Das Lied der Insel: Isle of Wight - Teil 3 - Wendy K. Harris - E-Book

Das Lied der Insel: Isle of Wight - Teil 3 E-Book

Wendy K. Harris

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Beschreibung

Dramatisch, romantisch und mit einem beeindruckenden Gespür für die menschliche Seele: "Das Lied der Insel" von Wendy K. Harris als eBook bei dotbooks. Drei Frauen verschiedener Generationen, durch das Schicksal miteinander verbunden … Die alte Fran hat einst das Glück kennengelernt, doch mittlerweile ist alles, was ihr geblieben ist, ihre abgelegene Farm – und der Wunsch, einen Menschen zu finden, der ihr Wärme und Hoffnung geben kann. Rachel hingegen hat auf die große Liebe gesetzt und alles verloren: ihren Lebensmut, ihr Selbstbewusstsein, ihr Café. Doch dann kommt Clare, fast noch ein Kind, an einem eisig kalten Wintertag auf der Isle of Wight an – erschöpft, verzweifelt und mit einem Geheimnis im Herzen, das auch die Leben der anderen Frauen für immer verändern wird. "Warmherzige, lebensechte Figuren und eine mitreißende Handlung vor der spektakulären Kulisse der Isle of Wight machen diesen Roman zu höchstem Lesegenuss." Goodreads Jetzt als eBook kaufen und genießen: Der Schicksalsroman "Das Lied der Insel" von Wendy K. Harris. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.

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Seitenzahl: 598

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Über dieses Buch:

Drei Frauen verschiedener Generationen, durch das Schicksal miteinander verbunden … Die alte Fran hat einst das Glück kennengelernt, doch mittlerweile ist alles, was ihr geblieben ist, ihre abgelegene Farm – und der Wunsch, einen Menschen zu finden, der ihr Wärme und Hoffnung geben kann. Rachel hingegen hat auf die große Liebe gesetzt und alles verloren: ihren Lebensmut, ihr Selbstbewusstsein, ihr Café. Doch dann kommt Clare, fast noch ein Kind, an einem eisig kalten Wintertag auf der Isle of Wight an – erschöpft, verzweifelt und mit einem Geheimnis im Herzen, das auch die Leben der anderen Frauen für immer verändern wird.

»Warmherzige, lebensechte Figuren und eine mitreißende Handlung vor der spektakulären Kulisse der Isle of Wight machen diesen Roman zu höchstem Lesegenuss.« Goodreads

Über die Autorin:

Nach verschiedenen beruflichen Stationen, etwa als Bankangestellte in London oder Homöopathin in Herefordshire, lebt Wendy K. Harris mit ihrem Mann und ihren fünf Kindern auf der Isle of Wight, wo sie ihrer großen Leidenschaft nachgeht – dem Schreiben.

Bei dobooks erscheinen auch:

»Das Erbe der Insel«

»Das Flüstern der Insel«

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eBook-Neuausgabe August 2018

Die englische Originalausgabe erschien erstmals 2008 unter dem Titel »Rocken Edge« bei Coach House Publications, Isle of Wight. Die deutsche Erstausgabe erschien 2009 unter dem Titel »So weit wie die See« bei Blanvalet, München. Copyright © der englischen Originalausgabe 2008 by Wendy K. Harris

Copyright © der deutschen Erstausgabe 2009 by Blanvalet, einem Unternehmen der Verlagsgruppe Random House GmbH, München Copyright © der Neuausgabe 2018 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von shutterstock/Nella, LaMiaFotografia, mubus7, Helen Hotson

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (sh)

ISBN 978-3-96148-253-5

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Liebe Leserin, lieber Leser, wir freuen uns, dass Sie sich für dieses eBook entschieden haben. Bitte beachten Sie, dass Sie damit ausschließlich ein Leserecht erworben haben: Sie dürfen dieses eBook – anders als ein gedrucktes Buch – nicht verleihen, verkaufen, in anderer Form weitergeben oder Dritten zugänglich machen. Die unerlaubte Verbreitung von eBooks ist – wie der illegale Download von Musikdateien und Videos – untersagt und kein Freundschaftsdienst oder Bagatelldelikt, sondern Diebstahl geistigen Eigentums, mit dem Sie sich strafbar machen und der Autorin oder dem Autor finanziellen Schaden zufügen. Bei Fragen können Sie sich jederzeit direkt an uns wenden: [email protected]. Mit herzlichem Gruß: das Team des dotbooks-Verlags

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Wendy K. Harris

Das Lied der Insel

Roman

Aus dem Englischen von Leon Mengden

dotbooks.

Für David und Lizzie und meine süße Enkelin Clementine.

Eine Vorbemerkung für meine Leserinnen und Leser

Falls Sie einmal die Isle of Wight besuchen sollten, werden Sie manche Schauplätze dieser Geschichte wiederentdecken. Einige aber sind dem Reich der Fantasie entsprungen oder inzwischen vom Meer fortgespült worden.

Wendy K. Harris

Kapitel 1

Wo war bloß der Leuchtturm? Er musste doch jeden Moment zu sehen sein und sie mit seinem Licht blenden, sagte sich Clare, als sie um die letzte Biegung der steilen Straße zum Strand hinunterging. Aber hier war kein Leuchtturm. Sie konnte es kaum fassen. Die Vorstellung des massiven weißen Gebäudes mit seinem kreisenden Lichtstrahl war für sie wie ein imaginäres Wegzeichen gewesen, das sie magisch anziehen und ihr den Weg weisen würde. Und sie hatte gehofft, an seinem Fuße Rose vorzufinden, die dort auf sie wartete und ihr schon von weitem zuwinkte, das Lächeln auf ihrem Gesicht vom Leuchtfeuer erhellt.

Clare ging ein Stück die Uferpromenade entlang und hielt dann inne, um einen lustlosen Blick auf das wogende graue Meer zu werfen, das am Horizont mit einem ebenso stahlgrauen Himmel verschmolz. Sie hörte das schurrende Geräusch der Kiesel, die von den brandenden Wellen auf den hellen Sand gespült wurden. Schwarzweiße Austernfischer huschten auf ihren rosa Beinen umher und stießen mit ihren kräftigen, orangefarbenen Schnäbeln zwischen die Steine in dem ablaufenden Wasser. Am Ende des verlassenen Strandes stand zu ihrer Linken ein leerer Musikpavillon, der Clare an eine Pagode erinnerte; zu ihrer Rechten befand sich ein Pub namens The Spyglass. Davor stand die überlebensgroße Figur eines Piraten in einem blauen Mantel und mit einem roten Tuch mit weißen Punkten um den Kopf. Auf seiner Schulter hockte ein grüner Papagei. Das hölzerne Gesicht des Seeräubers wirkte zerfurcht und wettergegerbt, aber auch irgendwie wehmütig, als sehne er sich zurück auf sein Schiff, um damit die Meere unsicher zu machen. Hinter den beiden Gebäuden ragte die zerklüftete Steilküste auf; doch nirgendwo gab es einen Leuchtturm. Dabei war Clare sich ganz sicher gewesen, dass Rose ihr gesagt hatte, sie solle nach Ventnor gehen.

Ihre Knie drohten unter der schweren Last dieser Enttäuschung und dem Gewicht ihres Rucksacks einzuknicken. Es kam ihr vor, als hätte sich das Baby, das sie unter dem hochgezogenen Reißverschluss ihres Daunenparkas an sich gedrückt trug, in einen Sack Kartoffeln verwandelt.

Ein einsamer Windstoß, der nur auf sie gewartet zu haben schien, wirbelte über die Promenade und kroch ihr unter die Kleidung. Clare wandte sich der Reihe Häuser mit den heruntergelassenen Läden zu. Es war ein sonderbares Gefühl, nun so von allem ausgeschlossen zu sein, nachdem sie all die Monate eingesperrt in der alten Abtei verbracht hatte. Sie stellte sich den Bund eiserner Schlüssel vor, der zusammen mit einem Rosenkranz und einem Kruzifix an einem schmutzigen Tau hing, das die Äbtissin um ihren fetten Bauch gebunden trug, und ein Schaudern durchfuhr sie. Rasch sog sie die frische, klare Seeluft ein. Ja, es war schon besser, hier draußen zu sein, obwohl ihre Beine in der dünnen Jogginghose, die Pater Ryan ihr im letzten Sommer geschenkt hatte, vor Kälte zitterten.

Der Trainingsanzug gehörte zu den ausrangierten Klamotten des Hurlingteams der Knaben, und bisweilen konnte Clare noch den Schweiß riechen, der sich darin eingenistet hatte. Diese Trainingsanzüge waren grau mit schwarzen Streifen an den Beinen und Ärmeln und an den Schultern gepolstert. Clare konnte an den Stellen, an denen die Embleme herausgetrennt worden waren, noch die Einstiche sehen, und auf dem Fleecefutter hatten sich kleine, harte Knöllchen gebildet, die sie auf der Haut kratzten. Ich habe dir ein paar neue Sachen besorgt, mit denen du von uns fortgehen kannst, hatte Pater Ryan zu ihr gesagt, als er sie in die Sakristei führte. Clare hatte sich auf Jeans und bunte Baumwollshirts gefreut, aber dann hatte er ihr den Kleiderhaufen in die Hand gedrückt. Die dürften dir passen ... wenn es bei dir so weit ist, hatte er gemurmelt, und Clare drang der muffige Geruch aus der Altkleidersammlung der Klosterschule in die Nase. Vor lauter Enttäuschung war ihr die Kehle wie zugeschnürt gewesen, so dass sie nicht einmal ein Danke hervorbrachte, aber auch Pater Ryan war es sichtlich peinlich gewesen; Schweißtröpfchen traten ihm auf die gerötete Stirn, obwohl sein Teint normalerweise so fahl war wie der Unseres Herrn Jesus Christus unter der Dornenkrone. Clare hatte sich so gedemütigt gefühlt, dass sie einen Schritt zurückgewichen war.

