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Der 12jährige Marius bekommt den Auftrag, einen geheimnisvollen Brief auf die Rabenburg zu bringen. Als er stattdessen auf Schloss Falkenhorst landet, gerät er ins Zentrum einer Verschwörung und erfährt, dass er einen Krieg verhindern kann, wenn sein Brief an den richtigen Adressaten kommt. Doch das Schriftstück wird entdeckt es beginnt ein Wettlauf mit der Zeit und gegen vier fiese Schurken, die mit allen Wassern gewaschen sind. Mit Hilfe seines treuen Begleiters, Rabe Meister Goldauge, der neu gewonnenen Freundin Xenia und des Hofnarren Golo gelingt Marius die Flucht von Falkenhorst. Mit List und Mut schlagen sie sich durch den finsteren Rabenwald. Werden sie ihre Mission erfüllen und den Krieg verhindern können? – Ein historischer Abenteuerroman, ein spannendes Schelmenstück, ein märchenhafter Krimi voll von Überraschungen und geheimnisvollen Wendungen, in dem Gaukler und Hofnarren, Hexen und Heilige, Fürsten und Kerkermeister, Kinder und Raben die Hauptdarsteller sind.
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Seitenzahl: 456
Veröffentlichungsjahr: 2013
Fortunato
Das Geheimnis der Gaukler
Copyright dieser Ausgabe © 2013 by Edel:eBooks, einem Verlag der Edel Germany GmbH, Hamburg.
Copyright © 2012 by Fortunato
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Montasser Medienagentur, München
Covergestaltung: Agentur bürosüd°, München
Konvertierung: Datagrafix
Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des jeweiligen Rechteinhabers wiedergegeben werden.
ISBN: 978-3-95530-194-1
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PROLOG
ERSTES KAPITEL
Ein Sturm und ein Licht, das kein Blitz ist
Eine Suche, ein Zwischenfall und eine seltsame Begegnung
Zurück in den Sturm
Ein besonderer Augenblick
Die Burg im Wald
Don Basilico, Emerald und eine große Überraschung
Damen unter sich
Herren unter sich
ZWEITES KAPITEL
Ein verhexter Morgen
Der schaurige Besucher
Verzwickte Wege
Einzug der Gaukler
Gänsefett und Hammelbein!
Ein Schatten an der Wand
Hunger
Ein unheimlicher Gast und ein seltsamer Auftrag
DRITTES KAPITEL
Ein Gespräch im Dunkeln
Flucht im Schatten
Xenia in Gefahr
Die Wahrheit über Schloss Falkenhorst
Xenias Entdeckung
Auge in Auge
Der Brief an den Fürsten
Das Rätsel des Herzogs
VIERTES KAPITEL
Golo
Das Zimmer der flüsternden Wände
Die Verschwörung der Schlangen
Finsterlinge im Wald
Don Basilicos geheimes Wissen
Goldkralle und seine Gesellen
Der Henkershof
Quod
Der Gang der Schatten
Eine kleine Lüge und ein peinlicher Vorfall
Plinfix
Geheime Zeichen
Unerwartete Begegnungen
Der alte Traum
FÜNFTES KAPITEL
Der erste Abend
Heimliche Zeugin
Gaukler wider Willen
Lieder und Lügen
Auf dem Falkenhorst
SECHSTES KAPITEL
Blutiger Scherz
Schlangenzunge
Verstrickungen
SIEBTES KAPITEL
Ein riskanter Plan
Flucht von der Burg
Die Karte des Anselm van Raubenklau
Entdeckt!
Zwei Mädchen in der Nacht
ACHTES KAPITEL
Eine rabenschwarze Nacht
Im Kerker
Tante Zussas Enthüllungen
Der Weg der Ratten
Spaß für alle!
Gaukler in der Nacht
NEUNTES KAPITEL
Eine nächtliche Reise
Licht in die Vergangenheit
Königliches Rabenblut
Weg nach Pardauz
Crudos Zorn
Unter Verdacht
Morgendämmerung
Mehr als Worte
Das gespiegelte Siegel
ZEHNTES KAPITEL
Die Schüttere Klause
Durch den Dämmerwald
Freunde
Der Mann im Stamm
Nachts in der Klause
Fusco und die Wahrheit
Die Nebel lichten sich
Über dem See
Falsche und richtige Fährten
Ein feines Possenspiel
ELFTES KAPITEL
Die Rabenburg
Grundolf Brandschatz
Golos dunkle Pfade
Der Kerker aller Kerker
Drei Kammern
Horatius Tyk
Nacht in den Gemächern des Fürsten
Finten und Finsterlinge
Ein heimlicher Ausflug
Ein Kopf als Pfand
Der dritte Brief
Die Nacht der fliegenden Pferde
Schurkenschicksal
ZWÖLFTES KAPITEL
Warten auf ein Zeichen
In den Tiefen der Burg
Eine unwillkommene Begegnung
Das gewendete Wort
Die schwarzen Gesellen
Eine Kette von Lanzen und Schwertern
Düstere Gedanken
Der Henker und sein Richter
Schlangen und Würmer
Fluch und Gegenfluch
EPILOG
Wolken trieben am mondhellen Nachthimmel, als sich unter den ächzenden Ästen einer uralten Eiche fünf vermummte Gestalten einfanden, von denen zwei ein Bündel im Arm hielten. Sie flüsterten, lauschten, sie sahen sich um und steckten dann wieder die Köpfe zusammen, so nah, dass niemand sonst sie hören konnte.
Ein Rabe flog auf und die fünf erstarrten für einen Augenblick, horchten in die Düsternis, wollten wissen, ob sich außer ihnen noch jemand in den Tiefen des Waldes befand. Doch nur das Knarren der Baumkronen war zu hören, die sich alt und müde im Wind beugten und deren Äste schwarz und zornig in die Höhe wiesen.
Nach einer kleinen Weile wandten sich die Vermummten wieder einander zu. Der Wind trug Wortfetzen ihres Getuschels mit sich. »Wir werden einander immer im Herzen tragen«, sagte die Stimme eines alten Mannes. Eine Frauengestalt, schlank und geschmeidig in ihren Bewegungen, kniete nieder und küsste zwei anderen der Gruppe die Hände. »Euch vertraue ich meinen größten Schatz an«, sagte sie. Und eine alte weibliche Stimme beschwor: »Im Zeichen der Feder wird eines Tages das Licht über dieses Land der Düsternis kommen. Dann werden wir uns wiedersehen. Gebe Gott, es mögen bis dahin nicht zu viele Jahre vergehen.«
Dann tauschten sie die Bündel, die sie bei sich trugen. Zum Schluss nahm eine der Gestalten ein goldenes Amulett vom Hals, teilte es entzwei und legte jeweils ein Teil auf eines der Bündel. Mit einem Mal war alles still. Die Natur schien plötzlich den Atem anzuhalten, denn kein Lufthauch regte sich, sogar die Wolken verharrten für die Dauer eines Atemzugs. Die Gestalt aber, die das Amulett abgelegt hatte, beugte sich über die Bündel und küsste ein jedes.
Der Schrei einer Eule durchbrach die Nacht. In der Ferne leuchtete ein Unwetter. Der Mond verschwand hinter einer Wolkenwand. Das war der Moment, in dem die fünf Gestalten sich von einander abwandten und in alle vier Himmelsrichtungen auseinander gingen, zwei nach Westen, je eine nach Norden, Osten und Süden. Als wenig später schwer bewaffnete Reiter ihre Pferde über diesen Ort jagten, war von keinem der Vermummten mehr etwas zu sehen.
Nur das leise Schreien eines Säuglings trug der Wind von irgendwoher durch die Nacht – zu schwach, um von den Reitern gehört zu werden.
Der wütende Sturm riss so heftig an den Bäumen, dass die Krähen sich mit ihren Schnäbeln an den Ästen festhalten mussten. Wolken fegten über das Land, als würden sie vor etwas fliehen. Immer wieder regnete es und gelegentlich ging der Regen in Schnee über. Es war finster, obwohl es noch nicht Nacht war. Nur manchmal zerriss ein Blitz die Dunkelheit und beleuchtete den Weg. Und es war eisig kalt. Marius vergrub seinen Kopf soweit es ging im Kragen. Die Mütze hatte er längst verloren und seine Kapuze blieb wegen des heftigen Windes nicht auf dem Kopf. Außerdem hatte sich Meister Goldauge dort hinein geflüchtet. Doch das spürte Marius ebenso wenig wie das Gewicht seiner Tasche, die er über den Rücken gehängt trug. Genau genommen spürte er fast gar nichts. Nicht die Müdigkeit von der langen Reise, nicht die schweren Beine, die nur noch wie von selbst liefen, stolperten oder hüpften. Aber den Sturm: Den spürte er, als wäre er selbst ein Teil von ihm. Immer wieder klatschte ihm der Regen ins Gesicht und der Wind zerzauste seine langen Haare – aber das spürte Marius natürlich auch nicht.
