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Herzog vom Falkenhorst schickt seinen Sohn Ludovico nach Faucas zu König Falk dem Weisen, wo er lernen soll, ein guter Herrscher zu sein. Marius und seine Freunde, darunter Xenia, Hofnarr Golo und Rabe Goldauge, begleiten ihn auf dem gefährlichen Weg. Sie werden von Räubern gefangen, können flüchten und erfahren an Faucas Hof einen frostigen Empfang. Bald darauf wird Meister Goldauge als Unglücksbringer verflucht, und als schließlich ein finsteres Geheimnis gelüftet wird, beginnt eine nervenaufreibende Verfolgungsjagd. Sollte tatsächlich ein Komplott gegen den König drohen? Können Marius und Xenia Meister Goldauge bei seiner schweren Entscheidung helfen? Und: Wird das Rabenorakel endlich gelöst?
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Seitenzahl: 680
Veröffentlichungsjahr: 2013
Fortunato
Das Rabenorakel
Edel:eBooks
Copyright dieser Ausgabe © 2013 by Edel:eBooks, einem Verlag der Edel Germany GmbH, Hamburg.
Copyright © 2012 by Fortunato
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ISBN: 978-3-95530-195-8
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PROLOG
ERSTES KAPITEL
Ein großes Fest
Eine unsichtbare Gefahr
Ein Teufelsflug
Himmel und Hölle
Unsanftes Erwachen
Ein Bild für die Götter
Feuerkünstler
Schlechte Nachrichten
Über dem Fest
Ein Brief für den König
Die Sorge des Schreibers
Ein heimlicher Beobachter
ZWEITES KAPITEL
Wilde Träume
Gespräch in der Kapelle
Nacht im Schloss
Die Prophezeiungen des Rabenwalds
DRITTES KAPITEL
Hoch lebe Ludovico
Aufbruch
Unsichtbare Augen
Teufelswesen
Das Schweigen des Rabenwalds
Dunkle Geheimnisse
Legenden und Sagen
Getrennte Wege
Nacht
Goldauges Wagemut
Stimmen im Dunkeln
Düsterer Morgen
Florines Plan
Ein luftiges Gefängnis
Seid gewarnt!
Emerald
Zurück in den Lüften
Überraschendes Wiedersehen
Ein ungewöhnliches Paar
VIERTES KAPITEL
Auf gefährlichen Pfaden
Vergebliche Hoffnung
Unterwegs im Niemandsland
Hartmut der Hungrige
Der Große weiße Rabe
Golo auf den Bäumen
FÜNFTES KAPITEL
Eine böse Begegnung
Königin der Räuber
Die Räuberhöhle
Der Brief des Herzogs
Der Felsenthron
Die zweite Botschaft
Glückliches Erwachen
Vogelfrei
Die Gedanken sind frei
Dunkle Schicksale
Wiedersehen mit einem Meisterdieb
Bittere Wahrheiten
Räuber wider Willen
Ein schnelles Geschäft
Gnade vor Recht
Ein Flüstern im Regen
Der Rabenspruch
SECHSTES KAPITEL
Mehr als Ärger
Räuberfreunde
Botschaft aus dem Dunkel
Der Zauber des Ungesagten
Wiedersehen vor Faucas
Nacht vor den Toren
Der ungläubige Gaukler
Die Tore öffnen sich
Abschied
SIEBTES KAPITEL
Im Herzen des Misstrauens
Frago
Getrennte Wege
Ein Flug über Faucas
Die drei Grafen
Das Duell
Der verbotene Blick
Golos Entdeckung
Ein böser Bericht
ACHTES KAPITEL
Eine Weissagung
Fauconische Begegnungen
Hinricht
Das goldene Zeitalter
Vor dem König
Die Warnung des Schwarzmagiers
Ein steinernes Symbol
Ludovicos Studium
Die Stadt der Städte
Wenn es um die Wurst geht
Wunder über Wunder
NEUNTES KAPITEL
Drei Kavaliere
Ein kleines Bankett
Magier des Königs
Die Großen des Reiches
Wiedersehen mit Roberto
Gefährliche Unterhaltung
Udor
Kathedrale des Willens
Der Prediger
ZEHNTES KAPITEL
Ein heimlicher Ausflug
Bellavita
Prinzessin Abenteuer
Das Labyrinth des Königs
Ein Königsmahl
Der Baumeister vom Drachenfels
Über der Schlangengrube
Gute Worte
Abend über Faucas
Drei Monde
In Fragos Kammer
Männer im Wald
ELFTES KAPITEL
Zauberei!
In der Folterkammer
Sieben heimliche Gefährten
Königliche Sorgen
In der Unterstadt
Das Wirtshaus »Zum frommen Rabert«
Gelichter im Dunkeln
Schlafes Schwester
Baders Stube
Schreckensgesicht
Menschen und Füchse
Tu Felix Füchslin
Gute böse Nachricht
Mehr Männer im Wald
ZWÖLFTES KAPITEL
Am Goldenen Tor
Aus dem Fenster
Starke Worte
Rabenkrieg
Das Netz der Spinne
Dunkle Gerüchte
Wahrheiten
Emerald im Untergrund
DREIZEHNTES KAPITEL
Trickdiebe
Das verschollene Buch
Köpfe über Büchern
Schreckgespenst
Rollenspiele
Königin ohne Angst
Tote in der Nacht
VIERZEHNTES KAPITEL
Stille Beobachterin
Das Schlüsselwort
Räuberehre
Tödliche Drohung
Pagendienste
Gejagt!
Felicias Befreiung
Das Spiel ist aus
Rochus’ Keller
Blick in die Vergangenheit
Schrecken der Büttel
Glückliches Wiedersehen
Lockvögel
Frei!
Die lebenden Toten
Ein königliches Brummen
Im Burgberg
Urteil des Himmels
Es ist so weit
Das Rennen geht weiter
Der tiefe Fall
Drei Monde
EPILOG
HAUPTPERSONEN
Endlich. Endlich waren sie in das schützende Dunkel des Rabenwaldes eingetaucht. Sie hörten noch die Hunde hinter sich bellen, hörten noch das Klirren der gepanzerten Reiter und den Schrei der Falken, die wieder und wieder aufgestiegen waren, um aus dem düsteren Winterhimmel auf sie herabzustürzen.
Nicht alle hatten es geschafft, einige waren zurückgeblieben. Sie würden diese Flucht nicht überleben. Sie selbst aber waren in Sicherheit, nun, da das Dickicht dieses verzauberten Waldes sie umschloss, hier, wo die Hunde Angst hatten und die Pferde sich auf engen Pfaden bewegen mussten, wo vor allem aber die Falken aus der Luft nichts mehr erkennen konnten. Nun würden sie sich sammeln, kurz innehalten und dann den Weg suchen, der sie zu dem geheimnisvollen Ort führte, an dem ihr neues Leben beginnen konnte.
»Wir sind gerettet«, keuchte einer der Jungen.
»Ja. Das sind wir.« Das Mädchen mit den eisblauen Augen sah die Gefährten an. »Sie werden uns nicht mehr finden.«
»Aber werden wir überleben?«
»Das weiß der liebe Gott. Ich weiß nur, dass wir tot wären, wenn sie uns erwischt hätten.«
Die Kinder murmelten Zustimmung. Ein Schatten zog über die Bäume. Sie duckten sich schweigend ins Unterholz und mussten an jene denken, die es nicht geschafft hatten.
»Sie sind nicht umsonst gestorben«, sagte das Mädchen mit stolzer Stimme und streckte die Faust zum Himmel. »Sie werden uns jeden Tag daran erinnern, was uns geschehen ist und wie unmenschlich unsere Feinde sind! Von dieser Stunde an sind wir die Freien des Waldes. Wir werden unsere eigenen Gesetze schaffen und unser Leben danach leben. Und es wird keine Macht auf Erden geben, die uns unterdrückt oder verfolgt. Was wir brauchen, werden wir uns holen, was wir wollen, werden wir erreichen. Dies sei unser Königreich!«
In den Augen der Kinder glimmte Hoffnung auf und auch ein wenig Stolz. Ja, sie würden ihr eigenes Königreich gründen. Sie würden ihr eigenes Leben leben, das Leben freier Räuber im Wald. Klang das nicht abenteuerlich? War es nicht das Beste, was sie tun konnten?
»Und die Freunde, die es nicht hierher geschafft haben?«, fragte der Junge. »Wollt ihr für sie nichts mehr unternehmen?«
»Sie sind verloren«, antwortete das Mädchen schroff und lauschte auf seine eigenen Worte. Und dann fügt es hinzu: »Wenn wir zurückgingen, wäre das der Tod für uns alle. Rache – das ist das Einzige, was wir jetzt noch für sie tun können. Rache.« Sie seufzte kurz und wiederholte flüsternd, aber fest:
»Rache!«
»Rache? Wem soll das nützen?«, erwiderte der Junge, dessen rotes Haar wirr vom Kopf abstand. »Wenn du Rache nehmen willst, dann bringst du nur dich selbst wieder in Gefahr, und all deine Freunde, die es geschafft haben.« Er zeigte auf die anderen, die sich unter den tief hängenden schwarzen Zweigen einer Tanne zusammengedrängt hatten. Ihr Anblick nach der wilden Flucht war etwas furchterregend. Und sie sahen verloren aus in der Schattenwelt des Rabenwaldes, der sich von hier weit übers Land erstreckte, so weit, dass keiner von ihnen jemals das andere Ende gesehen hatte.
»Nun, du kannst ja auf sie aufpassen, Bruderherz«, sagte das Mädchen.