Das war im letzten Sommer gewesen. Und nun neigte sich der Januar seinem Ende zu. Sie war sich dessen gar nicht recht bewusst geworden, bis sie das Datum auf ihrem Zugfahrschein gesehen hatte. Sie wünschte sich, es wäre schon wieder Sommer. Sie stand auf der zugigen Promenade und schlotterte am ganzen Leibe, aber sie konnte nicht einmal die Hände in die Jackentaschen stecken, weil sie damit das Baby hielt. Wie kam es, dass etwas so Kleines sich dermaßen schwer anfühlte? Aber zumindest spürte sie die Wärme des Kindes. Mit der einen Hand griff sie sich über die Schulter und befühlte ihr dichtes Haar. Orangerot. Deswegen hatten die anderen Kinder in der Schule sie immer Karottenkopf genannt – sehr zum Unmut ihrer Mutter, die darauf bestand, Clare hätte richtig rotes Haar. Arme Mam. Clare hatte sich stets bemüht, ihr keinen Kummer zu bereiten. Aber der Spitzname Karottenkopf gefiel ihr. Er hatte etwas Knackiges, Lebendiges, erinnerte sie an würzigen Möhrenkuchen, quirlige Kobolde, frischen Möhrensaft. Sie steckte sich ihren langen Zopf in den Kragen und wickelte ihn um ihren Hals wie einen Schal.

Sie verlagerte ein wenig das Gewicht des Babys und tastete in ihrer Tasche nach dem wertvollen Zettel mit der Wegbeschreibung. Sie kannte sie auswendig, aber die verblassten Worte verliehen ihr Trost. Sie riefen ein klares, deutliches Bild von Rose hervor, wie sie sie hinkritzelte und sich dabei ihr unordentliches, mit rosa Strähnen und verkletteten Zöpfen durchsetztes Haar, in das sie sich zusätzlich noch bunte Perlenkettchen geflochten hatte, nach hinten strich. Der Trost, den Clare dabei empfand, löste ein leises Pochen tief in ihren Herzen aus, als wäre ein winziger Teil der Clare, die sie einmal gewesen war, irgendwo noch am Leben, irgendwo jenseits des sich windenden und schlängelnden Knotens aus Würmern, der nun in ihr steckte. Pater Ryan hatte ihr gesagt, es wäre ein Schlangennest, das sie wegen ihrer Sünden in sich trüge und das ihr keinen Frieden lassen würde, bis sie dafür gebüßt hätte. Aber Clare konnte sich keine Schlangen vorstellen, bloß fette rosige Würmer, die irgendwie in sie eingedrungen sein mussten, als sie noch sehr jung war. Zuerst waren sie in ihre Träume geschlüpft, und dann hatte sie sie zu ihrem Entsetzen auch richtig in sich gespürt. Sie hatte gehofft, dass sie sie mitsamt dem Baby und all dem anderen Zeugs, das dabei zum Vorschein kam, wieder herausstoßen würde, doch nach der Geburt konnte sie immer noch den glitschigen Knoten in sich spüren.

Als sie den Zettel zurück in ihre Tasche steckte, berührte ihre Hand die Glasperlen ihres Rosenkranzes. Gab es hier in der Nähe möglicherweise eine Kirche? Aber wie durfte sie es wagen, sie zu betreten? Wie konnte sie ihre Finger in das heilige Weihwasser tauchen? Dann merkte sie, dass sie vor einem Café stand. Rachel's Café. GESCHLOSSEN stand auf dem Schild an der Tür. Trotzdem sah sie eine Bewegung hinter der Scheibe. Sie trat näher an das beschlagene Fenster heran und wollte mit ihrer kalten Faust eine Stelle freireiben, aber der Beschlag war innen. Sie konnte gerade eben die verschwommenen Umrisse einer Frau er- kennen, die an einem Tisch saß und etwas trank. Clares Magen knurrte. Wenn sie doch nur da drin sein, einen Becher mit heißer Brühe umklammern könnte, der ihre verfrorenen Finger auftauen ließ. Sie fuhr sich mit der Zunge über ihre aufgesprungenen, nach Salz schmeckenden Lippen. Wenn sie anklopfte und höflich fragte, würde die Frau vielleicht Mitleid mit ihr haben. Schließlich wollte sie nichts schnorren, wollte sich bloß ein wenig aufwärmen und sich einen Moment ruhig hinsetzen. Aber würde die Frau ihr dann nicht Fragen wegen des Babys stellen – und überhaupt? Jedenfalls wurde ihr bei dem Gedanken an etwas zu essen übel. Sie sollte wohl besser zusehen, dass sie weiterkam, bevor es anfing, dunkel zu werden. Immerhin hatte sie es von Worcester bis ganz zur Südküste der Isle of Wight geschafft. Rose hatte ihr bestimmt keine verkehrte Wegbeschreibung mitgegeben. Der Leuchtturm musste ein Stückchen weiter sein, auf der anderen Seite von Ventnor. Sie ging los. Sie würde sich erneut den Hügel hinauf zu der Bushaltestelle schleppen müssen, um sich dort zu erkundigen.

In Rachel's Café übertrumpfte der Duft frischen Kaffees den Geruch von Farbe, und der Dampf aus der Maschine ließ das Fensterglas beschlagen. Rachel rieb sich gerade die Augen, als ihr eine Hand auffiel, die an der Scheibe wischte. Ein blasses Gesicht mit einer roten Mütze – oder roten Haaren – versuchte hereinzuschauen. Was war mit den Leuten los? Begriffen sie die Bedeutung des Wortes GESCHLOSSEN nicht? Dann verschwand das Gesicht wieder. Rachel stand auf und ließ die neue, azurblaue Jalousie herunter, damit die Glotzer sie in Frieden ließen.

Sie ließ sich schwer zurück auf ihren Stuhl sinken. Ihre Teilnahmslosigkeit erschreckte sie. Das sieht mir doch gar nicht ähnlich, dachte sie ... Schließlich konnte irgendeine arme Seele dringend Hilfe benötigen. Auch sie selber könnte eines Tages in eine missliche Situation geraten ... Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu – das war ihr Motto. Nicht, dass sie viel mit christlicher Nächstenliebe am Hut hätte, jedenfalls nicht in dem Sinne, dass der bärtige alte Mann aus dem Himmel ihr Handeln überwachte. Aber sie glaubte fest an die wenn auch noch so tief verschüttete Güte, die jedem Menschen innewohnte. Wenn sie sich mit Leuten unterhielt, denen es wirklich dreckig ging – und das kam in ihrem Café ziemlich häufig vor –, merkte sie, wie schnell sie deren Lebensgeschichten überdrüssig wurde. Was sie nicht so ganz begriff, war die kreative, intelligente Energie, die am Ende alles ins Lot bringen würde und von der Sophie und Nick manchmal sprachen. Sie mochte diesen Satz und konnte auch seine metaphysische Bedeutung nachvollziehen, aber kam denn am Ende alles ins Lot? Warum verteilte das Schicksal dann Glück und Unglück in so ungleichem Maße? Intelligent mochte diese kreative Energie ja sein, aber hatte sie denn keine Gefühle? Man brauchte nur an die Opfer des Tsunami in Südasien neulich zu denken, und es brach einem das Herz ...

Und dennoch – im Augenblick war ihr überhaupt nicht danach, sich um die Bedürftigen zu kümmern. Nicht umsonst hatte sie gerade ihre neue Jalousie heruntergelassen, damit sie das blasse Gesicht hinter der Scheibe nicht mehr sehen musste. Was war aus ihrem Mitgefühl für andere Menschen geworden? War etwa ihr Herz geschrumpft? Sie schob die Hand unter die linke Brust, um sich zu vergewissern. Meine Güte, wie heiß sich ihre Haut anfühlte. Sie strich sich das kupferfarbene Haar hinter die Ohren, öffnete die oberen Knöpfe ihrer weißen Bluse und fächerte ihrem verschwitzten Gesicht mit einer ihrer neuen Speisekarten Luft zu. Ein italienisches Gourmetmenü zuckte vor ihren Augen – Cotoletta alla Valdostana, Agnello Rustico, Melanzane alla Parmigiana – oh, was für sinnliche Namen – und wie sie sich von ihnen hatte verführen lassen.

