Beschreibung

Am Ende der Zeit

Die Menschheit steht am Abgrund: Lange schon wird sie von den außerirdischen Qax unterdrückt, als ein Schiff durch ein Wurmloch kommt. Die Cauchy startete in der Vergangenheit an der Spitze eines Wurmloches, das sich mit Lichtgeschwindigkeit bewegt, und legte so 1.500 Jahre zurück. Dadurch bietet sich einer kleinen Gruppe Rebellen die Chance, durch das Wurmloch in die Vergangenheit zurückzukehren. Mit dabei ist ein junger Wissenschaftler, der sich nun gegen die Invasion, die eigentlich erst in der Zukunft stattfinden wird, wehrten will. Dabei gewinnt er Einblicke in eine Zukunft, die er lieber nicht gesehen hätte … Und auch die Qax sind fest entschlossen, die Reise in die Vergangenheit anzutreten, um auch dort die Menschheit zu versklaven …

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 352


STEPHEN BAXTER

DAS GEFLECHT DER UNENDLICHKEIT

Roman

1WIEEIN STEIN, der aus einer blauen Schüssel herausgeschleudert wurde, löste sich der Raumgleiter von der besetzten Erde. Glitzernd und taumelnd gewann das kleine zylindrische Raumschiff an Höhe.

Der Qax-Gouverneur auf Terra hatte an Jasoft Parz die Aufforderung ergehen lassen, sich in der Erdumlaufbahn zu einem Meeting einzufinden. Parz zermarterte sich das Gehirn, das seit den Jahren seines diplomatischen Dienstes nur noch in starren Mustern dachte, nach den möglichen Gründen dieser Vorladung. Natürlich; es musste mit dem Erscheinen dieses verdammten Wurmlochs zu tun haben, das die Qax wie einen Schwarm Hornissen aufgescheucht hatte.

Aber warum sollte er sich gerade jetzt melden? Was war geschehen?

Proportional zur zunehmenden Entfernung von der Erde wuchs auch Parz’ Besorgnis.

Parz war allein in dem automatisierten Raumer. Er sah, wie Bahnen von aquamarinfarbenem terrestrischen Licht durch die kleinen Bullaugen stachen, der Rotation des Bootes folgten und durch die staubige Atmosphäre schnitten. Wie immer nahm ihm die glühende Unschuld des Planeten den Atem. Zwei Jahrhunderte Besatzung durch die Qax hatten nur wenige sichtbare Narben auf der Erde hinterlassen – viel weniger jedenfalls, als die Menschen während ihres langsamen und unbedachten Aufstieges zu einer technischen Zivilisation verursacht hatten. Doch nach wie vor waren die von den Qax betriebenen Planktonfarmen, die sich als grüne Grenzen um jeden Kontinent legten, ein bedrückender Anblick; genauso wie die landeinwärts verstreuten glasierten Flächen, die vom kurzen und ruhmlosen Kampf der Menschheit gegen die Qax kündeten.

Wie oft schon hatte Parz diese spiegelnden Abschnitte aus dem Weltraum studiert? Hundertmal, tausendmal? Und jedesmal hatte er angestrengt versucht, sich an die Reaktion zu erinnern, mit der er als Jugendlicher zum ersten Mal die zerstörten Städte betrachtet hatte. Dieser befreiende, lodernde Zorn; die Entschlossenheit, keinen Mitläufer abzugeben, wie die anderen es getan hatten. Ja, er würde im Rahmen des Systems mitarbeiten – sogar eine Laufbahn im verhassten diplomatischen Dienst einschlagen, dieser kollaborativen Mittlerinstanz zwischen Menschen und Qax. Doch ihm war es dabei nur darum gegangen, einen Weg zu finden, der Menschheit ihren Stolz wiederzugeben.

Na, Jasoft, fragte er sich; und was ist aus all den hehren Zielen geworden? Wo sind sie abhanden gekommen, in all diesen düsteren Jahren? Parz stocherte in seinen abgestumpften alten Emotionen. Manchmal fragte er sich, ob er überhaupt noch in der Lage war, echte Gefühle zu entwickeln; sogar die zerstörten Städte wirkten jetzt nicht mehr so deprimierend auf ihn und dienten vielmehr dazu, nostalgische Erinnerungen an seine Jugend hervorzurufen.

Natürlich hätte er die Qax im Bedarfsfall sogar für die biologische Tatsache verantwortlich machen können, dass er älter wurde. Hatten diese nämlich nicht wenige Monate nach ihrer Invasion die Grundlagen der menschlichen AntiSenescence-Technologie zerstört?

Manchmal fragte sich Parz, wie man sich wohl als AS-konservierter Mensch fühlen würde. Welchen Wert sollte Nostalgie für einen Unsterblichen dann noch haben?

Ein leises Klingeln lief durch den Raumer und wies Parz darauf hin, dass seine Begegnung mit der Spline-Flotte in weniger als fünf Minuten bevorstehen würde. Parz lehnte sich in seinem Sessel zurück und schloss die Augen; er seufzte leise, als die semi-adaptiven Polster sich der Kontur der Wirbelsäule anpassten und die schmerzende Rückenmuskulatur massierten, und legte die knochigen, leberfleckigen Hände auf die Brieftasche auf der kleinen Ablage vor sich. Er versuchte, sich auf das baldige Treffen mit dem Gouverneur einzustimmen. Es würde eine schwierige Angelegenheit werden – aber war es jemals einfach gewesen? Parz stand vor der Herausforderung, den Gouverneur irgendwie milde zu stimmen: ihn dazu zu bewegen, angesichts des Wurmloch-Zwischenfalls nicht zu drastischen Maßnahmen zu greifen und das Besatzungsregime nicht weiter zu verschärfen.

Als ob dies das Stichwort gewesen wäre, schob sich das mehrere Kilometer durchmessende Spline-Flaggschiff des Gouverneurs in sein Blickfeld und ließ die Erde plötzlich ganz klein erscheinen. Parz konnte sich der Wirkung des Anblicks dieses riesigen Schiffes nicht entziehen. Das Flaggschiff war eine Kugel, frei von den Aufschriften und Markierungen, mit denen vor einigen Jahrhunderten die Raumschiffe der Menschheit versehen waren. Die Hülle bestand weder aus Kunststoff noch aus Metall, sondern aus einem runzligen, lederartigen Überzug, der an die Haut eines vernarbten alten Elefanten erinnerte. Diese ›Haut‹ war mit metergroßen Pockennarben übersät, großen Stückpforten, in denen unübersehbar Sensoren und Waffen glitzerten. In einem dieser Löcher rollte ein Auge und fixierte Parz eindringlich; das Auge war eine drei Meter breite Kugel und wirkte erschreckend menschlich; ein Zeugnis der Macht konvergenter Evolution. Parz wandte sich ab und fühlte sich fast schuldig deswegen. Wie die übrigen Organe des Spline war das Auge vergütet worden, um die Belastungen eines Raumfluges überstehen zu können – einschließlich der verschärften Bedingungen im Hyperraum – und für die Bedürfnisse der Raumschiffbesatzung modifiziert. Doch Parz wusste, dass der Spline nach wie vor ein eigenes Wahrnehmungsvermögen besaß; und er fragte sich, in welchem Maße die Intensität dieses großen Blicks durch das Bewusstsein des Spline selbst, beziehungsweise durch die Sekundärbeobachtung der Besatzung hervorgerufen wurde.