Doch der Junge schüttelte den Kopf. »Das kann ich leider nicht. Denn ich werde nicht bei euch bleiben.«
Schon einmal hatte Xenia ein großes Fest auf Schloss Falkenhorst erlebt. Doch dieses hier übertraf das letzte noch bei Weitem – denn während damals Heiterkeit und gute Stimmung gezwungen wirkten, herrschte diesmal fröhliche Ausgelassenheit. Barden traten vor die Festgäste und trugen lustige Lieder vor, Bauern aus dem Umland machten derbe Scherze und der Wein floß in Strömen. Spaß und Gesang gab es auf der ganzen Burg. Kein Wunder, schließlich wurde die Rückkehr des Herzogs Friedbert aus seiner Gefangenschaft bei dem Schurken Crudo gefeiert. Und die Heimkehr seines tot geglaubten Sohnes Ludovico. Das Reich hatte nicht nur seinen geliebten Herrscher wieder, sondern endlich auch den lang ersehnten Nachfolger auf dessen Thron – und vielleicht sogar auf dem Thron des Fürsten von der Rabenburg, wo der Bruder des Herzogs herrschte, der keine Kinder hatte. Ein großer Tag also, der voll Freude mit einem Fest begangen wurde, zu dem nicht nur die Edlen des Reiches eingeladen waren, sondern auch die Einfachsten der Untertanen, die Bauern und Schweinehirten, die Knechte und Mägde, die Köhler und Fallensteller aus dem nahen Rabenwald. Sie alle feierten, denn ihnen war eine große Last genommen. Crudbert von Wrunkenstein, der des Herzogs Reich zuerst als Kriegsminister ausgebeutet hatte und es dann auch noch seiner eigenen Herrschaft unterwerfen wollte, war verjagt worden, der jahrelange Streit mit dem Fürsten von der Rabenburg war beendet, Herzog Friedberts Sohn war wieder aufgetaucht. Alles war endlich in allerbester Ordnung! Alles?
Den ganzen Tag über hatte Xenia ein seltsames Gefühl gehabt. Sie wusste nur nicht weshalb. Aber es kam ihr vor, als würde hinter dem, was sie sah und hörte, noch etwas anderes passieren, als gäbe es dahinter eine zweite Geschichte, die weniger heiter war als dieses fröhliche und ausgelassene Fest. Etwas Drohendes umschlich sie, etwas Unsichtbares und Ungutes. Einmal hatte sie kurz versucht, mit ihrer Freundin Florine darüber zu sprechen. Doch die hing die ganze Zeit an ihrem Bruder, dem Raben Goldauge, und lauschte gebannt dessen Erzählungen. Also streifte sie unruhig durch die Burg, stieg auf den Turm, auf dem der Narr Golo seinen Unterschlupf hatte, starrte eine Weile auf den Wald, stieg wieder hinunter, schlenderte zur Kapelle hinüber, lauschte dem fernen Lärm, der vom Haupthaus herüberdrang, streichelte eine Katze, die vor den Stallungen in der Sonne lag, und trottete schließlich zur Küche – um dann doch vor der Tür stehen zu bleiben und über den Hof zu blicken. Dort sah sie die beiden jungen Mönche, die sich an dem Wagen zu schaffen machten, mit dem sie vom Zarontinerkloster zu Buchberg gekommen waren: ein schwerfälliges Gefährt, mehr breit als hoch, von einer Plane überdeckt und so übervoll beladen, dass das Dach manche Beule hatte. Es war der Wagen des Billigen Jakobs, mit dem sie offenbar einen Handel abgeschlossen hatten und der die jungen Mönche nun durch die Lande fuhr. Zwei seltsame Burschen waren das, dachte Xenia. Sie wusste natürlich, dass sie mit Marius befreundet waren und mutig mitgeholfen hatten, den Herzog aus Crudos Gefangenschaft zu befreien. Und doch: Sie war sich unsicher, ob den beiden zu trauen war. Ihre Späße waren undurchsichtig, überhaupt schienen sie für Mönche ein bisschen zu lebenslustig zu sein. Durften die denn überhaupt solche Scherze machen?
Bruder Goldberg winkte ihr zu und grinste breit. Xenia winkte zurück und wandte sich sogleich wieder der Türe zu, als hätte sie es eilig. Da wurde ihre Aufmerksamkeit plötzlich auf einen Schatten gelenkt, der schräg über ihr den Himmel querte. Sie blickte nach oben und sah in der silbern leuchtenden Abendluft die Umrisse eines dunklen Vogels, der sich auf dem Fenstersims vor des Herzogs Gemach niederließ und dort, eng an die Wand gedrückt, sitzen blieb, sodass er vor dem dunklen Stein der Burg kaum zu erkennen war.
»Freu dich nicht zu früh, mein Bruder!«
Der Herzog, der eben noch mit fröhlichem Lachen seinen Weinbecher in die Höhe gehalten hatte, verstummte und sah den Fürsten von der Rabenburg ärgerlich an. »Was meinst du damit, Heinrich?«
»Glaubst du ernsthaft, du hättest den Schurken besiegt, der dich um dein Reich bringen wollte – und mich um meines dazu?«
»Crudbert von Wrunkenstein ist erledigt!«, rief Herzog Friedbert aus und warf die Arme in die Luft. »Er ist geflohen, seine Truppen sind in alle Winde zerstreut, seine Gefolgschaft hat erkannt, dass seine Pläne nur Lug und Trug waren ...«
Fürst Heinrich von der Rabenburg erhob sich aus dem prächtigen Sessel, den Friedbert für ihn in das Gemach hatte bringen lassen. »Ich weiß nicht«, sagte er und schlenderte hin zum Fenster, die Hände auf dem Rücken verschränkt. »Lug und Trug, hm. Das war Euer Auftritt auch, ist es nicht so?«
»Pah«, machte der Herzog und setzte seinen Becher auf dem riesigen Tisch ab, an dem er seine Arbeiten zu erledigen pflegte. »Wer weiß das schon?«
»Jeder, der einen Augenblick Zeit hat, über die Ereignisse nachzudenken«, stellte Fürst Heinrich fest.
»Ich weiß nicht ...« Friedbert vom Falkenhorst wiegte den Kopf. Wahrscheinlich hatte sein Bruder recht, aber er wollte es sich nicht so ganz eingestehen – vor allem wollte er es ihm nicht eingestehen. Aber wenn er zurückdachte an die Ereignisse der letzten Tage, musste er zugeben, dass an dessen Überlegungen was dran war. »Vielleicht hast du recht«, sagte er. »Vielleicht aber auch nicht. Wir haben auf Crudberts Burg ein hübsches Feuerwerk abgebrannt, ja. Und wir haben so getan, als seien die scheußlichen Kreaturen, die wir von Pater Anselmus bekommen haben, lebende Drachen. Aber das Feuer war immerhin echt und hätte beinahe den Turm von Burg Wrunkenstein zerstört. Die angeblichen Drachen sind übrigens spurlos verschwunden.« Herzog Friedbert erschauderte, wenn er daran dachte, dass sein Hofnarr die in Essig eingelegten Schlangen und Echsen einfach weggefuttert hatte.
