Das Geheimnis der Botigo Bay - Cristina Alandro - E-Book

Das Geheimnis der Botigo Bay E-Book

Cristina Alandro

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Beschreibung

Liam Moore war reich, gutaussehend und der Schwarm aller Frauen. Und er war ein Pirat. Verwegen und von seinen Feinden gefürchtet. Doch dann zwang ihn die spanische Krone in ihre Dienste zu treten um fortan in ihrem Auftrag als Freibeuter zur See zu fahren. Seine Mission war jedoch beinahe beendet. Nur noch einen letzten Auftrag sollte er für die Spanier ausführen, dann wäre er frei. Aber dieser letzte Auftrag sollte ihm weit mehr abverlangen als jeder andere zuvor. Kurz bevor Liam Jamaica verlassen musste traf er auf Nyah Landon. Die geheimnisvolle Schöne verzauberte ihn in dem Moment, als er sie zum ersten Mal sah. Er war ihr völlig verfallen. Vom ersten Augenblick an bestand ein besonderes Band zwischen ihnen. Ihre Schicksale schienen auf merkwürdige Weise mit einander verbunden zu sein. Doch schon kurze Zeit später trennten sich ihre Wege wieder, als Nyah die Insel verlassen musste. Es schien, als sollten sich die Liebenden niemals wiedersehen. Für beide brach eine Welt zusammen. Nichts war mehr wie zuvor. Doch Nyah hütete ein Geheimnis, das Liam niemals entdecken durfte. Sonst würden sie beide in großer Gefahr schweben. War ihre Liebe stark genug ihrem scheinbar unausweichlichen Schicksal zu trotzen?

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Seitenzahl: 858

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Cristina Alandro

Das Geheimnis der Botigo Bay

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Klappentext

Teil 1

Teil 1.1

Teil 1.2

Teil 1.3

Teil 2

Teil 2.1

Teil 2.2

Teil 2.3

Teil 2.4

Teil 2.5

Teil 2.6

Teil 2.7

Teil 2.8

Teil 2.9

Teil 3

Epilog

Impressum neobooks

Klappentext

Liam Moore war reich, gutaussehend und der Schwarm aller Frauen. Und er war ein Pirat. Verwegen und von seinen Feinden gefürchtet. Doch dann zwang ihn die spanische Krone in ihre Dienste zu treten um fortan in ihrem Auftrag als Freibeuter zur See zu fahren. Seine Mission war jedoch beinahe beendet. Nur noch einen letzten Auftrag sollte er für die Spanier ausführen, dann wäre er frei. Aber dieser letzte Auftrag sollte ihm weit mehr abverlangen als jeder andere zuvor.

Kurz bevor Liam Jamaica verlassen musste traf er auf Nyah Landon. Die geheimnisvolle Schöne verzauberte ihn in dem Moment, als er sie zum ersten Mal sah. Er war ihr völlig verfallen. Vom ersten Augenblick an bestand ein besonderes Band zwischen ihnen. Ihre Schicksale schienen auf merkwürdige Weise mit einander verbunden zu sein. Doch schon kurze Zeit später trennten sich ihre Wege wieder, als Nyah die Insel verlassen musste. Es schien, als sollten sich die Liebenden niemals wiedersehen.

Für beide brach eine Welt zusammen. Nichts war mehr wie zuvor. Doch Nyah hütete ein Geheimnis, das Liam niemals entdecken durfte. Sonst würden sie beide in großer Gefahr schweben.

War ihre Liebe stark genug ihrem scheinbar unausweichlichen Schicksal zu trotzen?

Teil 1

Angst ist was uns tapfer macht. Wahrer Mut liegt im überwinden der Angst. (Zitat)

In gemütlichem Schritt ritten die beiden Brüder den sandigen Pfad entlang, der sie zwischen sanften Dünen hindurch in Richtung Meer führte. Die helle Sonne schien ihnen warm ins Gesicht und sie genossen die Ruhe abseits des geschäftigen Treibens der Stadt. Kurze Zeit später verließen sie den Pfad und ritten eine flach ansteigende Düne hinauf. Als sie den Kamm der Düne erreichten hielten sie ihre Pferde nebeneinander an. Vor ihnen tauchte das glitzernde Meer auf und die steil abfallende Düne mündete in einen breiten, weißsandigen Strand. Links von ihnen schien sich der Strand schier endlos auszudehnen und verlief in einem sanften Bogen an der weitläufigen Bucht entlang. Folgte man dem Strand nach rechts in südlicher Richtung, so verschwand die Sandbank ein Stück weit im Wasser und war beidseitig von der karibischen See umgeben, bevor man einen weiteren feinsandigen Strand erreichte, der von dichtem tropischem Wald gesäumt wurde.

Liam ließ seinen Blick den Strand entlang gleiten und genoss diesen herrlichen Ausblick, an dem er sich nicht sattsehen konnte. Sein Bruder Alex hingegen hatte seine Augen geschlossen und lauschte dem sanften Wind, der über den Sand wehte, und dem Wasser, das in seichten Wellen an den Strand gespült wurde. Hier, an diesem schönen, friedvollen Ort, schien die Zeit stillzustehen und es gelang ihnen, sich vollständig zu entspannen. Auch ihre Pferde, denen sie die langen Zügel locker auf den Hals gelegt hatten, standen entspannt und völlig ruhig nebeneinander. Schließlich schloss auch Liam die Augen und reckte sein Gesicht der Sonne entgegen, um die Wärme auf seiner Haut zu genießen. Erst ein plötzlicher Luftzug ließ ihn seine Augen wieder öffnen, während sein Bruder noch immer reglos im Sattel saß, so als wäre er eingeschlafen. Sein Anblick ließ Liam voller Zuneigung lächeln. Wie oft hatte er seinen Zwillingsbruder schon in dieser völlig in sich gekehrten Haltung gesehen. Im Gegensatz zu ihm selbst gelang es Alex wenn er wollte, alles um sich herum zu vergessen, während Liam sogar in völlig entspanntem Zustand wachsam blieb und zumindest ein Teil von ihm aufmerksam seine Umgebung beobachtete. Das hatte ihn das Leben gelehrt. Dennoch wäre er froh, manchmal alles um sich herum vergessen zu können, so wie Alex in diesem Augenblick.

Dann nahm Liam jedoch im Augenwinkel eine Bewegung wahr und wandte seinen Blick abrupt von seinem Bruder ab. Als er sich in Richtung Strand wandte sog er überrascht die Luft ein, woraufhin auch Alex aufschaute.

„Was ist?“, fragte er ebenfalls überrascht.

„Sieh mal“, antwortete Liam und deutete mit einem Nicken zum Strand hinunter. Alex folgte seinem Blick.

„Oh“, entfuhr es ihm.

Wie gebannt schauten die beiden Brüder auf den weißen Strand hinab und beobachteten die beiden Pferde, die in raschem Tempo am Wasser entlang galoppierten. Als sie näher kamen erkannte Liam, dass es sich um einen Schimmel und einen Rappen handelte. Mit wehenden Mähnen stoben die Pferde nebeneinander her. Viel schneller als Liam zunächst aus der Entfernung vermutet hatte. Außerdem sah er nun auch, dass nur auf dem Schimmel ein Reiter saß. Der tief schwarz glänzende Rappe galoppierte reiter- und sattellos neben ihm her. Als die beiden fremden Pferde beinahe auf gleicher Höhe mit ihnen waren stellte Liam fest, dass es sich bei dem Reiter um eine Frau handelte und der Rappe völlig frei war und nun wild mit dem Kopf schlug. Liam wusste nicht ob er erschrocken oder fasziniert sein sollte, doch in jedem Fall war es ein beeindruckender Anblick der sich ihm bot. Jedoch war er sich nicht sicher ob die Reiterin möglicherweise die Kontrolle verloren hatte, obwohl sie eigentlich einen ruhigen, souveränen Eindruck machte. Daher folgte er einem plötzlichen Impuls, nahm rasch die Zügel seines Pferdes auf und trieb es an. Seinen Bruder vergaß er dabei völlig und Alex sah ihm verwundert hinterher als Liam die Düne hinunter galoppierte und dabei eine Wolke aus feinem Sand aufwirbelte. Im ersten Moment fragte Alex sich, was in seinen Bruder gefahren war, obwohl er wusste dass Liam oft impulsiv, wenn auch selten unüberlegt handelte. Doch dann zuckte er flüchtig mit den Schultern und folgte Liam.