Unter seinem Mantel hielt er mit beiden Händen den Brief fest umklammert. Er hatte ihn zur Sicherheit aus der Tasche genommen. Es hieß, in der Gegend trieben sich Räuberbanden herum. Wenn sie ihm seine Tasche raubten, so würde er wenigstens den Brief retten können. Bei dem Wetter aber blieben wahrscheinlich auch die finstersten Räuber lieber in ihren Höhlen oder wo immer sie wohnten. Trotzdem vermied Marius es, auf Wegen und Straßen zu bleiben, sondern ging immer in einiger Entfernung daran entlang. So konnte er sehen, wer ihm entgegenkam, und war dennoch zugleich in der richtigen Richtung unterwegs. – Wenn es denn überhaupt die richtige Richtung war, in die er seit vier Tagen lief.
Seit vier Tagen war Marius nun unterwegs. Und es war, als wollte der Himmel ihm zeigen, was er alles konnte. Am ersten Tag, er hatte sich noch nicht weit von der Ortschaft Toss entfernt, war die Sonne herausgekommen, warm, hell und fröhlich wie im Frühling, obwohl es längst November war. Marius war mit seinem schweren Gepäck ziemlich ins Schwitzen geraten – und Meister Goldauge war die meiste Zeit hoch über ihm geflogen, oft weit voraus, und hatte sich über die Schnecke Marius lustig gemacht. Überhaupt war er albern und übermütig gewesen – was vielleicht mit seiner Herkunft zu tun haben mochte.
Am zweiten Tag war es deutlich kühler geworden und Goldauge hatte sich wie der König des Himmels gefühlt. Denn das waren seine Zeit und sein Reich: die Tage des Herbstes und des Winters und die Freiheit der Lüfte. Hier herrschte er und zog seine Kreise über den kahlen Feldern und manchmal weit hinaus übers Meer, von wo er ernst und majestätisch zurückkam. Doch schon am folgenden, dem dritten Tag wurde es schneidend kalt und die beiden Freunde rückten eng zusammen. Das heißt, Meister Goldauge setzte sich auf Marius’ Schulter und presste sein Gefieder eng an dessen Ohr.
Schnee beherrschte die Wege und Felder und sorgte dafür, dass die beiden die meiste Zeit damit verbringen mussten, einen Unterschlupf für die nächste Nacht zu finden.
Am vierten Tag, wurde es plötzlich wieder wärmer und die ganze Landschaft sah aus wie in Schlamm gebadet. Marius rutschte mehrmals aus und jedes Mal verwandelte sich sein Äußeres etwas mehr in einen Erdgeist. Wenn ihnen jemand begegnet wäre, er wäre wahrscheinlich schreiend davongelaufen, so wild sah der Junge aus. Meister Goldauge machte sich lustig über seinen Freund, vermied es aber wohlweislich, sich auf dessen Schulter zu setzen, wie er es sonst so gerne tat. Einerseits wollte er sich die Klauen nicht schmutzig machen und andererseits hatte er Angst, selber im Schlamm zu landen, falls Marius erneut hinfiele.
Dann aber hatte es zu regnen angefangen. Der Wind nahm ständig zu. Zunächst fand Meister Goldauge das gar nicht übel. »So wirst du wieder sauber, Marius! «, krähte er und schickte sein krachendes Lachen hinterher. Tatsächlich war der Junge nach wenigen Stunden so gründlich durchgespült, als habe er mit seiner gesamten Kleidung und seinem wenigen Gepäck ein Bad genommen. Nur den Brief, der er bei sich trug, hielt er so trocken wie irgend möglich, indem er ihn immer weiter unter der Kleidung versteckte, zuletzt direkt auf seiner kalten Haut. Denn dem Brief durfte nichts geschehen. Ihn musste er unbeschadet übers Land bringen.
»Goldauge, ich glaube, es wird langsam wieder heller«, presste Marius zwischen seinen klappernden Zähnen hervor. »Du musst nachsehen! «
Doch Meister Goldauge, der sonst immer und immer wieder vorausflog, um den Weg zu erkunden, rührte sich kaum. In solch einem Sturm war es unendlich anstrengend, überhaupt zu fliegen. Und bloß für ein bisschen mehr Licht die schützende Kapuze zu verlassen, dazu verspürte er überhaupt keine Lust. Außerdem hatte er vor den Blitzen Angst, wenn er hoch oben in der Luft war. Marius seufzte. Er verstand den Freund. Und tatsächlich konnte er auch gar nicht sicher sagen, ob es dort vorne wirklich endlich heller wurde oder ob sich am Horizont nur neue schwarze Wolken auftürmten, um dann abermals mit Gewalt über ihn und seinen Freund und alles um sie herum hinwegzudonnern. Er stolperte und fing sich, stemmte sich gegen den Wind und blieb immer wieder stehen, weil seine Füße nicht mehr weitergehen wollten. Doch er biss die Zähne zusammen und ließ sich erneut nach vorn fallen und seine Beine begannen wieder ein Stück weiterzulaufen.
Nach einiger Zeit aber schien es ihm erneut, als könnte er in der Ferne Licht erkennen. Diesmal kam es ihm weniger wie eine Lücke in den Wolken vor als vielmehr wie eine Lampe. »Meister Goldauge! «, rief er aus. Und der Vogel hörte schon an Marius’ Stimme, dass er diesmal wirklich etwas entdeckt haben musste. »Meister Goldauge! Du musst fliegen! «
»Glaubt er tatsächlich, dass es nicht nur ein Blitz war, den er gesehen hat? «, fragte Goldauge. Er sprach gerne besonders vornehm mit Marius, weil er überzeugt war, aus vornehmem Hause zu stammen. Das ließ er sich vor allem dann anmerken, wenn man ihn um etwas bat.
»Ganz bestimmt, Goldauge! Ich habe es jetzt zum zweiten Mal gesehen! «
»Dann gehe er doch einfach hin! Dann wird er schon sehen, was es dort zu finden gibt.«
»Und wenn es ein Räuberquartier ist?« Marius verschluckte sich am Regenwasser und musste heftig husten.
»Das ist ein guter Einwand«, stellte Goldauge fest und schüttelte seine vor Kälte steif gewordenen Flügel, streckte einen von ihnen nach draußen, zog ihn schnell wieder in die Kapuze hinein und nahm dann doch seinen ganzen Mut zusammen. »Bleibt die Frage, was gefährlicher ist: bei diesem Unwetter in die Luft zu steigen oder einer Räuberbande in die Hände zu fallen. « Aber das sagte er mehr zu sich selbst als zu Marius. Denn er wusste, dass Marius seinen Flugkünsten voll und ganz vertraute – und er wollte nicht, dass seinem Freund Zweifel kämen. Und so grub er sich aus seinem Unterschlupf heraus, setzte sich auf Marius’ Schulter, breitete die schwarzen Schwingen aus und ließ sich vom Wind in die Höhe heben wie ein Drachen im Herbst. Er stieg so schnell, dass Marius ihn schon nach wenigen Augenblicken nicht mehr sehen konnte. Und als der nächste Blitz am Himmel zuckte, war Meister Goldauge schon im Gewitter verschwunden und auf dem Weg zu dem Licht, das schwach in der Ferne schimmerte.
Ob es ein Haus war, in dem man Zuflucht suchen konnte? Marius hätte es gerne gewusst. Würden er und sein Gefährte dort ein Dach, ein wenig Essen und Schutz vor dem Sturm finden und trocknen können? Oder war es tatsächlich ein Räuberunterschlupf, wo diebische Kumpane sich über die Ankömmlinge freuen und wer weiß was mit ihnen anstellen würden? Marius gruselte ein wenig und ihm war, als würde seine Gänsehaut, die er der Kälte wegen hatte, vor Angst eine Gänsehaut bekommen.