»Trotzdem«, widersprach ihm Fürst Heinrich. »Die lächerliche Prophezeiung deines Narren ...«
»Kein Schimpf über Golo! Er hat uns allen das Leben gerettet.«
»Gewiss, gewiss«, beschwichtigte der Fürst seinen Bruder. »Er und unser junger Freund, der Botenjunge. Dennoch muss jeder Beobachter, der nur ein bisschen Verstand hat, erkannt haben, dass das von einem Narr gesprochene Orakel nichts war als reine Gaukelei. Und eine besonders dreiste obendrein!«
Herzog Friedbert grinste und dann antwortete er: »Du magst recht haben, Heinrich. Immerhin aber war es eine sehr wirksame Gaukelei.«
»Wirksam war sie wohl«, sagte der Fürst, während er von seinem Platz am Fenster aus ein paar Möwen beobachtete, die am stürmischen Frühlingshimmel wie ein Schwarm von Schmetterlingen durcheinandergeweht wurden. »Die Frage ist nur: Wie lange wird diese Gaukelei vorhalten?«
»Wie lange soll sie schon vorhalten? Wir sind gerettet, Crudo ist verjagt, was wollen wir denn mehr? Du glaubst doch nicht, dass es der Schurke noch einmal wagen wird, sich gegen uns aufzulehnen?«
Heinrich vom Rabenstein drehte sich um, sodass sich seine mächtige Gestalt dunkel vor dem Fenster abzeichnete. »Darf ich dich daran erinnern, mein Bruder, dass Crudo schon immer ein machthungriger, skrupelloser Schurke war? Er hat eine Intrige gegen dich angezettelt, bei der er deine engsten Berater gegen dich einsetzte – und nebenbei auch gegen mich.« Herzog Friedbert blickte stumm zu Boden. »Beinahe hätte er uns gegeneinander in einen Krieg gezwungen!«, fuhr Fürst Heinrich fort. »Nur dem Zufall und der Hilfe einiger Kinder ist es zu verdanken, dass er damit nicht zum Ziel gekommen ist. Immerhin sind Crudos Mitverschwörer bei der Sache zu Tode gekommen. Aber war das ein Grund für ihn, sich zurückzuziehen und stillzuhalten? Nein! Er hat eine Armee von Schwarzen Reitern aufgestellt, die unsere Lande in Angst und Schrecken versetzt haben, er hat dich und deine engsten Getreuen entführen lassen und keinen Augenblick gezögert, euch alle ans Messer, oder vielmehr dem Henker unters Beil zu liefern!« Heinrich vom Rabenstein ging langsam auf seinen Bruder zu, stemmte seine gewaltigen Hände auf den Tisch und beugte sich zu ihm hin. »Warum hat er das alles getan? – Ich kann es dir sagen: Er will die Macht für sich. Er will sie, weil er glaubt, sie stünde ihm zu. Und er ist gekränkt, weil wir sie ihm vorenthalten. Du und ich. Wir sind seine Feinde. Uns will er vernichten. Und mit der Demütigung, die du ihm zuletzt zugefügt hast, wird dieser Wunsch in seiner Brust nur noch heißer brennen. Crudo will Rache, dessen darfst du dir sicher sein. Er wird nicht ruhen, ehe er sein Ziel erreicht hat. Crudo dürstet nach Genugtuung. Und wir sind seine Feinde. Du, ich – und ...« Fürst Heinrich senkte die Stimme und kam mit seinem Kopf noch näher an den Bruder heran, sodass sich ihre Nasen fast berührten, ehe er mit heiserer Stimme sagte: »Und dein Sohn.«
Friedbert vom Falkenhorst war blass geworden. »Mein Sohn? Was hat mein Sohn mit der Sache zu tun? Crudbert von Wrunkenstein kennt Ludovico nicht einmal.«
Heinrich vom Rabenstein lachte bitter. »Jetzt schon, mein Lieber«, sagte er und richtete sich wieder auf, um in der Kammer des Herzogs umherzuschreiten. »Es war ein guter Plan von dir vorzugeben, dein Sohn sei verschwunden und vermutlich tot, derweil du ihn in Wirklichkeit in die Klosterschule zu Buchberg geschickt hattest. Mich hast du damals getäuscht.« Der Fürst räusperte sich. »Oder sagen wir: Du hast meine Berater getäuscht und ich habe ihnen Glauben geschenkt. Doch jetzt weiß alle Welt, dass Ludovico an deinen Hof zurückgekehrt ist. Er wird dort unten im Festsaal ja ebenso gefeiert wie du, mein Bruder, vielleicht sogar noch mehr! Glaubst du wirklich, dass unter all den Gästen, die aus dem ganzen Reich zu deiner Feier gekommen sind, sich nicht auch ein paar unverbesserliche Getreue von Crudo verstecken? Männer, die dir fröhlich zuprosten, die dich und deinen Erben hochleben lassen – und anschließend zu Crudo eilen, um mit ihm neue Mordpläne auszuhecken? Glaub mir, mein Bruder, dort draußen lauert eine unsichtbare Gefahr.« Er wies zum Fenster hin und deutete über den Rabenwald. »Und die spinnt hier auf der Burg heimlich ihre Fäden.«
Still war es im Raum, als Fürst Heinrichs Rede endete. Nur das schwere Atmen des Herzogs war zu hören und das leise Knacken der Holzscheite im Kamin. Friedbert vom Falkenhorst rieb sich die Augen. Er lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und hielt den Kopf gesenkt. Es dauerte eine gute Weile, ehe er zu seinem Bruder aufsah, und man konnte die Last seiner Jahre und seines Amtes, vor allem aber die Sorge um seinen Sohn in seinen Augen erkennen. »Du hast wohl recht«, sagte er, langsam und widerstrebend. »Es mag so sein, wie du sagst, mein Bruder. Aber was rätst du mir? Soll ich alle Ritter, die auf der Burg zu Gast sind, festsetzen lassen? Soll ich mich mit Ludovico in meinen Gemächern verschanzen und Schloss Falkenhorst in ständige Kampfbereitschaft versetzen?« Er lachte gepresst. »Ich kann doch aus meinem Reich kein Gefängnis machen und in jedem Besucher einen gedungenen Mörder sehen!«
»Nein«, sagte Fürst Heinrich und schaute dabei aus dem Fenster. »Das kannst du nicht.« Im Hof hievten zwei junge Männer, die wie Mönche aussahen, allerlei Gerätschaften von ihrem Wagen und schleppten sie hinüber zum Festsaal. Wächter steckten rings um die Mauern Fackeln auf, weil es beinahe dunkel geworden war. »Aber du solltest darüber nachdenken, Ludovico in Sicherheit zu bringen.«
»Ludovico in Sicherheit bringen«, murmelte Herzog Friedbert. »Wie soll das gehen? Ich kann ihn doch nicht mehr in das Kloster zurückbringen. Jeder würde vermuten, dass er dort ist – im Vergleich zu einem Kloster ist eine Burg auf jeden Fall der sicherere Ort. Oder meinst du, er sollte zu dir auf die Rabenburg kommen?«
»Ich würde Ludovico jederzeit gerne bei mir aufnehmen«, entgegnete Fürst Heinrich. »Nur, wenn er bei dir nicht sicher ist, ist er es bei mir auch nicht. Außerdem ist die Rabenburg zu nah.«
»Zu nah? Wie weit soll ich ihn denn wegschaffen?«
Heinrich vom Rabenstein seufzte. »Je weiter umso besser, fürchte ich. Du solltest ihn nach Faucas schicken. Das ist weit genug entfernt – und sicher auch. Crudo wird nicht wagen, ihn nach Faucas zu verfolgen und dort anzugreifen.«
»Faucas? Aber was soll mein Sohn in Faucas?«
»Nun, er könnte lernen. Du weißt, dass das Reich von König Falk die bedeutendsten Gelehrten unserer Zeit anzieht. Ludovico könnte sich dort ausgezeichnet auf seine Aufgaben als Herzog vorbereiten.«
»Ich weiß nicht ...«, sagte Herzog Friedbert leise und wiegte den Kopf. Es klopfte kräftig an der Tür. »Ja?«
»Denk darüber in aller Ruhe nach, mein Bruder«, sagte Heinrich vom Rabenstein, während ein Diener seinen roten Kopf hereinstreckte und stotterte: »Feu ... Feu ... Da ... da i... ist... ein Feu ... Feuer ...!!!«
Meister Goldauge saß versteckt auf dem Fenstersims und lauschte den Worten des Herzogs, während unten im Hof die Pagen Fackeln aufsteckten und die beiden jungen Mönche Goldberg und Bleibtreu im Schatten der Mauer an einem seltsamen Gerüst herumhantierten. Wie weit soll ich ihn denn wegschaffen?, hatte der Herzog unglücklich gefragt. Und Heinrich vom Rabenstein hatte Faucas empfohlen, denn dort, so hatte er gemeint, würde Crudo es nicht wagen anzugreifen.
»Crudo wird es nicht wagen«, krächzte Goldauge leise und verächtlich, während er seine Schwingen ausbreitete und lautlos in die heraufziehende Nacht glitt. Der Winter hatte in den letzten Tagen weite Teile des Landes freigegeben, nur in den schattigsten Winkeln lagen noch Reste schmutzigen Schnees. Doch jetzt, da die Dunkelheit über die Burg und über den Wald kroch, wurde es mit einem Mal wieder klirrend kalt. Dem stolzen Raben machte das nichts. Im Gegenteil: Goldauge liebte die klare, trockene Winterluft. Ludovico weit wegschicken, dachte er, das klang nicht nach einem guten Plan. Der Junge, der einmal Herzog werden würde, war am besten in der Nähe seiner wahren Freunde aufgehoben.
Goldauge segelte hinüber zum Turm, der Schloss Falkenhorst den Namen gegeben hatte, und drehte eine kurze Runde über der Bucht, ehe er zurückkam und beschloss, sich mit seinem Freund Marius zu beraten. Er war gerade im Anflug auf den zweiten Turm, als ein Blitz an ihm vorbeischoss, gleißend hell und heiß wie Höllenglut. »Was?«, entfuhr es ihm, und er sah dem Blitz nach, der ihn nur um Haaresbreite verfehlt hatte.
Doch er konnte kaum Luft holen nach dem Schreck, da zischte ein weiterer Flammenstrahl an ihm vorbei und dann noch einer – und plötzlich sah Goldauge sich inmitten eines Infernos, wie er es noch nie erlebt hatte. Auf allen Seiten zuckten grelle Blitze durch die Luft, es roch beängstigend nach Schwefel und ein ohrenbetäubender Lärm erfüllte den Himmel. »Heiliger Abraxas!«, rief der Rabe und flatterte verzweifelt bald hierhin, bald dorthin. Doch wohin er auch taumelte – überall krachten gleißende Blitze wie Flammenschwerter durch die Nacht. Goldauge war der Ohnmacht nahe – und er hätte sich ihr vielleicht ergeben, wenn er nicht auf einmal Schreie gehört hätte. »Ahhh!«
– »Ohhh!« Jemand war in Not! Das gab ihm Kraft. Ein Rabe, ein königlicher Rabe zumal, ließ niemanden in Not im Stich. Goldauge nahm all seinen Mut und all seine Kraft zusammen und versuchte herauszufinden, woher die Rufe kamen. Dann schoss er hinab in den Burghof, ohne auch nur im Geringsten auf die tödliche Gefahr des Höllenfeuers zu achten.
»Ohhh!«, hörte er es wieder und: »Ahhh!« Es musste vom Burgtor her kommen. Und tatsächlich konnte der Rabe in den Rauchschwaden ein paar Jungen zwischen den Zinnen erkennen, die Köpfe zum Himmel gereckt, die Augen weit aufgerissen, starr vor Schreck. Fast schon war er bei ihnen, da hörte er plötzlich einen Diener, der auf den Hof torkelte, rufen: »Feu ... Feu ... Da ... da ist... ein Feu ... Feuer ...!!!« Dann wurde ihm schwarz vor Augen.