Parz schob das Gesicht näher an das Bullauge. Oberhalb des fleischigen Horizontes des Spline hob sich die Krümmung eines blauen Segmentes der Erde gegen die Dunkelheit ab, und dem alten Mann war es, als ob ein Stahlseil sein Herz zu diesem unerreichbaren Stück seines Heimatplaneten zerren wollte. Und über dem blauen Segment ortete er ein weiteres Spline-Schiff, das perspektivisch auf die Größe seiner Faust reduziert wurde. Er erkannte, dass es sich bei diesem Raumer um ein Kriegsschiff handelte; seine biologische Hülle starrte vor Geschützständen – die meisten waren drohend auf Parz gerichtet, als ob sie ihn dazu auffordern wollten, es doch mal zu versuchen. Die massive Drohung des kilometergroßen Schlachtschiffes wirkte lächerlich auf Parz; er schüttelte eine knochige Faust gegen den Spline und streckte ihm die Zunge heraus.

Jetzt registrierte er, dass oberhalb des Kriegsschiffes noch ein weiteres Spline-Schiff stand, und zwar in einer solchen Entfernung, dass Parz es trotz der durch Horn- und Netzhautverstärkung optimierten Optik nur als pinkbraunen Punkt ausmachen konnte. Und hinter diesem Raumer rollte noch ein Spline durch das All. Wie fleischgewordene Monde umkreiste die Flotte die Erde mit spielerischer Dominanz.

Parz war einer von einer Handvoll Menschen, die seit der Implementierung des Besatzungsstatuts durch die Qax die Erde hatten verlassen dürfen, und einer von noch wenigeren, die sich überhaupt einem Abschnitt der Hauptflotte der Qax genähert hatten.

Die Menschheit war vor zweieinhalbtausend Jahren zum ersten Mal ins All gestartet, optimistisch, expandierend und voller Hoffnung … oder so kam es Jasoft jetzt zumindest vor. Dann war es zur ersten Kontaktaufnahme mit einer extraterrestrischen Spezies gekommen – einem geistigen Kollektivlebewesen mit der Bezeichnung Squeem – und alle Hoffnungen wurden zu Grabe getragen.

Die Menschheit wurde unterworfen, und die erste Besetzung der Erde begann.

Doch schließlich wurde die Herrschaft der Squeem abgeschüttelt, und die Menschheit bereiste erneut den Weltraum.

Dann waren die Qax auf ein terranisches Raumschiff gestoßen.

Zunächst war alles eitel Sonnenschein gewesen. Mit den Qax wurden Handelsbeziehungen aufgebaut und ein Kulturaustausch vorbereitet.

Aber die Freude war nur von kurzer Dauer.

Als die Qax gemerkt hatten, wie schwach und naiv die Menschen im Grunde waren, schickten sie die Spline-Kriegsschiffe los.

Dennoch hatte die Menschheit in dieser kurzen Phase der ersten Kontaktaufnahme schon am meisten über die Qax und den Grund ihrer Überlegenheit gelernt. So hatte man zum Beispiel erfahren, dass die von den Qax eingesetzten Spline-Raumschiffe von riesigen Meereslebewesen mit ausgeprägten Extremitäten abgeleitet waren, die einst die Tiefen eines planetenumspannenden Ozeans durchpflügt hatten. Die Splines hatten die Raumfahrt entwickelt und für Jahrtausende die Sterne bereist. Dann, vor etwa einer Million Jahren, hatten sie eine strategische Entscheidung getroffen.

Sie ›konstruierten‹ sich neu.

Sie beschichteten ihre Haut, vergüteten ihre inneren Organe – und erhoben sich von der Oberfläche ihres Planeten wie kilometergroße, mit Auswüchsen besetzte Ballons. Sie waren zu lebendigen Raumschiffen geworden, die sich von der kargen Materie im interstellaren Raum ernährten. Die Spline hatten sich in Trägerschiffe verwandelt, die sich durch ihre eigene Vermietung an hundert verschiedene Spezies einen Platz im Universum sicherten.

Das war keine schlechte Überlebensstrategie, sinnierte Parz. Das Operationsgebiet der Spline musste sich weit über den Raumsektor hinaus erstrecken, den die Menschheit vor der Invasion der Qax erschlossen hatte – sogar über die größere Einflusssphäre der Qax, in welche das traurige, kleine Reservat der Menschen eingebettet war.

Eines Tages würden die Qax wieder verschwinden, wusste Parz. Vielleicht würde die Menschheit das selbst besorgen; vielleicht auch nicht. Auf jeden Fall würde unter der Herrschaft einer neuen Rasse Handel getrieben, Informationen und Güter zwischen den Sternen ausgetauscht werden. Und es würde neue Kriege geben. Und nach wie vor würde es die Spline geben, die größten Schiffe überhaupt – mit der möglichen Ausnahme, konzedierte sich Parz selbst, der unvorstellbaren Flotten der Xeelee höchstselbst – die immer noch zwischen den Sternen kreuzten, unerkannt und unsterblich.

Das kleine Sichtfenster glühte kurz rot auf, wobei Laserpunkte auf dem minderwertigen Kunststoff funkelten. Dann aktivierte sich zischend ein irgendwo in dem Kleinraumschiff integrierter Translator, woraus Parz schloss, dass die Spline eine Laserbrücke geschaltet hatten. Das Bewusstsein, dass sich seine Reise ihrem Höhepunkt näherte, ließ ihn wieder innerlich erzittern; und als der Qax-Gouverneur von Terra ihn schließlich mit seiner unmodulierten, unpassend femininen Stimme ansprach, zuckte er zusammen.

»Botschafter Parz. Du hängst im Sessel wie die Pik Sieben. Bist du krank?«

Parz schnitt eine Grimasse. Er wusste, dass dies das Maximum an Etikette war, das sich ein Qax abringen konnte; es war eine seltene Ehre, die er nur seiner langen Bekanntschaft mit dem Gouverneur verdankte. »Ich habe Kreuzschmerzen, Gouverneur«, erläuterte er. »Entschuldigung. Ich werde mich dadurch aber nicht von unseren Geschäften ablenken lassen.«

»Glaube ich nicht. Warum lässt du den Schaden nicht beheben?«

Parz bemühte sich, eine zivile Antwort zu formulieren, doch im Vordergrund seines Bewusstseins stand wieder die unabweisbare Erkenntnis des Alterns. Parz war jetzt siebzig Jahre alt. Wenn er vor dem Auftauchen der Qax gelebt hätte, würde er jetzt wohl in einen Jungbrunnen steigen, den Körper entschlacken und regenerieren, den Geist wieder auf Vordermann bringen und das Reaktionsvermögen eines Kindes zurückerhalten. Doch die AntiSenescence-Technologie war nicht mehr verfügbar; offensichtlich passte es den Qax ins Konzept, dass die Menschen im Zeitablauf dahingerafft wurden. Früher, so erinnerte sich Parz, hatte er die Qax vor allem wegen dieser Maßnahme innerlich verflucht: Wegen der willkürlichen Beendigung von Milliarden Menschenleben, wegen der Vernichtung dieses ganzen Potentials. Na schön, jetzt schien er sich indessen nicht mehr allzuviel über irgend etwas aufzuregen …

Doch, so dachte er bitter, von all den Plagen, welche die Qax über die Menschheit gebracht hatten, würde er ihnen niemals seine Rückenschmerzen verzeihen.