Als Liam die Düne hinter sich gelassen und den Strand erreicht hatte trieb er seinen dunkelbraunen Hengst an und stob den beiden anderen Pferden in gestrecktem Galopp hinterher. Die Reiterin hatte bereits das scheinbare Ende des Strands erreicht und die Pferde galoppierten nun unvermindert schnell durch das seichte Wasser über die Sandbank. Das Wasser spritzte glitzernd um sie herum auf und die Sonne brach sich schillernd in den einzelnen Tropfen. Sie hatten schon fast den gegenüberliegenden Strand erreicht als auch Liam sein Pferd durch das Wasser trieb. Plötzlich fiel ihm auf dass der Rappe ein Stück zurückfiel und auch der Schimmel sein Tempo verlangsamte, bis er schließlich ganz zum Stehen kam und die Reiterin ihn wendete. Der Rappe hatte schon ein gutes Stück früher angehalten und sich umgewandt. Mit hoch erhobenem Kopf und gespitzten Ohren sah er Liam nun entgegen. Während Liam näher kam begann der Rappe erneut, wild, beinahe drohend, mit dem Kopf zu schlagen und stieg immer wieder ein kleines Stück. Noch bevor Liam den Strand erreichte hielt er sein Pferde im Wasser an und beobachtete die Szene vor sich wie gebannt. Der Schimmel stand ganz still und wartete auf weitere Kommandos seiner Reiterin. Die junge Frau, deren Schultern von langen, glänzenden dunkelbraunen Haaren umweht wurden, saß völlig reglos im Sattel und sah zu Liam herüber. Auch Liam fixierte sie gebannt und für einen Augenblick schien die Zeit stillzustehen. Selbst auf diese Entfernung erkannte Liam wie atemberaubend schön sie war und konnte seinen Blick nicht von ihr abwenden. Dann nahm er jedoch eine Bewegung wahr und richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf den Rappen – einen temperamentvollen und äußerst eleganten Hengst, wie er jetzt sah – der mit drohend angelegten Ohren langsam auf ihn zukam. So etwas hatte Liam noch nie gesehen. Fasziniert beobachtete er den Rapphengst. Es sah beinahe so aus als wollte er den Schimmel und damit dessen Reiterin schützen, denn seine Haltung machte deutlich, dass er Liam keinesfalls passieren lassen und notfalls angreifen würde. Dies erschien Liam jedoch ganz und gar außergewöhnlich. Erst auf ein kaum merkbares Zeichen der jungen Frau hin hielt der Hengst inne. Einen Moment lang beobachtete er Liam noch argwöhnisch und mit blitzenden Augen, dann machte er kehrt und trabte auf den Schimmel – ebenfalls ein edler Hengst mit langer Mähne und dichtem Schweif – zu und gleich darauf wendete die Reiterin auch den Schimmel und stob in gestrecktem Galopp mit beiden Pferden davon. Zuvor warf sie Liam jedoch noch einen letzten Blick zu. Und schon in diesem Augenblick wusste Liam dass ihn diese Augen nicht so schnell wieder loslassen würden.

Er sah ihr noch eine Weile nach, erst dann wendete er ebenfalls sein Pferd und ritt durch das Wasser zurück bis an den Strand, wo Alex auf ihn wartete. Den fragenden Blick seines Bruders beantwortete Liam nur mit einem kurzen Kopfschütteln. Er wollte jetzt nicht darüber sprechen. Zuerst musste er seine tobenden Gedanken wieder zur Ruhe bringen. Was da gerade geschehen war, war völlig außergewöhnlich und würde ihn noch eine Weile beschäftigen. Noch konnte er nicht ahnen, wie lange.

Nachdem sie eine Weile schweigend nebeneinander her geritten waren und wieder zurück in Richtung Stadt ritten hielt Liam sein Pferd plötzlich an, woraufhin Alex ihn erneut fragend ansah. Sein Bruder war auf einmal völlig verändert und es sah Liam eigentlich gar nicht ähnlich, solch ein Geheimnis aus seinen Gedanken zu machen. Normalerweise hatten die beiden Brüder keine Geheimnisse vor einander. Doch irgendetwas hatte das Ereignis am Strand in ihm ausgelöst. Noch überraschter war Alex als Liam ihn bat, schon mal alleine in die Stadt zurückzureiten, während er selbst noch ein Stück weiterreiten wollte. Er wollte eine Weile alleine sein.

„In Ordnung“, erwiderte Alex nur und Liam war erleichtert, dass sein Bruder keine Fragen stellte.

Dann trennten sich ihre Wege und Liam ritt noch einmal zum Strand zurück. Er schlug diesen Weg wie von alleine ein, ohne dass er sich bewusst dazu entschieden hätte, noch einmal dorthin zurückzukehren. Als er das Meer erreichte stieg er vom Pferd und band seinen Hengst lose am Stamm einer Palme an. Dann ging er durch den weißen Sand bis ans Wasser vor. Dabei ließ er seinen Blick unwillkürlich den Strand entlang schweifen, doch es war niemand zu sehen. Natürlich war sie nirgends zu sehen. Hatte er das wirklich erwartet? Ein Teil von ihm hatte es sich gewünscht, wie Liam sich eingestehen musste. Dabei vermochte er nicht zu sagen, warum. Doch irgendetwas an dieser Frau hatte ihn derart fasziniert dass sie ihm einfach nicht aus dem Kopf gehen wollte.

Liam verharrte noch eine Weile reglos und mit geschlossenen Augen und lauschte den seichten Wellen. Dann kam auf einmal Wind auf und binnen kurzer Zeit wurde die Sonne von dichten Wolken verdunkelt. Eigentlich ungewöhnlich für diese Jahreszeit, dachte Liam. War dies ein schlechtes Omen? Doch dann schüttelte er energisch den Kopf und ging zügig zu seinem Pferd zurück. Als er im Sattel saß trieb er den Hengst zu einem leichten Trab an. Zunächst ritt er noch ein Stück am Strand entlang, dann wandte er sich in Richtung Stadt, sodass ihn sein Weg schon wenig später durch tropischen Wald weiterführte. Am frühen Nachmittag erreichte er das geräumige Stadthaus, das er zusammen mit seinem Bruder bewohnte.

Nachdem er sein Pferd in den Stall hinter dem Haus gebracht und versorgt hatte betrat Liam das Haus. Trotz der Wärme draußen war es im Haus angenehm kühl. Obwohl Liam die Wärme nichts ausmachte war er dennoch froh darüber und er freute sich bereits auf einen kühlen, erfrischenden Drink. Im Salon traf er auf Alex, der ihn erleichtert begrüßte.

„Da bist du ja endlich.“

Mit raschen Schritten und zwei Drinks in den Händen trat Alex auf Liam zu.

„Das ist genau das, was ich jetzt brauche“, sagte Liam mit einem dankbaren Lächeln, als er Alex das gutgefüllte Glas aus der Hand nahm. Dann wurde er wieder ernst.

„Es tut mir leid, dass ich vorhin am Strand so durcheinander war und dich voraus geschickt habe. Aber ich musste eine Weile alleine sein um meinen Kopf wieder frei zu bekommen.“

„Ist schon in Ordnung“, erwiderte Alex mit einem verschmitzten Lächeln. „Ist es dir denn gelungen? Den Kopf frei zu bekommen, meine ich?“

Liam zögerte einen Moment bevor er antwortete.

„Nein, nicht so richtig“, gestand er.

„Nun, sie hat es dir ja ganz schön angetan“, antwortete Alex nachdenklich. Verwundert sah er seinen Bruder an.

„Ja, scheinbar“, entgegnete Liam. „Ich verstehe das gar nicht. Ich habe sie doch nur ganz kurz und von weitem gesehen.“

Hilfesuchend sah er seinen Bruder an. Alex zuckte jedoch nur mit den Schultern. Er wunderte sich auch, nahm das Ganze aber nicht so ernst wie Liam.

Dann fuhr Liam langsam fort.

„So etwas ist mir noch nie passiert. Aber ich muss gestehen dass sie mich tief beeindruckt hat. Irgendetwas an ihr hat mich fasziniert. Selbst auf die große Entfernung, die zwischen uns bestanden hat. Und ich glaube nicht, dass es alleine ihre Schönheit war. Und schön war sie unbestreitbar.“

Ebenfalls nachdenklich schüttelte Liam seinen Kopf. Mitfühlend legte Alex ihm eine Hand auf den Arm.

„Liam, du weißt aber schon, dass du sie dir besser gleich wieder aus dem Kopf schlägst, nicht wahr? Du weißt nichts über sie und wirst sie vermutlich nie wieder sehen. – Außerdem haben wir jetzt wirklich Wichtigeres, worum wir uns kümmern müssen.“

Liam wusste dass sein Bruder Recht hatte. Sie hatten in der Tat Wichtigeres zu tun. Vor allem ihr bevorstehender Besuch beim Gouverneur am nächsten Tag bereitete ihm Kopfzerbrechen. Und es war eigentlich nicht seine Art, wegen einer Frau derart durcheinander zu sein. Sein Bruder hatte ihn schon oft als Frauenheld bezeichnet um ihn zu necken. Das stimmte insofern als dass Liam jede Frau haben konnte, wenn er wollte. Und in der Vergangenheit hatte er diese Tatsache auch, ohne sich viele Gedanken zu machen, ausgenutzt. Doch in letzter Zeit nicht mehr. Damit war es schon seit Längerem vorbei. Liam hatte gemerkt dass er mehr wollte. Er hatte in seinem Leben schon viele Frauen gehabt, doch keine von ihnen hatte jemals sein Herz berührt. Keine. Niemals. Dabei war es gerade das, was er sich wünschte. Doch die eine, richtige war nie dabei gewesen. Und Liam hatte sich geschworen dass er sich nie wieder mit weniger zufrieden geben würde. Jedoch war es nicht einfach, diese eine Frau zu finden. Und er hatte sich mehr als einmal gefragt, ob es sie überhaupt gab. Ob er nicht nur irgendeinem Phantom hinterher jagte.