»Ein Feuerwerk?«, fragte Herzog Friedbert verdutzt. »Was soll das denn sein?«
»Oh, das wird dir gefallen, mein Bruder«, sagte Fürst Heinrich und nahm ihn am Arm, um ihn zum Fenster hin zu schieben. »Sieh es dir an. Und erschrick nicht. Ich habe es selbst zwar noch nie erlebt. Doch ich habe unseren Gelehrten Doktor Faustus auf der Reise hierher begeistert davon erzählen hören.«
»So, so, Doktor Faustus. Was der nicht alles kennt.«
»In der Tat, mein Bruder, in der Tat.« Doch mehr als ein rätselhaftes Lächeln wollte der Fürst sich hierzu nicht entlocken lassen. Die beiden Brüder traten ans Fenster und blickten in den nachtblauen Himmel, an dem sich flammende rote, blaue und gelbe Blitze in blütenartige Gebilde verwandelten.
»Bei Gott, das ist Zauberei!«, rief der Herzog aus.
»Aber nein«, meinte Heinrich von der Rabenburg. »Das ist keine Zauberei, sondern eine alte Wissenschaft aus dem Königreiche Sina.«
»Ach. Und wozu soll die gut sein?«
»Gut sein?« Der Fürst sah seinen Bruder erstaunt an. »Ist sie nicht wunderschön?«
Der Herzog nickte bedächtig. »Doch«, sagte er. »Schön ist sie schon, diese Wissenschaft aus Sina.«
Der Fürst beugte sich zu seinem Bruder, denn beinahe wäre er in dem Lärm, der von draußen hereindrang, nicht zu verstehen gewesen: »Außerdem soll sie böse Geister vertreiben.«
»Ach«, sagte der Herzog wieder und dachte, dann ist sie ja doch zu etwas nütze.
Offensichtlich waren es die beiden jungen Mönche, die zuvor noch an ihrem Wagen herumhantiert hatten, die nun dieses faszinierende Spektakel aus Blitz und Donner veranstalteten. Gottlob war der Alte Bembert, der morsche Burgfried, bereits im letzten Herbst eingestürzt – sonst wäre es wahrscheinlich jetzt bei dem Gedonner passiert. Ein wenig mulmig war dem Herzog schon, da er diesen Höllenzauber sah. Andererseits fragte er sich, ob man dergleichen nicht trefflich gegen Feinde einsetzen könnte. Immerhin hatte ihnen die Feuerkunst der beiden Zarontinerbrüder Goldberg und Bleibtreu bei ihrem letzten Kampf gegen Crudbert von Wrunkenstein gute Dienste geleistet. Derart sinnierend stand er am Fenster und starrte in die Glutblüten, als er von unten eine Stimme durch das Feuerwerksdonnern dringen hörte: »Himmel und Hölle!«, vernahm er. Es war die Stimme eines alten Mannes, und tatsächlich erblickte der Herzog jetzt im Hof, umwabert von Rauch und Gestank, einen Greis, der die Arme in die Höhe reckte und mit drohender Stimme rief.
»Himmel und Hölle! Es wird das Ende aller Tage sein, wenn Flammen aus den Wolken stürzen. Und es kam Hagel und Feuer, mit Blut vermischt, und wurde auf die Erde geworfen. Und der dritte Teil der Erde verbrannte und der dritte Teil der Bäume verbrannte und alles grüne Gras verbrannte...«
Den Herzog erschauderte. Es war Quod, der alte Kellermeister der Burg, jener Mann, der Golo wie ein Vater geworden war. Um ihn herum toste das donnernde Feuerwerk, dass der Herzog Angst bekam, dem alten Mann könne etwas zustoßen. Doch der rief weiter seine Mahnungen in die Nacht, bisweilen kaum zu verstehen, dann wieder laut und deutlich:
»Und ich hörte einen Adler fliegen inmitten des Himmels und mit lauter Stimme sagen: Wehe, wehe, wehe denen, die auf der Erde wohnen ...«
»Wehe mir«, krächzte Goldauge und bewegte seine schmerzenden Flügel, während er, hustend und nach Luft schnappend, versuchte, auf die Beine zu kommen.
»Er kommt zu sich!«, rief einer der Jungen.
»Schade«, maulte ein anderer. »Ich dachte, wir können ihn nachher braten.«
Goldauge sprang auf und rief: »Braten? Was wollt ihr braten? Oder vielmehr wen?«
Die drei Jungen wichen erschrocken zurück und starrten den Raben an. »Du kannst sprechen?«, stotterte einer.
Goldauge richtete sich zu seiner vollen Größe auf, und obwohl der Junge ungefähr doppelt so groß war, sagte er abschätzig: »Ihr könnt sprechen?« Dabei betrachtete er seine rechte Flügelspitze, als habe er Schmutz unter den Federn. Nun waren die Jungs so verblüfft, dass sie nicht wussten, ob sie mehr auf das Feuerwerk oder auf den sprechenden Raben achten sollten. Goldberg und Bleibtreu feuerten derweil immer noch in die Luft, was sie nur feuern konnten, und der alte Quod auf dem Hof rief weiter düsteren Weissagungen mit dräuender Stimme in die Nacht:
»Und ich sah einen Stern, der vom Himmel auf die Erde gefallen war. Und es wurde ihm der Schlüssel zum Schlunde des Abgrundes gegeben. Und er öffnete den Schlund des Abgrundes. Und ein Rauch stieg aus dem Schlunde wie der Rauch eines großen Ofens...«
»Feu ... Feu ... Da ... da ist... ein Feu ... Feuer ...!!!«, stammelte der Page und kam mit wild wedelnden Armen auf den Hof gelaufen.
»Wissen wir, wissen wir«, antwortete einer der Knechte und alle lachten.
»Nein, nein!«, ereiferte sich der Page. »N ... Nein! Ei ... Ein F ... F ... Feuer! K ... K ... Kein F ... F ... Feuerw ... w ... werk! Da!« Er zeigte zur Küche. Tatsächlich sprang dort in diesem Augenblick die Tür auf und dichter, dunkler Qualm quoll aus der Öffnung und breitete sich über den Hof wie ein schwarzer Teppich.
»Wie der Rauch eines großen Ofens«, keuchte der alte Quod noch einmal, dann gingen seine Worte in einem großen Husten unter und er sank zu Boden.
»Feuer! Feuer!«, riefen da plötzlich die Knechte und Mägde, die Ritter und Hofdamen, die eben noch das Feuerwerk bestaunt hatten. »Feuer!«, riefen auch die drei Jungen und hatten Meister Goldauge schon vergessen.
»Feuer?« Meister Goldauge überlegte, dass vorhin noch sein Freund Marius in der Küche gewesen war. Er schwang sich auf und flog pfeilschnell zur Küche, die schräg unterhalb jenes Mauergangs lag, wo er in Ohnmacht gefallen war. Doch ehe er dort angelangt war, hatten die ersten Männer bereits Wasser mit Eimern aus dem Brunnen geschöpft und begonnen, es durch die Tür zu kippen, aus der der Qualm drang. »Mehr Wasser!«, rief einer. »Schon unterwegs!«, ein anderer. Im Nu hatten die Männer eine Kette gebildet und schütteten immer mehr Eimer Wasser durch die Tür, bis sie endlich innehielten, weil sie von drinnen die polternde Stimme von Don Basilico hörten: »Heda!«, schrie er. »Wollt ihr uns ersäufen? Bei allen Höllenhunden, was soll das werden?«
»Wir wollen das Feuer löschen«, erklärte einer der Männer. Auf dem Hof war es ganz still geworden, denn Goldberg und Bleibtreu hatten ihr Feuerwerk eingestellt. Auch der alte Quod war verstummt, und die »Ahs und Ohs«, mit denen Männer, Frauen und Kinder das Schauspiel verfolgt hatten, waren einem entsetzten Schweigen gewichen.
Der Herzog stand kopfschüttelnd oben am Fenster und seufzte: »Wenn ich mir meine Untertanen so ansehe, dann magst du recht haben, Bruder. Ludovico wird zu Faucas um einiges sicherer leben als hier auf der Burg.«
Der Fürst lachte und schlug ihm mit seiner mächtigen Pranke auf die Schulter. »In der Tat, mein Lieber, in der Tat. Das war wieder einmal eine Glanzvorstellung unserer guten Rabenwalder.«
Klatschnass und mit hängendem Bart saß Don Basilico in seiner Küche und tropfte vor sich hin. »Eine Schande«, fluchte er. »Und alles nur, weil du Teufelsbraten unbedingt diesen Höllenzauber draußen anschauen musstest.«
Der Küchenjunge Emerald drückte sich an die Wand. Vor Don Basilicos Zorn hatte er gehörigen Respekt, denn dessen Launen und Strenge waren am ganzen Hof gefürchtet. »Verzeiht, Meister«, jammerte er. »Ich hätte nicht rausschauen dürfen.«
»Du hättest vor allem den Braten nicht aus dem Auge lassen dürfen!«, polterte der Koch und zeigte auf den tropfenden Eber über der erloschenen Feuerstelle. »Sieh dir das an! Sieht aus, als gäbe es Suppe am Grill.« Er schüttelte sich, dass das Wasser nach allen Seiten spritzte.
»Bitte vergebt mir, Meister«, wimmerte Emerald, der Angst hatte, dass er seine Stelle als Küchenjunge verlieren und wieder als Gehilfe des Kerkermeisters arbeiten musste, wie er es in den letzten Wochen getan hatte. Denn im Vergleich zur Kerkerarbeit war die hier in der Küche dann doch um einiges angenehmer. Und sättigender! Emerald wischte sich unauffällig den Mund an seinem Kragen ab, damit ihn die Marmeladeflecken nicht verrieten.
»Außerdem hätte ich gerne gewusst, wer von der Marmelade genascht hat!«, grummelte der Koch und strich sich über den nassen Bart.