Der Weg war weiter, als Meister Goldauge zunächst gedacht hatte. Schon gleich nachdem er in den Himmel aufgestiegen war, hatte er das Licht gesehen, klar und deutlich: ein Licht, das kein Blitz war und das auch nicht von einem Brand herrührte. Nein, ein Baum, den der Blitz getroffen hatte und der in Flammen aufgegangen war, war es nicht. Der helle Schein musste vielmehr von einer Lampe her kommen, oder – wenn Meister Goldauge das richtig sah – von zwei Lampen!
Er kämpfte sich mit aller Kraft durch den Sturm. Die Regentropfen trafen wie Pfeilspitzen auf seine Flügel. Mehrmals verfehlte ihn ein Blitz nur knapp, und einmal stürzte er, von einem heftigen Windstoß erfasst, beinahe zu Boden. Doch dann, er glaubte schon fast, ein Fenster erkennen zu können, das von dem Licht erhellt war, riss ihn eine Böe plötzlich weit hinaus aufs Meer, so dass er kaum noch sagen konnte, in welcher Richtung das Land lag, woher er gekommen war. »Marius! «, rief er verzweifelt. Doch der Freund war viel zu weit zurück. Und selbst wenn er nah bei ihm gewesen wäre, er hätte ihn in dem Sturmgetöse nicht gehört.
Goldauge spürte, wie sich der Regen mit dem hoch aufspritzenden Wasser des Meeres mischte, und hatte mit einem Mal einen salzigen Geschmack im Schnabel. Er taumelte, die Flügel versagten ihm und er ahnte, wie er immer tiefer stürzte. Es war so dunkel, dass er seine eigenen Klauen nicht mehr vor Augen sehen konnte. Und es regnete so heftig, dass er gar nicht spürte, wie er von einer Welle erfasst wurde, die ihn ganz umspülte und mit einem gewaltigen Stoß nach vorne wirbelte. Erst als er mit aller Wucht gegen einen Felsen geschleudert wurde und eine glitschige Masse unter sich fühlte, wusste er, dass die Erde ihn wiederhatte. Die wilden Wellen aber, die gegen die Küste peitschten, langten gierig nach ihm und wollten ihn mit sich fortspülen. »Heiliger Abraxas! «, krächzte Meister Goldauge und versuchte, sich frei zu strampeln. »Ich darf nicht ertrinken. Ohne mich ist der Junge verloren!«
Schließlich gelang es Goldauge, sich auf einen kleinen Felsen am Ufer hinaufzukämpfen. So gut er konnte, krallte er sich an einem Spalt im Stein fest und wartete mit angezogenen Flügeln. Dann, nach wenigen Augenblicken, stürzte ein besonders harter Windstoß vom Meer her. In diesem Moment breitete er seine Schwingen aus und schoss in die Höhe, so weit hinauf, dass er fast das Ende der Wolken über sich zu sehen glaubte. Dort hinauf müsste man, dachte er, dort droben schien auch jetzt die Sonne und der Wind würde ohne den Regen nur ein angenehmer Luftzug sein. Meister Goldauge arbeitete sich noch ein wenig weiter nach oben, schon wurden die Wolkenränder weiß und der Wind ließ nach, schon fiel das Atmen wieder leichter. Da merkte er, dass er von dort droben niemals das Licht würde finden können, auf das Marius so hoffte. Denn zwischen dem schwachen Leuchten auf der Erde und dem hellen Licht des weiten Himmels tobte ein Sturm, wie Goldauge ihn noch nie erlebt hatte. In ebendiesen Sturm aber stürzte er sich jetzt erneut.
Und dann ging alles plötzlich sehr schnell: Der Regen peitschte ihn zur Erde nieder und vor ihm traten die Umrisse einer riesigen schwarzen Burg wie aus dem Nichts hervor.
Da! Das Licht! Ein erleuchtetes Fenster und da: noch eines, der Schatten eines Turms, in dem jemand war.
Meister Goldauge nahm all seine Kraft zusammen und flatterte gegen den Wind an, um näher an eines der Fenster heranzukommen. Es war vom hellen Schein eines Kaminfeuers erleuchtet und es stand jemand dort und blickte hinaus – dorthin, wo er gerade gegen den Sturm kämpfte.
Ein kleines Stückchen nur noch und Meister Goldauge würde erkennen können, ob es ein Räuber war, der durch das Fenster schaute oder... In diesem Augenblick schoss ein weiterer Blitz zur Erde. Und diesmal traf einer seiner flammenden Finger auch Goldauge. Mit einem Schlag schleuderte er ihn durch die Luft. Goldauge spürte einen heftigen Schmerz in der Seite und glaubte den Geruch von brennenden Federn zu riechen. Sehen aber konnte er das schon nicht mehr, denn ihm war schwarz vor Augen geworden und ihm war, als habe der Sturm mit einem Mal aufgehört.
»Das ist seltsam«, sagte eine sanfte Stimme. »Wirklich seltsam.« Es war warm. Und die Stimme wurde begleitet von einem angenehmen Prasseln. Schritte entfernten sich und kamen wieder. »Ich muss das unbedingt Florine zeigen.« Einen Moment war Stille. »Ob er wohl noch lebt?«, fragte die Stimme dann und plötzlich legte sich eine Hand auf Meister Goldauges Brust und er erschrak und schüttelte sein nasses Gefieder.
»Iiiiiii!«, rief das Mädchen und sprang auf, über und über voll gespritzt.
»Raaaaah!«, rief Meister Goldauge erschrocken, flatterte hoch, stieß sich an der niedrigen Decke des Zimmers den Kopf und fiel herunter auf das Mädchen, das gleich noch einmal schrie: »Iiiiih!«
Und Meister Goldauge schrie erneut: »Raaaah! Raaaah! Raaah!«, und sprang im Zimmer umher, immer im Kreis hinter dem Mädchen oder vor ihm her. Denn das Mädchen sprang ebenfalls im Kreis und es war ein riesiges Kreischen und Flüchten, bis der völlig entkräftete Meister Goldauge stehen blieb, sich auf einer Kralle um sich selbst drehte und wieder in Ohnmacht fiel.
»Oh Gott!«, rief das Mädchen da und lief zu ihm hin. »Das wollte ich nicht!«
»Was wolltest du nicht?«, fragte eine schmale, alte Frau, die überraschend in der Tür stand.
»Ich wollte nicht, dass der Vogel stirbt!«, schluchzte das Mädchen und schlug die Hände vors Gesicht. »Er hat mich nur so erschreckt.«
»Das hat man bis ins nächste Dorf gehört«, sagte die alte Frau und trat ins Zimmer. Sie warf einen Blick auf Meister Goldauge und lächelte. »Er ist nicht tot. Er ist nur bewusstlos.« Sie beugte sich über den Vogel und streichelte sein Gefieder. »Schwarz wie die Nacht«, murmelte sie. »Seine Federn sind fast dunkelblau.« »Und seine Augen, Tante Zussa!«, staunte das Mädchen. »Sieh dir nur seine Augen an!«
Da hob Meister Goldauge den Kopf und sah von dem Mädchen zu der alten Frau und wieder zurück, rappelte sich auf und blickte sich im Zimmer um, dann richtete er sich stolz auf und fragte mit fester Stimme: »Guten Tag. Erlauben Sie mir die Frage, wo bin ich hier?«
Erneut lächelte die alte Frau, tippte mit dem Finger an ihre Nasenspitze und nickte. »Ja, mein Kind. Du hast Recht, die Augen sind wirklich ganz besonders.«
»Wo du hier bist?«, wiederholte das Mädchen. »Du bist im südlichen Turm der Burg von Herzog Friedbert vom Falkenhorst.« »Welch ein Glück!«, rief Meister Goldauge da aus. »Eine sichere Burg!«
»Ich fürchte«, sagte die alte Frau und blickte ihm fest in die Augen. »Ich fürchte, das ist ganz und gar kein Glück.«
Schnell hatte Meister Goldauge alles erzählt: von seiner Reise mit Marius, vom Sturm, von der Erschöpfung, vom aufgebrauchten Proviant und von dem Licht, das Marius in der Ferne gesehen hatte und das vermutlich ein erleuchtetes Fenster des Turmes gewesen war. »Und wenn mich auch der Blitz einige Federn gekostet hat«, schloss der Vogel und klappte dramatisch einen Flügel hoch, um seine verkohlte Seite besser zur Geltung zu bringen, »so bin ich doch froh, dass mich das Unwetter hierher zu euch freundlichen Leuten gebracht hat. Denn ihr habt mir ein Dach über dem Kopf gegeben und werdet vielleicht auch meinem Freund Marius Unterkunft gewähren.« »Er ist wirklich sehr lustig, Tante Zussa«, vergnügte sich das Mädchen und klatschte in die Hände. »Er spricht so vornehm!« »Mit Verlaub«, sagte Meister Goldauge zu dem Mädchen. »Sie muss sich nicht über mich lustig machen. Wie heißt sie überhaupt?«
Nun war das Mädchen verwirrt. »Wen meinst du?« »Er meint dich, Xenia«, klärte die alte Frau sie auf. »Offensichtlich ist er ein Vogel aus gutem Hause. So spricht man nur, wenn man aus einer feinen Familie stammt.« »Ach...«, staunte Xenia, besah sich Meister Goldauge, als sehe sie ihn zum ersten Mal, und beugte sich dann ein wenig zu ihm hin. »Muss ich dann auch so mit ihm sprechen?« »Mit wem?«, fragte Goldauge. »Na mit dir!«
»Ach so. Ja. Ich meine: nein. Sie soll das machen, wie sie will.« Goldauge wollte aufstehen, doch seine Klaue schmerzte. Offenbar hatte sie auch etwas abbekommen. Vielleicht hatte der Blitz sein Bein gestreift oder er hatte sich beim Sturz verletzt. Also schwang er sich mit einem schnellen, für Xenia unerwarteten Flügelschlag auf den Fenstersims und drehte sich noch einmal um: »Ehe wir Zeit haben für eine nette Plauderei, muss ich meinen Freund suchen. Der irrt da draußen irgendwo umher und läuft am Ende glatt an der Burg vorbei.«
Mit diesen Worten ließ sich Meister Goldauge nach draußen fallen, wo der Sturm unvermindert tobte, und verschwand wieder in der Dunkelheit, aus der er gekommen war. »Wenn das mal gut geht«, murmelte Xenia, starrte in die Finsternis und rief ihm laut hinterher: »Ich komme nach und helfe dir suchen, wenn der Sturm nachlässt!« Doch der Vogel war schon zu weit weg.
