenes T-Shirt, das den Sonnenschein zu bündeln schien. Ihr Kopf und ihre Schultern waren mit dichten, dunklen Ringellöckchen bedeckt, die ein wenig abstanden und aussahen, als vollführten sie Freudensprünge. Als sie Rachel ansah, spielte ein etwas unsicheres Lächeln um ihre Mundwinkel. In Nicks Kopf war Leere – er hatte sich alles, was ihn gerade beschäftigte, von der Seele geschrieben –, aber diese Leere wurde sogleich mit der Vorstellung von dem warmen, abendlichen Duft von Olivenhainen und reifen Trauben gefüllt. Die Frau stand auf, ging zum Tresen und sagte etwas zu Rachel, die darauf grinste und sich vorbeugte, um etwas zu erwidern. Dann warf ihm die Frau einen Blick zu, und ihre dunklen Augen wirkten so verunsichert wie ihr Mund. Mit verschränkten Händen trat sie an seinen Tisch.

»Möchten Sie noch einen Kaffee?«, fragte sie.

7

»RACHEL'S CAFÉ? IST das dein Ernst?« Jill sah mich an, als hätte ich gerade verkündet, ich wolle für Al Kaida arbeiten. Sie stellte die prall gefüllten Supermarkttüten auf den Küchentisch.

»Kriege ich dann immer umsonst Eis?«, erkundigte sich Hal und hüpfte vor Aufregung auf einem Bein.

»Ich auch, Sophie!«, rief Tilly und zog an meinen Händen. »Und Kuchen!«

»Ich habe zuerst gefragt«, protestierte Hal und schob sich zwischen uns beide, als wolle er sich seinen Platz in der Schlange sichern. Tilly versetzte ihm einen Stoß in den Rücken. Ich schob die beiden an den Schultern auseinander.

»Ich habe doch noch gar nicht richtig angefangen. Und es wird mir wohl kaum erlaubt sein, Eiswaffeln zu verschenken.«

»Zieht eure Schuluniformen aus und wascht euch die Hände«, befahl Jill in ziemlich scharfem Ton. Tilly und Hal sahen sie verblüfft an. Ich strich den beiden durch ihr Haar, von dem der vertraute Geruch alter Schulgebäude ausging, und schob sie dann behutsam zur Tür. Schon schlichen sie sich gehorsam aus der Küche. Ich nahm die Einkäufe aus den Tüten, und Jill verstaute alles im Kühlschrank.

»Nun, du hast doch selbst erklärt, ich hätte alle Möglichkeiten und mir stünde die ganze Welt offen«, erinnerte ich sie.

»Als ich das gesagt habe, dachte ich an etwas exotischere Klimazonen, verstehst du?« Sie machte wogende Bewegungen mit den Händen und schwang die Hüften wie ein Hulamädchen. »Polynesien. Oder die Seychellen. Und wenn schon in einem Café, dann wenigstens in einer Strandbar auf Barbados.«

»Ventnor ist mir im Augenblick exotisch genug. Und der Job ist wunderbar für mich – da brauche ich abends nichts mit nach Hause zu schleppen.«

Jill warf ihre Schuhe ab und setzte sich an den Tisch. »Du bist völlig überqualifiziert für so etwas. Wenn du das erst einmal eine Weile gemacht hast, wirst du dich zu Tode langweilen. Willst du hinter verschwitzten Touristenhorden die Tische abwischen und stapelweise fettiges Geschirr abwaschen?«

»Ich fände es interessant, in einer ganz anderen Umgebung Menschen zu begegnen. Und Rachel ist wirklich reizend. Sie hat mir einen Vortrag gehalten, der mich so aufgemöbelt hat, als wäre ich neu geboren.«

»Ja, die Sorgenbriefkastentante hat sie gut drauf. Allerdings nicht sehr tiefschürfend.«