»Ich, äh, ich ...«, stotterte Emerald. Was sollte er nur sagen?
»Schon klar«, stellte Don Basilico fest. »Du weißt auch nichts. Sicher. Ihr haltet doch alle zusammen, ihr Tunichtgute.« Er stand auf, schüttelte sich noch einmal und trottete zur Tür. »Ich gehe mich jetzt umziehen. Und du siehst zu, dass du das Feuer schleunigst wieder in Gang bringst. Aber versuch nicht, die Scheite, die unter dem Tier liegen, noch einmal anzuzünden, sonst ersticken wir hier alle im Qualm. Du räumst alles weg, was noch da liegt, trocknest die Stelle vollständig und bringst neues Feuerholz.« Er hustete. »Wenn ich wieder da bin, will ich ein vortreffliches Feuer sehen! Und ich werde schnell sein!«
»Jawohl, Meister«, haspelte Emerald und eilte schon zu dem Eber am Spieß. Er musste vorsichtig sein, denn noch gab es einige Stellen Glut, wo er sich die Finger verbrennen konnte. Emerald schaute sich vergewissernd um: Don Basilico hatte die Küche verlassen. Er war jetzt allein hier zwischen Ruß und Qualm. Leise fluchend scharrte er die schwarzen Holzscheite, die Asche und den Schlamm aus der Feuerstelle. Später würde er das alles auf den Hof hinausschaffen müssen und das übrig gebliebene Holz in einem geschützten Winkel zum Trocknen legen. Doch zuerst galt es, wieder Feuer unter dem Braten zu entfachen, mit frischem und trockenem Holz ...
»Ein Bild für die Götter!«, ertönte von der Tür her die Stimme eines Jungen. Ludovico, der selbst einige Zeit als Küchenjunge bei Don Basilico gearbeitet hatte, schnalzte mit der Zunge und ließ sich auf einen der Stühle an dem großen Tisch in der Mitte des Raumes fallen. »Ich könnte dir stundenlang zusehen.«
»Zu gütig«, erwiderte Emerald knapp und spürte, wie ihm ein bisschen schlecht wurde, weil der Sohn des Herzogs hier seinen Spaß suchte – und das ausgerechnet auf seine Kosten.
»Soll er gekocht werden? Oder warum ist er nass?« Diese Fragen bereiteten Ludovico sichtlich Freude, nicht so Emerald. Doch der Küchenjunge ging nicht darauf ein. »Was kann ich für Euch tun?«, fragte er höflich, obwohl Ludovico ein oder zwei Jahre jünger war als er.
»Nichts«, sagte Ludovico und grinste. »Einfach weiterarbeiten.« Er ärgerte Emerald gern. Immerhin war der Küchenjunge bei der Verschwörung der Vögte und Minister gegen seinen Vater ein Helfer gewesen. Dass er nach kaum mehr als vier Monaten schon wieder hier oben in der Küche arbeiten durfte, fand Ludovico nicht besonders gut. Er hätte es Emerald gegönnt, noch länger als Gehilfe des Kerkermeisters in den tiefen Kellern der Burg zuzubringen. Aber wahrscheinlich war das ungerecht. Wer wusste schon, was ihm die Schurken erzählt hatten. Wahrscheinlich hatte Emerald geglaubt, einer guten Sache zu dienen. Dass es beinahe wegen Crudo und dessen Mitverschwörern Krieg gegeben hätte, das hatte der Küchenjunge vermutlich auch erst hinterher erfahren. »Du hast nicht zufällig Xenia gesehen?«
»Nein«, sagte Emerald und blickte finster über die Schulter. »Hier hat sie sich nicht blicken lassen.« Nun, warum sollte sie auch? Sie hatte immerhin mehr als einmal ordentlich mitgeholfen, dem Herzog das Leben zu retten. Das Fest, das auf der Burg gefeiert wurde, war also auch ihr Fest.
»Na, dann gehe ich sie mal suchen.« Ludovico sprang auf, schlenderte an Emerald vorbei, klopfte ihm – scheinbar freundschaftlich – kräftig auf die Schulter und huschte dann schnell zur Tür hinaus, während der Küchenjunge mit den Armen ruderte, aber schließlich doch das Gleichgewicht verlor und mitten in den schwarzen Ascheschlamm fiel. »Warte nur«, knurrte er und sah zur Tür hin, hinter der der Herzogssohn verschwunden war. »Warte nur, bis ich dich mal unerwartet erwische ...«
»Ist den Herren bewusst, dass sie mich beinahe ins Jenseits befördert hätten mit ihrem Höllenspektakel?«, krächzte Meister Goldauge vom Dach des Wagens herab.
»Ah, Marius’ Rabe!«, rief Bruder Bleibtreu und nickte dem Vogel vergnügt zu.
»Wenn ich sein Rabe bin, dann ist er mein Mensch«, stellte Goldauge majestätisch fest und zog eine Augenbraue hoch.
»Gewiss, mein Freund, gewiss«, lachte Goldberg und wuchtete eine Kiste auf den Wagen. Der vertrauliche Ton der beiden ging Meister Goldauge gegen den Strich. So sprach man nicht mit einem königlichen Raben. »Ich vermute, eine Entschuldigung halten die Herren nicht für angebracht«, sagte er pikiert.
»Eine Entschuldigung?«, erwiderte Bleibtreu. »Wofür? Haben wir Euch etwas getan, Meister Goldauge?«
Waren die beiden wirklich so einfältig? Konnte es sein, dass sie tatsächlich nicht mitbekommen hatten, wie sie ihn beinahe im vollen Flug abgeschossen hätten? Noch ehe der Rabe etwas antworten konnte, setzte sich Florine neben ihn und legte auch schon los: »Was für ein wundervolles Schauspiel! Diese Farben! Diese Bilder! Hach, ich hätte die ganze Nacht zusehen können ...«
»Florine!«, entrüstete sich Goldauge. »Sie hätten mich mit ihrem Schauspiel beinahe in der Luft zerrissen!«
»Wirklich? Sag bloß, du bist bei diesem Donnerwetter geflogen!« Sie klang ehrlich empört. »Hast du denn gar nicht überlegt, dass das gefährlich sein könnte?« Goldauge wollte antworten, doch Florine gebot ihm mit einer knappen Flügelbewegung zu schweigen. »Das ist doch wirklich unmöglich von dir, Goldauge. Wie kannst du nur so bedenkenlos sein. Wenn der Himmel voll Feuerwerk ist, dann ist das wirklich nicht die Zeit für heitere Ausflüge! Wer so dumm ist, mitten in ein solches ...« Sie schaute auf die beiden jungen Mönche herab. »... wundervolles Spektakel hineinzuflattern, dem kann es nicht schaden, wenn er sich ein bisschen die Flügelspitzen verbrennt.«
»Die Flügelspitzen ist gut...«, warf Goldauge ein. »Die hätten mich beinahe komplett gegrillt da droben.«
»Ja, ist es nicht sagenhaft?«, fragte die Papageiendame, und Goldauge sah sie von der Seite an, als zweifele er endgültig an ihrem Verstand. »Die Pracht und diese Kraft. Ich habe so etwas Großartiges noch nie gesehen. Ihr seid wirklich die reinsten Feuerkünstler!«
Goldberg und Bleibtreu lächelten geschmeichelt, Goldauge seufzte und verdrehte die Augen, Florine aber klatschte, sehr vornehm und absolut ohne auch nur den geringsten Laut zu erzeugen, mit ihren Flügelspitzen und legte ihren Kopf etwas schief, wie sie es immer tat, wenn sie zum Ausdruck bringen wollte, dass sie etwas besonders schätzte. Dann wandte sie sich Goldauge zu und sagte: »Und was dich betrifft, du bist eben doch ein Feigling.«
Nun verstand Goldauge gar nichts mehr.
»Xenia!«, rief Marius aus, als er seine Base endlich in der Küche gefunden hatte. »Ist es dir oben auch zu laut geworden?«
»Zu laut? Nein.« Xenia schaute sich um, ob es etwas zu stibitzen gab. Emerald schob ihr auf der Arbeitsplatte einen in Fett gebackenen Apfelkringel hin und zwinkerte ihr zu.
»Danke«, nuschelte sie, während sie schon in das duftende Naschwerk biss. »Ich weiß nicht«, murmelte sie nach einer Weile. »Irgendwas stimmt nicht.«
»Was meinst du damit?« Marius schlenderte näher, um auch so ein süßes Teilchen zu schnorren, doch Emerald tat, als würde er ihn nicht sehen.
»Es liegt etwas in der Luft.«
»Das ist nur der Duft gebackener Apfelringe.«
Xenia verdrehte die Augen. »Das meine ich nicht. Ich meine, es liegt etwas Ungutes in der Luft.«
»Oh. Dann ist es vermutlich Emeralds Gemüffel. Er trägt immer noch die stinkenden Kerkerklamotten.«
»Die sind frisch gewaschen«, fuhr Emerald Marius an. Nachdem er ewig die Küche geputzt, neues Holz geholt und das Feuer mühsam wieder zum Brennen gebracht hatte, war er schnell auf seine Kammer gelaufen und in seine besten Kleider geschlüpft, das hieß, in die anderen, denn er hatte von jedem Teil nur zwei Stück.
»Vermutlich im Schonwaschgang«, tönte Ludovicos Stimme von der Tür her. Schonwaschgang, dachte Marius. Gutes Wort. Das würde er sich merken.