»Nun beeil dich doch bitte, Sophie«, flüsterte sie vor sich hin. Sie war sich bewusst, dass es Samstagnachmittag war und sie an Sophies und Nicks freiem Tag störte. Aber Rachel musste dringend mit Sophie reden, und es würde ein schwieriges Gespräch werden. Das Letzte, was sie wollte, war, ihrer Freundin die Flitterwochen zu verderben. Aber Sophie war bereits auf dem Weg von der Blue Slipper Bay und musste es erfahren – schließlich war sie Teilhaberin des Cafés. Rachel spürte, wie ihr wieder die Tränen kamen; ihr verschwommener Blick strich über die strahlend weißen Wände, das glänzende Edelstahl und die gläsernen Regale. Ihre Gefühle schwankten zwischen Kummer, Zorn und totaler Verwirrung. Wie konnte es sein, dass sie sich wie eine gutgläubige, leicht hereinzulegende alte Oma fühlte, wo sie doch erst gestern noch wie ein Teenager, bei dem die Hormone verrückt spielten, herumgehüpft war? Was war aus der erfolgreichen, zufriedenen Geschäftsfrau geworden, die sie noch vor ein paar Monaten gewesen war, dass sie jetzt so von einem Extrem ins andere fiel?

Sie tupfte sich die feuchten Wangen mit ihrer schwarzweiß gestreiften Schürze ab, schenkte sich noch eine Tasse Kaffee ein und lauschte dann dem Wind, der draußen über die Strandpromenade pfiff. Es kam ihr vor, als wolle er ihr mit seinem klagenden Heulen sein Mitgefühl ausdrücken. Ob die blassgesichtige Person Schutz vor dem Wetter gefunden hatte? Sie nahm abermals die Menükarte zur Hand, saß da und las sich die verlockende Auflistung der Speisen durch. Doch die Worte, die sie dabei in ihrem Kopf hörte, klangen wie Sandro, wenn er mit seiner Süßholz raspelnden Stimme sprach und dabei die Silben über seine Zunge rollen ließ, während er mit halb geschlossenen Augen in ihren Ausschnitt stierte. Wütend knallte sie die Menükarte auf den Stapel zurück.

»Wie habe ich nur so bescheuert sein können?«, entfuhr es ihr.

»Dummkopf«, schalt Fran sich selber, als sie die neugeborenen Lammzwillinge mit einem rauen Handtuch abrubbelte. Beauty, ihr in die Jahre gekommenes Mutterschaf, starrte sie mit stumpfen Augen an. »Ich weiß ja, Beaut. Ted hat wie immer recht gehabt; du bist schon viel zu alt für solche Eskapaden.« Beauty zeigte keinerlei Interesse an ihrer Nachkommenschaft. »Nun kommt schon, sagt euch doch wenigstens hallo«, drängte Fran, aber keines der drei Tiere schien erpicht darauf. Fran seufzte; beide Lämmer waren Böcke. Das zuerst geborene war dünn und schwächlich und wirkte völlig lethargisch. Fran geriet ins Schwitzen, zog sich den schmutzigen Aran-Pullover über den Kopf und brachte dabei ihren grauen Haarknoten durcheinander. Dann kniete sie sich stöhnend im Stroh hin; der Rücken tat ihr weh. Sie selber wurde auch langsam zu alt und zu ungeschickt, um sich noch als Hebamme zu betätigen. »Ja, Beaut, wir haben beide schon bessere Tage gesehen«, sagte sie. Sie hielt dem größeren der beiden Neugeborenen den Kopf und versuchte, es zu bewegen, an den Zitzen seiner Mutter zu saugen, aber Beautys Euter sah nicht so wohlgefüllt aus, wie es sein sollte. Das Lämmchen ließ den Kopf hängen, doch Fran war fest entschlossen, wenigstens eines der beiden zu retten – natürlich das kräftigere. Sie bettete das sterbende Lämmchen neben seiner Mutter ins Stroh, so dass die beiden einander riechen konnten, wickelte das andere in ihren Pullover und nahm es unter den Arm. »Ich bringe ihn dir nachher zurück, Beaut«, sagte sie und richtete sich mühsam auf. »Jetzt erhol dich erst mal.«

Fran verließ die Scheune und schloss das Tor hinter sich; sie war froh, wieder an der frischen Luft zu sein. Wie liebte sie diese späten Januartage, wenn es nach Salz und feuchtem Gras duftete! Am Fuße des Kliffs konnte sie die Wellen her-andonnern hören – wie das Feuer versunkener Kanonen. Sie streckte ihren steifen Rücken und holte tief Luft. Von Westen wälzten sich schwere graue Wolken näher. Der Lichtstrahl des Leuchtturms beschrieb über ihr silbrig schimmernde Kreise am trüben Nachmittagshimmel. Alles, sie selber eingeschlossen, schien zu pulsieren. Die schwere Geburt, die Beauty hinter sich hatte, steckte ihr noch in den Knochen und ließ sie das Rauschen des Windes und das Tosen des Meeres umso schärfer wahrnehmen – ebenso wie das Pochen ihres Herzens. Immer dann, wenn sie von der Natur in ihrer unbändigsten Form umgeben war, empfand sie den tiefsten Frieden, gerade so, als würde sie in einen süßen Schlummer sinken ... ihr fehlten die Worte, um das Gefühl auszudrücken. Sie hob das Lamm in die Höhe, als wolle sie es der Welt zum Geschenk darbieten. »Der äußerste Rand der Isle of Wight«, schwärmte sie. »Ein guter Platz, um auf die Welt zu kommen.«

Cinders, ihr Collie, kam über das Kopfsteinpflaster des Hofes getrippelt, um sie zu begrüßen. »Tja, nun haben wir wenigstens noch ein Lamm, um das wir uns kümmern müssen«, sagte Fran zu der Hündin. Cinders wedelte mit dem Schwanz und ließ hechelnd ihre feuchte Zunge heraushängen.

Auf dem Weg zur Küchentür des aus Steinen gebauten Farmhauses hielt Fran kurz inne, um ihre Schar weißer Tauben, die in den Ritzen zwischen dem Pflaster nach Körnern pickten, mit ein paar Worten zu bedenken. »Meine liebsten Täublein«, gurrte sie, als mit einem Male ein Windstoß durch den Hof fegte. Die Tauben flatterten hoch, verstreuten sich und nahmen dann wieder auf dem Boden ihre Stellung ein wie ein kleiner Trupp Ballerinas. Fran sah zu, wie in der wieder eingekehrten Stille ein paar schneeweiße Federn bedächtig zur Erde schwebten. So stellte sie es sich vor – ihr Gefühl des inneren Friedens. Sie musste kichern. »Hast du das gesehen, Cinders? War das nicht hübsch?« Sie bückte sich, um die Hündin am Kopf und hinter den Ohren zu kraulen. »Nun denn, jetzt wollen wir uns mal nach einem kuscheligen Karton für dieses neue Lämmchen umsehen.«

Pater Ryan stand auf der felsigen Landspitze von Mizen Head und stemmte sich gegen den Wind vom Atlantik, der an seiner Soutane zerrte. Ich stehe an der äußersten Spitze Europas, dachte er. Es ist nichts mehr zwischen hier und Nordamerika. Mächtige Wellen kamen schäumend auf ihn zugerollt und trafen krachend auf Land, wobei ein Sprühnebel aus winzigen Tröpfchen hochspritzte. Pater Ryan spürte, wie sich klamme Feuchtigkeit auf seinem Gesicht und seinem Haar absetzte. War es wirklich möglich, dass sich jenseits dieses endlosen, einsamen Meeres ein riesiger Kontinent befand? Neufundland ... Da wäre er jetzt gerne. Er malte sich aus, wie er sich in Jeans und einem rotkarierten Hemd am Ufer eines kalten, grünen Sees, in dem er nach Lachs fischte, eine Hütte aus Kiefernstämmen baute. Er schnupperte in die Luft und stellte sich den Geruch des Rauches von brennendem Holz vor ... Und wenn ihm danach war, von hier fortzuziehen, wer wollte ihn daran hindern? Einsam, unerkannt, anonym ... diese Worte verliehen ihm Trost. Es war nicht leicht, im Gewand eines Priesters nicht aufzufallen. Die Menschen warfen ihm immer verstohlene Blicke zu, suchten eine Gelegenheit, ihm scheußliche Dinge zu beichten, die sie damit auf ihm abluden und die sich dann wie Dämonen an seiner Haut festkrallten.

Ein jäher Windstoß schüttelte ihn, als wolle er ihn ins Landesinnere zurückschleudern, zurück in die Arme Irlands. Er hatte diese Gestade, an denen er vor beinahe vierzig Jahren das Licht der Welt erblickt hatte, nie verlassen – und er würde es wohl auch nie tun. Er tat einen tiefen Seufzer, und seine Augen wurden feucht. Oder doch? Aber das würde bedeuten, dass er Jeanne zurücklassen müsste. Die kleine Jeanne – er dachte nach wie vor von ihr als seiner kleinen Schwester, obwohl sie mittlerweile achtunddreißig war. Würde er ihr fehlen, wenn er von hier fortging? Liebte sie ihn noch? Selbstverständlich tat sie das. Ihre Liebe zu ihm war eine Liebe, der Jahre nie etwas würden anhaben können. Er konnte sie nicht verlassen, konnte diese Insel nicht verlassen. Ebenso, wie er nicht ohne seine Soutane vor die Tür treten konnte. Er blickte auf den schwarzen Stoff hinunter, der ihm an seinem dünnen Leib klebte. Dabei musste er sie gar nicht ständig tragen. Die meisten jüngeren Priester trugen auf samstäglichen Ausflügen wie diesem Hosen.