Als er einmal mit Alex darüber gesprochen hatte, hatte dieser nachdenklich die Stirn gerunzelt. Schließlich hatte er Liam jedoch Recht gegeben. Es war in der Tat nicht einfach, die Liebe zu finden. Wie sehr Liam seinen Bruder manchmal darum beneidete, die Frau seines Herzens gefunden zu haben. Und Elena war in der Tat ganz bezaubernd. Liam freute sich aufrichtig für seinen Bruder, wenngleich er sich dasselbe Glück auch für sich selbst wünschte. So sehr wünschte. Dabei würde ihm das niemand zutrauen, der ihn nicht wirklich gut kannte. Und wirklich gut kannte ihn nur sein Bruder. Nur Alex konnte seine wahren Gefühle erkennen. Wenngleich Alex seinen Bruder oft damit aufzog, dass er wohl einfach zu anspruchsvoll war, wusste er doch, dass Liam sich schmerzlich danach sehnte, endlich die eine Frau zu finden auf die er schon so lange wartete. Dabei war kaum vorstellbar, dass es ihm so schwer fallen sollte, eine Frau zu finden. Liam sah blendend aus, konnte sehr charmant sein und hätte jeder Frau ein komfortables, mehr als gutes Leben bieten können. Dennoch war er bislang alleine geblieben.

Natürlich, Alex‘ und Liams Lebenswandel machte eine Beziehung oft schwierig. Sie waren häufig und oft lange fort von zu Hause. Aber dennoch war es nicht unmöglich, wie man an Elena und Alex sah. Ihre Liebe würde alles überstehen. Und inzwischen begleitete Elena ihren Mann sogar auf manche seiner Reisen, wenn es nicht zu gefährlich war. Doch das war es meistens.

Nun waren Liam und Alex jedoch guter Dinge, dass es damit bald vorbei sein würde. Sie wollten sich zur Ruhe setzen. Obwohl sie noch sehr jung waren hatten sie es bereits zu einem beträchtlichen Vermögen gebracht, das ihnen von nun an ein ruhiges, schönes Leben ermöglichen sollte. Doch diese Entscheidung hing bedauerlicher Weise nicht von ihnen alleine ab. Das letzte Wort in dieser Angelegenheit hatte der Gouverneur und sie waren letztendlich auf sein Wohlwollen angewiesen. Eine Tatsache, die Liam und Alex zutiefst widerstrebte, an der sie jedoch nichts ändern konnten. In der Vergangenheit waren sie gezwungen gewesen, einen Pakt mit dem Gouverneur zu schließen. Sie hatten jedoch die Abmachung getroffen, zu jener Zeit, wenn der Pakt erfüllt war, wieder frei und Herr über ihr eigenes Leben zu sein. Und dieser Zeitpunkt war nun gekommen. Dennoch beschlich Liam ein ungutes Gefühl wenn er an den Besuch am nächsten Tag dachte. Er hatte dem Gouverneur – ein bereits in die Jahre gekommener, aber noch immer verschlagener und vor allem machtsüchtiger, Mann, der bereits vor vielen Jahren aus Spanien in die Karibik gekommen war – nie wirklich vertraut, wenngleich er nichts Schlechtes über ihre Zusammenarbeit sagen konnte. Der Gouverneur war immer fair zu seinem Bruder und ihm gewesen. Dennoch ließ Liam sich nur ungern in seine Arbeit hereinreden.

Nun sagte er sich jedoch dass es das Beste war, Ruhe zu bewahren und ihr Gespräch morgen abzuwarten. Dann würden sie weitersehen.

Bereits am Morgen des nächsten Tages war Liam ruhelos und verließ schon nach dem Frühstück, bei dem er kaum einen Bissen herunterbekommen hatte, das Haus um einen Spaziergang durch die Stadt zu machen. Die Straßen von Port Lantago waren noch angenehm menschenleer und ruhig um diese Zeit. Obwohl es nicht mehr lange dauern würde bis die Läden öffneten. Doch dann wollte Liam schon wieder zu Hause sein.

Als er wenig später die große Eingangshalle des schön gestalteten, großzügigen Hauses betrat, das er mit seinem Bruder bewohnte, kam Alex ihm bereits entgegen.

„Gut dass du kommst“, empfing er Liam aufgeregt. „Vor etwa einer halben Stunde war ein Bote hier um eine Nachricht des Gouverneurs zu überbringen.“

„Ach ja?“, fragte Liam verwundert.

Alex nickte.

„Wir sollen ihn schon früher treffen. Er lädt uns zum Mittagessen auf sein Landgut ein.“

Überrascht schnellten Liams Augenbrauen in die Höhe. Noch nie zuvor hatte der Gouverneur sie auf sein Landgut eingeladen, wenn er in Port Lantago geweilt hatte. Dabei hatte er sich fast jedes Mal mit Liam und Alex getroffen, wenn er von Port Royal hierhergekommen war. Doch meist hatten sie sich in seinem bescheidenen, jedoch gut bewachten Amtssitz am Rande der Stadt getroffen. War dies nun ein gutes oder ein schlechtes Zeichen? Liam vermochte es nicht zu sagen.

„Gut, dann lass uns gleich aufbrechen“, erwiderte Liam schließlich.

Alex nickte und gleich darauf holten sie ihre Pferde aus dem Stall. Zum Landgut des Gouverneurs war es ein etwa einstündiger Ritt durch den Urwald und an ausgedehnten Baumwoll- und Obstplantagen entlang. Da Liam die ganze Sache nicht geheuer war bat er zwei seiner Männer, ihn und Alex zu begleiten. Die beiden nickten sofort, holten ihre Waffen und zwei von Liams Pferden – zwei feurige Fuchswallache – und als sie zu Liam und Alex stießen brachen die vier Männer auf. In gemächlichem Tempo ritten sie durch die Stadt, doch als sie den Stadtrand erreichten trieben sie die Pferde an.

Zunächst führte sie ihr Weg durch den dichten, tropischen Wald, der im Nordosten unmittelbar an die Stadt grenzte. Um eine Abkürzung zu nehmen verließen sie schon bald die offizielle Straße und schlugen einen schmalen Pfad ein, der sie tief in den Wald hineinführte. Er war so schmal, dass sie hintereinander reiten mussten. Liam übernahm mit seinem kräftigen braunen Hengst die Führung, dicht gefolgt von Alex. Die beiden anderen Männer ließen sich einige Meter zurückfallen.

Mitten im Wald kamen sie an einen schmalen, nicht sehr tiefen Bach, über den ein schmaler Holzsteg ohne Geländer führte. Liam trieb seinen Hengst zügig weiter, obwohl der Braune den Steg misstrauisch beäugte. Er lief jedoch widerstandslos weiter. Alex‘ dunkelbrauner Wallach hingegen scheute und war nicht bereit, den Steg zu betreten. Daher trieb Alex ihn kurzerhand am Steg vorbei die Böschung hinunter und durchs Wasser. Dabei trieb er das Pferd zur Eile an, denn er fürchtete dass der Untergrund des Baches sumpfig sein könnte und er wollte vermeiden dass das Pferd zu tief einsank. Er erreichte zeitgleich mit den beiden anderen Männern, die den Steg genommen hatten, das andere Ufer. Liam warf Alex einen kurzen Blick zu und konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. Alex erwiderte ebenfalls lachend seinen Blick und schüttelte dabei gespielt entnervt den Kopf. Dann ritten sie weiter.

Wenig später hatten sie den Wald durchquert und kamen an den ersten Plantagen vorbei. Da der Weg hier wieder breiter war schloss Alex zu Liam auf um neben ihm her zu reiten.

„Machst du dir Sorgen?“, fragte Alex leise, sodass die beiden anderen Männer ihn nicht hören konnten.

„Ein wenig“, gestand Liam ebenso leise und mit einem knappen Nicken. „Ich traue dem Gouverneur nicht.“

„Aber wir haben doch all seine Bedingungen erfüllt“, entgegnete Alex. „Was könnte er noch wollen? Außerdem haben wir eine Abmachung.“

„Ja richtig“, erwiderte Liam. „Doch wer sagt uns, dass er sich daran halten wird?“

Liam sah seinen Bruder stirnrunzelnd an. Während Alex grundsätzlich erst einmal an das Gute im Menschen glaubte, war Liam eher Pessimist und verließ sich nur auf sich selbst. Vor allem wenn es um jemanden wie den Gouverneur ging. Besonders wenn es um den Gouverneur ging! Schließlich hatte dieser sie zu diesem Pakt gezwungen. Leider hatte er zu jener Zeit gute Argumente gehabt, wie Liam nach wie vor voller Bedauern zugeben musste. Doch das lag bereits viele Jahre zurück und Liam hatte schon längst aufgehört, sich deshalb zu grämen. Was geschehen war konnte nicht mehr geändert werden.

Als Liam nun jedoch Alex‘ besorgte Miene sah lächelte er seinen Bruder aufmunternd an. Obwohl sie Zwillinge waren, wenn auch zweieiige, und Alex nur wenige Minuten jünger war als er selbst hatte Liam doch das Gefühl, für seinen Bruder mitverantwortlich zu sein. Schon seit Kindertagen war es immer Liam gewesen, der auf seinen Bruder aufgepasst und ihn in der einen oder anderen brenzligen Situation gerettet hatte. Wie auch an jenem schicksalhaften Tag. Es hatte ihm jedoch nie leid getan, auf seinen Bruder achtzugeben, denn auch Alex würde sein Leben geben um ihn zu schützen, das wusste Liam. Er hoffte jedoch inständig, dass dieser Moment niemals eintreffen würde.