Diesmal kam Goldauge besser voran. Er hielt sich vom Meer fern und flog nicht ganz so hoch, damit er Marius erkennen würde, wenn er über ihm war. Der Sturm ließ endlich ein wenig nach und der Weg, in dessen Nähe Marius unterwegs sein musste, war schon wieder deutlich erkennbar. Und dann sah Meister Goldauge einige Sträucher und einen Wald, an dessen Rand ein kleiner Bach floss. Ja, das kannte Goldauge! Hier waren sie gewesen! Das bedeutete, er war zu weit geflogen, er musste umkehren. Marius musste bereits viel näher bei der Burg sein!
Goldauge drehte um, dabei zog er weite Kreise über den Feldern und starrte auf die Erde. Irgendwo hier musste Marius sein!
Vom Horizont her wurde der Himmel heller und der Regen ließ nach. Jetzt erst merkte Goldauge, dass das Gewitter längst vorbei war. Es war einige Zeit her, dass er zuletzt Donner gehört, dass er einen Blitz gesehen hatte. Genau genommen war der Blitz, der ihn getroffen hatte, der letzte gewesen, an den er sich erinnern konnte. Typisch, dachte er, tagelang kann ich bei Gewitter unterwegs sein, aber der letzte Blitz muss mich treffen.
Der Wind trocknete Goldauges Gefieder langsam, so dass die Federn leichter wurden und er sich nicht mehr so anstrengen musste, um zu fliegen. Zugleich aber fühlte der Vogel, wie seine Kräfte schwanden: Der Kampf gegen den Sturm, der Sturz durch das Fenster und die Suche nach Marius, das alles hatte ihn erschöpft. Er war so müde, dass er beinahe im Fluge eingeschlafen wäre. Doch Marius war weit und breit nicht zu sehen. Auch jetzt, wo es wieder richtig hell geworden war und die Sonne vom Horizont her übers Land strahlte und Wiesen und Wälder schräg beleuchtete, konnte Meister Goldauge den Freund nicht finden. Marius war weder auf dem Weg noch abseits von ihm unterwegs. Mehrmals flog Goldauge um einen Felsblock herum, weil er dachte, Marius könne sich dort zum Schutz vor dem Sturm hingesetzt haben und eingeschlafen sein. Doch sosehr er auch suchte, der Freund blieb verschwunden. Elend fühlte sich Goldauge, hundemüde und hungrig und alt und schwach. Er hatte aufgehört, die Büsche und Steine zu zählen, zu denen er hinabgeflogen war. Jetzt aber überwältigte ihn die Müdigkeit und erschöpft sank er im Schatten eines windschiefen, kahlen Strauchs in den Schlaf – ohne zu bemerken, dass sich jemand näherte und ihn dabei schon aus der Ferne genau beobachtete.
»Du bleibst hier und passt auf, dass er nicht wegfliegt. Ich sehe mich noch ein wenig in der Gegend um.«
»Gut. Aber was sage ich, wenn er aufwacht?«
»Er wird nicht so schnell aufwachen. Du siehst doch, er ist völlig erschöpft. Du könntest ihn schütteln wie einen Pflaumenbaum – das würde er gar nicht merken.«
»Hihi, vermutlich würde er glauben, das sei noch immer der Sturm.«
»Das ist nicht lustig, Florine! Denk doch nur, was der Arme hinter sich hat.«
»Entschuldige, Xenia«, sagte Florine. »Manchmal bin ich etwas albern.«
»Manchmal ...«
»Aber wirklich, du hast Recht! Die Augen sind wunderschön!«
»Nun sei nicht so eitel.« Xenia blickte ihre Freundin streng an und warf sich wieder die Tasche über die Schulter, die sie kurz auf dem Boden abgestellt hatte.
»Ich meine, für einen Raben...«
»Ich habe dich schon verstanden. Also bis dann.«
Während Xenia, sich eifrig umblickend, davonhüpfte und auf schnellen Pfaden über die Wiesen entschwand, beugte sich Florine über Meister Goldauge und sah ihn aufmerksam an. Er atmete ruhig und gleichmäßig, obwohl er auf der Seite lag, was kein Vogel im Schlaf mochte. Er musste sehr erschöpft gewesen sein, wenn er sich nicht einmal wie ein anständiger Vogel hatte schlafen setzen können. Sein Federkleid war tiefschwarz mit einem leichten Blauschimmer. Sein Schnabel war vornehm gebogen und hatte etwas Kluges an sich, Florine hätte nicht sagen können, weshalb. Die Augen aber waren wie ihre – nur umgekehrt: Während sie rechts ein schwarzes Auge und links ein goldenes Auge hatte, war Meister Goldauges linkes Auge schwarz und das rechte von schimmerndem Gold! Es war, als hätte der liebe Gott versehentlich zwei Augenpaare falsch gemischt.
Ansonsten waren Meister Goldauge und Florine jedoch ganz und gar verschieden! Denn sie war ein kunterbunter Vogel, dessen Kleid in kräftigen Farben schillerte und der unter allen prächtigen Federn allein eine einzige schwarze trug – und die war wohl verborgen unter dem linken Flügel, so dass man sie nur sehen konnte, wenn Florine die Schwingen ausbreitete. Das aber tat sie selten, denn sie mochte diese Feder nicht, die ihr so fremd war. Sie war ein farbenfroher Papagei in Rot und Grün und Gelb, ein wenig Weiß und einigen kecken hellrosa Flaumfedern unter dem Schnabel, ein Tag- und ein Sonnenvogel, eine Freundin fröhlicher Zeiten. Nicht wie dieser finstere Geselle, der den Winter mochte und der sich wohl fühlte, wenn es draußen eisig kalt und trüb und dunkel war, und der sich auf den leeren Feldern herumtrieb und kleine Kinder erschreckte.
Doch obwohl Florine für Krähen und Raben nicht allzu viel übrig hatte, fühlte sie sich in der Nähe von Meister Goldauge seltsam wohl. Ihr war, als würde sie ihn schon seit langer Zeit kennen. Vielleicht war es sein ruhiges Atmen, das sie so angenehm empfand. Vielleicht lag es auch an diesem goldenen Auge! Nie zuvor hatte sie einen anderen Vogel gesehen, der ein solch wundersames Auge besaß. Wenn sie ihm ins Gesicht blickte, kam es ihr fast ein bisschen vor, als würde sie in einen Spiegel schauen. Aber sonst war er ja ausgesprochen scheußlich schwarz, dieser Rabe. Keine einzige helle Feder, keine auch nur ein klein wenig freundliche Farbe am ganzen Leib.