Kinderstimmen rissen ihn aus seinen Gedanken. Er wandte sich um und sah, wie seine Schützlinge den Bus bestiegen, der sie zurück nach Bantry bringen sollte. Dabei fiel ihm ein kleines Mädchen auf, das sich bemühte, sich das Kopftuch ihrer Schuluniform um ihr langes, wehendes rotes Haar zu binden. Clare!, durchfuhr es ihn. Was war aus Clare geworden? Wieso war sie nicht bei dem Konvent in England angekommen? Schwester Bridget hatte Erkundigungen angestellt, ob ihr möglicherweise etwas zugestoßen war, sich aber geweigert, noch mehr in dieser Sache für ihn zu unternehmen. Konnte es sein, dass das Mädchen sich von jemandem, dem sie unterwegs begegnet war, hatte bequatschen, sich von irgendeiner gottlosen Person hatte einreden lassen, eine Abtreibung vorzunehmen? Er hätte nicht zulassen dürfen, dass sie sich ganz alleine auf diese Reise begab. Sie war noch zu jung, und man konnte sich nicht so recht auf sie verlassen. All seine diskreten Erkundigungen hatten nichts erbracht, und er wusste nicht, was er sonst noch in die Wege leiten sollte. Gewiss hatte es keinen Zweck, die Polizei einzuschalten. Ihm war bewusst, dass sämtliche großen Städte voller von zu Hause weggelaufener Jugendlicher waren, die keinen Wert darauf legten, aufgespürt zu werden.

Er hatte bis jetzt nicht den Mut aufgebracht, Clares Mutter zu sagen, dass ihre Tochter vermisst wurde, denn er war sich ungewiss, wie die Frau darauf reagieren würde. Man konnte von Glück reden, dass Mrs. Mulligan vollkommen hin und weg von seiner Geschichte gewesen war, dass Clare sich bereit erklärt hätte, im Kloster zu leben, nachdem Adoptiveltern für das Baby gefunden wären. Meine Gebete sind erhört worden, hatte sie lobpreisend ausgerufen. Nicht umsonst habe ich das Mädchen nach der Heiligen genannt! Nun werden ihr bestimmt all ihre Sünden vergeben. Was für eine Idiotin, dachte er. Stundenlang konnte sie wie verbissen vor dem Altar knien, aber auf ihre eigene Tochter aufzupassen vermochte sie nicht. Sie war genauso an dem Schlamassel schuld wie Clare selber.

Vielleicht sollte er nach England fahren und selber versuchen, Clare zu finden? Aber wie sollte er das anstellen? England war voller gottloser Menschen. Gab es dort nicht jede Menge Frauen, die kaum bekleidet herumliefen? Mit einem Male entsetzte ihn der Gedanke, seine eigene kleine, in sich abgeschlossene Welt zu verlassen. Er begann so heftig zu zittern, dass seine Kiefer sich verkrampften und er sich in die Lippe biss. Plötzlich hatte er den Geschmack von Blut und Salz im Mund.

»Pater! Lassen Sie sich bloß nicht noch im letzten Moment davonpusten!«, rief Schwester Constance, die ihren wehenden Schleier festhielt.

Er blickte hinunter auf das wogende Meer und fragte sich, was wohl passieren würde, wenn er über den Zaun stieg und einen Schritt auf den Abgrund zu machte. Würde der Allmächtige von oben nach ihm greifen und ihn festhalten? Oder würde er einfach in die Tiefe stürzen wie ein weggeworfener schwarzer Plastikmüllsack? Er schloss die Augen und lauschte in sich hinein auf eine Antwort. Aber die Stimme Gottes war nicht zu vernehmen, und auch von seiner behütenden Gegenwart spürte er nichts. Er blickte hinauf zu dem grauen Himmel, der plötzlich mit silbrigen Fäden durchzogen war und aus dem ein Donnergrollen ertönte. War das Gottes Antwort – ein Zeichen seines Zorns? Ein jäher Schmerz, bei dem ihm speiübel wurde, schoss ihm hinter die Augen, als hätte das kleine Nagetier, von dem er sich vorstellte, dass es sich durch sein Gehirn fraß, in seinen Sehnerv gebissen. Er spürte, wie der Inhalt seiner Gedärme sich in eine glucksende Flüssigkeit verwandelte, und kniff heftig die Gesäßbacken zusammen, bis der Drang nachließ. Dann senkte er seinen gequälten Kopf und ging langsam auf den Bus zu. Bei jedem Schritt schlug ihm sein schweres Kruzifix gegen die Brust und zog ihn hinunter wie ein Grabstein um seinen Hals.

Kapitel 2

»The Buddle Inn!«, rief der Fahrer. Clare schreckte hoch. Von der Wärme und der wiegenden Bewegung des Busses war sie eingenickt. »Das ist so nahe, wie wir am St. Catherine's Lighthouse vorbeifahren können, Liebes. Einfach die Straße da runter, ist nicht zu übersehen. Aber Vorsicht an der Kliffkante. Nicht, dass Sie mir da runterfallen.« Clare bemühte sich aufzustehen; ihr Rucksack brachte sie fast aus dem Gleichgewicht. Als der Bus davonfuhr, blieb Clare am Straßenrand stehen und schaute zu dem Gasthaus hinüber. Hinter den Fenstern blinzelten Lichter. Sie malte sich aus, dass drinnen ein Kaminfeuer brannte und in der Küche die Töpfe dampften. DURCHGEHEND GEÖFFNET, lockte ein Schild an der Tür. Aber sie durfte sich jetzt nicht aufhalten lassen und machte sich auf den Weg. Wenigstens ging es bergab. Sie kam an ein paar Häusern vorbei und musste unter einigen Bäumen hindurch, die sich wie ein Tunneldach über den Weg wölbten und unter denen es ihr gruselte. Aber schon bald passierte sie das Hinweisschild des National Trust mit dem Bild des Leuchtturms darauf. Und dann öffnete sich die Landschaft vor ihr; winterkarge Felder hoben und senkten sich, während sie weiterging, und endlich erblickte sie den weißen Leuchtturm mit dem kreisenden, blinkenden Lichtstrahl – genau, wie sie es sich die ganze Zeit vorgestellt hatte. Ein Gefühl der Wehmut stieg ihr in der Kehle auf. Dort, hatte Rose gesagt, würde sie fortan wohnen – in dem Wohnwagenpark unterhalb des Leuchtturms. Zwischen einer Gruppe im Winde schwankender Bäume hindurch konnte sie gerade eben ein paar flache Dächer ausmachen.

Clare war zu Tode erschöpft, von Hunger und Durst geschwächt. Der Rücken schmerzte ihr, weil ständig der Rucksack darauf rieb, und die Arme taten ihr weh, weil sie darin das Baby trug. Es wurde unruhig; seine quengelnden Laute bedeuteten, dass der Kleine bald gefüttert werden musste, weil er sonst zu schreien anfing, und das würde sie nicht ertragen können. Also musste sie das Baby füttern, bevor sie sich zu den Wohnwagen begab. Sie wollte nicht, dass Rose ihr dabei zusah – jedenfalls jetzt noch nicht. Es wäre ihr peinlich, und außerdem fühlte sie sich verschwitzt und schmutzig.

Sie schaute sich nach einer geschützten Stelle um, an der sie sich hinsetzen konnte, aber die ganze Landschaft um den Leuchtturm herum schien nur aus Feldern zu bestehen. Dann entdeckte sie eine Ansammlung großer Steine – so ähnlich wie die Menhire ihrer Heimat. Das wäre eine Möglichkeit. Ein schmaler, furchiger Pfad führte zu ihnen, hinunter. Sie war so unsicher auf den Beinen, dass sie genau aufpassen musste, damit sie nicht hinfiel. Als sie die aufrecht stehenden Steine erreichte, stellte sie fest, dass diese die Eckpfeiler einer Einfahrt bildeten. Auf einem Schild, das an das offen stehende, schon ziemlich verfallene Gatter genagelt war, stand ROCKEN EDGE FARM. Unsicheren Schrittes stieg sie über einen in den Boden eingelassenen Rost, der das Vieh hindern sollte weiterzugehen. Vor sich sah sie ein windgepeitschtes Weißdorndickicht, das sich gegen den Himmel abhob und wie mit stacheligen Fingern auf sie zeigte. Der Anblick behagte ihr gar nicht, aber der Pfad führte mitten zwischen den dornigen Gewächsen hindurch, also brachte sie die Wegenge eilig hinter sich. Ein paar Sekunden lang dachte sie, sie wäre an die Kliffkante gelangt, doch dann merkte sie, dass es sich um einen Abhang handelte, der steil hinunter zu ein paar aus Stein gebauten landwirtschaftlichen Gebäuden führte, die man von oben nicht hatte sehen können. Ein Stückchen dahinter befand sich ein altes, verwinkeltes Haus. Sie blieb ganz still stehen und lauschte, aber sie konnte nichts hören außer dem Heulen des Windes, der das Meer aufwühlte, und dem unruhigen Greinen des Babys. Die Farm schien verlassen zu sein, und Clare war es unbehaglich bei dem Gedanken, dass dort bestimmt schon längst niemand mehr wohnte. Als sie näher herankam, flog ein Schwarm weißer Tauben auf und ließ sich auf einem Scheunendach nieder. Sie erschrak über das plötzliche Flügelflattern, aber nirgendwo bellten Hunde. Ihr Herz schlug wie wild, und das Baby gab einen dünnen Klagelaut von sich. Sie hätte nicht hier hinuntergehen sollen. Warum war sie nicht schnurstracks zu den Wohnwagen gegangen? Rose würde nichts dagegen gehabt haben, wenn sie dort ihr Baby stillte; schließlich musste es ja sein. Aber da sie nun einmal hier war, konnte sie das Kind ebenso gut rasch füttern, damit es sich beruhigte.

