Beschreibung

Der Stolz des Empire

Anti-Eis ist eine vom Himmel gefallene seltsame Substanz, die als Antriebsmittel ungeheure Energie liefert. Ihre Entdeckung durch den britischen Forscher Sir Josiah Traveller hat England einen ungeahnten technologischen Schub beschert. Im Jahr 1870 ist das britische Empire eine unbezwingbare Supermacht, die die ganze Erde beherrscht. Doch Anti-Eis hat seine Tücken: Bei Minusgraden ist es ungefährlich, wird es aber erwärmt, explodiert es mit der Wucht einer thermonuklearen Bombe. Vor allem die französischen Partisanen, zu denen die junge Françoise gehört, die sich an einen Attaché im Auswärtigen Amt, Ned Vicars, heranmacht, sind hinter der begehrten Substanz her. Denn ohne Anti-Eis ist gegen die Übermacht der Engländer nichts auszurichten …

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 409


STEPHEN BAXTER

ANTI-EIS

Roman

Inhalt

Prolog – Ein Brief an den Vater

1. Auf der Neuen Großen Ausstellung

2. Eine Kanalüberquerung

3. Der Land-Kreuzer

4. Phaeton

5. Über der Atmosphäre

6. Alltagsleben zwischen den Welten

7. Allein

8. Eine Debatte

9. Im Schatten des Mondes

10. Ein Engländer auf dem Mond

11. Eine wissenschaftliche Diskussion

12. Die Luft von England

13. Der Ballonfahrer

14. Der Franktireur

PrologEin Brief an den Vater

7. Juli 1855

Vor Sewastopol

Mein lieber Vater,

Ich weiß kaum, wie ich Euch anreden soll nach dem schändlichen Vorfall, der mich dazu bewogen hatte, mein Elternhaus zu verlassen. Ich weiß sehr wohl, dass ein volles Jahr verstrichen ist, ohne dass ich Euch eine Nachricht habe zukommen lassen, und ich empfinde nur tiefe Scham wegen meines Schweigens. Ich kann Euch versichern, bei dem Gedanken, dass Ihr, Mutter und Ned vielleicht geglaubt habt, ich würde irgendwo im entferntesten Winkel Englands liegen, einsam, mittellos und dem Tode geweiht, fühle ich mich schuldig.

Nun, Sir, die Liebe und die Pflicht in Verbindung mit den außergewöhnlichen Ereignissen der letzten Tage haben mich dazu bewogen, mein Schweigen zu brechen. Vater, ich bin am Leben und gesund und kämpfe in der 90. Leichten Infanterie im Krimkrieg für die Sache des Empire! Ich beginne diesen Bericht in den Ruinen einer russischen Festung, die wir als Redan bezeichnen – so geheißen wegen ihres dem französischen ›Zahn‹ nachempfundenen Grundrisses. Ihr müsst wissen, dass es sich hierbei um ein schlichtes, jedoch wirkungsvolles Schanzwerk aus Sandsäcken und Erdwällen handelt – vor den Ruinen von Sewastopol. Es bestehen bei mir keine Zweifel daran, dass meine bisherigen Ausführungen Euch schon hinlänglich überrascht haben – und ich hege die Hoffnung, dass Euer Herz von der Kunde meines Überlebens bis zum heutigen Tage berührt wird – und nichtsdestoweniger solltet Ihr Euch für noch Erstaunlicheres wappnen, lieber Vater, im Verlauf der Geschichte, die ich zu erzählen habe. Sicherlich habt Ihr in Russells Meldungen an die Zeitung The Times von der kürzlich erfolgten Erstürmung der Festung Sewastopol durch diesen Traveller und seine infernalische Anti-Eis-Granate gelesen. Sir, ich habe das alles mit eigenen Augen gesehen. Und, angesichts meiner ewigen Schande, betrachte ich mein Überleben als ein unverdientes Geschenk des Herrn, wo so viele gute Kameraden – Franzosen und Türken ebenso wie Engländer – neben mir gefallen sind.

Ich schulde Euch eine Erklärung dafür, was mir widerfahren ist, seit ich Sylvan an jenem dunklen Tage im vergangenen Jahr verließ, und wie es mich an diese entfernten Gestade verschlagen hat.

Wie Ihr wisst, hatte ich nur ein paar Schillinge in der Tasche. Ich verachtete mich selbst, Sir, und schämte mich; in dem Bestreben, meinen Fehler wieder gutzumachen, bestieg ich die Schwebebahn nach Liverpool und meldete mich dort beim 90. Regiment. Ich trat als einfacher Soldat ein; ich verfügte natürlich nicht über die Mittel, einen Offizierstitel zu erwerben, und überhaupt hatte ich beschlossen, in die Niederungen der Gesellschaft hinabzusteigen, mich unter die Niedrigsten der Niedrigen zu mischen, um mich so von meinen Sünden reinzuwaschen.

Eine Woche nach meiner Ankunft in Liverpool wurde ich nach Clatham abkommandiert und verbrachte dort einige Monate, um eine Ausbildung als Soldat des Empire zu absolvieren. Dann, entschlossen, mein Leben dem Willen des Herrn zu überantworten, meldete ich mich im Februar dieses Jahres freiwillig bei der 90. Leichten Infanterie, um hier, im Türkischen Krieg, eingesetzt zu werden.

Als ich auf meinen Transport wartete, in der Überzeugung, dass auf den entfernten Schlachtfeldern der Krim nur der Tod meiner harrte, war mein Verlangen, Euch zu schreiben, am heftigsten; aber mein Mut – der mich hier durch die grausamsten Gemetzel gerettet hat – schwand angesichts einer so trivialen Aufgabe, und so verließ ich England ohne ein Wort.

Nach fünfzehn Tagen erreichten wir Balaclava, und dann hatten wir noch einen mehrtägigen Marsch auf der Straße nach Norden zu den alliierten Stellungen um Sewastopol vor uns.

Ich bitte Euch um Geduld, wenn ich die Situation beschreibe, die ich dort vorfand; wenn auch Korrespondenten wie Russell die Heimat schon erschöpfend über den Feldzug unterrichtet haben, wird Euch vielleicht doch die Perspektive eines gemeinen Infanteristen des Heeres – denn ein solcher bin ich, und zwar mit Stolz – interessieren.

Sir, Ihr wisst, weshalb wir hier sind.

Unser Empire umspannt die ganze Welt. Und unser Dominion wird zusammengehalten durch Verbindungen, die unsere Lebensadern darstellen: Straßen, Eisenbahnen, Schwebebahnen und Seewege.

Zar Nikolaus hatte auf der Suche nach einem Mittelmeerhafen seinen neidischen Blick auf das zerfallende Ottomanische Reich geworfen. Also bedrohte er Konstantinopel selbst – und unsere Verbindungen nach Indien. Bald hatte der Zar den Türken zu Lande und zu Wasser geschlagen; und so erklärten wir ihm, die Franzosen an unserer Seite, den Krieg.

Wir traten unter dem Oberbefehl von Lord Raglan in den Krieg ein, der damals unter Wellington bei Waterloo gekämpft hatte. Vater, ich erblickte diesen großen Herrn höchstselbst, als er auf dem Wege zu einer Besprechung mit seinem französischen Kollegen Canrobert durch unser Lager ritt. Sir, der Anblick von Raglan an jenem Tage, wie er kerzengerade auf seinem Grauen saß, den leeren Ärmel in den Mantel geschoben hatte (die Franzosen hatten ihm damals den Arm weggeschossen) und uns aus aristokratischen, vor Sorge müden Falkenaugen musterte, der gleiche Blick, mit dem er seinerzeit Bonaparte selbst bezwang – ich kann Euch sagen, dass ich nicht der einzige war, der aus vollem Herzen jubelte und die Mütze in die Luft warf!

Aber schon seit dem Tage meiner Ankunft wurde hinter vorgehaltener Hand über Raglan geredet.