»Danke für Ihre Güte, Gouverneur«, erwiderte er. »Mein Rücken kann nicht so einfach repariert werden. Er ist ein Parameter, mit dem ich für den Rest meines Lebens arbeiten muss.«

Das Qax ließ das kurz auf sich wirken und meinte dann: »Ich bin besorgt darüber, dass deine Funktionalität eingeschränkt ist.«

»Die Menschen sind nicht mehr unsterblich, Gouverneur«, flüsterte Parz. Und er erkühnte sich hinzuzufügen: »Gott sei Dank.« Dies war der einzige Trost des Alters, reflektierte er müde – wobei er sich im Sessel räkelte, um die Massagewirkung für die schmerzenden Körperpartien zu verstärken –, dass Besprechungen wie diese sicher bald zu einem Ende kommen mussten.

»Gut«, sagte das Qax mit einem leicht ironischen Unterton in der perfekten Kunststimme, »lass uns weitermachen, bevor dein Körper noch ganz auseinanderfällt. Das Wurmloch. Das Objekt befindet sich bereits im Kometenhalo dieses Systems.«

»In der Oort-Wolke, richtig. Knapp ein drittel Lichtjahr von der Sonne entfernt.«

Parz wartete einige Sekunden darauf, dass das Qax endlich spezifizierte, weshalb er überhaupt hierher gebracht worden war. Als das Qax sich jedoch ausschwieg, holte er einige Disketten aus seiner Mappe, präsentierte Charts mit Zahlen und Grafiken und ging so das Briefing durch, das er vorbereitet hatte.

»Es ist ein altes terranisches Artefakt«, mutmaßte das Qax.

»Ja.« Parz holte ein Chart auf den Bildschirm – glühende Gitterkonstruktionen vor einem lachsrosa Hintergrund – und schickte es per Tastendruck über die Datenleitung zum Gouverneur. »Dies ist ein Videobild der Initiierung des Wurmlochs in der Jupiterumlaufbahn, vor etwa anderthalbtausend Jahren. Der Vorgang firmierte unter der Bezeichnung ›Projekt Interface‹.« Er fuhr mit einem Fingernagel über die Abbildung, um auf die Details hinzuweisen. »Im wesentlichen bestand die Konstruktion aus zwei pyramidenförmigen Gitterrohrrahmen. Beide hatten eine Basiskantenlänge von etwa fünf Kilometern. Diese Rahmen bildeten die Begrenzung einer Raum-Zeit-Brücke.« Er blickte hoch, irgendwo in Richtung der Decke. Nicht zum ersten Mal wünschte er sich, dass er irgendein Bild vom Gouverneur hatte, an dem er seine Aufmerksamkeit festmachen konnte, nur einen kleinen Hinweis, um die in diesen Meetings herrschende Orientierungslosigkeit abzumildern. Bisher hatte er sich immer von der Aura des Gouverneurs eingeschlossen gefühlt, als ob dieser irgendein mächtiger Gott wäre. »Wollen Sie Einzelheiten hören, Gouverneur? Die sogenannte Einstein-Rosen-Brücke ermöglicht in Nullzeit den Transfer zwischen zwei Punkten im Raum-Zeit-Kontinuum aufgrund …«

»Weiter.«

Parz nickte. »Einer der Pyramiden-Gitterrohrrahmen verblieb in der Jupiter-Umlaufbahn, während der andere mit Unterlichtgeschwindigkeit von der Erde wegtransportiert wurde, in Richtung des Zentrums dieser Galaxis.«

»Warum gerade dorthin?«

Parz zuckte die Schultern. »Die Richtung war im Grunde irrelevant. Es ging nur darum, das eine Ende der Einstein-Rosen-Brücke viele Lichtjahre von der Erde entfernt zu positionieren und es später wieder zurückzuholen.«

Parz’ Terminal klingelte leise. Abbildungen, auf die das Qax jetzt direkt zugriff, liefen über den Bildschirm: Konstruktionszeichnungen der Pyramiden aus allen Perspektiven, seitenweise relativistische Gleichungen … Die Gitterkonstruktionen wirken wie Kunstwerke, dachte er; oder wie Ohrschmuck, der an der narbigen Wange des Jupiter baumelt.

»Wie wurden die Pyramiden konstruiert?«, fragte das Qax.

»Aus irgendwelchen exotischen Werkstoffen.«

»Woraus?«

»Das ist ein Begriff aus unserer Sprache«, erwiderte Parz schroff. »Schlagen Sie ihn nach. Eine Substanz mit besonderen Eigenschaften, die es ermöglichen, ein Wurmloch offenzuhalten. Die Technologie wurde von einem Menschen namens Michael Poole entwickelt.«

»Wie du weißt, wurde, als die Menschheit in ihre jetzigen engen Geschäftsbeziehungen mit den Qax eintrat, das zweite Terminal dieser Raum-Zeit-Brücke – der stationäre, der sich noch immer im Orbit um den Jupiter befindet – zerstört«, dozierte der Gouverneur.

»Ja. Ihr zerstört ohnehin alles, was ihr nicht versteht«, kommentierte Parz trocken.

Das Qax erwiderte zunächst nichts. Dann meinte es: »Wenn dich die Dysfunktion deines Körpers behindert, können wir auch später weitermachen.«

»Lassen Sie es uns zu Ende bringen«, entgegnete Parz. »Nach fünfzehn Jahrhunderten kehrt das Gegenstück der Brücke in das Sonnensystem zurück. Es befindet sich im Schlepp der Cauchy, eines alten terranischen Frachtraumers; wir vermuten, dass die vor eintausendfünfhundert Jahren gestartete Schiffsbesatzung wegen der Zeitdilatation noch am Leben ist.«

»Warum kommt das Brückenteil zurück?«

»Weil es bei der Mission so vorgesehen war. Sehen Sie.« Parz schickte weitere Daten über den Rechner. »Sie sollten in etwa zu diesem Zeitpunkt zurückkommen, und das tun sie auch.«

»Vielleicht funktioniert die Raum-Zeit-Brücke seit der Vernichtung der zweiten, stationären Pyramide nicht mehr«, spekulierte das Qax. »Wir sollten deshalb diesen – Besuch von den Sternen – nicht als Bedrohung interpretieren. Was meinst du?«

»Vielleicht haben Sie recht.«

»Warum sollten wir uns irren?«

»Weil der eigentliche Zweck des Projekts ›Interface‹ nicht darin bestanden hatte, einen Weg zur Reise durch den Raum zu finden … sondern durch die Zeit. Ich bin zwar kein Physiker, aber ich glaube nicht, dass eure Zerstörung des zweiten Terminals die Funktionsfähigkeit der Brücke beeinträchtigt hat.«

Auf Parz’ Bildschirm erschien nun die einfache Darstellung eines Pyramidengitters; das Bild war bis zur Auflösungsgrenze vergrößert und fokussiert, ohne dass jedoch Details erkennbar waren.