Florine schlich um ihn herum und besah ihn sich genauer. Der Kerl musste wirklich erledigt sein. Selbst als sie ihn ein wenig an einer Schwanzfeder zupfte, weil ihr langsam langweilig wurde, rührte er sich nicht. Auch als sie seinen Flügel stupste, um sich bemerkbar zu machen – er rührte sich nicht. Sie stupste noch mal, schob und zerrte ein wenig – und dann sah sie es plötzlich und ihr wurde auf einmal ganz heiß und kalt!
»Du musst aufwachen!«, hörte Meister Goldauge eine Stimme, die ihm von Ferne bekannt vorkam. »Es wird langsam dunkel!« Tatsächlich blickte er erneut in das Gesicht des Mädchens, das er von der Burg kannte. Nur dass er diesmal nicht in einem Turmzimmer lag, sondern unter einem Brombeerstrauch – und dass auf der Schulter des Mädchens ein ganz unglaublich bunter Vogel saß, eine Vogeldame, um genau zu sein.
»Wo ist Marius?«, krächzte Meister Goldauge und er merkte, dass es mit seiner Stimme nicht zum Besten stand.
»Dein Freund, den du gesucht hast?«
»Ja!«, rief Goldauge und sprang auf. »Ich muss gleich los! Heiliger Abraxas! Ich liege hier und schlafe gemütlich und Marius irrt umher. Vielleicht sucht er mich und ...« Aufgeregt sprang Goldauge hin und her und streckte seine Flügel, so als wolle er prüfen, ob noch alle Federn dran seien.
»Beruhige dich, Vogel«, sagte das Mädchen. »Wir werden Marius gemeinsam suchen. Sechs Augen sehen mehr als zwei.« Dabei neigte sie den Kopf etwas zu der Seite, auf der die gnädig nickende Vogeldame saß.
»Hm«, machte Meister Goldauge, soweit es seine Stimme zuließ. »Dann sollten wir aber mal voranmachen.«
»Nicht so hastig, mein Freund. Es ist fast Nacht. Wenn wir nicht hier auf dem freien Feld schlafen wollen, sollten wir zuerst zurück zum Schloss. Dort können wir etwas essen und schlafen und dann morgen früh mit neuer Kraft auf die Suche gehen.«
Das klang vernünftig. Und es klang nach Etwas-in-den-Schnabel-Bekommen. Meister Goldauge war durchaus geneigt, und doch erwiderte er: »Marius könnte in Gefahr sein. Oder er sucht uns, äh, mich ...« Von dem Mädchen und ihrem seltsamen Vogel konnte Marius ja noch gar nichts wissen.
»Oder er liegt längst in einer gemütlichen Astgabel und hat sich den Mantel über den Kopf gezogen«, hielt Xenia dagegen. Das war ein Argument. Da musste Meister Goldauge ihr Recht geben. Und dann war da ja noch die Aussicht auf etwas Essbares und ein warmes Plätzchen für die Nacht ... Und die Vogeldame! Mit der hätte er sich doch zu gerne mal etwas länger unterhalten. Also nickte Goldauge und räusperte sich, ehe er sagte: »Na gut, aber nur wenn wir uns morgen wirklich ganz früh auf die Suche machen.«
»Kein Problem!«, lachte Xenia, schüttelte ihr rötliches Haar und ging in Richtung Burg. Die farbenfrohe Vogeldame stieg in die Luft und flog ein Stück voraus, Meister Goldauge folgte in einigem Abstand. Wenn sie so gegen die Sonne flog, sah man gar nicht, wie bunt sie war. Man hätte sie für eine Rabendame halten können. Während sie dahineilten, ließ Goldauge den Blick beständig auch über die kahlen Felder gleiten. Vielleicht konnte er Marius doch irgendwo entdecken. Vielleicht hatte der Freund sich, wie so oft, aus dem Mantel ein kleines Zelt gemacht und sich zum Schlafen darunter gelegt. Aber so genau er auch schaute, Goldauge konnte weder einen Mantel sehen noch ein Zelt und erst recht keinen Marius. Alles was er sah, war eine kalte, herbstliche Landschaft, das nahe brausende Meer, einen Wald, der sich in einiger Entfernung vor ihnen erhob, und die Burg, die daraus emporragte mit ihren drei Türmen, auf deren höchstem eine grün-goldene Fahne wehte.
»Dort vorne ist es schon!«, rief Xenia und zeigte auf den Wald. Meister Goldauge flog zu ihr und blieb knapp über ihrer Schulter in der Luft. »Darf ich?«
»Aber gerne.«
Er setzte sich und es fühlte sich fast ein bisschen an wie auf Marius’ Schulter, so dass Meister Goldauge seufzen musste. Von oben aber blickte Florine auf die beiden herab und fand es gar nicht gut, dass plötzlich ein anderer Vogel ihren Lieblingsplatz besetzte.
Es dauerte noch eine Weile, ehe sie bei der Burg ankamen. Inzwischen war es wieder ganz dunkel geworden. Meister Goldauge hatte erwartet, dass sie an einem Tor klopfen oder über eine Zugbrücke gehen würden. Doch stattdessen gingen sie ein Stück weit an den Burgmauern entlang, bis sie zu einem finsteren Gestrüpp kamen.
»Hier müssen wir hinein«, erklärte Xenia und wies auf eine kaum sichtbare Öffnung unter einer großen Wurzel. Florine flatterte zu Boden und verschwand so schnell in dem Loch, dass Goldauge für einen Moment glaubte, sie habe sich einfach in Luft aufgelöst.
»Jetzt du«, sagte das Mädchen und gab ihm einen kleinen Schubs. Und schon rutschte Meister Goldauge wild flatternd in die Dunkelheit und hoffte, er möge weich landen. Tatsächlich fiel er auf ein bequemes Strohpolster und alles wäre in bester Ordnung gewesen, wäre nicht kurz nach ihm auch das Mädchen in die Öffnung gehüpft. Er hörte gerade noch den leisen Ausruf: »Vorsicht!«, doch es war schon zu spät. Xenia plumpste ihm auf die Schwanzfedern.
»Au!«, rief Meister Goldauge und biss sich auf den Schnabel. Florine fing lauthals an zu gackern, so sehr amüsierte sie sich über Goldauges Missgeschick.
»Typisch Huhn!«, schimpfte Meister Goldauge.
Empört flatterte Florine auf: »Huhn?«, kreischte sie. »Ich zeig dir gleich, was ein Huhn ist!«
»Komm du mir nur zu nahe!«, hielt Goldauge dagegen. »Dann mach ich Grillhähnchen aus dir!«
»Da hast du ja einige Erfahrung!«, schrie Florine zurück. »Man muss sich nur dein Gefieder ansehen!«
»Nun beruhigt euch aber!«, ging Xenia dazwischen. »Ihr streitet ja wie zwei wild gewordene Küken!«
Das wollten sich die beiden nicht nachsagen lassen. Deshalb drehten sie wie auf Kommando die Köpfe zur Seite und würdigten einander keines Blickes mehr.
Sie standen in einem niedrigen kleinen Raum, der nur von einer Öllampe erleuchtet war und von dem aus ein dunkler Gang ins Innere der Burg führte. Diesen Gang nahmen sie, bis sie an eine Stelle kamen, an der über ihren Köpfen ein paar Holzbretter lagen, eine Falltür, wie Meister Goldauge bei näherem Hinsehen feststellte. Xenia, nicht sehr groß gewachsen, versuchte, die Falltüre aufzudrücken. Doch sie schaffte es nicht. Vorsichtig klopfte sie an die Bretter, erst einmal, dann zweimal und dann noch einmal. »Wir werden ein wenig warten müssen«, sagte sie, als sich nichts tat.
Also warteten sie.