Emeralds Gesicht lief rot an. Doch noch ehe er dem Sohn des Herzogs etwas entgegnen konnte, mischte sich Don Basilico ein. »Hört auf, ihr Streithähne«, polterte er und schwang wenig überzeugend den Kochlöffel. »Es gibt genug hier in der Küche zu tun. Macht euch lieber nützlich.«
»Gerne, Don Basilico«, sagte Ludovico. »Aber zuerst muss ich Euch Meister Marius kurz entführen.«
»Meister Marius«, brummte der Koch. »Sind wir jetzt schon so weit, dass selbst die jüngsten Grünschnäbel Meister genannt werden?«
Doch Marius hörte das schon nicht mehr, weil Ludovico ihn bereits nach draußen gezogen hatte und mit ihm den Gang hinab Richtung Hof lief.
»Was ist denn los?«, fragte Marius und blinzelte in die schräg stehende Sonne. Die Tage wurden länger. Der Schnee war beinahe komplett weggeschmolzen, von der Seeseite her hörten die beiden Jungen Möwen kreischen, die ihre abendliche Runde drehten, um noch den einen oder anderen Fisch zu erbeuten. Das Lächeln war aus Ludovicos Gesicht verschwunden. »Ich habe Schwierigkeiten«, sagte er und blickte Marius ernst an. »Ziemlich große sogar.«
»Schwierigkeiten? Wieso? Was ist passiert?«
Ludovico schaute sich um, als dürfe niemand hören, was er zu sagen hatte. Er nahm Marius wieder am Arm und begann, mit ihm über den Hof zu schlendern. »Mein Vater will mich wegschicken«, raunte er.
»Wegschicken? Aber wieso? Und wohin?« Marius war verwirrt. »Du bist doch gerade erst heimgekehrt.«
»Na ja, genau genommen war ich ja schon ein paar Monate auf der Burg, ehe Crudo uns erwischt hat.«
»Dich hat er ja nicht erwischt«, verbesserte Marius. Er konnte es noch immer kaum fassen, dass Ludovico sich freiwillig in Gefahr begeben hatte, um sie alle aus den Fängen des Fieslings zu retten. »Und dass du der Sohn des Herzogs bist, das wusstest du vorher ja selbst noch nicht einmal. Keiner wusste es damals, als du als Küchenjunge hier auf der Burg gearbeitet hast. Na ja, von deinem Vater natürlich abgesehen ...«
»Egal. Jedenfalls kenne ich die Burg und weiß, was hier im Schilde geführt wird. Mein Vater meint, ich solle noch mehr lernen.«
Marius ging ein Licht auf. »Also schickt er dich zu seinem Bruder auf die Rabenburg?«
»Leider nicht. Das heißt: Vielleicht schickt er mich irgendwann auch dorthin. Aber jetzt will er mich erst einmal nach Faucas schicken.«
Marius blieb stehen. »Nach Faucas?« Faucas, das war die Hauptstadt des Fauconischen Reichs, eine große Stadt, in der ein echter König residierte, wenn er nicht mit seinem Hof durch die Weiten seines Reiches zog, um Gericht zu halten oder Kriege zu führen. »Und was sollst du da?«
»Ich soll das Handwerk des Regierens erlernen«, sagte Ludovico und sah mit einem Mal viel älter aus, als er war. »Am Hof von König Falk.«
Marius war sich nicht sicher, was das bedeutete, und murmelte nur: »Falk der Vierte.«
»Der Gerechte«, ergänzte Ludovico, reckte den Kopf und legte die Hände hinter dem Rücken zusammen, als wäre er schon jetzt Herzog vom Falkenhorst.
»Der Schreckliche«, verbesserte Marius.
»Der Schreckliche? Wieso das denn?«
»Nun, vermutlich hat sich das dort nicht herumgesprochen, wo du früher gelebt hast«, holte Marius aus. »Aber König Falk ist einer der gefährlichsten ...«
Da hallte ein Ruf über den Hof. »Marius Tyk! Ist hier irgendwo Marius Tyk?«
»Hier bin ich«, antwortete Marius dem Waffenknecht, der auf der Treppe des Palas erschienen war.
»Der Herzog wünscht Euch zu sprechen.«
»Und, hast du es ihm gesagt?«, fragte Florine und spreizte stolz ihr buntes Gefieder, das im von Fackeln erleuchteten Festsaal schimmerte wie das Geschmeide einer Königin.
»Hätte ich gerne«, entgegnete Meister Goldauge, während er sich sacht neben ihr auf einem der hohen Querbalken niederließ, die den fürstlichen Raum weit oben überspannten. »Doch der gnädige Herr ist nirgends aufzufinden.«
»Nun, er wird schon noch auftauchen.« Florine blickte auf die Festgesellschaft herab und musterte die Höflinge und Diener, die Großen des Reiches und die Knechte und Mägde. Die wichtigsten Getreuen des Herzogs und seines Bruders hatten die Tische am oberen Ende des Saals besetzt. Die niederen Leute saßen an langen Tischreihen, die sich beinahe über die gesamte Länge des Festsaals erstreckten. Vorn bei den Türen aber hatte der Herzog ungedeckte Tische und Bänke aufstellen lassen, an denen das einfache Volk mitfeiern durfte. Es war unschwer zu erkennen, dass das nicht jedem der feinen Herren gefiel. Und mancher machte sich sogar einen Spaß daraus, Männer und Frauen herumzubefehlen, denen er genau genommen nichts zu befehlen hatte. Und dennoch: Es war eine gute Stimmung auf der Burg. So gut, wie die Stimmung eben sein kann, wenn alle schlimmen Befürchtungen verflogen waren, wenn der Herrscher heil nach Hause zurückgekehrt war, wenn der Krieg abgewendet, ein gefährlicher Verschwörer verjagt, die drückenden Steuern nach langen Jahren endlich aufgehoben waren – und der Winter sich auf dem Rückzug befand.
»Es wird Frühling, Goldauge«, sagte Florine. »Man merkt es auch den Leuten an. Sie sind guter Laune wie lange nicht.«
»Sie hatten vorher aber auch nicht gerade Grund, ausgelassen zu sein«, widersprach Goldauge. »Frühling hin oder her.«
»Ich frage mich, wie sie sich verhalten werden, wenn sie erfahren, was du weißt.«
»Hm, das ist eine gute Frage. Ich weiß es nicht. Menschen sind unberechenbar.«
»Ja«, seufzte die Papageiendame. »Das sind sie.«
Xenias Wangen glühten. Sie wartete auf Marius. Obwohl sie sich ganz fest vorgenommen hatte, nie wieder an den Nägeln zu kauen, waren zwei ihrer Fingernägel angeknabbert, als er endlich kam. »Und?«, keuchte sie, als sei sie eben den halben Turm hochgelaufen. »Was hat der Herzog gesagt?«
Marius ließ sich auf sein Lager fallen. Er blickte sich im Zimmer um, und statt zu antworten, fragte er: »Hast du eine Ahnung, wo Meister Goldauge ist?«
Xenia zuckte die Schultern. »Nein. Vermutlich erzählt er Florine noch immer Heldensagen.«
Marius nickte und trank einen Schluck Wasser aus dem Krug, der am Kopfende des Strohsacks stand, auf dem er nächtens schlief.
»Nun sag schon«, drängelte Xenia.
»Ludovico hat dir also erzählt, dass der Herzog mich sprechen will?«
»Nicht nur das. Er hat mir auch von seiner Faucas-Mission erzählt. Ziemlich fies, finde ich, ihn jetzt, wo er doch gerade erst auf die Burg zurückgekehrt ist, gleich wieder in die Fremde zu schicken. Noch dazu allein.«
Marius lächelte unsicher. »Allein wird er nicht reisen.«
»Ach. Sondern?« Aber in dem Augenblick war es Xenia schon klar. Marius hätte es gar nicht sagen müssen: »Ich soll ihn begleiten.«
Das war es also gewesen. Das war dieses Unbestimmte, was sie den ganzen Tag über gespürt hatte. Das war das Ungute gewesen, was in der Luft gelegen hatte. Sie hatte es geahnt: Sie würde etwas verlieren, das ihr am Herzen lag. Etwas sehr Wichtiges. Nun wusste sie Bescheid, es waren Ludovico und Marius.
Nicht dass sie in Lucovico verliebt gewesen wäre. Nein, natürlich nicht. Ganz bestimmt nicht. Vermutlich nicht mal ein kleines bisschen. Aber sie mochte ihn schon sehr. Außerdem hatte er ihr Leben gerettet! Immerhin! Da musste sie ihn ja praktisch mögen. Wenn er nach Faucas ging, dann würde er ihr fehlen. Sie konnte sich das fast nicht vorstellen. Und sie wollte es sich auch nicht vorstellen. Aber wenn nun auch noch Marius ging? Ihr Vetter, der Junge, der sein Leben für sie riskiert hatte! Ihr bester Freund! Xenia wusste nicht, was sie sagen sollte. Sie musste schlucken. Und sie musste sich die Augenwinkel wischen, die plötzlich feucht waren.
»Du sollst mit nach Faucas«, presste sie schließlich hervor.
Marius nickte. »Ja. Ich soll einen Brief an den König überbringen.«
»Einen Brief an den König?« Das klang wichtig. Das klang nach einem Auftrag, den man nur dem besten und würdigsten Boten übertrug. Schon mischte sich eine Spur von Stolz in Xenias Enttäuschung. Und ein Fünkchen Hoffnung. »Das heißt, dass du nicht dort bleiben, sondern bald wieder zurückkommen wirst. Wie lange reist man nach Faucas?«
»Na ja, ich war auch noch nie da. Aber ich schätze mal, zwei Wochen werden es schon sein, vielleicht drei.« Er sah zu seiner Base auf. »Aber ich werde trotzdem nicht in sechs Wochen zurück sein.«
»Nicht?« Da war es wieder, das ungute Gefühl, die bedrückende Vorahnung, dass noch etwas Unschönes passieren würde.