Wenig später erreichten sie schließlich das schön gelegene Landgut des Gouverneurs. Don Luis Carlos de Martinez hatte in der Tat Geschmack, wie Liam neidlos anerkennen musste. Das Anwesen war sehr gepflegt und äußerst stilvoll. Und gut bewacht, doch damit hatte Liam gerechnet. Dennoch machte er seinen Bruder mit einer knappen Geste darauf aufmerksam und Alex nickte kaum merkbar. In Windeseile ließ Liam seinen Blick über das Grundstück schweifen um auszumachen wie viele Wachen sich hier aufhielten. Nur für alle Fälle. Dann erreichten sie den Vorhof und hielten ihre Pferde an. Nachdem sie abgestiegen waren reichten Liam und Alex ihren beiden Begleitern die Zügel ihrer Pferde und gingen dann alleine weiter. Erst am Eingang zu dem großen, weißgetünchten Haus wurden sie angehalten und der Hausdiener bat sie, einen Moment in der Vorhalle zu warten während er sie seinem Herrn anmeldete. Liam und Alex nickten schweigend und blieben dann alleine zurück. Die Halle war schlicht gehalten und es hingen nur wenige Bilder an den Wänden. Die großen Fenster, von denen aus man eine herrliche Aussicht über die angrenzenden Wiesen und Obstplantagen hatte, wurden von hellen, mit schweren Kordeln zurückgebundenen Vorhängen eingerahmt. An mehreren Stellen standen große, buntbemalte Vasen und Terracottatöpfe mit frischen Blumen und Grünpflanzen. Ansonsten war der Raum schmucklos, was seine Größe noch mehr betonte.

Gleich darauf trat der junge Mann wieder zu ihnen und bat Liam und Alex, ihm zu folgen. Der Gouverneur erwartete sie bereits.

Als sie eintraten begrüßte Don Luis Carlos de Martinez sie herzlich und schüttelte ihnen lächelnd die Hände.

„Wie schön, Euch hier auf meinem bescheidenen Landsitz begrüßen zu dürfen“, sagte er als er Liams Hand ergriff.

Eine ausgesprochene Untertreibung, dachte Liam voller Ironie. Er ließ sich jedoch nichts anmerken und machte gute Miene zum bösen Spiel.

„Es ist uns eine Ehre, Don Luis“, erwiderte er ebenfalls lächelnd.

Nachdem er auch Alex begrüßt hatte bat der Gouverneur sie ins Speisezimmer, wo sogleich das reichhaltige Mittagessen aufgetragen wurde.

Während dem Essen unterhielten sich die drei Männer über Belanglosigkeiten wie das Wetter und ein wenig über Politik. Dann bat der Gouverneur Alex und Liam, ihm in sein Arbeitszimmer in einem der Seitenflügel zu folgen. Auf einen Schlag kehrte Liams Anspannung zurück, seine Miene blieb jedoch unbewegt. Auch Alex folgte dem Gouverneur mit steifen Schritten, wirkte ansonsten aber ebenfalls ruhig. Als sie das Arbeitszimmer erreichten bat der Gouverneur sie hinein und schloss anschließend die Tür hinter ihnen. Nur sein Leibwächter trat mit ein und postierte sich neben dem großen Schreibtisch aus dunklem Holz. Der Gouverneur war ein vorsichtiger Mann, dachte Liam. Gleichzeitig verstärkte sich das ungute Gefühl, das er seit dem Morgen nicht ablegen konnte. Obwohl der Gouverneur ihnen anbot auf den beiden Sesseln, die vor dem Schreibtisch standen, platzzunehmen während er selbst etwas aus einer der Schubladen nahm, zogen Liam und Alex es vor, stehenzubleiben. Der Gouverneur musterte sie abschätzend, nickte dann jedoch schweigend. Schließlich legte er zwei in Lederhüllen zusammen geschnürte Dokumente vor sich auf den Tisch. Dann sah er lächelnd zu Liam und Alex auf, die beide etwa einen halben Kopf größer waren als er selbst.

„Deshalb seid Ihr hier, nicht wahr“, begann er, noch immer lächelnd. „Eure Begnadigungen.“

„Wir sind hier, Don Luis, weil Ihr uns eingeladen habt“, entgegnete Liam, noch immer auf der Hut, betont höflich.

„Ja, natürlich“, antwortete der Gouverneur.

Nach einer kurzen Pause fuhr er fort.

„Ihr habt der spanischen Krone in den letzten Jahren wertvolle Dienste geleistet. Dafür bin ich Euch sehr dankbar. Ihr habt Euren Teil unserer Abmachung eingehalten und auch ich werde meinen Teil erfüllen.“

Der Gouverneur wies auf die Unterlagen vor ihm.

„Dies sind Eure Begnadigungen, unterschrieben von mir und dem König selbst.“

Wieder unterbrach er sich und sah Liam und Alex, die nach wie vor reglos vor ihm standen, lächelnd an. Dann wurde er auf einmal ernst.

„Bevor ich Euch diese Dokumente jedoch aushändigen kann muss ich Euch noch um einen letzten Dienst bitten. Den vielleicht wichtigsten um den ich Euch je gebeten habe.“

„Noch einen?“, entfuhr es Alex. Liam brachte ihn jedoch mit einer Geste zum Schweigen.

„Don Luis“, begann Liam in ruhigem Tonfall. „Ihr wisst, dass wir unsere Abmachung mehr als erfüllt haben. Wie Ihr selbst sagtet haben wir jeden Eurer Aufträge ausgeführt. Wir haben Euch nie Anlass zur Klage gegeben, oder dazu, an unserer Ehrenhaftigkeit zu zweifeln. Ebenso seid auch Ihr stets zu Eurem Wort gestanden.“

Einen kurzen Moment hielt Liam inne bevor er fortfuhr. Seine nächsten Worte wägte er genau ab.

„Ihr wisst, dass das Maß bereits voll ist und Ihr nichts Weiteres von uns verlangen könnt, wenn Ihr nicht Eure eigene Ehre in Zweifel ziehen wollt.“

Liam sah dem Gouverneur direkt in die dunklen Augen und auch der Gouverneur fixierte Liam scharf. Schließlich nickte Don Luis langsam.

„Ihr habt Recht, Mr. Moore. Dennoch muss ich Euch um diesen letzten Dienst bitten. Der König selbst bittet Euch darum. Dieser Auftrag ist wichtiger als jeder andere den ich Euch je erteilt habe. Ohne Eure Hilfe sind wir zum Scheitern verurteilt. Ich weiß dass ich sehr viel von Euch verlange, doch mir bleibt keine andere Wahl. Bitte versteht und zweifelt nicht an meinem Wort. Wenn dieser Auftrag erfüllt ist werde ich Euch die Begnadigungen übergeben und Ihr werdet endgültig frei sein. Für immer.“

Die beiden Männer sahen sich weiter an und ihr Schweigen machte Alex nervös. Liam spürte dass sein Bruder unruhig wurde, achtete jedoch nicht darauf. In Windeseile wägte er seine Möglichkeiten ab, doch ihm blieb keine Wahl. Schließlich nickte er.

„Gut, noch diesen letzten Dienst. Doch dann werde ich darauf bestehen, dass Ihr zu Eurem Wort steht, Don Luis. Und in Eurem eigenen Interesse solltet Ihr das tun.“

Liams Stimme hatte einen drohenden Unterton angenommen und der Leibwächter des Gouverneurs spannte sich sichtlich an. Don Luis blieb jedoch ruhig als er Liam antwortete.

„Das werde ich. Verlasst Euch darauf.“

„Gut“, entgegnete Liam und trat einen halben Schritt zurück.

„Wann werdet Ihr uns weitere Anweisungen geben?“, fragte er weiter, während der Gouverneur die Begnadigungen wieder an sich nahm und einschloss. Dabei bemerkte er aus dem Augenwinkel wie Alex‘ Augen an den Dokumenten hingen und räusperte sich so leise, dass nur Alex ihn hören konnte. Auch er trat einen Schritt zurück.

„Ich werde Ende der Woche in der Stadt sein. Dann werde ich Euch alles erklären.“

Liam nickte, dann verabschiedeten Alex und er sich und verließen das Zimmer. Schweigend gingen sie nebeneinander her während sie von zwei weiteren Wachen des Gouverneurs aus dem Haus geleitet wurden. Im Hof warteten ihre Männer mit den Pferden. Sie traten Alex und Liam entgegen und wenige Augenblicke später waren alle vier Männer aufgesessen und ritten vom Hof des Landguts. Liam hatte es eilig von hier fortzukommen und trieb seinen Hengst an. Erst als sie das Anwesen ein gutes Stück hinter sich gelassen hatten zügelte er sein Pferd wieder und Alex schloss zu ihm auf. Zunächst ritten sie schweigend neben einander her, doch dann sah Alex Liam an.

„Warum hast du so schnell nachgegeben?“, fragte er aufgebracht. „Der Gouverneur hatte kein Recht uns noch einen weiteren Auftrag zu geben. Wir haben alles getan was er von uns verlangt hat. Warum…“

Liam unterbrach seinen Bruder.

„Alex, du hast in jedem Punkt Recht“, sagte er ruhig und bemühte sich dabei, seine eigene Wut zu verbergen. „Dennoch hatte ich keine andere Wahl. Er hätte uns die Begnadigungsdokumente nicht übergeben, das war doch offensichtlich.“

„Dann hätten wir sie uns einfach genommen“, erwiderte Alex trotzig.