Sie stieß das knarrende Tor eines Gebäudes auf, das wohl so etwas wie ein Stall war, denn darin stank es fürchterlich nach Pferdemist. Man konnte kaum etwas erkennen, denn es gab nur ein einziges, staubbedecktes Fenster, aber immerhin konnte sie aufgestapelte Strohballen ausmachen. Sie öffnete den Reißverschluss ihrer Jacke, nahm das Baby heraus und setzte es zwischen die Ballen. Ihre Brüste fühlten sich feucht und schwer an und schmerzten, als wären sie wund. Wie ihr das alles zuwider war! Unter Ächzen legte sie den Rucksack ab, nahm das Baby auf den Schoß und ließ sich in den kargen Lichtschimmer nieder. Es tat gut, den Rücken gegen die Wand zu lehnen.

Sie sah ihren Kleinen an. Sein winziges, rot angelaufenes Gesicht war ganz verzerrt; jeden Moment würde er zu brüllen anfangen. Sie zog ihr Sweatshirt hoch; die Milch sickerte schon aus ihren Brustwarzen. Das Baby wollte nicht stillhalten, verbiss sich dann aber mit seinem harten Gaumen in ihrer Brust. Bei dem Schmerz schrie Clare auf; das Knäuel aus Würmern in ihr schien Purzelbäume zu schlagen, und ihr wurde schlecht. Das Baby hörte auf zu saugen und rülpste. Clare merkte, dass ihre Brustwarze ganz rot und knotig aussah, und nahm das Kind auf die andere Seite, um ihm die zweite Brust zu geben. Nach seinem anfänglichen, unerträglich ungestümen Gegnabbel kam der Kleine zur Ruhe und saugte unter leisen, glucksenden Geräuschen in rhythmischen Zügen. Sie schob ihm sein rosa Mützchen in den Nacken und betrachtete die weiche Stelle auf seinem Kopf, die sich während des Säugens auf und nieder bewegte. Ihre Mutter hatte ihr eingeschärft, auf diese Stelle besonders achtzugeben. Das machte sie nervös. Sie stellte sich vor, wie sie unwillkürlich mit dem Daumen in diese Öffnung stieß, so, wie sie früher Löcher in die Papierdeckel der Gläser mit Marmelade, die ihre Mutter kochte, gestoßen hatte. Das daunenweiche Haar des Kleinen klebte ihm auf der Kopfhaut. Es roch säuerlich, und sein Körper fühlte sich unter dem stinkigen, wollenen Strampelanzug feucht an. Ihm waren die Windeln nicht mehr gewechselt worden, seit die Mutter Oberin ihn Clare gebracht hatte, damit sie ihn zur Nacht noch einmal stillte. In ihrer panischen Eile, sich aus dem Haus zu stehlen, hatte sie völlig vergessen, nach Windeln zu suchen. Die Mutter Oberin war diejenige gewesen, die alles sauber hielt, und sobald der Kleine gefüttert worden war, hatte sie ihn an sich genommen und fortgetragen.

Clare wusste, dass die Frau nicht wollte, dass Clare den Unterleib des Babys sah, weil sie so tat, als handele es sich um ein kleines Mädchen; sie selber aber hatte sein Geschlecht schon bei der Geburt deutlich erkannt. Die Mutter Oberin hatte das Baby nur kurz hochgehalten, dann aufgeschrien und es auf Clares Bauch fallen lassen, von wo es zwischen ihre Beine rutschte und wimmernd dort liegen blieb. Dann war sie aus dem Zimmer gestürzt und hatte Clare völlig verwirrt und vor Entsetzen zitternd zurückgelassen, denn sie glaubte, die Würmer müssten mitsamt dem Baby aus ihr hervorgeschlüpft sein und hätten die Oberin in Panik versetzt. Sie wollte sich aufrichten, um sich zu vergewissern, aber ihr fehlte die Kraft dazu. Später war die Alte in den Raum zurückgeschlichen, nach wie vor mit Blut auf ihrem kreidebleichen Gesicht und ihrem Kleid von der Entbindung. Sie wickelte das Baby ein und dankte der Heiligen Jungfrau für die Gabe der Geburt eines Mädchens. Clare war zu entkräftet gewesen, um sich darüber Gedanken zu machen; das Kind war für sie sowieso mehr das der Oberin als ihr eigenes. Sie sah zu, wie die Frau eine Hand voll blutiges Zeug zusammenraffte und in einen Pappkarton warf. Waren das die Würmer? Waren sie jetzt nicht mehr da? Aber später wachte sie mit dem altbekannten Rumoren in sich auf und wusste, dass sie immer noch in ihr steckten. Sie weinte bittere Tränen; Pater Ryan hatte also recht gehabt. Die Oberin hatte ihr versprochen, dass sie nach der Geburt einen Priester sehen dürfe, wenn sie ein braves Mädchen war. Dazu wurde von ihr nicht mehr erwartet, als so zu tun, als wäre das Kind ein Mädchen, und ihm die Brust zu geben; das war Bestandteil ihrer Sühne und der Buße für ihre Sünden. Doch die Wochen vergingen, und kein Priester ließ sich blicken.

Nachdem sie nun alleine im Stall auf dem stacheligen Stroh saß, brauchte sie niemandem mehr etwas vorzumachen – nur füttern musste sie das Baby weiter, obwohl es sehr wehtat. Die Oberin hatte ihr gesagt, dass das Kind sterben würde, wenn sie ihm nicht regelmäßig die Brust gab, und dann könnte Clare zu ihrem Register der Todsünden auch gleich noch einen Mord hinzufügen. Clare begutachtete die beiden geschwollenen Brüste, die aus ihrem dürren Knochengerüst hervorragten, als gehörten sie zu jemand anderem. Die Brustwarze auf der wunden Seite sah aus, als würde sie gleich blutend aufbrechen. Vielleicht würde dann all das Schlechte, das in ihr steckte, herausgesickert kommen. Sie erschauderte. Was war aus ihren eigenen, kleinen Brüsten geworden, über die sie den weißen Baumwollbüstenhalter angezogen und über denen sie zu Hause jeden Morgen die blaue Bluse der Schuluniform zugeknöpft hatte? Das Einzige, was ihr an ihren Brüsten noch vertraut vorkam, war das goldene Kruzifix, das zwischen ihnen baumelte. Sie tastete nach ihrem Zopf und legte ihn sich über die Schultern. Ihr karottenfarbenes Haar schimmerte leicht im Dämmerlicht. Sie strich sich mit dem Zopfende über das Gesicht – das hatte sie schon als kleines Mädchen gerne getan. Aber ihr Haar fühlte sich brettig an und hatte ganz raue Spitzen wie ein Malerpinsel, der nicht ausgewaschen worden war. Ihre Tränen liefen ihr über die Wangen und tropften auf den Kopf des Babys. Ihr war warm; sie fühlte sich verschwitzt, aber gleichzeitig fror sie. Sie wünschte sich, das Baby würde zu saugen aufhören und einschlafen, damit sie sich wieder auf den Weg machen konnte, bevor es zu dunkel wurde.

Das tiefe Stöhnen des Windes wirkte anheimelnd; dieses Geräusch hatte sie in ihrem Schlafzimmer zu Hause oft gehört. Am liebsten wäre sie eingenickt, zwang sich aber, wach zu bleiben, indem sie an ihren Fingernägeln kaute. Das Baby begann mit offen stehendem Mund einzuschlafen. Sie zog ihm sein Mätzchen wieder über die Ohren und zupfte das Wickeltuch zurecht; dann zog sie ihr Sweatshirt herunter und stand auf. In ihrem Kopf drehte sich alles, und sie wäre beinahe umgefallen. Sie legte den Kleinen rasch zurück auf die Strohballen, ging in die Knie und würgte heftig. Sie würde doch hoffentlich nicht gerade jetzt, da sie sich dem Ende ihrer Reise näherte, krank werden? Sie wollte nicht krank sein, wenn sie Rose traf – auf dem Schiff, auf dem sie von Irland herübergekommen war, hatte sie genug durchgemacht. Rose würde ja glauben, dass sie ständig kotzen musste. Sie wollte sich das Haar glattbürsten und sauber und ordentlich aussehen, aber im Moment konnte sie nicht viel dafür tun. Das Übelkeitsgefühl ließ nach, aber in ihrem Magen gurgelte es. Hunger – das war's.

Nachdem sie sich mühsam den Rucksack wieder über die Schultern gewuchtet hatte, blickte sie auf das schlafende Baby hinab. Sie scheute sich davor, ihn wieder aufnehmen zu müssen und den Druck seines Körpers an ihren pochenden Brüsten zu spüren. Aber weit hatte sie es ja nun nicht mehr – nur noch über das Feld zu den Wohnwagen. Sobald sie erst bei Rose war, würde alles gut werden. Rose war wohl der netteste Mensch, der ihr je begegnet war. Nach einem Schluck Wasser und ein bisschen Ruhe würde sie in der Lage sein, das Baby und sich selber zu waschen. Und Rose würde ihr bestimmt dabei zur Hand gehen.