»Ich glaube, ich habe fürs Erste genug von tiefschürfenden Dingen. Sie wirkt erfrischend. Und auch sie ist von ihrem Mann sitzen gelassen worden.«

»Wenn ich gewusst hätte, dass du einen Job als Putzfrau suchst, hätte ich dich gegen Bezahlung als Haushälterin bei mir eingestellt.«

Mir entging nicht, wie pikiert sie sich anhörte – als hätte ich ihre Berufsehre gekränkt. »Ich habe nicht gewusst, was ich gesucht habe. Es hat sich einfach so ergeben. Und es ist doch bloß für den Sommer.«

Jill seufzte. »Na, wenigstens bedeutet das, dass wir dich noch eine Weile hierbehalten.« Sie grinste, sprang von ihrem. Stuhl hoch und umarmte mich so fest, dass sie mir fast die Rippen brach. »Du kannst bei uns bleiben und jederzeit die Arbeit hinschmeißen, wenn es dir da nicht mehr gefällt. Es gibt genug Studenten, die einen Job für die Semesterferien suchen.«

»Ich bleibe gerne bei euch wohnen. Aber wir müssen uns auch einmal über meinen Beitrag für Unterkunft und Verpflegung unterhalten. Ich würde mich wohler fühlen, wenn ich euch nicht dauernd auf der Tasche läge.« Jills und Ashs vorbehaltslose Generosität hatte angefangen, wie ein dumpfer Zahnschmerz an meinem Gewissen zu nagen.

Hal und Tilly kamen in Shorts und T-Shirts zur Tür hineingestürzt. Mich überkam unbändige Lust, etwas Schönes mit den beiden zu unternehmen. »Na, wollen wir mal den Strand unsicher machen, während eure Mum für ein Stündchen die Füße hochlegt?«

Rachel richtete ihre Öffnungszeiten nach der Witterung. Gegen Ende Mai hatte sich das sonnige Wetter durchgesetzt, und es kamen regelmäßig Gäste auf eine Erfrischung, einen kleinen Imbiss oder zum Nachmittagstee. Rachel backte Obsttorten, die mich an jene aus dem Märchen erinnerten, die der König anschneidet und aus der dann vierundzwanzig singende Drosseln aufsteigen. Sie hielt nichts davon, Kuchen aus dem Supermarktregal zu servieren. Der Duft aus dem Ofen wehte zur Tür hinaus und umgarnte arglose Spaziergänger, ließ ihnen das Wasser im Munde zusammenlaufen und lockte sie unweigerlich ins Café. Und wenn sie dann erst den ersten Bissen probiert hatten, blieb ihnen gar nichts anderes übrig, als noch eine Portion zu bestellen. Nach der Schule und an den Wochenenden half uns Stevie, Rachels jüngerer Sohn. Er war so extrovertiert und fröhlich wie seine Mutter und hatte das gleiche süße Lächeln. Er trug das Haar mit Gel nach hinten gekämmt und möglichst zerrissene Jeans. Ich beobachtete, wie ihm die Mädchen schöne Augen machten. Rachels älterer Sohn, Mark, ging zur Uni. Sie war unendlich stolz auf ihre beiden Jungs.

»Du hast auch allen Grund dazu«, versicherte ich ihr. »Und du bist eine großartige Mutter.«

Bald lernte ich einige Stammgäste kennen, Besitzer der anderen Strandläden, Ehepaare im Ruhestand, einsame Seelen, die es genossen, sich ein wenig an Rachels Wärme zu laben, geschwätzige Mütter mit kleinen Kindern, die mit ihren Buggys alle Durchgänge zustellten.

»Manchmal kommen sogar Prominente her«, erzählte mir Stevie. »Zum Beispiel, wenn im Sommer das Rockfestival läuft. Und Regattasegler. Ellen MacArthur ist cool.«

Rachel schnitt dicke Scheiben Teabread ab, die Stevie servieren sollte. »Und die Insel hat immer schon Schriftsteller und Maler angezogen«, sagte sie.