„Und bei dem Versuch, das Haus zu verlassen, unser Leben verloren“, entgegnete Liam kopfschüttelnd.

„Immer noch besser als weiter auf sein Wohlwollen angewiesen zu sein“, beharrte Alex noch immer wütend, doch sein Zorn begann allmählich zu verrauchen.

„Das meinst du doch nicht ernst“, fuhr Liam ihn an, nun seinerseits aufgebracht. Er hatte nicht all die Jahre für den Gouverneur gearbeitet, wenn auch gegen seinen Willen, um jetzt doch noch zu sterben.

Durchdringend sah er seinen Bruder an, der ihn ebenso scharf fixierte. Dann wandte er plötzlich niedergeschlagen den Blick ab.

„Du hast Recht, Liam. Es tut mir leid. Ich… Ich bin nur so enttäuscht.“

„Ich weiß, Alex. Das bin ich auch“, erwiderte Liam.

Versöhnlich legte er seinem Bruder eine Hand auf den Arm und drückte ihn leicht. Nach einem kurzen Moment legte Alex seine andere Hand auf Liams und lächelte seinen Bruder an.

„Gut, dann lass uns noch diesen letzten Auftrag erfüllen und dann beginnen wir ein neues Leben.“

Liam erwiderte lächelnd den Blick seines Bruders. Das würden sie. Und sollte der Gouverneur sich dann nicht an ihre Abmachung halten würde er nicht nur seine Ehre, sondern auch sein Leben verlieren. Das schwor sich Liam.

Noch konnte er nicht ahnen, dass dieser letzte Dienst, den der Gouverneur von seinem Bruder und ihm verlangen würde, weit schwieriger war als jeder andere zuvor.

? ?

Es lag bereits einige Jahre zurück. Alex und Liam waren noch sehr jung gewesen. Und sie waren Piraten gewesen – waren es vielleicht noch immer. Mit ihrem Schiff und ihrer Crew aus tapferen, kampferprobten Männern hatten sie die karibische See unsicher gemacht. Besonders Liams Name war in aller Munde gewesen. Kaum ein Seefahrer hatte nicht von Liam Blue Shadow Moore gehört gehabt. Und Liam war stolz darauf gewesen, wenngleich es ihm und seinem Bruder schließlich zum Verhängnis geworden war. Es hatte nicht lange gedauert, bis sich sein Piratenname Blue Shadow etabliert gehabt hatte. Blue wegen seiner bestechend dunkelblauen Augen, die wohl niemand, der einmal ihren Blick erwidert hatte, so schnell wieder vergaß. Und Shadow weil Liams Angriffe immer schnell, gezielt und unaufhaltsam gewesen waren, jedoch ebenso schattenhaft und meist schnell vorüber. Obwohl er selbst nur selten gesehen wurde war sein Stil doch unverkennbar und sein Ruf eilte ihm voraus unter den Seefahrern.

Da ihre Überfälle stets präzise geplant gewesen waren hatten Liam und Alex es innerhalb kürzester Zeit zu beträchtlichem Reichtum gebracht. Nach außen hin hatten sie ein scheinbar ganz normales Leben als Kaufleute geführt und sich ihren Reichtum nicht anmerken lassen.

Liams Schiff hatte an einem verborgenen Ankerplatz gelegen, der nur seiner Crew bekannt gewesen war. Und seine Crew, alles erfahrene, raue Männer, war stets verlässlich gewesen. Liam und Alex hatten ihnen voll vertrauen können. Ihre Männer hatten allen Widrigkeiten getrotzt, waren tapfere Kämpfer gewesen, die trotz ihres Piratendaseins ein gewisses Maß an Ehre behalten hatten. Darauf hatte Liam großen Wert gelegt. Denn wenngleich sie als Freibeuter und damit Gesetzlose gelebt hatten gab es doch einige Regeln und Werte, die es zu beachten galt. Daher hatten Alex und er die Crew mit großer Sorgfalt ausgewählt. Nur bei jenem schicksalhaften letzten Coup war ihnen ein furchtbarer Fehler unterlaufen und sie waren verraten worden.

Nur noch ein Mal hatten sie in See stechen wollen. Ihr Plan war perfekt gewesen. Sie hatten den Spaniern einen gigantischen Schatz abgejagt, wodurch sie und ihre Männer für immer ausgesorgt gehabt hätten. Und das war auch Liams und Alex‘ Plan gewesen. Sie hatten ihr Piratendasein beenden und sich zur Ruhe setzen wollen um ein neues, ehrliches Leben zu beginnen, wenn auch mit durch Piraterie erlangtem Reichtum. Doch das wäre nur durch diesen letzten Überfall möglich gewesen. Es hatte auch den Anschein gehabt, alles verliefe nach Plan, doch kurz bevor sie in See stechen wollten waren einige ihrer Männer erkrankt. Sehr ernst erkrankt. Später hatte Liam herausgefunden dass sie vergiftet worden waren, doch das war ihm zu jenem Zeitpunkt nicht klargewesen. Da ihnen die Zeit davonlief und sie nur eine einzige Chance hatten, den Spaniern den Schatz abzujagen, hatten sie handeln müssen. Trotz ihrer eigenen Vorbehalte hatten Liam und Alex sich nach Ersatz für die erkrankten Männer umgesehen und auch willige Matrosen gefunden. Liam war es von Anfang an nicht recht gewesen, Männer anzuheuern über die er so gut wie nichts wusste, doch die Zeit drängte und schließlich hatte er Alex zugestimmt und sie hatten die Männer an Bord genommen. Natürlich hatten sie die Männer nur mit einfachen Aufgaben betraut und kritisch im Auge behalten. Dennoch hatten sie nicht verhindern können dass einer von ihnen sie an die Spanier verraten hatte.

Liam hatte Alex nie einen Vorwurf gemacht, doch er hatte sich selbst mehr als einmal wegen seiner unvorsichtigen Handlung und letztendlich aus Habgier falsch getroffenen Entscheidung gegrämt. Er hätte nicht so fixiert auf diesen Schatz sein dürfen und abwarten müssen. So jedoch hatte er seine Crew, vor allem aber seinen Bruder und noch mehr sich selbst in Gefahr gebracht.

Schon nach ihren ersten Tagen auf See hatte Liam ein ungutes Gefühl beschlichen, doch er hatte noch nicht zuordnen können weshalb. Nach ihrem Überfall auf die spanischen Schatzkammern auf einer von den Spaniern exzellent bewachten kleinen Insel mitten in der karibischen See wurde Liam schließlich klar, dass sie verraten worden waren. Als er endlich herausfand, wer sie verraten hatte war es jedoch bereits zu spät und die Spanier hatten schon die Verfolgung aufgenommen. Der Mann der sie verraten hatte, einer der Neuen, hatte alles gestanden und Liam hatte kurzen Prozess mit ihm gemacht. Dennoch hatte das nichts mehr an der Tatsache ändern können, dass die Spanier unaufhaltsam näher gekommen waren. Sie hatten Liam mit einer kleinen Armada verfolgt und Liam war schnell klar gewesen, dass sie dieses Mal nicht entkommen konnten, wenngleich ihnen das in der Vergangenheit mehrfach geglückt gewesen war. Sein Schiff war gut – schnell und wendig – doch die Spanier waren gut vorbereitet gewesen und Liam hatte keine Chance gesehen.

Schließlich hatte er sich dazu entschlossen, sich zu ergeben um seine Crew und damit auch seinen Bruder zu schützen. Denn ihm war klar gewesen, dass die Spanier es vor allem auf ihn abgesehen hatten. Unter allen Umständen hatte er ein Blutvergießen verhindern wollen. Alex hatte ihn zuerst von seinem Entschluss abbringen wollen denn er hatte gefürchtet, dass dies Liams sicherer Tod sein würde. Liams Entschluss hatte jedoch festgestanden und er hatte sich nicht umstimmen lassen. Dennoch hatte er kurz vor seiner Auslieferung an die Spanier dafür gesorgt dass der größte Teil des Schatzes von Bord und in ein sicheres Versteck gebracht wurde, sodass nicht alles umsonst gewesen wäre. Nur einen kleinen Teil des Goldes hatten sie an Bord gelassen um die Spanier vom Rest des Schatzes abzulenken.

Als sie schließlich auf die Spanier getroffen waren, war Liams Plan dennoch nicht ganz aufgegangen. Obwohl er selbst sich stellte waren die Spanier mit diesem Opfer nicht zufrieden. Um Liams Crew zu verschonen verlangten sie, dass auch Alex sich ergab. Und das Schiff sollte ebenfalls beschlagnahmt werden. Liam war nicht glücklich gewesen über diese Wendung, doch die Spanier waren ihnen zahlenmäßig weit überlegen gewesen und hatten nicht mit sich handeln lassen. So hatte er schließlich eingewilligt und wenigstens seine Crew vor einem aussichtslosen Kampf bewahren können.

Liam hatte keinen Augenblick daran gezweifelt, dass dies sein und Alex‘ Todesurteil war, denn es war weithin bekannt was mit gefassten Piraten geschah. Meistens bekamen sie nicht einmal einen fairen Prozess, wobei Liam dieser zugesichert worden war.

Dann war jedoch alles anders gekommen und Alex und Liam waren auf den Gouverneur Don Luis Carlos de Martinez getroffen. Der Gouverneur erkannte sofort den Wert Liams. Und so hatte er ihm und seinem Bruder ein Angebot gemacht. Liam und Alex sollten für ihn arbeiten. Selbstverständlich gegen großzügige Entlohnung.