Raglan träumte noch von den ruhmreichen Tagen des Kampfes gegen den Korsen und bezeichnete die Russen anscheinend als ›Franzosen‹! Und natürlich gab es auch Kritik an Raglans Kompetenz als Feldherr. Schließlich lag unser erstes Gefecht mit den Russen bei Alma bereits zehn Monate zurück, bei dem wir es den Mannen des Zaren ordentlich gegeben hatten. Welch ein Schauspiel das nach übereinstimmender Meinung gewesen war; die Linien der Alliierten waren ein bunter Wald, der durch das Glitzern der Bajonette angestrahlt wurde, und die Ohren wurden von einem Tohuwabohu aus Lärm, Trommeln und Hörnern aller Art betäubt, alles vor dem Hintergrund des endlosen Summens einer marschierenden Armee. Ein Kamerad beschreibt eine Attacke einer Einheit der Grauen, deren hohe Bärenfellmützen den Feind weit überragten, während sie Rücken an Rücken kämpften und mit ihren Säbeln um sich schlugen …

Ich bedauere nur, dass ich den ganzen Spaß versäumt habe!

Doch nach dem Sieg bei Alma versäumte es Raglan, dem Feind nachzusetzen.

Vielleicht hätten wir die Russkis vor uns hertreiben, von der Halbinsel jagen und an Weihnachten schon wieder zuhause sein können! Aber es sollte nicht sein, und den Rest der Geschichte kennt Ihr ja selbst: Die großen Schlachten bei Balaclava und Inkerman, wobei vor Balaclava die noble Leichte Brigade unter dem Earl of Cardigan vollständig aufgerieben wurde. (Vater, ich sollte in diesem Zusammenhang vielleicht noch erwähnen, dass ich Anfang Mai die Gelegenheit hatte, jenes berühmte Nordtal hinaufzureiten, fast bis unter die russischen Geschütze, die das Ziel der Brigade gewesen waren. Der Boden war üppig mit Blumen bewachsen und leuchtete warm und golden im Licht der untergehenden Sonne; der Grund war mit Schrapnell und Granatsplittern übersät, und Blumen wuchsen zwischen den rostigen Fragmenten. Ich fand einen Pferdeschädel, an dem kein Fleisch mehr war und der einen von links nach rechts verlaufenden Durchschuss aufwies. Wir sahen keine Spur von menschlichen Überresten. Aber ich hörte, dass ein Kamerad einen Kieferknochen gefunden hatte – vollständig erhalten und ausgebleicht, mit einem perfekten, regelmäßigen Gebiss.)

Auf jeden Fall konnten die Russen sich halten und hatten sich – an Weihnachten – in der Festung Sewastopol verschanzt.

Nun, Vater, Sewastopol ist der bedeutendste Flottenstützpunkt der Russen in dieser Gegend. Wenn es uns gelang, diese Stadt einzunehmen, wäre die Bedrohung Konstantinopels hinfällig, und die mediterranen Ambitionen des Zaren hätten sich erledigt. Und so waren wir hier in großer Zahl aufmarschiert, mit unseren Schützengräben, Erdwällen und Minen; und – seit Weihnachten – belagerten wir die Stadt.

Diese Belagerung war – oder zumindest kam es mir so vor – eine Farce. Die Russen waren bestens mit Munition versorgt, und wir hatten keine Möglichkeit, eine Seeblockade zu verhängen – und so versorgten die Schiffe des Zaren die Stadt fast täglich mit allem Notwendigen!

Aber Raglan beschränkte sich darauf, die Russen in einen gemütlichen Stellungskrieg zu verwickeln. Und natürlich weigerte er sich standhaft, die Anti-Eis-Waffe auch nur ansatzweise in Betracht zu ziehen; ein Mann von seiner Ehre wollte mit derartigen Monstrositäten nichts zu schaffen haben.

Und in der Zwischenzeit warteten und warteten wir …

Ich kann einem zu gütigen Erlöser nur danken, dass ich Unwürdiger erst nach den schlimmsten Gemetzeln des Winters hier eintraf. Die Kameraden, die überlebt hatten, wussten alle eine Geschichte zu erzählen. Die Sommermonate waren noch angenehm gewesen, wisst Ihr, wo man gute Verpflegung hatte und sogar Zeit fand, Cricket zu spielen, improvisiert zwar, aber streng nach Reglement! Aber der Winter verwandelte die Straßen und Schützengräben in Schlamm. Es gab nur Zeltplanen – falls überhaupt –, und wenn die Männer etwas Schlaf finden wollten, mussten sie sich dazu in den knietiefen, gefrierenden Schlamm legen. Selbst die Offiziere lebten höchst unkommod; wie kolportiert wird, mussten sie in den Schützengräben ihre Säbel tragen, dass man sie überhaupt vom gemeinen Infanteristen unterscheiden konnte! Vater, das war in der Tat ein Soldatendasein ohne Lagerfeuerromantik.

Und natürlich war da auch die Dame Cholera, die sich von der Anlegestelle in Varna zu allen Stützpunkten der Halbinsel begab. Eine Choleraepidemie ist alles andere als spaßig, Sir, denn ein Mann kann sich in wenigen Stunden von einem gesunden Soldaten in einen ausgezehrten Schatten seiner selbst verwandeln, und am nächsten Tag ist er tot. Dass unter solchen Umständen die Disziplin und soldatische Haltung aufrechterhalten wurde, spricht nur für die Stärke dieser Burschen; und ich wage zu behaupten, dass der englische Soldat viel mehr leistet als der französische, ungeachtet der angeblich besseren Verpflegung unserer Alliierten.

Aber ich habe indessen meine eigene Theorie zur Verpflegungslage, Vater. Ich bin nämlich der Ansicht, dass die Franzosen besser hungern können als die Engländer! Nimm einem Engländer sein Roastbeef und Ale, und er wird murren, sich hinlegen und sterben. Aber der Franzmann … ein Hauptmann Maude, ein lebensfroher Mensch (der später nach Hause geschickt wurde, weil eine Granate in seinem Pferd explodierte und sein Bein zerfetzte), berichtete uns von einer Begebenheit, als er bei einem Leutnant des französischen Heeres zum Abendessen eingeladen war. Als er sich dem Zelt des Kameraden näherte, wurde unser Maude von den Wohlgerüchen feiner Cuisine umschmeichelt, und im Zelt hatte man einen Tisch improvisiert, ein sauberes Tischtuch ausgebreitet, und dann wurde ein Drei-Gänge-Menü serviert! Und als Maude seinem Gastgeber deswegen ein Lob aussprach, erfuhr er, dass die Zutaten aller drei Gänge ausschließlich aus Bohnen und einigen einheimischen Kräutern bestanden hatten!

Noch Fragen?!

Aber ich will mich indessen auch nicht über die Bedingungen beklagen, unter denen die einfachen englischen Soldaten zum Zeitpunkt meiner Ankunft leben mussten. Ich fand einen Speiseplan in einer Hütte, die von einem türkischen Zug errichtet worden war. Es gibt jetzt täglich Salzfleisch und Kekse, in der Tat kärgliche Rationen im Vergleich zum heimischen Luxus, aber mehr als ausreichend, um existieren zu können. Und gepanschter Fusel ist uns auch nicht unbekannt, Vater. Bier ist schwer erhältlich und zudem teuer – dies gilt jedoch nicht für Schnaps. Es gibt da zum Beispiel ein Gift namens ›Raki‹, das von den einheimischen Bauern bezogen werden kann. Mehr als einmal habe ich Soldaten gesehen, darunter auch Offiziere, die betrunken von diesem Zeug durch die Gegend getaumelt sind. Ein derartiges Verhalten wird natürlich nicht gebilligt. In diesem Zusammenhang kann ich erzählen, was einem prächtigen Kameraden unserer Kompanie widerfahren ist, einem über sechs Fuß großen Burschen, der ein guter Soldat war, jedoch der Trunksucht verfallen. Das Antreten zur Bastonnade findet immer am frühen Morgen statt, vor dem ganzen Regiment; in diesem Fall lag die Temperatur unter null Grad, und es wehte eine stramme Brise. Unser Soldat wurde an Händen und Füßen auf ein aus Bahrenstangen gefertigtes Dreieck gebunden und der Rücken freigelegt. Ein Trommler schwang die neunschwänzige Katze, während der Tambourmajor die Streiche zählte. Vater, der Bursche schluckte sechzig Hiebe ohne einen Laut, obwohl das Blut schon nach einem Dutzend Schlägen floss. Als es vorbei war, richtete er sich stramm auf und grüßte seinen Oberst. »Ein warmes Frühstück, das Ihr mir an diesem Morgen serviert habt, Euer Ehren«, meinte er; und dann wurde er ins Lazarett geschafft.