»Sondern?«
»Sondern ich werde bei Ludovico bleiben. Der Herzog hat mich darum gebeten. Sein Sohn braucht einen Begleiter, einen Vertrauten, verstehst du?«
Xenia verstand, was Marius sagte. Sie verstand auch, was der Herzog wollte. Doch sie wollte nicht verstehen, warum das so sein sollte. Marius hatte dem Herzog das Leben gerettet, er hatte das Reich vor Krieg bewahrt, sie alle hatten ihm unendlich viel zu verdanken ... »Aber der Herzog verdankt dir so viel, Marius«, sagte sie.
Marius atmete tief durch. »Ja. Vermutlich denkt er das auch. Doch zu mir hat er offenbar das nötige Vertrauen.«
»Er könnte Golo mitschicken!«, sagte Xenia, weil ihr das gerade durch den Kopf schoss.
»Könnte er«, bestätigte Marius. »Aber Golo ist ein Hofnarr.«
»Ja und?«
»Und das heißt, dass niemand Golo ernst nimmt.«
»Entschuldige, Marius. Aber dich nehmen die in Faucas sicher auch nicht ernst. Die wissen ja nicht ...«
»Klar nehmen die mich vermutlich auch nicht ernst. Aber ich falle nicht so auf wie Golo.«
Das stimmte. Golo war schon eine besondere Erscheinung. Er war kaum größer als ein Zwerg, hatte einen ziemlich großen Kopf, riesige Augen, lange Arme und spindeldürre Beine, mit denen er Kunststücke vollführen konnte wie sonst kein Mensch auf dieser Welt. Anfangs hatte sich Marius sogar gefragt, ob der seltsame Hofnarr mit dem etwas heimtückischen Aussehen überhaupt ein Mensch war. Doch inzwischen wusste er, dass er nicht nur ein Mensch, sondern auch noch einer der besten Freunde war, die man haben konnte. »Wenigstens habe ich Goldauge dabei.«
»Falls er wieder auftaucht«, sagte Xenia.
»Ach, sicher. Ich denke, er ist ganz froh, wenn er nichts mit dem Trubel zu tun hat, der überall auf der Burg herrscht. Er liebt große Menschenansammlungen nicht besonders. Außerdem kann man nie sicher sein, ob nicht doch ein Rabenfresser unter den Leuten ist.«
»Rabenfresser?« Xenia lachte. »Du glaubst doch nicht im Ernst, dass irgendjemand Raben essen würde.«
Nun war es Marius, der lachte. »Rabenfresser nennen wir Menschen, die etwas gegen die Raben haben. Du weißt doch sicher, dass Raben manchen Menschen als Unglücksvögel gelten, als Boten des Todes und ...«
»Schon klar«, unterbrach ihn Xenia, »das weiß ich natürlich. Ich bin schließlich die Enkeltochter unserer Großmutter.«
Und das stimmte, denn Xenia war wie Marius ein Enkelkind von Zussa, die zwar weithin als Hexe galt, aber eine kluge Frau mit besonderen Fähigkeiten war. Marius konnte sich noch gut erinnern, wie er sie zum ersten Mal gesehen hatte. Er bekam heute noch eine Gänsehaut, wenn er daran dachte, wie sie ihn damals »Rabenfreund« genannt hatte.
»Und nun?«, fragte Xenia.
»Nichts und nun«, beschied sie Marius. »Es ist, wie es ist, ich werde morgen nach Faucas aufbrechen und Ludovico dorthin begleiten, damit er lernt, wie man ein Königreich führt.«
»Obwohl er doch nur Herzog werden wird?«
»Obwohl er doch nur Herzog werden wird.«
»Könnt Ihr mir den Brief heute Nacht noch zum Siegeln bringen?«
»Gewiss, mein Herzog, gewiss.« Horatius Tyk steckte die Wachstafel weg, auf die er mit einem Silberstift des Herzogs Botschaft geritzt hatte, um sie anschließend in seinem Skriptorium mit Feder und Tinte kunstvoll auf ein Pergament zu übertragen. Er schwieg eine Weile. Der Herzog, der während des Diktats auf und ab gegangen war, blieb stehen und blickte zu dem alten Mann. »Ist noch etwas?«
»Nichts, mein Herzog, nichts«, versicherte ihm Horatius Tyk und erhob sich mühsam von seinem Schreibschemel. »Aber seid Ihr sicher, dass Ihr das Schreiben so abschicken wollt?«
»Was sollte dagegen sprechen, Horatius? Ich habe es mir reiflich überlegt.« Der Herzog, selbst kein junger Mann mehr, aber doch lange noch nicht so alt wie der gebrechliche Schreiber, zog eine Augenbraue hoch und musterte seinen Sekretär mit eher unüblicher Strenge.
»Wirklich?«, fragte der Greis und sah dem Herzog direkt in die Augen. »Habt Ihr das, mein Herzog? Reiflich? Wir sind erst seit wenigen Tagen auf der Burg angelangt...«
»Ihr vergesst, Horatius, dass wir tagelang gemeinsam im Dunkeln in Crudberts Kerker saßen. Zeit genug, sich zu überlegen, was man tun will, falls man dieses üble Loch lebend verlässt. Ihr müsstet das am besten wissen, schließlich habt Ihr selbst Jahre im Kerker meines Bruders zubringen müssen.«
Horatius Tyk nickte bedächtig. »Da gebe ich Euch recht, mein Herzog. In der Tat. Und doch: Was kann Euer Sohn in Faucas an wichtigen Dingen lernen, die er unter Eurer Obhut nicht lernen kann?«
Herzog Friedbert setzte sich auf den prächtigen Sessel, der neben seinem Bett stand. »Ihr wart zu lange nicht in dieser Welt, Horatius. Es hat sich viel verändert. Glaubt nicht, ich wüsste nicht, was Euch umtreibt.« Aus einem Krug auf einem Tischchen schenkte der Herzog Wein in zwei Becher und reichte den einen seinem Schreiber, der ihn mit leichter Verbeugung entgegennahm, jedoch nicht sogleich an die Lippen führte. »Aber Faucas ist nicht mehr das kriegerische Reich von einst. König Falk hat Frieden mit den umliegenden Reichen geschlossen.«
»Einen Frieden zu seinen Bedingungen«, warf Horatius Tyk ein. »Immerhin einen Frieden. Und er ist zum Wohle aller. Denn der Handel im Fauconischen Reich blüht – und also auch der aller umliegenden Ländereien. Faucas zieht Handwerker und Gelehrte an, Künstler und tüchtige Menschen aller Gewerke! Die Stadt und das Reich werden immer reicher und mächtiger. Und jedes Stück Gold, das den Weg nach Faucas findet, zieht ein weiteres Goldstück nach sich.« Der Herzog nahm einen Schluck von seinem Wein und nickte, als müsse er sich selbst zustimmen. »Aber es ist nicht nur der Wohlstand, den der König zu mehren versteht, er stärkt auch das Recht! Er hat Gesetze erlassen und Büttel beauftragt, über die Einhaltung dieser Gesetze zu wachen. Ein jeder Mensch in Faucas kann sich darauf verlassen, dass es Regeln gibt und dass sich alle an diese Regeln halten.«
»Er tyrannisiert seine Untertanen mit Regelungen und Auflagen. Er erinnert mich an Crudbert von Wrunkenstein, Euren ehemaligen Kriegsminister ...«
Herzog Friedbert hob eine Hand und gebot seinem Schreiber zu schweigen. »Sagt das nicht, Horatius. König Falk mag einst unser Feind gewesen sein. Aber er ist ein kluger Herrscher und umsichtiger Förderer des Handels, der Künste und der Wissenschaft.«
»Des Handels«, murmelte Horatius Tyk und stellte seinen Becher zur Seite. »Ihr habt sicher recht, mein Herzog.« Er seufzte. »Und ich kann Euch verstehen. Ihr wollt, dass Euer Sohn ein kluger und umsichtiger Herrscher in Eurem Reich wird. Vermutlich ist es richtig, ihn in die Welt hinaus zu schicken und andere Arten des Regierens kennenlernen zu lassen. Und Ihr tut wohl daran, ihm einen Gefährten an die Seite zu stellen.« Bei diesen Worten spürte er, wie es seinem Herzen einen Stich versetzte.
»Danke, dass Ihr das sagt, Horatius. Ich weiß es zu schätzen, vor allem, weil ich weiß, wie schwer Euch die Trennung von Eurem Enkel fallen muss. Doch auch für ihn wird es lehrreich sein, eine moderne Stadt kennenzulernen und die Gepflogenheiten an einem anderen Hof zu studieren.« Der Herzog erhob sich von seinem Sessel und ging auf den Greis zu, dessen langer, weißer Bart im Licht des Kaminfeuers leuchtete. »Ihr seid ein guter Mann, Horatius«, sagte er und legte ihm eine Hand auf die Schulter. »Ich danke Euch für Eure Treue und Euren guten Rat. Und ich bin froh, dass Ihr mich unterstützt und meinen Plan gutheißt.«
»Ja, mein Herzog«, presste Horatius Tyk mühsam hervor und wandte sich dann ab, um die Kemenate zu verlassen. »Aber Ihr dürft König Falk nicht vertrauen«, murmelte er noch leise. »Er hat Krieg gegen den Rabenwald geführt.«
Das Auge, das den Herzog und seinen Schreiber durch ein Loch in den Deckenplanken beobachtet hatte, zog sich zurück. Was für ein dummer und gefährlicher Plan! Leise huschte der unbekannte Lauscher über den leeren Speicher, zwängte sich durch eine schmale Öffnung und kletterte an der Außenseite der Mauer, die steil zum Meer hin abfiel, hinunter, um sich schließlich unten unbemerkt durch eines der Fenster des Dienstbotenhauses zu zwängen. Flinken Fußes flitzte die Gestalt durch die Gänge und ward, im Schatten der mächtigen Wände kaum zu sehen, selbst für jene nicht, die direkt an ihm vorbeiliefen. Es war nicht viel los in diesem Teil der Burg: Die einen feierten noch im großen Festsaal, die anderen bedienten sie. So kam es, dass die Schattengestalt unbemerkt bis hinüber zum hohen Turm kam und diesen mit geübten Bewegungen erklomm, die Außenmauer entlanghuschte wie ein Reptil und doch beinahe wie ein Mensch. Allerdings hatte dieser sehr lange Arme und Beine und einen ziemlich großen Kopf und außerdem riesige Augen, die im Übrigen auch im Dunkeln so gut wie alles sehen konnten.