»Willst du damit andeuten, dass wir hier eine funktionierende Zeitmaschine sehen?«, fragte der Gouverneur, »… eine Passage, einen Zeittunnel, der uns mit der Menschheit vor anderthalbtausend Jahren verbindet?«

»Ja, vielleicht tun wir das.« Parz starrte auf das Bild und versuchte, irgendwelche Einzelheiten der Pyramide zu erkennen. War es möglich, dass sich gleich unter diesen Schichten des deformierten Raum-Zeit-Kontinuums ein Sonnensystem befand, das frei von der Beherrschung durch die Qax war – ein System, bevölkert von freien, wagemutigen und unsterblichen Menschen, die kühn genug waren, ein derart gewaltiges Projekt wie ›Interface‹ zu realisieren? Er versuchte, durch diese körnigen Bildpunkte in eine bessere Vergangenheit zu sehen. Aber die Auflösung dieser Fernerfassungsaufnahme war so schlecht, dass sich seine alten Augen trotz der Sehhilfen bald überanstrengten.

Das Qax sagte nichts.

Mit dieser Abbildung als Standbild auf dem Monitor ließ sich Parz wieder in seinen Sessel sinken und schloss die schmerzenden Augen. Er hatte langsam genug von dem Spiel des Gouverneurs. Am besten brachte man es zu gegebener Zeit zu Ende.

Der Gedanke, dass die Menschheit im Verlauf der Besatzung fast nichts Neues über die Qax gelernt hatte, war bedrückend: Sogar die Botschafter der Menschen wie Parz wurden auf Distanz gehalten. Dennoch hatte Parz seine diversen Kontakte genutzt, um Fragmente über Wissen und Philosophie sowie einen Einblick in die Natur der Qax zu erlangen und alles in das Bild integriert, das aus einer glücklicheren Vergangenheit überliefert war.

Wie alle anderen hatte auch Parz bisher nie ein Qax zu Gesicht bekommen. Er vermutete, dass sie im physischen Sinne große Wesen waren – warum hätten sie sonst Spline-Frachter benutzt? – aber auf jeden Fall war es nicht ihre körperliche Erscheinungsform, sondern die geistige Kapazität und Motivation, die so faszinierten. Er war zu der Überzeugung gelangt, dass die Menschheit nur durch die Kenntnis des Feindes – indem man das Universum mit der Mentalität der Qax betrachtete – hoffen konnte, das drückende Joch der Besatzung abzuschütteln.

Er war zum Beispiel zu der Vermutung gelangt, dass die Rasse der Qax aus relativ wenigen Individuen bestand – vielleicht nicht einmal zweitausend. Auf jeden Fall nicht zu vergleichen mit den Milliarden, aus denen einst die Menschheit bestanden hatte, in den Jahren vor der Entwicklung der AS-Technologie. Und er war sich sicher, dass lediglich drei oder vier einzelne Qax mit der Überwachung der Erde beauftragt waren und zu diesem Zweck in ihren gemütlich warmen Spline-Frachtern um den Planeten kreisten.

Aus dieser Hypothese ergaben sich natürlich viele Implikationen.

Die Qax waren wahrscheinlich unsterblich – es gab sicher Hinweise dafür, dass seit der Invasion ein und derselbe Gouverneur auf der Erde herrschte. Und bei einer so kleinen und statischen Population, und mit aller Zeit dieser Welt, würde jedes Qax den Rest seiner Spezies sicherlich sehr gut kennen.

Vielleicht schon zu gut.

Parz stellte sich vor, wie über die Jahrhunderte Rivalitäten entstanden waren, mit Intrigen, Manövern, endlosen Kabalen … und Handel. Bei einer so kleinen und eng verbundenen Spezies konnte es keine organisierten politischen Strukturen geben. Wie hätte zum Beispiel ein Konsens für eine Legislative erreicht werden können? Wie hätten Gesetze verabschiedet werden können, die nicht im Verdacht standen, die Freiheitsrechte des Einzelnen einzuschränken?

… Aber es gab Naturgesetze, denen jede Gesellschaft unterlag. Parz, der jetzt in den Bereich der Kontemplation abdriftete, nickte selbst zu seinen Gedankengängen. Es war ganz logisch. Wie so viele andere unabhängige Verbände auch, mussten sich die Qax in einem Zustand der vollständigen Konkurrenz befinden; sie bewegten sich in einem Meer der vollständigen Information über die Aktivitäten und Pläne der anderen, wobei ein Anschein von Ordnung nur durch die Gültigkeit der Gesetze der Ökonomie aufrechterhalten wurde. Ja; diese Theorie war für Parz plausibel. Die Qax waren ihrem Wesen nach Händler. Das mussten sie sein. Und über Handelsbeziehungen hatten sie auch Kontakt zu anderen Spezies aufgenommen, als sie über ihren Heimatplaneten hinaus expandierten.

Sofern nicht, wie es bei der Menschheit der Fall gewesen war, andere, verlockende Möglichkeiten winkten …

Parz glaubte nicht – im Gegensatz zur Ansicht vieler Kommentatoren –, dass die Qax eine inhärent militaristische Rasse waren. Bei einer derart geringen Bevölkerungszahl hätten sie niemals eine kriegerische Philosophie entwickeln können; sie würden niemals daran gedacht haben, Soldaten (ihrer eigenen Rasse) als billiges Kanonenfutter oder als erneuerbare Ressource zu betrachten bzw. sie in einem Konflikt als Mittel zum Zweck einzusetzen. Die Ermordung eines Qax musste als ein unvorstellbares Verbrechen gelten.

Nein, die Qax waren keine Krieger. Sie hatten die Menschheit besiegt und die Erde besetzt, weil es eben so einfach gewesen war.

Natürlich war dies keine sehr populäre Ansicht, und Parz hatte gelernt, sie für sich zu behalten.

»Botschafter Jasoft Parz.«

Die dissonant scharfe, feminine Stimme des Gouverneurs versetzte ihn in einen Zustand der höchsten Alarmbereitschaft. Hatte er tatsächlich geschlafen? Er rieb sich die Augen und setzte sich gerade hin – und dann ließ ihn ein neuer Schmerz im Rücken zusammenzucken. »Ja, Gouverneur. Ich höre Sie.«

»Ich habe dich hierher bestellt, um neue Entwicklungen zu besprechen.«

Parz klärte seinen Blick und richtete ihn auf den Computer vor sich. Na endlich, dachte er. Er sah die näherkommende Interface-Pyramide, wobei genausowenig Details wie vorher zu erkennen waren; die Bildpunkte schienen so groß wie Fingerabdrücke. Die Sterne im Hintergrund funkelten langsam. »Ist das eine Aufzeichnung? Warum zeigen Sie mir das? Dieses Bild ist noch schlechter als die Daten, die ich Ihnen mitgebracht habe.«

»Sieh hin.«

Mit einem Seufzer machte Parz es sich so bequem wie möglich; der Sensorsessel massierte wohltuend den Rücken und die Beine.

Einige Minuten verstrichen; auf dem Monitor hing die Pyramide reglos am Rande des interstellaren Leerraums.

Dann kam von rechts eine verschwommene Störung ins Bild, ein Strahl Bildpunkte, der ins Zentrum der Pyramide stach und dann verschwand.