In aller Bescheidenheit, Vater, ich melde, dass seit dem Tage, als ich Euer Haus unter solch unglücklichen Umständen verließ, kein Ton der Klage über meine Lippen gekommen ist.

Nun – ich kann Euren Aufschrei schier hören! – werde ich Euch die wichtigsten Ereignisse der letzten Tage berichten; und dann, wenn Ihr geneigt seid, mir so weit zu folgen, werde ich mit einem Bericht über meine eigene Disposition enden.

Sewastopol ist ein Marinehafen an der Schwarzmeerküste. Ihr könnt Euch eine breite Bucht vorstellen, die von Westen, vom Meer, nach Osten verläuft; die Stadt schmiegt sich an die Südseite dieser Bucht. Und die Stadt wird durch einen schmalen Meeresarm in zwei Hälften geteilt, der sich von der Bucht aus etwa zwei Meilen nach Süden hinzieht.

Vater, die praktische Konsequenz dieser Sache ist die, dass es zweier separater Armeen bedarf, um die Stadt einzunehmen; eine Heeresgruppe, welche eine Seite angreift, könnte nämlich der Streitmacht, welche auf die andere Hälfte marschiert, keine Unterstützung zuteil werden lassen, eben wegen der Existenz dieses Meeresarmes. Und deshalb hatten wir und die Franzosen auf beiden Seiten des Meeresarmes Position bezogen – die Franzosen auf der linken, die Briten auf der rechten.

Die russischen Verteidigungsstellungen wirken – oder wirkten – schwach, besetzten jedoch strategisch bedeutsame Positionen und waren schon aufgrund der Geländebedingungen stark befestigt. Ich habe z.B. bereits die eingegrabene Batterie namens Redan erwähnt, die aus siebzehn schweren Geschützen bestand.

Ich erinnere mich, wie wir uns eines Tages der Stadt auf vielleicht eine Meile näherten, um ihre Umgebung zu erkunden. Von einem Hügel aus konnte ich die stolzen russischen Kriegsschiffe sehen, die wie graue Gespenster in der Bucht ankerten, und die Einwohner von Sewastopol, die völlig gelassen durch die Straßen gingen, als ob die einhundertvierzigtausend Mann, die ihren Hafen belagerten, nur ein Traum wären. Aber weniger traumhaft waren die Festungen, die unsere Stellungen überschauten. Große schwarze Geschütze blinzelten mich durch die Luken an, und als ich mich zu deutlich zeigte, erschien ein Rauchwölkchen, und ich vernahm ein Zischen, als die Kugel über meinen Kopf hinwegflog; sie hatten sich nämlich sehr gut eingeschossen.

Ich habe bereits erwähnt, dass die Belagerung schon viele Monate andauerte, und nicht wenige Männer, deren Motivation durch diese Stagnation allmählich schwand, sagten hinter vorgehaltener Hand, dass Lord Raglan, der von glorreichen Zeiten träumte und noch der traditionellen Kriegsführung verhaftet war, nicht über die geistige Flexibilität verfügte, dieses Problem Sewastopol zu lösen.

Dann, Anfang Mai, erfuhren wir, dass solche Ansichten auch im Offizierskorps kursierten. Eine Gruppe Offiziere schloss sich uns an; die Herren kamen offensichtlich frisch aus England, denn ihre Epauletten glänzten hell. Sie wurden von General Sir James Simpson kommandiert, einem stämmigen Gentleman mit martialischem Blick. Sie wurden von einem Zivilisten begleitet: Einem komischen, ungefähr fünfzig Jahre alten Kauz, der über sechs Fuß groß und mit einer Nase gesegnet war, die an den Schnabel eines Habichts erinnerte; er hatte tiefschwarze Koteletten und trug einen Zylinderhut, der ihn zehn Fuß groß wirken ließ. (Die Legende berichtet, dass eines Tages eine verirrte Russki-Kugel – von der Art, die ständig wie winzige, tödliche Vögel über unsere Reihen hinwegsirrten – ein schönes Loch in dieser Kopfbedeckung hinterließ; und der Gentleman, die Ruhe selbst, nahm das Stück ab, begutachtete das Loch und tat kund, dass er gleich nach seiner Rückkehr nach England die Rechnung für die Ausbesserung bei der Botschaft des Zaren einreichen würde!) Dieser Bursche bahnte sich einen Weg durch den Schlamm, schaute in unsere Unterstände, musterte unsere Invaliden und anderen Siechen, und seine Betroffenheit und schlechte Stimmung waren für jedermann erkennbar.

Ich hoffe, dass Ihr anhand meiner Beschreibung den berühmten Sir Josiah Traveller identifizieren werdet, den Erschaffer all dieser technischen Wunder, welche die Industriellen von Manchester zuhause so berühmt gemacht haben. Aber soweit ich weiß, ist die Anti-Eis-Waffe noch nie zuvor auf einem Kriegsschauplatz eingesetzt worden.

Nun, Sir Josiah war auf die Halbinsel gekommen, um uns in ebendieser Angelegenheit zu beraten.

Ich habe den Gesprächen, die nach Travellers Ankunft stattfanden, natürlich nicht selbst beigewohnt, weswegen mein Bericht zwangsläufig auf Hörensagen beruht. General Simpson erwies sich als vehementer Befürworter des Einsatzes der neuen Traveller-Granaten, um die Stadt möglichst schnell einzunehmen. Aber Raglan verweigerte seine Zustimmung. Würde denn der alte Herzog von Wellington solche teuflischen Gerätschaften eingesetzt haben, derselbe Herzog, der sogar untersagt hatte, Trunkenbolde auszupeitschen? (Ich kann mir zumindest vorstellen, dass Raglan so argumentiert hat.) Nein, Gentlemen, das hätte er nicht; und genausowenig würde Lord Fitzroy Raglan eine derartige Waffe gutheißen. Die im Laufe von Jahrhunderten perfektionierten traditionellen Methoden der Erstürmung einer Festung konnten einfach nicht versagen; und sie würden auch hier zum Erfolg führen.

Wie dem auch sei, Raglan setzte sich durch; und man begann mit der Planung eines Angriffs auf die Festung.

Nun, Vater, es bedarf lediglich eines flüchtigen Studiums der Taktik der Offensive, um zu erkennen, dass ein von uns durchgeführter Angriff auf eine Festung wie Sewastopol, wobei wir den Verteidigern zahlenmäßig kaum überlegen waren, nur Feldgeschütze zur Verfügung hatten und mit ungeschützten Flanken und ohne Rückzugsgebiete operieren mussten, durchaus eine Verzweiflungstat war. Nichtsdestoweniger ließen sich am 18. Juni, nach neun Monaten einer demotivierenden und nutzlosen Belagerung, die Alliierten Streitkräfte auf eine ebensolche Aktion ein.