Wenig später glitt der Schatten durch ein Fenster im Turm und ließ sich beinahe lautlos auf den Boden fallen, wo er auf einer dunklen, alten Truhe zu sitzen kam. Jetzt musste er nur noch warten, bis Marius erwachte.
Wilde Träume hatten Marius durch den Rest der Nacht gejagt. Darin war er von rabenschwarzen Drachenzwergen verfolgt worden und hatte gleichzeitig verzweifelt versucht, den Brief unter seiner Mütze festzuhalten. Der aber hatte sich in ein weißes Huhn verwandelt und versuchte sich ständig freizustrampeln und ihn dabei mit seinen Federn im Ohr zu kitzeln, sodass er immer wieder lachen musste und dabei Tränen in den Augen hatte und gar nichts mehr sehen konnte. Und immerzu hatte Marius die tiefe und drohende Stimme gehört: »Man kann nie sicher sein, ob nicht doch ein Rabenfresser darunter ist.«
Die rabenschwarzen Drachenzwerge riefen zwischen den Flammenstößen unablässig: »F-F-F ... Feuer!«, und kamen dabei immer näher. Und jedes Mal, wenn ein Flammenstoß ihn schon fast berührte, fiel ein weiteres Feuerwerk vom Himmel und versperrte den Drachen, einem dichten Schneetreiben gleich, die Sicht, sodass Marius immer wieder ein wenig Vorsprung bekommen hatte.
So ging das einen langen, schrecklichen Traum lang, bis er, die Lippen noch geöffnet und von seinem eigenen irren Lachen erschrocken, die Hände auf dem Kopf verkrallt, aus dem Schlaf hochfuhr. In den Händen hatte er natürlich kein weißes Huhn, sondern seine wild verstrubbelten Haare. Und kein rabenschwarzer Drachenzwerg hatte ihn mit flammendem Atem angefaucht, wohl aber eine Gestalt, die ihn jetzt mit großen Augen und breitem Grinsen anstarrte.
»Hahaha – aaaaah!«, machte Marius. Sein Lachen ging unmittelbar in einen Schreckensschrei über, ehe er den Eindringling erkannte, der da in seiner dunklen Kammer direkt vor ihm saß und ihn mit seinem alles andere als frischen Atem anschnaufte.
»Golo! Was machst du hier?«
»Na, das nenne ich mal eine nette Begrüßung«, sagte der Hofnarr und rückte ein Stück weg, die Arme wie einen Zopf vor der Brust verknotend.
»Entschuldige«, murmelte Marius. »Du hast mich erschreckt.«
»Ich habe dir nur ein bisschen beim Träumen zugesehen.«
»Eben. Das hat dem Traum so etwas ... Wirkliches gegeben ...« Marius musste an den Feueratem der Drachen denken und erschauderte. »Tut mir leid.«
»Schon gut«, sagte Golo und schlug nun auch noch die Beine mehrfach übereinander, sodass er beinahe aussah wie ein Kringel aus Don Basilicos Backofen. »Ich wollte nur mal sehen, wie es dir so geht.«
»Gut. Danke.« Marius räusperte sich. »Ich habe geschlafen.« Der Freund hätte ja nun durchaus zu einer passenderen Zeit kommen können als mitten in der Nacht, dachte er. Es sei denn ... »Sag mal«, forschte Marius, »das ist doch nicht der einzige Grund, warum du hier bist, oder?«
Golo wackelte bedeutungsvoll mit seinen riesigen Augenbrauen. Seine Augen schimmerten im durch das kleine Fenster hereinfallenden Mondlicht. »Nein«, sagte er und grinste, dass Marius seine gelben Zähne aufblitzen sehen konnte. »Abgesehen davon, dachte ich, dass ich dir vielleicht etwas erzählen könnte.«
»Und das wäre?« Marius richtete sich endlich ganz auf und tappte im Halbdunkel nach dem Wasserkrug.
»Vorsicht«, warnte Golo. »Besser du trinkst nicht daraus.«
»Nicht?« Marius schaute den Krug unsicher an. »Meinst du, jemand könnte mir ein Schlafmittel hineingetan haben?«
Golo wiegte den Kopf und gab einen eher unverständlichen Laut von sich.
»Oder etwas Schlimmeres?«
»Nein, nein«, sagte Golo beschwichtigend. »Es ist nur ...«
»Es ist nur was?«
»Na ja.« Der Hofnarr grinste noch etwas breiter. »Ich musste mal dringend wohin. Aber es war doch gerade so spannend mit dir und deinem Traum.«
Angewidert zog Marius die Hand zurück und rückte von dem Krug ab. Er blickte den Hofnarren von der Seite an. Was für ein seltsamer Kerl Golo doch war. Marius konnte sich noch gut erinnern, wie er ihn das erste Mal gesehen hatte – das war ebenfalls am Ende eines traumreichen Schlafs gewesen und Golo hatte ihn auch damals fast zu Tode erschreckt. »Was wolltest du mir also erzählen?«, fragte er und wunderte sich, wie hell die Augen seines Freundes im fahlen Mondlicht glänzten.
»Ich habe zufällig ein Gespräch zwischen dem Herzog und deinem Großvater mitbekommen.«
»Zufällig.«
»Zufällig, ja.« Golo räusperte sich. »Jedenfalls so gut wie zufällig.«
»So gut wie zufällig gibt es nicht, Golo. Du hast sie belauscht.«
»Ach was. Ich habe sie doch nicht belauscht. Jedenfalls fast nicht.«
»Fast nicht gibt es auch nicht...«
»Hör mal, bist du jetzt unter die Advokaten gegangen? Ich kann meine Geschichte auch für mich behalten.«
»Schon gut, schon gut«, beschwichtigte Marius den zwergenhaften Mann mit den langen Armen und Beinen und mit der bemerkenswert großen Nase. »Erzähl bitte.«
»Also gut.« Golo entwirrte seine Arme und Beine wieder und nahm eine bequemere Stellung ein, jedenfalls eine für ihn bequemere: Er zog die Füße an und legte den Kopf darauf. Marius schüttelte sich. Das sah beinahe aus, als hätte man den Hofnarren geköpft und sein Haupt zwischen seine Beine gelegt. »Die beiden haben sich über eine bevorstehende Reise unterhalten.«
»Wer will denn verreisen?«, fragte Marius neugierig.
»Du.«
»Ach, das weiß ich schon.«
»Du weißt es schon? Warum hast du mir nichts davon gesagt?«
»Wollte ich!«, versicherte Marius. »Aber ich konnte dich nirgends finden.«
»Mich nicht finden? Wer mich finden will, findet mich immer! Außer wenn ich nicht gefunden werden will, das weißt du doch.«
»Tja«, sagte Marius. »Diesmal hat es halt leider nicht geklappt.«
»Hm. Also du weißt bereits, dass sie dich nach Faucas schicken wollen?« Marius nickte. »Na, dann brauche ich eigentlich nichts mehr zu sagen.« Golo hob den Kopf wieder und sah etwas pikiert aus. Offenbar hatte er erwartet, großartige Neuigkeiten zu überbringen, und musste nun feststellen, dass es durchweg altes Geschwätz war, dessentwegen er Marius aufgesucht hatte.
»Ähm, vielleicht weißt du ja mehr als ich?«, versuchte Marius Neugier zu heucheln. Und als Golo nur mit den Schultern zuckte, schob er hinterher: »Du bist doch immer derjenige von allen, der am allermeisten weiß!«
»Ja. Schon.« Der Narr wackelte mit dem Kopf, wie er es gerne machte, wenn er sich geschmeichelt fühlte. »Dass dein Großvater nicht begeistert ist, kannst du dir vorstellen.«
»Klar. Da haben wir uns endlich nach vielen Jahren gefunden – und dann soll ich gleich wieder aufbrechen nach Faucas. Wer weiß, ob wir uns jemals wiedersehen werden.« Marius seufzte und rappelte sich auf. »Ich werde vermutlich Jahre weg sein. Keiner weiß, ob ich zwischendurch ab und zu mal nach Hause kommen kann.«
Golo musste ein bisschen lächeln, als er hörte, wie Marius die Burg als sein Zuhause bezeichnete. Bis vor Kurzem hatte sein Freund in dem Örtchen Toss gelebt, das wohl zwei Tagesmärsche entfernt lag. »Das kannst du bestimmt«, bestärkte er ihn. »Und das wird deinen Großvater auch beruhigen.« Golo nestelte sich etwas aus dem Haar und zerdrückte es zwischen seinen langen Fingernägeln, ehe er es sich in den Mund schob und zwischen seinen schiefen Zähnen zermalmte.