»Ist das die Burg, in der ich bei dem Sturm gelandet bin?«, wollte Goldauge wissen. Doch Xenia machte nur eine schnelle Handbewegung und zischte leise: »Psst.«
Sie lauschten. Man hätte eine Feder fallen gehört, so still war es auf einmal. Jetzt konnte es auch Goldauge erlauschen: Über ihren Köpfen bewegte sich jemand. Sie hörten, wie jemand sehr leise durch das Zimmer ging, nein, humpelte – denn die Schritte klangen ganz ungleich. »Wir haben Glück!«, rief das Mädchen plötzlich und klatschte in die Hände, dass Meister Goldauge fürchterlich erschrak, denn er war auf die Stille und das leise Geräusch konzentriert gewesen. »Das ist Tante Zussa!«
Sofort klopfte sie – wieder zunächst einmal, dann zweimal, dann noch einmal – gegen die Bretter, diesmal allerdings viel lauter, und es dauerte kaum eine Sekunde, da öffnete sich mit einem gruseligen Knarren die Falltür über ihren Köpfen und herunter blickte die alte Frau, die Meister Goldauge schon bei seinem ersten Aufenthalt in der Burg gesehen hatte.
»Da seid ihr ja!«, sagte sie. »Wo habt ihr euch denn herum getrieben?«
»Aber Tante Zussa«, sagte Xenia und kletterte herauf, gefolgt von ihrer Vogeldame und Meister Goldauge. »Du weißt doch, dass wir dem Raben bei seiner Suche helfen wollten.«
»Na, und ist dabei etwas herausgekommen?«
»Nein. Das heißt, ja. Also, gefunden haben wir den Vogel. Aber seinen Freund konnten wir nirgends entdecken.«
»Hm«, murmelte Tante Zussa. »So was.« Sie blickte die drei von der Seite her an und machte ein besorgtes Gesicht. »Tja, das ist natürlich ärgerlich. Aber ich denke, ihr solltet euch jetzt erst einmal stärken und mir beim Essen von eurer Suche erzählen.«
Es war wie verhext: Kaum hatte die Alte das Wort »Essen« ausgesprochen, dachte Meister Goldauge nicht mehr an Marius, sondern an Kuchen und Beeren und Früchte und Körner und was es sonst alles an Leckereien gibt, die Vogelherzen höher schlagen lassen. Florine sah ihn mit spöttischen Augen an und stichelte: »Höchste Zeit, dass der Geselle etwas zu futtern bekommt. Er denkt ja sowieso die ganze Zeit nur ans Essen.« Und nebenher murmelte sie leise, aber so dass es die anderen dennoch hören konnten: »Grillhähnchen, ts ...«
Die alte Frau klappte die Falltür zu, und erst jetzt bemerkte Goldauge, dass es der Boden einer großen Truhe war, aus der sie geklettert waren, und der sich zu dem unterirdischen Gang hin öffnete. Toll, dachte der Vogel, so kann man aus der Burg hinaus und auch in sie herein, ohne dass es jemand merkt. Für Leute, die nicht fliegen können, ziemlich praktisch.
»Moment«, sagte die alte Frau. »Zuerst müssen wir uns noch darum kümmern, dass unser Gast auf dem Weg zur Küche nicht entdeckt wird.«
»Nicht entdeckt?«, fragte Meister Goldauge, dem das eigenartig vorkam. Wieso sollte man als Gast hier nicht entdeckt werden.
»Ja, ja.« Tante Zussa wühlte in einigen Stoffen herum, die offenbar oben auf der Truhe gelegen hatten und nun daneben gestapelt waren. Ein großes blaues Tuch schien ihr für ihre Zwecke geeignet. »Hm. Das wird gut sein.« Sie legte es vor Meister Goldauge auf den Boden.
»Nicht entdeckt?«, wiederholte der.
»Mmh, ja, ja«, murmelte die weißhaarige Dame und machte eine einladende Handbewegung. »Wenn Ihr so gütig sein wollt, Euch auf das Tuch zu begeben?«
Meister Goldauge war sich nicht sicher, ob er das gut fand. Allerdings schmeichelte ihm der vornehme Ton dieser seltsamen Einladung. Also hüpfte er mit großer Eleganz auf das Tuch. Tante Zussa raffte es zusammen, so dass nur noch sein Kopf herausguckte, und gab den anderen ein Zeichen.
Sie gingen einige Treppen hinauf – Tante Zussa humpelte, das Bündel mit dem Raben vorsichtig unter dem Arm, voraus – und dann wieder ein paar Stufen hinunter, dann links und noch mal links und dann wieder rechts, ehe es wieder ein paar Treppen hinunter ging und dann wieder hinauf. Ungefähr 18 Türen mussten es auf dem Weg gewesen sein und zum Schluss mussten sie noch unter einem niedrigen Balken hindurch, um vor einer schweren eisenbeschlagenen Türe zu landen. »Na«, sagte die alte Frau. »Der Weg zur Küche wird, scheint mir, auch immer weiter.« Und zu Goldauge: »Aber beim nächsten Mal brauchst du mich ja nicht mehr, jetzt kennst du ihn ja.«
Goldauge zweifelte, ob er diesen Weg noch einmal finden würde. Ob alle Wege in der Burg so kompliziert waren?
»Ach ja«, sagte Tante Zussa weiter. »Das hatte ich ganz vergessen: In der Küche wartet eine Überraschung auf euch.« Sie hob den Zeigefinger, als wollte sie sagen: Jetzt passt mal gut auf. Dann drückte sie langsam die Türe auf.
Zuerst sah Meister Goldauge nur einen großen Herd, auf dem allerlei Töpfe standen, in denen es brodelte. Dann einen Koch und einen Küchenjungen, die mit einem Teig beschäftigt waren. Dann sah Goldauge ein knisterndes Feuer, über dem sich ein riesiger Ochse drehte, und allerlei Flaschen und Schüsseln, die auf einem Tisch standen, sowie eine lange Tafel, die überhäuft war mit Köstlichkeiten. Doch was er dann erblickte, verschlug ihm völlig die Sprache. »Das ...«, wollte er krächzen, doch es kam kein Ton heraus. »Das ist doch ...« Kein Ton, nicht mal ein Piepsen. Und doch sah er es ganz deutlich, konnte es aber kaum glauben.
Am Küchentisch saß mit aufgeknöpftem Wams und wirrem Haar vor einem nackten Brötchen niemand anderes als der verloren geglaubte Bote.
»Marius!«, krächzte Meister Goldauge. »Marius! Wie kommst du denn hierher?« Und bei diesen Worten flatterte er aus seinem Stoffbündel und mit einem großen Satz hinüber auf den Tisch.
»Moooment!«, schaltete sich da der Koch ein, der eines nicht leiden konnte: Tiere auf seinem Küchentisch, sofern es nicht gebratene, gebackene, geräucherte oder marinierte waren. »Hast du die Absicht, die Küche als Rabe im Salzteig zu verlassen?« Schon zückte er sein Hackebeil und hieb mit langem Arm um Haaresbreite neben Meister Goldauges Schwanzfedern, worauf dieser mit lautem Kreischen aufflog und erschrocken in der Küche herumflatterte.
»Aber Don Basilico!«, rief Xenia und stemmte die Arme in die Seiten. »Wie geht Ihr mit meinen Gästen um?«
Da senkte der Koch den Kopf und schaute verlegen zu Boden. »Entschuldigen Sie, Fräulein Xenia«, nuschelte er. »Aber Sie wissen doch ...« Er räusperte sich. »Sie kennen doch meine Vorliebe für Geflügel.«
»Ha!«, mischte Florine sich nun ein und flatterte mit ihren schillernd-bunten Flügeln. »Ist das ein Grund, gleich jedem gefiederten Wesen, das sich der Küche nähert, den Garaus zu machen?« Dabei drückte sie sich sicherheitshalber ganz nah an Xenias Seite, weil man ja nie wissen konnte, wie der Koch das sah. Don Basilico aber murmelte nur mit finsterem Blick: »Dieses Geflügel wird hier auf der Burg sowieso nicht alt.« Und er steckte sein Beil weg, nicht ohne noch einmal prüfend mit dem Daumen über die Klinge zu streichen und dabei zu Meister Goldauge hinüberzuschauen.