Unser Beschuss hatte bereits zwei Wochen früher begonnen. Vater, die Granaten und Schrapnells flogen Tag und Nacht über unsere Köpfe hinweg, und die Russen beantworteten das Feuer. Ich war in diesen zwei Wochen nicht aus der Uniform gekommen, hatte immer das Gewehr an die Brust gedrückt und auch kaum geschlafen. Und als ob das Donnern der Geschütze unseren Seelenfrieden nicht schon genug gestört hätte, pflegten die Männer des Zaren uns mit Zweiunddreißigpfündern zu beharken, deren Schrapnell wie Cricket-Bälle durch unsere Stellungen fetzte, ohne Rücksicht auf die Uhrzeit, was kaum einen erholsamen Schlaf garantierte!

Schließlich, am Morgen des 18., hörten wir die Hörner und Trommeln, die uns sagten, dass der Angriff begonnen hatte. Wir stießen ein raues Gebrüll aus – bedenkt, dass ich mich jetzt zum ersten Mal in einem realen Kampfeinsatz befand, Sir –, und ich schob meinen dummen Kopf aus dem Schützengraben, um das Gefecht besser beobachten zu können.

Durch Rauch und Dampf sah ich, wie die Franzosen zuerst über den umgepflügten Boden vorgingen. Aber die Russen warteten bereits auf sie, und die Kameraden fielen wie mit der Sense gemäht; die Nachfolgenden traten auf die Gefallenen, und bald herrschte nur noch eine einzige Konfusion. Vater, ich befürchte, dass einige dieser tapferen Gallier in diesem ganzen Chaos im zu kurz liegenden Feuer der Alliierten umkamen.

Dann erhielten wir den Befehl zum Angriff. Wir Kombattanten stiegen aus den Gräben und gingen durch den aufgewühlten Schlamm vor, die Kehlen heiser vom Brüllen, mit vor uns glänzenden Bajonetten. Wir griffen die stärkste russische Redoute an, den Redan; unser Auftrag bestand darin, eine Sturmtruppe zu decken, die Leitern und Wollsäcke mitführte, mit denen die Steinmauern des Redan bezwungen werden sollten. Ich feuerte mein Gewehr ab, und für ein paar Sekunden strömte das Feuer der Schlacht durch meine Adern!

Leider machten die Russen das Spiel nicht mit. Die Mannen des Zaren blieben in ihren Stellungen und ließen einen Hagel aus Schrapnell und Gewehrfeuer auf uns herabregnen. Wie ich diese Minuten überlebte, werde ich wohl nie erfahren, Vater; denn überall um mich herum fielen bessere Männer als ich. Schließlich blieb ich mit einem Stiefel im weichen Schlamm eines Granattrichters stecken; ich robbte vorwärts und erreichte dann den Boden des Kraters. Nur wenige Zoll über mir verdunkelte ein Hagel aus russischem Schrapnell den Himmel, und so lag ich flach im Schlamm, wobei ich wusste, dass Aufstehen den sicheren Tod bedeuten würde.

Ich hoffe, Ihr legt es mir nicht als Feigheit aus, dass ich unten blieb, Vater; als ich in diesem Loch lag, den Gestank von Blut und Kordit in der Nase, nagte der Zorn an meiner Seele, und ich schwor mir, dass ich bei der nächsten Gelegenheit den Angriff fortführen und mein Leben teuer verkaufen würde.

Schließlich, während noch immer Kugeln um mich herumschwirrten, kletterte ich aus dem Krater, ergriff mein Gewehr und stürmte los.

Ich wurde mit einem unglaublichen Anblick belohnt.

Sturmleitern lagen wie Zahnstocher auf der Ebene; und Männer – nein, blutige Fetzen von Männern – lagen dort verstreut, gespickt mit rauchenden Schrapnells und Granatsplittern. Nur eine Leiter, so sah ich, war wie durch ein Wunder gegen die dräuende Mauer der Festung gelehnt worden: Ihre Träger lagen verkrümmt auf einem lehmigen Haufen, dessen Basis überall von Armen und Beinen umgeben war. Und die russischen Geschütze starrten ungerührt aus jeder Öffnung der Redoute.

Es wurde zum Rückzug geblasen, und unter einem neuerlichen Schrapnellhagel unserer unfreiwilligen Gastgeber schleppten wir uns zu unseren Schützengräben zurück.

Und so endete mein erster Kampfeinsatz, Vater; und an jenem Abend legte ich mich aufgewühlt schlafen. Denn wie konnte ein derart absurdes, stümperhaftes Vorgehen den Tod so vieler guter Männer rechtfertigen?

Die nächste Woche wurde eine harte Zeit. Denn Stunde um Stunde erschienen grob zusammengezimmerte Karren zwischen unseren Zelten und Unterständen, und unsere armen verwundeten Kameraden wurden aufgeladen und über eine Rüttelpiste zum drei Meilen entfernten Lazarett an der Küste gebracht.

Ihre Schreie und das Weinen waren schrecklich anzuhören.

Und Tag und Nacht, als ob sie uns wegen unseres Versagens und unserer Frustration noch verhöhnen wollte, orgelte die russische Artillerie.

Nicht weniger beunruhigend waren die Anzeichen der Querelen, die wir unter unseren kommandierenden Offizieren registrierten. Die Lagebesprechungen fanden rund um die Uhr statt, und mehr als einmal sah ich, wie ein großer Gentleman aus Lord Raglans Zelt kam und hocherzürnt im Lager umherstiefelte, mit narbigen Wangen, die feuerrot waren vor Zorn, und weißen Handschuhen, die auf die an der Seite baumelnde Säbelscheide schlugen. Und mehrmals sahen wir den Ingenieur, Traveller, der über den Lagerplatz zu Raglans Zelt trottete und mysteriöse Pläne und andere Unterlagen bei sich hatte; und daher wussten wir, dass der Einsatz dieser seltsamen Substanz, des Anti-Eises, nun zumindest doch in Erwägung gezogen wurde.

Aber Lord Raglan selbst bekamen wir nicht zu Gesicht.

Ich stellte mir diesen Gentleman vor, Vater, sein Gesicht von Sorge und Krankheit gezeichnet und den Kopf voller Erinnerungen an Waterloo und den ›Iron Duke‹, im Auge eines Hurrikans aus Respektlosigkeit und Befragungen.

Schließlich, am 27. Juni, ließ unser Hauptmann uns antreten. Mit düsterem Gesichtsausdruck informierte er uns, dass Lord Fitzroy Raglan am Vortage, dem 26., gestorben sei; dass General Sir Simpson zu unserem neuen Oberkommandierenden ernannt worden sei; und dass wir uns in den nächsten vierundzwanzig Stunden auf einen neuen Angriff vorbereiten sollten. Diesem Angriff, so fügte der Hauptmann hinzu, würde »ein neuerliches Artillerie-Sperrfeuer von bisher nicht gekannter Intensität vorausgehen«.

Dann wandte er sich stocksteif von uns ab und sagte nichts mehr.

Wir wurden nie über die Ursache von Raglans Tod unterrichtet. Manche sagen, er sei an Enttäuschung gestorben, nach diesem letzten, gescheiterten Angriff auf die russischen Redouten; ich kann das jedoch nicht glauben. Denn noch vor einem Monat, als er unser Lager besuchte, Vater, schienen sich Sorge und Müdigkeit in dieses edle Gesicht eingegraben zu haben. Nun, Gott möge verhüten, dass Ihr jemals eines Opfers der Cholera ansichtig werdet, Sir – ich selbst habe schon zu viele gesehen –, aber wenn es Euch dennoch widerfährt, werdet Ihr, dessen bin ich sicher, die ausgezehrte, leidende Erscheinung dieser Unglücklichen bemerken; und deswegen besteht bei mir auch kein Zweifel an Raglans Todesursache.

Männer wie Raglan sterben nicht an gebrochenem Herzen, meine ich.

In dieser Nacht zogen wir uns in unsere schlammigen Unterstände zurück. Ich schlief nicht gut, Vater, aber nicht vor Furcht oder Aufregung und nicht einmal wegen des ständigen Brüllens der Artillerie; vielmehr muss ich gestehen, dass ich in eine Depression verfiel, angesichts des Todes so vieler guter Kameraden – und jetzt auch noch des Ablebens von Lord Raglan – bei einem so geringen Erfolg. In jener Nacht schien es mir, als ob die ganze englische Armee selbst im Sterben läge, dort in den Ebenen der Krim.