Dadurch hatten sie weiter zur See fahren können, jedoch im Dienste der spanischen Krone. Im Auftrag des Gouverneurs hatten sie spanische Handelsschiffe bewachen und vor Piratenangriffen schützen sollen, Diebesgut sicherstellen und als Freibeuter englische Schiffe überfallen sollen. Im Laufe der Jahre hatten sie dem Gouverneur zahlreiche Dienste erwiesen und die Aufträge stets zu seiner vollen Zufriedenheit ausgeführt. Als Gegenleistung hatte der Gouverneur ihnen eine Begnadigung und damit die Freiheit versprochen. Sämtliche Anklagen würden fallengelassen werden und sie wären vollständig rehabilitiert.

Und nun war der Zeitpunkt ihrer Freiheit gekommen. Liam und Alex hatten alle ihnen übertragenen Aufgaben erfüllt. Doch nun mussten sie dem Gouverneur noch diesen letzten Dienst erweisen. Erst dann würden sie frei sein.

Liam ahnte bereits dass dieser Auftrag anders sein würde als alle bisherigen. Doch er konnte noch nicht wissen, wie viel ihm dieser letzte Auftrag abverlangen würde. Würde er ihn überhaupt erfüllen können?

? ?

Erst spät am Nachmittag kehrten Liam und Alex in ihr Stadthaus zurück. Seine beiden Männer hatte Liam schon vorausgeschickt gehabt da er selbst einen kleinen Umweg am Strand entlang zurückreiten wollte. Alex hatte ihn zunächst verwundert angeschaut, ihn dann aber begleitet. Wenngleich sie die meiste Zeit schweigend nebeneinander her geritten waren war Liam froh über die Anwesenheit seines Bruders gewesen. Er hatte sich die ganze Zeit über gefragt, was der Gouverneur ihnen wohl auftragen würde. Schließlich hatte er diesen Gedanken jedoch vehement beiseite geschoben. Was es auch war, sie würden auch diesen Auftrag erfüllen und dann würden sie frei sein.

Deutlich gelöster kamen sie schließlich zu Hause an. Sie hatten sich vorgenommen, nicht mehr über den Auftrag zu spekulieren und abzuwarten bis sie zum Gouverneur gerufen wurden. Doch bis dahin konnten noch einige Tage vergehen.

Liam und Alex waren während der folgenden Tage ohnehin gut beschäftigt, denn es gab einiges zu erledigen. Alex war viel in der Stadt unterwegs, während Liam sich ausgiebig seinen Pferden widmete. Die Pferde waren, neben der Seefahrt, zu seiner zweiten Leidenschaft geworden. Besonders seit er und Alex für den Gouverneur gearbeitet und mehr Zeit als früher an Land und in Port Lantago verbracht hatten, hatte Liam entdeckt wie gerne er diese edlen Tiere hatte. Mittlerweile besaß er insgesamt an die zwanzig Pferde – einige davon stellte er seinen Männern zur Verfügung – darunter mehrere selbst gezogene, auf die er sehr stolz war. Sein Juwel jedoch war der beeindruckende braune Hengst, mit dem er zum Gouverneur geritten war.

Liam hatte Nando mit der Flasche aufgezogen und der kleine Hengst war ihm fortan nicht mehr von der Seite gewichen. Mit großer Freude hatte Liam ihn heranwachsen sehen und war nun besonders stolz darauf, zu was für einem Prachthengst sich der dunkle Braune entwickelt hatte. Seine Erscheinung und sein Temperament waren unvergleichbar. Keines von Liams anderen Pferden konnte mit ihm mithalten. Genau genommen hatte Liam nie ein Pferd gesehen, das ihn ähnlich beeindruckt hatte wie Nando. Bis er die Frau mit den beiden Hengsten am Strand gesehen hatte. Diese beiden Hengste waren ebenfalls von herausragender Erscheinung gewesen. Schön, edel, kraftvoll, schnell und voller Anmut.

Als Liam das erkannte, hatte er sofort wieder das Bild der jungen Frau vor seinem inneren Auge, neben dem die Erinnerung an die Pferde augenblicklich verblasste. Die Erinnerung an diese wunderschöne, geheimnisvolle Frau hingegen war unvermindert stark, wenn nicht noch intensiver als zuvor.

Was an ihr fesselte ihn nur so sehr, fragte Liam sich wohl zum hundertsten Mal. Wieso ließ sie ihn einfach nicht mehr los? So etwas hatte er noch nie erlebt.

Energisch schüttelte er den Kopf, während er Nando noch immer gedankenverloren striegelte. Er musste sie sich dringend aus dem Kopf schlagen! Wer wusste schon ob er sie jemals wiedersehen würde? Schließlich wusste er nichts über sie. Rein gar nichts. Außer, dass er sie nicht vergessen konnte.

Teil 1.1

Zwei Tage später waren Liam und Alex zu einem Empfang in Port Royal eingeladen. Alex würde von seiner Frau Elena begleitet werden, Liam würde wie immer alleine hingehen. Da Port Royal etwa einen halben Tagesritt von Port Lantago entfernt lag bereiteten Alex und Liam schon am Vormittag alles für Ihren Aufbruch vor. Sie wollten die Gelegenheit nutzen und noch ein paar Dinge in Port Royal erledigen, bevor sie schließlich zu dem Empfang gingen.

Auf dem Empfang würde sich die gesamte hohe Gesellschaft von Port Royal und Umgebung einfinden. Geschäftsleute, Plantagenbesitzer und Züchter. Und vermutlich auch einige militärische Amtsträger. Liam mochte solche Anlässe nicht besonders, doch er wusste um ihre Wichtigkeit und bewegte sich stets souverän und selbstsicher in den dortigen Kreisen der Gesellschaft. Alex bewunderte ihn immer darum, mit wie viel Charme und Leichtigkeit er auftrat. Und er wusste auch dass sein Bruder meist große Aufmerksamkeit erregte, ohne dass dies seine Absicht gewesen wäre oder er etwas Besonderes dafür tun musste. Er war jedoch ein Mann mit besonderer Präsenz, den man nicht so leicht übersah, wenn Liam es nicht gerade darauf anlegte. Doch dazu hatte er keinen Grund.

Obwohl sie Zwillingsbrüder waren, waren Alex und Liam doch sehr verschieden. Unbestreitbar sahen sie beide blendend gut aus. Sie waren beide groß und von durchtrainierter muskulöser Gestalt. Alex hatte dunkelblondes, etwa bis auf seine Schultern reichendes Haar und blaue Augen. Liam hingegen hatte dunkles, kürzeres Haar und außergewöhnlich dunkelblaue Augen, die je nach Lichteinfall mal tiefblau wie die See, mal unergründlich schwarz wie die Nacht waren. Sie beide hatten markant geschnittene Gesichtszüge und gerade Nasen, aber dennoch unterschieden sie sich auch hier. Vor allem jedoch umgab Liam ein ganz besonderes Charisma, das ihn am deutlichsten von Alex unterschied. Seine besondere Ausstrahlung zog jeden schnell in seinen Bann, wodurch er der geborene Anführer war. Deshalb schätzte ihn auch seine Crew sehr als Captain und war ihm treu ergeben.

Kurz vor Mittag brachen sie schließlich auf. Insgesamt waren sie zu sechst. Liam, Alex und Elena, sowie drei von Liams Männern. Sie ritten jeweils zu zweit nebeneinander her. Liam ritt neben Brayan, nach Alex sein engster Vertrauter und ein hervorragender Kämpfer und Seemann, an der Spitze. Ihnen folgten Elena und Alex und den Schluss bildeten die beiden Männer, die sie auch bereits zum Gouverneur begleitet hatten. Während des Rittes unterhielt Liam sich in gedämpftem Tonfall mit Brayan. Er bereitete ihn schon einmal darauf vor dass sie noch einen letzten Auftrag würden ausführen müssen. Brayan war nicht sonderlich überrascht darüber. Obwohl er ihn nicht persönlich kannte hatte Brayan keine besonders gute Meinung von Gouverneur Martinez.

„Wir werden bereit sein“, sagte er schließlich. „Du kannst dich auf uns verlassen, Liam.“

„Ich weiß“, antwortete Liam lächelnd. „Danke.“

Brayan nickte schweigend. Er war nur wenig älter als Liam und die beiden kannten sich bereits seit vielen Jahren. Brayan war von Anfang an zusammen mit Liam und seinem Bruder zur See gefahren. Obwohl er Liam immer klar als seinen Captain anerkannt hatte und ihm ebenfalls treu ergeben war, waren sie mit der Zeit gute Freunde geworden. Liam vertraute Brayan blind und verließ sich gerne auf sein Urteil. Brayan war ein ebenso guter Kämpfer wie er selbst, ebenfalls groß und muskulös. Man sah ihm deutlich seine arabischen Vorfahren an, wenngleich er selbst in der Karibik geboren und aufgewachsen war. Brayan war jedoch nicht nur ein guter Kämpfer und Seemann, sondern aufgrund seines Weitblicks und der schnellen Auffassungsgabe ein wertvoller Ratgeber. Und auch als Spion hatte er sich mehr als einmal bewiesen.