Das Mädchen besah sich nun den Fremden, der kauend mit dem Brötchen im Mund die Szene verfolgte. »Und du bist also Marius?«
Marius nickte und versuchte krampfhaft, das Brötchen in einem Stück herunterzuwürgen. Doch dabei verschluckte er sich und konnte erst einmal vor lauter Husten nichts antworten. Der Koch gab unterdessen dem Küchenjungen Emerald, der sich in den Hintergrund verzogen hatte, einen Wink, worauf dieser rasch nach einem Krug Wein griff und ihn Marius vors Gesicht hielt, damit dieser das Brötchen hinunterspülen konnte. Doch Wein war Marius nicht gewöhnt und also verschluckte er sich erst recht und musste noch viel mehr husten. Und so kam es, dass schließlich alle ganz nah um den Tisch herumstanden und warteten, bis Marius sich erholt hatte und endlich bereit war zu erzählen. Das Mädchen, die Papageiendame, der Rabe, der Koch und der Küchenjunge lauschten dem Gast:
»Ich hatte meinen Freund Goldauge vorausgeschickt, um das Licht zu erkunden, das ich gesehen hatte. Doch Goldauge kam nicht zurück. Und der Sturm tobte so, dass ich kaum mehr etwas erkennen konnte. Schließlich entschloss ich mich, an dem Ort stehen zu bleiben, an dem ich war, weil ich dachte, dann würde mich Goldauge leichter wiederfinden, wenn er zurückkehrte. Ich schlug aus meinem Mantel ein Zelt auf und verkroch mich darunter. Doch der Wind riss es fort und ich stand plötzlich nur noch in meinem dünnen Hemd und dem Wams da und überlegte mir schon, ob ich jetzt erfrieren müsste, als ein Wagen unten am Weg entlangkam. Den konnte ich gerade so erkennen. Ich rief, um den Kutscher auf mich aufmerksam zu machen. Aber der hatte auch nur Augen und Ohren für den Sturm. Also lief ich hin. Doch der Wind war so stark, dass die Kutsche schon vorbei war, als ich endlich den Weg erreichte. Na ja, ich konnte mich gerade noch hinten dranhängen. Und dann hielt ich mich einfach fest und ließ mich mitziehen. Es war so dunkel, dass ich gar nicht merkte, dass wir in einen Wald fuhren und durch ein Burgtor. Irgendwann blieb der Wagen stehen und ich ließ los und wurde wohl ohnmächtig. Und dann kann ich mich an nichts mehr erinnern.«
Nun räusperte sich Don Basilico, der Koch, und hob wichtig eine Augenbraue. »Wenn Sie erlauben, Fräulein Xenia, will ich berichten, was noch fehlt.« Und er strich sich über den Bart, räusperte sich erneut und erzählte: »Der Wagen hatte aus dem Umland Schweinehälften gebracht, die wir für das große Fest braten sollen. Ja, und der Knabe, nachdem er da so lange am Wagen gehangen und sich durch den Morast hatte schleifen lassen, sah wirklich wie ein Schwein aus – wenn mir dieser Ausdruck erlaubt ist.« Er musterte Marius. »Na ja, für ein Schwein ist er ja wohl ein bisschen zu dünn. Aber als Schweinehälfte mag er durchgehen. Und wie der Lieferant so um seinen Wagen geht und abladen will, denkt er, da ist ihm ja ein schöner Brocken von der Ladefläche gefallen, und er pfeift meinen Küchenjungen heran und sagt ihm, er solle die Sau in die Küche bringen.«
An dieser Stelle guckte Marius nun doch mehr als verlegen.
»Und, auch wenn man es nicht glaubt, wenn man ihn so sieht, Emerald, mein Küchenjunge, ist ein ziemlich kräftiger Bursche. Er schnappt sich also die falsche Schweinehälfte, schwingt sie sich über die Schulter und trägt sie zu mir herab.« Mit weiter Geste wies Don Basilico auf eine Stelle etwas weiter hinten, wo allerlei Fässer und Säcke lagerten. »Und dann hat er ihn dorthin geworfen. Mit Schwung und einem netten Liedchen auf den Lippen.«
»Eigentlich war’s mehr ein Schrei, Meister«, stellte Emerald richtig.
»Ja, gut, erst war’s ein Lied, dann war’s ein Schrei«, bestätigte der Koch und erklärte: »Und zwar weil der Kerl in dem Moment aufwachte, erschrak und wie ein Spanferkel schrie. Da hat sich mein Lehrling natürlich auch fürchterlich erschreckt und gleichfalls einen Schrei ausgestoßen. Ich meine, hat man denn schon mal eine Schweinehälfte schreien hören?« »Das war nicht der Schreck, das war der Schmerz«, maulte Marius, schielte zu dem Mädchen hinüber und zeigte wie zum Beweis auf eine mächtige Beule an seinem Hinterkopf.
Und der Küchenjunge schaute ebenfalls etwas reserviert drein und meinte: »Das war nicht der Schrei, das war der Lärm.« Und er steckte sich zum Beweis den kleinen Finger ins Ohr, während auch er zu dem Mädchen hinüberäugte.
Xenia aber blickte auf Meister Goldauge hinab und lächelte. »Das kommt mir irgendwie bekannt vor«, sagte sie. »Und dann?«
»Und dann bin ich wieder in Ohnmacht gefallen«, sagte Marius und tippte behutsam auf seine Beule, die aussah wie eine behaarte Apfelhälfte.
»Das kommt mir auch bekannt vor«, murmelte Xenia lächelnd, zwinkerte Meister Goldauge zu und trat hinter Marius, um das Prachtstück von einer Beule näher zu betrachten.
»Alles Verrückte!«, zeterte Florine, als sie später wieder mit Xenia in deren Kammer war. »Einer verrückter als der andere!«
»Sei nicht ungerecht«, hielt Xenia dagegen. »Du kennst sie doch gar nicht.«
»Solche Typen kennt jeder!« Florine blieb bei ihrer Meinung.
»Wo sie auftauchen, gibt es Ärger. Denk doch nur, was die allein in den paar Stunden, in denen wir mit ihnen zu tun haben, schon für einen Wirbel verursacht haben! Erst stürzt der Rabe durchs Fenster ...«
»Das war der Blitz.«
»Dann fällt er zweimal in Ohnmacht.«
»Das wäre dir vielleicht auch passiert.«
»Papperlapapp! Er verschmurgelt sich die Federn und stürzt sich trotzdem gleich wieder in den Sturm.«
»Weil er seinen Freund retten wollte.«
»Ja. Aber dann finden wir ihn selig schlummernd unter einem Brombeerstrauch. Inzwischen spielt sein komischer Freund fahrende Schweinehälfte und suhlt sich im Schlamm.«
»Er hing an einem Pferdewagen. Und für den Regen konnte er doch nichts ...«
»Dann denk mal an die Beule. Lässt sich von einem Küchenjungen durch die Gegend schleppen und in die Ecke pfeffern, während sein missratener Vogel sich von dir auf die Schwanzfedern springen lässt. Übrigens dieselben Schwanzfedern, die Don Basilico dann beinahe noch mit seinem Hackebeil frisiert hätte. Spinner, sage ich dir, komplette Spinner.«
Xenia lachte auf: »Ha! Du bist ja wirklich komisch, Florine! Ich glaube fast, der Meister Goldauge gefällt dir, so wie du auf ihn schimpfst.«
Florine blieb die Luft weg. »Er ...«, stammelte sie. »Er... er gefällt mir? So ein dahergeflogener gemeiner Feld-Wald-und-Wiesen-Rabe? Da müsstest du mich aber besser kennen.« Und als ob sie beweisen wollte, was für eine feine Dame sie war, wackelte sie mit den Schwanzfedern und hüpfte dann auf den Rahmen eines kleinen Spiegels, der in Xenias Kammer hing.
»Ich glaube nicht, dass Meister Goldauge ein gewöhnlicher Vogel ist«, sagte das Mädchen bedächtig. »Ich meine, nicht nur weil er ein goldenes Auge hat – wie du, liebe Florine.« Dabei sah sie sie von der Seite spöttisch an. »Und auch nicht weil er sprechen kann wie ein Papagei.« Sie machte eine kleine Pause. »Auch nicht weil er so mutig ist, dass er sich in den Sturm hinausstürzt, obwohl er weiß, dass es ihn das Leben kosten kann.«
Wieder eine kleine Pause. »Oder weil er der beste Freund eines Jungen ist, der es schafft, von Don Basilico mehr zu bekommen als ein paar Backpfeifen ...«
»Schon gut, schon gut«, unterbrach sie Florine. »Ich verstehe schon. Du meinst, dieser Goldauge ist ein besonderer Bursche - obwohl er ein Rabe ist.« Sie räusperte sich und sah Xenia bedeutungsvoll an. »Mag sein«, gab sie dann zu, »aber seltsam kommt er mir schon vor. Ich sage dir, gib auf die beiden Acht. Wer weiß, was uns mit denen noch blüht.«
Keine von beiden konnte ahnen, wie weitsichtig diese Warnung war!