In der Morgendämmerung wurden wir geweckt. Die Hörner und Trommeln schwiegen, aber nichtsdestoweniger wurde uns befohlen, in Exerzierformation anzutreten und uns auf den Marsch vorzubereiten.

Und so trat ich an, mit in die Ärmel geschobenen Händen, um sie vor der Kälte der grauen Dämmerung zu schützen, und der Riemen meines Gewehres schabte an meinem unrasierten Hals. Das Sperrfeuer der hinter uns liegenden Artillerie ließ nicht nach; desgleichen galt für das Feuer der Redouten von Sewastopol, und eine klamme Furcht beschlich mich. Wenn die russischen Geschütze nämlich nicht zum Schweigen gebracht wurden, käme unser Angriff nur einem weiteren Himmelfahrtskommando gleich. Nochmals, Vater, ich bitte Euch, mich nicht für einen Feigling zu halten; aber ich hatte – und habe – nicht das Bestreben, mein Leben billig zu verkaufen, aber genau darauf schien es in jenem Moment hinauszulaufen.

Dann verstummten auf einmal die Geschütze hinter uns; und bald, wie als Antwort, schwiegen auch die Kanonen der Russen. Stille legte sich über unser Lager, und zusammen mit dem trüben Licht der Morgendämmerung wirkte die Szenerie so fremdartig, dass ich zitternd die Arme um mich schlang. Das einzige, was sich noch bewegte, war der Kleine Mond, der über uns aufging, eine blendende Leuchtboje, die erneut ihren halbstündigen Lauf über den Himmel antrat. Ich schaute mich um und suchte Trost in den Reihen der müden, unsicheren Gesichter um mich herum; aber da war kein Trost. Es war, als ob wir alle, Infanteristen, Offiziere und Pferde, uns auf einem weit entfernten, grauen Stern befunden hätten.

Ich hielt die Luft an.

Dann vernahm ich von den hinter mir liegenden alliierten Stellungen den Donner eines einzigen Feldgeschützes.

Später erhielt ich von einem befreundeten Artilleristen einen Bericht über die kurze Zeitspanne, welche diesem einen Schuss vorausgegangen war. Besagter Kanonier hatte gesehen, dass der Ingenieur Josiah Traveller sich einer bestimmten Stellung näherte, wobei er seinen Zylinder bis über beide Ohren ins Gesicht gezogen hatte. Der Bursche trug dicke Lederhandschuhe, die nach Aussage meines Reporters der ganzen Erscheinung einen reichlich komischen Effekt verliehen; und mit ausgestreckten Armen transportierte er einen großen Metallbehälter, der mit einer glitzernden Reifschicht überzogen war, als ob er so kalt wie der Tod wäre. Im Gefolge von Traveller kamen mit grimmigen Gesichtern sowie glänzenden Epauletten und Orden Sir James Simpson daselbst und einige seiner Stabsoffiziere. Der Ingenieur legte den Behälter vor der Geschützmündung auf den Boden, löste einige Verriegelungen und riss ihn auf. Wie mein Freund berichtete, war der Stauraum ziemlich klein; die Wandung des Behälters war nämlich einige Zoll stark, so dass sie seinen Spekulationen zufolge eine Substanz enthalten haben könnte, welche die Temperatur des Behälters unnatürlich niedrig hielt.

Der Behälter enthielt eine einzige Granate, die, anhand der Größe zu urteilen, vielleicht ein Zehnpfünder gewesen sein mochte. Dann nahm der Ingenieur diese Granate so sachte wie ein Kind heraus und ließ sie vorsichtig in die Mündung des Feldgeschützes gleiten. Daraufhin trat Traveller zurück.

Das Geschütz feuerte mit einem gedämpften Knall, der an ein Husten erinnerte. Sekunden später beschrieb diese wertvolle Granate eine gekrümmte Flugbahn über meinen Kopf hinweg und beförderte einige Unzen Anti-Eis nach Sewastopol.

Von meiner Position aus konnte ich die Stadt zwar nicht direkt sehen, aber dennoch schielte ich über die Köpfe meiner Kameraden, um den Flug der Granate zur beschädigten Festung zu verfolgen; ich schob sogar die Mütze zurück und beschirmte die Augen mit der Hand, um besser sehen zu können.

Ich habe mich seither etwas mit den Eigenschaften dieser merkwürdigen Substanz namens ›Anti-Eis‹ vertraut gemacht, Vater. Sie wird aus einem seltsamen Flöz im gefrorenen Ozean des Südpols gewonnen, und solange sie bei diesen frostigen Temperaturen aufbewahrt wird, ist sie völlig ungefährlich. Wenn sie jedoch erwärmt wird …

Nun, ich werde dir jetzt beschreiben, was ich sah.

Die Granate schlug kreischend ein.

Dann war es, als ob die Sonne die Erde berührt hätte.

Der Horizont vor Sewastopol explodierte in einem stummen Meer aus Licht. Es war ein Licht, das sich in die Haut fraß, so dass man direkt spüren konnte, wie sich die Haut abschälte. Ich taumelte zurück, wobei meine Schreie des Schreckens und Entsetzens mit denen meiner Kameraden verschmolzen. Ich nahm die Hand von der Stirn und starrte sie an; die versengte und mit Blasen bedeckte Hand sah aus wie ein grotesk verformtes Stück Wachs und schien überhaupt kein Teil meines Körpers mehr zu sein. Dann erreichte der Schmerz meinen trüben Kopf, und ich schrie gellend auf; dabei spürte ich, dass meine versengten Wangen aufsprangen und eine Flüssigkeit absonderten, und ich verstummte wieder. Aber, Vater, bald bemerkte ich, dass ich wieder einmal unverdientes Glück gehabt hatte; denn die Hand hatte die Augen vor der schlimmsten Blendwirkung des Lichts bewahrt, während um mich herum die Kameraden sich auf dem Boden krümmten und die Hände auf die verbrannten Augen drückten. Dann – nur wenige Sekunden nach diesem heftigen optischen Paukenschlag – folgte ein Wind wie der Atem Gottes. Ich wurde zurückgeschleudert und schob die versengte Hand in die Uniform, um sie zu schützen; ich presste mich in einem Sturm aus Staub auf den Boden und schrie gegen den Wind an.

Die Hitze war erstaunlich.

Lange Minuten später legte sich dieser Orkan, und ich kam taumelnd auf die Füße. Männer, verbrannt und weinend – Waffen – die Überreste von Zelten – scheuende Pferde – alles war über das Gelände verstreut wie die Spielsachen eines übellaunigen Riesenbabys. Vater, in einem Umkreis von einer Viertelstunde war unser Lager viel schlimmer verwüstet, als es den Russen, der Dame Cholera oder den Generälen Januar und Februar bisher gelungen wäre.

Mittlerweile stieg über Sewastopol eine schwarze pilzförmige Wolke gen Himmel.

Ein Kamerad lag weinend neben mir, wobei seine Augen Höhlen mit einer trüben Flüssigkeit waren – sie erinnerten mich auf schreckliche Art an die Augen einer gedünsteten Forelle. Während der nächsten Minuten kniete ich neben ihm und hielt seine Hand, wobei ich ihm stumm den Trost spendete, den ich aufbringen konnte. Dann kam ein Offizier vorbei – seine Uniform war versengt und nicht mehr zu identifizieren, aber die Reste eines Säbels baumelten noch an der Hüfte –, und ich rief ihn an. »Was haben sie uns nur angetan, Euer Ehren? Ist das eine teuflische neue Waffe der Kosaken?«

Er blieb stehen und schaute auf mich herab. Er war ein junger Mann, aber dieses infernalische Licht hatte Altersfalten in sein Gesicht gegraben; und er sagte: »Nein, Kamerad, nicht die Kosaken; das war eine unserer eigenen Waffen.«

Zunächst verstand ich ihn nicht, aber er zeigte auf die sich auflösende Wolke über Sewastopol, und allmählich begriff ich die verblüffende Wahrheit: Dass diese eine Granate des Ingenieurs beim Einschlag in Sewastopol eine derart gewaltige Explosion verursacht hatte, dass sogar wir – in einer Entfernung von drei Meilen – noch außer Gefecht gesetzt worden waren.