Parz vergaß seinen Rücken, setzte sich aufrecht hin und ließ den Rechner den Vorgang in Einzelbildschaltung wiederholen. Es war unmöglich, irgendwelche Details zu erkennen, aber die Bedeutung dieser Sequenz war trotzdem klar. »Mein Gott«, keuchte er. »Das ist ein Schiff, nicht wahr?«

»Ja«, bestätigte der Gouverneur. »Ein terranisches Schiff.«

Das Qax überspielte weitere Berichte mit kaum erkennbaren Einzelheiten.

Das in irgendeinen Deflektorschirm gehüllte Schiff war explosionsartig von der Erde gestartet und innerhalb weniger Sekunden im Hyperraum verschwunden, bevor die Spline-Flotte im Orbit reagieren konnte.

»Und es ist durch die Pyramide verschwunden?«

»Offensichtlich ist eine Gruppe von Menschen in die Vergangenheit entkommen. Ja.«

Parz schloss die Augen, als er von einer Woge des Triumphes erfasst wurde, durch die er sich wieder jung fühlte. Also deshalb war er in den Orbit zitiert worden.

Rebellion …

»Botschafter«, fuhr das Qax fort. »Warum hast du mich nicht über die Ankunft der Interface-Komponente informiert? Du hast gesagt, dass das Missionsprofil dokumentiert und rekonstruierbar wäre und dass die Brücke zurückkehren würde.«

Parz zuckte die Achseln. »Was wollen Sie von mir hören? Ein Missionsprofil wie jenes, das auf der damaligen Technologie basiert, weist einen Streubereich von mehreren hundert Jahren auf. Es ist fünfzehnhundert Jahre her, Gouverneur!«

»Trotzdem«, unterstellte das Qax emotionslos, »würdest du es doch als deine Pflicht betrachten, mich vor solchen Ereignissen zu warnen?«

Parz neigte ironisch den Kopf. »Selbstverständlich. Mea culpa.« Wahrscheinlich fühlte das Qax sich besser, wenn es ihn tadelte, überlegte er sich. Na ja, es gehörte schließlich zu seinem Job, stellvertretend für die Menschheit gerügt zu werden.

»Und was ist mit den evakuierten Menschen? Mit dem entkommenen Schiff? Wer hat es gebaut? Wie konnten sie ihr Vorhaben verschleiern? Wo haben sie die Ressourcen herbekommen?«

Parz lächelte und fühlte, wie sich die papierene Haut seiner alten Wangen in Falten legte. Die Translatorstimme war so betörend, so sexy wie immer; aber er konnte sich vorstellen, dass das Qax in seinem gruftartigen Spline-Container vor namenloser Wut kochte. »Gouverneur, ich habe nicht die geringste Ahnung. Ich habe Sie offensichtlich enttäuscht. Und wissen Sie was? Es ist mir scheißegal.« Genausowenig, erkannte er mit Erleichterung, machte er sich Sorgen um sein persönliches Schicksal. Nicht mehr.

Er hatte gehört, dass Todgeweihte eine tiefe Ruhe empfanden, die fast an Gottergebenheit grenzte – ein Zustand, den die Menschheit seit der Einführung der AS-Technologie nicht mehr erlebt hatte. Konnte das seine jetzige Stimmung erklären, diese seltsame, gelöste Ruhe?

»Botschafter«, sagte das Qax. »Stelle Vermutungen an.«

»Sie sollten selbst Vermutungen anstellen«, konterte Parz. »Oder können Sie das nicht? Gouverneur, die Qax sind Händler – seid ihr doch? – und keine Eroberer. Wahre Eroberer versetzen sich in die Mentalität ihrer Untertanen hinein. Sie haben nämlich nicht die geringste Vorstellung davon, was in den Herzen der Menschen vorgeht … und deshalb sind Sie jetzt so geschockt.« Seine Augen glitten über die nüchterne Einrichtung des Raumbootes. »Ihre eigene, unglaubliche Ignoranz angesichts dieser beunruhigenden Rebellion. Deswegen haben Sie Angst, nicht wahr?«

Bis auf ein Zischen blieb der Translator stumm.

2MICHAEL POOLES VATER, Harry, manifestierte sich mitten in der Lebenskuppel der Hermit Crab. Glitzernde Bildpunkte strahlten die schmucklose, kuppelförmige Decke an, bevor sie in der Abbildung einer kräftigen, lächelnden Gestalt mit faltenlosem Gesicht, die mit einer einteiligen Kombination bekleidet war, zusammenflossen. »Schön, dich zu sehen, Sohn. Du siehst gut aus.«

Michael Poole nuckelte an einem Glas mit schottischem Whisky und musterte seinen Vater düster. Das Dach ließ kein Licht durch, aber der transparente Boden enthüllte eine Schicht Kometeneis, über dem Harry schwerelos zu schweben schien. »Verdammt gut sehe ich aus«, grummelte Michael. Seine Stimme, die nach Jahrzehnten fast völliger Einsamkeit hier draußen in der Oort-Wolke eingerostet war, nahm sich im Gegensatz zu den weichen Tönen seines Vaters wie ein Reibeisen aus. »Ich bin älter als du.«

Harry lachte und machte einen vorsichtigen Schritt nach vorne.

»Das will ich nicht bestreiten. Aber dein Alter ist deine Sache. Du solltest trotzdem nicht so früh am Tag schon trinken.«

Die Virtuellprojektion schwebte etwas über dem Boden, so dass eine kleine, schattenlose Lücke zwischen Harrys Designerschuhen und dem Untergrund klaffte. Michael grinste innerlich und genoss den winzigen Hinweis auf die Irrealität der Szene. »Zum Teufel mit dir. Ich bin hundertsieben Jahre alt. Ich mache, was ich will.«

In einem Anflug trauriger Zuneigung hob Harry eine Augenbraue. »Das hast du doch immer schon gemacht, Sohn. Es sollte auch nur ein Witz sein.«

Michael wich unwillentlich einen Schritt vor der Projektion zurück; die Adhäsionssohlen seiner Schuhe sorgten dafür, dass er in der Schwerelosigkeit der Lebenskuppel Bodenhaftung behielt. »Was willst du hier?«

»Ich wollte dich mal an die Brust drücken.«

»Natürlich.« Michael träufelte Whisky über die Fingerspitzen und bespritzte die Projektion mit den Tröpfchen; goldene Kugeln segelten durch die Abbildung und verstreuten Wolken kubischer Pixel. »Wenn das stimmen würde, hättest du persönlich erscheinen können, nicht in Gestalt einer virtuellen Reproduktion.«

»Mein Sohn, du bist vier Lichtmonate von zu Hause entfernt. Was willst du, einen Dialog, der sich über den Rest unseres Lebens erstreckt? Außerdem sind diese modernen Virtuelldarstellungen wirklich verdammt gut.« Jetzt hatte Harry diesen alten defensiven Ausdruck in den Augen, der Michael wieder an seine unglückliche Kindheit erinnerte. Wieder eine Rechtfertigung, dachte er. Harry war ein Pseudovater gewesen, immer mit seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt – ein sporadischer, mit reichlich Entschuldigungen aufwartender Eindringling in Michaels Leben.