Aus einer dunklen Ecke hörte sie etwas rascheln, und ihr Herz begann zu hämmern. Es war ein Tier in diesem Stall, ein Schaf oder eine Ziege oder sonst etwas. Sie konnte das Weiße in seinen Augen sehen und bekam eine Gänsehaut. Hier drinnen war es ihr nicht geheuer. Übelkeit und Schwindelgefühl stellten sich wieder ein. Sie sollte zusehen, dass sie schnell hier herauskam und etwas frische Luft schnappte, ehe sie umkippte. Sie musste unbedingt Rose finden. Sie brauchte Hilfe.

Sie taumelte über die Erdfurchen und dann quer über das Feld, immer auf den Leuchtturm zu, dessen heller Strahl den Himmel durchschnitt, während es nach und nach dunkler wurde. Der Wind war kalt, aber sie spürte, wie ihr am ganzen Körper der Schweiß ausbrach. Als sie sich dem Weißdorndickicht näherte, konnte sie zwischen den zitternden Zweigen hindurch die langen, wie zu einer Wagenburg zusammengestellten Wohnanhänger sehen und einen großen gelben Bagger. Das musste es sein – Rose hatte ihr erzählt, dass die Studenten dabei mithalfen, ein altes Hotel wieder aufzubauen. Gott sei Dank! Viel weiter hätte sie es nicht mehr geschafft. Ein paar Leute warfen gerade Äste in ein Feuer, und die Funken sprühten hoch in die Luft wie ein Feuerwerk. Clare taumelte auf die Gruppe zu, die ihr Gespräch unterbrach und ihr neugierig entgegensah. Sie wirkten ziemlich jung; wahrscheinlich waren sie alle Studenten wie Rose.

»Suchen Sie jemanden?«, rief ihr einer der jungen Männer entgegen.

»Rose. Ich such nach Rose.«

»Sind Sie sicher, dass Sie hier richtig sind?«

Fast war es Clare, als müsse sie nun alle Hoffnung sinken lassen, aber sie nickte. »Ich habe sie letzten Juli kennengelernt ... auf der Fähre von Irland.«

Die jungen Leute scharten sich um sie und musterten sie. »Meinst du die Rose von Cormorants, die Freundin von Mark?«, fragte eines der Mädchen.

Clare nickte noch einmal. An Mark konnte sie sich erinnern. Er hatte nur wenig gesprochen und einen irgendwie bedrückten Eindruck gemacht. Aber er hatte sie ganz bis nach Hereford in seinem Wagen mitgenommen.

»Mark!«, rief jemand. »Hier ist eine junge Frau, die nach Rose fragt.«

Und dann kam Mark auch schon auf sie zu. Er war größer, als sie ihn in Erinnerung hatte, und er trug eine lederne Motorradkluft. Er stellte sich vor Clare hin und betrachtete sie ausdruckslos.

»Rose ist nicht hier«, sagte er. »Sie arbeitet bei ihrer Großmutter in Afrika.«

Clare spürte, wie die letzte Kraft aus ihren Gliedern wich. War denn alles umsonst gewesen? In ihrem Kopf begann es sich wieder zu drehen, und dann drang ein schrilles Kreischen in ihr Ohr. Musste das Baby etwa schon wieder gefüttert werden? Schließlich schienen die Beine unter ihr nachzugeben. Sie merkte nur noch, wie sie gegen jemanden fiel und dann zu Boden sank.

»Rachel, du Arme.« Sophie wühlte in ihrer Handtasche nach einer Packung Papiertücher und schob sie ihr über den Tisch hinweg zu. »Und du hattest nicht irgendwo tief in dir die leiseste Vorahnung, dass Sandro dich verlassen könnte?«

Rachel putzte sich die Nase. Sie war schon ganz rot; so sehr hatte sie seit Jahren nicht mehr geweint. Sie schüttelte den Kopf. »Es gab nicht den geringsten Hinweis. Und ich kann mir absolut keinen Grund vorstellen, warum er das tun sollte. Das mit dem italienischen Restaurant war schließlich seine Idee gewesen. Er war so Feuer und Flamme davon und so überzeugt, dass es ein Erfolg werden würde.«

Sophie rutschte mit ihrem Stuhl näher zu Rachel heran und nahm ihre Hand. »Also, ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass Sandro ohne einen triftigen Grund so mir nichts, dir nichts verschwindet – dazu ist er doch ein viel zu netter Kerl. Vielleicht ist in Italien irgendwas passiert ... irgendwas mit seiner Familie ...«

»Aber warum hat er dann nichts davon gesagt?«, entrüstete sich Rachel. »Die Leute in dem Hotel in Shanklin wissen von gar nichts. Es ist, als wäre er spurlos vom Erdboden verschwunden.«

Sophie sah Rachel aus ihren braunen Augen voller Mitgefühl an. Sie schnalzte mit der Zunge und zupfte an einer Locke ihres dunklen Haares. Rachel schaute sich in ihrem frisch renovierten Café um. Überall lagen halb ausgepackte Kartons und gestapelte Regalteile, die darauf warteten, zusammengebaut zu werden. Plötzlich warf Rachel die Arme in die Höhe – eine dramatische Geste, die sie sich bei Sandro abgeguckt hatte und die sie sich jetzt wohl schnell wieder abgewöhnen müsste, dachte Sophie. »Und dabei hatten wir vorgehabt, am Wochenende des Valentinstags zu eröffnen. Bis dahin sind es nur noch ein paar Wochen!«

Jemand klopfte lautstark an die Glastür.

»Das ist Jill«, sagte Sophie und stand auf, um ihr zu öffnen.

»Weiß sie es schon?« Rachel war verunsichert; Jill würde bestimmt eine ätzende Bemerkung fallen lassen.

Sophie biss sich auf die Unterlippe und nickte. »Sie hat angerufen, als ich gerade zur Tür raus wollte. Aber wenn du möchtest, sage ich ihr, sie soll wieder gehen.«

Rachel schüttelte den Kopf. »Spar dir die Mühe. Bald wird es sowieso jeder erfahren.« Alle werden mich auslachen, dachte sie.

Jill kam hereinstolziert; die Absätze ihrer hochhackigen schwarzen Stiefel klapperten auf den Bodenfliesen. Ein kalter Hauch salziger Luft schlüpfte mit ihr in das Café. Sie nahm ihr rosa und lila meliertes Halstuch ab.

»Und?«, verlangte sie zu wissen. »Ist dein Gigolo wieder aufgetaucht?«

Wiederum schüttelte Rachel den Kopf. Sie merkte, wie Sophie Jill einen strafenden Blick zuwarf, als wolle sie ihr bedeuten, besser ihre Zunge im Zaum zu halten.

»Habe ich mir doch gleich gedacht. Hier herrscht ja eine Stimmung wie in einem Totenhaus.« Jill nahm am Tisch Platz und bediente sich mit Kaffee. »Ich habe einen beschissenen Tag hinter mir und bin nicht gerade in der Stimmung, viel Trost zu spenden. Wenn du mich fragst, Rachel, bist du ohne ihn besser dran. Ich habe Sandro nie gemocht. Er war ein Klugscheißer.«

»Sprich dich ruhig aus«, sagte Rachel. Sie wusste nicht, ob sie sich durch Jills Unverblümtheit getröstet oder gekränkt fühlen sollte.

»Hat er die Finger nur in dein Höschen gesteckt oder auch in dein Bankguthaben?«

»Das nicht.« Rachel legte die Hand auf Sophies Arm. »Aber wir haben eine Menge in das Unternehmen investiert.

»Ja, das kann man laut sagen. Wollen bloß hoffen, dass du es nicht bereust.«

»Jill! Sei nicht so herzlos!« Schützend lehnte Sophie sich an Rachel. »Ich hoffe, dass du mit deinen Patienten etwas feinfühliger umgehst.«

»Das ist etwas anderes. Ihr seid meine Freundinnen, und um euch mach ich mir Sorgen.« Sie nahm einen kräftigen Schluck Kaffee und rümpfte die Nase. »Der ist ja schon kalt. Also jedenfalls war dieser aalglatte Sandro ein Schleimscheißer. Man bekommt ein Gespür dafür, wenn man sich den ganzen Tag den Mist anhören muss, den manche Leute von sich geben, das könnt ihr mir glauben.« Sie grinste. »Okay, ich will gerne einräumen, dass er einen gewissen sexuellen Reiz hatte – das Latin-Lover-Syndrom eben. Trotzdem war es klar, dass es mit euch nicht gut gehen konnte – dazu wart ihr viel zu sehr ein Abziehbild von Romeo und Julia.«

»Wohl kaum.« Rachel brachte ein schwaches Lächeln zustande. »Eher wie Richard und Judy aus der Serie im Fernsehen.« Sie nahm eine weiße Leinenserviette von einem Stapel, den sie gerade ausgepackt hatte, und benutzte sie, um ihr verlaufenes Make-up abzutupfen. »Aber ist es nicht irgendwie pervers? Als Jugendliche findet man den Gedanken abstoßend, dass Leute mittleren Alters noch Sex haben. Aber dann ist man selber plötzlich vierzig und stellt fest, dass man sich nach wie vor wie ein scharfer Teenager fühlen kann.« Sie knüllte die Serviette zusammen und warf sie quer durch den Raum, wo sie auf einem Glas mit bunten Nudeln hängen blieb. »Es ist, als könnten unsere ursprünglichsten Bedürfnisse nicht mit unseren alternden Körpern Schritt halten. Oder meinetwegen auch umgekehrt. Ach, ich weiß gar nicht mehr, was ich noch denken soll.«

»Nun, ich konnte dich sehr gut verstehen«, sagte Sophie und nickte mit Nachdruck.