Offenkundig war die Sprengkraft des neuartigen Projektils drastisch unterschätzt worden; andernfalls hätten wir sicherlich in unseren Schützengräben und Unterständen Deckung gesucht.

Langsam bemerkte ich, dass die russischen Geschütze, ein konstantes Orchester seit meiner Ankunft auf der Halbinsel, verstummt waren. Hatten wir unser Hauptziel also erreicht? Mit diesem einen, einzigen, vernichtenden Schlag Sewastopol gelähmt?

Ein Anflug des Überschwanges, des Sieges, durchlief mich; aber die Schmerzen, die mich umgebende Zerstörung und dieser dräuende Hammer über Sewastopol versetzten mich schnell wieder in eine gedrückte Stimmung; und von denjenigen, die noch neben mir standen, vernahm ich kein einziges Wort der Freude.

Es war erst sieben Uhr dreißig.

Die Offiziere organisierten uns schnell. Diejenigen von uns, die noch halbwegs einsatzfähig waren – zu denen auch ich gehörte, Vater, nachdem meine Hand mit Salbe behandelt, bandagiert und in einen dicken Schutzhandschuh gesteckt worden war –, wurden zur Versorgung der anderen herangezogen. Wir bauten die Zelte wieder auf und richteten das Lager so weit her, dass es wieder Ähnlichkeit mit einer britischen Militäreinrichtung aufwies.

Dann formierten sich die Reihen der Lazarettkarren.

Auf diese Art wurden wir bis Mittag evakuiert, als die Sonne schon hoch im Zenit stand. Ich saß im Schatten, wobei salziger Schweiß in die Wunden rann, aß Rindfleisch und nippte mit aufgesprungenen Lippen an Wasser.

Obwohl die pilzförmige Wolke sich jetzt aufgelöst hatte, schwiegen die russischen Geschütze in Sewastopol noch immer.

Gegen vierzehn Uhr erhielten wir den Befehl zum Sturmangriff. Aber, Vater, das sollte ein seltsamer Angriff werden: Ja, wir ergriffen unsere Gewehre und Munition; aber wir nahmen indessen auch Spaten, Hacken und andere Werkzeuge und luden alles an Decken, Verbandszeug, Medikamenten und Wasser auf die Wagen, was wir erübrigen konnten.

Und so nahmen wir die letzten drei Meilen nach Sewastopol in Angriff.

Ich schätzte, dass wir zwei Stunden brauchen würden. Nach zehn Monaten Artilleriebeschuss und Stellungskrieg hatte sich das Land in einen Ozean aus aufgewühltem, verkrustetem Schlamm verwandelt; ständig rutschte ich in Granattrichter, und binnen kurzem waren wir alle von modrig riechendem Brackwasser durchnässt. Und überall stieß ich auf die Trümmer des Krieges: Granatsplitter, zurückgelassene Ausrüstung, zusammengeschossene Feldgeschütze … und ein paar Exemplare schauerlicher Natur, von deren Beschreibung ich, bei allem Respekt, Vater, Abstand nehmen möchte.

Doch schließlich erreichten wir Sewastopol; und ich stand einige Minuten auf einer Anhöhe, von der aus man die Stadt überblicken konnte.

Vater, Ihr werdet Euch an meine frühere Beschreibung der Stadt erinnern, die intakt hinter ihren Mauern gelegen und vor Waffen nur so gestarrt hatte. Nun, jetzt schien es so, als ob sie von einem riesigen Stiefel zertreten worden wäre – auf eine andere Art kann ich es nicht beschreiben. Ein vielleicht eine Viertelmeile durchmessender Krater bildete jetzt das Zentrum der Stadt, in der Nähe der Docks; und ich konnte sehen, dass die aufgerissene Erde noch dampfte, wobei die Felsen und die Schlacke rot glühten. Und um diesen Krater zog sich ein großer Kreis, in dem die Wohnhäuser und anderen Gebäude säuberlich abgetragen worden waren; man konnte noch ihre Grundrisse sehen, als ob man eine riesige Bauzeichnung betrachtete – obwohl sich hier und da noch ein verkohlter Kamin oder Mauerrest trotzig in der Senkrechten hielt. Jenseits dieser Zone schienen die Gebäude weitgehend intakt geblieben zu sein – Fenster und Dachziegeln waren indessen fast nicht mehr vorhanden. Und in einigen Vierteln der Stadt sahen wir große, anscheinend unkontrollierte Feuer wüten.

Die massiven Befestigungswälle der Stadt waren durch die Explosion nach außen gedrückt und in Schutt verwandelt worden; die Mündungen zertrümmerter Geschütze wiesen ungerichtet gen Himmel. Und die Redouten waren vernichtet; Russen in ihren sackartigen Uniformen lagen über dem Schrott ihrer Kanonen.

Hinter diesem infernalischen Szenario lag friedlich die blau glitzernde Bucht; jedoch trieben die Wracks einiger Schiffe mit gebrochenen Masten im Wasser.

Einige Minuten lang betrachteten wir mit offenem Mund den Schauplatz. »Kommt, Kameraden«, sagte der Hauptmann schließlich, »wir müssen unsere Pflicht tun.«

Erneut formierten wir uns. Es wurde ins Horn gestoßen und eine Trommel gerührt, wobei die Klänge indes völlig deplaziert wirkten, und wir marschierten über die Ruinen der Wälle.

So rückte schließlich, gegen vier Uhr nachmittags, die britische Armee in Sewastopol ein.

Zunächst hielten wir unsere Waffen schussbereit und gingen in guter militärischer Ordnung vor, mit Kundschaftern und Spähern; aber die einzigen Geräusche wurden durch knirschendes Glas und Steinbrocken unter unseren Füßen verursacht, und es war, als ob wir über die Oberfläche des Mondes wandern würden. Selbst in den Außenbezirken der Stadt waren die Gebäude allesamt verkohlt und geschwärzt, und ich dachte an diese fürchterliche Hitze, die vom Stadtzentrum ausgestrahlt hatte. Wir kamen an einem Haus vorbei, das so aussah, als ob es aufgeschlitzt worden wäre, so dass wir die Einrichtung seiner unglücklichen Bewohner sehen konnten. Die Straßen waren mit zerstörten Wagen aller Art übersät, wobei noch tote und verwundete Pferde in ihrem Geschirr gefangen waren.

Und die Menschen:

Vater, überall lagen sie, wie sie gefallen waren, Männer, Frauen und Kinder gleichermaßen, wobei ihre Körper verkrümmt und wie Puppen zu Boden geschleudert worden waren, ihre bäuerliche russische Kleidung war zerrissen, blutverschmiert und schwelte noch. Irgendwie wirkten die Posen dieser unglücklichen Körper nicht einmal mehr menschlich, und ich verspürte nur Übelkeit und ein Gefühl der Betäubung.

Dann stießen wir auf unseren ersten lebenden Russen.

Er schleppte sich durch einen Korridor, der nirgendwohin führte. Er war ein Soldat – ein Offizier, soviel ich erkennen konnte – und um mich herum hörte ich das Gemurmel der Kameraden und sah, wie sie die Arme ausstreckten. Aber dieser arme Kerl hatte seine Mütze verloren, trug keine Waffe, und er zog einen Fuß nach, so dass er nur gehen konnte, indem er sich auf einer Krücke abstützte, die er aus einem Stück Holz improvisiert hatte. Der Hauptmann befahl uns, die Waffen zu schultern. Der Kamerad begann, in seiner gutturalen Muttersprache zu stammeln, und allmählich eruierte der Hauptmann, dass es mehrere Leute waren, vielleicht ein Dutzend, die in den Trümmern eines Schulhauses eingeschlossen waren, einige hundert Yards entfernt.