Zum endgültigen Bruch war es gekommen, als Michael, dank AS, älter als sein Vater geworden war.

»Virtuellprojektionen wie diese haben alle Turing-Tests bestanden, denen man sie nur unterziehen kann«, erläuterte Harry. »Was dich betrifft, Michael, stehe ich – Harry – hier und spreche mit dir. Und wenn du dir die Zeit nehmen und die Mühe machen würdest, könntest du selbst eine solche Projektion losschicken.«

»Möchtest du vielleicht eine Kostenerstattung?«

»Wie dem auch sei, ich musste eine Projektion schicken. Für etwas anderes war keine Zeit.«

Diese in einem lockeren, geschäftsmäßigen Ton verkündeten Worte verletzten Michael irgendwie. »War keine Zeit? Wovon redest du?«

Harry fixierte ihn mit einem amüsierten Blick. »Weißt du es etwa nicht?«, fragte er pointiert. »Verfolgst du denn nicht die Nachrichten?«

»Mach keine Spielchen«, sagte Michael genervt. »Du bist eh schon in meine Privatsphäre eingedrungen. Sag mir einfach, was du von mir willst.«

Anstatt direkt zu antworten, schaute Harry durch den transparenten Boden unter seinen Füßen. Der anderthalb Kilometer durchmessende und mit alten Eisstalagmiten besetzte Kern eines Kometen glitt durch die Dunkelheit; Spotlight-Laser der Hermit Crab zauberten purpurne und grüne Kohlenwasserstoffschatten. »Welch ein Anblick«, schwärmte Harry. »Wie ein blinder Fisch, stimmt’s? – Eine fremdartige, unbekannte Kreatur, die in den tiefsten Ozeanen des Sonnensystems schwimmt.«

In all den Jahren, in denen er den Kometen beobachtet hatte, hatte dieses Bild nie eine Wirkung auf Michael gehabt; als er aber jetzt die Worte hörte, sah er, wie richtig sie waren. Trotzdem erwiderte er schwer: »Es ist nur ein Komet. Und dies ist die Oort-Wolke. Der Kometenschweif, ein drittel Lichtjahr von der Sonne; wo all die Kometen schließlich verglühen …«

»Hübscher Ort«, kommentierte Harry ungerührt. Seine Augen überflogen die nackte Kuppel, und Michael glaubte die Stätte plötzlich durch die Augen seines Vaters zu sehen. Die Lebenskuppel des Schiffes, seit Jahrzehnten sein Zuhause, war eine hundert Meter durchmessende Halbkugel. Couches, Steuerkonsolen und Datenerfassungs- und Ausgabegeräte gruppierten sich um den Mittelpunkt der Kuppel; der Rest des transparenten Bodens war durch schulterhohe Paravents in Laborbereiche, eine Küche, einen Fitnessraum, eine Schlafzone und Dusche unterteilt.

Plötzlich wirkte diese Aufteilung, Michaels wenige Einrichtungsgegenstände, das niedrige Einzelbett, bieder und funktional.

Harry schritt über den durchsichtigen Boden zum Rand der Lebenskuppel. Michael, dessen Whisky sich in der Hand erwärmte, folgte ihm zögernd. Von hier aus konnte man die übrige Crab überblicken. Ein mit Antennen und Sensoren besetztes Rohr zog sich eine Meile durch den Weltraum zu einem Eisblock des Jupitermondes Europa, so dass das ganze Schiff wie ein eleganter Sonnenschirm aussah: mit der Lebenskuppel als Schirm und dem Eis des Mondes als Ständer. Der Eisblock – Hunderte von Metern breit, als er vom Jupitermond abgetrennt wurde – wies Dellen und Druckspuren auf, als ob er von riesigen Fingern geformt worden wäre. In diesem Block verbarg sich der GUT-Antrieb des Schiffes, wobei das Eis auf Michaels Reise hierher als Reaktionsmasse gedient hatte.

Harry zog den Kopf ein und suchte die Sterne ab. »Kann man von hier aus die Erde sehen?«

Michael zuckte die Achseln. »Von dieser Position aus erscheint das innere Sonnensystem nur als verschwommener Lichtfleck. Wie ein weit entfernter Teich. Du brauchst Ortungsgeräte, um die Erde zu sehen.«

»Du bist weit von zu Hause entfernt.«

Harry hatte das Haar mittels der AS-Technologie in eine dicke blonde Mähne verwandeln lassen; die Augen waren kristallblaue Sterne, das Gesicht eckig und klein proportioniert – fast koboldhaft. Michael musterte ihn neugierig und staunte erneut, dass sein Vater sich auf so jugendlich hatte trimmen lassen. Michael selbst war bei den sechzig Jahren geblieben, die sein Körper schon auf dem Buckel hatte, als die AS-Technologie aufkam. Jetzt fuhr er sich unwillkürlich mit der Hand über die hohe Stirn und die raue, faltige Haut seiner Wangen. Verdammt, Harry hatte nicht einmal seine Naturfarben beibehalten – das schwarze Haar und die braunen Augen – die er Michael vererbt hatte.

Harry schaute auf Michaels Drink. »Schöner Gastgeber«, registrierte er, ohne indessen kritisch zu klingen. »Warum bietest du mir nichts an? Ich meine das ernst. Man kann jetzt auch virtuelle Bewirtungschips kaufen. Bars und Küchen. Nur vom Feinsten für die virtuellen Gäste.«

Michael lachte. »Was soll das? Nichts davon ist doch real.«

Für eine Sekunde verengten sich die Augen seines Vaters. »Real? Bist du sicher, dass du weißt, was ich genau in diesem Moment fühle?«

»Es ist mir so und so verdammt egal«, erwiderte Michael ruhig.

»Nein«, widersprach Harry. »Ich glaube nicht, dass es dir wirklich egal ist. Zum Glück bin ich nicht unvorbereitet gekommen.« Er schnippte mit den Fingern, und eine große Brandyflasche materialisierte funkelnd auf seiner offenen Handfläche. Michael konnte das Aroma fast riechen. »Irgendwie so, als ob man einen Flachmann dabei hätte. Jedenfalls kann ich dir sagen, Michael, dass es kein Vergnügen ist. Was machst du überhaupt an diesem gottverlassenen Ort?«

Die plötzliche Frage ließ Michael zusammenzucken. »Ich sag’s dir, wenn du es hören willst. Ich bereite Kometenmaterie als Nahrung und Sauerstoffquelle auf; es gibt reichlich kohlenhydrathaltige Substanz und im Eis eingeschlossenen Stickstoff; und ich …«

»Dann bist du also ein High-Tech-Eremit. Wie dein Schiff. Ein Einsiedlerkrebs, der am Rand des Sonnensystems herumkrabbelt, so weit entfernt von zu Hause, dass er nicht einmal mit anderen Menschen reden kann. Richtig?«

»Ich habe meine Gründe«, sagte Michael, wobei er versuchte, jeden Anflug einer Rechtfertigung zu vermeiden. »Schau, Harry, das ist mein Job. Ich untersuche Quark-Nuggets …«

Harry öffnete den Mund; dann bekam er für einen Moment einen verschwommenen Blick, als ob er in seinem Innern nach etwas suchen würde, das schon lange verloren war. Schließlich sagte er mit einem dünnen Lächeln: »Ich habe sicher mal gewusst, was das bedeutet.«

Michael schnaubte gereizt. »Nuggets sind quasi komplexe Nukleonen …«

Harrys Lächeln wurde zusehends gequälter. »Mach weiter.«

Michael leierte seinen Vortrag herunter, ohne seinem Vater dazu Erklärungen geben zu wollen.