Jill gab ein grunzendes Geräusch von sich und stand auf, um die Kaffeemaschine einzuschalten. »Da könnt ihr euch ja beglückwünschen.« Sie beäugte ihr verzerrtes Spiegelbild in der Kücheneinrichtung aus Edelstahl, zog den Bauch ein, strich sich über ihren kurvenreichen Körper in dem maßgeschneiderten Hosenanzug und ließ ihre goldenen Armreife klimpern. Dann lehnte sie sich mit einem Stöhnen gegen den Küchentresen mit der marmornen Arbeitsplatte. »Ich kann mich nicht erinnern, wann es mich das letzte Mal gekitzelt hat, von Scharfsein ganz zu schweigen.«

Mit einem Male setzte Rachel sich kerzengerade auf. »Wer hat noch mal dieses Lied gesungen, dass Robert de Niro italienisch spricht?« Auf eine Antwort wartend blickte sie von der einen zu anderen. Sophie erwiderte den Blick. Ihr Gesicht war besorgt, aber sie schwieg. Jill verzog den Mund und trommelte mit ihren feuerroten Fingernägeln auf dem Tresen. »War das nicht irgendwas mit Bananen?«, fragte sie.

»Genau! Bananarama.« Rachel schniefte. »Na, jetzt weiß ich jedenfalls, was daran so aufregend war. Das hat einen so richtig angemacht, all dies amore.« Sie schnäuzte sich noch einmal. »Sandro und ich ... wir haben miteinander geschlafen, während wir Andrea Bocelli bei voller Lautstärke spielen ließen.«

»Wie erbärmlich«, murmelte Jill. Sie setzte sich wieder hin und schenkte Kaffee nach.

»Und nun seht euch an, was heute gekommen ist!« Rachel sprang von ihrem Stuhl auf und riss an einem ramponierten Pappkarton. Dann trat sie einen Schritt zurück, damit Sophie und Jill die beidseitig beschreibbare Menütafel bewundern konnten, die abends flankiert von zwei Olivenbäumchen in Terrakottatöpfen vor dem Café aufgestellt werden sollte. Die Tafel war mit handbemalten dunkelblauen Weintrauben und Chiantiflaschen verziert, und darüber thronte ein Schild, auf dem in Schönschrift Sandro's Italian Restaurant zu lesen war.

Jill stand auf, um sich die Tafel näher anzusehen. »Schick ihm die verdammte Rechnung«, erklärte sie.

Rachel seufzte und ließ sich zurück auf ihren Stuhl sinken. »Würde ich ja, wenn ich nur wüsste, wohin.«

»Er ist wahrscheinlich wieder in Italien bei seiner Frau und ihren sechs Kindern.« Jill drapierte ein Stück Pappe über dem Namensschild, als wolle sie es einfach verschwinden lassen – so, wie Sandro verschwunden war. »Und da ist er auch besser aufgehoben. Er hat eine wundervolle Frau wie dich gar nicht verdient.«

Rachel blickte überrascht auf. Sie war immer davon ausgegangen, dass Jill von Cormorants, ihrer viktorianischen Villa hoch über der Ventnor Bay, ein wenig auf sie herabblickte. Aber Jill hatte während der vergangenen Monate auch einige Rückschläge einstecken müssen. Komisch, dachte sie, während sie ihre beiden Freundinnen ansah. Sophie schien sich seit ihrem langen Urlaub mit Nick in Neuseeland weitaus wohler in ihrer Haut zu fühlen; ihr olivfarbener Teint ließ ihr Gesicht rundlicher erscheinen – als hätte sie sich liften lassen. Jill dagegen, die stets guten Mutes gewesen war und ihre appetitlichen Rundungen gerne zur Schau stellte, wirkte eher hager, als hätten ihre überlaufene Praxis, ihre aufmüpfigen Kinder und ihr ständig auf Abwegen befindlicher Ehemann sie irgendwie knochiger werden lassen. Es schien ihr nicht zu gelingen, eine einzige Sekunde lang nicht in Bewegung zu sein. In diesem Moment wühlte sie gerade in den Menükarten, als sei sie verbissen dabei, sie zu zählen. War das nicht genau das, wovon sie ihre Patienten heilen sollte? Am Ende war so ein Verhalten ansteckend.

Wir Frauen, dachte Rachel. Unser Leben ist ein ständiges Auf und Ab, und dann helfen wir uns wieder gegenseitig auf die Beine. Sieht so aus, als wäre ich jetzt an der Reihe, ein bisschen aufgebaut zu werden.

»Es macht mich einfach so wütend.« Jill begann wieder hin und her zu laufen, riss sich die Haarspange herunter, schüttelte ihr kastanienbraunes Haar und bändigte es wieder. »Männer können so verdammte Arschlöcher –«

»Nicht alle Männer«, unterbrach Sophie sie.

»Schön, dein Nick ist eine Ausnahme. Er ist richtig erwachsen – findet man bei Männern selten.«

»Und dann gibt's da noch Neptun und Kyp und Chas – alles nette Kerle«, setzte Sophie nach. »Von Rachels Söhnen ganz zu schweigen und auch von –«

»Pater Michael«, beendete Rachel den Satz für sie. »Und von dem reizenden Menschen, der meine Lieferungen –«

»Schon gut, SCHON GUT!« Jill zog sich einen Stuhl heran und setzte sich wieder. »Also schön, es gibt da eine kleine Minderheit. Aber trotzdem. Was willst du nun ohne deinen italienischen Chefkoch anfangen? Du hast doch schon Reklame für die Restauranteröffnung gemacht. Wir müssen uns was einfallen lassen.«

Eine Weile lang saßen sie schweigend da, tranken Kaffee und leerten rapide eine Großverbraucherpackung After Eight. Rachel fiel es schwer, sich auf das Finden einer Lösung zu konzentrieren. Sie konnte an nichts anderes als an ihren stattlichen, zärtlichen und etwas lauten Sandro denken, wie er Italienisch sprach, sie mit seiner amore betörte. Sie hatte noch nie einen Liebhaber wie ihn erlebt. Ja, so dachte sie von ihm – als ihrem Liebhaber. Sie hatte sich nie ein Leben mit ihm an ihrer Seite ausgemalt. Es war so mitreißend gewesen, diesen energischen, zehn Jahre jüngeren Mann zu »besitzen«, der so sinnliche Dinge mit ihrem Körper anzustellen wusste und dessen Atem sie nachts auf ihrem Nacken spürte. Sie ließ ein lange angestautes Schluchzen heraus. Spontan umfingen sie Sophies Arme. Wie tröstlich, Freundinnen zu haben, die wussten, wie es war, bitter enttäuscht zu werden. Das hatten sie alle drei durchgemacht – weiß Gott

Jill warf einen sehnsüchtigen Blick auf das Weinregal. »Für einen Schluck ist es wohl noch zu früh?«

»Nun, dies ist immerhin eine Krisensitzung«, entschied Sophie.

Rachel zeigte auf den elektrischen Korkenzieher und schnäuzte sich mit einem letzten Tusch die Nase. Dann nahm sie die CD von Andrea Bocelli, drückte sie in die Kunststoffhülle und schleuderte sie wie ein Frisbee quer durch den Raum. Sie knallte gegen die Wand und fiel dann scheppernd auf die teuren, schwarz-weißen Bodenfliesen. Der Deckel der Hülle brach ab und offenbarte ein Foto des Schnulzensängers, wie er gerade die Nase zwischen die Blütenblätter einer langstieligen Rose steckte. »Verdammte romanza!«, fluchte Rachel.

Fran drückte exakt an der Stelle auf die Pausentaste des Videorekorders, als Nurejew während des Pas de deux die Fonteyn so mühelos über seine Schulter legte, als wäre sie ein seidener Umhang. Fran fühlte sich so schwerelos, als würde sie selber in dem Ballett tanzen, und es dauerte eine Weile, bis sie sich in ihrem eigenen Körper wiederfand. Schließlich saß sie da und starrte auf das Standbild auf dem Fernsehschirm – wie festgepinnte Schmetterlinge unter Glas, dachte sie. Wer würde glauben, dass Margot, die Julia von Rudolfs Romeo, bereits über fünfzig war? In ihrem fließenden Chiffon wirkte sie so schlank und geschmeidig wie ein junges Mädchen. Nichts von dem Speck, der aufsteigenden Hitze und den steifen Gelenken der mittleren Lebensjahre. Wahrscheinlich taten ihr die Füße weh, aber ansonsten hatte sie sich tadellos gehalten. Fran blickte an sich hinunter – stämmige Figur, entzündete Fußballen und eine blaugeäderte, gichtige Hand, mit der sie die gewaltige Perserkatze auf ihrem Schoß streichelte. Seufzend nahm sie die Katze hoch und setzte sie behutsam auf dem Teppich ab. Inmitten einer Masse weißen Flaums sah Fran zwei orange glühende Augen, deren Blick vorwurfsvoll auf sie gerichtet war.