Brayan selbst wusste Liams Vertrauen sehr zu schätzen und freute sich, ihn zum Freund zu haben. Er würde alles für ihn tun. Wenn es sein musste auch sein Leben für ihn geben.

Am späten Nachmittag erreichte die kleine Gruppe schließlich die Hafenstadt Port Royal. Zunächst suchten sie das Hotel auf, in dem sie zwei Zimmer gemietet hatten. Es lag in einer ruhigen Seitenstraße und war nicht weit vom Hafen entfernt. Nachdem sie sich durch das geschäftige Treiben im Inneren der Stadt gekämpft hatten waren sie froh, als sie endlich vor dem weißgetünchten dreistöckigen Haus standen, das von einer Schmiede und einem weiteren Hotel eingerahmt wurde. Das kleine Hotel verfügte über einen eigenen Mietstall in dem sie ihre Pferde unterstellen konnte. Die beiden Männer, die sie begleiteten, würden zur Sicherheit bei den Pferden im Stall übernachten. Liam wollte kein Risiko eingehen. Port Royal war weithin als unsichere Stadt bekannt, was nicht zuletzt an den vielen Fremden lag, die sich hier aufhielten. Durch den großen Hafen war dies nicht sehr verwunderlich.

Während Alex und Elena im Hotel blieben machten Liam und Brayan sich noch einmal auf den Weg in die Stadt um dort einen Kaufmann aufzusuchen, der Liam Geld schuldete. Es handelte sich dabei um eine nicht unerhebliche Summe, die Liam dem Kaufmann bei seinem letzten Besuch gestundet hatte. Nun würde er jedoch darauf bestehen sein Geld zu bekommen. Daher hatte er seinen Besuch zuvor nicht angemeldet. Er hatte sichergehen wollen den Kaufmann auch anzutreffen.

Dieser war sichtlich überrascht als Liam, gefolgt von Brayan, plötzlich in seinem kleinen, dunklen Laden stand. Da gerade keine Kundschaft im Laden war, kam Liam gleich zur Sache. Zunächst versuchte der Kaufmann – ein kleiner, fülliger, schwitzender Engländer – Liam mit allerlei Ausflüchten hinzuhalten. Liam ging jedoch auf keine seiner Ausreden ein und eine knappe Geste Brayans, die dem Kaufmann für einen kurzen Augenblick seine gut versteckten Waffen offenbarte, ließ ihn schließlich resigniert nicken und er holte ein kleines, verschlossenes Kästchen hervor und reichte Liam gleich darauf ein Bündel Geldscheine. Liam zählte die Summe in Ruhe nach – eine Geste, die den kleinen Mann hinter der Ladentheke noch mehr schwitzen ließ – und nickte schließlich zufrieden. Der Engländer zwang sich zu einem unglücklichen Lächeln, die Erleichterung war ihm jedoch dennoch anzusehen. Er hatte sichtlich Angst vor Liam und Brayan gehabt. Gleich darauf verließen sie den Laden wieder und kehrten zum Hotel zurück.

Gegen halb sieben machten sie sich zu viert auf den Weg zum Haus des Bürgermeisters, wo der Empfang stattfand. Da das Haus nicht weit von ihrem Hotel entfernt war gingen Liam, Brayan, Alex und Elena zu Fuß. Es war noch immer drückend warm obwohl die Sonne bereits tief stand und die Straßen im Schatten lagen. Erleichtert betraten sie schließlich das Haus des Bürgermeisters, wo sie überschwänglich empfangen wurden. Im Inneren des großen, auf einer Anhöhe gelegenen Hauses war es angenehm kühl.

Der Bürgermeister selbst und seine Frau begrüßten Liam und seine Begleiter.

„Wie schön Euch endlich wieder einmal in Port Royal zu sehen, Mr. Moore“, sagte Don Miguel lächelnd, während er fest Liams Hand drückte.

„Es ist uns eine Ehre“, entgegnete Liam höflich und erwiderte den Händedruck. Dann begrüßte er die Frau des Bürgermeisters.

„Ihr seht ganz bezaubernd aus.“

„Oh, Ihr seid ein Schmeichler“, tadelte Doña Anna Liam mit einem herzlichen Lächeln. Sie freute sich sichtlich über das Kompliment und mochte Liam aufrichtig, wenngleich sie ihn und seinen Bruder in den letzten Jahren nur selten gesehen hatte.

„Bitte kommt mit“, sagte Doña Anna schließlich, nachdem sie alle begrüßt hatte. „Ich möchte Euch einigen anderen Gästen vorstellen.“

Gleich darauf folgten die vier der Frau des Bürgermeisters und wurden der Reihe nach verschiedenen kleineren und größeren Gruppen vorgestellt. Alex beobachtete mit stiller Belustigung, wie Liam neugierige und beeindruckte Blicke erntete, sich jedoch nichts anmerken ließ. Ihm war jedoch ebenfalls klar, dass auch er selbst und Brayan aufgrund ihrer Gestalt nicht unbemerkt blieben. Wenig später teilten sie sich auf und waren gleich darauf auf verschiedene Grüppchen verteilt und in Gespräche verwickelt. Erst als das Buffet eröffnet wurde trafen sie sich wieder.

Als nach dem Essen der erste Tanz eröffnet wurde hielt Liam sich ein wenig im Hintergrund auf, da er nicht sonderlich gerne tanzte, obwohl er ein guter Tänzer war. Er beobachtete die Tanzenden lieber vom Rand der Tanzfläche und es freute ihn, seinem Bruder und Elena zuzusehen, die sich die ganze Zeit über, während der sie tanzten, glücklich anlächelten. Dann tauchte auf einmal Doña Anna neben ihm auf und Liam fürchtete schon, sie wolle ihn um den nächsten Tanz bitten. Doña Anna wusste jedoch um Liams Abneigung gegen das Tanzen und leistete ihm nur Gesellschaft und unterhielt sich mit ihm. Nach einer Weile forderte sie Liam plötzlich auf ihr zu folgen.

„Bitte kommt mit“, bat sie ihn lächelnd. „Ich würde Euch gerne jemanden vorstellen.“

Überrascht nickte Liam und folgte ihr. Elegant bahnte Doña Anna sich einen Weg durch die plaudernden Gäste hindurch bis sie eine weitere siebenköpfige Gruppe erreichte. Die Gruppe war in ein Gespräch vertieft, bei dem scheinbar einer der Herren die meiste Zeit über das Wort führte. Die anderen waren nur Zuhörer, wie Liam beim Näherkommen bemerkte. Er hielt ein Stück hinter Doña Anna an, während diese leise eine junge Frau ansprach, die ihnen den Rücken zugewandt hatte. Sie trug ein elegantes, bodenlanges Kleid aus glänzender dunkelbrauner und cremefarbener Seide. Ihr dunkelbraunes Haar hatte sie zurückgesteckt und es fiel ihr in langen, seidig-glänzenden Strähnen über den Rücken und reichte ihr bis über die schlanke Taille.

Als Doña Anna sie ansprach wandte sie ihr leicht den Kopf zu, doch just in diesem Moment zwängte sich einer der anderen Gäste an Liam vorbei und verdeckte ihm so den Blick auf die fremde Frau und Doña Anna. Liam fragte sich, was Doña Anna ihr wohl sagte, denn es dauerte einige Augenblicke bis sie sich schließlich umwandte und neben der Frau des Bürgermeisters auf Liam zutrat. Vor Überraschung stockte Liam der Atem. Das war doch nicht möglich! Nie, nicht einmal im Traum hätte er erwartet, ihr hier zu begegnen. Für einen Moment war er überwältigt von ihrem Anblick, dann fing er sich jedoch wieder und trat den beiden Frauen einen Schritt entgegen. Dabei konnte er seinen Blick nicht von ihr abwenden. Sie war noch schöner als er sie in Erinnerung gehabt hatte. Ihre tiefschwarzen Augen waren auf ihn gerichtet und Liam glaubte, sie einen Moment lang aufblitzen zu sehen und er wusste, dass sie ihn ebenfalls wiedererkannt hatte. Für einen Augenblick hatte er das Gefühl, die Zeit wäre stehen geblieben und er nahm nichts um sich herum mehr wahr außer ihr. Dann riss Doña Annas Stimme ihn jedoch aus seinen Gedanken.

„Darf ich Euch Liam Moore vorstellen?“, sagte sie galant und lächelte die junge Frau mit strahlenden Augen an. „Er ist ein guter Freund meines Mannes und mir.“

Dann wandte sie sich noch immer lächelnd an Liam.

„Mr. Moore, dies ist Nyah Landon. Sie weilt erst seit kurzer Zeit auf Jamaica.“

Gebannt sahen Liam und Nyah sich einen viel zu langen Augenblick an. Dann räusperte Doña Anna sich leise und sah lächelnd zwischen den beiden hin und her. Auch Liam räusperte sich leise.

„Es ist mir eine Freude, Euch kennenzulernen, Miss Landon.“

„Auch ich freue mich, Eure Bekanntschaft zu machen, Mr. Moore.“

Als sie das sagte umspielte ein bezauberndes Lächeln ihre Lippen, das Liam hingerissen erwiderte. Dabei vergaß er beinahe dass Doña Anna noch immer bei ihnen stand. Da weder Liam, noch Nyah Anstalten machten, etwas zu sagen, ergriff die Frau des Bürgermeisters schließlich wieder das Wort.