»Goldauge, ich kann nicht mehr.«
»Das wundert mich nicht. Du hast dich überfressen.«
»Nein, ich meine, ich bin völlig erledigt. Aber gut, vielleicht habe ich mich auch überfressen – es war zwar nur ein Brötchen, aber ich hatte ja schon so lange nichts mehr zwischen die Zähne bekommen.« Marius zog sich die Stiefel von den schmerzenden Füßen und versuchte, die Zehen zu bewegen.
»Mach bloß keinen Wind!«, krähte Goldauge und flog vorsichtshalber ein Stück zur Seite. »Es könnte sein, dass du sonst die ganze Burg in die Luft sprengst.«
»Nun hab dich nicht so, Goldauge. Du riechst auch nicht am allerfrischesten.«
»Das machen die verschmurgelten Flügel«, jammerte der Rabe und klappte Mitleid erweckend den linken Flügel hoch und runter.
»Armer Goldauge«, sagte Marius und wollte näher kommen, um den Freund zu trösten.
»Raaah! Bleib er mir bloß vom Leib mit seinen muffeligen
Menschenfüßen!«
»Entschuldige. War gut gemeint.«
»Gut gemeint wäre ein Bad!«
»Wenn ich wüsste, wo ...«
»Er könnte ja mal das Fräulein Xenia fragen oder ihre Tante.«
»Aber Meister Goldauge. Um diese Zeit klopft man doch nicht mehr an das Gemach einer Dame.«
»Hm«, machte der Rabe und musterte Marius von oben bis unten. »Und schon gar nicht mit solchen gemeingefährlichen Füßen. Er sollte sie nur schnell unter eine Decke stecken.«
»Da hast du Recht, mein Freund. Genau das wird er auch tun.« Marius streckte sich, spähte ein letztes Mal durch das dunkle Fenster und legte sich dann auf das Strohlager, das ihm Xenia gewiesen hatte und auf dem eine raue Wolldecke lag, die zwar auch nicht mehr ganz frisch roch, dafür aber sehr warm und gemütlich aussah.
Den Brief aber trug er immer noch wohl verwahrt unter seinem Hemd, nah an dem Anhänger, den er stets in die Hand nahm, wenn er sich schlafen legte. »Schlaf er wohl und träum er was Schönes«, murmelte Marius.
»Es genügt, wenn einer so spricht«, nörgelte Goldauge und blickte sich um, ob er auch für sich ein kuscheliges Plätzchen fände. »Sonst wird’s gar so kompliziert.«
»Ist recht.«
»Also: Schlaf er gut und träum er was Schönes.«
»Er auch.«
»Wie bitte?«
»Ich sagte: Ihr auch.«
»Ah. Jawohl. Ja. Also dann.« Und mit diesen Worten flatterte Meister Goldauge zu Boden, wo er sich neben einer Truhe bequem einrichtete und zu schlafen versuchte. Es war warm. Und es war weder zu dunkel noch zu hell in dem Kämmerchen, das Marius und er bekommen hatten. Auf der Burg war es still. Kaum ein Geräusch, das durch die dicken Mauern gedrungen wäre. Und doch: Irgendetwas arbeitete in Goldauge, irgendetwas klopfte in ihm und wollte erinnert werden. Goldauge wusste, dass es etwas mit seinem ersten Zusammentreffen mit Xenia zu tun haben musste. Er tat sich schwer mit dem Einschlafen. Irgendwann aber, ewig später, war er dann doch in einen unruhigen Schlaf gefallen und träumte wirres Zeug von Stürmen und Türmen, von Wäldern und Feldern, von Blitzen und Witzen – und von einer alten Frau, die immer sagte: »Ich fürchte... ich fürchte ...« Und da schreckte er hoch und erinnerte sich plötzlich. »Ich fürchte«, ja, das hatte die alte Frau gesagt und ihm fest in die Augen geblickt, »das ist ganz und gar kein Glück.«
Was mochte sie damit gemeint haben? Was hatte es bloß mit dieser geheimnisvollen Burg auf sich?
Als Marius am nächsten Morgen die Augen aufschlug, schien die Sonne durchs Fenster, als hätte es nie einen Sturm gegeben. Er streckte sich und blickte nach seinem Freund Goldauge, der noch selig träumte und leise vor sich hin schnarchte.
So gut hatte Marius schon lange nicht mehr geschlafen. Das hatte er dem weichen Lager und dem Brötchen von Don Basilico zu verdanken – und seinen Träumen, die höchst vergnüglich gewesen waren. Leider konnte er sich nicht mehr genau daran erinnern, aber er wusste doch, dass er im Traum viel zu lachen gehabt hatte.
Marius schwang sich leise auf, um Meister Goldauge nicht zu stören, und schlich zum Fenster. Sie waren hier in einem der Türme. Man konnte weit über den Wald sehen, der, wie Marius jetzt feststellte, riesig war. Ein Ende jedenfalls war nicht zu sehen. Seltsam. Scheinbar endlos erstreckten sich die kahlen Kronen der Eichen und die schwarzen Spitzen der Tannen, die dem Wald etwas Finsteres und Undurchsichtiges gaben. Von einem so großen Wald hatte Marius nichts gewusst. War das immer noch der Rabenwald? Und von einer Burg auf dem Weg war ihm auch nichts bekannt gewesen. Sie mussten irgendwann auf einen falschen Pfad geraten sein. Es galt also herauszufinden, wo sie hier waren – und wie sie wieder auf den richtigen Weg finden würden.
Im Hof, den man von Marius’ Turmzimmerfenster aus sehen konnte, war einiges los. Ständig kamen Pferdewagen und Reiter, brachten Waren und Gäste und vermutlich Nachrichten. Marius wunderte sich: Auf der ganzen Wegstrecke hatte er nicht ein einziges Mal jemanden gesehen – von dem Wagen abgesehen, mit dem er letztlich hierher gekommen war – und nun herrschte dort unten ein reges Treiben und ständig traf jemand auf der Burg ein oder reiste ab. Na ja, dachte er sich, vielleicht sind die alle einfach schlauer als ich und machen sich halt erst auf den Weg, wenn kein Sturm ist. Wer weiß, vielleicht wären wir auch in zwei Tagen hier gewesen und nicht in vier, wenn wir gewartet hätten, bis das Wetter schöner ist.
Fässer wurden über den Hof gerollt und Bündel von Wagen gehoben und von Mann zu Mann geworfen, bis sie vom Letzten in der Reihe – jetzt erkannte Marius, dass das der Küchenjunge Emerald war – in ein Mauerloch am Boden geschoben wurden, vermutlich der äußere Zugang zur Vorratskammer. Frauen trugen volle Körbe hinein und kamen mit leeren Körben zurück, unterhielten sich mit Kutschern (wohl weil sie gerne mitgenommen werden wollten) oder plauderten ein wenig miteinander. Marius fiel aber auch auf: Bei all den Menschen und trotz all der vielen Waren, die dort unten bewegt wurden, gab es nirgendwo ein Lachen zu sehen. Auf allen Gesichtern lag eine bedrückte, zögerliche Stimmung und die Bewegungen der Menschen waren verhalten. Nein, es gab keine Fröhlichkeit auf dieser Burg.
Marius hörte ein zaghaftes Klopfen an der Tür, er war nicht einmal sicher, ob er sich nicht getäuscht hatte und ob das Geräusch vom Hof heraufgedrungen war. Doch als er sich umdrehte, sah er, wie sich ein rötlicher Haarschopf hereinschob. »Entschuldige, wenn ich störe?« Xenia sprach ganz leise, so als könne es sein, dass Marius, obwohl er am Fenster stand, noch schlafe. »Keineswegs, du störst nicht«, flüsterte Marius zurück und nickte in Richtung des immer noch leise vor sich hin schnarchenden Meisters Goldauge. »Komm nur herein.«
Xenia trat ein, schloss vorsichtig die Tür und kam näher.
»Eigentlich müsste ich dich alleine sprechen«, flüsterte nun auch das Mädchen und schielte zu dem Vogel hinüber.
»Goldauge ist mein bester Freund. Er darf alles wissen.« Marius ging einen Schritt zurück.
»So meine ich das nicht«, sagte Xenia und schluckte. »Es geht um ihn. Ich denke, es ist besser, wenn du ihm sagst, was ich dir sagen möchte.«
Marius verstand gar nichts und guckte deshalb erst einmal sehr schlau und schwieg.