»Nichts für ungut, Sugar Plum, aber es wird mir zu warm mit dir«, sagte Fran, denn auch ihr Landhausherd verbreitete Hitze. Das Trumm aus Stahlguss gab gurgelnde Geräusche von sich, als würde in seinem höhlenartigen Inneren ein nahrhaftes Stew zubereitet, während es in Wirklichkeit doch nur vorgeheizt wurde, um Steak Pie aus der Packung und Backofenpommes darin anzuwärmen. Vielleicht sollte sie noch ein paar von Teds Karotten schälen, dachte Fran – wenn sie die Energie aufbrachte, sich aus den Tiefen ihres Sessels zu erheben. Sie schaltete den Rekorder ab, denn sie hatte gehört, dass es Videobändern nicht gut bekam, wenn man sie zu lange in Pausenstellung verharren ließ, und sie wollte nicht, dass die Aufzeichnung, an der ihr so viel lag, Schaden nahm. Während sie nachher ihr Abendessen verzehrte, konnte sie sich Schwanensee zu Ende ansehen.

Sugar Plum gähnte und offenbarte dabei die ganze Pracht ihrer rosa Zunge inmitten des schneeweißen Fells. Steifbeinig ging sie zum Herd hinüber und streckte dabei die Hinterbeine aus. Sie schnüffelte an der Pappkiste vor der Kochstelle und schob sich zwischen den Herd und die schnarchende Cinders, um den ihr zustehenden Platz auf dem abgetretenen Läufer zu beanspruchen. Dann fing sie an, sich zu putzen, vergrub die Schnauze tief in ihrem dichten Pelz und verströmte dabei den Geruch feuchten Fells.

»Du wirst noch ganz klettig«, murmelte Fran und stemmte sich mühsam aus ihrem Sessel hoch. Als sie sich neben dem Karton hinkniete, hörte sie es in ihren Kniegelenken und ihrem Rücken knacken. Wie viele Pappkisten mochten über die Jahre nach und nach neben diesem Herd gestanden haben? Wie viele Jungtiere hatten sich hier eingekuschelt, sich das Fell angekokelt und die Küche mit dem Gestank sengenden, feuchten Haares erfüllt? Konnte es sein, dass sie als Baby selber in einem solchen Pappkarton geschlafen hatte? Sie zog das Deckchen beiseite und legte die Hand auf das winzige Tier, das darunter schlief. »Wie geht's dir, kleines Lämmchen?«, murmelte sie. Bei der Berührung zuckte das Neugeborene. Die Katze hielt in ihrem Putzvorgang inne; die Hündin hob den Kopf und gab ein fragendes Wuff von sich.

Fran stand auf, holte das Fläschchen und drückte auf den schwarzen Gummisauger, um sich Milch in den Mund zu spritzen und deren Temperatur zu testen. Dann nahm sie das Lamm aus der Kiste und setzte sich an den Küchentisch. Sie hielt es unter dem Arm, während sie ihm behutsam die widerstrebenden Kiefer aufdrückte, um den Sauger dazwischenzuschieben. Dies war ihr erster Versuch, ein Lamm mit einer Babyflasche zu füttern. Vorher hatte sie ihm mittels einer Pipette das Sekret eingeflößt, das die Zitzen des Muttertiers unmittelbar nach der Geburt absonderten; nun wollte sie sichergehen, dass das Lamm auch an den Zitzen saugen würde, wenn sie es zu seiner Mutter zurückbrachte. Das Lamm schüttelte den Kopf, schnaubte und zeigte durchaus Interesse an dem Milchgeschmack, begann dann aber, den Kopf hin und her zu werfen, wobei die Milch verspritzte, bis es endlich begriff und sich an dem Gummi festsaugte. »Lass dir ruhig Zeit«, ermunterte Fran das Tier leise. Das Lamm fühlte sich warm an und hatte eine dünne Fettschicht; es würde überleben. Es war zwar ziemlich klein, aber nicht so mager wie sein Zwilling, der inzwischen vermutlich gestorben war. Bald würde sie das tote Lämmchen gegen dieses austauschen – nun, da sie von seiner Überlebenschance überzeugt war.

Sie wiegte das Lamm in ihrem Arm, während sie es fütterte und ihm dabei den Tanz der kleinen Schwäne vorsummte. Trotz allem war sie erleichtert. Es war riskant gewesen, die alte Beauty ausgerechnet im Januar lammen zu lassen, aber nun hatte sie es hinter sich gebracht, und es würde für sie wohl auch das letzte Mal sein. Schade nur, dass es ein Böckchen geworden war. Fran konnte den Gedanken kaum ertragen, nicht wenigstens ein Lamm zum Bemuttern zu haben. Das Aufziehen von Schafen lag ihr im Blut, war Tradition in ihrer Familie. Fast konnte sie Phillip, ihren jüngeren Bruder, hören, wie er sich irgendwo draußen im australischen Hinterland, wohin er vor Jahren ausgewandert war, um ernsthaft Schafzucht zu betreiben, über sie mokierte. Er würde sich darüber totlachen, was von der Rocken Edge Farm, der Familienfarm, übrig geblieben war. Doch als solche betrachtete Fran sie immer noch, obwohl sie nun auf ein paar wenige Haustiere und Hühner reduziert war. Bleak Field, das verbliebene Weideland, war an Blackgang Ted verpachtet, damit er darauf seine im Schwinden begriffene Herde grasen lassen konnte.

Fran legte das Lämmchen zurück in seinen Karton, füllte Sugar Plums Futternapf und stellte ihr eigenes Abendessen in den Herd. Sie hatte keine Lust mehr, Mohrrüben zu schälen. Erbsen aus der Tiefkühlpackung taten es auch.

Cinders stand auf, schüttelte sich und ging mit hochgestellten Ohren zur Haustür, wo sie an der Bodenspalte schnüffelte, als ob sie ergründen wollte, wie das Wetter war. Schließlich sah sie Fran an und winselte. Fran grinste – wahrscheinlich musste die Hündin mal wieder raus, und das war ein gutes Anzeichen dafür, dass sie trächtig war. Fran freute sich schon darauf, wieder einen Wurf Welpen zu bekommen, die sich dann vor dem Herd tummelten. Sobald die kleinen Hunde von der Mutter entwöhnt waren, wollte sie Sugar Plum zu Ted bringen, damit es dort zu einer Annäherung zwischen ihr und dem kräftigen Kater ihres Nachbarn kam. Es war Zeit, dass Sugar Plum zum ersten Mal Junge bekam – das sollte sie von ihrem Hochmut abbringen. Fran stopfte ihr graues Haar unter ihre Wollmütze, streifte ihren Dufflecoat und die Gummistiefel über und öffnete die Tür. »Na, dann mal los«, rief sie ihre schon ganz aufgeregte Colliehündin.

Der Wind hatte aufgefrischt und heulte kummervoll; ihn begleitete ein Vorgeschmack auf nahenden Frost, der sich aber hier unten am Undercliff selten wirklich einstellte. Die Wolken verzogen sich und offenbarten den mit Sternen gesprenkelten Abendhimmel. Vom Meer hörte Fran das gleichmäßige Rollen der Wellen und das Knirschen der Kiesel. Der Lichtstrahl des Leuchtturms ließ die weißen Schaumkämme glitzern, wenn er über die Wasseroberfläche strich. Sie atmete tief durch, füllte ihre Lunge mit der kalten, salzigen Luft. Sie sollte nicht zu lange ausbleiben; sie musste nach Beauty sehen. Die Geburt war Schwerstarbeit für sie gewesen, und Fran hatte kurz davor gestanden, den Tierarzt anzurufen, aber dann hatten sie und Beauty es doch noch alleine geschafft.

Sie ging quer über den Hof zum Stall, damit sich Cinders eine passende Stelle erschnüffeln konnte. Das Tor schien vom Wind aufgeweht worden zu sein; offenbar hatte sie es nicht fest genug verriegelt. Das war nicht sehr umsichtig von ihr gewesen, denn die Tiere waren so dem Zugwind ausgesetzt, und das kleine Lämmchen konnte einen Fuchs auf der Suche nach Beute anlocken. Beauty stand bewegungslos in ihrer Schafhürde. Fran kraulte ihr den Kopf und die Ohren. »Immer mit der Ruhe, altes Mädchen«, murmelte sie. Das zweite Lämmchen lag zwischen den Hufen seiner Mutter im Stroh. Fran nahm es hoch, aber es hing ihr leblos im Arm. Sie legte es neben dem Tor ab und ging zurück ins Haus, um sein Brüderchen zu holen. Dann rieb sie es an Beautys Fell, damit es den Geruch seiner Mutter annahm, und hielt das warme, blökende Jungtier dem alten Schaf hin, damit Beauty es ausgiebig beschnüffeln konnte. Beauty zitterte ein wenig; das Lämmchen stupste sie mit seiner Nase. Fran versuchte – ergebnislos – das Kleine zu ermuntern, sich doch mal an den Zitzen seiner Mutter gütlich zu tun. Schließlich bettete sie es in das Stroh, damit der Temperaturunterschied nicht zu heftig war. Bei dem Gedanken daran, dass ihr Vater bei extrem kalter Witterung manchmal nicht bloß die Lämmchen, sondern auch deren Mutter mit ins Haus genommen hatte, musste sie lächeln. Sie ging wieder nach draußen, um ihre Täubchen in ihrem Schlag gurren zu hören, scheuchte die Hühner in den Stall und füllte den Wassereimer. Cinders schnüffelte immer noch herum. Dann hüpfte sie zusammen mit Fran zurück in den Stall und fing urplötzlich an zu bellen.