Nukleonen, Protonen und Neutronen sind aus Quark-Kombinationen entstanden. Unter extremen Druckverhältnissen – im Zentrum eines Neutronensterns oder während des Urknalls selbst – konnten sich komplexere Strukturen bilden. Ein Quark-Nugget, ein Monster unter den Nukleonen, konnte eine Masse von einer Tonne und einen Durchmesser von einem Vierzigstel Millimeter aufweisen …

Die meisten während des Urknalls entstandenen Nuggets sind bereits zerfallen. Aber einige existieren noch.

»Und deswegen musst du hier draußen leben?«

»Das Sonnensystem wird dann zum ersten Mal von der Existenz eines Nuggets erfahren, wenn es in die Atmosphäre eines Planeten eindringt und seine Energie in Gestalt eines exotischen Teilchenregens abgibt. Ja, man kann auch daraus etwas lernen – aber es ist im Grunde nur so, als ob man Schatten an der Wand beobachten würde. Ich will aber die Originalpartikel untersuchen. Und deshalb bin ich so weit nach draußen ausgewichen. Verdammt, es befinden sich nur ungefähr hundert Menschen in einem noch größeren Abstand von der Sonne, und die meisten von ihnen sind Lichtjahre entfernt, in Raumschiffen wie der Cauchy, und trödeln mit annähernd Lichtgeschwindigkeit Gott weiß wo herum. Harry, ein Quark-Nugget erzeugt im interstellaren Medium eine Sinusschwingung. Wie ein Regen hochenergetischer Partikel, der bei seinem Zerfall von ihm emittiert wird. Diese Schwingung ist zwar schwach, aber meine Detektoren können sie nachweisen, und – vielleicht in einem von zehn Versuchen – kann ich eine Sonde losschicken, um das Nugget selbst einzufangen.«

Harry rieb sich am Mundwinkel – eine Geste, die Michael fatal an den schmächtigen Achtzigjährigen erinnerte, der jetzt für immer Vergangenheit war. »Entzückend«, meinte Harry. »Und was soll das Ganze?«

Michael schluckte eine patzige Antwort hinunter. »Das nennt man Grundlagenforschung«, dozierte er. »Etwas, das die Menschen schon seit Jahrtausenden tun …«

»Erklär’s mir bitte«, ersuchte Harry ihn milde.

»Weil Quark-Nuggets Materiekonfigurationen im Extremzustand darstellen. Einige können sich fast mit Lichtgeschwindigkeit bewegen, so dass sie aufgrund der Zeitdilatation kaum eine Million Relativjahre nach Verlassen der Singularität selbst von meinen Sensoren erfasst werden.«

»Ich schätze, dass ich beeindruckt bin.« Harry nippte an seinem Brandy, wandte sich um und schwebte leichtfüßig über den transparenten Boden, wobei er keine Anzeichen von Schwindel oder Unsicherheit zeigte. Er kam zu einem Metallstuhl, setzte sich darauf und schlug gemütlich die Beine übereinander, ohne von der Schwerelosigkeit beeinträchtigt zu werden. Diesmal war die Illusion überzeugend; es gab fast keine Lücke zwischen den Schenkeln der Projektion und der Sitzfläche des Stuhls. »Ich war immer beeindruckt davon, was du geleistet hast. Du und Miriam Berg natürlich. Ich bin sicher, dass du das wusstest, auch wenn ich es nicht allzu oft gesagt habe.«

»Nein, hast du nicht.«

»Sogar vor einem Jahrhundert warst du die Autorität auf dem Gebiet der exotischen Materie. Stimmt’s? Deshalb gaben sie dir auch so viel Verantwortung für das Projekt ›Interface‹.«

»Danke für die Streicheleinheiten.« Michael sah in die himmelblaue Leere der Augen seines Vaters. »Bist du gekommen, um darüber zu sprechen? Womit haben sie deinen Kopf aufgefüllt, nachdem er entrümpelt wurde? Ist überhaupt noch etwas drin?«

Harry hob die Schultern. »Was ich halt so brauche. Hauptsächlich Wissen über dich, wenn es dich interessiert. Wie ein Notizbuch …«

Er nahm einen Schluck von seinem Drink, der im Licht des Kometen glühte, und prostete seinem Sohn zu.

Wurmlöcher sind Verwerfungen im Raum-Zeit-Kontinuum, die zwischen Punkten, die Lichtjahre – oder Hunderte von Lichtjahren – voneinander entfernt sind, die Raumkrümmung aufheben und Raumfahrt fast in Nullzeit ermöglichen. Sie sind nützlich … aber schwer zu errichten.

Im subatomaren Spektrum – auf der Planck’schen Längenskala, wo sich die mysteriösen Effekte der Quantengravitation abspielen – verhält sich die Raumzeit wie Schaum, der von winzigen Wurmlöchern durchzogen ist. Vor einem Jahrhundert hatten Michael Poole und sein Team ein solches Wurmloch isoliert, seine Enden manipuliert und es in jede gewünschte Größe und Form gebracht.

Groß genug, um ein Raumschiff aufzunehmen.

Das war die einfache Übung gewesen. Nun mussten sie es stabilisieren.

Ein Wurmloch ohne Materie in seinem Schlund – eine Schwarzschild-Auflösung einer Relativitätsgleichung – ist unbrauchbar. Tödliche Gezeitenkräfte würden die Mündungen des Wurmloches blockieren, die Ein- und Ausgänge selbst würden sich ausdehnen und mit Lichtgeschwindigkeit kollabieren, und kleine Störungen, verursacht durch eindringende Materie, würden zur Instabilität und dem Kollaps des Systems führen.

Also musste Pooles Team ›exotische‹ Materie durch sein Wurmloch schleusen.

Der Raum verengte sich zum Zentrum des Schlundes und musste dann wieder gedehnt werden. Aufgrund der negativen Energiedichte der exotischen Materie war es zu Abstoßungseffekten gekommen. Trotz aller Bemühungen war das Wurmloch immer noch intrinsisch instabil; aber mit Rückkoppelungsschleifen konnte man eine Selbstregulierung erreichen.

Früher hatte man negative Energie für unmöglich gehalten. Ebenso wie negative Masse schien auch dieses Theorem intuitiv schon nicht plausibel. Doch dann waren Michael und seine Mannschaft auf eine erfolgversprechende Spur gestoßen. Die Hawking’sche Verdampfung eines Schwarzen Lochs war beispielsweise ein ›schwach exotischer‹ Vorgang … Aber die negativen Energieniveaus, die Poole brauchte, waren hoch und entsprachen in etwa dem Druck im Zentrum eines Neutronensterns.

Es war eine Zeit der Herausforderung gewesen.