Eine Gruppe Soldaten empfing Spaten und andere Ausrüstung und wurde dem Russen als Begleitung mitgegeben.

Und so ging es die nächsten Tage weiter. Vater, meines Wissens wurde in Sewastopol nach dem Einschlag der Anti-Eis-Granate kein Schuss im Zorn abgefeuert; vielmehr arbeiteten wir Seite an Seite mit den russischen Überlebenden – und den Franzosen und Türken – in den Trümmern dieser zerstörten Hafenstadt.

Ich erinnere mich an ein Mädchen, das auf dem Rücken lag und einen roten Schal um den Kopf gewickelt hatte. Sie richtete eine Hand gen Himmel, der sie so im Stich gelassen hatte, und ihre Finger brannten wie Kerzen. Ein Mann kam aus den Trümmern einer Segelmacher-Manufaktur, wobei er sich nur mit den Armen vorwärtsbewegte; er zog dabei eine rote, glitzernde Spur hinter sich her, wie eine gespenstische Schnecke …

Vater, ich habe beschlossen, Euch von diesen Dingen zu berichten; aber ich weiß, dass Ihr davon absehen werdet, Mutter oder den kleinen Ned durch eine Weitergabe dieser Schilderungen in Sorge zu versetzen.

Die meiste Arbeit verursachte die Beseitigung der Leichen; aber das konnte überhaupt nicht schnell genug erfolgen. Nach ein paar Tagen unter der heißen Sonne der Krim wurde der Gestank in der Stadt unerträglich; und wir bedeckten den Mund mit in ›Raki‹ getränkten Tüchern.

Der seltsamste Anblick bot sich mir nach ein paar Tagen, als ich zu einem Krater im Herzen der Stadt geschickt wurde. Wir mussten nasse Lappen um die Stiefel wickeln, denn selbst zu diesem Zeitpunkt waren die Steine noch so heiß, dass sie einem die Haut verbrannten. Hier stieß ich auf ein Mauerstück, das wie ein großer, unregelmäßiger Grabstein aus der umgepflügten Erde ragte. Diese Wand war völlig geschwärzt – bis auf einen merkwürdig geformten Fleck dicht über dem Boden; und dieser Fleck, so erkannte ich nach einiger Zeit, war der Umriss einer alten Frau, die sich gebeugt die Straße entlang bewegte.

Vater, an der Wand zeichnete sich der Schatten ab, den diese arme Frau im Licht der Anti-Eis-Granate geworfen hatte. Von der Frau selbst war natürlich keine Spur mehr zu sehen; und genausowenig fanden wir andere Überlebende in diesem Teil der Stadt.

Mehr als einmal begegnete ich dem Ingenieur, Traveller, der mit dem Rest von uns zusammenarbeitete; und einmal sah ich, wie ihm Tränen über die verschmutzten Wangen liefen. Vielleicht, so mutmaßten wir, hatte nicht einmal er selbst die Vernichtungskraft seiner Erfindung vorausgesehen. Ich fragte mich, wie dieser Traveller wohl den Rest des Tages verbrachte; und welche anderen Wunder – oder Flüche – aus Anti-Eis er möglicherweise noch ausheckte.

Aber ich sprach ihn nicht an, und ich wüsste auch nicht, dass jemand anders es getan hätte.

Sonst gibt es nicht mehr viel zu berichten, Vater. Ich wurde von meiner Arbeit in Sewastopol freigestellt, nachdem neue Truppen und Ausrüstung aus Großbritannien und Frankreich eingetroffen waren; nun, nach neun oder zehn Tagen, erinnert die Stadt – obgleich zerstört – ein wenig an eine Szene aus der ›Göttlichen Komödie‹; und der Hafen ist bereits wieder geöffnet worden.

Die Monate der Belagerung sind natürlich vorbei, und der Krieg ist gewonnen. Aber nach der Besetzung der Stadt haben wir erfahren, dass die Russen schon vor dem Anti-Eis-Beschuss tägliche Verluste von tausend Menschen hatten, hervorgerufen durch unser Artilleriefeuer und die verschiedenen Entbehrungen, die sie erlitten. Ihre Stimmung war offensichtlich immer verzweifelter geworden, und – so sagte man mir – ihre Offiziere hatten bereits erwogen, alles auf eine Karte zu setzen und einen Ausbruch sowie einen Angriff zu wagen, der aller Voraussicht nach zu unseren Gunsten ausgegangen wäre und uns in diesem Krieg den Sieg beschert hätte.

Also, Vater – musste das Anti-Eis denn wirklich eingesetzt werden? Hätten wir nicht auch siegen können, ohne der Bevölkerung der Stadt solches Leid zuzufügen?

Ich befürchte, dass nur Gott, Herr über mehr Welten als nur über diese, die Antwort auf solche Fragen kennt.

Was mich betrifft: Der Doktor hat mir gesagt, dass ich meine verbrannte Hand im Laufe der Zeit zumindest teilweise wieder gebrauchen könne, obwohl sie nie mehr einen schönen Anblick bieten wird, und Geige werde ich wohl auch nicht mehr spielen können! Apropos schöner Anblick – ich muss dies schon im Vorfeld unserer Begegnung und Versöhnung erwähnen, die hoffentlich eines Tages stattfinden wird – ich befürchte, dass mein Gesicht durch das Feuer des Anti-Eis Narben davongetragen hat, die mich zeit meines Lebens begleiten werden – abgesehen von dem markanten und unverkennbaren Schatten der Hand, mit der ich in dem Moment, als diese ungewöhnliche Granate auf Sewastopol fiel, die Augen geschützt hatte.

Vater, ich schließe nun diesen Brief. Bitte versichert Mutter und Ned meiner Liebe und Ergebenheit; wie ich schon sagte, hoffe ich, wenn Ihr es wünscht, Euch alle nach meiner Rückkehr nach England wiederzusehen; dann werde ich auch imstande sein, Euch für die Wiedergutmachung zu danken, die Ihr der jungen Dame habt zukommen lassen, die ich durch die Handlungen meiner Jugend so schimpflich in ihrer Ehre verletzt habe.

Möge Gott Euch segnen, Sir.

Ich verbleibe in Liebe

Euer ergebener Sohn

HEDLEY VICARS

1Auf der Neuen Großen Ausstellung

Es war anlässlich der Eröffnung der Neuen Großen Ausstellung, am 18. Juli 1870, als ich dem berühmten Ingenieur Josiah Traveller zum ersten Mal persönlich begegnete, obwohl ich bereits mit den Erzählungen meines Bruders Hedley von der Barbarei aufgewachsen war, die Travellers Anti-Eis im Krimkrieg bewirkt hatte. Unser erstes Treffen war recht kurz und wurde durch mein Staunen über die Kristall-Kathedrale und ihr Inventar überlagert – ganz zu schweigen von der schönen Françoise Michelet –, und dennoch sollte die durch diese erste zufällige Begegnung initialisierte Kausalkette schrittweise in das erstaunliche Abenteuer führen, das mich über die Stratosphäre erheben und schließlich in die Tiefen einer von Menschenhand erschaffenen Hölle in Orléans führen würde.

In jenem klimaktischen Jahre 1870 diente ich als Junior-Attaché im Foreign Office. Mein Vater hatte unbeschadet meines oberflächlichen Charakters und meines noch bescheideneren Intellektes darauf bestanden, mir eine Position zu verschaffen, in der ich dem Land bedeutende Dienste erweisen konnte. Ich glaube, dass er sogar mit dem Gedanken gespielt hatte, mir einen Offiziersrang in einer der Teilstreitkräfte zu kaufen; aber, sensibilisiert wie er war durch Hedleys Erlebnisse auf der Krim, hatte er davon wieder Abstand genommen. Ich hatte schon immer eine gewisse Begabung für Sprachen, und Vater war der vagen Ansicht, dass mir dies bei Auslandsaufenthalten zugute kommen könnte. (Da irrte er sich natürlich; Englisch ist nämlich nach wie vor die Universalsprache der zivilisierten Welt.)