„Miss Landon ist erst vor wenigen Wochen nach Jamaica gekommen, wie sie mir erzählte. Und seit wenigen Tagen ist sie hier in Port Royal. Wir lernten uns vor wenigen Tagen bei einem Abendessen des Gouverneurs kennen, bevor dieser nach Port Lantago aufgebrochen ist. Da wir uns auf Anhieb gut verstanden haben und Miss Landon noch kaum jemanden in dieser Stadt kennt habe ich sie zu uns eingeladen.“

Lächelnd sahen sich die beiden Frauen an. Liam war beeindruckt dass die junge Frau offenbar irgendwelche Beziehungen zu Gouverneur Don Luis hatte. Es war normalerweise nicht einfach auch nur eine Audienz beim Gouverneur zu gekommen. Er nahm sich jedoch auch vor, auf der Hut zu sein solange er nicht wusste in welcher Beziehung Miss Landon zu Don Luis stand. Allerdings vergaß er all seine Vorsicht sofort wieder als er erneut die sanfte, wohlklingende aber dennoch feste Stimme der jungen Frau vernahm. Er hatte schließlich nichts zu befürchten.

„Noch einmal möchte ich Euch herzlich für Eure Einladung danken, Doña Anna. Dies ist ein ganz wunderbarer Empfang und ich freue mich sehr, heute Euer Gast sein zu dürfen.“

„Aber die Freude liegt ganz auf meiner Seite“, entgegnete Doña Anna. Dann fuhr sie fort.

„Mr. Moore ist bereits seit vielen Jahren einer unserer meistgeschätzten Freunde. Er und sein Bruder leben jedoch in Port Lantago, etwa eine halbe Tagesreise von Port Royal entfernt, und beehren uns nicht allzu häufig mit ihrem Besuch. Besonders in letzter Zeit hat Mr. Moore sich sehr rar gemacht.“

Bei diesen Worten sah sie Liam vorwurfsvoll an, lächelte ihn dann jedoch herzlich an. Liam erwiderte ihr Lächeln ebenso herzlich. Er mochte Doña Anna aufrichtig.

„Wichtige Geschäfte haben mich in letzter Zeit sehr in Anspruch genommen“, entschuldigte er sich. „Und dann sind da noch meine Pferde.“

„Aber natürlich, das weiß ich doch“, antwortete Doña Anna und legte ihm lächelnd eine Hand auf den Arm. Dann wandte sie sich wieder an Nyah Landon.

„Ihr müsst wissen dass Mr. Moore neben seinen anderen Geschäften ganz wundervolle Pferde züchtet.“

„Tatsächlich?“, fragte Nyah und ihr Interesse war aufrichtig geweckt. „Ich selbst liebe Pferde über alles! Darf ich fragen was für Pferde Ihr züchtet?“

„Aber natürlich“, antwortete Liam lächelnd. „Ich züchte Cartujanos. Meine Zucht habe ich mit mehreren Stuten und Hengsten aus Südspanien – Andalusien genauer gesagt – begonnen. Die Cartujanos sind von ausgesprochener Schönheit und Anmut und ihr Temperament…“

Doña Anna unterbrach Liam mit einer vorsichtigen Geste.

„Wenn Ihr mich bitte entschuldigen wollt, aber mein Mann scheint mich an seiner Seite zu brauchen.“

Dies sollte natürlich nur ein Vorwand sein um die beiden alleine zu lassen, was auch Nyah und Liam klar war. Lächelnd verabschiedeten sie sich von Doña Anna. Diese war äußerst zufrieden mit ihrer Idee, Liam und Nyah einander vorzustellen und freute sich, dass sie sich scheinbar gut verstanden. Nun wollte sie ihnen Gelegenheit geben, sich ein wenig kennenzulernen und dabei wollte sie nicht stören. Ihre Anwesenheit schien nun nicht mehr von Nöten zu sein. Und ihr war nicht entgangen wie die beiden einander angesehen hatten. Lächelnd bahnte sie sich einen Weg zwischen den anderen Gästen hindurch bis sie ihren Mann schließlich gefunden hatte.

Als sie alleine zurück geblieben waren lächelten Nyah und Liam sich an.

„Sie ist wirklich wundervoll“, sagte Nyah, was Liam nur bestätigen konnte.

„Das ist sie in der Tat. Und eine hervorragende Gastgeberin ist sie obendrein.“

Nyah nickte.

„Hättet Ihr etwas dagegen wenn wir ein wenig an die frische Luft gingen?“, fragte Nyah dann. „Es ist auf einmal furchtbar warm und laut hier.“

Damit sprach sie Liam aus der Seele und er nickte zustimmend. Er selbst hätte diesen Vorschlag nicht gemacht, um Nyah nicht zu kompromittieren. Nun führte er sie jedoch mehr als bereitwillig auf die große Terrasse hinaus, wo sich nur wenige Gäste aufhielten, da es bereits dunkel war und kühler wurde. Nyah atmete die kühle Nachtluft erleichtert ein und trat ans Geländer vor. Von hier hatte man einen schönen Blick über den Garten, in dem mittlerweile zahlreiche Fackeln entzündet worden waren. Liam folgte ihr langsam und als er neben sie ans Geländer trat wandte Nyah ihm ihren Blick zu. Lächelnd sah er sie an.

„Ich freue mich wirklich, Euch hier wiederzusehen“, sagte er leise. „Dort am Strand habt Ihr mich… nun… Ihr habt mich überrascht und tief beeindruckt.“

Lächelnd erwiderte Nyah Liams Blick, sagte jedoch nichts.

„Waren das Eure Hengste?“

„Ja“, antwortete Nyah, plötzlich ein wenig verlegen.

„Sehr schöne Pferde. Wirklich. – In ihren Adern fließt auch spanisches Blut, nicht wahr?“

Nyah nickte.

„Ja. Aber… sie sind etwas Besonderes.“

Dann wandte sie den Blick wieder ab. Liam hätte gerne mehr über die beiden Hengste erfahren, doch Nyah schien nicht über sie sprechen zu wollen. Daher erzählte Liam nach kurzem Schweigen ein wenig von seinen eigenen Pferden und Nyah wandte sich ihm wieder zu. Sie lauschte ihm mit ehrlichem Interesse und stellte ihm einige Fragen zu seiner Zucht. Liam erkannte schnell dass sie sich hervorragend mit Pferden auskannte. Bald waren sie in ein angeregtes Gespräch – nicht nur über Pferde – vertieft und merkten kaum wie die Zeit verging. Erst sehr viel später, als es draußen zu kalt wurde, gingen sie wieder hinein, waren jedoch weiter in ihr Gespräch vertieft.

Es war bereits gegen Mitternacht als die ersten Gäste begannen, sich zu verabschieden. Die Stimmung war ausgelassen und es wurde noch immer getanzt. Der Empfang war mehr als gelungen und die Gesellschaft von Port Royal würde noch lange über diesen Abend sprechen.

Alex und Elena unterhielten sich gerade angeregt mit dem Bürgermeister Don Miguel und seiner Frau. Doch dann entschuldigten sich die beiden, um sich von einigen der anderen Gäste zu verabschieden. Als sie alleine zurück blieben ließen Elena und Alex ihre Blicke über die anderen Gäste hinweg schweifen. Sie standen etwas abseits auf einer kleinen Empore, von wo aus sie einen guten Blick über den gesamten Salon hatten. Da sie mittlerweile ebenfalls müde wurden beobachteten sie eine Zeit lang schweigend die noch immer tanzenden und sich unterhaltenden anderen Gäste. Plötzlich wandte Alex sich jedoch seiner Frau zu.

„Sag mal, hast du Liam eigentlich während der letzten Stunden gesehen?“, fragte er.

„Nicht während der letzten Stunden“, antwortete Elena. „Aber jetzt sehe ich ihn dort unten. Und – er tanzt.“

Alex glaubte zunächst, sich verhört zu haben.

„Er tut was?“

„Er tanzt. Und es scheint ihm großen Spaß zu machen. So ausgelassen habe ich deinen Bruder noch nie gesehen.“

Überrascht folgte Alex ihrem Blick. Seine Überraschung wuchs noch als er sah mit wem Liam tanzte.

„Das gibt es doch nicht“, entfuhr es ihm leise und er schüttelte ungläubig den Kopf.

Elena sah ihn fragend an.

„Kennst du die Schönheit, mit der dein Bruder dort tanzt?“

Alex nahm Elenas Worte nur zum Teil wahr. Zu sehr war er vom Anblick seines Bruders und der dunkelhaarigen – wirklich atemberaubend schönen – Frau abgelenkt. Wie war das nur möglich? Alex gab seiner Frau im Stillen Recht. Auch er hatte seinen Bruder selten zuvor so ausgelassen und schon lange nicht mehr so von innen heraus strahlend gesehen. Vielleicht sogar noch nie. Selbst aus der Entfernung sah Alex, wie die Augen seines Bruders leuchteten als er während des Tanzes den Blick der jungen Frau mit einem Lächeln erwiderte.

„Nun, kennen wäre zu viel gesagt“, antwortete Alex schließlich. „Liam und ich haben sie vor ein paar Tagen während eines Ausritts am Strand gesehen.“

Er erwähnte nicht, wie sehr Liam dieses kurze Zusammentreffen beschäftigt hatte. Elena nickte nur.

Dann war der Tanz vorüber und Alex beobachtete wie Liam die schöne Unbekannte von der Tanzfläche führte. Dann verlor er seinen Bruder aus den Augen.