Trotz seiner aktuellen Sorgen merkte Michael, wie Erinnerungen an jene Tage von seinen Gedanken Besitz ergriffen, gegenwärtiger als das Bild der leeren Lebenskuppel und der unvollkommenen Abbildung seines Vaters. Wie konnten einen alte Erinnerungen derart in ihren Bann ziehen? Michael und sein Team – einschließlich Miriam, seiner Stellvertreterin – hatten über vierzig Jahre in einer langsamen Umlaufbahn um den Jupiter verbracht; der Fortschritt bei der Gewinnung exotischer Materie hatte von der Flussdichte in dem magnetischen Hohlleiter abgehängt, der Jupiter mit seinem Mond Io verband. Das Leben war zwar hart und gefährlich gewesen – aber nie langweilig. Als die Jahre vergingen, hatten sie immer wieder die Sonden beobachtet, die in das Gravitationszentrum von Jupiter eintauchten und mit einer weiteren Ladung glänzender exotischer Materie zurückkamen, mit der dann die immer größer werdenden Pyramiden beschichtet werden konnten.

Es war, als ob man ein Kind aufwachsen sah.

Miriam und er hatten eine vollständige Abhängigkeit voneinander entwickelt, ganz ohne Frage. Manchmal hatten sie sich gegenseitig die Frage gestellt, ob diese Abhängigkeit den Keim der Liebe in sich tragen würde. Meistens jedoch waren sie zu beschäftigt gewesen.

»Nicht wahr, Michael, das war damals deine glücklichste Zeit?«, fragte Harry irritierend direkt.

Michael unterdrückte eine scharfe, abwehrende Antwort. »Es war mein Lebenswerk.«

»Ich weiß, dass es das war. Aber es war nicht das Ende deines Lebens.«

Michael packte das Whiskyglas fester und spürte, wie es sich warm und glatt unter seinen Fingern verschob. »Es kam mir aber so vor, als die Cauchy schließlich mit einer der Interface-Komponenten im Schlepp aus dem Orbit um Jupiter ausscherte. Ich hatte den Nachweis erbracht, dass exotische Materie mehr als nur ein Hirngespinst war; dass sie sogar für industrielle Anwendungen im größten Maßstab eingesetzt werden konnte. Aber es war ein Experiment, auf dessen Ergebnis ein Jahrhundert gewartet werden musste …«

»Oder fünfzehn Jahrhunderte, je nach Standpunkt.«

Die Cauchy wurde auf einen langen Flug mit Geschwindigkeiten im relativistischen Bereich geschickt, der sie in Richtung des Sternbilds des Schützen führte – zum Zentrum der Galaxis. Das Schiff sollte nach einem Relativjahrhundert zurückkommen – aufgrund der Auswirkung der Zeitdilatation jedoch in ein Sonnensystem, in dem dann bereits fünfzehnhundert Jahre verstrichen waren.

Und das war das Ziel des Projekts.

Michael hatte manchmal Projektionen des Wurmloch-Portals studiert, das im Orbit um den Jupiter zurückgelassen worden war; es alterte mit der gleichen Geschwindigkeit wie sein Pendant an Bord der Cauchy, genauso wie er und Miriam. Während aber Miriam und Michael im Einstein-Universum durch eine zunehmende ›Entfernung‹ getrennt waren – eine Distanz, die sich bald auf Hunderte von Lichtjahren belief – verband das Wurmloch noch immer die zwei Portale. Nach einem Relativjahrhundert würde sowohl für Michael als auch Miriam die Cauchy ihre Rundreise abgeschlossen haben und wieder in einen Orbit um Jupiter einschwenken, womit sie in Michaels Zukunft verloren war.

Und dann wäre es möglich, unter Benutzung des Wurmlochs in wenigen Stunden anderthalb Jahrtausende zu überbrücken.

Der Abflug des Schiffes, das Warten auf den Abschluss der Rundreise, hatten eine Lücke in Michaels Leben und in seinem Herzen hinterlassen.

»Irgendwann habe ich mir dann überlegt, dass ich lieber Ingenieur statt Wissenschaftler hätte werden sollen … Dann wäre meine Aufmerksamkeit auf einen einzigen Werkstoff konzentriert worden, den wir in unseren Hohlleiter-Beschleunigern auf Io hätten herstellen können; der Rest der ›exotischen‹ Physik wäre dann nicht mein Metier gewesen. Deshalb habe ich mich entschieden …«

»Wegzulaufen?«

Wieder packte Michael der Zorn.

Sein Vater beugte sich im Stuhl nach vorne und hielt die Hände vor sich gefaltet; das graue Licht von dem unterhalb stehenden Kometen spielte in seinem klaren, gut geschnittenen Gesicht. Michael registrierte, dass das Whiskyglas jetzt verschwunden war; eine abgelegte Requisite. »Verdammt, Michael, du warst ein mächtiger Mann geworden. Es war mehr als nur Wissenschaft oder Ingenieurswesen. Durch die Initiierung und den Abschluss des Projektes ›Interface‹ hast du gelernt, mit Menschen umzugehen. Politik. Budgets. Motivation. Wie man Dinge bewältigt; wie man führt – wie man in der Welt der Menschen etwas erreicht. Du hättest es immer wieder tun können; du hättest alles erreichen können, nachdem du es einmal gelernt hattest.«

»Und trotzdem hast du alles aufgegeben. Du bist davongelaufen und hast dich hier draußen verkrochen. Schau, ich weiß, wie verletzt du gewesen sein musst, als Miriam Berg lieber auf der Cauchy mitfliegen als bei dir bleiben wollte. Aber …«

»Ich verstecke mich nicht, verdammt«, fluchte Michael und versuchte, einen Wutanfall zu verschleiern. »Ich habe dir doch schon gesagt, was ich hier draußen mache. Die Quark-Nuggets könnten zu neuen Erkenntnissen über die fundamentale Struktur der Materie führen …«

»Du bist ein Dilettant«, konstatierte Harry und ließ sich abschätzig in seinen Sessel zurückfallen. »Mehr ist nicht dahinter. Du hast überhaupt keinen Einfluss darauf, was aus den Tiefen der Raumzeit zu dir hereinschneit. Sicher, es ist spannend. Aber es ist keine Wissenschaft. Von den großen Projekten im inneren System, wie zum Beispiel dem Serenitatis-Beschleuniger, bist du doch schon seit Jahren abgekoppelt.« Harry sah ihn mit weit geöffneten Augen und ohne zu blinzeln an. »Sag mir, wenn ich mich irre.«

Der geladene Michael warf seine Whiskyflasche auf den Boden. Sie knallte auf die helle Fläche, und die gelbe Flüssigkeit sammelte sich, durchsetzt vom Licht des Kometen, klebrig um niederregnende Glassplitter. »Was, zum Teufel, willst du?«

»Du hast zugelassen, dass du alt wurdest, Michael«, stellte Harry traurig fest. »Stimmt’s? Und – was noch schlimmer ist – du hast zugelassen, dass du alt geblieben bist.«

»Ich bin ein Mensch geblieben«, grollte Michael. »Ich wollte den Inhalt meines Geistes nicht auf einen Chip kopieren lassen.«

Harry erhob sich von seinem Stuhl und ging auf seinen Sohn zu. »So ist es nicht«, meinte er leise. »Es ist mehr wie eine Bearbeitung deiner Erinnerungen. Klassifizieren, sortieren, rationalisieren.«

»Was für eine widerwärtige Terminologie«, schnaubte Michael.