Und so wurde ich Diplomat.

Sie müssen also wissen, dass ich mich damals, im Alter von dreiundzwanzig Jahren, an der untersten Stufe der diplomatischen Laufbahn befand. Ich war fünf Fuß und zehn Zoll groß, von schlanker Statur, blond und glattrasiert – von akzeptablem Äußeren, wenn ich das so sagen darf, falls nicht gar bemerkenswert gutaussehend. Ich war noch Berufsanfänger, und trotzdem langweilte mich die Arbeit schon, die überwiegend darin bestand, in einem überfüllten Büro tief im Inneren von Whitehall am Schreibtisch zu sitzen und Akten zu verschieben. (Ich hatte eigentlich auf einen Posten in Manchester, der Hauptstadt, spekuliert, doch bald wurde mir klar, dass London ungeachtet seines abgewerteten nationalen Status noch immer der administrative Mittelpunkt des Empire war.) Wie hatte ich mich auf meine erste Abkommandierung nach Übersee gefreut! Während ich detachiert auf das Löschpapier starrte, flanierte ich im Geiste vor den juwelenbesetzten Palästen der Raj-Prinzen; ich stellte mich den wilden Indianern Kanadas mit keiner anderen Bewaffnung als Behördenstempeln und Heftklammern; und meine Teetasse war ein Schoner, mit dem ich im Kielwasser von Cook in die Arme von dunkelhäutigen Südseeschönheiten segelte.

Bei dieser Beanspruchung kam ich natürlich kaum zum Arbeiten; und der Blutdruck von Mr. Spiers, meinem Vorgesetzten, stieg bald gefährlich an.

Deshalb war ich mehr als erfreut, als mein Fremdsprachentalent mir eine Exkursion zur Eröffnung der Neuen Großen Ausstellung verschaffte.

Spiers beugte sich mit vom Gin aufgedunsenen Backen über meinen tintenbeklecksten Schreibtisch, wobei sich sein kläglicher kleiner Seehundsbart über dem Mund verzog. »Ihr werdet zur preußischen Abordnung abgestellt«, verkündete er. »Soweit ich weiß, wird der alte Bismarck ebenfalls erscheinen.«

Ich konnte eine neidische Aufwallung unter den Kollegen an ihren Schreibtischen spüren. Schulter an Schulter mit Prinz Otto von Schönhausen Bismarck, dem Eisernen Kanzler von Preußen – der vor weniger als vier Jahren den Armeen des alten Franz Joseph von Österreich in nicht einmal zwei Monaten eine verdammt gute Abreibung verpasst hatte … Sagte Spiers: »Die Preußen werden mit der Schwebebahn zur belgischen Küste reisen und dann mit dem Schnellboot nach Dover. Ihr werdet zum Begrüßungskomitee gehören, das sie nach der Landung willkommen heißt.«

»Sir, warum denn einen solchen Umweg? Die Schwebebahn von Calais ist doch viel schneller …«

Er musterte mich düster. »Vicars, jedesmal, wenn ich glaube, dass wir Euch doch unterschätzen, leistet Ihr Euch wieder einen Schnitzer. Natürlich wegen der Spannungen zwischen Preußen und Frankreich, Junge. Lest Ihr denn keine Zeitung? Sprecht um Gottes willen nicht mit Bismarck darüber, oder Ihr löst einen neuen verdammten Krieg aus …«

Und so weiter.

Auf jeden Fall räumte ich frohgemut meinen Schreibtisch auf und reiste nach Dover ab. Die preußische Delegation fuhr von diesem Hafen mit der Schwebebahn nach London; die Eisenbahngesellschaft hatte einen Waggon bereitgestellt, der eigens mit dem Wappen des preußischen Königs Wilhelm verziert war, und Stander mit dem preußischen Adler flatterten an jeder Ecke des Waggons. Wir müssen ein prächtiges Bild abgegeben haben, als wir in der Schwebebahn mit fünfzig Meilen pro Stunde hundert Fuß über der hügeligen Landschaft von Kent dahinbrausten!

Die Delegation dinierte in der Kaiserlichen Botschaft am St. James Square, und eine große Sache war es obendrein. Das Dutzend Preußen in ihren Gala-Uniformen trug so viele Orden auf der Brust, dass die Oberkörper schier glänzten, und sie spreizten sich wie eine Schar alternder Pfauen. Ich war in meinem neuen Kummerbund der Jüngste unserer Abordnung, gänzlich undekoriert und mundfaul; als jedoch der Wein und andere Spirituosen ihre Wirkung entfalteten, schien sich auch mein Geist zu erweitern und die weiten, geschmückten Räume des Speisesaales Seiner Exzellenz auszufüllen. Ich spielte mit dem Silberbesteck und genoss das Aroma eines Branntweins, der schon in Napoleons Kindertagen eingekellert worden war, und meine Welt aus tintenbeklecksten Schreibtischen schien so weit entfernt wie der Mond. Jetzt, so phantasierte ich, wusste ich, warum ich in den diplomatischen Dienst eingetreten war.

Im weiteren Verlauf des Abends nahm Bismarck sich persönlich meiner an. Otto von Bismarck war ein rundlicher, recht großväterlicher Gentleman; und für ihn war ich »Herr Vicars, mein geehrter Gast«. Ich lächelte glasig und suchte nach Gesprächsstoff. Bismarck hatte einen gesunden Appetit, aber er trank nur faulig riechendes deutsches Bier aus einem großen, geschlossenen Fass; ich vermutete, dass er die schlimmsten Bestandteile dieses Gebräus durch seinen eindrucksvollen Bart filterte. Das Bier, flüsterte Bismarck mir in seinem holprigen Englisch zu, ließ ihn die Widrigkeiten des Lebens am Hofe König Wilhelms vergessen und nächtens einschlafen.

Am Morgen des achtzehnten standen wir früh auf. Der Kleine Mond stand noch immer am Morgenhimmel, eine Faust aus Licht, die sich stetig am Horizont entlangbewegte. Wir nahmen die Schwebebahn von Euston nach Manchester Piccadilly, und von dort aus fuhren wir in einem Hansom (* Historische Kutsche – Anm. d. Übers.) zum Peel Park im Norden der Stadt. Gegen Mittag hatten wir uns der Prozession der Würdenträger angeschlossen, die sich den großen Portalen der im Park errichteten Kristall-Kathedrale näherte. Selbst Bismarck, der Koloss Europas, verlor sich als Durchschnittsgesicht in der Menge; und ich war amüsiert – und beeindruckt –, als ich bemerkte, dass der runde Kiefer des Preußen bei der Annäherung an dieses neueste Symbol britischer Ingenieurskunst herunterklappte.

Wie der erste Kristallpalast – der im Hyde Park errichtet worden war, um die Große Ausstellung von 1851 zu beherbergen –, war die Kathedrale ein von Sir Joseph Paxton entworfenes Monument aus Eisen und Glas. Dem gotischen Kreuzstil nachempfunden, erhob sich ihre Fassade über uns, wobei sich die Julisonne grell in tausend Fensterscheiben spiegelte. Eine Schwebebahn schwang sich von Osten auf grazilen Pylonen heran und wurde durch ein vielleicht hundert Fuß über dem Boden befindliches Portal in das Gebäude geführt. Über dem Eingang der Kathedrale erhob sich ein fünfhundert Fuß hoher, pyramidenartiger Turm; seine entfernte Spitze, die von einer schneidig flatternden britischen Flagge gekrönt wurde, schien an der leichten Bewölkung zu kratzen.